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23. Februar 2015

Pat McCraw, Butch – Neben der Spur



Die selbstbewusste und taffe Butch, Bikerin aus der Eifel, steht auf Frauen.
Sie hat den Ruf ein ganz wilder Feger zu sein.
Der Zufall weht einen außergewöhnlichen jungen Mann in ihr Haus, der einen Haufen
Probleme mit sich trägt. Als gute Freundin krempelt Butch die Ärmel hoch, um ihm zu helfen.
Sie ahnt nicht, dass dies ihr ganzes Leben verändern wird.
Mit diesem Buch begibt sich die Fantasy-Autorin Pat McCraw in die reale Welt.
"Butch - Neben der Spur" ist ein humorvoller Liebesroman mit viel Gefühl.
Das Taschenbuch hat 136 Seiten.


Leseprobe

Prolog:

Der Trampelpfad zum See bestand aus festgetretenem Sand, war von kniehohen Wildkräutern umsäumt und verlor sich in einem Wall aus Schilf. Ich stellte meine Zephyr auf ihren Ständer, schloss sie ab und macht mich auf den Weg. Ein warmer Herbsttag, der die Insekten auf den schwankenden Blütenköpfen noch einmal zur Höchstform brachte. Ja, die Bienen wussten genau, was sie zu tun hatten. Für sie gab es nur den von der Natur vorgeschriebenen Weg. Anders als bei mir. Ich fühlte mich völlig aus der Spur geraten und musste dringend darüber nachdenken, wie das Chaos überhaupt passieren konnte und vor allen Dingen, wie es weiter gehen sollte.
Das Schilf knirschte unwillig, als ich es beiseite drückte und einen langen Schritt auf das schmale, sandige Ufer machte. Gedankenverloren ließ ich mich auf meinen ledernen Hosenboden fallen und starrte auf die glitzernde Wasserfläche des kleinen Eifeltümpels. Die vergangenen drei Monate hatten mich, die selbstsichere, taffe Butch, ins Schleudern gebracht. Und wer war der Verursacher meines Schleudertraumas? Wider Willen musste ich lächeln. Der verrückte, süße, liebenswerte und unglaubliche Face. Ja, du hörst richtig. Ein MANN. Normal, sagst du? Nö, nicht für mich. Aber lies von Anfang an ...

»Bumm, bumm, bumm.« Wie nervtötend! Ich zerrte mein völlig aus der Form geratenes Kopfkissen zurecht und ließ den Kopf wieder hineinsinken. Das Klopfen ging weiter. »Harry! Hör endlich auf, du blödes Viech!«
Warum müssen Hunde sich immer so kratzen, dass sie währenddessen dichtgedrängt an Türen sitzen und mit ihren Läufen dabei gegen das Holz hämmern? Zweite Weck-Variante ist laut brüllendes Kläffen und Hinausstürzen durch die schmetternde Hundeklappe, um dem Briefträger Stärke zu beweisen.
Gähnend drehte ich mich auf den Rücken und reckte die Arme in die Höhe. Knack. Der Halswirbel war schon mal drin. Gab es noch eine Art das mies gelaunte Frauchen aus dem wohlverdienten Schlummer zu reißen? Ach ja, an der Tür kratzen und fiepen, was eigentlich strengstens untersagt war. Die Türen meines gesamten Domizils sahen bereits aus, als wären Zombies nachts auf den Bäuchen durchs Haus gerutscht, die Türblätter bis zur Kniehöhe mit Krallenhänden marternd, unfähig an die Klinken zu reichen.
Na ja, ich drehte den Kopf zu der intensiv grün schimmernden Weckanzeige an der Zimmerecke. Mein neu erworbener Funkwecker mit Deckenlicht zeigte 07.15 Uhr. Definitiv die richtige Zeit aufzustehen. Der Hund war wieder einmal schlauer als ich. Marilyn und Monroe, sowie Lana und Turner, meine vier Milchziegen, wurden ab sieben Uhr ungenießbar und wollten gemolken werden. Ich blinzelte zum Fenster und versuchte die Wetterlage zu erspähen. Die knackgrünen, sonnenbeschienenen Blätter der vor meinem Schlafzimmerfenster siedelnden Birke winkten mir freundlich zu. Es sprach also nichts dagegen, die Ziegen auf die Wiese zu lassen, denn der Junitag versprach warm zu werden.
Während ich mich ausgiebig dehnte und streckte, entfleuchte ein kleiner, unscheinbarer Pups unter der Bettdecke. Egal. Das waren die Vorteile des Single-Daseins. Kein Hechten aus dem Bett um sich vor dem ersten Kuss schnell die Zähne zu putzen. Keine empörten Blicke wegen eines bisschen unschuldigen Windes. Na okay, ich schnupperte, so GANZ harmlos war der doch nicht. Jetzt aber los!
Halt! Wie immer drang mir die strenge Stimme meiner Physiotherapeutin ins Gedächtnis.: »Im Bett auf die Seite drehen, rausrollen und dann erst hoch!« Sie hatte ja recht. Ich sollte meine Knochen schonen, die ich täglich über Gebühr durch meine Arbeit auf meinem kleinen Bauernhof strapazierte.
Ich öffnete die Schlafzimmertür. »Hey, Keule!« Harry, sah mit begeistert glänzenden Augen zu mir auf und wedelte, was das Zeug hielt. Bumm, bumm, bumm, Schwanzwedeln gegen den Schuhschrank. Warum hatte ich mir nur so einen Riesenköter zugelegt? »Du stinkst, Kerl!« Ich tappte ins Bad, von ihm verfolgt, setzte mich aufs Klo und betrachtete ihn. Er war so winzig gewesen, als ich ihn das erste Mal sah. Man sagt ja, dass man die endgültige Größe eines Hundes bereits an den Welpenpfoten erkennt. Haben sie dicke Tatzen, werden sie riesig. Welpe Harry war ein übler Blender, mit zierlichen Tapspfötchen und einem unwiderstehlichen Charme. »Der bleibt klein!«, hatte der Hippie aus dem Wohnwagendorf geschworen. Ja klar. Als Endresultat war mein ständiger Begleiter ein struppiges, graues Riesenvieh mit den treusten braunen Augen der Welt. Er war ein bisschen doof, aber wie sagt man so schön: »Man muss nicht besonders helle sein, um als guter Kumpel zu taugen.« Genau dieser Satz trifft auf Harry zu, dachte ich, erhob mich vom Lokus und zog an der veralteten Strippe der Wasserspülung.
Ich mochte alte Dinge und mein Hof war ratzevoll damit. Auch wenn diverse Sachen nicht unbedingt dem neusten Stand der Technik entsprachen, wie zum Beispiel der leicht blinde Spiegel mit den aufgeklebten Schlümpfen über dem Waschbecken.
Viel Tolles zu sehen gab es da sowieso nicht: Butch, 28 Jahre alt, kurzgeschorene, dunkle Locken, Allerweltsgesicht mit Schmollmund, braune Augen unter ungezupften Augenbrauen. Ich runzelte sie. Finster. Das kam gut. Aber hatte ich nicht mal gehört, dass man sich morgens am besten positiv motiviert, wenn man sich im Spiegel anlächelt? Und sei das Lächeln noch so falsch – es würde auch schon helfen den Mund zu verziehen. Das sah saublöd aus. Jetzt musste ich doch lachen.
Erst einmal kaltes Wasser ins Gesicht. Okay, ich hatte kaum die Wahl, denn warmes Wasser gab der Wasserhahn nicht her. Mein Geld hatte genau gereicht den kleinen Bauernhof in Monreal in der Eifel zu kaufen, weitreichende Renovierungsarbeiten waren nicht drin. Dementsprechend war die Bude fast im Originalzustand von 1870: Fachwerk, verwitterte Fensterchen (aus 8 einzelnen Scheiben bestehend und der Horror jeder reinlichen Hausfrau), Ofenheizung. Mir war damals das Land verlockend erschienen, denn die 2000 Quadratmeter ließen eine Menge Spielraum für die Selbstversorgung.
Ich hob mein Shirt vorne an und begutachtete das Bild darauf. Waren das Designersprenkel auf dem lachenden Nilpferd oder Kaffeeflecken? Ich entschied mit für Ersteres. Eine Jogginghose und meine geliebten Springerstiefel würden reichen, zumal es meinen Ziegen recht herzlich egal war in welchem Outfit ich sie molk. »Butch gewinnt die Ziegenmilch für ihren berühmten Käse im Diorkleid.« Ich sah mich schon in einem Chiffonfummel auf meinem einbeinigen Hocker mit Ziegeneuter in der Hand auf der Titelseite des Eifel-Blättchens.
»Kaffee, Harry!« Ich marschierte in die Küche. Uff, da waren sie, die Nachteile des Singledaseins: Kein Brennholz da, niemand hatte den Ofen angemacht und Kaffeewasser aufgesetzt. Es würde keinen Kaffe geben ohne vorher Holz zu holen, den Aschekasten zu leeren, Zeitung zu knüllen, Pappe mit dem Küchenmesser zu zerschnitzeln, alles zusammen mit Spänen in die Brennkammer zu schichten und das Ganze dann in meinem geliebten Oma-Ofen mit der umlaufenden Stange anzuzünden.
»Wozu sind Hunde eigentlich nütze?«, knurrte ich Harry an, der begeistert wedelte. Erwähnte ich schon, dass der Hund doof ist?
Vier Stunden später. Mein Missmut war verflogen. Ich ließ mich auf den knarrenden Holzstuhl in der Küche fallen und trank einen Schluck kalten Kaffee. Ich war um neun Liter feine Ziegenmilch reicher, die ich nachher noch in meiner Käseküche mit Lab ansetzen musste. Immerhin hatte ich die obere, steile Wiese mit der Sense gemäht, was anstrengend war, denn leider lag mein Grund und Boden in der felsigen Monrealer Gegend.
»Harry, ich fahre heute Abend zur Belohnung nach Koblenz«, teilte ich ihm mit. Der dumme Hund verstand mich sowieso nicht. Er lag in dem einzigen Sonnenflecken auf dem Dielenfußboden meiner Küche, döste und schnappte gelegentlich nach einer Fliege. Ich betrachtete kritisch meine schwarzgeränderten Fingernägel. Nein, so wollte mich garantiert keine.
Seufzend erhob ich mich, um den Holz-Badeofen in meinem vorsintflutlichen Bad anzuzünden.

