Salon

Salon

Rezensionsanfragen

Liebe Autorinnen und Autoren,
derzeit nehme ich keine Anfragen für Rezensionen
entgegen. Buchvorstellungen mit Leseprobe aber gerne jederzeit.

21. August 2016

Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes





Nach einer großen Dürre in Nordafrika strömen Millionen Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, nach Europa. Am Ostersonntag verkündet der neue Papst Innozenz XIV. von der Loggia des Petersdoms aus etwas, das die Welt erschüttert und springt danach in den Tod. 

Journalistin Ramona und Komponist Manuel erleben in Berlin die Tage des Umbruchs und des Chaos. Zusammen mit ihren Freunden entdecken sie ein furchtbares Geheimnis und geraten dabei in höchste Gefahr. Eine spannende Geschichte über das, was ist, und das, was sein könnte.



Leseprobe:

Die Tage davor

Ich wollte eigentlich nach Gran Canaria, den Garanten für ganzjährig herrliches Wetter.
Aber nein, meine Freundin bestand auf Rom. Und nachdem ich vorher noch nie in der Ewigen Stadt gewesen war, willigte ich schließlich ein.
Ramona buchte online eine private Unterkunft, die sich ganz in der Nähe des Vatikans befand. Es war eine sehr hübsche Wohnung, was ich ihr gegenüber aber niemals zugegeben hätte.
Überhaupt war meine Stimmung zu Beginn unseres Urlaubs irgendwie schlecht gewesen. Ich konnte gar nicht genau sagen warum, denn der Himmel war wolkenlos, sodass man tagsüber durchaus im T-Shirt draußen sitzen konnte. Alles hatte wunderbar geklappt, selbst der Flug war ohne Komplikationen vonstattengegangen. Ich denke, es lag einfach daran, dass ich so auf die Kanaren fixiert war und ich meinen Willen nicht hatte durchsetzen können. Aber schon am ersten Abend hatte das wunderbare Essen in einem kleinen Restaurant meine Stimmung etwas steigen lassen, und die vier Tage, die wir nun bereits hier in dieser großartigen Stadt verweilten, waren sehr schön gewesen.

Ein Summen. Die Stechmücke quälte mich schon die ganze Nacht hindurch. Ich wedelte mit den Händen und rieb danach meine verquollenen Augen, tastete blind nach meiner Armbanduhr. Fünf Uhr. Viel hatte ich nicht geschlafen, aber an ein Weiterschlummern war nun nicht mehr zu denken.
Ich blickte zu Ramona, die mit dem Rücken zu mir seelenruhig schlief, und berührte mit der Nase ihren Nacken. Wie gut sie immer duftet, dachte ich, stand auf und wankte im Dunkeln zur Toilette. Zähneputzen kann nicht schaden, fand ich, als ich mir die Hände wusch, denn vielleicht könnte ich Ramona mit ein wenig Ankuscheln ja zu ‚mehr‘ bewegen. Erwartungsvoll schlich ich zurück ins Bett, zog meine Unterhose aus, flutschte leise unter das dünne Stofftuch und schmiegte mich an ihren warmen Körper.
„Mann! Lass mich in Ruhe! Ich will schlafen.“ Und um meine Niederlage noch zu betonen, stieß sie mich grob von sich.
Frustriert stand ich wieder auf und streifte mir die nötigsten Klamotten über. „Ich gehe runter zu McDonalds und trinke einen Kaffee“, brummelte ich und nutzte mein Handylicht, um die Zimmertür zu finden.

