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14. April 2014

Lena Paul, Herzensfreunde



Können Frauen und Männer befreundet sein, ohne den Reizen des anderen Geschlechtes zu erliegen?

Carolin, die junge, chaotische Mitarbeiterin einer Tageszeitung lernt in einem Wellness-Urlaub Mark kennen. Mark, den unwiderstehlichen Mann mit den strahlend blauen Augen, der jede Frau haben kann, die er nur will. Als er und Carolin Freunde werden, ahnt sie nicht, dass diese Freundschaft ihr Leben auf den Kopf stellen wird. Denn Mark ist nicht nur ein toller Freund, sondern eben auch ein großartiger Mann, in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Ein Karussell der Gefühle setzt sich in Bewegung.

Während sie die Karriereleiter emporklettert, ist ihr Privatleben eine einzige Katastrophe. Irgendetwas läuft immer schief. Dabei wünscht sich Carolin doch nur eins: einen tollen Mann an ihrer Seite. Einen wie Mark, denn in jedem anderen sucht sie das, was sie an Mark so fasziniert. Am Ende zählen nur drei Fragen: Wo hört Freundschaft auf? Wo beginnt Liebe? Und wie geht man damit um, wenn die Grenzen zwischen beidem verschwimmen? Mutig stellt sich Carolin dem, was sie empfindet und erlebt eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle ...


Leseprobe

Wieder nur Rechnungen, Werbung und die üblichen dicken Versandhauskataloge! Carolin war es langsam leid, ihren Briefkasten aufzuschließen und darin immer dieselben uninteressanten und lieblosen Dinge vorzufinden.
„Wenn der Postbote nichts Besseres für mich in petto hat als das, dann verzichte ich demnächst komplett darauf, diesen Kasten zu öffnen!“, dachte sie erbittert, als sie das altbekannte Häufchen Elend herausholte und zum Fahrstuhl lief.
Kreditkartenabrechnung, Telefon und Strom, alle wollten immer nur Geld von ihr. Etwas Nettes hatte offensichtlich niemand für Carolin übrig. Dabei brauchte sie gerade jetzt ein wenig mehr als nur eine Streicheleinheit. Vor zwei Wochen erst hatte sie sich von ihrem Freund getrennt, nachdem dieser sie mit einer anderen Frau betrogen hatte. Zudem erwischte sie beide in flagranti in ihrem eigenen Bett! Ihre beste Freundin befand sich in den Flitterwochen und ihre Eltern erlebten gerade ihren dritten Frühling und hatten nichts anderes als sich selbst im Kopf. Dass es im Job gerade nicht besonders gut lief, kam zu allem Übel noch erschwerend hinzu. Offensichtlich hatte sie es wohl nicht verdient, glücklich zu sein.
Doch je länger sie darüber philosophierte, wie gut es doch alle anderen hatten (ihr Ex mit seiner hübschen Neuen – die Carolin am liebsten eigenhändig um die Ecke gebracht hätte –, ihre Freundin mit ihrem frisch angetrauten Ehemann in der Karibik und selbst ihre Eltern, die sie schon seit Jahrzehnten als asexuelle Wesen ansah), umso mehr nagte das schlechte Gefühl an ihr, nichts wert zu sein. Und dann noch die bevorstehende Augenoperation nach dem kommenden Wochenende! Warum konnte nicht wenigstens einer der vielen Menschen, die sie kannte, mal an sie denken, sie mit ein paar netten Worten aufmuntern und ihr Mut zusprechen? Andere Leute bekamen ständig liebevolle Briefe, witzige Karten oder zumindest eine SMS. Carolins Handy hingegen hatte schon seit Tagen keinen Ton mehr von sich gegeben.
Traurig stieg sie aus dem Fahrstuhl und öffnete ihre Wohnungstür. Wenigstens ihre Katze Diva war ihr treu ergeben und schwänzelte ihr schnurrend um die Füße, kaum dass die Tür zu ihren heiligen vier Wänden hinter ihr ins Schloss fiel. Sie räumte die Einkäufe in die Küche, machte sich in der Mikrowelle einen Auflauf aus dem Tiefkühlfach warm und setzte sich mit Diva auf die für eine Person samt Katze natürlich viel zu große Couch. Wenigstens der Blick in die Fernsehzeitung brachte keine weitere Enttäuschung, denn er versprach einen recht unterhaltsamen Abend mit den stylischen Girls von „Sex and the City“. Liebe, Leben, Lust, das war genau das, was Carolin jetzt brauchte, um nach einer anstrengenden Woche wieder runterzukommen.