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Wer hat eigentlich gesagt Kawasaki wäre ein »Schweineofen«? Über diesen Ausdruck ärgerte ich mich fast jedes Mal, wenn ich mit meiner Maschine durch die Gegend fuhr. Der Mensch, der das von sich gegeben hat, hatte keine Ahnung. Sicher so ein elitärer Harley-Davidson-Goldwing- Fahrer mit Stereoanlage an Bord. Pah!
Ich stellte meine ZEPHYR1100 vor dem »Blue Velvet« auf den Ständer und zog mir den Helm vom Kopf. Hoppla! Was waren denn das für Chicks? Zwei Mädchen verschwanden eben eingehakt und kichernd im Eingang des Clubs in der Koblenzer Altstadt. Was für Blicke! Ob die wohl den gleichen Lidschatten drauf hatten? Das würde ich doch sofort mal überprüfen gehen.
Der Abend war schön mild, deshalb zog ich Nierengurt und Lederjacke aus und klemmte alles mitsamt dem Helm unter den Arm. In der schwarzen Lederhose mit dem weißen Trägershirt und den Springerstiefeln kam ich eigentlich immer ganz gut bei der Damenwelt an. Hey, DAS Shirt war wirklich weiß, trotz meines Öko-Waschmittels. Darauf hatte ich beim Anziehen geachtet! Wo waren die Mädels denn abgeblieben? Aha, am Ende der Bar.
Mathilde, die Barfrau nickte mir zu und stellte mir ohne zu fragen eine Flasche Bitburger vor die Nase. Eine durfte ich ja trinken. Schade, ich war zu früh. Der Laden war noch ziemlich leer. Das würde sich nach 22 Uhr ändern. Danach konnte man auf den mit schwarzen Kunstleder bespannten Bänken, die jeweils paarweise einen Metalltisch einrahmten, keinen Platz mehr finden. Das Blue Velvet war ursprünglich eine Imbissbude, was man ihm immer noch ansah. Daran änderte die bizarre, ockergelbe »Wischtechnik« an den Wänden auch nichts.
Nun, wegen der Einrichtung war ich ja nicht gekommen. Ich hakte die Absätze der Stiefel in die Fußablage des Barhockers ein und trank einen Schluck Bier. Das Velvet war wohl keine reine Lesbenkneipe, aber dort hatte man die besten Chancen ein nettes Mädel für die Nacht aufzutun. Die paar schwulen Jungs, die sich gelegentlich blicken ließen, interessierten sowieso niemanden.
Die zwei Kicher-Hühnchen klebten inzwischen mit den Mäulchen aneinander. Ich blinzelte kurz. Meine Theorie stimmte mal wieder: Beide trugen den gleichen, blauen Lidschatten. Völlig uninteressant.
Das weibliche Wesen mit Brille, Kurzhaarschnitt und einem billigen Männeranzug neben ihnen stierte ununterbrochen in sein Bierglas. Nein, die würde mich garantiert nicht mit der Kneifzange anpacken, und ich sie, nebenbei gesagt, auch nicht. Gleich und Gleich gesellt sich in der Frauenwelt nicht gern.
Aha, der Laden füllte sich so langsam. Etliche Pärchen und – wen hatten wir denn da? Eine hübsche Maus in einer engen, abgeschnittenen Jeans und einem Ringelpulli. Ich ließ ihr meinen üblichen Check angedeihen: Arsch, Titten, Gesicht. Das war in Ordnung. Sie sah zu mir hinüber. Tja, was macht Frau um Aufmerksamkeit zu erregen? Ich schlug die Hände blitzschnell vors Gesicht, öffnete die Finger, spähte hindurch, schloss die Finger wieder und ließ die Hände sinken. Sie sah mich völlig verblüfft an. Ich erwiderte ihren Blick mit einem strahlenden, herausfordernden Lächeln. Und wenn ich sage »strahlend«, dann meine ich das auch so, denn ich hatte Wochen zuvor in ein professionelles Zahn-Bleaching investiert. Das kam an. Wie an einer Gummistrippe gezogen kam sie zu mir an die Bar.
»Kennen wir uns?«, fragte sie. Hoppla! Ausdrucksvolle, grüne Augen. Dezent geschminkt. Ein blassrosa Lippenstift. Na, den konnte man ihr ja wegknutschen.
»Ja,« antwortete ich frech. »Seit einer Minute.« Sie lachte. Schöne Zähne fuhr es mir durch den Kopf. »Ich habe dich hier noch nie gesehn.«
Sie lehnte etwas verlegen gegen die Bar und deutete auf eine Blondine, einige Meter von uns entfernt. »Ich bin mit einer Bekannten unterwegs.« Schluck, die Alte kannte ich. Und leider sie mich auch, denn sie schüttelte mit einem Blick auf mich warnend den Kopf. Die hatte ich mal abgeschleppt und danach vor die Tür gesetzt. Eine grauenvolle Labertasche. Wenn man die zu Hause hatte, braucht man kein Radio mehr.
»Kennt ihr euch? Ach so, ich heiße übrigens Babsi.«
Ich nahm einen Schluck Bier, um etwas Zeit zu gewinnen. »Flüchtig. Ich bin Butch.«
Babsi stutzte. »Du BIST butch oder heißt du so?«
»Beides.« Wie aus dem Boden gewachsen stand die Blonde vor uns. Verdammt, wie hieß die noch?
»Na, Butch, wieder auf Freiersfüßen?«
Puh, es war klar, dass die Alte mir meinen Fick vermasseln wollte. Kleiner Rache-Feldzug.
»Ich habe der fleischlichen Liebe entsagt«, antwortete ich, in der Hoffnung Babsi zum Lachen zu bringen. Die musterte mich selbstbewusst von meinen wirren Locken bis zu meinen Stiefeln. »Na, DAS ist aber schade«, lachte sie.
Jetzt wurde die blonde Tussi noch deutlicher: »Babs, du wirst dich doch nicht mit DER einlassen!«
Zeit die Ignore-Phase einzuleiten. Ich senkte die Stimme. »Ich würde dir ja gern mehr über meine Askese erzählen, aber leider werden wir hier ständig gestört. Lust auf einen kleinen Abend-Spaziergang?« Ich blinzelte Babsi gewinnend an.
»Na ich weiß nicht«, Babsi musterte erst die Blonde, dann mich zweifelnd.
»Nur ein Viertelstündchen, Mäuschen. Ein bisschen Luft schnappen. Ich pass auch auf dich auf.«
Die blöde Blondine lachte trocken auf.
Ich reichte Babs auffordernd die Hand und – sie nahm sie! Yes! Das war Sieg auf der ganzen Linie.
»Ich bin noch eine halbe Stunde hier.« Blondies Stimme klang ausgesprochen schnippisch. Dann viel Spaß ihr Zwei!« Sie zog den rechten Mundwinkel verächtlich hoch.
Völlig wurscht. Ich legte drei Euro für mein Bier auf den Tresen, schnappte mein Zeug und zog Babsi lachend zur Tür hinaus. (...)


Die Autorin
Pat McCraw, Jahrgang 1955, bezeichnet sich selbst als "Überbleibsel aus der Hippiezeit".
An ihrem Hang zu bunten Indien-Kleidern, Räucherstäbchen und psychedelischer Musik sowie dem lockeren Leben der 60iger hat sich bis zum heutigen Tag wenig geändert. Dieses wilde Leben ließ kaum Raum zum Schreiben, so dass lediglich einige Kurzgeschichten entstanden sind.

Nach dem Tod ihrer großen Liebe kam sie zur Ruhe.
Es entstand Raum um die 7-teilige Erotic Fantasy & Gay Romance Romanreihe "Duocarns" zu schreiben und das Schreibhandwerk weiterzuentwickeln.
Seitdem hat McCraw über 2000 Seiten geschrieben, einen Verlag gegründet und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Kolumnistin, unter anderem für das erotische Literaturmagazin Xtme:Adult.

Die Autorin lebt mit ihren drei Kindern und zwei Hunden in der Eifel.

Alle ihre Bücher sind als Ebooks und Taschenbücher erschienen
und bei Amazon und vielen anderen Shops erhältlich:

Das DUOCARNS Epos
Teil 1: "Duocarns - Die Ankunft"
Teil 2: "Duocarns - Schlingen der Liebe"
Teil 3: "Duocarns - Die drei Könige"
Teil 4: "Duocarns - Adam, der Ägypter"
Teil 5: "Duocarns - Liebe hat Klauen"
Teil 6: "Duocarns - Ewige Liebe"
Teil 7: "Duocarns - Alien War Planet"
Teil 8: "Duocarns - Nice Game"

Eigenständiges Buch: "Duocarns - David & Tervenarius"
Die Kurzgeschichten: "Duocarns - Suspiricons"
Sammelband: "Duocarns - die fantastischen Sternenkrieger" Collection 1-3

Historischer Liebesroman
"Der schwarze Fürst der Liebe"

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Unter dem Pseudonym MissMary:
BDSM Satire/Ratgeber
"Sklavenpack - Eine Domina erzählt"

MissMary:
Mandy & Chantal - Selfpublishing ist toll!

Erotische Kurzgeschichten (nur ebook)
"Erstaunliche erotische Geschichten"

Homepage: http://www.elicit-dreams.de



Pat McCraw, Butch – Neben der Spur


20. Februar 2015

Jutta Ahrens, Lacunars Fluch, Gesamtausgabe



Gay-Romance in epischem Ausmaß: Der gesamte Jawendor-Zyklus in einem eBook – 1.650 Seiten voller Abenteuer, Liebe, Intrigen und Rätsel!

Lassen Sie sich entführen in eine ganz neue und doch sehr schnell vertraute Fantasy-Welt mit Königen, Räubern, Priestern, weisen Männern, versunkenen Städten und seltsamen Religionen. Der Sex kommt nicht zu kurz, aber vor allem geht es um Liebe und Freundschaft. Die Handlung strebt einem Happy End zu – doch wird es so aussehen, wie die Figuren im Buch und die Leser es erwarten?

Ein zweiter Zyklus, der direkt an die Handlung des ersten anknüpft, ist bereits in Planung.

Inhalt:

Der hochmütige Sonnenpriester Jaryn erhält von einem Weisen den Auftrag, einen geheimnisvollen Prinzen zu suchen. Erst wenn dieser freiwillig dem Bösen abschwört, wird ein Fluch gebrochen, unter dem das Land seit Jahrhunderten leidet. Doch wo soll Jaryn diesen Prinzen finden? Welche Rolle spielt der Räuberhauptmann Rastafan, dem er immer wieder begegnet? Was führen die Oberpriester des Sonnen- und Mondtempels im Schilde?

Dieses Buch enthält 522.297 Wörter, was 1.650 durchschnittlichen Taschenbuchseiten entspricht. (Berechnet nach dem Adobe-Algorithmus, den die meisten eReader verwenden.)


