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Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

30. Juli 2012

Niels Rudolph, Die Weberin der Magie (Die Chroniken der Scherbenländer I)


Wulfhelm, Zauberer-Azubi im zweiten Lehrjahr, sieht seine beginnende Karriere vor ein jähes Ende gesetzt. Sein Meister Martor wird von einer bösen Zauberin erdolcht und erzählt seinem Lehrling im Sterben liegend von einem magischen Artefakt, mit dem dieser die Welt retten soll. Mit wenig Informationen und noch weniger Erfahrung macht sich der Junge auf die Suche nach dem Wunderding und geht bei der Suche sogar durch die Hölle.
Schon bald lernt Wulfhelm die leicht cholerisch veranlagte Kriegerin Harika und den übereifrigen Dieb Darius kennen. Zusammen meistern sie allerhand Schwierigkeiten, wie die Bekehrung einer bösen Hexe für eine Gruppe Ungeheuer, welche die Demokratie für sich entdeckt haben. Die Flucht aus dem Verlies der Diebesgilde und dem Kaiserpalast, sowie einem Turnier mit Gefallenen einer lange geschlagenen Schlacht.
Das weckt jedoch die Aufmerksamkeit der bösen Zauberin und sie schickt ihren treuesten Diener hinterher, um Wulfhelm und seine Freunde dingfest zu machen. Mit der Elfenprinzessin Alandra und dem pazifistischen Troll Prunk gelingt der Abstieg in die Hölle, die irgendwie gar nicht so ist, wie die Legenden es berichten.



Rezension

Whiskeymeere umgeben die Scherbenländer. 
Was für eine prächtige Idee! Da zerbricht einem ärgerlichen Gott aus dem Olymp sein Krug, und klirr, ist eine neue Welt erschaffen! Und in dieser Welt ist allerhand los. Und auf den Meeren. Denn im Alkoholdunst bleibt so manche Schiffsbesatzung besoffen auf der Strecke.
Eine Heldenreise der besonderen Art.

Der Held, ein Zauberlehrling namens Wulfhelm, 

muss sich nach klassischem Muster, auf die Reise machen, um den Gral, hier ein Szepter, das die Welt retten soll, zu finden.
Der junge Mann hat natürlich keinen Schimmer, wie er das anstellen soll. Unterwegs trifft er auf die junge Kriegerin Harika, ein eigensinniges, impulsives Mädchen, die sein Herz höher schlagen lässt. Später kommt noch Darius, der Dieb, dazu, und gemeinsam müssen viele Abenteuer bestanden werden.
Die Figuren sind mehrdimensional, die Charaktere sehr persönlich in ihrer Art konzipiert, das passt auch.
Orks, Goblins, Trolle pflastern ihren Weg.

Die grauslichen Waldbewohner, 

die zum Teil auch Menschenfleisch schätzen, begegnen dem Trio, eine Hexe wird bekehrt, die böse Zauberin will verhindern, dass Wulfhelm sein Ziel erreicht, die Elemente sind uns wohlvertraut. Aber, und das ist das Erfreuliche an diesem 1. Band aus den Chroniken der Scherbenländer, die Art, in der Niels Rudolph diese Heldenreise erzählt, ist einfach bestechend.

Harikas Pferd ist eigentlich Schauspieler
und richtig sauer auf den Autor Niels Rudolph, der ihm in dem Buch eine Statistenrolle ohne Text zugedacht hat. Immerhin hat es in der Rolle des Tristans sein Talent einst bewiesen. Das Pferd bezeichnet Rudolph als widerlichen Schreiberling, herrlich. Und es gibt viele solche Sequenzen, diese soll nur als Beispiel für den erfrischenden Erzählstil des Autors dienen. Zitate aus der Welt der Fantasyliteratur sind homogen eingestreut. Durchaus feministische Grundsätze gibt es zu lesen, die Dialoge sind bestens gebaut, alles in allem ein lesenswertes Vergnügen. Denn immer ist da eine große Leichtigkeit des Erzählens zu spüren, unverbrauchter Humor, niemals platt, stets originell, obwohl derartige Heldenreisen schon reichliche ausgelutscht wurden in der Literatur.
Hier muss ich sagen: Hut ab, klasse!

