Salon

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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

31. Juli 2012

Chris P. Rolls, Auf magischen Schwingen


Aus Not von der eigenen Familie verkauft
dient der junge Feyk als Chiad (Knecht) in einem Gasthaus. Er muss als Lustknabe zur Verfügung stehen und grobe Arbeiten in Haus und Hof verrichten. Einzig die Arbeit im Stall mit den Pferden der Gäste ist Lichtblick in seinem trüben Leben.(...)

Wer meine Rezension weiterlesen möchte, möge sich hierher bemühen:  Bruder Lustig - Eurobuch









Leseprobe:
2 Pegasuscitar

Götter, ein Pegasus! Er hatte einen Pegasus gesehen und ihn berühren dürfen.
Feyks Herz schlug noch immer hart in seiner Brust, selbst als er sich am Brunnen hastig wusch und mit den feuchten Fingern durch die stoppeligen Haare fuhr. Er konnte kaum glauben, dass er unversehrt aus dem Stall entkommen war. Wie ihn dieser Fremde angesehen hatte, war er sicher gewesen, er würde ihn töten, um sein Geheimnis zu schützen. Hatte er Feyk wirklich abgenommen, dass dieser nichts bemerkt hatte?
Unglaublich: Das Pferd hatte ihm nur aufgrund seiner Berührung sein Geheimnis offenbart. Wie seltsam und wundervoll dieses Erlebnis gewesen war. Diese filigranen Flügel waren unglaublich schön gewesen und dieses Gefühl, durch die Luft getragen zu werden, schwerelos zu sein ...
Mirke rief ungeduldig von der Küche her seinen Namen und Feyk beeilte sich, hineinzukommen. Jaskor erwartete ihn bereits mit sehr missbilligendem Ausdruck.
„Wo treibst du dich so lange herum?“, zischte er ihn wütend an und stieß den Jungen grob an die Wand. „Wenn du glaubst, dass du dich wieder vor der Arbeit drücken kannst, muss ich wohl beizeiten erneut meinen Stock einsetzen, um dir genügend Gehorsam einzubläuen, Chiad.“
Feyk erwiderte nichts, senkte nur gehorsam den Kopf. Wiederworte, jede Erklärung, waren gänzlich unangebracht und würden Jaskor nur noch zorniger machen.
Dieser versetzte Feyk einen Stoß in den Rücken, der ihn Richtung Gastraum trieb. Jaskors Gesicht war grimmig verzogen. „Sieh zu, dass du die Gäste bedienst. Ich will nicht, dass einer unzufrieden ist.“
Feyk gehorchte und eilte bald darauf schon in der stickigen Luft des Gastraums zwischen den Tischen hin und her. Der Raum war sehr voll, weitere Reisende waren dazugekommen. Kurz vor der Ernte vorwiegend Landarbeiter, die meistens einfache Mahlzeiten und gelegentlich Bier bestellten. Zudem war jedoch eine größere Gruppe von wandernden Handwerkern eingetroffen, die johlend einen Tisch im Gastraum belegten und lautstark und ungeduldig nach ihrem Essen riefen.
In der Wärme des Gastraums brach Feyk bald schon der Schweiß aus, tropfte von seiner Stirn und klebte sein Hemd erneut an die Haut. Er war müde und erschöpft und doch durfte er sich nichts davon anmerken lassen. Bei den vielen Gästen würde es spät werden; er wusste jetzt schon, dass er heute Nacht nur wenige Stunden würde schlafen können. Dennoch würde er am nächsten Morgen früh hoch müssen, um die Tiere zu füttern und die Feuer zu beheizen. Dies war sein tägliches Leben. Unabänderlich.
Die sechs Handwerker trieben die Lautstärke mit Gesprächen, Lachen und später auch mit ihrem Gesang in die Höhe. Mirke und Jaskors jüngste Magd Kiltah bedienten sie und waren daher öfter Opfer ihrer derben Späße und der frech zupackenden Hände. Feyk beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wenn er durch den Raum eilte, verärgert über das Benehmen der jungen Männer und zugleich erleichtert, dass ihr Interesse lediglich den beiden Frauen galt.
An der Theke füllte er die Bierkrüge für zwei ruhige, ältere Kaufleute, die an einem kleinen Tisch hinten in einer Nische saßen, als er sich des Pegasusreiters bewusstwurde, der soeben dicht neben ihn an den Tresen getreten war. Der Mann überragte ihn um mehr als einen Kopf und augenblicklich war Feyks Furcht wieder da. Vorsichtig wandte er den Kopf und musste erschrocken bemerken, dass der Mann ihn tatsächlich direkt ansah. Hart schluckte Feyk, konnte seine aufkommende Angst kaum verbergen. Diese dunkelgrünen Augen erforschten ihn, drangen viel zu tief in ihn. Ob der Reiter doch etwas ahnte?
„Zeige mir, wo noch ein Tisch frei ist, Feyk. Dort, wo es ruhiger ist“, verlangte der Mann von ihm, die Stimme befehlsgewohnt wie zuvor.
„Dort hinten ist noch ein Platz, Herr“, brachte Feyk hervor und deutete auf die Nische, in der auch die beiden Kauflaute saßen.
„Sehr gut. Bring mich hin“, forderte der Fremde ihn auf und folgte dem Jungen durch den Gastraum zu dem abseits liegenden Tisch.