Die eiskalte Morgenluft traf mich wie eine zusätzliche Ohrfeige, als ich auf die leere Straße hinaustrat. Um diese Zeit ist Rom auch nicht gerade lebendiger als das kleine Scheißkaff, in dem ich geboren worden bin, dachte ich ärgerlich und hoffte inständig, dass das McDonalds in unserer Straße einen Vierundzwanzig-Stunden-Service hatte.
Es war offen. Fröstelnd trat ich ein paar Minuten später, mit einem dampfenden Pappbecher in der Hand, aus dem Schnellimbiss und überlegte, was ich nun unternehmen könnte. Ramona würde nicht vor acht Uhr aufstehen, geschweige denn ausgehfertig sein. Über zwei Stunden Zeit also. Nachdem der Petersplatz nur zirka fünfzehn Minuten entfernt war, entschloss ich mich dorthinzulaufen. Ich war sicher, dort wenigstens auf ein paar interessante Medienleute zu treffen, denn schließlich wartete die Welt sehnsüchtig auf das Ende des nun bereits dritten Konklaves, der Versammlung der Kardinäle, die den neuen Bischof von Rom, den Papst, wählen sollte. Bereits zweimal war schwarzer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen. Ich hatte damals absolut keine Ahnung von der Kirche und ihren vielen, für mich sonderlichen Gepflogenheiten und Bräuchen. Aber selbst mir war nicht entgangen, dass die aktuellen Kandidaten wohl durchaus umstritten waren.
Durch den dichten Nebel schienen die Straßenlaternen die Stadt in eine Art zauberhafte Bühne verwandeln zu wollen. Wunderschön, dachte ich und genoss einen großen Schluck meines heißen Kaffees.
Kurz vor der Via Aurelia traf ich schon auf die ersten kleineren Gruppen. Ich zwängte mich gerade an einem Übertragungswagen vorbei, der den halben Fußgängerweg blockierte, als mich ein junger schlaksiger Typ in viel zu weiten Klamotten ansprach. „He, für solch einen Kaffee würde ich jetzt gerade mein Leben geben“, sagte er auf Deutsch.
„Was nützt dir dann der Kaffee?“, fragte ich lächelnd. „Woher wusstest du, dass ich Deutsch spreche?“
„Na, was steht da wohl auf deinem T-Shirt?“
Ich schaute an meiner offenen Wolljacke herunter. ‚Gefällt mir‘ war da zu lesen, zusammen mit dem bekannten Daumen-nach-oben-Symbol.
„Stimmt“, meinte ich und reichte ihm meinen Kaffee. „Sag, ihr berichtet hier über die Papstwahl? Was gibt es da Neues?“
Irgendwie erinnerte mich der Typ an Goofy. Er trank einen großen Schluck. „Ah, das tut gut. Na ja, so wirklich viel weiß ich nicht. Ich bin hier lediglich für die scheiß Kabel zuständig. Aber anscheinend ist denen ihr Spitzenkandidat abhandengekommen. Ha, der hat wohl kalte Füße bekommen. Kann ich gut verstehen.“
„Der Papst ist abgehauen?“
„Nicht der Papst, Mann. Der wird doch erst gewählt. Aber einer ihrer Favoriten. Ein Südafrikaner, soweit ich weiß.“
„Na, so was! Das ist ja ein Ding! Die können da einfach rausspazieren? Ich habe echt keine Ahnung von dem Zeug. Kirche ist eben nicht so meins.“
„Kann ich gut verstehen“, antwortete er und nahm noch einen kräftigen Schluck meines wertvollen Getränkes zu sich. „Ich selbst glaube auch nur das, was ich sehe.“ Er hustete trocken. „Nein, natürlich läuft von denen normalerweise niemand einfach mal so durch die Stadt. Der wird sich wahrscheinlich im Vatikan verlaufen haben. He Mann, die sind doch fast alle hundert Jahre alt und total senil.“ Er lachte laut auf, bleckte mir seine viel zu großen Zähne entgegen und zog ein letztes Mal am Kaffee. Dann gab er mir den Becher zurück.