Leseprobe:

Prolog

Aus dem Dunkel tief hängender Zweige sirrte ein Pfeil und ritzte die Wange des königlichen Gewandschneiders Nusama, der sich in einer offenen Sänfte durch die Rabenhügel tragen ließ. Die Träger ließen die Sänfte fallen und verschwanden wie die Hasen im Gesträuch.
»Der ging daneben, du Blindschleiche!«, kam eine dumpfe Stimme aus dem Dickicht.
»Wer sind die, Vater?«, stammelte der Jüngling neben Nusama.
»Elende Schurken! Verdammte Wegelagerer!«
Von rechts kam ein Geräusch wie von brechenden Zweigen, ein Schatten brach aus dem Wald hervor, ein Reiter mit wehendem Haar. Er setzte mit einem Sprung über den Waldweg und war im Gehölz verschwunden.
»Hast du den gesehen?«, stieß sein Sohn entsetzt hervor. »Der sah aus wie ein Gespenst.«
»Unsinn! Banditen sind es. Räuber. Der Totenvogel soll sie holen! Mir hat man gesagt, dieser Weg sei sicher, weil sie sich weiter im Süden herumtreiben.«
»Stimmt leider nicht.« Wie vom Baum gefallen stand plötzlich ein Mann vor ihnen mit wilden Augen und dunklem Haar. »Wir treiben uns wieder auf der alten Handelsstraße herum.« Mit einem Griff zog er ihm die Geldbörse aus dem Gürtel. »Ist das alles?«
Der junge Mann versteckte eine Hand auf dem Rücken. Der Räuber packte ihn und sah den kostbaren Ring. »Runter damit, sonst nehme ich den ganzen Finger!«
»Den hat mir meine Mutter geschenkt!«
»Keine Familiengeschichten! Wird’s bald? Und dann ausziehen. Alles!«
»Fette Beute, Rastafan?« Aus dem Dickicht trat ein kahlköpfiger Mann.
»Nur eine schmale Börse. Aber die Kleider sind was wert. Hilf mir, diese Blutsauger an die Bäume zu binden.«
»Und der Bursche hier?« Der Kahlköpfige klopfte dem jungen Mann auf den Rücken. »Ist der nichts für dich?«
Rastafan griff ihm ans Kinn. »Ich hatte schon Bessere. Aber was soll’s! Binde ihn so an, dass ich an ihn herankomme.«
»Ihr wollt uns allein zurücklassen?«
»Ihr seid nicht allein. Hier gibt es Bären und Wölfe.«
»Warum tut Ihr das? Ihr habt doch alles bekommen, was wir besitzen.«
Rastafan zog die Fesseln stramm. »Oh nein, ihr besitzt immer noch euer Leben.« Er lockerte den Gürtel und trat hinter den jungen Mann. Bevor er ihn nahm, fragte er ihn: »Ich vermute, in Margan stehen immer noch die Pfähle mit den zu Tode Gespießten auf den Mauerzinnen? Einer von ihnen war mein Vater.«

