Salon

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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

30. Dezember 2012

Vielen Dank


Ich habe den Salon Mitte Juli dieses Jahres eröffnet, um meinen Autorenkolleginnen und -kollegen eine Plattform für ihre Bücher anzubieten. Seither wurde der Blog 14.000 Mal aufgerufen, was mich sehr freut.

Bisher habe ich 137 Bücher vorgestellt bzw. rezensiert. 

Ich danke den AutorInnen für die Bereitstellung der Rezensionsexemplare, die ich zum Großteil mit Genuss, Spannung und Spaß lesen durfte und darf. Ich danke auch für die Geduld, denn sorgfältiges Lesen braucht seine Zeit.

Ich danke den Lesern für die Kommentare, und jenen, die den Blog regelmäßig besuchen.

Mir bleibt am Ende dieses erfreulichen Jahres, Ihnen und Euch ein erfolgreiches, gesundes 2013 zu wünschen!

Elsa Rieger 

29. Dezember 2012

Stefanie Marten, Auf der Suche nach mir



Eine unbekümmerte Kindheit durfte Stefanie Marten nie erleben. Im Alter von sieben bis 16 Jahren wird sie von ihrem tyrannischen Stiefvater missbraucht und ihre Mutter schaut weg. Als Stefanie Marten sich schließlich einem ihrer Brüder anvertraut, kommt es zu einem schrecklichen Streit, bei dem die Brüder den Stiefvater in Notwehr erschlagen.
Die Familie zerbricht und die junge Frau baut sich fern der Heimat ein neues Leben auf. Doch immer wieder muss sie schmerzlich erkennen, dass sie ihre schrecklichen Erlebnisse nicht vergessen kann. Erst Jahre später, als ihre Mutter einen Schlaganfall erleidet, beschließt Stefanie Marten, zu ihr zu fahren. Diese Reise ist zugleich eine Reise in ihre eigene Vergangenheit.
Stefanie Marten gewährt in ihrem Buch beklemmende Einblicke in ihre Kindheit und erzählt mit eindringlicher Klarheit, wie sie ihres eigenen Ichs beraubt wurde. Auf der Suche nach mir ist die aufwühlende Geschichte über eine gestohlene Kindheit und das berührende Buch einer Frau, die auf der Suche nach ihrer Identität ist. Als ihre Mutter zum zweiten Mal heiratet, beginnt für die siebenjährige Stefanie Marten ein Alptraum. Ihr Stiefvater tyrannisiert die Familie und missbraucht das Mädchen regelmäßig. Mit zwölf Jahren zeigt sie ihn an, doch ihre Mutter zwingt sie, die Anzeige zurückzuziehen. Das Mädchen erträgt die Übergriffe weitere Jahre, bis sie es nicht mehr aushält und einem ihrer Brüder davon erzählt die Situation eskaliert und es kommt zu einem heftigen Streit, bei dem die Brüder den Stiefvater in Notwehr erschlagen.
Jahre später lebt Stefanie Marten mit ihrem Mann und ihrer Tochter weit weg von ihrer Familie, zu der sie keinen Kontakt mehr hat. Ihre Kindheit hat sie hinter sich gelassen, so glaubt sie. Doch die alten Wunden brechen immer wieder auf, die Schuldgefühle lassen sich nicht dauerhaft verdrängen und Stefanie Marten sucht Vergessen in Tabletten. Nachdem ihre Mutter einen Schlaganfall erleidet, beschließt sie, zu ihr zu fahren und sich endlich ihrer Vergangenheit zu stellen.
Stefanie Martens Buch Auf der Suche nach mir ist das berührende Zeugnis ihrer Suche nach dem eigenen Ich, das sie so lange Zeit vorher aufgegeben hatte, um überleben zu können. Mit eindringlicher Klarheit erzählt sie ihre tragische Geschichte und macht damit anderen Opfern Mut, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, um sich von ihr zu befreien.


Leseprobe:

Auch nach so vielen Jahren habe ich mich noch nicht wiedergefunden. Alles, was ich bin, bin nicht ich. Ich musste lernen, nicht ich zu sein. Es ist ein fremdes Leben, welches ich lebe. Ich möchte gerne wissen, wer ich bin und wer ich geworden wäre. Ich würde so gerne wissen, ob ich mein Kind anders erlebt, anders erzogen und behandelt hätte, wenn ich ich gewesen wäre. Ich würde gerne wissen, ob ich den Vater meines Kindes anders behandelt, anders geliebt hätte. Und wie ich meinen jetzigen Lebensgefährten lieben würde. Vor allem aber würde mich interessieren, wie ich mit mir selbst umgehen würde, wie ich mich leiden könnte und wie ich geworden wäre, wenn ich ich wäre. Es lässt mir keine Ruhe, ich will wissen, wer ich bin. Auch wenn ich mich dadurch nicht mehr verändern kann, habe ich Angst, es nicht herausfinden zu können. Ich kann niemanden fragen. Der einzige Mensch, der es wissen könnte, der mich eigentlich genau kennen müsste, ist meine Mutter. Ich werde hinfahren, um sie zu fragen.

Nach dem Anruf beschließe ich, gleich am nächsten Morgen zu fahren. Ich frage mich, ob ich meiner Mutter von meiner Suche werde erzählen können. Doch ich glaube, selbst wenn sie mir helfen könnte, würde sie meine Fragen wahrscheinlich nicht verstehen oder nicht verstehen wollen.
Jetzt stehe ich vor dem Krankenzimmer. Und obwohl ich irgendwie mit allem abgeschlossen habe, aber eben nur irgendwie, kann ich das Zimmer nicht gleich betreten und lasse meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Karin den Vortritt. Ich bleibe an der Tür stehen, um mich zu sammeln und um stark zu wirken. Denn schon von hier aus kann ich sehen, dass es nicht mehr meine Mutter ist, nicht mehr die Frau, die ich kenne, nicht der Mensch, denn ich in Erinnerung habe, und schon gar nicht die Frau auf dem Foto, das ich trotz allem immer bei mir trage. Was ich sehe, ist eine alte, schwer kranke Frau mit kahlem Kopf, eingefallenem Gesicht, geschlossenen Augen, bewegungslos, schwach, mit Schläuchen im Körper und in Windeln gepackt.
Warum muss ich mich gerade jetzt daran erinnern, wie sie aussah, als mein Stiefvater zum ersten Mal zu uns nach Hause kam? Meine Mutter war groß und schlank. Jeden Abend drehte sie sich ihre halblangen blonden Haare auf Lockenwickler und ich fragte mich immer, wie sie so schlafen konnte. Bevor sie einkaufen ging oder Besuch erwartete, schminkte sie sich leicht. Ihren Lippenstift benutzte sie gleichzeitig als Rouge. Sie malte sich einen Strich auf die Wangen, den sie mit den Fingern gleichmäßig verteilte. Mit einem braunen Stift betonte sie einen kleinen Leberfleck auf ihrer Wange und dem Auge und zog sich die Augenbrauen nach. Wenn es klingelte, legte sie schnell ihre Schürze ab, warf noch einen kurzen Blick in den Spiegel und öffnete erst dann die Tür.
Wir waren damals schon sechs Geschwister.
Mein Vater war bereits 1963 an Tuberkulose verstorben. Er war gerade mal fünfunddreißig Jahre als geworden. Ich habe nur wenige Erinnerungen an ihn, genauer gesagt sind es nur zwei: Einmal spielte Papa mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Karin und ich war sehr eifersüchtig. Das letzte Mal sah ich ihn, als er von einem Krankenwagen abgeholt wurde. Er lag auf einer Trage und blutete aus der Nase. Wir Kinder schauten aus dem Fenster, bis er in dem Auto verschwunden war. Dann kam er nie wieder zurück. Ich wusste später nicht, ob ich damals traurig war und überhaupt begriffen hatte, was passiert war. Meine Mutter musste jetzt sechs Kinder allein versorgen. Kurt war mit elf Jahren der Älteste. Bernd war neun, Ralf sieben, ich fünf und Karin drei Jahre alt. Mein jüngster Bruder Achim war erst vierzehn Tage zuvor zur Welt gekommen. Später, als ich älter war, konnte ich mir vorstellen, wie schlimm das für meine Mutter gewesen sein musste und dass sie damals nicht damit rechnen konnte, mit sechs Kindern jemals wieder einen Mann zu finden.
Dieser neue Mann kam als Vertreter für Babynahrung in unser Leben. (...)

