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1. Juli 2015

Thom Delißen, Die Gedanken des Friedwart Pies




Es ist mir ein Bedürfnis, das Buch "Die Gedanken des Friedwart Pies"des Autors Thom Delißen vorzustellen. 

Es handelt sich um einen Erzählband, in dem es oft sehr hart und ernsthaft, dann wieder mit einem gewissen Augenzwinkern oder fantastischen Zukunftsperspektiven immer um ein großes Thema geht: Was macht der Mensch nur mit der Welt, die ihm anvertraut wurde? 

Geschichten, die ich sehr empfehle.




Leseprobe:

Der Mann und das Bild

Es begann, gleich allem auf dieser Erde, aufgrund schier unergründlichen Ratschlusses.
Jedenfalls betrachtete der Mann eines Abends bei einer Flasche ausgezeichneten Rotweins die Wand seines Wohnzimmers, kam zu der Überzeugung, hier fehlte etwas. Er begann nachzudenken, imaginierte die verschiedensten Szenarien. Eine Landschaft mit röhrendem Hirsch?
Bei dieser obskuren Idee lächelte er. Ein Kandinsky unter Umständen? Surrealität in den trockenen Alltag? Irrealität? Oder einen melancholischen Van Gogh? Einen Van Dyck. Ja. Ein mächtiges Schiff im Sturm, meterhohe Wellen, zum Bersten geblähte Segel, wolkenverhangener, ungewisser Horizont.
Er verwarf die Idee. Zu dramatisch. Eine Wüste? Er erinnerte faszinierende Dünenbilder aus der Sahara. Einen Südseestrand? Halbbedeckte, braune Schönheiten? Gauguin? Oder eine Fototapete? Als er so mit seinen Gedanken auf der Suche nach einem geeigneten Motiv auf Reisen ging, traf ihn die entscheidende Erkenntnis.
Eine Weltkarte sollte es sein! Ein unschlagbares Motiv, über alles erhaben.

Der Mann pflegte Vorhaben zügig durchzuführen. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, bei dem er die Wand im Wohnzimmer missbilligend ansah, fand man ihn in einem Poster-Shop in der Innenstadt. Die Bilder jedoch, die ihm eine junge Verkäuferin zeigte, fanden seine Zustimmung nicht. Da schillerte der Planet blau im Weltall, zeigten auf anderen Abbildungen bunte Striche Staatsgrenzen an. Überhaupt nicht das, was dem Mann vorschwebte.
Er verließ das Geschäft, spazierte ziellos durch die Gassen, auf der Suche nach einem anderen Ort, an dem er ein Bildnis finden könnte, die Wand in seiner Wohnung zu verzieren.
In einer verwahrlost anmutenden Straße fiel ihm ein verwaschenes Reklameschild auf. „Die Alternative“ stand da. „Das Wandtattoo“. Der Mann hatte von Tattoos gehört, sie gesehen. Er verband das Wort mit Ankern, von Amors Pfeil durchbohrten Herzen, Knast-Tränen. Was um Himmels Willen aber stellte ein Wandtattoo dar?
Das Portal des kleinen Ladens mit dem verstaubten Schaufenster lag unterhalb des Bürgersteiges. Etliche Stufen, alt, brüchig, führten hinunter.
Die Glastür öffnete sich quietschend, setzte ein schepperndes Glockenspiel in Gang. Der exotische Geruch, der dem Mann entgegenschlug, hätte in einen Gewürzladen gepasst. Im Inneren des Geschäftes erkannte er eine ungeahnte Zahl Regale, in denen in einzelnen Fächern Papierrollen lagen.
Ob der seltsamen Atmosphäre unsicher, verwirrt, schloss der Mann die Tür hinter sich. Erneut ertönten klimpernd die Glöckchen. Zwischen den Reihen tauchte ein Greis auf. Seinen von schütteren Haaren gerahmten Schädel bedeckte ein kleines jüdisches Käppi, er ging humpelnd, die Augen hinter der dicken Hornbrille wirkten in der Vergrößerung wie die einer Eule.
Der Alte vollzog eine altmodische Verbeugung, flüsterte mit hoher Fistelstimme: „Guten Tag. Guten Tag. Womit kann ich dienen? Womit kann ich dienen?“
„Was ist ein Wandtattoo?“, fragte der Mann.
Der Greis kicherte. Sabber rann ihm aus dem linken Mundwinkel, den er mit einem rosafarbenen Taschentuch, das er in der Hand hielt, wegwischte.
„Will er wissen ...“
Seltsam klingendes Glucksen.
„Etwas sehr … „ er suchte ganz offensichtlich nach dem richtigen Wort, „Besonderes. Gewiss. Ja.“ Der Kahlköpfige wedelte mit dem Schnäuztuch. „Ein Bild. Man bringt es direkt auf die Wand auf, nech? Ganz wie eine Tätowierung. Eine Tätowierung. Ja, man arbeitet sie auf die Oberfläche der Wand ein. Auf die Oberfläche der Wand.“ Er schniefte. „Wunderschön. Wunderschön.“
„Haben Sie auch die Erde da?“
„Oh! Ich besitze die Erde. Ich habe die Erde. Gewiss. Die Erde habe ich. Ja.“
Er wischte unnötigerweise über seinen Mund. „Die Frage ist … nun gut. Sie sind hier.“
Bei diesen Worten sah er den Mann mit einer solch offensichtlichen Missbilligung an, dass der einen Augenblick überlegte, die Situation zu verlassen, auf die Straße zu flüchten.
Der kleine alte Greis mit dem Käppi schien das zu bemerken. „Warten Sie, warten Sie. Werde mal sehen. Werde mal sehen.“ Den Fuß nachziehend verschwand er in den Hintergrund.