Elsa Rieger




Leseprobe Kapitel 8:

In der Höhle des Löwen

Darius nahm Wulfhelms Angebot, sich ihnen anzuschließen, dankend an. Sie würden zusammen das Zepter finden und dann weitersehen, was das Schicksal für sie bereithielt. Vorher mussten sie allerdings noch aus diesen Gewölben entkommen. Die Zellentür stellte, dank des Schlüsselbundes, kein Problem mehr dar und sie schlüpften in einen feuchten Gang. Es gab noch weitere Zellentüren und sie warfen schnell einen Blick durch die Gucklöcher, um zu sehen, ob noch andere Gefangene hier waren. Die einzige lebende Person, die sie fanden, war der Wärter, der in einem kleinen Wachraum saß und aufmerksam an der Tischplatte horchte. Das Rasseln von Harikas Kettenhemd schreckte ihn hoch, doch ein gezielter Schlag der Kriegerin, schickte ihn wieder ins Land der Träume und sie verfrachteten ihn in ihre Zelle.
»Du sagtest doch, dass es einen Tunnel gibt, der aus der Stadt hinaus führt«, wandte sich Wulfhelm an den Dieb.
»Ja. Wir müssen erstmal wieder nach oben. Dann kann ich ihn bestimmt finden.«
»Wartet mal. Mein Pferd und der Zweihänder sind noch in der Stadt«, protestierte Harika.
»Die Ausgänge innerhalb der Stadt sind alle verschlossen und bewacht, wie bei der Ruine, wo wir rein gekommen sind.«
»Wir können ja noch mal in die Stadt zurückkehren und die Sachen holen«, schlug Wulfhelm vor und spähte um die nächste Gangecke.
Eine Treppe führte hinauf in das obere Gangsystem. Darius führte sie durch einige selten benutzte Tunnel, um eine Entdeckung durch die Diebe zu vermeiden. Doch es dauerte nicht lange und sie hörten eine helle Glocke läuten.
»Was ist das?«, fragte Wulfhelm, obwohl er sich die Antwort schon denken konnte.
»Das allgemeine Alarmsignal. Sie müssen entdeckt haben, dass wir getürmt sind.«
Der Dieb trieb sie zur Eile an und schließlich gelangten sie in den Tunnel, der in die Freiheit führte.
»Verdammt«, machte Darius und blieb abrupt stehen.
Ein Haufen Diebe hatte im Fluchtunnel Stellung bezogen, schien sie jedoch noch nicht entdeckt zu haben. Schnell zogen sie sich hinter die nächste Gangbiegung zurück.
»Da kommen wir nicht durch«, stellte Harika fest, nachdem sie Anzahl und Bewaffnung der Diebe abgeschätzt hatte. Sie gingen den letzten Gang zurück und schlugen bei der nächsten Kreuzung einen anderen Weg ein. Darius war dieses Gebiet unbekannt und schon bald hatten sie sich in dem Gewirr von Gängen verlaufen. Sie kamen gerade wieder an eine Kreuzung und überlegten, wohin sie sich wenden sollten, als ihnen die Entscheidung erleichtert wurde.
»Was glaubt ihr eigentlich, wo ihr hingeht!«, klang es aus dem Gang zu ihrer Linken. Eine Gruppe von Dieben kam mit gezückten Waffen auf sie zu gelaufen.
Kurz entschlossen rannten sie geradeaus weiter, ihre Verfolger dicht auf den Fersen. Sie bogen um ein paar Ecken und vergrößerten ihren Vorsprung vor den Dieben. Wulfhelm brannten aber schon bald die Lungen, er war solche Anstrengungen nicht gewohnt und begann zurückzufallen.
»Hier rein!«, rief Darius und bog in einen kleinen Gang.
Leider endete ihre Flucht vor einem Haufen Gerümpel, der ein Weiterkommen
verhinderte.
»Versteckt euch«, flüsterte der Dieb und tauchte in dem Haufen unter.