1

Der Südwind brachte Staub aus den Sandbergen jenseits der Grenze und fauchte wie ein Drache. Er fegte über die Zinnen von Margan, Jawendors verbotener Hauptstadt, und legte sich auf Tempeldächer und Palaststufen. Sein Heer aus unzähligen Sandkörnern heulte durch die Gassen, kroch in jede Ritze und peitschte die Gesichter der Menschen mit einer Attacke aus winzigen Pfeilen. Niemand konnte ihm gebieten, kein Priester ihn mit Ritualen besänftigen. Heiß und giftig war sein Hauch, der Himmel verfinsterte sich, und alles, was Atem hatte, floh und suchte Schutz.
Die schweren Holztore des Sonnentempels waren geschlossen worden. Amram, ein Priester niederen Ranges, scheuchte die Tempelsklaven herum, die große Reisigbesen schwangen, um der Plage Herr zu werden. Nicht nur die Treppenstufen, Höfe und Korridore mussten vom Staub befreit werden, auch die Götterstandbilder und sakralen Gegenstände durften nicht länger mit dem Schmutz aus Achlad verunreinigt bleiben.
Der Sonnentempel war ein dreistöckiger Rundbau, ganz mit weißem Marmor verkleidet und von einer goldenen Kuppel überwölbt. Unter der Kuppel residierte Sagischvar, das Oberhaupt der Sonnenpriester. Das zweite Stockwerk wurde von den ranghohen Priestern bewohnt, die sich gern die »Erleuchteten« nannten. Sie behaupteten, alle Geschichten von Anbeginn der Welt zu kennen, und waren für die unerlässlichen Zeremonien und Rituale zuständig, um die Stadt und das Land zu schützen.
Der Mann, der beim Licht einer Öllampe in einer alten Schrift las, war noch jung. Dennoch zählte auch er bereits zu den Sakrosankten. Niemand durfte einen Sonnenpriester berühren, auch nicht versehentlich, es sei denn, er erhielt die Erlaubnis dazu. Sein Name war Jaryn.
Der Raum lag im Dunkeln, denn er hatte die hölzernen Läden vor dem Sturm geschlossen. Die Lampe spendete ein gelbliches Licht und flackerte im Windzug, der noch durch die kleinste Spalte pfiff. Der junge Priester beugte sich missmutig über das Buch. Immer wieder fuhr seine Hand über die Seiten, um hartnäckige Sandkörner zu entfernen, aber sie saßen auch in seinen Haaren, in den Falten seines Gewandes und knirschten sogar zwischen den Zähnen. Jaryn klopfte sich restliche Stäubchen aus seinem Rock. Er war aus kirschroter Seide, knöchellang und hochgeschlossen, so wie alle Priestergewänder, nur die Farbe änderte sich mit den Monaten. Rot war die Farbe des Hitzemonds.
Er hasste Schmutz. Besonders dann, wenn er ihm ausgeliefert war. Für die Reinlichkeit im Tempel sorgten Sklaven, aber wer hielt ihm diesen unerträglichen Sand aus den weißen Bergen vom Leib? Dieser Staub war mehr als lästig und galt als besonders verflucht. Weißer Sand war die tödliche Botschaft der Schwarzen Reiter, die jenseits der Wüste hausten und jedes Jahr unter ihrem Fürsten Lacunar blutige Streifzüge in das Land Jawendor unternahmen.
Jaryn merkte, dass er sich nicht auf die Schrift konzentrieren konnte, seine wütenden Gedanken zerstoben in alle Richtungen. Deswegen nahm er eine kleine Scheibe mit eingraviertem Gottesbild zur Hand, küsste sie und drückte seine Stirn dagegen. Das machte ihn ruhig, denn so fühlte er sich eins mit Achay, dem hellen Bruder des dunklen Zarad, der gleich gegenüber im schwarzen Tempel der Mondpriester hauste.
Nach ihrem Lichtgott Achay nannten sich die Sonnenpriester auch »Achayanen«, während sie die anderen verächtlich »Zaradulen« – Zarads Sklaven – nannten. Zwischen den beiden Tempeln herrschte eine Feindschaft, die weit in die Jahrhunderte zurückreichte und deren Anlass vergessen war.
Auch Jaryn verachtete die Mondpriester, die der Nacht angehörten und deren Aufgabe es war, Dämonen zu beschwören oder zu beschwichtigen, Zaubersprüche aufzusagen, Rituale mit schwarzen Tieren und schwarzen Gegenständen zu zelebrieren, kurz: jeglichen Aberglauben zu bedienen, der im Volk herrschte. Aber übergehen konnte sie niemand. Mit Geduld und Hinterlist hatten sie es verstanden, sich der herrschenden Schicht unentbehrlich zu machen. Selbst König Doron ließ seine Schreiben von ihnen aufsetzen, denn die heiligen Zeichen waren den Priestern vorbehalten.
Dadurch gewannen sie Einfluss im Land, aber von der wahren Göttlichkeit und himmlischen Reinheit durchdrungen waren nur die Achayanen, die durch ihre Gebete und feierlichen Rituale die Menschen von Jawendor – selbst den König – beschirmten und beschützten vor Razoreth, dem Herrn des Abgrunds, dem Gebieter über die sieben Kreise des Bösen.
Oftmals, wenn Jaryn einen heiligen Gegenstand in die Hand nahm und ihn an die Lippen oder an die Stirn führte, spürte er, wie der Gott, einer Flamme gleich, durch seinen Körper bis in die unteren Regionen seines Leibes raste. Dort hielt er sich gern eine Weile auf, verströmte seine Hitze und ließ das Fleisch lustvoll anschwellen. Das war der Augenblick, in dem Achay nach Jaryns Hand verlangte. Er wollte von ihr umfasst, gestreichelt, gedrückt und gerieben werden. Dabei wurde sein Fordern immer stärker – und wer durfte ihm den Gehorsam verweigern?
Natürlich wusste Jaryn, dass gewöhnliche Menschen sich mithilfe dieses Körperteils paarten und dabei auch gewisse primitive Lustgefühle verspürten, jedoch lag so ein Verhalten außerhalb seines Denkvermögens. Wie hätte ein Sonnenpriester sich mit seinem heiligen Leib in unzüchtiger, schwitzender Umarmung suhlen können? Das Volk war dazu verpflichtet, sonst würden keine Kinder geboren. Selbst der König musste es tun. Und er war ein mächtiger und gefürchteter Mann. Aber eben doch nur ein Mann und kein Achayane.
Jaryn erschauerte und seufzte tief, als der Gott ihn verließ. Eine Weile blieb er sitzen und ließ die Wonneschauer abebben. Es war jedes Mal erhebend, wenn der Gott ihn besuchte, und er besuchte ihn täglich. Als er aufstehen wollte, um den Baderaum aufzusuchen, klopfte es an seine Tür. Am Klopfzeichen erkannte er, dass es Saric war, ein rangniederer Priester und Novize. Sklaven durften die oberen Gemächer nicht betreten.
Jaryn schlug auf ein Becken, und Saric trat ein. Auch er war dem Monat entsprechend in ein rotes Gewand gekleidet, jedoch war es aus grobem Leinen. Um seinen Hals hing, wie bei allen Sonnenpriestern, ein Amulett mit dem Abbild Achays, von dessen Haupt Strahlen ausgingen. Saric näherte sich mit gesenktem Blick, so wie es allen rangniederen Priestern befohlen war, wenn sie Jaryn gegenübertraten. Bei seiner Weihe hatte Sagischvar die Worte gesprochen: »Vor deiner Schönheit sollen sich die Gestirne des Himmels verneigen.«
Tatsächlich war Jaryn ein außergewöhnlich schöner Mann, den wohl der Finger eines Gottes berührt haben mochte. Er war gut gewachsen, hatte ebenmäßige Züge, eine gerade Nase und einen sinnlich geschwungenen Mund. Sein langes, dunkelblondes Haar war durchzogen von weißblonden Strähnen, die darin wie silberne Bänder leuchteten. Er trug es über der Stirn gerade geschnitten und im Nacken zum heiligen Zopf gebunden. Am bemerkenswertesten jedoch waren seine Augen: schmal und funkelnd wie dunkelblaue Kristalle. Manche ertrugen seinen Blick nicht. Vor gleichrangigen Priestern bedeckte Jaryn sein Haupt mit der weiten Kapuze des Priesterrockes, damit seine Schönheit sie nicht verstörte und sie vor dem jungen Mann keine Unsicherheit befiel.
»Was gibt es, Saric?« Jaryn war ungehalten über die Störung, denn noch schien sich der Gott im Raum aufzuhalten, meinte er, seine Gegenwart zu spüren.
Saric überreichte ihm mit abgewandtem Blick eine Schriftrolle. Jaryn erkannte am Siegel, dass sie aus Drienmor kam, einer Stadt im Westen, die etwa zwei Tagesreisen entfernt, noch hinter den Rabenhügeln lag. Er wunderte sich darüber. Wer mochte ihm von dort eine Nachricht schicken? Kannte er jemanden in Drienmor? Ihm fiel niemand ein, umso neugieriger war er auf die Botschaft. Mit einer ungeduldigen Handbewegung wedelte er Saric hinaus. »Danke, du kannst gehen.«
Der Priester nickte stumm und entfernte sich geneigten Hauptes rückwärts zur Tür hinaus. Man drehte einem Erleuchteten niemals den Rücken zu. Jaryn hatte jedoch bereits den Blick von ihm abgewandt. Er schenkte den Novizen nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig. Sobald er die Tür zufallen hörte, entfernte er hastig das Stadtsiegel. Doch als er das Pergament entrollte, erbleichte er. Auf dem Schreiben blickte ihm Alathaia entgegen, die Zweifache und doch Eine, die uralte, fast vergessene Muttergöttin, deren Bildnis nur einer im Lande zu verwenden wagte: Anamarna, der Eremit von Kurdur. Alathaias Bildnis war so heilig, weil es den Urzustand der Welt symbolisierte, die Eintracht aller Lebewesen, aber diese war verloren gegangen, als die Eine sich gespalten hatte. Auf dem Pergament jedoch zeigte sie sich in ihrer alten Größe. Eine Vision? Eine Prophezeiung? Oder eine Blasphemie?
Der Text war kurz. Anamarna bat ihn um einen Besuch in den nächsten Tagen. Einen Grund dafür nannte er nicht. Jaryn klopfte das Herz heftig gegen die Rippen. Was mochte den im ganzen Land verehrten Eremiten bewogen haben, ihn zu sich zu rufen? Was konnte er von ihm wollen? War er nicht einer der Geringsten unter den Erleuchteten? Jaryn huschte ein selbstgefälliges Lächeln über die Lippen. Er war der Jüngste, aber nicht der Geringste. Er war Achays Ebenbild.
Bis zu seinem zwölften Lebensjahr war er in sehr bescheidenen Verhältnissen bei seinem Großvater aufgewachsen. Nach dessen Tod hatten ihn Priester in die verbotene Stadt gebracht. Das allein war bemerkenswert gewesen, denn einfache Leute aus dem Volk durften sie nur mit einer Sondererlaubnis betreten. Die Priester eröffneten ihm, er werde im weißen Tempel zum Sonnenpriester ausgebildet. Das habe Achay in seiner göttlichen Weisheit so beschlossen.
Wer Achay war, hatte Jaryn damals nicht gewusst. Zehn Jahre hatte er als Novize gedient. Seitdem war Jahr für Jahr in dem einst bescheidenen Knaben die Überheblichkeit auf die eigene Bedeutung gewachsen. Bereits mit zweiundzwanzig durfte er die großen Bekenntnisse ablegen und erhielt die erforderlichen Weihen. Er hatte sich gefühlt wie ein Gefäß, das mit Göttlichkeit angefüllt war wie eine Schatzkiste mit schimmernden Perlen. Heilig war er, unberührbar, kalt wie der Eismond und leer im Innern wie die Schale eines Bettlers. Jaryn wäre allerdings erstaunt gewesen, solches über sich zu hören.