Besorgt blinzelte ich hinein, und leider wurden meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Halb leer.
„He Mann, danke für den Kaffee. Das war echt nett.“
„Kein Problem. Ich hole mir einfach noch einen“, meinte ich lächelnd, hob die Hand kurz zum Gruß und blickte dabei auf meine Uhr. Erst kurz vor sechs, dachte ich gelangweilt. Ich schaute mich ein wenig um und stellte fest, dass sich die Straße langsam belebte.
Immer noch war es unangenehm nasskalt, und ich bekam langsam Hunger. So entschied ich, mich auf den Rückweg zu machen, diesmal aber einen anderen Weg zu nehmen und mich dabei ein wenig in der Altstadt umzusehen.
Tagsüber waren die Gassen überfüllt mit Touristen, und so sah ich eine gute Gelegenheit, ein paar schöne Erinnerungsfotos mit dem Handy zu schießen. Der Nebel, verbunden mit dem Licht des Morgens, erschien mir damals als das ultimative Motiv.
Ich zog also los, und tatsächlich konnte ich ein paar echt geniale Bilder einfangen, war dabei aber so ins Fotografieren vertieft, dass ich mich bereits nach wenigen Minuten verlaufen hatte. Also schaltete ich das Smartphone auf Navigation, gab die Adresse unserer Unterkunft ein und wartete, dass dieser winzige Computer mich auf den rechten Weg zurückbrachte. Kein Empfang. Das war ja klar.
Ich hörte etwas. Jemand, eine Frau oder ein Mädchen, sang ein wunderschönes Lied, traurig und doch irgendwie voller Kraft. Ruckartig drehte ich mich um, lief hin und her, konnte aber den Ursprung dieses wunderschönen Gesangs nicht ausmachen. Ich horchte wieder. Das muss ich unbedingt aufnehmen, dachte ich. Ja, ich bin Komponist und von jeher fasziniert von Musik. Und diese Melodie war so unglaublich schön, dass mir sofort eine passende Orchestrierung dazu einfiel. In meinem Kopf ertönte bereits ein ganzes Orchester zu ihrem Lied. Ich muss die Sängerin unbedingt finden, dachte ich fast schon panisch und begann in die von mir vermutete Richtung zu laufen.
Überraschend verstummte die Stimme. Ich stoppte abrupt und fand mich, völlig alleine, inmitten eines Labyrinths aus engen stockfinsteren Gassen wieder. Eine Kirchenglocke läutete in der Ferne, ein Hund antwortete ihr unaufhörlich. Gruselig, dachte ich, musste jedoch über die klischeehafte Situation grinsen. Dennoch ein klein wenig verunsichert, ging ich die winzige Straße, durch die ich ursprünglich gekommen war, zurück. Oder vielleicht sollte ich besser sagen ‚vermeintlich ursprünglich‘, denn natürlich war es der falsche Weg, was mir aber erst nach zirka zehn Minuten Marsch auffiel.
Ein warmes Licht erregte mein Aufsehen, und so blieb ich stehen. Direkt vor mir lag eine kleine Kapelle, deren Tore weit offen standen, sodass man die vielen Kerzen erkennen konnte, die im Inneren ein weiches oranges Licht zauberten. Was für ein Motiv, dachte ich entzückt und schoss ein paar Fotos. Ein kurzer Blick ins Innere konnte nicht schaden, so betrat ich die Kirche.