In der Redaktion war wieder einmal alles drunter und drüber gegangen und während ihre Kollegen die wirklich interessanten Stories schreiben durften, landeten auf Carolins Schreibtisch nur Sachen, mit denen sich sonst niemand befassen wollte. Tagelang hatte sie nur Korrektur gelesen, was ihre Kollegen in ihre Tastaturen gehämmert hatten, hatte die Ablage ihrer im Urlaub befindlichen Kollegin auf Vordermann gebracht und dafür gesorgt, dass auch der eitelste und begabteste ihrer Mitarbeiter den Redaktionsschluss nicht verpasste. Der einzige von ihr selbstverfasste Artikel in dieser Woche drehte sich um einen Spieler der Kreisliga, der in den Himmel gelobt werden sollte, bis es nicht mehr ging, damit überhaupt jemand zu dem Spiel aufkreuzte. Fußball war nun wirklich nicht Carolins Thema. Was hätte sie nicht dafür gegeben, einmal über die Pret-à-porter-Modeschauen berichten zu dürfen … Über Schuhe, Taschen, die neuesten Modetrends! Doch dafür war eine Tageszeitung deutlich ungeeignet und Carolin konnte froh sein, als Quereinsteigerin überhaupt bei irgendeiner Zeitung arbeiten zu dürfen. Von der großen, weiten Medienwelt und einem Job bei der von ihr heißgeliebten Cosmolita konnte sie bisher allerdings nur träumen.
Gerade als sie ihre Tasche eingepackt, den Computer ausgeschaltet und sich auf den Feierabend gefreut hatte, wurde sie zur späten freitäglichen Stunde auch noch von einem schmierigen Kerl aufgehalten, der die Siebzig längst überschritten hatte, aber offenbar noch immer glaubte, unwiderstehlich zu sein.
„Wahrscheinlich war er in seinen besseren Jahren ein Playboy, so wie er sich aufführt. Einfach widerlich!“, dachte Carolin bei sich, als sie den Mann in ihr Büro lotste, wohl wissend, dass er ihr dabei die ganze Zeit auf den Hintern starrte.
„Nun fehlt nur noch, dass er seine Hände nicht bei sich behält!“, ging es ihr dabei durch den Kopf. Eine billige Hugh-Hefner-Kopie war das Allerletzte, das sie an diesem Abend um sich haben wollte. Schnell fuhr sie den Computer noch einmal hoch und nahm die Kontaktanzeige auf, für die der gute Herr sich in die Redaktion bemüht hatte.
„Mädels, seht zu, dass ihr auf die Bäume kommt, der Mr. Big Frankfurts ist auf Brautschau. Oder nein! Hugh Hefners kleiner Bruder sucht ein neues Bunny. Interessentinnen bitte in einer Reihe aufstellen!“
Carolin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, sah sie doch einen kleinen, hageren, grauhaarigen Herrn sich gegenübersitzen, der meinte, in seinem hohen Alter noch immer jede Frau haben zu können. Zu allem Übel flirtete dieses verwitterte Wesen sie auch noch ganz ungeniert an. Frechheit!
„Also, junges Fräulein, hat Ihnen eigentlich heute schon jemand gesagt, wie bezaubernd Sie aussehen? Tolles Kleid!“
„Du willst wohl eher sagen, toller Ausschnitt!“, dachte Carolin bei sich. „Dumm nur, dass es für dich hier nichts zu holen gibt! Ich stehe zwar auf reifere Männer, aber auf Männer, älter als die Steinkohle, gewiss nicht!“
„Wenn ich vierzig Jahre jünger wäre, würde ich Sie jetzt fragen, ob sie mich spontan zum Abendessen begleiten. Wir hätten uns sicher viel zu erzählen und würden anschließend in die Nacht hinein tanzen. Und wer weiß, was uns sonst noch Hübsches einfallen würde, was? Mit Ihnen, hübsches Kind, hat man(n) bestimmt viel Spaß ...“ Die Anzüglichkeiten dieses ekelhaften Kerls waren wirklich kaum zu überbieten.
Carolin zog angewidert ihre Augenbrauen hoch und verkniff sich nur mit Müh und Not einen abweisenden Kommentar, der sich gewaschen hatte. Schließlich lebte die Main News auch von Anzeigenkunden wie diesem Ekel da und ließ nicht zu, dass sich ihre Mitarbeiter persönliche Befindlichkeiten erlaubten, die sich dem Erfolg des Blattes entgegenstellten. Also Augen zu und durch!

Nach jener nicht gerade aufbauenden Episode ihres Berufslebens arbeitete Carolin noch flugs die Einkaufsliste ab, die sie in der Mittagspause geschrieben hatte, und machte sich auf den Weg zur U-Bahn.
Vor einem Jahr war sie auf das Bitten und Betteln ihrer Freundin Marie hin endlich vom Land in einen Vorort Frankfurts umgezogen und hatte in der Mainmetropole schließlich ihren Job in der Redaktion der Main News ergattert. Einen Traumjob, wenn man bedachte, dass Carolin außer ein paar Volontariaten und schriftlichen Proben ihres Könnens nicht besonders viel vorzuweisen hatte. Jahrelang hatte sie in der Verwaltung einer Behörde als Sekretärin gearbeitet und tagein, tagaus den gleichen öden Tagesablauf gehabt. Bis sie eines schönen Tages auf die Anzeige der Main News stieß, die Quereinsteigern wie ihr die einmalige Chance offerierte, in der Redaktion einer bekannten Tageszeitung kreativ zu arbeiten und jeden Tag aufs Neue aufregende Dinge zu erleben, über die es zu berichten galt. Die bisher spannendsten Episoden ihrer Medienlaufbahn waren ein Interview mit Til Schweiger anlässlich eines neuen Films und ihr Besuch der Berliner Modewoche, über die sie auf sage und schreibe einer halben Seite berichten durfte. Für sie als Fashionista der ersten Stunde waren die Tage im fernen Berlin, in denen sie sich ausschließlich mit einem ihrer Lieblingsthemen (Mode) beschäftigen durfte, der Himmel auf Erden. Doch im Allgemeinen bestand ihr Job darin, die Nachrichten zu verkünden, die alle anderen Tageszeitungen und Rundfunkanstalten ebenfalls brachten, nur in ureigener Main News-Form.