Gedankenverloren rollte er das Pergament wieder zusammen. Weshalb befielen ihn unwürdige Zweifel? Der große Anamarna rief ihn zu sich. War das nicht ein weiteres Zeichen seiner Vortrefflichkeit? Mit sich selbst zufrieden, erhob er sich, tat zwei tiefe Atemzüge, strich mit einem abwesenden Lächeln über sein seidenes Gewand, als berühre er seine Haut, und in seine kristallblauen Augen trat ein sieghaftes Funkeln. Wäre Achay selbst in diesem Augenblick durch die Tür getreten und hätte ihm die Hand gereicht, Jaryn hätte sie wie selbstverständlich ergriffen. Gefährte eines Gottes zu sein – wer, wenn nicht er, wäre dessen würdig?
Der Weg nach Drienmor war weit und gefährlich. Besonders die Rabenhügel waren von dichten Wäldern bedeckt und von finsteren Schluchten durchzogen. Nur wenige Pfade führten hindurch, die zwar gangbar, aber unsicher waren wegen der Gesetzlosen, die sich hier verbargen. Niemand, der bei klarem Verstand war, durchquerte die Hügel ohne bewaffnete Eskorte. Aber Jaryn war ein Unberührbarer. Niemand würde es wagen, Hand an einen Sonnenpriester zu legen. Zudem trug er Anamarnas Pergament bei sich, des Allweisen, der bei einer Höhle an der heiligen Kurdurquelle hauste, deren Wasser jedem, der reinen Herzens war, hundert Jahre Leben schenkte, wenn er aus ihr trank. Zwar kannte Jaryn außer Sagischvar, der behauptete, einhundertfünfzig Sommer zu zählen, niemanden, der so alt geworden war, was für ihn aber lediglich bewies, wie verworfen die Menschen waren. Er selbst würde Anamarna um Erlaubnis bitten, daraus trinken zu dürfen, schließlich war er über jede Verdunkelung seiner Seele erhaben.
Für den Weg, überlegte Jaryn, würde er zwei oder drei Tage benötigen. Über Gefahren, die am Weg lauern mochten, machte er sich keine Sorgen. Ein Achayane wandelte unter dem Schutz des Gottes wie unter einer unsichtbaren Hülle, die ihn umgab, wohin auch immer er seinen Fuß setzte. Davon war Jaryn überzeugt, obwohl er seit seiner Ankunft im Tempel noch keinen Schritt aus der verbotenen Stadt hinausgetan hatte.
Die Nächte waren mild im Hitzemond. Er packte eine dünne Decke ein, ein Paar Sandalen und ein Gewand zum Wechseln; dazu Proviant für einige Tage und einen Wasserschlauch. Für einen Leuchtenden gab es überall im Land Menschen, die ihm helfen würden, falls etwas zur Neige ging, und er wollte nicht allzu schwer an der Last tragen. Innerhalb der Stadt hätte ihm eine Sänfte zugestanden, doch das war in diesem Fall ausgeschlossen. Niemand hätte es gewagt, vor dem Eremiten so unbescheiden aufzutreten. Auch Reiten war wegen der engen Berührung mit einem Tier und dessen strengem Geruch verboten.
Leicht würde der Weg nicht werden, aber wer von Anamarna gerufen worden war, der musste stark sein. Er vergaß auch nicht die kleine Sonnenscheibe, mit der er den Gott einlud, ihn zu besuchen. Zuletzt legte er sich eine goldene Kette mit dem feurigen Auge des Lichtgottes, einem riesigen Rubin, um den Hals. Dann war er reisefertig.
Seine Mitbrüder waren überrascht, ja bestürzt, als er ihnen mitteilte, dass er sich ganz allein auf eine kleine Reise zur Quelle von Kurdur begeben werde. Nach eifrigem Austausch von Vermutungen und Befürchtungen standen alle in der großen Halle und nahmen Abschied von ihm, als hätte er die Absicht, ein Jahr fortzubleiben. Sie beneideten ihn, denn er durfte etwas von der Welt sehen, wozu ein Sonnenpriester nur selten Gelegenheit bekam. Es vertrug sich nicht mit seiner Würde, in der Gegend herumzuspazieren oder Ausflüge zu machen. Aber die Einladung des allseits hochverehrten Eremiten verpflichtete Jaryn dazu. Selbst Sagischvar gab ihm die Ehre und ließ es sich nicht nehmen, ihm etliche Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.
Jaryn war froh, als er seinen besorgten Mitbrüdern samt ihren guten Ratschlägen entkommen war und die breite Allee hinunter schritt, die geradewegs zum Haupttor führte. Er war zum ersten Mal allein in der Stadt unterwegs, und das verschaffte ihm ein berauschendes Machtgefühl. Rechts und links wichen ihm die Menschen aus. Das scheinbar unentwirrbare Knäuel aus Sänften, Karren, Reitern und Fußgängern öffnete sich wie ein Vorhang. Er schien förmlich hindurchzuschweben. Prunkvolle Sänften, stolze Reiter, viele mit dem königlichen Wappen geschmückt, machten ihm ehrfurchtsvoll Platz. Einige knieten an den Hauswänden nieder und reckten ihm ihre Arme entgegen, damit ein Abglanz seiner Heiligkeit auf sie falle.
Jaryn lächelte nicht und beachtete sie nicht, das erwartete man von ihm. Erhaben über das Gewimmel um ihn herum ging er seinen Weg, das Gesicht wie in Stein gemeißelt, schön wie die Götterbilder, die vor den Tempeln standen, ganz in sich selbst ruhend. So gelangte er zum Tor, verließ die Stadt und schlug den Weg nach Westen ein, wo sich weit hinten am Horizont die Rabenhügel als eine dunkle, gezackte Linie abzeichneten. Bald geriet er auf einen schmalen Feldweg, auf dem ihm nur noch selten Menschen begegneten, die sich bei seinem Anblick furchtsam in die Büsche drückten. Einfache Bauern und Handwerker, die noch nie einen Sonnenpriester leibhaftig gesehen hatten.
Nach einem längeren Fußmarsch verspürte er das Bedürfnis nach einer Rast. Weit und breit war niemand zu sehen, aber er wagte es nicht, sich auf jenen Feldstein am Weg zu setzen, der zur Rast einlud. Was hätte ein zufällig vorbeikommender Wanderer wohl von einem Sonnenpriester gehalten, der hier wie ein gewöhnlicher Bauer sein Vesperbrot verzehrte?
Jaryn drang tiefer in den Wald ein, suchte sich eine geeignete Stelle und breitete die Decke unter einer großen Fichte aus. Obwohl er seine Schritte sorgfältig bemessen hatte, war der Saum seines Gewandes vom Straßenstaub beschmutzt. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Ich hätte eben doch mehr Roben einpacken sollen, ging es ihm durch den Kopf, während er seinen dürftigen Rastplatz in Augenschein nahm. Er war umgeben von Staub, Erde, Gräsern, kleinen Ästen und Fichtennadeln, einfach dem Schmutz des Erdbodens. Und bei genauerem Hinsehen entdeckte er sogar Käfer, Ameisen und kleine Spinnen, die sich anschickten, die ausgebreitete Decke zu erklimmen. Er unterdrückte seinen Widerwillen und setzte sich. Wer auf Wanderschaft war, der musste Profanes erdulden. Schließlich konnte er vom niederen Getier, das womöglich die Zaradulen für ihre Beschwörungen benutzten, nicht erwarten, dass sie Heiliges erkannten, geschweige denn respektierten.
Brot, Braten, Käse und Obst verzehrte er dann doch mit Appetit, denn der ungewohnte Ausflug hatte ihn hungrig gemacht. Die Sonne war bereits hinter den Baumwipfeln verschwunden, und bald würde es dunkel werden. Er hoffte, vorher noch Caschu zu erreichen, ein kleines Dorf, das auf seinem Weg liegen sollte, wie man ihm im Tempel versichert hatte. Doch plötzlich fühlte er sich schläfrig und beschloss, noch eine Weile zu ruhen. Vorsichtig lehnte er sich gegen den Baumstamm und schloss die Augen.
Es tat ihm gut, hier zu sitzen, in dieser vollkommenen Stille, denn das Rauschen des Windes in den Baumkronen und den Gesang der Vögel nahm er nicht bewusst wahr. Der Geruch von Kiefernharz, feuchter Erde und welkem Laub stieg ihm in die Nase. Gewöhnliche Gerüche, und doch erinnerten sie ihn schwach an eine Zeit, als er ein anderer gewesen war. Er sah einen Knaben, der Wasser aus dem nahen Bach in einen Holzbottich schöpfte, während der Großvater vor der Haustür saß und seine Pfeifen schnitzte. Er hatte so viele Geschichten gekannt, die Jaryn zum Lachen brachten. Aber Jaryn wusste auch, dass er diese Bilder nicht heraufbeschwören durfte. Sein Großvater war tot, und aus dem Knaben war ein Mann geworden. Wie oft hatte man ihm als Novize eingebläut: »Vergiss dein altes Leben, sonst wirst du nur leiden.« Er horchte in sich hinein. Durfte er die Erinnerung an jenes derbe Leben dulden? Galten im Wald andere Gesetze? Er beschloss, den weisen Anamarna zu befragen. Darüber schlummerte er sanft ein.
Als er erwachte, erschrak er, denn um ihn war es stockfinster. Es war nicht einmal daran zu denken, den Hauptweg wiederzufinden. Er verfluchte sich wegen seiner Schwäche, die ihn zwang, an diesem Ort zu übernachten, und lauschte in die Nacht. Unheimliche Geräusche drangen an sein Ohr, ein Wispern und Knacken, ein Fiepen und Rauschen, als hätten sich sämtliche Waldgeister hier verabredet. Bei Savaron, dem Geflügelten, um so niedrige Geschöpfe sollten sich die Zaradulen kümmern! Nicht einmal ein Feuer konnte er anzünden bei dieser Dunkelheit. Blind tastete er in seinem Bündel herum, bis er die Sonnenscheibe fand. Er rollte sich auf seiner dünnen Decke zusammen, hielt die Scheibe fest umklammert und schloss die Umgebung aus seinen Gedanken aus, indem er sich auf das Licht konzentrierte, das symbolisch in ihr eingefangen war. Er wartete, ob der Gott sich ihm offenbarte, aber er zeigte sich heute nicht. Dennoch war Jaryn nach kurzer Zeit eingeschlafen.
Die ersten Sonnenstrahlen weckten ihn. Verwirrt schaute er sich um und bemerkte, dass er unter einem Baum auf einer zerwühlten Decke lag. Von seiner seidenen Robe musste er braune Fichtennadeln pflücken, und an seinem linken Ärmel wies ein Fleck auf die Hinterlassenschaft eines Vogels hin. Erschrocken wollte er ihn mit etwas Gras wegreiben, was die Sache noch verschlimmerte, und das zweite Gewand in seiner Tasche war für den Rückweg bestimmt. Er nahm ein rasches Frühstück zu sich und setzte seinen Weg fort. Zu seinem Verdruss gelangte er bereits nach kurzer Zeit in das Dorf Caschu. So nah war er einer angemessenen Unterkunft gewesen und hatte unter einer Fichte übernachtet!
Sorgsam den beschmutzten Ärmel verbergend, durchquerte er die ärmliche Ansiedlung mit raschen Schritten und ohne sich umzublicken. Die Leute, die ihm begegneten, starrten ihn mit offenen Mündern an, bevor sie sich beeilten, auf die Knie zu sinken. So eine Ehre war ihnen noch nie widerfahren. Jaryn tat, als seien sie nicht vorhanden. Er war froh, als er das Dorf hinter sich gelassen hatte. Nun begann der Anstieg in das Waldgebiet, das man die »Rabenhügel« nannte. Die Wege waren nicht allzu steil, aber die Gegend war unheimlich. Düster war es unter den mächtigen, uralten Bäumen, deren Blätterkronen nur wenig Licht durchließen. Mannshohe Gesteinsbrocken und schroffe, jäh aus dem Boden ragende Felswände vermittelten den Eindruck einer versteinerten Siedlung. Sie boten unzählige Verstecke für Gesetzlose, die hier hausen sollten.