„Dort, mein Herr“, wies ihm Feyk den Platz zu. „Ich bringe das Bier an den anderen Tisch, dann werde ich Euch bringen, was Ihr wünscht.“ Wortlos nahm der andere Mann Platz, doch seine Augen folgten Feyk. Dieser spürte seinen Blick im Rücken, als er die Bierkrüge bei den Händlern abstellte, noch bevor er sich umwandte. Ohne jede Regung trat er zu dem großen Mann, nahm die Bestellung auf, vermied jedoch den Augenkontakt und eilte rasch zurück zur Küche.
Wie zu erwarten, hatte der Fremde das beste Fleisch und einen Krug vom feinsten Bier bestellt. Auf dem Weg zurück zu dem kleinen Tisch, balancierte Feyk den schwerbeladenen Teller vorsichtig aus. Seine müden Beine schmerzten und er musste sehr aufpassen, dass er nicht stolperte und womöglich Essen oder Bier verschüttete. Wie gerne wäre er jetzt im Stall, könnte einfach nur schlafen.
Jaskor war auf seinem Rundgang durch den Gastraum, wo er mit den wohlhabenden Gästen Worte wechselte. Feyk musste an ihm vorbei und der Gastwirt lächelte überaus zufrieden, als er erkannte, was der Gast in der Ecke bestellt hatte. Er nickte Feyk auffordernd zu.
„Bitte, mein Herr, Euer Essen“, erklärte dieser und stellte seine Last vor dem Gast ab. Er wollte sich schon abwenden und mit den anderen Bierkrügen weiter eilen, als ihn der Fremde unerwartet am Arm ergriff. Erschrocken zuckte Feyk zusammen und wandte sich ihm zu. Ihm stockte der Atem und um ein Haar wäre ihm einer der Bierkrüge entglitten. Abrupt schlug ihm sein Herz hoch bis zum Hals. Die dunkelgrünen Augen fixierten ihn mit einem undefinierbaren Ausdruck. Der Griff war fest, beinahe hart. Viel Kraft steckte dahinter. Feyks Haut brannte und wohlbekannte Panik kroch tief aus seinem Magen hoch, zog ihm die Kehle zu. Mühsam zwang er sich, stillzuhalten.
„Setze dich zu mir“, verlangte der Fremde, ließ Feyk dabei jedoch nicht los. Kalte Gänsehaut überzog dessen Arm, breitete sich hoch bis auf seinen Rücken aus.
Der Mann wollte ihn an seinem Tisch haben? Feyk zitterte kaum merklich. Götter! Er ahnte also doch etwas und wollte ihn gewiss aushorchen, gar bedrohen, damit er schwieg.
„Das darf ich nicht, Herr“, stammelte Feyk beklommen, bestrebt zu entkommen und wand sich in dem Griff. „Jaskor wird es nicht erlauben.“ Er hob erklärend die Bierkrüge hoch. „Ich muss meine Arbeit machen.“ Der Fremde starrte ihn unverwandt an, ließ ihn unvermittelt los und rief laut nach dem Wirt. Jaskor eilte augenblicklich beflissen herbei.
„Wirt, bringt mir noch einen Krug Eures besten Gebräus“, verlangte der Fremde, schaute dabei allerdings Feyk an, schien Jaskor kaum zu bemerken. „Ihr habt doch ganz gewiss nichts dagegen, dass ich mich mit Eurem jungen Burschen hier ein wenig unterhalte? Ich schätze Gesellschaft beim Essen. Ich war schon recht lange alleine unterwegs.“
Abermals stockte Feyk der Atem. Er kannte diesen Blick, mit dem der Fremde seinen Körper abtastete. Panik und Abscheu drohten Feyks Brust gleichzeitig zusammenzuziehen, machten seine Kehle eng und trieben seinen Herzschlag hoch.
Nein, bitte nicht, flehte er innerlich, wohl wissend, wie unsinnig dieser Wunsch war. Er wollte nicht mit diesem Mann an einem Tisch sitzen, er fürchtete, er wusste, worauf das hinauslaufen würde. Dieser Mann machte ihm extreme Angst. Seine Erscheinung versetzte ihn in Furcht und eine eigentümliche Bewunderung gleichzeitig. Dieser durchdringende Blick war schwer einzuschätzen. Sein Wissen darum, wer und was der Mann in Wahrheit war, verunsicherte Feyk zusätzlich. Er musste hingegen nicht in Jaskors gierig leuchtende Augen sehen, um zu wissen, wie dessen Antwort lautete, noch bevor er sie aussprach.
„Nein, Herr. Natürlich nicht, werter Herr“, bestätigte der Gastwirt übereifrig. „Jeder weiß gute Gesellschaft nach einem harten Ritt zu schätzen.“ Er lachte auf und man hörte ihm die Vorfreude auf ein weiteres Geschäft deutlich an. „Kann ich Euch sonst noch etwas bringen?“ Er nahm Feyk eilfertig die beiden Bierkrüge ab, nickte ihm auffordernd zu und blickte den Gast erwartungsvoll an. Der große Mann schüttelte jedoch nur den Kopf und beachtete ihn nicht weiter.
„Setze dich“, forderte er den zögernden Feyk auf, der seine Angst mühsam hinunterschluckte. Unsicher ließ er sich auf den Stuhl nieder und streckte seine schmerzenden Beine aus. Es tat dennoch unendlich gut zu sitzen, einen Moment Erholung zu haben. Auch wenn es in der Gesellschaft dieses Mannes war.
Unablässig blickte ihn der Fremde an, während er sich von dem Braten Scheiben abschnitt und das frische Brot aufbrach. Das Fleisch war saftig, der Geruch des Bratens und des warmen Brotes stieg Feyk in die Nase und erinnerte seinen erschöpften Körper daran, dass seine letzte Mahlzeit am frühen Morgen gewesen war. Der Duft war betörend, ließ ihm den Speichel im Mund zusammenlaufen. Dies war Jaskors bestes Essen und sein Gasthof durchaus zu Recht für seine guten Mahlzeiten bekannt.