Abwesend blätterte Carolin in ihrer Cosmolita und versank dabei in einem Tagtraum.
Sie sah sich durch eine riesige Glastür treten und einen langen Flur entlangschlendern, während ihr alle Menschen nachsahen und sie freundlich grüßten. Sie öffnete die Tür zu ihrem Büro, das nur mit edelstem Interieur ausgestattet war und an dessen Türschild in großen Lettern stand: Carolin Weidner, Cosmolita-Chefredakteurin. Von ihrem Schreibtisch aus genoss sie einen überwältigenden Blick über die Skyline der Stadt.
Es klopfte an der Tür und ein sexy Moderedakteur bat um Einlass in ihr Refugium, um Carolin die neuesten Modelle von Louis Vuitton und Prada vorzuführen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum reichgefüllten Kostümfundus, um eine Modestrecke aus den neuen Herbstkollektionen zusammenzustellen und zu überlegen, welche Models dafür gebucht werden sollten.
Carolin lächelte selig, während sie sich all die schönen Dinge von Escada, Dolce & Gabbana, Versace und Co. vorstellte, die sie sich privat nie leisten konnte. Sie war schon froh, dass ihr Kleiderschrank überhaupt einige wenige Teile mit Namen aufwies. Natürlich keine großen Labels, aber immerhin ein paar Sachen, die man nicht mit 08/15 bezeichnen konnte.
Von all den schönen Dingen zu träumen, die sie besitzen könnte, wäre sie eine der Großen im Medienbusiness (mit entsprechend gefülltem Konto) ließ sie ihren Alltagstrott und die unliebsamen Gefühle des Nichts-wert-Seins kurz vergessen. Allerdings nur so lange, bis sich Divas Krallen unsanft in ihren Oberschenkel bohrten und ihr Stubentiger auf diese Weise ihre volle Aufmerksamkeit einforderte. Schnell füllte sie den Fressnapf ihrer treuen Begleiterin mit Futter und verschwand im Bad, um sich vor der freudig erwarteten Episode ihrer Lieblingssoap noch die Strapazen des Tages vom Leib zu waschen.

Frisch geduscht begab sich Carolin sodann mit Chipstüte und Schokolade bewaffnet auf die Couch, auf der Diva schon auf sie wartete. Ihre Serienheldin erschien eben auf dem Bildschirm und vollführte zum wiederholten Male den Balanceakt zwischen Kumpel und Vamp, auf den ein gewisser Mr. Big zu stehen schien. Carolin sog das Geschehen auf und erwischte sich dabei, dass ihr – wie jedes Mal, wenn sie Bilder von ihrem heimlichen Nabel der Welt (New York) sah – die Tränen über die Wangen liefen. Wie gern wäre sie jetzt an diesem Ort!
Als sie schließlich ins Bett ging, wusste Carolin, dass es gegen ihren Kummer nur eines gab: Shoppen!
Da traf es sich gut, dass sie noch einige Dinge für ihren Aufenthalt in der Augenklinik und den anschließenden Urlaub besorgen musste. Schnell war der Plan gefasst, dass es nicht bei den notwendigen Erledigungen bleiben würde, sondern dass nach langer Zeit wieder einmal ein ausgiebiger Bummel durch die Stadt fällig war. Morgen würde sie so richtig shoppen gehen!
Sicher würde sie sich keine Manolo Blahniks kaufen, aber Schuhe mit Sicherheit, denn Schuhe zu kaufen beruhigt erwiesenermaßen ungemein. Vor allem aber ruinierten Schuhe nicht die Figur, so wie die Süßwaren es taten, die Carolin soeben vor dem Fernseher in sich hineingestopft hatte! (...)