Die Autorin

Stefanie Marten wurde 1957 in Rheinland-Pfalz geboren. Mit 20 Jahren zog sie nach Berlin, machte eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, heiratete und bekam eine Tochter. Heute lebt sie mit ihrem zweiten Ehemann auf Bali.







Stefanie Marten, Auf der Suche nach mir. 
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf


Buch bei Amazon

27. Dezember 2012

Marion Mensens, La Chanson


Christophe Lagardes Leben verläuft offiziell in ruhigen Bahnen. Beruflich erfolgreich sowie privat geordnet wirkt sein Alltag makellos. In seinem Inneren jedoch streiten sich die Geister.
Ein unerwarteter Besuch stört einen Winterabend und wirbelt Geheimnisvolles auf. Eine alte Bekannte spielt ihr eigenes Spiel und spinnt schicksalshafte Fäden. Dennoch oder deshalb scheint alles mehr und mehr aus dem Ruder zu geraten.
Muss eine Kraft aus einer anderen Welt eingreifen, damit die Wege jener, die sich finden könnten, dies auch tun? Wieviel Mut braucht es, um einander die Hand zu reichen? Wieviel Sehnsucht ist erträglich, bevor du aufgibst und deine Maske fallen lässt?
La Chanson erzählt eine Geschichte von Liebe und Freundschaft und dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher persönlicher und emotionaler Lebenswelten im Jahr 1928. Eine verwirbelte Mischung aus Gefühl, Phantasie und zerbrechlich-zarten Stimmungsbildern.
„Ich spüre Sehnsucht in mir nach euch als hätte ich mich selbst in euch verliebt. Nach einer Wahrheit suche ich im Sturm, der in euch, um euch und zwischen euch war.“


Leseprobe:

Es ist meine Aufgabe, eine Geschichte zu schreiben. Ich will nicht behaupten, sie so zu schreiben wie sie gewesen ist. Ich habe einen Traum geträumt und in diesem Traum bin ich euch begegnet. Traum für Traum, Gedanken für Gedanken, von Gefühl zu Gefühl nähere ich mich euch. Im Schreiben reise ich weiter.
Manche Geschichten sind zeitlos, wagen sich vor in Zwischenwelten, leben zwischen einem Damals und einem Jetzt, zwischen Traum und Wirklichkeit.
Sagen wir also ich erinnere mich, erinnere mich an grüne Augen, an Einsamkeit, an Hitze und das sich Verbrennen am Eis der Welt. Ich erinnere mich an Liebe.
Fast scheint es mir so als würde die Geschichte ihrem eigenen Ende hinterher jagen, selbst danach fragen, wie sie denn nun ausgeht.
Ich frage auch danach, frage danach, ob die Liebenden sich wieder finden oder ob es Zeit wird für einen Abschied. Ich frage danach, ob die Geschichte ein Anfang sein soll oder ein Abschluss. Und will doch die Antwort nicht hören.
Ich will mich nicht verabschieden, will die Tore durch Raum und Zeit nicht schließen, will euch nicht verlassen. Ich will weiterhinden Schnee auf Anatolijs Gesicht spüren, will Annes Sommersonnenlippen und Fingerspitzen auf Christophes Haut fühlen.
Ich spüre Sehnsucht in mir nach euch als hätte ich mich selbst in euch verliebt. Nach einer Wahrheit suche ich im Sturm, der in euch, um euch und zwischen euch war.

Rouen, 1. November 1928, 20:04 Uhr
Sympathie, Loyalität, Leidenschaft, Sehnsucht, Freundschaft, Liebe – unterschiedliche Dinge.