„Hast du auch Hunger?“, erkundigte sich sein Gegenüber überflüssigerweise, als Feyks Magen vernehmlich knurrte. Kaum merklich nickte dieser. Ohne weitere Worte schnitt der Mann eine große Scheibe des Bratens ab und drehte den Teller, sodass sie vor Feyk zu liegen kam.
„Nimm dir“, forderte er ihn auf. „Es ist genug, um uns beide sattzumachen.“
Verblüfft hob Feyk erstmals den Kopf, und blickte ihn direkt an. Der harte Ausdruck im Gesicht des anderen Mannes war einem freundlichen, nahezu mitleidigem gewichen. Im schwachen Licht wirkte es weicher, weniger bedrohlich als zuvor im Stall. Und noch immer eigenartig anziehend.
„Du siehst aus, als ob du durchaus etwas vertragen könntest“, bemerkte der Fremde und lächelte Feyk wahrhaftig an. „Nimm dir schon.“ Misstrauisch sah Feyk ihn an, zögerte hingegen nur noch einen kurzen Moment, griff zu und probierte zaghaft das Fleisch.
Unwillkürlich entkam ihm ein leises Seufzen. Nie zuvor hatte er etwas derart Köstliches gegessen. Weich, nahezu schmelzend zart, wie kein anderes Fleisch je zuvor, saftig und voll im Geschmack. Es war ein Fest für Zunge und Gaumen und er konnte sich kaum beherrschen, diese Köstlichkeit nicht so schnell wie möglich in seinen Mund zu stopfen.
„Es schmeckt dir offenbar“, kommentierte der Fremde lächelnd und reichte ihm ein großes Stück Brot. Feyk nickte dankbar und ein Teil seiner Angst zog sich in eine abwartende, lauernde Stellung hinter seinen Hunger zurück. Vorsichtig warf er dem anderen Mann Blicke zu, der sich ebenfalls gütlich tat.
Kurz darauf stellte Jaskor den zweiten Krug auf dem Tisch ab und warf dem Gast einen überraschten Blick zu, als dieser Feyk eine weitere große Scheibe Fleisch reichte.
„Mein Bursche hier wird Euch jeden Eurer Wünsche erfüllen, edler Herr. Er ist sehr geschickt und willig“, bemerkte der Gastwirt mit verschwörerisch gesenkter Stimme. „Er wird natürlich alles tun, damit Ihr Euch in meinem Haus richtig wohlfühlen und entspannen könnt, Herr.“ Der wahre Inhalt seiner Worte war im Grunde klar. Auch wenn Feyk es gewöhnt sein sollte, stieg die Scham der Erniedrigung heiß in ihm auf. Seine Wangen brannten und seine Finger begannen augenblicklich zu zittern.
Bitte nein, flehte er stumm, bitte nicht heute. Bitte nicht mit diesem Mann. Der Fremde nickte Jaskor allerdings lediglich abwesend zu, schien kaum zuzuhören und wandte sich Feyk lächelnd zu, sobald der Gastwirt verschwunden war. Nachdenklich musterte er den jungen Mann, der sich ganz auf den Verzehr des Fleisches konzentrierte und weitere Blicke vermied.
„Bist du hier geboren?“, eröffnete der große Mann nach einer Weile das Gespräch. Ohne Weiteres schob er Feyk den anderen Krug hin und nickte ihm auffordernd zu. Zögernd griff dieser danach, nippte daran und spülte entschlossener das Fleisch mit dem Bier hinab. Bislang hatte er stets nur das dünne, mit Wasser gestreckte, Bier probieren dürfen, das Jaskor für die Landarbeiter braute. Dies hier war herber, stärker und schmeckte unglaublich köstlich. Gierig trank er es in großen Schlucken.
Die meisten Männer, die sich nachts seiner Dienste versicherten, gaben sich nicht die Mühe, ihn vorher kennenzulernen. Obwohl ihm klar war, was geschehen würde, erfüllte Feyk ein widerwillig warmes Gefühl von Dankbarkeit. Wenigstens durfte er die Großzügigkeit dieses Mannes genießen, wenngleich das zwangsläufig Folgende damit nicht leichter wurde. Daran würde er sich nie gewöhnen. Es wurde nie leichter.
„Nein, Herr, ich komme aus den westlichen Ebenen“, erklärte Feyk. Der Fremde nickte zustimmend, sprach seinerseits dem Essen und dem Bier gut zu.
„Das dachte ich mir schon“, bemerkte er nachdenklich. „Dein Gesicht ist anders. Du hast die Stirn, Kinn und die Augen eines Westländers. Du gehörst zu dem Volk der Steppen, nicht wahr?“ Feyk antwortete nicht, vermutete, dass dieser Spion des Herrschers Aclodh bestimmt weit herumkam und vermutlich schon viele der anderen Völker gesehen hatte. Warum also nicht das der Ebenen von Lacar? Weswegen er wohl hier war? Welchen Auftrag er erfüllte? Hastig verdrängte Feyk diese neugierigen Gedanken. Es ging ihn nichts an und er konnte froh sein, dass dieser Mann nicht erraten hatte, dass er um sein Geheimnis wusste.
„Wie bist du hierher gekommen?“, wollte der große Mann wissen, spülte sein Brot mit einem großen Schluck Bier hinab. Flüchtig benetzte Feyk seine Lippen und setzte einen undurchdringlichen Ausdruck auf, bevor er antwortete: „Meine Familie war zur Ernte hier und meine Mutter wurde sehr krank. Als sie starb, konnte mein Vater die Schulden nicht bezahlen ...“ Er brach ab und steckte sich schnell ein Stück Brot in den Mund. Nach wie vor tat es weh, darüber zu reden. Die Trauer und Enttäuschung schnürten ihm noch immer die Kehle zu.