(...)
Zwei Tage waren vergangen, seit Carolin im Sea Palace eingecheckt hatte. Zwei Tage, in denen sie bis zehn Uhr geschlafen und sich nach einem ausgedehnten späten Frühstück erst einmal eine Massage gegönnt hatte. Anschließend hatte sie noch einmal etwas geruht, war dann zu Mittag ins Restaurant gegangen und hatte danach den Friseur besucht und ihre kaputten Nägel auf Vordermann bringen lassen. Gegen Abend, als die Sonne nicht mehr so gleißend hoch am Himmel stand, hatte sie sich im Park an einem Buch gütlich getan und die Schwäne auf dem See beobachtet.
Schon bei ihrer Ankunft hatte sie verschiedene Behandlungen für Körper und Geist gebucht, um zu testen, welche der vielen Möglichkeiten ihr am besten gefielen und am wohlsten taten. Die Ruhe der letzten Tage, die Massagen, ein Bad in Rosenblättern und eine Schokoladenmaske waren herrlich gewesen und hatten keine Langeweile aufkommen lassen. Die vielfältigen Möglichkeiten des Sea Palace gefielen ihr so gut, dass sie noch weitere Wellnessbehandlungen bis zum Ende ihres Aufenthaltes vereinbart hatte und jeden Tag etwas auf dem Programm stand, worauf sie sich freuen konnte.
Auch das Essen war wieder zu einem Genuss geworden. Schließlich hatte sie die Mahlzeiten in letzter Zeit berufsbedingt oft gar nicht oder nur sehr unregelmäßig zu sich genommen. Gewöhnlich schlang sie abends nur schnell etwas aus der Mikrowelle in sich hinein, um nicht hungrig ins Bett gehen zu müssen. Ihren Herd hatte sie schon lange nicht mehr benützt, um genüsslich zu kochen und sich selbst oder irgendwen anderen zu verwöhnen. Woher auch die Zeit nehmen? Als Singlefrau ohne jeglichen Anhang war es für sie keine Seltenheit, dass sie auch zu Hause an ihren Job dachte, selbst wenn sie längst Feierabend hatte. Manchmal fielen ihr mitten in der Nacht Aufmacher für einen neuen Artikel ein oder sie konnte nicht schlafen, weil ihr die Nachrichten aus aller Welt nicht mehr aus dem Kopf gingen. Und oft genug erwischte sie sich dabei, dass sie in solchen Momenten dachte, wie schön es doch wäre, wenn es jemand in ihrem Leben gäbe, der sie von ihrem Arbeitseifer befreite, der dazu führte, dass sie nicht zur Ruhe kam. Jemand, der für sie da war, wenn sie nach Hause kam. Jemand, neben dem sie am Abend einschlafen und am nächsten Morgen wieder aufwachen würde. Jemand anderer als ihre Katze Diva. Ein Mensch, der ihr Leben mit ihr teilte und ihr zeigte, dass es auch noch etwas anderes gab als die Redaktion und die eigenen vier Wände.
Die einzige Konstante in Carolins Leben war, seitdem sie nach Frankfurt gezogen war, ihre Freundin Marie. Doch die war ja jetzt verheiratet und genoss ihr Glück als frischgebackene Ehefrau. Das fünfte Rad am Wagen zu sein, war nie Carolins Lieblingsrolle gewesen. Sie wollte die Hauptrolle in ihrer eigenen Liebesgeschichte spielen und nicht die des Zaungastes in Maries Lovestory.
Und so wünschte sie sich sehnlich, auch einen Mann zu finden, mit dem sie ihr momentanes Singledasein wieder beenden konnte.
Nur leider ließ dieser Mann auf sich warten und auch unter ihren Kollegen war nichts Brauchbares zu finden. Das hatte Carolin schon ausgekundschaftet, kaum dass sie in der Redaktion angefangen hatte. Dabei war sie zu dieser Zeit noch mit ihrem Exfreund Constantin liiert gewesen.
„Schon komisch...“, fiel ihr jetzt auf. Sah man sich denn, wenn man eigentlich glücklich war, nach anderen Männern um? Sie tat es. Doch alle Männer, die in ihren Augen halbwegs etwas hermachten, waren entweder verheiratet, liiert oder schwul.
„Irgendwann kommt der Tag, an dem auch mir das Schicksal meinen Traumprinzen auf einem Silbertablett serviert!“, sagte Carolin sich nun.
Noch hatte sie den Glauben an die große Liebe nicht verloren.

In ihre Cosmolita vertieft saß Carolin auf der Terrasse des Restaurants und wartete auf das leckere Gratin, dass sie kurz zuvor bestellt hatte. Sie ließ ihren Blick dabei kurz durch den Raum schweifen, in dem sich gerade viele der Hotelgäste einfanden, um ebenfalls zu Mittag zu essen.
Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, durchzuckte Carolin ein Blitz, der ihr durch Mark und Bein ging. Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie sich vehement gegen etwas wehren, schloss für einen kurzen Augenblick ihre Augen und öffnete sie dann ganz vorsichtig wieder.
NEIN, sie hatte sich nicht getäuscht. Inmitten einer Menschenmenge hatte sie soeben die schönsten blauen Augen des Universums entdeckt. Leuchtende, vor Fröhlichkeit strahlende Augen, die sie sofort in ihren Bann zogen. Die Menge lichtete sich und im nächsten Augenblick wusste Carolin: Das ist er!
Sie war wirklich wie vom Blitz getroffen. Keine zwanzig Meter von ihr entfernt hatte Carolins Traummann den Raum betreten und von jetzt auf gleich gab es nichts mehr, das wichtiger war als dieser Mann.
Warum, weshalb, wieso? Carolin hatte keine Ahnung. Sie sah ihn und wusste, dass dieser Mann ihr Mann war. Der eine, auf den sie schon so lange gewartet hatte und den sie ein Leben lang lieben würde. Derjenige, der für sie bestimmt war. Sie war sich einfach sicher, auch wenn sie noch kein einziges Wort mit ihm gewechselt, keinen noch so kleinen Blick oder ein Lächeln mit ihm getauscht hatte.
„Das ist mein Traummann!“, war der erste und einzige Gedanke, der Carolin bei seinem Anblick durch den Kopf ging.
Fortan konnte sie nicht anders, als ihn immer und immer wieder anzusehen. Ihr Herz stolperte vor Aufregung und machte Luftsprünge, als er sich an einem Tisch in ihrer Nähe niederließ und ein Wasser bestellte. Seine Stimme war klar, ruhig und sanft. Stundenlang hätte er weiterreden können, hätte die Speisekarte von oben nach unten und zurück vorlesen oder über Gott und die Welt philosophieren können, wenn er nur nie wieder damit aufhörte. (...)