Der Autor
Michael Pilipp
geboren: 23.09.1962 (in Coburg - auch wohnhaft)
erste Kurzgeschichten: 2000 (bis 2001)
erstes Drehbuch: 2007 („Michelle & Isabelle“)
tägliche Kolumne: 2015 („Man And The City“)
erster Roman: 2016 („Der Selbstmord des Papstes“) 


Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes


Michael Jordan, BERLINER ZWISCHEN WELTEN



Was macht eigentlich ein Engel den lieben langen Tag?
Wie regelt man seine Steuerrückstände unkonventionell?
Wann gibt es endlich Joghurts mit Fischgeschmack?
Haben Sie auch Vorsätze für jedes neue Jahr?
Ist das Speisen in gediegener Atmosphäre dem Fast Food vorzuziehen?
Warum gilt der Autor dieses Buches als Erfinder des "Small Talks"?
Und seit wann können Nieren tanzen?

Antworten darauf und anderes Zynische in diesem Buch.
Mit Texten über und aus Berlin.
Nicht nur für waschechte Berliner, auch für ungewaschene und den Rest der Welt.

Leseproben:

Aus der Rubrik „Aufreger: Aufregend erregend“
Auf dem Weg zur U-Bahn die obligatorisch, wöchentliche Begegnung mit dem verbitterten Rentner, der, scheinbar swingend schwingend, mit seinem hölzernen Gehstock bewaffnet, durchaus als hartnäckig liegend zu bezeichnendes Papiergedöns vom Gehweg zu befördern versucht und dabei – seine Gehhilfe zweckentfremdet natürlich nicht unterstützend zur Verfügung stehend – derart wild mit seinem anderen Arm rudert, dass man geneigt ist, sich auf die andere Straßenseite zu retten.
Das war mein langer Quotensatz.
Ich liebe solche Sätze …
Gehe trotzdem auf derselben Seite weiter, ducke mich dabei den Schwingungen ausweichend Meter für Meter voran.
Und in mir gebiert der Gedanke, des nachts die Straße abzuschreiten und kleine Papierfetzen am Boden festzutackern.

Aus der Rubrik „Aufreger: Mobile Sex-App“
„Moment!“, meinte ich, zückte mein Handy und spürte sofort die Blicke der neidischen Schulnager in meinem Rücken.
„Das da!“, meinte ich kurz und zeigte auf eine Kreation in der Auslage, während ich ein Foto davon machte.
Als die Verkäuferin grummelig das Brötchen in einer lustig bunten Papiertüte verstaute, lud ich mein Frühstück „ins Netz hinauf“.
Alle 876 Freunde auf Facebook und anderen Seiten waren nun informiert: JA, es ist ein Käsebrötchen!
Um den Schein zu wahren, zahlte ich mit allem mir zur Verfügung stehendem Kleingeld.
Mein Gott, die Welt steht einem offen mit solch einem Smartphone!

Aus der Rubrik „Schockstarre: Shopping“
Es war spät geworden, die Geschäfte nun schon fast leer, viele Menschen bereits auf dem Heimweg.
Doch ich lag noch hier – wohl unser letztes Geschäft für den heutigen Tag. „Probeliegen“ nannte sie es, obwohl ich der ganzen Sache eher nicht zugetan war. Und dann noch bei diesem blöden Verkäufertypen, den sie im vergangenen Jahr bei einem Abendkurs kennengelernt hatte. Na ja: So schön, wie wir den Tag bisher verlebt hatten, sollte es mir egal sein. Und ihr strahlendes Lächeln entschädigte mich für meine Eifersucht.

Aus der Rubrik „Berlin: Kreuzberger Gedanken“
Ich schiebe den Kinderwagen weiter die Adalbertstraße hinunter, rechts auf die Waldemarstraße und schließlich zum Mariannenplatz. Auch hier ist nichts mehr von dem zu spüren, worüber die Gruppe um Rio Reiser, Ton Steine Scherben, einst Hymnen schrieben.
„Keine Macht für niemand!“, oder passender für diesen Platz wohl: „Mensch Meier!“
Zerbrochenes Glas findet man nur noch auf Spielplätzen. Randale der Randale wegen.


Der Autor
Geboren wurde der Autor Michael Jordan in Berlin, wo er auch heute noch lebt.
Veröffentlichungen von Kurzgeschichten sind bisher in zahlreichen Anthologien erschienen. Unter anderem bei Familie.de, radioeins und dem Schreiblust-Verlag.
Zu seinen eigenen Büchern gehören: "Luzie und Sophie - Wolkengeflüster", "Dämmerung" und "Berliner Zwischen Welten".
Kontakt über: buch@engelsfluestern.de


Michael Jordan, BERLINER ZWISCHEN WELTEN




4. August 2016

Manu Wirtz, Eventus Corp.: Verkaufte Unschuld

Die Eventus Corporation ist ein deutsches Security- und Militärunternehmen, das im Personenschutz, aber auch bei gefährlichen Einsätzen in internationalen Krisengebieten tätig ist. Die Teamleiterin Stefanie Audet und der IT-Spezialist Stephan Brokkenleg werden aktiv, als die 15-jährige Alina, die Tochter eines Bankers gekidnappt wird. Sie kommen über Facebook & Co. einem Mädchenhändlerring, der Alban-Liga, auf die Spur. Der eiskalte Mafiaboss Marko Berisha nutzt das Internet für geheime Versteigerungen der entführten Frauen und Mädchen. Das Eventus-Team jagt die Verbrecher quer durch Europa bis zu einem alten Atombunker an der tschechischen Grenze, dem Hauptquartier der Bande. Schaffen sie es noch rechtzeitig, die gefangene Alina vor einem Schicksal als Sexsklavin zu retten?
Ein temporeicher und ungemein spannender Thriller mit einem neuen und schlagkräftigen Team.