Dem Mann blieb gerade genug Zeit, sich über die seltsamen, kabbalistisch anmutenden Masken an der freien Wandfläche zu seiner Rechten zu wundern, da kehrte der Gnom bereits zurück, vor der Brust einen ganzen Stapel Rollen.
Er lud sein Bündel auf einem Tisch in der Raummitte ab, winkte den Mann mit einer fledermausartigen Bewegung seines Armes heran. Der trat zögernd näher, dabei beobachtete er, wie der Ladenbesitzer eine, ein wenig kleinere Rolle von den anderen separierte, ganz offensichtlich verbergen wollte.
Bild um Bild, Folie für Folie beäugte er nun die vorgeführte Auswahl, doch keines der Wandtattoos wollte ihm wirklich gefallen. Eindrucksvolle Abbildungen zeigte ihm der Alte.
Die Erde, wie man sie im 14. Jahrhundert betrachtete, der Globus als flache Scheibe unter einem Himmelsgewölbe. Politische Landkarten aus den verschiedensten Epochen. Als der alte Herr mit dem Käppi dem Mann ein Weltbild der alten Griechen, ein perspektivisches Gemälde des Piero della Francesca entrollte, huschte einen Moment lang ein Lächeln über das lederne Gesicht. Der Mann vermeinte ihn Ähnliches wie „feiner alter Herr war das“, murmeln zu hören, tat das jedoch als pure Einbildung ab.
Man hatte endlich alle Rollen durchgesehen, da wies der Mann auf ein Ende der etwas kleineren Hülle, die, mittlerweile nahezu völlig unter den bereits gesichteten Rollen begrabenen lag.
„Vielleicht ist dies die Richtige?“
Der Jude wand sich in seinem Innersten.
„Je nun.“ Verzweiflung stand in seinen Augen, als er den Mann anblickte, mit zitternden Händen das zusammengerollte Folienbild griff.
„Sie möchten es sehen?“
„Ja“, sagte der Mann entschlossen. „Ich will es sehen.“
Der alte Herr nahm aufgewühlt seine Brille ab, breitete das Bild auf dem Tisch aus. Eine Abbildung der Erde, leibhaftig, schier zum Greifen, entfaltete sich.
Erneut sah der jüdische Händler den Mann mit schief gelegtem Kopf an. Er seufzte.
„Natürlich möchten Sie es käuflich erwerben?“

Das Tattoo von der Folie auf die Wand zu transportieren, erwies sich wesentlich schwieriger, als der Mann gedacht hatte.
Nachdem er die Wandfläche mit einem gefundenen Rest weißer Farbe grundiert, über die Nacht trocknen ließ, galt es, das Tattoo vollständig auf die obere Folienschicht zu massieren. Immer wieder wollten kleine Inseln, ganze Landstriche, ja Kontinente, nicht den Gesetzen der Adhäsion folgen. Eine mühsame Aufgabe. Tatsächlich war der Mann nach zwei Stunden Schwerstarbeit schweißnass. Dicke, salzige Tropfen fielen auf Südamerika, Indien, auch Neuseeland.
Dann, beinahe ließ ihn das Ereignis aufgeben, passierte das Unglück. Um die längliche Folie von zwei Seiten zu erreichen, versuchte der Mann die Hälfte der mittleren Folie, die er bereits bearbeitet hatte, mit einer Schere abzutrennen. Die Fixierung löste sich, die untere Hälfte mit Nordamerika, Alaska, dem Pol, klebte mit einem Teil Atlantik zusammen. Als der Mann, zutiefst erschüttert, entsetzt, die aneinander klebenden Teile löste, erkannte er, dass Devon-Island, ein Stück der Erde, nahezu der Größe Frankreichs, verschwunden war. Nahe daran aufzugeben, pausierte er, trank eine Tasse Tee.
Nach weiteren drei Stunden Arbeit zierte die Wand ein Abbild der Erde, wie es plastischer nicht hätte sein können. Ganz erstaunlich, gaben die Unebenheiten der Wandfläche, auf die der Mann das Bild appliziert hatte, die Gebirgszüge des Globus wieder. Da erkannte man deutlich den Himalaja, die Pyrenäen. Die Anden, die Alpen. Die Appalachen, die Eliaskette in Kanada.

Der nächste Morgen brachte Ungeheuerliches. Gerade bewunderte der Mann noch sein Wandtattoo, goss einen Kaffee ein, setzte sich an den kleinen Küchentisch, als aus dem Radiowecker die nervöse Stimme einer Nachrichtensprecherin erklang.
„Wie bereits mehrfach gemeldet, ist die Insel Devon-Island in Kanada, eine der größten unbewohnten Inseln der Welt, von der Landkarte verschwunden. Die Wissenschaft fand bisher keine Erklärung für das ungewöhnliche Ereignis. Anzeichen für ein Erdbeben, einen Vulkanausbruch oder ähnliches habe es nie gegeben, so ein Sprecher der Vereinten Nationen. Die Vermutungen über die Ursache überschlagen sich.“
Der Mann schaltete das Radio aus. Erstarrt saß er, die Kaffeetasse in Brusthöhe, überlegte. Lächelte, lachte.
Er stand auf, trat mit der Tasse in der Hand vor das Abbild der Erde im Wohnzimmer.
„Nein!“ rief er. „So ein Blödsinn!“

Auch der Greis mit den Klumpfuß in dem kleinen Geschäft in der Innenstadt hörte an diesem Morgen die Nachrichten.
„Elender Dilettant!“, brummte er grimmig. „Unbewohnte Insel!“
Natürlich verfolgte er den Tattoo-Käufer bis an dessen Haustür, er wusste, wo jenes wertvolle Abbild der Erde jetzt zu finden war. Auch er setzte sich an seinen Küchentisch, überlegte bei einer Tasse schwarzen Tees. Schließlich griff er entschlossen nach Hut, Mantel, einen Spazierstock mit silbernem Knauf, um kurz darauf am Rathaus der Stadt aus einem Taxi zu steigen, zielstrebig das Büro des Leiters des Baureferates der Stadt, Egon Geldaug, der auch zuständig für Abrisse war, anzusteuern.
Er verließ dessen Zimmer eine Viertelstunde später, ein triumphierendes Grinsen im Gesicht. Geldaug dagegen hinter seinem Ebenholzschreibtisch rieb sich die Hände, verwahrte den Scheck in Millionenhöhe sorgfältig in seiner Jacketttasche.