Es war der Tag vor dem Tag, an dem es in diesem Winter das erste Mal schneien sollte. Das Wetter war schon den ganzen Tag lang novembrig grau und Wolkendecken hingen über den Dächern der Stadt.
Durch ein Fenster des langen Ganges drang Winterluft, die schon nach Schnee roch, obwohl es noch nicht geschneit hatte. Christophe Lagarde folgte weiblichen Schritten über dicke, dunkelrote Teppiche. Sein Blick streifte über die zart gemusterten Stofftapeten, deren blassrosener Ton ihn immer wieder aufs Neue anwiderte. Das Licht der Lampen am Flur erschien ihm grell und er zog den Hut etwas tiefer ins Gesicht.
Zynisch schmunzelnd wandte sie sich um.
<<Du tust es immer noch …>>
Die dunklen Brauen wirkten in diesem Moment wie in ihr Gesicht gemeißelt, dessen vornehme Blässe durch nichts als durch dunkelrot nachgezeichnete Lippen unterbrochen wurde. Schwarze Locken fielen ihr in die Stirn und mit einer eleganten Bewegung strich sie diese zur Seite. Dunkel lackierte Fingernägel schimmerten rötlich im Lampenschein. Wie ein Kunstwerk erschien sie ihm.
Kurz wunderte er sich, dass ihn dieses Gefühl der Hochachtung ihr gegenüber immer noch begleitete. Er sah sich gern als Abenteurer, er sah sich gern an diesem Ort, an dem er die Grenzen des Bourgeoisen hinter sich lassen konnte. Und sie als die, die ihm den Weg wies.
<<Was tue ich immer noch?>> 
Unter der Krempe huschte ihm ein Lächeln durch die Augen, weil sie stehenblieb und, wie den Kampf mit ihm aufnehmend, das Kinn leicht anhob.
Die junge Frau Anfang dreißig sah ihn herausfordernd an. Langsam atmete sie aus. Leicht kräuselte sich ihre Stirn.
<<Du versteckst dich.>>
Als er zu einer Antwort ansetzte, verschloss sie seine Lippen mit ihrem Finger.
<<Und das, obwohl du genau weißt, dass es eine Ehre ist, mich zu vögeln – beinahe kostenlos>>, fügte sie hinzu.
Ihre Stimme hatte einen verspielt neckischen Ton, der nicht zu ihren Worten zu passen schien.
Christophes Lippen küssten wortlos ihre Fingerspitze. Dass er für ihre Zuneigung bezahlte, war ihm durchaus bewusst. Dass ihm dies nicht gefiel, war sowohl ihm als auch ihr bewusst. Und doch eröffnete sich eben durch diese Tatsache erst ein Spielfeld voller Möglichkeiten zu machtvollen Schachzügen zwischen den beiden. Das Spiel hatte vor mehr als drei Jahren begonnen, als sie beschlossen hatten zu glauben, er würde nur für ihre Zeit bezahlen und nicht für ihre Dienste. Seitdem nannte er sie seine Muse, selbst wenn er kein Dichter, sondern in ihrer Gegenwart vielmehr ein Entdecker der körperlichen Lüste war. Und sie wusste ihn zu lenken, um selbst Gefallen an ihrem Zusammensein zu finden. Somit schien es, als wäre dies eine Liaison voller Vorteile und ohne Verpflichtungen.
A n all dies denkt auch Christophe für einen Moment, als sich hinter ihnen eine Tür öffnet.  Ein ihm noch unbekannter junger Mann tritt auf den Gang.
<<Louis, wie schön!>>, fließt über ihre Lippen und kurz zwinkert Christophes Begleiterin ihm zu.
<<Natürlich ist das nicht sein richtiger Name>>, flüstert sie.
Christophe schweigt und findet es doch immer wieder verlockend, das Geheimnis hinter den Decknamen zu ergründen, die in diesem Etablissement benutzt werden. Es ist ihm schon klar geworden, dass es dem Schutz der hier Arbeitenden dient. Gleichzeitig erscheint es ihm als der Versuch eines  Weges, die eigene Vergangenheit hinter sich zu lassen und aus sich selbst eine neue Person zu schaffen.
Für einen Moment fließt sein Blick über die Gestalt des jungen Mannes. Er trägt einfache, aber saubere Kleidung. Dunkelblondes, leicht lockiges Haar fällt ihm halblang in die Stirn. Christophe entdeckt auffällig breite Backenknochen in dem sonst eher zart geschnittenen Gesicht.
Was ihn wohl hierher führt, fragt er sich, und, ob er wohl auch etwas hat, vor dem er fliehen möchte. Louis blickt kurz auf. Für einen Moment hält er, Christophe durch grüne Augen ebenfalls musternd, inne. Dann, als es ihm bewusst wird, senkt er den Blick.
<<Angeline …, Monsieur>>, sagt er grüßend, mit einem eindeutig ausländischen Akzent.
Kurz nickt Christophe, bevor ihm klar wird, dass Louis es nicht sehen kann, allenfalls erahnen mit dem Blick auf den Boden. Ein leichtes Schmunzeln huscht über seine Lippen als er den Namen Angeline wieder hört, kennt er sie doch bereits unter einem anderen.
<<Louis, ein neues Gesicht im Haus …>>, stellt sie den Fremden vor und deutet dann auf Christophe. <<Der Monsieur ist mein Gast, er genießt alle Freiheiten.>>
Sie legt ihre Hand auf Christophes Arm und schiebt ihn sanft, aber bestimmt ein Stück vorwärts, bevor sie sich noch einmal zurück zu Louis beugt.
<<Entschuldige bitte kurz …>>, sagt sie, noch in der Bewegung, leise zu Christophe.
Christophe kann sie flüstern hören. Ob sie wohl auch mit Louis geschlafen hat, fragt er sich, weil er über einige Jahre hinweg aus vielerlei kleinen Informationen diejenige gefiltert hat, die ihm nun sagt, dass sie mit jedem hier schon ihre Erfahrungen gesammelt hat und dass dies als Hausherrin wohl aus einem ihm unersichtlichen Grund dazugehört. Angeline nennt es ihm gegenüber immer humorvoll „Einstellungsgespräche“.
<<Alles in Ordnung mit dem Kunden?>>, hört er sie fragen.
Ihre Stimme klingt sanft. Angeline sorgt sich um ihre Neuzugänge.
<<Kein Problem>>, sagt Louis leise.
Fast schon zu kurz angebunden klingt ihr diese Antwort. Leicht forschend bleibt ihr Blick für einen Moment auf ihm liegen. Entweder ein Naturtalent, jemand, der einfach nicht viel spricht, oder jemand, der glaubt, dass er niemanden braucht, denkt sie. Insofern wird ihr Eindruck von ihm nicht durch neue Informationen gespeist.
<<Brauchst du mich jetzt?>>, fragt er und sein Blick gleitet von ihr zu Christophe.
Wenn sie mit Nein antwortet verläuft der Tag weiter wie geplant. Sagt sie Ja folgt sicherlich eine neue Herausforderung. Dass er beliebt ist bei der Kundschaft und dies vom ersten Tag an sieht sie an seiner Gefragtheit. Dass sie es bemerkt und gutheißt sieht er an der Auswahl der Angebote, die sie an ihn weitergibt.
Sie schüttelt jedoch den Kopf.
<<Noch nicht.>>
Plötzlich klingt es sehr geschäftlich. Ein Arrangement zu dritt anzusprechen, wenngleich verborgen so doch nahe Christophe, erscheint ihr unverschämt nach so kurzer Zeit unter ihrer Fittiche. Vor allem, da Louis nicht wissen kann, dass dies nicht die erste Menage a trois wäre, wenngleich in anderer Konstellation. Ausfechten jedoch will sie die Sache nicht in diesem Moment und so belässt sie es bei ihrer kurzen Antwort. Während Louis nickt und sich abwendet, ergreift sie Christophes Hand und geht weiter den Gang entlang.
W ie geht es dir eigentlich?>>, fragte sie Christophe einige Zeit und einige Stellungswechsel später.
Er lächelte nur stumm. Alltagsgespräche hatten in diesem Raum für ihn nichts verloren, auch wenn diese sich immer wieder zwischen sie beide schlichen. Was er hier suchte war das Aussteigen aus dem Alltag. Und doch wusste ein Teil seiner Selbst die Frage zu schätzen. Es war nicht wirklich Sorge, die aus ihr sprach, doch Mitgefühl. Angeline hatte Einblick in Christophes Leben, wohl mehr als jemals geplant war. Zart strich ihre Hand über seine Wange. Nackt stand sie auf und zog ein Bündel Geldscheine aus seiner Kleidung. Das offene Haar drehte sie mit einer Hand zusammen. Mit langsamen Schritten kam sie zu ihm zurück und strich mit dem Geld über seinen Bauch. Seine dunklen Augen wirkten beinahe ein wenig traurig.
<<Ich weiß, du hasst es, es mir zu geben. Deshalb nehme ich es mir …>>
<<Danke, dass du mich daran erinnerst>>, murmelte er leicht zynisch, aus der Entspannung gerissen.
Leise seufzte er. Mit ihren Augen lächelte sie ihn an.
<<Es tut mir leid …>>, sagte sie und küsste ihn zärtlich auf die Wange, als er sich aufsetzte. <<Du weißt, ich kann es nicht lassen.>>
<<Viviane …>>, begann er, doch schon fiel sie ihm tadelnd ins Wort.
<<Angeline …>> Sie ließ sich auf seinem Schoß nieder. <<Angeline, die Großartige …>>
Wieder dachte er darüber nach, warum sie nicht mehr Viviane sein wollte oder es vielleicht niemals hatte sein wollen. Seine Fingerspitzen glitten über ihre nackten Beine, doch fühlte er mehr Entdeckerdrang als Erregung. Beobachtend legte sich ihr Blick in seinen.
<<Ich mag dich, Chris … Das weißt du.>>
<<Das klingt wie eine Entschuldigung?>>
Sanft ließ er sein Kinn auf ihre Schulter absinken. Sie lächelte leicht und strich ihm durchs Haar.
<<Weil ich das Gefühl habe, dich immer noch manchmal daran erinnern zu müssen, dass ich mich nicht ernsthaft auf dich einlassen kann, Schatz.>> 
Ihre Worte wurden von einem  frechen Zwinkern begleitet.
<<Soll ich gehen?>>, fragte er und doch legten sich seine Arme um sie.
Sie zu halten gab Kraft in einer Welt, in der er manchmal glaubte, sich selbst nicht halten zu können. Sie zu halten fiel leichter. Sie ließ ihm den Schein. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.
<<Bleib solange du willst, doch ich muss mich umziehen für meinen Auftritt.>>
Weich strich ihr Haar über seinen Körper, als sie sich von ihm löste. Christophe griff nach seinen Kleidern. Stumm folgte ihr sein Blick, während sie sich den seidenen Morgenmantel überstreifte. Für einen Moment überlegte er, noch zu bleiben und sich unten im Saal ihren Auftritt anzusehen. Er liebte es, ihrer Stimme zu lauschen. Ihre knappen Kostüme machten den Anblick ebenso zu einem Genuss. Christophe genoss es sogar, anderen dabei zuzusehen, wie sie Vivianes Auftritt beobachteten. Für ihn war es beinahe wie eine Studie, ganz so, als würde er das Jagdverhalten von Tieren beobachten. Obwohl er wusste, dass Viviane ihr Bett mit vielen der Zuschauer mehr oder weniger oft teilte, ragte seine eigene Beziehung zu ihr für ihn aus der Masse heraus. Vielleicht lag es an der Offenheit, mit der sie gerade ihn mit ebendieser Tatsache aufzog.
<<Wirst du zu deinem Studium zurückkehren?>> 
Viviane begann Schminke aufzulegen. Christophe fühlte sich durch die Alltagsfrage ertappt, herausgerissen aus seinem Asyl in ihren Armen. Sich anziehend deutete er ein Kopfschütteln an.
<<Kommt darauf an, wie die Geschäfte laufen …>>
<<Ob dein Vater dich braucht?>>
Christophe nickte. Sich umwendend und dabei seinen Ankleidungszustand kontrollierend drückte sie auf einen kleinen Klingelknopf. Trotz des Zeitdrucks musste sie wissen, was er für seine Zukunft plante, musste sie wissen, was aus ihrer Übereinkunft werden sollte und wie sie sich entwickeln würde. Viviane war vor allem eins: Geschäftsfrau. Christophes Besuche waren Teil ihres Zeitplanes. Christophe schloss letzte Knöpfe an seinem Hemd und schon klopfte es an der Tür.
<<Es ist offen>>, sagte Viviane laut.