Leseprobe:

Kapitel 1
Sie tanzte im Lichtkreis eines einzelnen Scheinwerfers. Der Raum rundum lag in der Dunkelheit. Lasziv bewegte die junge Frau sich im Rhythmus der sinnlichen Saxofonklänge und der rauchigen Stimme Sades. Die Musik schien sie nicht sonderlich zu animieren, ihre Arme hingen teilnahmslos herab, während sie die Hüfte träge im Takt kreisen ließ. Tastend suchte sie mit den nackten Füßen Halt. Ein hauchzarter, transparenter Schleier bedeckte ihren Oberkörper, das gleiche Gespinst umschlang die Hüften. Sie zeigten den wohlgeformten Körper mehr, als sie ihn verbargen. Den Kopf mit den hochgesteckten Haaren hatte sie in den Nacken gelegt und ihr Blick verlor sich im Nirgendwo. Die grünen Augen waren verhangen, die langen Wimpern warfen zarte Schatten über die Wangen. Der rosige Mund war leicht geöffnet und ließ die weißen Zähne sehen. Sie lächelte traumverloren.
Man hätte ihr Gesicht fast mit den Fingern berühren können, so realistisch und zum Greifen nah war das 3-D-Videobild auf dem großen Monitor. In der Nahaufnahme wurden grobe Poren und Hautunreinheiten sichtbar, die Make-up und Rouge nicht vollständig kaschiert hatten. Ein zarter violetter Fleck schimmerte neben ihrer Schläfe durch die Tönung. Auf der Oberlippe glänzten kleine Schweißperlen, man konnte sie fast zählen. Auch die geweiteten Pupillen waren deutlich zu erkennen, ihr drogenumnebelter Blick sprach zudem Bände.
»Hier haben wir eine Ukrainerin, 25 Jahre alt, mit einiger Erfahrung. 1,67 Meter groß und 53 Kilo schwer. Sie ist blond und hat grüne Augen«, kam die Stimme des Moderators über den Lautsprecher. Er sprach ein akzentfreies Englisch und hatte eine sehr ruhige und volltönende Stimme, geübt darin, lange und akzentuiert zu sprechen. Mit derselben Stimme hätte er auch den Wetterbericht und die Verkehrsnachrichten im Radio übertragen können, ohne an ihrer Modulation etwas zu verändern.
»Das Startgebot liegt bei 15.000 Dollar«, sagte der Moderator, »bieten Sie, Herrschaften.« Das Mädchen tanzte noch immer im Lichtkreis eines einzelnen Scheinwerfers. Der Raum hinter ihr lag in der Dunkelheit. Auf dem unteren Rand des Monitors blinkte in dem Avatarbild eines grausigen Werwolfes der genannte Betrag auf. Rechts und links davon gab es weitere Avatare.
Im Bild erschien nun ein maskierter Mann, er trat hinter die Tänzerin und löste den Schleier von ihren Schultern, wodurch ihr Oberkörper den geilen Zuschauern an den Bildschirmen schutzlos ausgesetzt wurde. Instinktiv verdeckte sie ihre Brüste mit den Armen. Der Maskierte griff ihr an den Kopf und zog die Haarspange heraus. Eine Flut von blonden Wellen fiel ihr über Schulter und Rücken. Ihre Hände schnellten nach oben, um die Haarflut zu fassen. Dabei gab sie ihren Busen den begehrlichen Blicken der Avatare frei. Verwirrt stockte sie in ihrer Bewegung. Für einen Moment wurde ihr Blick klar, und suchend sah sie sich in der Dunkelheit um. Vor Angst richteten sich die rosa Brustwarzen erregt auf. Die Kameraoptik fuhr nah heran. Die Wirkung in dem 3-D-Bild war unvergleichlich.
»20.000 Dollar«, chattete der Avatar des Kriegers in einer futuristischen Rüstung.
»25.000 Dollar«, signalisierte sofort ein niedliches Anime-Mädchen neben ihm.
»Weitertanzen«, befahl der Moderator. Der maskierte Mann gab der Frau einen kleinen Stoß und sie drehte sich langsam im Kreis. Dann trat er wieder aus dem Lichtkreis zurück und verschmolz mit der Dunkelheit.
»28.000 Dollar«, sendete der futuristische Krieger. Ein Avatar hatte noch kein Gebot abgegeben. Es war ein geflügelter schwarzer Löwe rechts außen.