Der Mann saß, ganz gegen seine Gewohnheit um diese frühe Stunde, mit einer gerade geöffneten Flasche Rotwein auf dem Sofa vor dem Tattoo. Für das, was er plante, schien notwendig, sich Mut anzutrinken. Er zweifelte. Seine eigene Auffassung vermochte nicht, ihn zu überzeugen. Angestrengt suchte er die Karte nach einer winzigen Insel ab, doch der Maßstab der Karte, so überlegte er, konnte lediglich größere Landmassen abbilden.
Nachdem er die Flasche zur Gänze geleert, eine zweite geöffnet hatte, schabte er mit einem Messer zitternd ein winziges Stück Eiland in der Mitte des Südpazifiks zwischen Australien und Südamerika ab. Betäubt von der großen Menge Alkohols schlief er auf der Couch ein.
Nach dem Erwachen, etliche Stunden später, wartete er voller Ungeduld die Nachrichten ab, suchte in der Zwischenzeit auf allen verfügbaren Kanälen seines Fernsehers nach Neuigkeiten. Er wünschte, einen Computer zu besitzen. Im Internet fand man die neusten Informationen! Je weiter der Tag fortschritt, desto ruhiger, gelassener zeigte sich das Befinden des Mannes. Denn nichts deutete daraufhin, dass die unsinnige Ahnung, seine Karte hätte mit dem Verschwinden von Devon-Island zu tun, der Wirklichkeit entspräche.
Er entschied, einen Spaziergang in den nahegelegenen Park zu unternehmen. Während er dem Kiesweg durch die Waldungen folgte, tief den Duft der Kiefern einatmete, die unzähligen Vögel zwitschern hörte, die Gräser im Frühlingswind sich biegen sah, empfand er ein ungeheuer starkes Gefühl, nicht wirklich einzuordnen.
Wunderbar, jedenfalls. Alles so voller Liebe, Fülle, so … lebendig … vielfältig … Die Worte fehlten. In dieses Empfinden hinein drängte der Gedanke, welche Möglichkeiten ihm gegeben wären, würde die Fantasterei, welche da in seinem Kopf spukte, tatsächlich einer Realität entsprechen.
Der Mann beschloss, erst einmal zu frühstücken. Nüchtern zu werden. Die Bäckerei lag nur einen Steinwurf entfernt auf dem Weg zu seinem kleinen, viereckigen Bungalow, zwischen mehrstöckigen Reihenhäusern.
Die Verkäuferin grüßte ihn freundlich wie stets, bediente jedoch lediglich nebenbei, nachdem sie ihn mit einem „Wie immer?“ abnickte. Der Grund ihr angeregtes Gespräch mit einer Nachbarsfrau in den Dreißigern.
Während er auf seine Semmeln wartete, hörte er, teilweise übertüncht von der altmodischen Thekenkühlung, etliche Satzfetzen.
„ … im Meer. Einfach so.“
„ … Atlantis ...“
„ ... jeden Tag passieren ...“
Der Verkäuferin fiel das leichenblasse Gesicht des Mannes auf, als sie ihm die Brötchen in einer Papiertüte reichte.
„Geht’s Ihnen gut, Herr …? Soll ich den Arzt holen? Sie sind ja ganz weiß, um Gottes Willen!“
Der Mann winkte nur schwach ab, verließ den Laden.

In seinem Bungalow angekommen, setzte er sich erneut vor das Wandbild, glotzte es fasziniert an, griff die Weinflasche, nahm einen kräftigen Schluck.
„Du spinnst!“
Er schaltete kurz den Fernseher ein. Quer über den unteren Bildrand lief eine Schrift. „Sondermeldung“. Dahinter:
„Nach Devon-Island auch Insel im Südpazifik auf rätselhafte Weise verschwunden“.
Er lehnte sich zurück, lachte, bis ihn die Schmerzen in den Bauchmuskeln zu einem Ende bewegten. Nach einer kurzen Pause der Überlegung stand er auf, holte aus einer Schublade seines Schreibtisches einen grünen Farbstift, schraffierte eine gute Fläche der arabischen Halbinsel. Gerade bei der Sache, grünte er weitere große Teile Afrikas ein. Einen kleinen Witz erlaubte sich der Mann, als er in der Antarktis einen großen grünen Punkt aufbrachte.

Die Medien tobten. Da hörte man von einem neuen Paradies Erde, die Außerirdischen brachte man ins Spiel, die Oberhäupter sämtlicher Religionsgemeinschaften proklamierten die plötzliche Fruchtbarkeit in vorher vertrockneten Wüstenzonen, den Anbau von Orangen innerhalb einer grünen, angenehm temperierten Oase der Polregion, für ihren Erlöser. Man sprach von einer neuen Ära.
Der Mann jedoch begriff, welch ungeheurer Einfluss ihm da verliehen war. Bei richtigem Hinsehen, so überlegte er, könne er sich ohne Weiteres als der Gott dieser Welt bezeichnen. Wie mit einer solchen Fülle an Macht umgehen? Wie handeln? Was tun? Noch etwas: Wenn er sich mit dem Besitz der Karte als Gott fühlte, was mit dem Voreigentümer? War der Gott? Oder der Teufel? Er wusste von einem alten Märchen, in dem der Teufel das Werkzeug zur Macht auf Erden auch immer irgendwie den Menschen anbieten musste. Doch er wischte den Gedanken weg.
Nach einer schlaflosen Nacht fokussierte sein Denken. „Frieden“ entschied er, sei das Allerwichtigste. Doch das Wort „Frieden“ erkannte er als zu vage. Es implizierte trotz allem eine dualistische Haltung.
Frieden machte zwei Seiten notwendig. Er hatte weiterhin nachgedacht, kam zu dem Schluss, die Voraussetzung für Frieden sei Liebe. Liebe, so wurde ihm klar, kommt ohne Reflexion aus. Liebe benötigt keinen Dualismus.
So bereitete er denn gegen vier Uhr morgens ein opulentes Frühstück, begann anschließend aus Stecknadeln und kleinen Stückchen Pappkarton Fahnen zu basteln, für jedes Land der Erde eine. Auf die winzigen Fähnchen schrieb er mit rotem Filzstift das Wort „Liebe“. Er benötigte eine ganze Weile. Erst gegen acht Uhr morgens beendete er befriedigt seine Bastelarbeit. Die Fähnchen lagen in einer Reihe auf dem Tisch vor der Weltkarte.