Die Autorin Lena Paul
Ich wurde 1980 in einer brandenburgischen Kleinstadt geboren, ging dort zur Schule und habe mit 18 Jahren eine schulische Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht. In diesem Beruf habe ich dann auch ein paar Jahre gearbeitet, meine große Liebe war er jedoch nie. Seit ich 15 Jahre alt war, wollte ich schreiben, habe meinen Traum aber erst mit 27 nach einer Reise nach New York wieder aufgenommen und endlich wahr gemacht. Zum Schreiben kam ich durch ein Schulprojekt, das mich so begeistert hat, dass ich ursprünglich Journalismus studieren wollte. Seit meinem 18. Lebensjahr war ich zudem viele Jahre haupt- wie nebenberuflich für einige Reisebüros sowohl im Büro als auch als Reiseleiterin tätig. Mein Debüt als Autorin gab ich 2009 mit meinem Buch „Miss Liberty“. Mein Roman „Herzensfreunde“ ist im März 2014 erschienen und soll nicht mein letzter Roman bleiben. Zurzeit arbeite ich an einem literarischen Road-Movie.



Lena Paul, Herzensfreunde

eBook und Taschenbuch bei Amazon

10. April 2014

Simone Keil, Keinmärchen




Das Buch

„Als Kind fürchtete ich die Dunkelheit. Die Geräusche, die aus den Schatten zu kommen schienen. Aber es ist nicht die Dunkelheit, die es zu fürchten gilt. Die Furcht lauert im Licht. Sie haben es nicht verstanden, keiner von ihnen, und manchmal wünschte ich, ich verstünde es ebenfalls nicht. Ich erzähle Keinmärchen. Und auch das verstehen sie nicht.“

Die meiste Zeit verbringt Erin im dunklen Keller. Kein Licht, keine Schatten. Er könnte dort sicher sein, doch er ist nicht allein …

Keinmärchen lässt sich in keine Schublade pressen. Fantasy? Gegenwartsroman? Psychologische Studie? Von allem etwas, aber vor allem anders.


Leseprobe:

Jedes Ding hat drei Seiten:
         Eine, die du siehst,
         eine, die ich sehe
         und eine, die wir beide nicht sehen.
        
         Chinesische Weisheit

Dr. Stein
        
Er atmet flach. Die Wolldecke hebt und senkt sich über seinem Brustkorb. Um sein Gesicht zu erkennen, muss ich die Augen zusammenkneifen in der Dämmerung. Im Licht der Strahler ist er kaum mehr zu sehen. Ich gehe davon aus, dass er heute Nacht den Wechsel auf die andere Seite vollenden wird. Wechseln oder sterben, das sind seine Optionen. Es ist zu spät, ihn zurückzuholen. Und ich würde es auch nicht tun, selbst wenn ich es könnte. Aber diese Option steht nicht zur Auswahl, die Medikamente wirken nicht in diese Richtung.
         Kein einziges der Kinder konnte zurückgeholt werden. Kein einziges von sechsundachtzig. Sechsundachtzig Leben. Ausgeknipst wie Taschenlampen.
         Als Kind fürchtete ich die Dunkelheit. Die Geräusche, die aus den Schatten zu kommen schienen. Aber es ist nicht die Dunkelheit, die es zu fürchten gilt. Die Furcht lauert im Licht. Proband 42 wusste es. Ich konnte es in seinen Augen lesen, wenn er ins Licht sah. Erin. Jetzt kann ich ihn bei seinem Namen nennen. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut und Gefühlen. Wir hatten kein Recht, ihm seinen Namen zu nehmen. Kein Recht und keinen Grund, außer unserer unglaublichen Arroganz.
         Einige Fragen sind immer noch offen. Aber ich werde nicht diejenige sein, die sie stellt. Manche Fragen sollten nicht gestellt werden und manche Antworten sollte man nicht kennen.
         Wissenschaft und Magie sind Kontrahenten, pflegte Professor Ruben zu sagen. Wenn er gewusst hätte, wie lächerlich diese Aussage ist.
         Es ist 2.30 Uhr. Ich bin müde und fasele wirres Zeug. Das ist die dritte schlaflose Nacht. Ein Wunder, dass überhaupt einer von uns schlafen konnte, während diese Kinder durch die Hölle gingen. Durch eine synthetische Hölle, die wir für sie geschaffen hatten. Wir sind Wissenschaftsmonster, keine Ärzte. Wir sind die wahren Albe, auch wenn uns keine Flügel wachsen und unsere Augen nicht im Dämmerlicht glühen.
         Sein Puls wird schwächer, kaum noch messbar. Ich halte seine Hand, um ihn nicht zu verlieren, denn sehen kann ich nur noch eine Wölbung unter der Decke. Auf welche Weise es auch enden wird, es endet. Schon bald.
        