„Also warst du die Bezahlung“, folgerte der Fremde richtig und nickte bedächtig. „Ein Chiad, ein Schuldpfand also. Du arbeitest die Schulden deines Vaters ab.“
Ich bin ein Gefangener, ein Sklave, ergänzte Feyk in Gedanken bitter und nickte nur. Es lag stets im Ermessen des Besitzers, wie lange er einen Chiad behielt, wann er die Schulden als bezahlt ansah. Natürlich kam es auch vor, dass ein Chiad von seiner Familie ausgelöst wurde. Feyk hatte nie wirklich damit gerechnet und Jaskor hatte ihm ebenfalls keine Hoffnung gemacht, ihn je gehen zu lassen.
„Das erklärt dein Geschick mit Pferden“, meinte der Fremde mehr zu sich selbst und klang grübelnd. „Die Völker der Ebenen von Lacar sind bekannt für ihre Pferdezucht.“ Erneut musterte er Feyk eindringlich und ergänzte ernst: „Und für ihr karges, unfruchtbares Land, den Hunger und die Not, die die Menschen dort verfolgt und aus ihrem eigenen Land vertreibt.“
Zum ersten Mal vernahm Feyk Emotionen in seiner Stimme, Bitternis und einen leichten Anflug von Ärger. Überrascht schaute er den Mann an, der unterdessen auf seine Hände starrte, die um den Bierkrug lagen, ihn gar nicht mehr wahrzunehmen schien.
„So unglaublich viele Menschen, die heimatlos durch das Land streifen, denen das Nötigste fehlt. Dieses Land ist reich und doch erleiden die Menschen im Nordwesten Hunger und Elend.“ Der Blick des Fremden wanderte durch den Gastraum, blieb schließlich an den Landarbeitern hängen. „Viele dieser Kinder werden nie zu Männern und Frauen heranreifen, nie die Sicherheit eines eigenen Heims erfahren, eine Heimat besitzen, eine Familie.“ Lange schwieg er, ganz in seine Gedanken versunken. Schließlich seufzte er auf und lächelte Feyk freundlich an. Unvermittelt hielt er ihm seine Hand hin.
„Mein Name ist Vigar“, stellte er sich vor. Verhalten streckte ihm Feyk seine Hand entgegen. In seinem Hinterkopf rumorte die Gewissheit, was dieser Mann war, aber seine Freundlichkeit erschien ehrlich, verdrängte einen Großteil der Angst. Wären die Umstände anders gewesen, hätte er durchaus etwas Sympathie für Vigar entwickeln können.
„Nimm dir“, forderte dieser gleich darauf und schob Feyk den ganzen Teller hin. „Iss dich ruhig satt. Ich denke, du kannst es gut gebrauchen.“ Dankbar machte sich dieser über das Essen her, froh, dass ihm keine unmittelbare Gefahr mehr drohte, Vigar ihn freundlich behandelte und er bislang noch nicht mehr von ihm wollte, als seine Gesellschaft bei Tisch.
Bald, nachdem Feyk den Teller leergegessen hatte und die Lieder der sechs Handwerker sich mit den unflätigen Texten der Fallensteller, die sich nun zu ihnen gesellt hatten, vermischten, erhob sich Vigar vom Tisch. Er warf den Männern einen missmutigen Blick zu, die Kiltah in ihre Mitte genommen hatten und sie von einem zum anderen Schoss wechseln ließen, nicht ohne ihre Hände dabei über ihre Hüften, Brüste und auch unter ihren Rock zu schieben.
„Danke für deine Gesellschaft, Feyk“, bedankte sich Vigar. Er lächelte den verblüfften Jungen an und entfernte sich rasch nach oben. Erleichtert seufzte dieser auf. Für diese Nacht schien ihm Kiltahs Schicksal erspart zu bleiben. Ehe Jaskor bemerken konnte, dass der Gast sich alleine zurückgezogen hatte, sammelte Feyk den Teller und die Krüge ein und brachte sie zurück.
Noch lange danach war er in Gedanken bei dem Pegasusreiter. Vigar war ihm sympathisch erschienen, ja er hatte sich sogar ein wenig zu ihm hingezogen gefühlt. Selten sprach jemand freundlich mit ihm und er konnte sich nicht daran erinnern, sich je derart satt gefühlt zu haben. Leider kam mit dem Gefühl des vollen Magens auch die Müdigkeit und Erschöpfung mit größerer Wucht zurück und so wurden Feyks Bewegungen schleppend. Es fiel ihm zunehmend schwerer, sich zu konzentrieren. Schlafen, er wollte so gerne schlafen.
Es war schon sehr spät und die Gruppe der Handwerker und Fallensteller wurde immer lauter. Das Bier floss reichlich und die anderen Gäste zogen sich bereits zurück. Feyks Augen drohten ihm ständig zuzufallen und mehr als einmal war es purer Zufall, dass er den Krug noch rechtzeitig abstellen konnte, bevor er das Bier verschüttete.
Wenn diese Männer weiterhin feierten, würde er vermutlich kaum lange genug in sein Strohlager kommen, um wenigstens einige, viel zu wenige Stunden, Erholung zu finden.