Der Moderator gab über eine Sendetaste seinem maskierten Assistenten ein Zeichen. Der trat noch einmal in den Lichtkreis und zog der Frau den letzten Schleier von den Hüften. Nun war sie völlig nackt. Er gab ihr einen kleinen Stoß, dass sie weitertanzen solle, und zog sich wieder in den Schatten zurück. Das Mädchen senkte den Kopf und begann sich zu den Klängen erneut zu bewegen.
»30.000 Dollar«, blinkte es vom Werwolf. Die Musik wechselte zu Techno, wurde schneller und auch die blonde Tänzerin wurde vom Rhythmus angesteckt. Ihr Körper drehte sich um die eigene Achse, die Arme wogten über ihrem Kopf und ihre Füße wirbelten über den Boden.
»32.000 Dollar«, kam es von Anime.
»33.000 Dollar«, überbot der Krieger.
Für eine Weile war nur das tanzende Mädchen zu sehen.
»Bietet einer mehr?«, fragte der Moderator.
»35.000 Dollar. Mein letztes Gebot«, chattete der Werwolf.
Für einen kurzen Moment meinte man, die Spannung der Auktion im Knistern des Bildschirms zu hören, dann ertönte erneut die Radiostimme des Moderators: »Verkauft an den Werwolf, ich gratuliere. Sie werden zufrieden sein, mein Freund. Die Kleine hat Erfahrung und Temperament.« Der maskierte Mann im Showroom zog die junge Frau aus dem Lichtkreis und verschwand mit ihr vom Bildschirm.
»(y) Schweinehund«, chattete das Anime-Girlie.
»More luck next time, Miststück 3:-)«, tippte der Werwolf zurück.
»Das war für heute unsere Auktion«, sprach der Moderator auf dem Audiokanal weiter, »ich danke Ihnen, dass Sie sich zugeschaltet haben. Wir informieren Sie im nächsten Newsletter, wenn wir neue Waren anbieten.« Ein Avatar nach dem anderen verschwand vom Monitor. Nur der schwarze geflügelte Löwe blieb noch online. Der Moderator kontrollierte, dass von den anderen Kunden keiner mehr im Netz war, und schaltete dann das Videosignal auf Bild und Ton um.
Ein kleines Echtzeitbild erschien mitten auf dem Monitor. Es zeigte einen orientalisch aussehenden Mann, mit schwarzen Augen und dichten Augenbrauen. Die vollen Lippen waren vom Schatten eines 3-Tage-Bartes umrahmt. Die hohe Stirn hatte der Mann in Sorgenfalten gelegt.
»As-salāmu ʿalaikum, Kadir, mein Freund. Du warst heute Abend ungewöhnlich still. Haben dir die Mädchen nicht gefallen?«, fragte der Moderator das Videobild in fließendem Arabisch.
»Wa-ʿalaikum us-salām, Jérôme. Ich danke dir, dass du mich eingeladen hast«, antwortete Kadir El Ahmar. Er fungierte als ’Einkäufer für Spezialfälle’ seines Herrn, einem Verwandten der herrschenden Rohalla-Dynastie im Emirat Umm al-Qaiwain, einem der VAE-Staaten. »Wie immer hast du eine exzellente Auswahl getroffen. Ohne Zweifel«, Kadir seufzte leise auf, »die Wünsche meines Herren werden mit zunehmendem Alter anspruchsvoller. Es reicht ihm nicht, dass es hellhäutige, westliche Frauen sein müssen. Er will immer jüngere Mädchen haben, Jérôme, und am besten sollten sie noch jungfräulich sein.«
Leise pfiff Jérôme Bourgiba durch die Lippen. Auch er zeigte sein Gesicht jetzt life per Video. Die beiden Männer kannten sich seit vielen Jahren. Sie wussten zu viel voneinander, als dass es einer weiteren Maskerade bedurft hätte. Der Moderator hatte französische und marokkanische Wurzeln und von beiden Genpools die äußeren Vorteile geerbt. Seine braunen Augen mit schön geschwungenen Brauen und den schwarzen kinnlangen Haaren bildeten einen reizvollen Kontrast zu der hellen Haut, der schmalen, langen Nase und den dünnen Lippen. In typisch französischer Manier zogen sich ein Paar ironische Kerben von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln.