Der Leiter der Baustellencrew des Unternehmens Terra Form, Otto Letztwei, ein korpulenter Mann Mitte fünfzig, teilte zu dieser Zeit gerade seine Mitarbeiter für die verschiedenen Jobs des Tages ein. Einen Auftrag jedoch, den er heute Morgen in der Liste gefunden hatte, würde er selber übernehmen, die satte Prämie, die damit verbunden war, kassieren.
Sorgfältig, liebevoll, behutsam spickte der Mann den Erdball mit den kleinen Fahnen der Liebe. Liebe für den Sudan, für Palästina, für die Ukraine, den Kongo. Zuneigung, Verständnis in Venezuela und Kolumbien, in China und Russland, in Europa, Nordamerika. Hinwendung und Warmherzigkeit in Bagdad und Kalkutta, Friede, Verbundenheit in Kundus, Islamabad. Gerade als der Mann aber das letzte Fähnchen in die Hauptstadt Frankreichs, Paris, stecken wollte, vernahm er dieses seltsame Grollen, begannen die Wände, das Fundament seines Bungalows zu vibrieren. Zutiefst entsetzt, fassungslos starrte er auf die Karte. Dort, wohin er gerade das letzte Fähnchen stecken wollte, erschien ein Riss. Einer Zeitlupe gleich, beobachtete der Mann, wie ein Metallzahn, Teil einer Baggerschaufel offensichtlich, durch die mit Friedensfähnchen verzierte Erde brach. Europa und Russland, Südostasien, China stürzten ein, verkamen zu Schutt. Die Mauer fiel zusammen, die Weltkarte verschwand.
Otto Letztzwei, der Mann auf dem Abrissbagger, tat, wie er beauftragt. In der Beschreibung stand ausdrücklich, das Gebäude ohne weitere Nachfragen abzureißen, es sei unbewohnt. Verantwortungsvoll telefonierte er mit dem Auftraggeber, dem Vorsteher des Baureferats Eugen Geldaug. Der erhöhte die Prämie für die umgehende Ausführung nochmals. Da stellte man keine Fragen.
Als den Baggerfahrer Otto Letztzwei ein Erdstoß von seinem Sitz auf dem Baufahrzeug schleuderte, die Welt um ihn herum in Trümmern zerbrach, waren seine Gedanken bei den grünen Scheinen, die nun verloren gingen. Dann gab es da nur Dunkel. Aus der Finsternis heraus trat ein Mann mit dicker Hornbrille, hinkend, ein Käppi auf schütterem Haar. Und er lachte.


(c) Thom Delißen

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26. April 2015

Regina Weber, Buch auf der Suche nach Liebhabern von Kriminalromanen: ÜberLeben3




Kein Buch, in dem der Leser im Blut watet, das ihm nächtliche Albträume beschert. Statt Grusel und Leichenteilen zuhauf, eine fesselnde Handlung, unterlegt mit viel Humor. 
Polizist Leo erhält Post von seinem vermeintlich vor 37 Jahren verstorbenen Vater und, da er sich in diesem Wellnesshotel vor Langeweile „zu Tode wellt“, beginnt er zu lesen, erst den Brief, in dem er um Vergebung gebeten wird, dann die ausführlichen schriftlichen Erinnerungen an ein Leben voll Tragik. Leo möchte dem Absender glauben, ist bereit, sich mit ihm zu treffen, und gerät so in einen Strudel von, seine bisherige Existenz bedrohenden, Ereignissen, traurig, aufregend und spannend nicht nur für ihn selbst, sondern auch für den Leser.


Rezension

Es gibt ein Wienerlied, das heißt:
Einer hat immer das Bummerl
einer muß immer verlier'n
ich hab' mei Lebenlang das Bummerl
ja weil ich vom Glück ein Stiefkind bin.

Bummerl heißt bei uns der Verliererpunkt bei einem Kartenspiel namens Schnapsen.
Nun, das Leben des totgeglaubten Vaters von Leo, dem Kriminalkommissar , besteht aus einem riesengroßen Bummerl. Die Mistbiene Bettina ist schuld dran, dass der arme Mann einfach nicht mehr hochkommt.

Leo staunt nicht schlecht,
als er in dem von seiner Holden verordneten todlangweiligen Wellnessurlaub die Niederschriften seinen Vaters liest, der eben nicht tot ist.

Diese Aufzeichnungen faszinieren Leo,
er kann nicht fassen, was seinem Vater alles widerfahren ist. Ist das überhaupt sein Erzeuger, den er vor Jahrzehnten verloren hat? Wird er ihm begegnen wollen/müssen? Das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Verraten möchte ich aber,
dass sich diese Aufzeichnungen lesen, als wäre man dabeigewesen. Allein die hierarchische Ordnung im Knast, die Bezeichnungen für diese oder jene Opfer der Mächtigen, die hinter Gittern das Sagen haben, sind offensichtlich recherchiert und das ausgezeichnet. Ich habe wirklich mitgelitten, war gespannt und fasziniert von dem Buch. Top!

Einziger Einwand
ist, dass mich rein technisch gestört hat, dieses Lebensbekenntnis von Leos Vater in kursiv zu lesen. Der Hauptteil des Buches besteht nämlich daraus. Ich hätte das nicht so formatiert. Man weiß auch ohne den kursiven Text, dass es sich um des Vaters Bericht handelt. Ein Sternchen jeweils zur Absetzung von Leos Leben und dem Bericht hätte dem Genüge getan.

Das tut der Geschichte selbst
aber keinen Abbruch, sie ist und bleibt richtig gut erzählt, Kompliment an die Autorin!