Schon als Louis eintritt fragt Christophe sich langsam, welche Rolle das „neue Gesicht des Hauses“ hier spielt, anscheinend so sehr unter Vivianes Fittiche geraten.
<<Das grüne Kostüm …>>, sagt die Dame des Hauses anweisend.
Im ersten Moment irritiert beobachtet Christophe die Szenerie. Die ungewöhnlich schnell entstandene Vertrautheit, die er zwischen Louis und Viviane trotz aller entgegensprechender Hinweise erahnt, verunsichert ihn und er spürt sie gerade in ihrer doch so kühl wirkenden Stimme. Ein kurzes Lächeln steigt auf seine Lippen, weil ihm bewusst wird, dass er ihre Maskeraden mittlerweile doch ab und an durchschaut. 
Louis nickt schnell und hält dann doch kurz inne.
<<Wir müssen reden.>>
Christophe, der gerade nach seiner Tasche greifen will, blickt überrascht auf. Eine unheilvolle Stille legt sich über den Raum. Vivianes Blick flackert für einen Moment verärgert auf, dann runzelt sich ihre Stirn beinahe besorgt. Aufmerksam, fast analysierend betrachtet sie den jungen Mann an der Tür. Als unpassend empfindet sie sein Timing. Etwas Außergewöhnliches muss geschehen sein. Viviane hält Louis nicht für so unsensibel, dass er absichtlich stören oder Persönliches vor einem Kunden ansprechen würde. Sie wirft einen leichten Seitenblick zu Christophe.
<<Jetzt?>>, fragt sie.
Louis steckt zweifelnd die Hände in die Hosentaschen, während Christophe seine Tasche schultert. Für einen Moment drängt er sich in den Mittelpunkt, sowohl des Raumes als auch des Geschehens. Schweigend küsst Christophe Viviane zum Abschied. Kurz sehen die beiden Männer sich dann an, während Christophe den Raum verlässt. Das Grün in Louis‘ Augen erinnert Christophe an das Meer in einem Sommer seiner Kindheit, und für einen Moment umspielt seine Lippen ein ermutigendes Lächeln. (...)


Rezension folgt ...



Die Autorin
Marion Mensens wurde 1979 in Wien geboren.
Sie absolvierte ein Studium der Bildungswissenschaften mit Zweitfach Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien.
Neben ihrer Arbeit im Sozialbereich widmete sie sich einer Ausbildung zur Kreativtrainerin am Institut für Mal- und Gestaltungstherapie Wien.
Derzeit arbeitet sie als Jugendbetreuerin und Leiterin kreativer Workshops.
La Chanson ist ihr Erstlingswerk.

Marion Mensens, La Chanson. BoD

Taschenbuch bei Amazon

22. Dezember 2012

Nachdem die Welt noch steht

... sich die Prophezeiung mal wieder nicht erfüllt hat, wünsche ich den Freunden und Lesern meines Salons eine angenehme und besinnliche Zeit!