3.45 Uhr. Ich bin froh, dass sein Herz aufgehört hat zu schlagen. Endlich. Wenn die Sonne aufgeht, werde ich um ihn weinen. Aber jetzt muss ich es zu Ende bringen. Und ich kann nur hoffen, dass das wirklich das Ende ist. Hoffnung. Merkwürdig, dass ich ausgerechnet jetzt Hoffnung finde.
         Er sieht glücklich aus. Zum ersten Mal. Seine Gesichtszüge haben die Härte verloren. Seine Augen sind braun, seine Haut schimmert wie die eines Neugeborenen.
         Wir hätten das nicht tun dürfen. Es war falsch und ich wusste es. Wir alle wussten es. Aber keiner hat Zweifel angebracht, nicht einer von uns hat unser Handeln in Frage gestellt. Als die ersten Probanden starben, hätten wir es noch stoppen können. Wir hätten es stoppen müssen, es wäre unsere verdammte Pflicht gewesen. Aber wir haben weitergemacht und weiter, bis es nicht mehr zu stoppen war. Ironie des Schicksals. So sagt man doch. Das Schicksal ist ein Arschloch. Oder es ist schlauer als wir alle zusammen.
         Wir haben den Samen in verdorbene Erde gesät und was daraus entwachsen ist, ist die Frucht unserer Überheblichkeit. Das Projekt war also ein voller Erfolg. Wir haben recht behalten, alles ist eingetroffen wie erwartet. Und doch ganz anders.
         Das ist mein letzter Eintrag. Wenn ich seinen Körper verbrannt habe, wie all die anderen vor ihm, werde ich meine Aufzeichnungen vernichten und den Generator vom Netz nehmen. Meine Hände kann ich nicht reinwaschen, zu viel Blut klebt an ihnen, ich kann nur beenden, was niemals hätte begonnen werden dürfen.


Erin
        
Sie haben es nicht verstanden. Keiner von ihnen. Und manchmal wünschte ich, ich verstünde es ebenfalls nicht.
         Erzähl keine Märchen, sagt die Frau, die mir den Toast mit Butter bestreicht. Ich könnte ihr die Energie entziehen, sie verdorren lassen wie Fallobst. Ich würde zusehen, wie sie weniger wird, wie sich ihre Partikel in den Fugen des Fliesenbodens verteilen.
         Ich erzähle Keinmärchen, sage ich aber nur, und auch das versteht sie nicht. Sie lächelt die Butterdose an und spült das Messer unter laufendem Wasser ab. Das Plätschern dröhnt in meinen Ohren. Die Tropfen reiben sich aneinander und tauschen Informationen aus.
         Erin? Sie sagt den Namen schon zum zweiten Mal, aber ich habe nicht zugehört. Ich dachte, das hätten wir geklärt, sagt sie, und deutet auf die Augenbinde.
         Das verstehst du nicht, sage ich und sie atmet tief ein und bläst die Luft langsam und kontrolliert aus. Bewusstes Atmen. Das hat sie in einer der Sitzungen gelernt. Bewusstes Atmen zur Selbstberuhigung. Sie sollte lernen, bewusst zu sehen, aber dann würde ihr das Schnaufen im Hals stecken bleiben. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen und der Gnom lacht auch, als er ihr den Finger ins Ohr steckt. Verdammt! Vielleicht sollte ich diese Atemscheiße auch mal versuchen, dann würde mir so was nicht immer wieder passieren.
         Sie zupft an ihrem Ohrläppchen und er rutscht ab, schaukelt einen Moment an ihrem Ärmel, holt Schwung und springt auf die Arbeitsplatte. Er hinterlässt Fußabdrücke in der Butter und leckt seine Zehen ab, verschwindet mit einem Stück Toastbrot im Abfluss.
         Ich räume mein Geschirr in die Spülmaschine. Die Sonne wirft Lichtstraßen durchs Fenster. Es wird Zeit für mich.
         Wo gehst du hin?, fragt sie mit diesem Zittern in der Stimme. Sie hat die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, als wolle sie sich selbst wärmen. In ihren Augenwinkeln blitzen kleine Diamanten auf. Ich darf nicht vergessen sie später einzusammeln, heute wird sie sicher ein kleines Vermögen zusammenheulen.
         In den Keller, sage ich, das weißt du doch. Ich wippe ungeduldig auf den Fersen.
         Sie sieht aus dem Fenster. Willst du nicht mal wieder in den Garten gehen? Der Tag wird schön, die Wolken haben sich verzogen.
         Schön. Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Tag schön war. Die Nächte könnten schön sein, wenn die Schatten nicht wären. Aber sie sind.