Elsa Rieger
  

Die Autorin
Regina Weber, geboren in Berlin, weitere Spuren hinterlassen in Augsburg und Friedberg, studierte Anglistik und Geschichte, ein Wissen, das sie einige Jahre lang in Schülerköpfen zu verankern suchte.
Ein Leben voller Höhen und Tiefen, meist himmelhoch jauchzend, bisweilen aber auch zu Tode betrübt. Ein Kopf voller Ideen, Träume, Erfahrungen, voller teils skurriler Geschichten, die hinausdrängen. Endlich Zeit, die Gedanken sprudeln zu lassen, sie zu Papier zu bringen, ganz egoistisch, weil es ihr Freude macht, aber auch in der Hoffnung auf einige zufriedene Leser.


 Regina Weber, Buch auf der Suche nach Liebhabern von Kriminalromanen: ÜberLeben3



23. April 2015

Lutz Kreutzer, Der Grenzgänger – Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg



Seit Eddy vor zwanzig Jahren einen Wilderer zur Strecke gebracht hat, ist der Alpinpolizist aus dem Gailtal eine Legende. Als sich einige Fälle von grässlichen Tierverstümmelungen häufen und die Käserin der Sternberg-Alm kurz darauf auf ähnliche Weise umkommt, befällt Eddy eine dunkle Ahnung.

Eddy und sein Kletterfreund Fredo von der italienischen Alpinpolizei ermitteln in diesem mysteriösen Fall, der sich von Kärnten bis in die Dolomiten ausweitet – und Eddys Leben in den Grundfesten erschüttern wird.




Leseprobe

Unterhalb der Porzescharte

Ingrid-Alm, gegen Mittag (Mittwoch, 9. Juli 2014)

Als Eddy in seinem Dienstwagen saß, wurde ihm schlecht. Er nahm seine Mütze ab, legte sie auf den Beifahrersitz und rieb sich den Schweiß von der Stirn. Verdammt, dachte er. Es kribbelte, und er wusste, dass er aufpassen musste, dass er nicht wieder diese Scheißangst bekam. Langsam, mein Eddy, langsam, dachte er. Also: Erst mal überlegen!
Die Schafe vom Nosterer waren nicht das einzige Problem. Vor vier Wochen hatte ein italienischer Jagdgast eine aufgeschlitzte Gams gefunden. Ihr fehlte auch das linke Ohr. Sie hatte ebenfalls einen Zweig im Maul gehabt. Der Jagdaufseher des Waldbesitzers hatte mit Eddy darüber gesprochen, wollte aber keine Anzeige erstatten, da der Eigentümer keinen Skandal haben wollte. Eddy hatte sich darauf eingelassen. Eigentlich hätte er jetzt die Kriminalpolizei einschalten müssen, doch er wollte keine Unruhe im Tal haben. Und dann gab es noch eine aufgeschlitzte Hirschkuh im oberen Gailtal. Sie war ähnlich zugerichtet wie die Gams und die Schafe.
Doch ein anderer Gedanke quälte Eddy noch mehr. Das hatten wir schon mal, dachte Eddy, vor zwanzig Jahren, und die Erinnerung drehte ihm den Magen um. Eddys Hände wurden klamm, als er die Bilder jetzt wieder vor Augen hatte. Damals war es sehr ähnlich gewesen: tote Schafe, aufgeschlitzt, einfach liegen gelassen. Dann kamen ein paar Gämsen hinzu.
Alles im Abstand von jeweils einigen Wochen. Mit einem Kleinkaliber angeschossen, aufgebrochen und nicht ausgeweidet. Allen fehlte ein Ohr, immer das linke. Und im Maul ein Zweig.
Und dann hatte Eddy das Schwein erwischt. Im Obertilliacher Tal, unterhalb der Porzescharte.
Eddy war gerade drei Jahre bei der Alpinen Einsatzgruppe der Bundesgendarmerie gewesen. Revierinspektor und für Oberkärnten zuständig. Seit den Vorfällen war er oft auf Streifzug am Karnischen Hauptkamm gegangen, entlang der österreichisch-italienischen Grenze. Dabei war er auch im benachbarten Osttirol unterwegs. Gebirge machten vor Bundesländern keinen Halt, sagte er sich, und Wilderer auch nicht. Und seine Osttiroler Kollegen und er hatten einen guten Draht zueinander und informierten sich stets gegenseitig. Eddy war gerne in den Bergen, und das wussten die Kollegen und seine Vorgesetzten zu schätzen. Er tat das, um mit den Hüttenwirten zu reden, denn Eddy wollte ein Gefühl dafür bekommen, was in den Bergen los war.
An jenem Tag kehrte er bei der Porzehütte oberhalb von Obertilliach in Osttirol ein. Der Hüttenwirt, ein Aussteiger aus der Oststeiermark, der mit seiner Weltsicht nicht immer die Meinung und den Geschmack der Einheimischen traf, berichtete Eddy nach einem Fünfminutengespräch über Gott und die Welt von einem Vorfall: »Stell dir vor: I geh raus vor die Hütt’n und hinunter zum Gerätehaus, weil der Kompressor mal wieder ausgefallen war. Totenstill war’s draußen. Dann der Knall.«
»Was für ein Knall?«, fragte Eddy.
»Ein Schuss, hell, nicht allzu laut, vielleicht ein Kleinkaliber. Nix Großes. Aber es war ein Schuss.«
»Wann war das?«
»Vorige Woche mal, abends, so gegen sechs auf d’Nacht.«
»Und was hast’ dann gemacht?«
»Nix. Hören tut ma ja alleweil irgendwas.«
»Hmm«, hatte Eddy gemurmelt. »Und woher kam der Schuss?«
»Von weiter oben, in der Nähe der Grenz.«
»Hast mit den Kollegen in Obertilliach oder Sillian gesprochen? Die sind dafür zuständig.«
»Geh komm, Eddy. Wenn i denen des erzähl, die machen doch nix. I bin a Steirer und sing englische Liadln, des ist so wie wenn du a Neger in Wien bist. Da bist so fremd wie nur irgendwie. Da in der Gegend gibt’s ja noch Wilderer. Und da kennt doch jeder jeden.«
Eddy verstand, was er meinte. »Hör zu, du gehst heut noch ins Tal und zeigst das den Kollegen an. Verstehst? Des war a Italiener!«
»Woher willst des wissen, Eddy?«, fragte der Wirt scharf.
»Weil die Wilderer aus Osttirol weiter drüben unterwegs sind, in Villgraten und so, aber net da, drei Meter von der italienischen Grenz weg!«
Der Hüttenwirt sah über seine runden Brillengläser und nickte zaghaft.
»Wenn du’s dir net verderben willst mit die Leut. Okay?«
Zwei Tage später rief der Kollege aus Obertilliach an und informierte Eddy über den Vorfall, von dem er nicht wusste, dass Eddy ihn schon kannte. Sie verabredeten gegenseitige Unterstützung.
Zwei Wochen später, an einem sonnigen Samstag, fuhr Eddy wieder nach Obertilliach, wo er nach Süden zum Dorfer Bach hin abbog. Immer die mächtigen und hellleuchtenden Felspfeiler der Porze vor Augen, fuhr er bis zum Talschluss, wo er am Klapfsee seinen Dienstwagen parkte. Dann stieg er den Weg zur Porzehütte auf. Diesmal in Zivilkleidung. Er wusste, dass der Wilderer bisher immer am Wochenende zugeschlagen hatte. Und mehrfach hintereinander an nicht weit voneinander entfernten Tatorten.
An der Hütte angekommen, begrüßte er den Wirt freundlich und bestellte einen Tee. Als der Wirt ihn brachte, fragte Eddy noch mal genau nach dem Schuss. Der Wirt ging mit ihm hinaus um die Ecke der Hütte. Über ihnen standen unerschütterlich die zerklüfteten Pfeiler in der Nordwand der Porze, als hätte sie jemand in den blauen Himmel gehängt. Der Hüttenwirt wandte sich nach Süden und zeigte nach oben in Richtung Porzescharte.
»Da, irgendwo bei den letzten Latschen, unterhalb der Scharte, glaub ich. Aber genau …«
»… kannst du es nicht sagen.« Eddy nickte und bedankte sich, nahm seinen Rucksack, trank seinen Tee aus und stieg hinauf in Richtung Porzescharte.