Die Verfolger liefen auf dem Hauptgang weiter, aber es würde nicht lange dauern, bis sie ihren Irrtum bemerkten.
»He, was ist das?«, fragte Harika überrascht und wühlte sich tiefer in den Berg aus Möbeln und Kisten. Ein Schrank war halb umgestürzt und hatte sich in einem alten Weinregal verkeilt. Auf dem Schrank lagen noch weitere Gegenstände, aber darunter war ein Durchschlupf, durch den man kriechen konnte.
»Wer weiß, was uns auf der anderen Seite erwartet. Lasst es uns versuchen«, meinte Harika und robbte unter dem Schrank durch.
»Es ist verdammt dunkel, aber es scheint niemand hier zu sein«, tönte ihre gedämpfte Stimme von der anderen Seite.
Wulfhelm und Darius folgten keine Sekunde zu früh. Sie hörten, wie die Verfolger zurückkamen, und spornten ihre Körper zu nahezu olympischen Bestleistungen im Hochgeschwindigkeitskrabbeln an. Auf der anderen Seite ließ Wulfhelm sein magisches Licht leuchten und sie folgten hastig dem mit Spinngeweben verhangenen Gang. An seinem Ende führte eine Treppe nach oben.
»Da oben muss ein Ausgang sein«, frohlockte Darius und stürmte die Treppe hinauf.
»Verdammt!«, klang es von oben herunter.
Harika zog ihr Schwert und folgte dem Dieb. Darius stand auf dem oberen Treppenabsatz vor einer massiven Steinwand. Von unten war zu hören, wie die Verfolger das Gerümpel beiseite räumten.
»Wir sitzen in der Falle«, jammerte der Dieb und schlug wütend gegen die Wand.
»Denk doch mal nach«, ermahnte ihn Wulfhelm. »Wer würde sich die Mühe machen einen Gang und eine Treppe zu bauen, nur um sie dann in einer Sackgasse enden zu lassen?«, fieberhaft die Wand betastend,
suchte er nach etwas Ungewöhnlichem.
»Es müsste hier doch einen Knopf oder Hebel geben. Helft mir doch mal suchen.«
So sehr sie sich auch bemühten, konnten sie nichts entdecken, was auf einen Mechanismus, oder eine Geheimtüre schließen ließ. Ihre Verfolger hatten in der Zwischenzeit den Gang freigeräumt und es waren sich nähernde Schritte zu hören. Resigniert ließ sich Darius gegen die Wand fallen. Das gesamte Mauerstück drehte sich um seine Achse und der Dieb verschwand auf der anderen Seite.
»Aha«, machte Wulfhelm, ergriff Harikas Hand und drückte mit aller Kraft gegen die Mauer. Wieder drehte sich das Wandstück und sie fanden sich in einem luxuriös eingerichteten Raum wieder. Darius lag vor ihnen auf einem dicken Teppich und erholte sich von seinem Schreck.
»Ich bin durch die Mauer gefallen«, wunderte er sich.
»Quatsch! Die Wand ist drehbar«, wies Harika ihn zurecht. »Aber wo sind wir hier?«
»Sieht aus wie der Palast«, staunte Darius und begann die Umgebung nach Wertgegenständen zu sondieren. Sie befanden sich in einem Schlafgemach. Offensichtlich das der Kaiserin persönlich, wie man an dem vorherrschenden Luxus deutlich erkennen konnte. Über ein rosafarbenes Himmelbett von gigantischen Ausmaßen war ein Satz höfischer Frauenkleidung drapiert. Goldene Figürchen, Spieluhren und anderer Nippes standen auf einem kleinen und ebenfalls goldenen Tischchen. Finger bekam leuchtende Augen. Die Bewohnerin dieser Suite war nicht anwesend, doch aus einem Nebenzimmer war leiser Gesang, a cappella versteht sich, zu vernehmen.
»Ich könnte mir vorstellen, dass man hier über unsere Anwesenheit nicht gerade erfreut wäre«, wand Wulfhelm ein.