Jaryn ging unbeirrbar geradeaus. Er fürchtete sich nicht vor Wegelagerern, nur vor Ameisen, Spinnen und Kotflecken. Mal musste er in einer schmalen Schlucht über gefallene Baumriesen klettern, mal balancierte er über runde Kiesel in einem ausgetrockneten Flussbett. Einmal blieb er mit dem Gewandsaum an einem herausragenden Ast hängen, wodurch der Stoff einen Riss bekam. Jaryn dämmerte die Erkenntnis, dass ein seidener, knöchellanger Rock für diese Umgebung nicht das geeignete Kleidungsstück sei. Doch wie konnte ein Sonnenpriester darauf verzichten? Undenkbar! Der Rock war ihm wie eine zweite Haut.
Jaryn kämpfte sich redlich durch die Wildnis, verbrachte die Nacht unterhalb einer Felswand und erreichte am nächsten Mittag die Drachensteine, eine bizarre Landschaft von Kalkfelsen, die das Wasser ausgehöhlt und sonderbare Formen und Grotten hinterlassen hatte. Nur vom Wind zerzaustes niedriges Buschwerk konnte hier Wurzeln schlagen. Oberhalb eines Baches, der von der Kurdurquelle gespeist wurde, führte ein schmaler Pfad zu Anamarnas Höhle.
Jaryn sah ihn schon von Weitem auf einer Bank vor seiner Hütte sitzen und eine Pfeife rauchen. Wie Großvater!, schoss es ihm durch den Kopf. Die langen weißen Haare, der kurze, rundgeschnittene Bart, der silbergraue Leinenrock – er war es! Ein seltsamer Druck legte sich auf seine Brust. Aber als er nähertrat, sah er, dass es nur ein alter Mann war, der ihm ähnelte.
Der Eremit, den alle Welt als den Weisesten unter den Weisen pries, sah also aus wie sein Großvater. Jaryn näherte sich ihm mit zwiespältigen Gefühlen. Sein Gewand war beschmutzt und zerrissen, sein Haar verschwitzt, der Zopf halb aufgelöst. Gut so, dachte er trotzig, soll der Weise doch sehen, was für einen Gewaltmarsch er einem Sonnenpriester zugemutet hat!
Leider schien dieser die Spuren seiner Strapazen überhaupt nicht wahrzunehmen. Er nickte ihm freundlich zu, als habe er ihn nur kurz zum Milchholen geschickt, und wies auf die Bank neben sich. »Jaryn. Schön, dass du da bist. Da, setz dich her zu mir. Ich lasse meine alten Knochen gerade von der Sonne wärmen, das tut gut.«
Jaryn konnte seinen mehrfach geübten Kniefall nebst Handkuss und salbungsvollen Worten getrost vergessen. Die unterschiedlichsten Empfindungen durchströmten ihn, als er sich neben dem großen Anamarna niederließ. Er sah nicht nur aus wie sein Großvater, er redete auch so. Es befremdete ihn, weil er nicht wusste, wie er sich ihm gegenüber verhalten sollte. War der Name dieses Mannes nicht in ganz Jawendor berühmt? Wurde er nicht von allen verehrt, selbst vom Oberpriester Sagischvar und König Doron? Wie heilig und unantastbar musste er sein! Weshalb saß er dann hier in einem bäurischen Kittel aus Leinen, rauchte in aller Öffentlichkeit eine Pfeife und sprach ganz freimütig von seinen alten Knochen wie ein Bauer? Hatte er denn gar keine Würde?
Jaryn versuchte, seinen befleckten Ärmel zu verbergen, und klemmte die Stelle mit dem Riss unter seine Schenkel. Wie unpassend die rote Seide neben dem grauen Stoff des Eremiten aufleuchtete! Jaryn war sich dessen zwar bewusst, aber unfähig, diesen Unterschied im klaren Licht echter Erkenntnis zu sehen. Während er sich noch mit dieser Auffälligkeit beschäftigte, bemerkte er zu seinem Schrecken, dass er noch kein Wort zur Begrüßung gesagt hatte. Wie unhöflich! Was musste der Meister von ihm halten? Dass er keine Manieren hatte? Er räusperte sich. »Meister – Herr – wie darf ich Euch …«
»Ich bin Anamarna. So nannte mich meine Mutter, als ich das Licht der Welt erblickte. Kein schlechter Name. Meine Mutter hatte ein Gespür für passende Namen.« Er zwinkerte Jaryn zu. »Also weißt du, wie du mich anreden sollst.«
Jaryn errötete, was ihm, soweit er sich erinnern konnte, zum letzten Mal als Knabe passiert war. »Anamarna« sollte er zu ihm sagen, als sei dieser ein Tempelsklave. Nicht »Erhabener«, nicht »Erleuchteter«, nur Anamarna. Er nickte. Und er verfluchte sich für seine Unsicherheit. Sie war seinem Wesen fremd. Jaryn hätte sich viel wohler gefühlt, wenn er ihm die Füße hätte küssen dürfen, denn das hätte er verstanden. Das kam einem wie Anamarna zu. Was also war das Geheimnis des Alten?
Dieser wandte den Kopf und sah ihn an. »Du bist ein hübscher Bursche geworden, Jaryn. Eigentlich ganz unbegreiflich …« Er zögerte, und Jaryn überlief es heiß. Er hatte vergessen, die Kapuze überzustreifen und den Kopf zu senken, damit der andere – Aber Anamarna wirkte nicht verstört, nur nachdenklich.
»Was ist unbegreiflich?«, wagte Jaryn zu fragen.
»Was sich die Götter in ihrer Kurzweil ausdenken«, erwiderte Anamarna ernst. »Aber deswegen habe ich dich nicht kommen lassen.« Er klatschte in die Hände, und ein halbwüchsiger Junge trat aus der Hütte. Er verneigte sich vor Anamarna und Jaryn.
»Aven, unser Gast ist gekommen. Bring uns ein paar Erfrischungen. Wir werden sie hier zu uns nehmen, das Wetter erlaubt es.«
Der Junge verneigte sich abermals und verschwand in der Hütte, doch Jaryn hatte den verstohlenen Blick bemerkt, den dieser ihm zugeworfen hatte. Nachdem er sich genug über das Verhalten des Eremiten gewundert hatte, war er plötzlich ungeduldig zu erfahren, was dieser von ihm wollte. Ausgerechnet von ihm, obwohl es einhundertundzwölf Sonnenpriester gab, die niederen Ränge nicht mitgezählt. Aber er wagte nicht zu fragen. Neugier war eines Achayanen nicht würdig.
Der Junge kam rasch wieder. Er baute einen Tisch auf, verteilte Becher und Schüsseln, und in die Mitte stellte er einen großen Krug. Anamarna nahm ihn und füllte Jaryn den Becher mit klarem Wasser. »Du wirst Durst haben. Ich weiß, es ist ein weiter Weg von Margan und nicht einfach, die Rabenhügel zu durchqueren. Aber du bist ja jung und kräftig.«
Es schien Jaryn, als mustere ihn der Alte nach diesen Worten etwas skeptisch, aber er fügte nichts weiter hinzu. »Danke. Ich bin tatsächlich sehr durstig, denn mein Wasserschlauch ist schon seit Stunden leer.« Er nahm ein paar kräftige Schlucke. »Das tut gut«, murmelte er, obwohl er es nicht gewohnt war, Wasser zu trinken. In Margan bot man einem Sonnenpriester die besten Weine an, wenn er als Gast kam. Ja, bei dem Eremiten war alles anders. Er wohnte schließlich auch in einer Hütte, die man nicht einmal einem Diener angeboten hätte.
»Das will ich meinen, es ist frisches Quellwasser.«
»Aus Eurer berühmten Kurdurquelle?«, stieß Jaryn aufgeregt hervor. Er konnte es nicht fassen, dass ihm dieses wunderwirkende Wasser so ohne Weiteres angeboten worden war.
Anamarna nickte. »Ihr Wasser hält Körper und Geist gesund, aber die Legenden, die man über sie erzählt, wird ein geweihter Achayane doch nicht glauben?«
»Nein, natürlich nicht«, versicherte Jaryn rasch und wurde abermals rot.
Aven brachte einen Topf mit gedünstetem Gemüse, dazu Brot, gekochte Eier und würzigen Schafskäse. Dann verneigte er sich vor Jaryn. »Möge es dir munden, edler Abgesandter Achays.«
Jaryn nickte ihm mit starrer Miene zu. Niemals bedankte er sich bei einem Diener, weder mit Worten noch mit einem Lächeln, ja er beachtete ihn nicht einmal. Dass er ihm jetzt zugenickt hatte, war der Anwesenheit Anamarnas geschuldet. Dieser besaß genügend Feingefühl, den Knaben nicht zu bitten, am gemeinsamen Mahl teilzunehmen, wie Jaryn anfänglich befürchtet hatte. Denn ein Weiser schien ein unberechenbares Geschöpf zu sein, kein wirklich heiliger Mann wie ein Sonnenpriester.
Sie aßen schweigend. Jaryn fand den Gemüseeintopf ausgezeichnet, der Käse war mild, das Brot ofenfrisch. Er ärgerte sich, dass er an dem einfachen Mahl nichts beanstanden konnte. Kam es ihm nur so vor, oder schmeckte es ihm hier besser als im Tempel, wo ihm die ausgesuchtesten Speisen angeboten wurden? Nein, das war unmöglich, es musste am langen Fußmarsch liegen, der seinen Appetit angeregt hatte.
Nach dem Essen hätte er gern geruht. Anamarna würde doch sicher ein Bett in seiner Hütte haben? Schlechter als im Wald würde er dort nicht schlafen. Durfte er ihn darum bitten, oder war das unhöflich? In den höchsten Kreisen Margans fand er sich mühelos zurecht, doch hier versagte seine Erziehung. Auf Menschen wie Anamarna war er nicht vorbereitet worden.
Dieser kam ihm zuvor, als könne er Gedanken lesen. »Sicher möchtest du jetzt ein wenig ruhen, Jaryn. Du kannst dich in der Hütte hinlegen. Ich leiste mir den Luxus eines Bettes. Der Strohsack ist recht bequem.«
Jaryn schluckte. Ein Strohsack? Er wusste es nicht mit Sicherheit, aber er ahnte, dass sich in solchen Sachen gern unangenehme Tierchen aufhielten. Außerdem war er bereits benutzt, entweder von Anamarna selbst oder, was noch schlimmer wäre, von diesem Diener, der es gewagt hatte, ihn heimlich anzuschauen.
»Wir können natürlich auch gleich die Sache besprechen, deretwegen du hier bist«, unterbrach Anamarna seine Überlegungen.
Jaryn zuckte zusammen. Hatte der Meister ihm etwas angesehen? Hatten ihm seine Bedenken auf der Stirn gestanden? »Das wäre mir lieb«, erwiderte er rasch. So gewann er Zeit, sich gedanklich mit dem Strohsack anzufreunden und konnte später in Ruhe über die Sache nachdenken.
»Wie du willst. Dann hör gut zu und merk dir alles, was ich dir sage. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass du als Priester zur Verschwiegenheit verpflichtet bist.«
»Nein. Das gebietet meine Ehre.«
»Gut. Es existieren ein Fluch und eine Prophezeiung. Von dieser wissen nur wenige, und das muss so bleiben. Du bist dazu bestimmt, uns vom Fluch zu erlösen und vielleicht auch, die Prophezeiung zu erfüllen.«
Anamarna machte eine absichtliche Pause, und Jaryn fragte prompt: »Warum ich?«
»Der Fluch lastet schon seit langer Zeit auf Jawendor. Du bist der Mann, der ihn vielleicht abwenden kann. Das haben die Priester aus den Sternen und alten Schriften gelesen.«
Diese Eröffnung schluckte Jaryn wie süßen Wein. Unwillkürlich straffte er seine Schultern, seine Miene wurde ernst und konzentriert. Er war begierig, mehr zu erfahren. Keinen Augenblick zweifelte er daran, dass er der richtige Mann für die Abwehr von Flüchen jeder Art war.
»Es geht um das Königshaus von Jawendor. Die Dynastie wurde vor langer Zeit verflucht. Jeder Prinz gehört Razoreth, dem Herrn der Abgründe, wenn er diesem nicht frühzeitig entrissen werden kann.«
Jaryn fröstelte. Razoreth war der Beherrscher der sieben verborgenen Kreise, der siebenfachen Übel des Bösen: Zwietracht, Verrat, Neid, Hass, Mordlust, Wollust und Zerstörungswut. Mit ihm sollte er es aufnehmen?
»Ein Prinz wurde geboren. Wie du jedoch weißt …«
»… hat der König gar keine Kinder!«, fiel Jaryn ihm betroffen ins Wort.
Anamarna nickte. »So ist es. Diesen Widerspruch zu lösen, bist du aufgerufen.«
»Vielleicht ein Kind, von dem niemand weiß?«