Feyk stellte seine Krüge auf dem Tisch der Handwerker ab, erhaschte dabei einen starren Blick Mirkes, die auf dem Schoss eines Fallenstellers gezogen wurde. Der rothaarige, bärtige Mann lachte während Mirke mit unbewegter Miene, die Brust bereits halb entblößt, seine Hand in ihrem Schritt ertrug.
Zorn kratzte mit harten Fingern an Feyks Brust, ließ sein Herz wütend schlagen. Wie sehr er diese Männer verabscheute, sie verachtete, für alles, was sie Mirke und Kiltah antaten. Sein Ärger und seine Müdigkeit machten Feyk unachtsam und er stieß unbeabsichtigt gegen den Arm eines der Handwerker, der daraufhin einen Teil seines Biers verschüttete. Wütend fuhr der Mann auf.
„Pass doch auf, Bursche!“, brüllte er Feyk zornig an und wischte hastig das Bier von seinem Hemd.
„Verzeiht mir Herr, das wollte ich nicht“, entschuldigte sich dieser augenblicklich, griff nach dem Lappen an seinem Gürtel und wischte hastig die Tischplatte trocken. Mehrere der Männer wandten ihm nun ihre Aufmerksamkeit zu. Sein kurz geschorenes Haar zeigte ihnen seinen Stand an und der blonde Mann, den er angestoßen hatte, schnaubte abfällig.
„Sieh zu, dass du mir das Bier sofort ersetzt, dreckiger Chiad“, verlangte er und sein Mund verzog sich verächtlich. Er spuckte direkt vor Feyks Füße und beobachtete ihn mit einem leicht grausamen Lächeln. Die anderen Männer lachten begeistert über dieses neue Schauspiel.
„Los wische es auf“, forderte der blonde Mann grinsend. Kalte Wut war in Feyk und seine übermüdeten Sinne ließen ihn für einen Moment die Kontrolle über sein Gesicht verlieren. Zornig blitzte er den Mann an, der kaum älter als er selbst war, und ballte die Hände zu Fäusten.
„Oha, der Chiad mag es wohl nicht, wenn man ihm einen klaren Befehl erteilt“, warf einer der Männer lachend ein.
„Weißt du nicht, wo dein Platz ist, dreckiger Chiad?“, zischte ihn nun auch der blonde Mann an und fuhr Feyk an: „Los, runter mit dir auf die Knie und wische die Sauerei auf.“
Einen winzigen Moment kämpfte Feyk mit den verbliebenen Resten seines Stolzes. Unsinnig, er wusste es. Solche Gefühle gehörten nicht in das Leben eines Chiads. Gehorsam senkte er den Blick und kniete sich hin. Es war nicht das erste Mal, dass er in einer solchen Situation war und es würde nicht das letzte Mal sein. Stolz und Wut waren Gefühle, die er sich nicht erlauben konnte.
Die Männer lachten über ihn und der Blonde stieß ihn mehrfach grob mit dem Fuß an. Feyk reagierte nicht, betete zu den Göttern, dass Jaskor dies nicht sah. Doch die Götter waren Feyk noch nie gnädig gesonnen. Jaskor hatte es natürlich bemerkt und kam auch schon heran.
„Entschuldigt, die Herren, entschuldigt meinen ungeschickten Burschen. Natürlich wird Euer Bier ersetzt werden“, versicherte er. Die Männer johlten laut auf, als Jaskor seinen Chiad am Arm packte und hoch zerrte. Feyk war sofort klar, dass Jaskor seinen Fehler nicht ohne Strafe lassen würde. Andererseits würde er ihn nicht schlagen, solange noch Arbeit in der Gaststube zu verrichten war.
„Dafür wirst du später noch büßen, Chiad“, zischte Jaskor, während er ihn mit sich zerrte. Vor der Treppe zu den Zimmern des Gasthauses blieb der Gastwirt stehen. Zornig blickte er Feyk an, der viel zu müde für irgendeine Reaktion war und einfach nur mit hängenden Schultern ergeben vor ihm stand. Er wollte nur, dass es vorbei war, wollte endlich ruhen, in den Schlaf flüchten, den einzigen Zufluchtsort den es für ihn gab. Es gab nichts, was er an seiner Strafe ändern, nichts mit dem er Jaskor beschwichtigen konnte. Mit gesenktem Kopf erwartete Feyk die unweigerlichen Schläge.
„Los, geh hinauf. Das letzte Zimmer hinten rechts“, forderte ihn der Gastwirt jedoch stattdessen auf. „Der vornehme Herr hat nach dir verlangt.“ Feyk hob ruckartig den Kopf. Sein Herz setzte aus und seinen Hals blockierte ein schmerzhafter Knoten. Entsetzt starrte er Jaskor an. Nein! Nicht auch noch das. Bitte, Götter, nein!
„Mach schon.“ Jaskor wurde ungeduldiger. „Der Mann hat viel Geld. Wenn du dich geschickt anstellst, wird er sehr gut dafür bezahlen. Vielleicht lasse ich deine Strafe dann milder ausfallen.“ Energisch schob er Feyk zur Treppe. Diesem blieb keine andere Wahl, als zu gehorchen.
Voll Unbehagen, leise nagender Angst, vor allem jedoch resignierend, schleppte Feyk sich die Stufen hoch. Vigar war freundlich zu ihm gewesen. Trotzdem hatte Feyk sich nicht getäuscht und seine Liebenswürdigkeit richtig gedeutet. Diese Nacht würde er ihm also Lust bereiten müssen und er konnte nur hoffen, dass der Pegasusreiter schnell zufrieden sein würde.
Zaghaft klopfte Feyk an. Die Tür wurde rasch geöffnet. Vigar sah auf ihn hinab und lächelte ihn an. Er trug sein grünes Hemd offen und gewährte Feyk einen guten Blick auf die breite, leicht behaarte Brust. Oh ja, Vigar musste ein Kämpfer sein. Zwei feine Narben verschwanden unter dem Hemdstoff.