»Wenn man uns erwischt, erwartet uns unter dem Strich das gleiche Schicksal, wie in der Diebesgilde«, bestätigte Darius Wulfhelms schlimmste Vermutungen.
»Ich schlage vor, ihr versteckt euch, während ich einen geeigneten Weg nach draußen suche«, sagte Wulfhelm und kramte in seinem Sack.
»Wie willst du das anstellen?«, fragte Darius und betrachtete die Figürchen.
»Mit meinem Unsichtbarkeitsstab.« Ein kurzes Wedeln mit dem Ding genügte und Wulfhelm war verschwunden.
»Stark. Kannst du ihn mir bei Gelegenheit mal leihen«, staunte der Dieb, während Harika ihn unter das Bett zerrte.
Wulfhelm begab sich auf Erkundung.
Als Erstes wollte er herausfinden, ob vom Gesang im Nebenraum eine Gefahr für seine Freunde ausging. So leise wie möglich öffnete er die Tür und steckte die Nase in einen Raum, der von einem großen Waschzuber beherrscht wurde, in dem ein Mädchen mit langem, blonden Haar saß und eine liebliche Melodie sang. Sie wandte Wulfhelm den Rücken zu und schien ihn nicht bemerkt zu haben. Zwei Mädchen in einfacheren Gewändern und mit weißen Hauben auf dem Kopf saßen am Rand des Zubers. Die eine wusch den Rücken der Badenden, die andere goss dampfendes Wasser aus einem Krug mit langem Hals in die Wanne.
Wulf wusste nicht, welche Badezusätze bei Hofe gerade en vogue waren, aber das Wasser war schneeweiß und erinnerte ihn an die Milch in den verhassten Frühstücksflocken, mit denen seine Mutter ihn immer drangsaliert hatte. Die Brühe reichte dem Mädchen bis an den Bauchnabel und die Vorstellung, dass sie sich umdrehen könnte, trieb Wulfhelm die Röte in sein, vom Deckmantel der Unsichtbarkeit verborgenes Gesicht. Er fragte sich, wer sie sein könnte, schloss aber den Gedanken an die Kaiserin aus, weil seine Vorstellung von Königinnen und Kaiserinnen auf betagtere Damen mit herrischen, faltigen Gesichtern beschränkt war. Dieses Geschöpf mit der zarten Haut und der engelsgleichen Anmut konnte nur eine Prinzessin sein. Wulfhelm folgerte messerscharf, dass der an dieses Bad anschließende Raum das Schlafzimmer der badenden Schönheit war und dass seine Gefährten in Gefahr waren entdeckt zu werden, sobald sie ihr Bad beendet hatte.
Eilig zog er sich in das Schlafgemach zurück und überlegte, ob er es wagen konnte, eine andere Tür zu öffnen, entschied sich aber dagegen.
So viel Glück einer Entdeckung zu entgehen würde er gewiss kein zweites Mal haben.
»Bleibt, wo ihr seid«, flüsterte Wulf seinen Gefährten unter dem Bett zu und blickte aus einem der sechs großen Fenster, die sich über die gesamte Breite einer der Wände erstreckten.
Er konnte einen Garten oder Park sehen. Kieswege führten in einem Gittermuster zwischen Beeten und zu verschiedenen Formen gestutzten Büschen hindurch. Am hinteren Ende des Parks, der sich über mehrere Hundert Meter vom Gebäude erstreckte, wurde das Areal durch eine hohe Mauer begrenzt.
»Wulf ... Wulf ... WULF!«, nur langsam drang die Stimme der Kriegerin an sein Ohr. Er war in Gedanken versunken und Harika flüsterte immer eindringlicher seinen Namen.
»Was ist denn? Sei leise, sonst hört dich noch jemand«, flüsterte er zurück.
»Ich kann dich sehen«, erwiderte sie.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Bad.