Und es begab sich …


… und es begibt sich immer wieder, dass Menschen zueinander finden.

Von Abschieden versehrte Krieger des Lebens sind sie. Ein kleiner Haufen, der sich den Weg durch die Dunkelheit bahnt, um einen Augenblick des Lichts zu verspüren.

Näher zusammenrücken. Sich anschauen, wissen, und trotz allem lächeln. Denn das Lächeln, das geschenkt wird, lindert den Narbenschmerz. Den eigenen. Den der anderen.

Und so begibt es sich immer wieder, dass Menschen einander im Leuchten des Weihnachtsbaumes umarmen, das Fest der Liebe gemeinsam feiern.


Frohe Festtage wünscht allen Elsa Rieger!







20. Dezember 2012

Tine Sprandel, Ungerecht


            Krimi für Jugendliche und Junggebliebene ab 12 Jahren


Wie schrecklich unangenehm
ist es doch, nach einem Umzug als 13-jähriger in eine neue Schule zu kommen. Ich kenne die Ängste eines Schulwechsels selbst gut und kann mich genau daran erinnern. Weniger Sorge machen einem die neuen Lehrer, viel schrecklicher ist die Sorge, ob man bei den fremden Mitschülern landen kann. Das geht zum Glück für Jakob gut aus. Bald ist er in einer Clique aufgenommen.      

Ein echtes Kloster, mit Kreuzgang, Mönchen und Geheimgängen
ist der Ort, in dem die Klasse eines Umbaus wegen untergebracht wurde. Was für eine aufregende Umgebung für einige der Schüler. Ihre Neugier treibt sie in den kurzen Unterrichtspausen dazu, ohne Erlaubnis, das Kloster und seine Kellergewölbe zu erforschen.  

Die Gruppe um den gebildeten Jonny
zu der Jakob gehört, kassiert dann auch Verweise, was die Eltern ohne Freude zur Kenntnis nehmen müssen. Jonny, der wahnsinnig viel liest, aber auch hypersensibel ist, findet heraus, dass im siebzehnten Jahrhundert zwei Stiftsschüler aus diesem Kloster im Alter von 12 Jahren als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Der Sache wollen sie auf die Spur kommen. Um Lehrer und Mönche zu täuschen, behaupten Jakob und Jonny, eine Seminararbeit über das Kloster zu verfassen und parallel dazu ein Computerspiel zu entwickeln. Das ist von der Autorin sehr schön gemacht.

Die Psychologie junger Menschen
hat Tine Sprandel gut drauf. Behutsam erzählt sie von den Bedürfnissen, vom Beginn des Erwachsenwerdens, die Reibungen mit den Großen, die auch Fehler machen. Ein sensibles Buch, in dem auch die Spannung nicht zu kurz kommt.

Elsa Rieger


Buchvorstellung und Leseprobe hier im SALON
 


Die Autorin
Tine Sprandel, Jahrgang 1964. Ich lebe in der Nähe von München. Nach Jahren als Gartenbauingenieurin bin ich nun als Autorin und Schriftstellerin selbstständig. Geblieben ist aus der Zeit des Gärtnerns die Begeisterung für Wachsen und Gedeihen. Große und kleine Kinder. Draußen sein. Pflanzen hegen und pflegen. Eine kleine Welt auf die Bühne bringen. Mit Geschichten andere Welten erschließen. Schreiben.
Tines Blog: http://www.asprandel.de/




Tine Sprandel, Ungerecht!

eBook bei Amazon

16. Dezember 2012

Marion Zerbst, Wenn das Weihnachtskrokodil kommt

Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder und Erwachsene

Eigentlich hat das Krokodil überhaupt keine Lust dazu, mitten im Winter bei klirrender Kälte auf einem Rentierschlitten quer durch Europa zu fahren und Weihnachtsgeschenke zu verteilen. Viel lieber würde es faul am Nil herumliegen und dösen. Aber als sein Freund, der Weihnachtsmann, es um Hilfe bittet, kann es einfach nicht nein sagen. Der Weihnachtsmann hat vom vielen Geschenkestapeln furchtbare Rückenschmerzen bekommen und muss seine Weihnachtstournee deshalb dieses Jahr absagen. Ob das Krokodil wohl für ihn einspringen könnte?
Kein Problem, sagt das Krokodil. Denn optimistisch war es schon immer. Aber auf seiner Reise muss es dann doch bald feststellen, dass der Job des Weihnachtsmanns gar nicht so einfach ist. Alle Kinder haben Angst vor ihm und laufen davon – obwohl es immer die rote Mütze des Weihnachtsmanns trägt und sein gutmütigstes Lächeln aufsetzt. Und die Rentiere beschweren sich, weil der Schlitten mit den Geschenken überhaupt nicht leichter wird. Kurzum: Am Anfang geht alles, aber auch wirklich alles schief. Bis das Krokodil eines Tages auf eine geniale Idee kommt...


Leseprobe:

Wenn das Weihnachtskrokodil kommt...