„Komm herein“, forderte ihn der große Mann auf und trat zur Seite, verschloss die Tür hinter ihm. Feyk schluckte hart und ließ sein Seufzen ungehört verklingen. Wenn es nur schnell gehen würde … Er wollte wirklich nur noch schlafen.
Mitten im Raum blieb er stehen, behielt den Kopf gesenkt, wollte den anderen Mann nicht direkt ansehen. Seine Freundlichkeit, eine Lüge, sein Interesse, geheuchelt. Diese dunklen grünen Augen hatten Feyk getäuscht, wie viele andere vor ihm. Niemand interessierte sich für ihn. Sie alle wollten immer nur ihre eigene Befriedigung.
„Was soll ich für Euch tun, Herr?“, quälte Feyk die Worte mühsam heraus. Seine Hose war an den Knien noch feucht von dem verschütteten Bier und der Geruch der Gaststube hing in seiner Kleidung. Er war unendlich müde und fühlte sich elend.
Vigar ging von der Tür zu seinem Bett und nahm darauf Platz. Stirnrunzelnd und belustigt blickte er Feyk an.
„Was tust du sonst?“, fragte er neugierig nach. Abermals seufzte Feyk innerlich und zog sich entschlossen das Hemd über den Kopf. Er wollte keine Spiele, er wollte es hinter sich bringen. Was auch immer Vigar haben wollte, er würde seine Pflicht tun.
„Ich erweise Euch jeden Dienst, den Ihr wünscht, Herr“, erklärte Feyk leise, konnte die matte Traurigkeit, die Resignation nicht mehr daraus verbannen.
Ich tue alles, wenn ich nur endlich in den Stall, zu meinem Lager darf, ergänzte er in Gedanken und begann die Schnürung seiner Hose zu lösen.
„Was?“, stieß Vigar verdattert hervor und sprang auf. „Oh nein! Götter, nein! Du denkst ich …?“ Erschrocken brach er ab, starrte Feyk bestürzt an, dessen Hände noch an dem Bund seiner Hose lagen. Unsicher schaute dieser Vigar an.
War es nicht das, was der andere Mann wollte? Wieso hatte er ihn dann zu sich gerufen? Verstört nahm Feyk seine Hände von der Hose. Vigar stand vor ihm, blickte ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Verblüffung an.
„Ist dies, was du sonst tun musst?“, erkundigte er sich mit leiser, beherrschter Stimme. Wut glitzerte in seinen Augen, jedoch war sich Feyk sicher, dass diese nicht ihm galt. Kaum merklich nickte er.
„Götter!“, stieß Vigar zornig hervor und begann aufgebracht durch das Zimmer zu wandern, die Hände zu Fäusten geballt. Unsicher beobachtete ihn Feyk. Vigar schien sich nur mühsam beherrschen zu können und kam endlich vor ihm zum Halten. Hastig bückte er sich, hob Feyks Hemd hoch und drückte es ihm in die Hand.
„Das ist nicht, was ich von dir wollte, Feyk“, meinte er entschieden, sein Blick glitt dennoch über dessen blanken Oberkörper und er schluckte sichtlich. „Bitte zieh dich wieder an.“ Einen Moment starrte ihn Feyk noch ungläubig an, streifte sich jedoch eilig das Hemd über.
Waren die Götter eventuell doch auf seiner Seite? Nur was konnte Vigar sonst von ihm wollen? Leise Angst, eine drohende Vorahnung breitete sich abermals in Feyk aus. Vigar hatte seine unruhige Wanderung erneut aufgenommen und umkreiste ihn.
„Ich wollte dich etwas fragen, Feyk“, begann Vigar schließlich. „Etwas, was nicht für alle Ohren gedacht ist.“ Kalte Finger griffen nach Feyk, pressten sein Herz zusammen. Also doch. Der Pegasus. Dieser Mann war sein Reiter, ein Spion, ein Feind Bohruns und des ganzen Nordwestreiches.
Unsicher schaute Feyk auf seine Füße, versuchte die zunehmende Nervosität zu verbergen. Seine Hände begannen dennoch leicht zu zittern.
„Heute im Stall…“, bestätigte Vigars nächste Frage Feyks schlimmste Befürchtungen. „Was hast du da gesehen?“
„Nichts, Herr. Gar nichts“, versicherte Feyk überstürzt. Seine Hände ballten sich zusammen.
Also doch. Dieser Mann hatte es bemerkt. Ob er es wohl bis zur Tür schaffen konnte? Nein, denn Vigar umrundete ihn nun beständig, wie ein Raubtier.
„Das glaube ich dir nicht, Feyk“, stellte der große Mann mit härterer Stimme fest und trat direkt vor ihn. „Deine Augen haben dich verraten. Wie du mein Pferd angesehen hast ...“ Er brach ab und wanderte abermals um Feyk herum. Dieser schwieg, überlegte fieberhaft, wie er entkommen, was er sagen konnte.
Ob Vigar ihn töten würde? Warum hatte er ihn hergerufen? Warum?
„Du hast bereits von den Pegasus gehört, nicht wahr?“, setzte Vigar seine Befragung fort. Feyk zuckte zusammen, fühlte den Schweiß über seinen Rücken kriechen. Kalt und klebrig. Nervös wischte er sich die Hände an seiner Hose ab. Er vermochte kaum noch zu stehen, seine Knie begannen zu zittern.
Götter, bitte helft mir, flehte er. Er wird mich töten, wenn ich es zugebe. Aber Lügen war ebenso zwecklos. Was sollte er tun?