Eilig suchte Wulfhelm Deckung hinter einem Wandschirm. Hier musste sich das Mädchen ankleiden und Wulf sah dort einige, offensichtlich getragene,  Kleidungsstücke auf einem Hocker liegen. Das war knapp, doch was nun? Der Zauberer spähte vorsichtig um die Ecke und sah eine der Zofen, die den Raum betreten hatte. Es war diejenige, die Wasser in den Zuber gegossen hatte. Sie öffnete einen großen Schrank mit aufwendigen Schnitzereien und nahm einen Stapel weich und flauschig aussehender Tücher heraus, die sie auf einem kleinen Tisch neben der Tür zum Bad ablegte. Dann nahm sie einen Korb aus einer Ecke und begann im Raum herumliegende Kleidungsstücke hineinzuwerfen. Oh je, sie steuerte auf den Paravent und den dahinter kauernden Wulfhelm zu. Der Zauberer wedelte hektisch mit dem Unsichtbarkeitsstab in seiner Hand, doch Wulf machte keine Anstalten, durchsichtig zu werden.
Verdammt! War das Ding kaputt, oder musste es sich aufladen?
Gleich würde die Zofe ihn entdecken.
In diesem Moment begann sich die Geheimwand erneut zu drehen und ein Kerl in abgewetzter, brauner Tunika stolperte in den Raum. Das war wohl einer ihrer Verfolger. Wulf hielt den Atem an. Die Zofe drehte sich zu dem Eindringling in der schlechten Garderobe herum und wehrte sich erfolgreich einige Augenblicke gegen das Begreifen, das unablässig auf sie eindrang. Sie glotzte den Mann nur an und er glotzte ebenso überrascht zurück. Dann ließ die Zofe den Wäschekorb vor ihre Füße fallen und stieß einen spitzen Schrei aus. Der Mann schien es dem Mädchen gleichtun zu wollen und ein viel zu hohes Krächzen entrang sich seiner Kehle. Die Tür flog auf und zwei grimmig dreinschauende Wachen in schimmernden Kettenrüstungen stürmten in den Raum. Über der Rüstung trugen sie blaugelb gestreifte Wappenröcke und in den Händen gefährlich aussehende Hellebarden. Die Wächter sahen flüchtig durch den Raum, auf die Fenster und dann wieder zu dem Dieb.
»Wie kommst du hier herein, Kerl?«, fragte der eine Wächter und hielt
dem enorm zu Schwitzen beginnenden Mann die Hellebarde unter die Nase.
»Er stand auf einmal da«, sagte die Zofe aufgeregt. »Eben noch war niemand dort und schwupps ...«, sie wedelte in einer »Schwupps« erklärenden Art und Weise mit den Armen. Die Tür zum Bad öffnete sich einen Spalt weit und der Kopf der anderen Zofe erschien und blickte sich eilig um. Sie ergriff die Tücher auf dem kleinen Tisch und die Tür schloss sich wieder, nur um sich Sekunden später wieder zu öffnen. In ein großes Tuch gewickelt, stapfte das Mädchen aus dem Bad in den Raum.
»Was ist das für ein Lärmen hier?«, fragte sie herrisch.
So langsam wurde es Wulf zu voll in dem Raum. Er drückte sich, soweit es ging in die Ecke, und hoffte, dass er nicht entdeckt wurde.
»Räuber, Eure Majestät.« Die Zofe, die zuerst in dem Raum war, eilte zu den anderen Mädchen und gemeinsam versuchten sie, die Majestät zurück ins Bad zu bugsieren. Die Zofe griff sich im Vorbeigehen den Stapel Kleider auf dem Bett.
Der Wächter zog unterdessen an einem Kettchen um seinen Hals und eine Pfeife kam zum Vorschein, auf die er kräftig blies.
»Bedenkt nur Euren Aufzug, Eure Hoheit«, beschwichtigten die Zofen ihre zeternde Herrin und schoben sie mit sanfter Bestimmtheit durch die Tür zum Nebenraum. Das Getrappel schwerer Stiefel näherte sich der Tür, durch die die Wächter ins Zimmer gekommen waren. Ein weiterer Trupp Soldaten betrat das Zimmer. Ein Mann mit rotem Federbusch auf dem Helm und vier, mit Hellebarden bewaffnete, Wachen.
»Ein Eindringling, Herr Feldwebel!«, erstatteten die Wachen wie aus einem Mund Bericht. »Möglicherweise haben wir es mit Zauberei zu tun. Er schwubbste in den Raum«, fuhr der eine fort und salutierte zackig. Der Feldwebel musterte den Dieb eindringlich von oben bis unten.
»Soso, ein Schwubbser mal wieder. Abführen!«
Die vier Wachen nahmen den Dieb in ihre Mitte und verließen mit flottem Trippel-Trab den Raum.
»So wartet doch, ich kann alles erklären!«, rief der Dieb über die Schulter.
»Natürlich, wir bringen dich aber erstmal in unser Konversationszimmer.
«Der Feldwebel spähte durch den Raum und ging auf den Wandschirm zu. »Noch mehr Strolche hier?«, fragte er die beiden Wachen.
»Wir haben nichts gesehen.«
Wulf wedelte wieder hektisch mit dem Zauberstab und zu seiner Erleichterung verschwand er diesmal wieder. In dem Moment spähte der Feldwebel hinter den Wandschirm und stocherte mit einem Knüppel in dem Kleiderhaufen. Dann wandte er sich wieder seinen Leuten zu. »Dann mal wieder auf euren Posten.« Zusammen mit den Wachen verließ er den Raum und schloss die Tür.
»Und das im eigenen Palast!« Die Tür flog auf und die Prinzessin kam hereingepoltert, ihre beiden Zofen im Schlepp, die bemüht waren, die Kleider ihrer Herrin in vollem Galopp zu richten.
»Furchtbar, Eure Majestät«, pflichtete die eine bei.
»Nicht auszudenken«, fügte die andere hinzu und zupfte am Ärmel des weißen Kleides. Die Hoheit setzte sich auf ein goldenes Bänkchen, das mit rotem Samt bezogen war und vor einem gigantischen Spiegel stand. Ihre Hand vollführte kreiselnde Bewegungen über ihrem Kopf. »Frisur«, sagte sie knapp und sogleich begannen die Mädchen ihr Haar zu kämmen, und es zu einer Turmfrisur aufzustecken.
Wulfhelm hoffte inständig, dass die Mädchen bald fertig waren und den Raum verließen. Er wollte sich dann an ihre Fersen heften und versuchen einen Ausweg zu finden. Die spannende Frage war dabei, wann er wieder sichtbar würde. Doch schließlich war es so weit und die Prinzessin öffnete die Tür. Vor der Tür des Zimmers standen die beiden Wachen mit grimmigen Gesichtern. Sie nahmen sofort Haltung an, als das Mädchen auf den Flur schritt, und folgten ihr zusammen mit den Zofen, die sich ein wenig hinter dem Tross hielten, den Korridor hinunter. Wulfhelm war zusammen mit der letzten Zofe durch die Tür geschlüpft und beinahe mit ihr zusammengestoßen. Die Zofe zögerte und rümpfte die Nase, schüttelte dann jedoch den Kopf und schloss die Tür.