An dem vertrauten kratzenden Geräusch, das aus dem Telefonhörer an sein Ohr drang, erkannte der Weihnachtsmann sofort, wer am anderen Ende der Leitung war: das Nilkrokodil. Es hatte sich wieder einmal nicht die Krallen geschnitten.
Er hatte das Krokodil im letzten Herbst auf einer Nil-Kreuzfahrt kennengelernt; es war immer neben dem Schiff hergeschwommen und hatte ihn ab und zu schüchtern angelächelt, wenn er an Deck stand. Eines Tages hatte der Weihnachtsmann sich ein Herz gefasst und das Krokodil einfach angesprochen; und von da an hatten die beiden an den langen Kreuzfahrt-Abenden, wenn die untergehende Sonne blutrot über dem Ufer des Nils hing und die Eiswürfel leise in seinem Cocktailglas klirrten, so manches tiefsinnige Gespräch miteinander geführt.
Heute kam ihm der Anruf des Nilkrokodils sehr gelegen. „Kannst du mir helfen und ausnahmsweise dieses Jahr für mich die Geschenke verteilen?“ fragte er es. „Mir geht es nicht so gut. Wahrscheinlich habe ich mich beim Sortieren und Stapeln der Pakete zu sehr überanstrengt; jedenfalls fuhr mir plötzlich ein stechender Schmerz in den Rücken, und seitdem kann ich mich kaum mehr bewegen. Natürlich ziehen meine Rentiere den Schlitten mit den Geschenken; aber verteilen muss ich sie selbst, und ich glaube nicht, dass ich das schaffe.“
„Ich könnte vorbeikommen und dir den Rücken massieren“, erbot sich das Krokodil und lächelte selbstgefällig auf seine scharfen Krallen herab. „Darin habe ich Erfahrung. Nach einer Massage von mir klagt eigentlich kaum noch jemand über Schmerzen.“
„Nein, nein, das ist nicht nötig“, wehrte der Weihnachtsmann hastig ab. „Ich komme schon zurecht – wenn du mir ein bisschen hilfst. Komm’ mich doch einfach besuchen; ich koche dir einen heißen Grog und erkläre dir, was du zu tun hast. Es ist gar nicht so schwierig. Frieren wirst du auch nicht, denn du bekommst meinen roten Mantel und meine rote Mütze, und wenn du willst, kannst du dir auch meinen falschen weißen Bart ankleben. Ich werde dich mit meinen Rentieren bekanntmachen; die ziehen selbst den schwersten Schlitten mühelos und finden den Weg zu den Häusern der Menschen im Schlaf, weil sie ihn schon so oft gegangen sind. Und vor dir werden die Kinder, die nicht artig gewesen sind, auch viel mehr Respekt haben als vor mir; ich sehe mit meinen vielen Lachfältchen und meiner Knollennase einfach zu gutmütig aus. So, und nun pack deine Sachen und mach’ dich auf den Weg; du hast eine weite Reise vor dir.“
Große Lust hatte das Nilkrokodil ja eigentlich nicht, sich zu verkleiden und den Weihnachtsmann zu spielen – und das auch noch bei klirrender Kälte –, aber es war im Grunde seines Wesens sehr gutmütig und konnte niemals nein sagen. Und den Weihnachtsmann hatte es damals gleich auf Anhieb in sein Herz geschlossen. Außerdem fühlte es sich, seit seine Frau es letztes Jahr wegen eines Alligators verlassen hatte und nach Florida gezogen war, manchmal sehr einsam. Die vielen Kinder, die sich über ihre Weihnachtsgeschenke freuten, würden es vielleicht auf andere Gedanken bringen. Also packte es kurz entschlossen seinen Koffer: die warme grüne Lederhose, die geblümte Krawatte, ein paar Straußeneier als Proviant, die Zahnbürste mit den weichen Borsten für morgens und die mit den harten Borsten für abends. Und sicherheitshalber steckte es auch noch jede Menge Zahnseide in sein Gepäck; denn sein Freund, der Krokodilwächter, der normalerweise nach jeder Mahlzeit herbeigeflattert kam und ihm geduldig die Essensreste aus den Zähnen pulte, hatte schon angekündigt, dass er es auf dieser weiten Reise auf keinen Fall begleiten konnte. Er musste seiner Frau beim Eierausbrüten helfen. Schließlich wollte er keinen Ehekrach riskieren, nur weil die Menschen da oben im Norden unbedingt Weihnachten feiern mussten. Am Nil gibt es kein Weihnachten, und die Menschen und Tiere schenken sich dort auch nur ganz selten etwas – denn am palmenbestandenen Ufer des breiten, tiefblauen Flusses, wo duftende Blumen wachsen und die Sonne pausenlos scheint, ist jeder Tag ein Geschenk.

                                    *********

Ein so merkwürdiges Getränk, das so anheimelnd schmeckte und doch gleichzeitig scharf wie Feuer in der Kehle brannte, hatte das Nilkrokodil noch nie getrunken. Schwer atmend ließ es sich in einen Sessel sinken und lächelte noch breiter als sonst.
„Das ist Grog“, sagte der Weihnachtsmann und fügte erklärend hinzu: „heißer Rum mit Wasser – nicht zu viel Wasser natürlich. Aber du darfst nicht mehr als ein Glas davon trinken, sonst bringst du morgen vielleicht alle Geschenke durcheinander. Hier hast du meinen Mantel und meine Mütze; das mit dem Bart kannst du dir ja noch überlegen. Und zieh’ endlich die geschmacklose geblümte Krawatte aus – um diese Jahreszeit trägt hier niemand Blumenmuster.“
Nachdem es sich von dem Grog erholt hatte, half das Krokodil dem Weihnachtsmann, die Geschenke auf den Schlitten zu laden – echte Schwerstarbeit für ein Reptil, das normalerweise immer nur faul am Nil herumliegt und sich die Sonne auf den Rücken scheinen lässt. Nach drei Stunden war der Schlitten endlich voll beladen, und das Krokodil trank noch einen Schluck Grog, ließ sich ins Bett fallen und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Tag stand es schon im Morgengrauen auf, denn es hatte vor Aufregung kaum schlafen können. Über eine Dreiviertelstunde lang stand es vor dem Spiegel und übte das gutmütige Grinsen des Weihnachtsmanns. Es hatte auch schon mehrmals ausprobiert, ob es mit dem falschen weißen Bart nicht vielleicht doch weihnachtlicher aussah, war aber noch zu keinem Ergebnis gekommen.
Schließlich frühstückte das Nilkrokodil mit dem Weihnachtsmann, verabschiedete sich mit Tränen in den Augen von ihm und ging zu seinem Schlitten.
Die Rentiere schienen Angst vor dem Krokodil zu haben, denn sie behandelten es mit kühler Zurückhaltung und weigerten sich, es per Hufschlag zu begrüßen, wie das normalerweise unter Rentieren üblich ist.
„Ich beiße nicht“, sagte das Krokodil. „Ich sehe nur so aus wie jemand, der beißt. Aber dafür kann ich schließlich nichts.“
Auf der Schlittenfahrt pfiff ihnen bald schon ein recht kalter Wind um die Ohren. Das Krokodil fror trotz seiner warmen grünen Lederhose und beschloss, sich wenigstens für die Schlittenfahrt nun doch den weißen Bart des Weihnachtsmanns anzukleben – nicht, weil es sich mit Bart besonders überzeugend fand, sondern weil der Bart wenigstens ein kleines bisschen wärmte.


Rezension folgt ...


Die Autorin
Marion Zerbst ist Journalistin, Übersetzerin und leidenschaftliche Tierliebhaberin. Deshalb geht es auch in den Geschichten, die sie schreibt, fast immer um Tiere. Am liebsten schreibt sie über Krokodile – und über „Barry vom rauen Eck“, den Collie ihrer Kindheit, der mit seinen verrückten Ideen und Streichen elf Jahre lang die ganze Familie in Atem gehalten hat.

Feedback, Anregungen, Kritik etc. bitte an:
zerbst@meditext-online.de


Marion Zerbst, Wenn das Weihnachtskrokodil kommt

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15. Dezember 2012

Anika Werkmeister, Wenn die Liebe anklopft

„Wenn die Liebe anklopft“ kann das durchaus auch Turbulenzen zur Folge haben. In Anika Werkmeisters Debut-Roman scheint es anfangs, als sei der Protagonistin das Glück nicht vergönnt. Die große Liebe ist Vergangenheit - und die beste Freundin stellt sich als die schlimmste Feindin heraus, die eine Frau in ihrer Lage nur haben kann. Doch da sind ja immer noch ihre Familie und ihr Beruf als Kinderkrankenschwester, den sie über alles liebt. Als auf ihrer Station die zweijährige Nele als einzige Überlebende eines schrecklichen Autounfalls eingeliefert wird, ist sie für Angie nur eine Patientin, die besondere Zuwendung braucht. Doch mit der beginnenden Liebe zu diesem mutterlosen Kind verändert sich ihr komplettes Leben... Autorin Anika Werkmeister kann die teilweise autobiografischen Züge ihres Erstlingswerkes nicht verleugnen - und will das auch gar nicht. Ihr Roman besticht durch Leichtigkeit und die Natürlichkeit, die nur Geschichten haben, die eigentlich das Leben schreibt ...