#
        
Du kommst spät, sagt er. Was hat dich aufgehalten?
         Ich bleibe auf der untersten Stufe stehen und versuche ihn zu orten, doch seine Stimme scheint überall zu sein. Spät?, frage ich. Seit wann beziehst du die Zeit in deine Überlegungen ein? Du weißt, dass einmal blinzeln ausreichte und ich käme abends, was genauso wenig bedeutete wie mittags oder jetzt, in diesem Augenblick.
         Ein Rascheln aus dem Regal an der hinteren Wand. Du trägst die Augenbinde, sagt er. Immer noch.
         Vielleicht trage ich sie nur, weil sie es mir verbieten wollen?
         Du lügst schlecht, sagt er und lacht. Du hast schon immer schlecht gelogen. Hast du das Messer mitgebracht?
         Natürlich! Meine Augen gewöhnen sich an die Dämmerung. Ich habe das Kellerfenster mit Brettern vernagelt, aber sie haben ein Notlicht angebracht. Du kannst nicht im Dunkeln da unten sitzen, hat sie gesagt, und es ist mir egal, was für Erklärungen du vorbringst. Ohne Licht sitzt du nicht im Keller!
         Manchmal bin ich froh über den fahlen Lichtschimmer, aber nur, bis die Schatten anfangen sich zu bewegen, dann hänge ich den Jutesack über die Lampe und alles ist still. Und das mache ich auch jetzt, bevor ich meine Arbeit fortsetze.
         Warum Albe?, fragt er. Immer wieder Albe.
         Ich lege das Messer neben mich auf den Boden, taste die Konturen mit den Fingerspitzen ab. Weil sie die einzige Konstante sind, sage ich, und dabei jedes Mal anders. Schlimmer will ich eigentlich sagen, jedes Mal schlimmer. Aber dann würde er lachen. Er hat die Schatten nicht gesehen. Nicht so wie ich. Ich steche mir einen Splitter in den Daumen und lecke das Blut ab, glätte die Kanten vorsichtig mit der scharfen Klinge.
         Der wird gut, sagt er, und die leeren Dosen in dem Karton unter dem Regal klappern. Gute Arbeit.
         Ja, ich werde besser. Aber warum interessiert dich das?, frage ich. Du spinnst sie ein und vergisst sie.
         Nein, sagt er, ich vergesse nichts. Niemals. Seine Stimme ist jetzt ganz nah. Zu nah. Mich fröstelt.
         Nimmst du mich heute mit?, frage ich.
         Wohin?, fragt er und ich höre die Unruhe unter dem Wort brodeln wie kleine Geysire und sein Atem ist heißer Dampf.
         Weg, sage ich. Weg von hier.
         Die Kellertür quietscht und ich reibe mir die Augen. Kommst du zum Essen?, fragt sie. Bitte, komm nach oben. Dein Vater ist gleich zu Hause.
         Dein Vater. Wer soll das sein? Hast du die Rollläden heruntergelassen?, frage ich und sie atmet. Laut und tief. Wie lange willst du das denn noch – Das Ende des Satzes bleibt über der Treppe hängen, als sie die Tür schließt. Ein wenig zu fest, ein wenig zu unkontrolliert. Jetzt wird sie wieder heulen. Nicht wegen mir. Sie hasst es, die Kontrolle zu verlieren. Später werden sie streiten. Zu laut, zu unkontrolliert. Und dann wird sie ihn hassen. Das ist einfacher.
         Stell den Alb ins Regal, sagt er. Unterstes Fach.
         Er ist noch nicht fertig, sage ich. Ich will ihn noch nicht hergeben. Er ist wirklich gut geworden.
         Du kannst einen neuen machen, sagt er. Einen besseren.
         Ja, das kann ich. Ich muss gehen, sage ich, und überprüfe den Sitz der Augenbinde.
         Kommst du wieder?, fragt er. Morgen?
         Morgen? Gestern, sage ich. Ich stecke den Alb in meine Hosentasche; ziehe die Finger durch meine verklebten Haare. Mach das nicht, sage ich. Mach das nicht noch mal. Du bekommst ihn bald.
         Er knurrt. Nicht wirklich; ich glaube nicht, dass er knurren kann. Aber er ist ärgerlich, sein Zorn klebt an der Wand, an der ich eben noch gesessen habe. Irgendwann wird er mich einspinnen wie die Albe, auf die er so gierig wartet.
         Was tust du eigentlich mit ihnen?, frage ich, aber er schweigt.