„Ja“, flüsterte Feyk kaum hörbar. Vigar blieb halb hinter ihm stehen und legte ihm eine Hand schwer auf die Schulter. Angst breitete sich in jedem Teil von Feyks Körper aus. Er wagte es allerdings nicht, sich umzudrehen. Er konnte nichts mehr tun. Wenn ihn Vigar töten wollte, würde er es ohnehin tun und er war viel zu erschöpft, um sich noch zu wehren. Wenn dies sein Schicksal sein sollte, würde er eben sterben. Er konnte nicht mehr. Es war zu viel.
„Hast du Nifthas Flügel gesehen?“, flüsterte Vigar unerwartet in sein Ohr. „Unglaublich zart, fast durchscheinend, schillernd in tausend silbrigen, grünen und blauen Farbtönen. Hast du gesehen, wie grazil sie sie bewegt? Sie sind wunderschön, nicht wahr? Einzigartig. Magisch!“ Seine Stimme war leise, raunend, voller Ehrfurcht und Bewunderung. Die Worte schickten Schauer über Feyks angespannten Körper, riefen augenblicklich die Erinnerung an die Flügel wach.
Oh ja, wunderschön. Niemals hatte er etwas Schöneres gesehen. Perplex wandte er sich zu Vigar um, starrte ihn mit großen Augen ungläubig an.
„Du hast sie gesehen“, stellte dieser befriedigt fest. Zögernd nickte Feyk und fügte sofort hastig hinzu: „Ich werde nichts sagen, Herr! Ich werde es niemandem verraten!“ Der Kloß in seinem Hals drohte ihn zu ersticken. Vigars Hand schien ihn zu Boden zu drücken, seine Beine wollten ihm den Dienst versagen.
Lächelnd trat Vigar vor ihn, die Hand noch immer auf seiner Schulter. Es war ein warmes, ehrliches, sogar seltsam anerkennendes Lächeln.
„Nur ganz wenige Menschen können einen Pegasus derartig berühren, Feyk“, stellte er fest, eine eigentümliche Bewunderung in seinen Augen. „Ich vermag einen erweckten Pegasus dazu zu bringen, seine Flügel für mich zu entfalten. Es gibt in allen Völkern Menschen, die die Magie in sich tragen, einen Pegasus zu fliegen.“

Er machte eine bedeutungsvolle Pause und musterte Feyk mit einem seltsamen Ausdruck.
„Nur sehr wenige Menschen können jedoch einen Pegasus erwecken“, fügte er bedeutungsvoll hinzu. Feyk starrte ihn weiterhin an, unfähig etwas zu sagen. Er begriff nicht ganz, was Vigar sagen wollte. Dessen grüne Augen hielten seinen Blick gefangen.
„Ich bin ein Pegasusreiter, Feyk“, erklärte Vigar und löste endlich seine Hand von dessen Schulter und fuhr fort: „Ich weiß, was man in eurem Reich über uns erzählt. Schauermärchen. Du musst mich nicht fürchten. Ich werde dir nichts tun. Ich bin nicht dein Feind.“ Atemlos lauschte ihm Feyk, vergaß für den Moment sogar seine Erschöpfung und seine Furcht.
„Ich komme aus dem Südostreich, wie du bestimmt schon vermutet hast“, erklärte Vigar. „Ich diene dem Herrscher Aclodh. Es gibt viele von uns: Pegasusreiter, die in seinen Diensten stehen, Botschaften überbringen und die Custore, die im Land für Ordnung und Gerechtigkeit sorgen. Unser Herrscher Aclodh züchtet diese spezielle Pferderasse, die Pegasus hervorbringt. In seiner Feste bilden wir sie aus, trainieren sie.“ Vigar setzte sich abermals auf das Bett und fuhr fort: „Wir kreuzen sie miteinander und hoffen jedes Mal, dass unter den Fohlen ein Pegasus dabei sein wird. Es ist nicht leicht, sie in jungen Jahren zu entdecken.“ Ein hörbares Seufzen entkam seinen Lippen.
„Ich vermag ihre magischen Flügel zu sehen, sie zu entfalten, den Pegasus zu fliegen, wenn er einmal erweckt wurde. Das ist meine magische Gabe, wie die der anderen Reiter. Eine Begabung die wir trainieren, bis wir sie beherrschen. Jeder mit der Gabe dazu kann es lernen. Aber die Ausbildung eines Pegasus dauert lange und braucht viel Geduld.“ Erneut machte er eine Pause.
„Es braucht jedoch eine besondere, eine machtvollere Magie, um einen unausgebildeten Pegasus zu erwecken. Bei einem jungen Pferd ist noch keinem von uns gelun- gen, die Flügel zu entfalten.“ Vigars Blick blieb an Feyk hängen, der wie erstarrt dastand und fasziniert zuhörte. Das war alles so fantastisch, klang unwirklich. Nichtsdestotrotz hatte er diese Flügel selbst gesehen. Vigars Stute war kein gewöhnliches Pferd.
„In früheren Zeiten gab es einige Menschen im Reich mit dieser Magie, dieser besonderen Gabe. Sie konnten jeden Pegasus dazu bringen, sein angeborenes Geheimnis zu offenbaren, ihn erwecken. „Citare“ nannte man sie.“ Vigar maß den staunenden Feyk mit einem langen, nachdenklichen und respektvollen Blick. Tief holte er Luft und lächelte. „Ich glaube, du bist so ein Erwecker, Feyk. Du bist ein Pegasuscitar!“
„Ich?“, stieß Feyk fassungslos hervor.