Etwa zweihundertfünfzig Meter unterhalb der Scharte suchte er sich einen halbwegs ebenen Platz hinter einem Felsblock. Er blinzelte in die Sonne, breitete seine Jacke aus und machte es sich bequem. Dann legte er sich ausgestreckt hin und starrte in den Himmel. Ein Glücksgefühl überkam ihn. Er dachte an seine Klettertouren, die er in den letzten Jahren gemacht hatte. Große Dolomitenwände. Und auch in den Westalpen war er unterwegs gewesen. Mit einer Freundin. Aber sie war ihm mit einem Franzosen durchgebrannt, einem Typen, der dick war und eine Glatze hatte. Eddy hatte das immer noch nicht verstanden, doch er konnte mittlerweile wenigstens darüber lächeln. Der Typ hatte seine Freundin bald wieder zum Teufel gejagt.
Irgendwann dämmerte er vor sich hin und war kurz vor dem Einschlafen. Doch der Schatten hatte längst die Einschartung überstrichen und Eddy fröstelte. Er richtete sich auf und zog seine Jacke an. Da hörte er einen hell klingenden Schuss. Er hielt inne und konnte es kaum glauben. Ein kleinkalibriges Gewehr. Er lauschte. Doch nichts mehr. Langsam schlich er in die Richtung, aus der er den Schuss vermutete. Etwa zweihundert Meter weiter östlich und weiter oben.
In gebückter Haltung eilte er den Graben hinauf, stets darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, dann über die nächste Kante. Zwischen den Latschen hindurch sah er, wie in etwa dreißig Metern Entfernung ein Mann kniete und sich an einem liegenden Wild zu schaffen machte. Die Hirschkuh lebte noch. Der Mann trug eine schwarze Ganzkopfmaske, eine Art Wollmütze mit Sehschlitzen. Neben ihm lag ein kurzes Gewehr. Etwas weiter weg stand ein Rucksack.
Eddy beobachtete, wie der Mann das Tier mit einem Schnitt aufbrach. Der Mann atmete heftig, dann stöhnte er. Er zog seine dunkelgrüne Jacke aus. Darunter trug er nichts. Er sah nach links und rechts und zog auch die Maske aus. Dann riss er das Tier an seinem präzise gesetzten Schnitt auseinander. Immer mehr verschwand der Oberkörper des Mannes in dem Leib der toten Hirschkuh. Er begann sich in den blutigen Eingeweiden zu suhlen.

Eddy traute seinen Augen nicht, er schluckte und atmete schwer vor Abscheu. Nach einigen Sekunden fing er sich wieder. Er hatte von Eskimos gehört, die so was machten, um in allzu großer Kälte zu überleben. Aber hier, im Sommer? Eddys Herz raste. Er nahm seine Dienstpistole und ging auf den Mann zu.
»Stehen Sie auf!«, schrie er so laut er konnte. »Alzarsi, alzarsi!«
Der Mann hielt inne. Allmählich kroch er aus dem dampfenden Leib heraus. Das Blut der Hirschkuh floss ihm von Oberkörper und Armen, sogar von seinem Kopf tropfte dunkles Blut. Das Schlimmste aber war die Kälte in den Augen des Mannes, als er Eddy mit seinem blutüberströmten Gesicht ansah.
Eddy ekelte der Anblick des Mannes so sehr, dass er einen Moment lang zur Seite blickte. Blitzschnell bückte sich der Mann, hob sein Gewehr auf und zielte auf Eddy. Doch Eddy begriff und zog im letzten Moment den Abzug seiner Pistole durch. Eddys Schuss traf den Mann genau ins Herz. Er war auf der Stelle tot. So war das vor zwanzig Jahren, am 23. Juli
1994.