»Möglich, ja sogar wahrscheinlich, was die Sache noch schwieriger macht, denn schon immer wurden Söhne, die mit Sklavinnen gezeugt wurden, sofort nach der Geburt getötet, um keine Rivalen um den Thron aufwachsen zu lassen.«
»Sind denn Sklavensöhne ebenbürtige Prinzen?«
»Wenn sie den König zum Vater haben, durchaus. Die Mütter zählen nicht. – Dir ist der erbarmungslose Brauch bekannt?«
»Das Töten der Kinder? Nein, ich …«
»Das meinte ich nicht. Ich sprach von dem Ritual, das stattfinden muss, wenn es mehr als einen Prinzen gibt. Die Brüder müssen miteinander auf Leben und Tod kämpfen, bis einer übrig bleibt, der den Thron besteigt. Es liegt auf der Hand, dass man am Hof diese Bruderkämpfe, soweit möglich, vermeiden wollte, und die hohen Gemahlinnen wollten nicht, dass sich Sklavensöhne mit ihren eigenen messen mussten.«
Jaryn nickte, als hätte er verstanden. Es war ihm aber recht fremd, was Anamarna da erzählte.
»Sobald der Erbprinz feststeht«, fuhr Anamarna fort, »versucht Razoreth alles, ihn auf seine Seite zu ziehen. Bisher ist ihm das stets gelungen. Gelingt ihm das auch diesmal, so wäre Jawendor für lange Zeit ein Ort des Schreckens. Das Böse würde seine Herrschaft antreten.«
Jaryn hatte fassungslos zugehört. »Das darf nicht geschehen«, flüsterte er. Gleichzeitig spürte er, wie sich eine unsagbar schwere Last auf seine Schultern senkte. »Bitte sagt mir, was ich tun kann, um das Unheil abzuwenden.«
»Zuerst muss der Prinz gefunden werden. Er dürfte jetzt bereits erwachsen sein.«
»Dann hatte Razoreth viel Zeit, ihm das Böse einzuflößen«, gab Jaryn zu bedenken. »Vielleicht schmiedet er bereits finstere Pläne oder hat schon diverse Verbrechen begangen?«
»Uns ist nichts Derartiges zu Ohren gekommen. Aber die Zeit drängt, das ist wahr. Denn nach seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr gehört er dem Herrn der Abgründe ganz. Dann kann niemand ihn zurückholen, niemand seine finsteren Leidenschaften mildern. Er wird selbst zu einer Kreatur der Finsternis.«
»Angenommen, ich finde ihn. Was soll ich dann tun? Ihn den Priestern ausliefern? Ihn töten?«
Anamarna schüttelte den Kopf. »Auf diese Weise raubst du Razoreth nicht seine Beute. Er würde sich notgedrungen ein anderes Opfer suchen und in seinem Zorn, betrogen worden zu sein, noch ärger wüten. Wir haben nur eine Möglichkeit: Jener Prinz muss das Erbe des Abgründigen ablehnen, von sich weisen, sich gegen ihn stellen. Mit einfachen Worten: Er darf dem Bösen nicht verfallen.«
Jaryn begann zu schwitzen, ihm dröhnte der Kopf, sein Herz klopfte wie ein Schmiedehammer. Das war eine unmögliche Aufgabe. Wie sollte er das bewerkstelligen?
»Wie viel Zeit habe ich?«, flüsterte er.
»Zwei Jahre.«
»Weswegen habt Ihr nicht schon früher mit der Suche nach ihm begonnen?«
»Weil wir deine Weihe zu einem Erleuchteten abwarten mussten, denn nur dir ist es gegeben, ihn zu finden.«
»Was hat man in früheren Zeiten getan, um das Unheil abzuwenden?«
Anamarnas Miene verdüsterte sich. »Gar nichts. Razoreth hat in Jawendor seine Macht ausgeübt, solange wir die Zeit zurückverfolgen können. Beständig ist das Böse gewachsen.«
Jaryn erschrak. In Jawendor sollte das Böse gewachsen sein? Davon hatte er nie etwas gehört. Wenn er aus dem Tempel trat, sah er eine blühende Stadt vor sich. Was meinte der alte Mann?
»Dann hat früher also niemand versucht, dem finsteren Razoreth sein Opfer wieder zu entreißen?«
»Niemand. Es gab allerdings schon immer einen Ausweg. Der König hätte sich freiwillig für sein Land opfern können, den Freitod wählen, verstehst du? Aber das ist niemals geschehen. Deshalb ist das Böse auch nie eingedämmt worden.«
Das Böse! Das Böse! Ständig faselte der Alte vom Bösen. Jawendor war reich und mächtig – wo verbarg es sich denn, das Böse? Natürlich, vielleicht meinte Anamarna den Mondtempel. Der war schon immer verdächtig gewesen, dunkle Kreaturen zu beherbergen. Vielleicht sollte er dort mit der Suche beginnen?
»Woran werde ich den Betreffenden erkennen?«
»Ich weiß es nicht. Aber wenn er dir begegnet, dann wirst du es spüren, als seist du unlöslich mit ihm verbunden. Hab Geduld, eure Wege werden sich kreuzen, so ist es bestimmt, aber dazu musst du dich unter die Menschen begeben.«
Unter die Menschen? Der Platz eines Sonnenpriesters war im Tempel. Gewöhnliches Volk musste er meiden, schon, damit er nicht versehentlich berührt wurde. Nun sollte er das Heilige auf die Straße tragen? Vielleicht musste er sich vorher einem Ritual unterziehen, das ihn berührbar machte? Er wusste nicht, ob es so etwas überhaupt gab, aber Anamarna schien das Problem nicht umzutreiben.
»Wenn du den Mann gefunden hast, musst du all deine Kraft einsetzen, die dir als Sonnenpriester zur Verfügung steht, um ihn auf die lichte Seite zu ziehen.«
»Aber wo soll ich mit der Suche beginnen?«
Anamarna legte ihm eine Hand auf den Arm. »Beginn damit, dich dem Leben in der Welt zu stellen, verlass die schützenden Mauern des Sonnentempels. Was auch immer dir begegnen wird – du wirst wissen, was zu tun ist. Natürlich ist es niemals falsch, die alten Schriften zu studieren. Aber du musst dich auch in Stadt und Land umhören, du musst deine Kraft und alle deine Sinne in den Dienst dieser Aufgabe stellen.«
»Und wenn ich versage?«, flüsterte Jaryn.
»Wenn du an dich glaubst, wirst du nicht versagen, sonst hätten die Götter dich nicht erwählt. Du kämpfst für Achay, für das Licht, vergiss das nicht. Du besitzt doch die Sonnenscheibe?«
Jaryn nickte. »Ich habe sie bei mir.«
»Erfüllt sie dich mit Kraft und Zuversicht?«
»Ja, das tut sie«, erwiderte Jaryn mit Überzeugung in der Stimme.
»Dann vertraue auch weiterhin auf sie. Sie wird dir beistehen und helfen, deinen Auftrag zu erfüllen.«
»Achay«, murmelte Jaryn. »Er besucht mich oft, dann spüre ich ihn. Er ist in mir, wenn ich sie halte.«
»Das weiß ich. Deshalb habe auch ich Vertrauen in dich, Jaryn. Der Gott wird dir alle Kraft geben, die nötig ist.«
»Aber warum ich? Was kann ich schon tun? Warum sucht Ihr nicht nach ihm, Anamarna? Ihr seid so viel klüger und weiser als ich.« Seine Zuversicht, zum Helden geboren zu sein, war zerbröselt wie ein welkes Blatt.
Anamarna lächelte. »Nein, nein, ich habe wohl Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, aber ich bin für solche Abenteuer zu alt. Ich bin zufrieden, wenn ich hier vor meiner Hütte sitzen und die Tage genießen kann. Wenn die Menschen zu mir kommen, dann gebe ich gern einen Rat – wenn ich kann. Aber ich bewege mich kaum noch fort von hier.«
Jaryn fasste unwillkürlich nach dem roten Stein um seinen Hals. »Ich bin noch jung, gewiss, aber keine Anstrengungen gewohnt. Die Priester im Sonnentempel …« Er wurde rot und senkte den Blick. »Sie beschäftigen sich nicht mit groben Dingen, sie ziehen nicht hinaus in die Welt, um das Böse aufzuspüren, sie bekämpfen es mit Ritualen und Gebeten.«
»Was nicht falsch ist«, bekräftigte Anamarna mit ernster Miene. »Aber auf dich wartet ein anderes Schicksal, und du wirst dich an einige Blessuren schon gewöhnen. So wie du auch den Weg herauf zu mir bewältigt hast.« Er zwinkerte ihm zu. »Wenngleich es deinem rotseidenen Rock nicht so gut bekommen ist.«
Jaryn biss sich auf die Lippe. Also hatte der Meister es doch bemerkt.
»Nun zu der Prophezeiung. Sie scheint jünger zu sein als der Fluch, im Gegensatz zu ihm ist sie jedoch tröstlich, denn sie verheißt, dass der Gebieter der sieben finsteren Kreise endgültig besiegt werden kann. Sie sagt: ›Was war, wird wieder sein.‹ – Dunkle Worte, die niemand mehr versteht. Vielleicht ist es dir gegeben, neben dem Kampf gegen Razoreth auch dieses Rätsel zu lösen und die Prophezeiung wahr werden zu lassen.«
»Das wäre zu wünschen«, murmelte Jaryn kraftlos, denn er verstand nicht viel von Flüchen und Prophezeiungen. Er wusste nur, dass Anamarna ihm immer größere Lasten aufbürdete, die er glaubte, niemals bewältigen zu können.
»Ja. Doch bedenke: Ohne die Aufhebung des Fluches kann die Prophezeiung nicht wirksam werden. – Aber nun solltest du dich wirklich zu Bett begeben. Du siehst so bleich aus wie ein Gefangener nach langer Kerkerhaft.«
Jaryn erhob sich mit bleischweren Gliedern. Dankbar wankte er in die Hütte und ließ sich ohne Weiteres auf einen der Strohsäcke sinken. Er glaubte, unter der ungeheuren Verantwortung zerbrechen zu müssen. Ihm war nichts anderes aufgetragen worden, als den Kampf mit der Finsternis aufzunehmen, Razoreth seinen Schützling zu entreißen und den alten Vertrag zu zerbrechen. Ein ehrenvoller Auftrag, doch auch ein Übermenschlicher, selbst für einen Erleuchteten. Wenn es ihm gelang, dann war ihm unsterblicher Ruhm sicher. Aber wenn er versagte – Nein! Diesen Gedanken durfte er nicht zulassen. Niemals! Er berührte die kostbare Kette auf seiner Brust. »Ich bin Jaryn, der Achayane«, flüsterte er inbrünstig, »ein Feind alles Bösen, denn ich bin erleuchtet worden.« Dann schlief er ein und lieferte sich seinen Träumen aus. Aber sie kamen nicht. Und als er am nächsten Morgen erwachte, stand Aven an seinem Bett und lächelte ihn an. »Der Meister erwartet dich zum Frühstück, Jaryn.«
Benommen starrte er zu dem Knaben hinauf. Hatte dieses Nichts von einem Diener ihn etwa während des Schlafes beobachtet, vielleicht sogar angestarrt und ihn soeben vertraulich mit seinem Namen angesprochen? Dann fiel ihm dieser tückische Auftrag ein, und sein Zorn legte sich, machte tiefer Sorge Platz. »Geh hinaus, ich muss mich umziehen!« Es kostete ihn Überwindung, das Wort an ihn zu richten, aber was sollte er tun? In Margan wussten die Diener, was sich gehörte.
Der Knabe verneigte sich lächelnd und verließ den Raum. Was für ein unverschämtes Lächeln das gewesen war! Hastig kleidete Jaryn sich an. Er wählte jetzt das saubere Gewand und stopfte das getragene achtlos in seinen Beutel. Da er keine Möglichkeit sah, sein Haar zu richten – den kunstvollen Zopf flocht ihm sonst Saric –, schlug er sich die Kapuze über den Kopf und trat vor die Tür, wo Anamarna bereits auf ihn wartete.
»Hast du gut geschlafen, Jaryn?«
Dieser stutzte. Das fragte ihn im Tempel nie jemand. »Ja, danke«, erwiderte er verwirrt und setzte sich. Es gab wieder Quellwasser, Brot, Käse, Eier und Fruchtmus.
»Ist dir kalt?«, erkundigte sich Anamarna freundlich, während er spöttisch die Kapuze musterte.
»Ich – ja, ein wenig«, log Jaryn und schenkte sich aus dem Krug ein, um Anamarna nicht ansehen zu müssen. Dann räusperte er sich. »Ein Bad gibt es hier wohl nicht?«
»Aber ja, wir waschen uns an der Quelle. Es gibt nichts Besseres. Aven wird dich hinführen. Willst du gleich gehen?«