„Ja“, meinte Vigar bestimmt. „Du hast heute Niftha berührt und sie hat ihre Flügel entfaltet. Du hast keine Ausbildung, wusstet nicht einmal was du da getan hast und dennoch entfaltete sie ihre Flügel für dich. Das habe ich noch nie erlebt.“ Lächelnd erhob er sich und kam auf den entgeisterten Feyk zu. In Vigars Augen trat ein leicht gehetzter Ausdruck.
„Hör mir gut zu“, verlangte er mit eindringlicher Stimme. „Ich hatte einen wichtigen Auftrag zu erfüllen. Ich wurde entdeckt und werde deshalb verfolgt.“ Seine Hände legten sich auf Feyks Schultern und er suchte abermals den Augenkontakt. Erneut seufzte Vigar.
„Ich würde dich sofort mit mir nehmen, wenn ich es könnte. Ich würde dich freikaufen. Aber ich muss zügig reisen und Niftha kann nur einen Reiter tragen.“ Vigar schnaubte ärgerlich.
Freikaufen? Ihn mitnehmen, fort von hier? Feyk wollte seinen Ohren nicht trauen. Sein Kopf schwirrte von all dem, was ihm Vigar erzählte. Konnte es angehen? Hatte Vigar Recht? War er ein besonderer Mensch? Der Gedanke war abwegig, zu unwirklich, wie der, dieses Gasthaus, dieses Elend hier zu verlassen. Frei zu sein ...
Feyks Knie knickten ein. Die Erschöpfung forderte ihren Tribut und sein ermatteter Körper sackte zu Boden. Vigar griff nach ihm und zog ihn hinüber zum Bett.
„Herr?“, flüsterte Feyk kaum hörbar. Vor seinen Augen flimmerten graue Punkte und sein Herz schlug seltsam langsam. Ihm war kalt und er wusste kaum, wie er die Lippen bewegen, wie er noch Worte formulieren sollte.
„Mein Name ist Vigar, Feyk“, vernahm er die warme Stimme und eine Hand strich ihm über die Stirn. Sanft, behutsam. Lange schon hatte Feyk solche Zärtlichkeiten vermisst, sich verzehrend nach ihnen gesehnt. Nach ein wenig Hoffnung.
Erschöpft schloss er die Augen. Es tat gut, es war schön, sich einfach diesen Berührungen zu überlassen. Er wollte schlafen, vergessen, träumen ...
„Ich werde deinem Herrn mitteilen, dass ich dich über Nacht hierbehalten werde. Du kannst in Ruhe schlafen und dich erholen. Zumindest das kann ich für dich tun“, versprach eine Stimme im Nebel. Mühsam öffnete Feyk die Augen und erkannte Vigar, der sich über ihn gebeugt hatte.
„Ich weiß, es ist sehr viel Neues auf einmal und du weißt nur einen Bruchteil dessen, was du wissen solltest“, erklärte Vigar nachsichtig lächelnd. „Ich werde dir alles erklä- ren. Später. Ich werde dich zu uns holen, in die Pegasusfeste. Mehr darf ich dir nicht sagen, denn ich werde gejagt und es wäre nicht gut, wenn du zu viel weißt.“ Kühle Finger strichen behutsam über Feyks Gesicht. Vigars Ausdruck war schmerzlich, mitfüh- lend. „Schlaf jetzt, mein Junge. Hab keine Angst. Ich werde dich weder anrühren, noch zulassen, dass es ein anderer tut. Schlaf.“ Seine warme Stimme umhüllte Feyk, seine Berührungen lullten ihn ein und er schloss die Augen, überließ sich endlich dem ersehnten Schlaf.
„Hab keine Angst, ich kehre zurück“, flüsterte Vigar. „Ich werde dich befreien. Ich komme dich holen, Feyk.“

Die Autorin
Pseudonym: Chris P. Rolls
geb. in GB
Ich lebe und arbeite im wunderschönen Meckleburg Vorpommern, hauptberuflich als Pferde- und Reiterausbilderin. Das Schreiben entwickelt sich langsam zu mehr als reinem Hobby. Mich reizen Herausforderungen und ich liebe es, neue Welten zu erfinden und diese mit Leben zu erfüllen, sie „real“ werden zu lassen. Ich mag keine Schwarz-Weißen Charaktere und deswegen sind diese bunt und vielschichtig.
Bevorzugt bin ich im Bereich Fantasy und Gay Romance unterwegs, schreibe daneben aber auch Pferdestorys und -bücher.

Bisher sind von mir 8 Bücher im Bereich Gay Romance und Fantasy im Fantasy-Welt-Zone-Verlag erschienen und zwei Geschichten in Anthologien:
Die Anderen - Band I-IV Gay Mystic Fantasy, weitere zwei Bände erscheinen 2013
Band I Das Dämonenmal ISBN: 978-3-942539-06-7
Band II Das Erbe erwacht ISBN: 978-3-942539-19-7
Band III Das Siegel des Gaap ISBN: 978-3-942539-35-7
Band IV Der Weg aus der Dunkelheit ISBN: 978-3-942539-48
 
Bruderschaft der Küste - Gay Historical Romance ISBN: 9783942539043
Kavaliersdelikt - Liebe ist universell - Gay Romance /First Love ISBN: 978-3-942539-14-2 Die Sache mit Jo und Mo - Gay Romance / First Love ISBN: 978-3-942539-1-59
Pegasuscitar I - Auf magischen Schwingen - Gay Fantasy ISBN: 978-3-942539-31-9
Band II folgt ca. Ende August/Anfang September

Chris P. Rolls, Pegasuscitar I - Auf magischen Schwingen

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