Der Autor
Lutz Kreutzer schreibt Thriller, Krimis und Spannungsromane. Seine E-Books waren bei amazon hoch gelistet (Platz 1 im Kindle-Shop).
Die Plots haben realen Hintergrund, die Themen gehen in die Tiefe und beruhen auf Tatsachen. Diese bringt er in Einklang mit dem Leben eines Protagonisten, der durch seine Geschichte getrieben wird. Wichtig ist ihm die verständliche und spannende Sprache.

Sein abenteuerlicher Berufsweg führte ihn durch viele Länder Europas. Am liebsten ist er dort, wo es gutes Essen und noch besseren Wein gibt. Daher hat er unter anderem gemeinsam mit Johann Lafer ein Kochbuch geschrieben.


Lutz Kreutzer, Der Grenzgänger – Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg
Bergverlag Rother  12.90 Euro

eBook und Taschenbuch bei Amazon

24. März 2015

Martin Bühler, Schattenlicht Teil 2



Lange erwartet die Fortsetzung der Schattenlicht-Trilogie mit dem zweiten Teil
Der Erste Teil war ein Bestseller bei Amazon und lange auf Platz eins in der Kategorie Geschichte Deutschland

Dieser Teil erzählt die Geschichte meines Vaters während des zweiten Weltkriegs.
Mein Vater für den NS-Arbeitsdienst verpflichtet und anschließend zur Wehrmacht eingezogen. Zunächst noch in Deutschland stationiert, gelingt es meinem Vater, neben dem Kriegsdienst das externe Abitur zu erwerben. Sogar Chemie kann er studieren, auch noch während seiner Kommandierung nach Norwegen. Doch dann wird in seinem persönlichen Tagebuch seine Haltung gegen Nazis und Krieg entdeckt, es folgt eine Strafversetzung zu SS-Einheiten an die Ostfront...

Wie kam es zum ersten Teil der Schattenlicht-Trilogie?
Im Jahr 2001 entrümpelte ich nach vielen Jahren den Dachboden im Haus meines verstorbenen Vaters. In einer gut verschlossenen Holzkiste fand ich seine von ihm niedergeschriebene Lebensgeschichte. Ich setzte mich hin und begann zu lesen. Die Geschichten über die nostalgischen 20er Jahre, über die ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht hatte, begeisterten mich. Ich tauchte ein in die Armut der Nachkriegszeit, aber auch in eine Zeit, in der ideelle Werte die oberste Priorität hatten.


Leseprobe:

+++Die liebeshungrige Vermieterin

In meinem Industrieviertel der Firma Bosch gab es kaum einen Vorgarten, kaum einen blühenden Strauch. Graue Steinwüsten und ein kleines Stück Himmel waren alles, was ich zwischen Schlafstelle und Firma sah.
Ich gab eine Zeitungsanzeige auf: Gärtner sucht Wohnung für wöchentlich einige Stunden Mithilfe in der Gärtnerei. Ich stellte mich bei einer Gärtnerei Deihl vor, die auf meine Anzeige geantwortet hatte. Eine attraktive Frau in mittleren Jahren zeigte mir das passable Zimmer. Wir einigten uns auf drei Stunden Arbeit pro Woche. Ich zog um. In der Gemüsegärtnerei stand ich doch wieder mitten in der Natur, sah saftiges Grün und blühende Sträucher. Auch ich blühte wieder auf unter der liebevollen Betreuung meiner Hausfrau. Es ging vier Wochen gut, es ging acht Wochen hervorragend. Meine Hausfrau lud mich noch öfter zum Essen ein, sie verwöhnte mich richtig. Da hatte ich nun mal einen guten Fang gemacht, dachte ich für mich. Jetzt spielt es keine Rolle mehr, wenn ich tagsüber im Büro war. Die Sommerabende waren ja so lange! Und ohne Mietzahlungen ersparte ich mehr Geld für mein Studium.
Auch die mütterliche Betreuung tat mir sichtlich gut. Ohne mir etwas dabei zu denken, wunderte ich mich, dass die Gärtnersfrau immer mit mir alleine arbeitete, dass sie oft nach Feierabend zu mir ins Zimmer kam, belanglose Dinge fragte, dass sie recht ausführlich von ihrem öden Sexualleben erzählte. Ihre jugendlichen Liebeserlebnisse wusste sie so pikant wiederzugeben, dass ich sie nicht ungern hörte.
Ihren Mann, der zwanzig Jahre älter war, behandelte sie recht lieblos. Wenn er seine Rettiche für den Markt nicht schön bündelte, konnte es schon passieren, dass sie ihm ein Bündel an den Kopf warf. Er war ein stiller ruhiger Mann, den seine senile Arterienverkalkung vieles vergessen ließ. Seinen siebzigsten Geburtstag ließ sie nicht feiern, es war ihr peinlich, einen so alten Mann zu haben.
Verwöhnt zu werden ist angenehm, bemuttert zu werden ist schmeichelhaft; beschmust zu werden von einem ungeliebten Partner ist unangenehm.
Dazu war ich wirklich zu naiv, zu bemerken, dass diese – für mich alte Frau Liebesgefühle hegte. Es war für mich furchtbar peinlich und ekelerregend, wenn sie mit ihren gepuderten Wangen mein Gesicht streifte Ich stieß sie weg, wenn sie mich unverhofft in den Arm nahm. Wenn sie mich zum Abendessen einlud, suchte ich immer krampfhaft nach einer Ausrede.
Als Schauspieler hätte ich alles gekonnt. Doch als Privatmann Liebesgefühle für materielle Dinge vorzutäuschen, nein, das konnte ich nicht. Dafür war ich zu stolz. Mit den edelsten Gefühlen spielte man nicht!