#
        
Der Mann, den sie als meinen Vater bezeichnet, stellt seine Aktentasche ab. Na, sagt er, ohne mich anzusehen, und geht in die Küche. Der Fußboden wimmelt von Gnomen. Sie tragen Brotscheiben, Wurstenden und kleine Butterstückchen vom Kühlschrank zur Spüle und werfen ihre Beute in den Abfluss. Sie wird mich beschuldigen und ich werde es hinnehmen. Ihre Vorhaltungen, ihren Blick, der mich streift, aber mir nie direkt in die Augen sieht.
         Ich packe einen Gnom am Kragen und nehme ihm den Diamanten ab, klaube die restlichen von der Arbeitsplatte und dem Fliesenboden. Ich stoße an ihre Beine. Wasch dir die Hände, sagt sie, und setz dich.
         Keinen Hunger, sage ich und stecke die Diamanten in die Hosentasche.
         Setz dich, sagt sie noch einmal.
         Ich gehe lieber in mein Zimmer, sage ich und schnipse den Gnom in die Spüle. Er wirft ein Stück Butter nach mir. Sie atmet.
         Schon auf der ersten Treppenstufe kann ich sie streiten hören. Ich halte den Alb fest in der Hand, seine spitzen Flügel bohren sich in meine Handfläche. Alles deine Schuld, sagt sie. Seine Schuld, meine Schuld, niemals ihre. Morgen werden sie mich fortbringen. Wie immer. Wir haben alles versucht, aber wir werden nicht mehr fertig mit dir, wird sie sagen, und zentnerweise Strasssteine in ihr frisch gebügeltes Taschentuch schniefen. Und dann packe ich meinen Rucksack und sie nehmen mir das Holz und das Messer ab. Aber das kann ich nicht zulassen.

#
        
Du bist zurück, sagt er.
         Ja, sage ich, ich bin zurück.
         Ich spüre seine gierigen Blicke, als ich meine Faust öffne und ihm den Alb auf der offenen Handfläche entgegenstrecke. Nimm mich mit, sage ich. Jetzt. Du bekommst den Alb.
         Den bekomme ich, sagt er. So oder so.
         Ich könnte ihn kaputtmachen, sage ich.
         Das könntest du, sagt er. Natürlich.
         Natürlich nicht. Und das weiß er sehr gut. Was willst du noch?, frage ich. Geld?
         Er lacht. Nimm die Augenbinde ab, sagt er.
         Nein!
         Sie werden dich fortbringen, sagt er. Nicht wahr? Weg von hier, das wolltest du doch.
         Du weißt, was ich will, sage ich. Er klopft mit dem Hinterteil auf den Boden und ich weiß, was er will.
         Stell den Alb in das unterste Regal, sagt er und wartet.
         Ich muss ihn auf die Flügel legen, sonst kippt er immer wieder um. Dem nächsten werde ich eine festere Standfläche machen.
         Willst du einen neuen schnitzen?, fragt er. Vielleicht diesmal einen größeren?
         Nein, das will ich nicht. Nicht noch größer. Ja, sage ich und setze mich auf den Boden, den Rücken an die unverputzte Wand gelehnt. Ich taste nach einem passenden Stück Holz, erfühle das Gesicht, die Flügel, die Beine. Die Angst. Perfekt! Das Messer liegt kühl und schwer in meiner Hand, aber bald wird die Klinge wärmer werden. Das ist ein gutes Gefühl.
         Bist du soweit?, fragt er und fängt an, ohne meine Antwort abzuwarten. Erregt und schnell. Klebrig. Ich schnitze weiter. Span für Span fällt in meinen Schoß, bis er sich zu meinen Armen vorgearbeitet hat. Du nimmst mir nicht die Augenbinde, sage ich. Nicht die Augenbinde! Und dann spüre ich ihn an meinem Hals und atme durch die Nase. Er nimmt mich mit. Weg. Weg von hier.


Rezension

Ganz fest muss man das eigene Hirn halten
will man heil durch diesen Wahnsinn kommen, der in diesem Text stattfindet. Aber ich wollte, denn ich finde die Erzählsprache der Autorin unglaublich stark und daher beeindruckend. Wie sie es schafft, die beiden, nein, drei Ebenen zusammenhalten, die hier zur Sprache kommen, also ich könnte das nicht, obwohl ich schon lange schreibe.

Der Strudel der Geschichte ist packend,
teilweise so verwirrend, dass ich pausieren musste. Kein angenehmer, lukullischer Lesegenuss, wo es so dahingeht, nein, überaus hermetisch, tiefgründig, geheimnisvoll ist das Grauen.

Urängste werden wach,
archaische Gefühle, extreme Beklemmung.
Kein einfacher Text, man braucht "Schmackes", um ihn sich zuzutrauen und Geduld, dahinterzuschauen, was mir nicht immer gelungen ist. Aber das macht nichts, der ungewöhnliche, experimentelle Text wird mir in guter Erinnerung bleiben und ich bin sicher, ich mache mich nochmals darüber, um seine letzten Geheimnisse zu ergründen und zu verstehen.
Kompliment und Empfehlung für Leser, die tief in ein komplexes Thema einsteigen wollen!

Elsa Rieger


Die Autorin

Simone Keil, geboren 1971, lebt und arbeitet in Hessen. Seit den ersten Leseversuchen hat sie ihr Herz an Märchen und phantastische Geschichten verloren. 
Zum Schreiben fand sie relativ spät, kann es aber seit dem nicht mehr lassen.


Dieses Buch trägt ein Q auf dem Cover:
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