Rezension:

Über den Inhalt
erzähle ich jetzt nichts, das haben andere schon getan, ich rede lieber über die Machart. Die Frage, ob dieser Auftakt zu einer Serie über das Security-Unternehmen mit militärischem Potenzial, das über tolle technische Mittel verfügt, ein „Thriller“ ist, beantworte ich mit nein. Es ist ein handfester Kriminalroman.

Ein starker Hook
eröffnet die Geschichte. Ich war sogleich gebannt von dem ersten Kapitel, denn es ist großartig geschrieben. Die immer schon grausame „Branche“ des Mädchenhandels wird durch die virtuellen Möglichkeiten um ein Vielfaches perfider, was hier wunderbar nachzulesen ist. Schauerlich, was da abgeht! Naive Mädchen, fast Kinder, werden von „Loverboys“ kirre gemacht und schon sitzen sie in der Falle. Das ist wirklich gut gemacht.

Fast journalistisch
geht es dann weiter durch sehr genaue Beschreibungen der Methoden der Eventus Corp., da fehlt mir ein wenig das „Schreiberische“. Nun, ich nehme an, das muss so sein, da dieser Band die Basis für weitere Fälle des Unternehmens ist, und irgendwo ja beschrieben werden muss, wie die Eventus arbeitet.

Die Hauptermittler
sind (noch) nicht griffig, ihr Privatleben wird zunächst angerissen, da wird sicher in den Folgebänden noch mehr kommen. Alles in allem sind sie gut dargestellt, ich bin neugierig, wie sie sich entwickeln werden.

Im Showdown
wird es wieder supergut! Hochspannung setzt ein, effektvoll ist die Auflösung gebaut, klasse. Würden die fast an Reportagen erinnernden Sequenzen zur Beschreibung der Eventus literarischer geformt sein, wäre der Kriminalroman perfekt. Denn erschüttert war ich durchaus aufgrund der abscheulichen Machenschaften der Verbrecher.

Elsa Rieger  



Die Autorin

Manu Wirtz ist Jahrgang 1959 und gebürtige Solingerin. Nach einer Lehre absolvierte sie an der Bergischen Universität Wuppertal ein Studium zur Kommunikationsdesignerin.
Seit Jahren arbeitet sie als freiberufliche Grafikdesignerin für Buchverlage und in der Werbung. Daneben ist sie Autorin von Katzenkrimis, Kurzgeschichten und Sachbüchern.
Mitglied bei: Mörderischen Schwestern e.V., Literaturwerk Rheinland-Pfalz-Saar e.V. (Schatzmeisterin), Selfpublisher Verband.
Manu Wirtz organisiert seit 2012 die Gemeinschaftslesung LIT-West, ein Forum für Indie-Autoren und Selfpublisher. Infos unter www.lit-west.de

"Ich liebe den Umgang mit Büchern, nicht nur lesen, sondern vor allem den kreativen Prozess des Schreiben und Gestalten. Waren es vor Jahren noch Sachbücher und Fachartikel, die ich geschrieben habe, so hatte ich mehr und mehr den Wunsch, Geschichten zu erzählen."

Romane
Eventus Corp. - Verkaufte Unschuld, Amazon KDP, 2016, ASIN: B01IALGGZS
Murilega, Die Legionärskatze, Ammianus Verlag, 2014, ISBN 978-3945025048
Katzenfeuer, Samtpfote jagt Feuerteufel, BoD, 2012, ISBN: 978-3848222421
Todeswind: Eifel-Katzenkrimi #1, Neue überarbeitete Auflage 2015, Create Space Amazon, ISBN-13: 978-1515034414



Manu Wirtz, Eventus Corp.: Verkaufte Unschuld