Leseprobe:

„Eigentlich bin ich nichts Besonderes“, ging es mir so durch den Kopf, als ich mein nacktes Selbst im Spiegel betrachtete. Eher durchschnittlich hübsch als besonders hübsch, wenn nicht sogar ein klein wenig unter Durchschnitt.
„Ich besehe mir meinen Hintern besser nicht!“
Ich drehte mich schnell um. Von vorne gefiel ich mir immer noch recht gut. Ganz nah trat ich an den bodenlangen Spiegel, um mein Gesicht betrachten zu können. Tiefe Ringe hatte ich unter den Augen. Ich hatte viel zu viel geheult.
„Warum bin ich nach der Trennung eigentlich mit allem unzufrieden? Warum fühle ich mich klein, hässlich und ungeliebt?“
„ENTTÄUSCHUNG“, schoss es mir durch den Kopf.
„VERLUST!“
Wo war das Selbstvertrauen, das ich mir in all den Jahren aufgebaut hatte? Wo war die Frau, die sich mochte, akzeptierte, wie sie war? Ich wusste es nicht, wusste nicht, ob ich sie je wiederfinden würde. Selbstzweifel sind schrecklich.
Da klingelte das Telefon, ich ließ die Schultern noch ein wenig weiter nach unten sinken (soweit das denn noch möglich war) und schlurfte, so wie Gott mich schuf, in den Flur.
Ohne auf das Display zu sehen, nahm ich den Hörer ab.
„Hallo?“
„Angie? Hier ist Monia, ich habe das von dir und Ronny gehört. Sage mal, wozu hast du eine beste Freundin, wenn du sie nicht anrufst, wenn etwas passiert?“
Ich bereute schon, dass ich abgenommen hatte, denn wie immer plapperte Monia munter darauf los. Ich verdrehte die Augen und hörte weiter zu.
„Du sagst ja gar nichts. Was ist los?“
„Sei mir nicht böse, aber ich habe wirklich keine Lust zu reden. Ich möchte mich weiter bedauern, möchte mich weiter vor dem Spiegel betrachten und mich bemitleiden, denn schließlich ist alles meine Schuld. Ganz alleine meine Schuld. Ronny hat genau das Richtige getan!“
„Spinnst du? Zieh dir was Schickes an und komm ins Café Louise, wir trinken einen Cappuccino und überlegen, wie wir deine neu gewonnene Freiheit feiern können!“
„Ich will nicht feiern, ich bin gerade mal vierundzwanzig Stunden getrennt! Ich will mich bedauern!“
„Sag mal hast du das letzte Jahr auf dem Mond verbracht, Angie? Warst du eigentlich einen einzigen Tag anwesend? Ronny ist ein Typ zum Abgewöhnen und jetzt Schluss! Zieh dich an, wir treffen uns in fünfzehn Minuten im Louise und wehe, wenn nicht! Ich hole dich ab und schleife dich, so wie ich dich vorfinde, nach draußen!“
KLICK, die Leitung war tot.
Ich wollte keinen Cappuccino, ich wollte nicht feiern, ich wollte einfach nur wieder vor meinen Spiegel schlurfen.
Allerdings durfte man Monia auch nicht unterschätzen, sie machte ihre Drohungen immer wahr. Zum Beispiel vor circa drei Monaten, Ronny und ich hatten unseren ersten richtigen Krach, ich war todtraurig. Ich dachte wir bekommen das nie mehr hin, werden uns nie wieder vertragen. Ronny musste sich abreagieren und besuchte seinen besten Kumpel Paul. Die beiden wollten >>einen drauf machen<<, was mir gar nicht passte, denn ich wollte ihn für mich und mit niemandem teilen. Ich wusste nur zu gut, zu was Ronny sich von Paul alles anstiften ließ. Das letzte Mal landete er in den Armen einer brünetten, großbrüstigen, blauäugigen Schlange namens Michaela, von der ich nur durch ihren roten Lippenstift am Hals meines Freundes erfuhr. Ich hatte einfach Angst, dass er dieses Mal nicht allein nach Hause kommen würde.
Monia drohte, mir die Haare zu färben, und zwar feuerrot, wenn ich ihn je wieder in meine Wohnung und mein Leben lassen würde. Ich war blind vor Liebe und als er am nächsten Morgen betrunken und ohne Lippenstift bei mir auftauchte, empfing ich ihn mit offenen Armen.
Als Monia und ich unsere nächste „Wir-brauchen-eine-neue–Haarfarbe-Tönungsparty“ abhielten, färbte sie mir die Haare nicht, wie vereinbart, kastanienbraun, sondern feuerrot. Ich hatte unheimliche Ähnlichkeit mit dem Kobold aus der beliebten Kindersendung. Es war schon damals in der Schule so, jedes Mal wenn ich mich ärgerte und sie nicht mehr an mich herankam, drohte sie mir. Leider machte sie immer alles wahr. Die schlimmste Drohung, die ich versuchte zu ignorieren war, dass sie zu Andreas lief und ihm sagte, ich wolle mit ihm gehen. Andreas war nicht mein Typ und nicht nur nicht meiner, er war niemandes Typ. Andreas war klein und hatte ein Mondgesicht, das bedeckt war von Pickeln. Das allerdings war noch nicht das Schlimmste. Seine Hände waren groß und schrumpelig. Jedes Mal wenn ich sie ansah, musste ich an vergammelte Möhren denken. Die Fingernägel waren dreckig und lang, er schnitt sie scheinbar nicht besonders oft. Auch heute bekam ich eine Gänsehaut, wenn ich nur an ihn dachte. Er freute sich natürlich über die Nachricht. Er überschüttete mich von da an mit „Ich liebe Dich“ - Briefchen. Morgens, wenn ich die Klasse betrat, sprang er auf und begrüßte mich, nahm meine Hände in seine und drückte sie. Er führte mich zu meinem Platz, an dem nicht weniger oft Rosen lagen. Die ganze Klasse fand das sehr lustig. Ich wurde zum Gespött der ganzen Schule. Das war das schrecklichste Jahr meines Lebens. Ich konnte ihm so oft ich wollte sagen, dass ich keine Gefühle für ihn hatte, er ignorierte das gekonnt. In den Pausen versteckte ich mich vor ihm, was auch nichts nutzte. Andreas fand mich immer. Monia fand das alles nur zu witzig. Als ich kurz vor dem Abschluss mit Sven zusammenkam, brach für Andreas eine Welt zusammen. Er tat mir ja leid. Hören wollte er trotzdem nicht.
Ich stand also Händchen haltend mit Sven vor der Schule, als Andreas an mir vorbei lief. Ich konnte den Schmerz in seinen Augen sehen, aber es war mir egal, ich war verliebt.
Endlich hatte ich meine Ruhe. Dachte ich, denn noch heute ruft er mir >>Herzensbrecherin<< hinterher, wenn wir uns zufällig begegnen.
Wieder vor meinem Spiegel angekommen überlegte ich, was ich anziehen könnte. Wonach war mir denn?
Ich wählte die schlimmste Jogginghose, die ich finden konnte, der Gummi am Bund war ausgeleiert, die Knie fast durchgescheuert. Der Pullover war mir drei Nummern zu groß und hing an mir wie ein Sack.
Ich warf alles zusammen aufs Bett. Die Unterwäsche und Socken entnahm ich meinem Altkleidersack.
Noch einmal warf ich einen letzten Blick in den Spiegel. Zufrieden mit mir nickte ich meinem Spiegelbild zu. Meine Haare ließ ich ungewaschen und ungekämmt.
Mein Deo, mein ganz eigener, nicht gewaschener Duft, betonte das Outfit. Unter normalen Umständen hätte ich so noch nicht mal die Tür geöffnet. Doch da es Monias Idee war, mich aus der Wohnung zu locken, musste sie die Konsequenz jetzt ertragen. Mit einem fiesen Lächeln auf den Lippen machte ich mich auf den Weg in das Café Louise.
Unterwegs musste ich an die erste Begegnung mit Ronny denken. Mir kam es vor als wäre es gestern gewesen, jedes einzelne Detail hatte sich in mein Gehirn gebrannt.