Sie merkte schließlich, dass ich sie mied und diskret, aber bestimmt abwies. Dass verschmähte Liebe in erbarmungslosen Hass umschlagen kann, hatte ich noch in guter Erinnerung aus meinem Verhältnis mit Irmgard. Wie eine so herrschsüchtige Frau im Zenit ihres Lebens so eine Niederlage hinnahm, war umwerfend.
Ich hatte ihr vorsichtig immer wieder zu zeigen versucht, dass sie bei mir keine Liebesgefühle erwecken konnte. Je mehr ich mich zurückzog, desto herausfordernder und aufdringlicher wurde sie. Eine Frau, die außer Liebe alles besaß – Geld, Macht, Recht und Freihheit , die wollte und wollte nicht begreifen, dass sie Gefühle nicht erzwingen konnte. Sie mochte eben die letzten Strahlen der Herbstsonne in vollen Zügen noch genießen. Sie wollte nachholen, was sie im Frühling und Sommer ihres Lebens versäumt hatte.
Diese rechthaberische, energiegeladene Frau konnte bestimmt keine Niederlage einstecken. Sie würde mir das zerbrochene Kaleidoskop ihrer aufgestauten Sehnsucht bestimmt an Kopf werfen. Es herrschte eine beängstigende Funkstille; auch das war mir unangenehm. Ich ahnte Unheil. Die Arbeit schaffte mir ihr Mann an; wenn ich ihr versehentlich begegnete, erstach sie mich mit Blicken. Das Warten auf ein Gewitter war unheimlich, wenn nur endlich einmal der erste Donner grollen würde, damit sich die Atmosphäre entladen konnte. Jedes Gewitter lädt sich in wenigen Stunden mit Energie auf. Dieses Gewitter brauchte nun schon drei Tage um die Kräfte zu ballen, um sich zusammenzubrauen.
Es war Samstagabend um 22 Uhr, ich wollte gerade ins Bett gehen. Meine Hausherrin riss meine Zimmertür auf, stürzte herein, schrie, geiferte wie eine Furie. Ich hörte nur Wortfetzen, weil sich die gellende Stimme überschlug: Diebstahl, Betrug, Polizei heute noch ausziehen.Ich kam im Worthagel nicht zum Reden, bis sie wieder verschwunden war. Das ersehnte Gewitter war auch für meine Nerven zu viel gewesen. Ich konnte nicht schlafen, knipste das Licht an; ich konnte nicht lesen, knipste das Licht aus. Es wurde eine lange, unruhige Nacht.
Zum Glück war es Hochsommer. Bei Tagesanbruch ging ich zur Frühmesse, anschließend auf Wohnungssuche. An den Vermittlungsbüros hingen Schaukästen mit Angeboten. Am Bahnhofkiosk holte ich die Samstagszeitung, ich studierte die Inserate. Ich stellte keine großen Ansprüche bei meiner Wohnungssuche. Einziges Kriterium: Es musste billig sein. Ich hätte fast ein Zimmer gehabt, aber die Schwierigkeit war „für sofort, denn wir befanden uns mitten im Monat.
Erst gegen fünf Uhr nachmittags fand ich in der Nähe meiner Arbeitsstelle einen Raum besser gesagt eine Rumpelkammer. Ich war hochzufrieden und glücklich! Es war doch schwierig, in einer großen Stadt ein Dach über den Kopf zu bekommen.
Mir war mulmig, mit ungutem Gefühl in der Magengegend holte ich meine sieben Sachenab. Das niedere Gartentürchen war erstmalig geschlossen, ich stieg darüber. Die Haustür wurde mir vor der Nase zugesperrt. Ich klingelte, ich klopfte! Niemand öffnete. Wie ich so ratlos um mich schaute, sah ich am Gewächshauseingang meinen Koffer mit den Textilien, Büchern und Habseligkeiten. Ich bugsierte alles über das verschlossene Türchen und legte die Hälfte zur späteren Abholung an den Straßenrand. Es war kein angenehmer Abschied. Die Art des Rauswurfs wurmte mich sehr. Dennoch war ich erleichtert. Ich sagte mir, dass ich froh sein konnte, es überstanden zu haben, einmal wäre der Bruch ohnehin gekommen.
Von wegen überstanden, jetzt begann der Lindwurm erst zu krabbeln. Der Drachen der Rache suchte seine Befriedigung, suchte sein Opfer. Schon zwei Tage später wurde ich in meinem Betrieb zum Rapport bestellt, und zwar nicht zu meinem zuständigen Prokuristen Joos, sondern zum Generaldirektor Kimmich.
Die Anschuldigungen waren schwer. Mietschulden, Diebstahl; ich leugnete; er glaubte mir kaum. Inzwischen erfuhr ich, dass ein Verwandter der Frau Deihle im Führungsgremium saß. Mein zuständiger Prokurist Joos versuchte die betriebliche Belastung für mich zu reduzieren. Doch es kam noch dicker. Mein Hausherr eröffnete mir, dass die Polizei mich besuchen wollte, dass sie morgen nach Feierabend wiederkäme.


Der Autor
Martin Bühler wurde am 01.11.1973 in der kleinen schwäbischen Stadt Krumbach geboren.
Nach seiner Schulzeit studierte er Aquakultur und arbeitete mehrere Jahre in Italien und Spanien.
Seit dem Jahr 2001 lebt er an der westlichen Küste Nordfrieslands in der Nähe der Hafenstadt Husum.
Im Jahr 2011 fing er erstmals an, offen über das Thema Samenspende und Kinderwunscherfüllung zu sprechen und zu schreiben.
2012 schrieb er sein erstes Buch „Der Samenspender Martin1973“, anfangs veröffentlichte er als Selbstverleger, später über den Miller Verlag.
Danach folgten Ratgeber zur Kinderwunschthematik wie „Schwanger ohne Sex“ und „Familienglück durch private Samenspende“.
Zum Thema Kinderwunsch durch Samenspende entstanden zahlreiche Beiträge, u. a. bei Stern TV (RTL), Mona Lisa (ZDF) und Planetopia (SAT1).
Danach erfolgten Berichterstattungen des Axel Springer Verlages, u. a. in Bild der Frau und Bild.de.
Seine Begeisterung, bestehende Tabus in unserer Gesellschaft anzusprechen und öffentlich zu diskutieren, wuchs von Tag zu Tag. Mit seiner provozierenden Art, öffentliche Diskussionen anzuregen, gefällt ihm und wurde zur Passion. Die Themen sind mittlerweile umfangreich und vielschichtig.
Sein Motto ist: Das Leben schreibt die interessantesten
Geschichten.

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