Jaryn hätte sich gern vor dem Essen gewaschen, aber der Gedanke, sich vor dem Knaben zu entkleiden, verursachte ihm Panik.
Anamarna forschte in seinem Gesicht. »Du magst Aven nicht?«
Die Frage überraschte Jaryn. »Er ist ein Diener.«
»Nein, er ist ein Freund. Aber was machte es, wenn er ein Diener wäre?«
»Ein Freund? Aber er bedient uns.«
»Nun, ich bin schon alt, da bin ich für seine Hilfe dankbar. Er kommt aus Drienmor. Oft bleibt er einige Tage bei mir. Er ist gern hier.«
Jaryn senkte den Blick. »Verzeiht mir, das wusste ich nicht.«
Anamarna rief Aven zu sich und bat ihn, Jaryn zur Quelle zu führen.
»Folgt mir, edler Herr«, rief Aven und eilte voraus.
Sie gingen um die Hütte herum, kamen an der Höhle vorbei, in der Anamarna gewohnt hatte, bevor er sich die Bequemlichkeit einer Hütte leistete, und benutzten einen Pfad, der zum Bach hinunterführte. Der Boden war hier sumpfig und von Rinnsalen durchzogen. Jaryn lüftete den Saum seines Gewandes, doch mit den Sandalen versank er bis zu den Knöcheln. Er verfluchte seine Absicht, sich an der Quelle zu waschen, aber es war zu spät. Aven hüpfte leichtfüßig vor ihm her und setzte mit einem Sprung über einen Graben. Jaryn blieb stehen und starrte in das schlammige Wasser. Beinahe wäre er umgekehrt, da streckte ihm Aven die Hand hin. »Der lange Rock könnte dich behindern. Komm, ich halte dich.«
Jaryn starrte auf die Hand. »Hat man dir nicht gesagt, dass man einen Sonnenpriester niemals berühren darf?« Seine Stimme und die Haltung seines Kopfes drückten Empörung aus. »Lehrt man euch in Drienmor etwas anderes?«
Aven schaute unschuldig drein. »Das weiß ich nicht. Ich lerne vom Meister Anamarna.« Er verschränkte die Arme auf dem Rücken und zuckte mit den Schultern. »Dann musst du eben springen, aber wenn du hineinfällst, ziehe ich dich nicht heraus, das wäre ja verboten.«
Jaryn bemerkte, dass der Knabe unverschämt zu seinen Worten grinste. Er sprang und schaffte den Graben, aber er hatte den Rock dazu bis zu den Knien raffen müssen. Und der Knabe hatte nicht weggesehen. Er hätte es sicher genossen, wenn er hineingefallen wäre. Jaryn schäumte innerlich. Er wollte gar nicht daran denken, was man mit so einem in Margan gemacht hätte. Aber hier in der Wildnis war eben alles möglich.
Nach ein paar Schritten erblickte er die sagenumwobene Quelle. Klares Wasser sprudelte aus einem Felsen in einen kleinen Teich, der von Grünpflanzen umstanden war. Der Platz war so einsam, schön und friedlich, dass er einem das Herz öffnen konnte. Wenn nur nicht dieser Aven – Jaryn wollte ihm eben befehlen, sich zu entfernen, damit er sich waschen könne, als er zu seinem Schrecken bemerkte, dass dieser sich anschickte, seine Kleider abzulegen. Es war nicht viel, was er fallen lassen musste: ein Kittel und ein Hüfttuch. Schon stand er nackt da und sprang in den Teich. Er winkte Jaryn, der so unbeweglich am Ufer stand, als sei er selbst zu einem Felsen geworden. »Komm herein, es ist herrlich. Und es ist genug Platz für uns beide.«
Jaryn wollte ihm etwas zurufen, das sich so ähnlich anhörte wie »Du schamloses Insekt«, aber in seiner Kehle saß ein Pfropfen, er brachte nur ein Krächzen zustande. Niemals hatte er andere Priester nackt gesehen, es war ungehörig, denn die animalische Lust vertrug sich nicht mit ihren vergeistigten Seelenzuständen. Zeremonien, Prozessionen, Rituale und Gebete verloren ihren Wert, wenn zuvor der Lust gefrönt worden war. Weil aber Nacktheit diese hervorrufen konnte, war es verpönt, sich so zu zeigen. Jeder Sonnenpriester hatte seinen Lebenswandel stets auf seine Pflicht hin auszurichten. Die Mondpriester freilich, diese unzüchtigen Diener Zarads, kannten weder Scham noch Anstand. Deshalb hielt sich ein Achayane auch von ihnen fern.
Aber Jaryn hatte den schlanken, honigfarbenen Körper gesehen – mehr als seinen Augen gestattet war. Die schmalen Hinterbacken und das für das Alter des Jungen recht große Glied. Warum hatte er nicht die Augen geschlossen? Warum das Gesicht nicht in den Händen verborgen? Jetzt ging ihm das Bild nicht mehr aus dem Schädel, obwohl er nur noch Avens Kopf aus dem Wasser ragen sah. Der Junge lachte und winkte.
Jaryn beschloss, sich in sein Innerstes zurückzuziehen. Er setzte sich auf einen Stein, zog die Kapuze tief ins Gesicht und versuchte, sich zu konzentrieren. Das hatte immer funktioniert, wenn er etwas Unangenehmes vergessen wollte. Aber diesmal nicht. Dafür schien ihn tiefer unten Achay zu besuchen, obwohl er die Scheibe nicht dabeihatte. Aber Jaryn wusste, es war nicht Achay, der jetzt in seinem Unterleib wütete, es war Zarad, der Herr der Würmer und des Unrats. Und er kannte kein Gebet, um ihn zu vertreiben. Nur die Hand half, aber das war an diesem Ort undenkbar.
Jaryn knirschte mit den Zähnen, als Aven aus dem Wasser stieg und auf ihn zukam. Auf seiner seidigen Haut perlten die Wassertropfen. »Warum kommst du nicht herein, edler Herr? Willst du dich nicht waschen? Oder ist es dir verboten zu baden wie den Axacunen, die eine Schmutzkruste statt der Kleider tragen?«
Jaryn stöhnte auf. Wäre dieser Aven nicht Anamarnas Freund, er hätte ihn auf der Stelle erwürgt. Jedenfalls wünschte er sich, das zu tun, wenn er ihn dabei nicht hätte anfassen müssen. Beherrscht erwiderte er: »Wir halten unsere Körper so rein wie unsere Seelen, aber wir zeigen uns nicht nackt vor anderen.«
Aven riss die Augen auf. »Auch nicht beim Baden?« Er setzte sich unbekümmert neben Jaryn ins Gras und legte sich als Zugeständnis seinen Kittel über die Blöße. »Badest du in den Kleidern?«
Ein ungewohnt frischer Duft ging von Aven aus. Er war angenehm, aber Jaryn wusste, dass er ihn nicht genießen durfte. Er atmete flach, weil seine Erektion stärker wurde. Einen winzigen Augenblick lang dachte er, wie köstlich es wäre, wenn der Junge ihn jetzt dort berührte. Er erschrak vor sich selbst. »Wir baden allein.«
Aven musterte ihn von der Seite, aber wegen der Kapuze konnte er seine Gesichtszüge nicht erkennen. »Ich verstehe. Wie die Yaschkanen, die sich vor lüsternen Blicken schützen, weil sie fürchten, ihr Geschlechtsteil falle ihnen sonst ab.«
»Wer bei Zarads Plattfüßen sind die Axacunen und die Yaschkanen?«, fauchte Jaryn. »Von denen habe ich noch nie etwas gehört.«
»Der Meister sagte, das sind Völker jenseits der Wolkenberge, die lauter merkwürdige Sitten haben. Er sagte auch, dass wir Jawendorer uns an ihnen kein Beispiel nehmen dürften, weil wir zivilisiert seien.«
Jaryn verstand diese Parabel durchaus. Anamarna hatte diese Völker erfunden, um dem Jungen etwas beizubringen, was sich anhörte wie ein versteckter Angriff auf den Sonnentempel. Sollte der Alte etwa heimlich den Mondpriestern zugeneigt sein? Aber das konnte er jetzt nicht klären. Er wollte nur, dass Aven verschwand, damit er endlich ein Bad nehmen und seine Lust abkühlen konnte.
Aven schien das inzwischen begriffen zu haben. Er schlüpfte in seine Kleider und sagte: »Ich lasse dich jetzt allein. Du kennst ja den Weg.«
Misstrauisch sah Jaryn ihm nach, bis er verschwunden war, wartete aber noch eine Weile, bis er sicher war, dass er nicht zurückkam. Nun erst wagte er es, sich zu entkleiden, und kurze Zeit später fühlte er sich wunderbar entspannt. Er lag im Wasser auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, den Blick zum Himmel gerichtet. Nie hatte er ein so erquickendes Bad genommen. Der abgelegene Ort gab ihm das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein. Niemand wühlte sein Innerstes auf, denn was er darin erblickte, war Grund genug, es sorgsam verschlossen zu halten. Und wie er so stillvergnügt in die Sonne blinzelte, neigte Achay sich zu ihm hinab und erquickte seine Lenden mit seinem heißen Atem.
Stunden später, nachdem Jaryn mit Anamarna gegessen hatte, war dieses Gefühl verflogen. Sein Auftrag erfüllte ihn mit Bangen. Er war sicher gefährlich, aber die Gefahr war weder greifbar noch ahnte er, aus welcher Richtung sie kommen würde. Hinweise oder Spuren, denen er nachgehen konnte, gab es nicht. Es kam ihm vor wie ein Stochern im Nebel. Und doch konnte er sich nicht weigern. Sagischvar selbst hatte den Besuch bei Anamarna gutgeheißen, und Jaryn argwöhnte, dass der Oberpriester von vornherein Bescheid gewusst hatte, was ihn bei dem Eremiten erwartete.
Ihm graute auch vor dem langen Heimweg. Bis er Margan erreichte, würde er viel Zeit haben, über die Sache nachzudenken, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, wie er sie durch reines Grübeln befördern sollte.
Anamarna sah ihm die Beklemmung an und sprach ihm noch einmal Mut zu. »Allerdings«, schloss er seine Ausführungen, »halte ich es für unklug, in einem seidenen Gewand und einer kostbaren Kette über die Rabenhügel zu gehen. Du hast Glück gehabt, dass dir auf dem Herweg nichts geschehen ist. Dort haust zwielichtiges Gesindel. Ich will dir gern einen von meinen Kitteln leihen.«
Jaryn schauderte bei dem Gedanken. Er lächelte überlegen. »Niemand würde es wagen, einen Sonnenpriester anzugreifen und ihn zu bestehlen. Dafür würde er tausend Jahre auf einem glühenden Rost gebraten werden.«
Anamarna hob zweifelnd die Augenbrauen. »Hoffentlich wissen das auch die Banditen.«
Als Jaryn schon eine Weile fort war, fragte Aven den Meister: »Was ist, wenn der Auserwählte stirbt, bevor er den Mann gefunden hat?«
»Ich glaube nicht, dass er sterben wird. Nicht, bevor er durch alle …« Anamarna zögerte. »Nicht, bevor er das Unheil abgewendet hat, sonst hätten sich die Götter geirrt.«
»Und die irren nie?«
»Zu oft, mein Sohn, zu oft«, murmelte Anamarna und strich ihm über das Haar.



Die Autorin


Beruflich war ich in der Software-Branche tätig, aber nebenbei stets Autorin aus Leidenschaft. Inzwischen bin ich im Ruhestand.

Ich schreibe unter anderem historische Romane, die allerdings ca. 20 % historisch und zu 80 % Fiktion sind. Mich interessiert nicht so sehr, was gewesen ist, sondern wie es hätte sein können. Ein bisschen rau und leidenschaftlich darf es dabei schon zugehen. Ich möchte einfach schreiben, was mir gefällt, und das habe ich auch immer getan. Beispielsweise bevorzuge ich konfliktreiche Geschichten mit schwulen Männern.
Natürlich lese ich auch sehr gern Historisches, aber am liebsten historische Krimis.
Ich lebe mit meinem Mann und unserem Hund in Hamburg. Wir haben eine Tochter und eine Enkelin.
Besuchen Sie meine Homepage: www.jutta-ahrens.com 

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