Alles begann im Mai 2008. (...)






Die Autorin
Mein Name ist Anika Werkmeister, ich wurde 1982 in der Rattenfängerstadt Hameln als erstes von vier Kindern geboren. In und um Hameln bin ich aufgewachsen. Im Alter von 12 Jahren schrieb ich die ersten Kurzgeschichten für meine Brüder. Lange Jahre danach beschränkte sich meine Schreibkunst dann nur auf die Aufsätze in der Schule. Bis ich mit 16 Jahren meinen Mann kennenlernte. Wir heirateten im Dezember 2002, und als im Mai 2003 unser Sohn geboren wurde, fing ich an, ganz für mich, kleinere Geschichten zu schreiben. Im Dezember 2005 zogen wir mit unserem Sohn in die Nähe von Berlin. Im Juli 2006 machte uns die Geburt von Cecilia komplett. Während eines Krankenhausaufenthalts im Oktober 2010 entstand die Idee zu meinem Debüt Roman „Wenn die LIEBE anklopft“, die ersten Seiten waren schnell geschrieben. Ich war angekommen, wusste, was ich vom Leben wollte, und schrieb das Buch in nur drei Monaten zu Ende. Meiner Mutter, der ich das Buch zu ihrem 50sten Geburtstag schenkte, ermutigte mich, es verschiedenen Verlagen vorzustellen.
Ich hatte mir das alles wirklich einfacher vorgestellt. Ich schickte Leseproben an viele Verlage. Natürlich waren auch die großen dabei (Lübbe und Heyne) ich bekam nur Absagen.
Umso glücklicher war ich, als ich eines Tages einen riesigen Umschlag aus dem Briefkasten zog, der einen Verlagsvertrag enthielt. Die Freude währte nicht lange, ich war an einen Druckkostenzuschussverlag gelangt. Ich sollte 9000 Euro für die Veröffentlichung bezahlen. Das konnte und wollte ich nicht! Ich suchte weiter, schrieb Exposés, druckte Leseproben und verschickte an jeden Verlag, den ich im Internet finden konnte. Es war immer dasselbe, die seriösen (die die keine Druckkosten verlangen) wollten mich nicht, weil sie keinen Platz für unbekannte Autoren hatten, und die unseriösen (DKZ Verlage) wollte ich nicht. Obwohl ich gestehen muss, dass ich so manche Nacht wach gelegen und überlegt habe, wo ich das Geld für die Veröffentlichung hernehmen sollte.
Dank moderner Medien, die uns das Schließen von Freundschaften einfach macht, bekam ich den Tipp, mein Manuskript dem Traumstunden Verlag zu schicken. Mir wurde gesagt, dass dort den Jungautoren eine Chance gegeben wird. Ich ließ mir die E-Mail-Adresse geben und schrieb drauf los.
Es dauerte nicht lange und ich bekam Antwort. Ich sollte mein Exposé überarbeiten und mich danach wieder melden.
Es dauerte acht Wochen, bis ich mit meiner neuen Arbeit zufrieden war, und schickte alles erst wieder im Dezember 2011 an den Verlag.
Da ich nach drei Monaten immer noch keine Antwort bekommen hatte, wollte ich meine noch nicht gestartete Autorenkarriere an den Nagel hängen. Das wiederum ließ meine Freundin nicht zu und zwang mich nachzufragen.
WIE GUT, DASS ICH ES GETAN HABE.
Es stellte sich heraus, dass der Verlag sich geteilt hatte und meine letzte Email im Nimmerland verschwunden war. Britta Wisniewski bat mich, ihr mein Manuskript erneut zu schicken. Keine 24 Stunden später bekam ich von ihr die Zusage, sie wollte mein Buch veröffentlichen. Die eigentliche Arbeit konnte beginnen. Ich habe und hatte ein Komma-Problem! Sie bat mich, mein Buch noch einmal selbst zu überarbeiten. Ich nahm mir die Leseprobe, die ich an alle Verlage geschickt hatte, vor und arbeitete. Als ich damit durch war, wollte ich auch den Rest überarbeiten und stellte mit Erschrecken fest, dass die Datei auf meinem Laptop verloren gegangen ist. Ob aus Versehen gelöscht oder beim Verschieben verschwunden konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Ich bekam Panik, fürchtete, meinen Traum vom eigenen Buch nicht verwirklichen zu können. Bis mir meine Cousine in den Sinn kam, die die Datei von mir geschickt bekam (meine Mutter hatte zu ihrem Geburtstag das vollständige Manuskript ausgedruckt bekommen).
Ich bekam meine Datei wieder und konnte alles überarbeiten. Ich war glücklich.
Mittlerweile waren wir ein letztes Mal umgezogen. Wir wohnen seit Anfang Dezember in Dollern.
Von der Überarbeitung durch den Verlag bis zum Druck vergingen nicht ganz zwei Monate.
Mein Buch verursachte von Anfang an Chaos, erst war die Datei verschwunden, dann fehlten Satzzeichen und zum Schluss machte es bei der Auslieferung an mich einen Umweg über Bayern.

Anika Werkmeister, Wenn die Liebe anklopft. Traumstunden Verlag

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