Wulfhelm schaute sich aufmerksam um, und bewunderte die vielen Gemälde mit extrem wichtig aussehenden Personen, die beidseitig die Wände des Flurs säumten. Auf einem der Bilder erkannte er das Mädchen aus dem Bad wieder. Am Rahmen war ein goldenes Täfelchen angebracht, auf dem der Name Naphenima VI eingraviert war. Sie war also doch die Kaiserin. Schließlich folgte er der Prozession und gelangte in einen großen Saal, an dessen Ende sich ein Podest mit einem Thron befand. Die Kaiserin hatte sich bereits darauf geflegelt und winkte gelangweilt einem kriecherischen Typen in schwarzer Kleidung, der sich immer wieder verbeugend zu einem großen, doppelflügeligen Portal zurückzog und eilends dadurch verschwand. An den Seitenwänden standen Dutzende von Wachen, wie an einer Schnur aufgereiht und die Chancen für eine sichtbare Person, ungesehen an ihnen vorbeizukommen, waren verschwindend gering.
Wulfhelm ging wieder zurück in den Korridor und bog in einen Gang zu seiner Linken ein. An beiden Seiten führten mehrere Türen in dahinter liegende Räume, doch er würdigte sie keines Blickes, denn am Ende des Ganges drang helles Licht in den Gang und er vernahm Vogelgezwitscher.
Der Gang öffnete sich in einen gewaltigen Raum, in dem allerlei Grünpflanzen wuchsen und der durch Sonnenlicht erhellt wurde, das durch ein gläsernes Kuppeldach fiel und für ein feuchtwarmes Klima sorgte. Wulfhelm ging weiter in den Garten hinein und folgte dabei einem schmalen Weg, der sich zwischen Büschen und Blumen schlängelte. Irgendetwas störte ihn jedoch und er blieb abrupt stehen.
Er machte ein paar zögernde Schritte, bis es ihm einfiel. Er ging auf einem Kiesweg und er hörte, wie sich seine Füße mahlend in den Untergrund gruben. Das erinnerte ihn daran, dass er zwar unsichtbar, aber keinesfalls verschwunden war. Auch die anderen Bewohner des Palastes könnten ihn hören, also beschloss er, auf dem Rasen neben dem Pfad weiterzugehen. Wasserplätschern lenkte ihn in die Mitte des Gartens, wo ein Springbrunnen stand und ein paar Bänke zum Verweilen einluden. In welche Richtung sollte er sich jetzt wenden? Den linken Weg schloss er schon einmal aus seinen Überlegungen aus, da er über kurz oder lang wieder in die Nähe des Thronsaales käme. Der Ausgang würde vermutlich in der entgegengesetzten Richtung liegen, also nahm er den rechten Weg.
Der Pfad führte ihn an eine Tür, die zu seinem Leidwesen geschlossen war. Wenn sich jemand dahinter aufhielt, würde er vielleicht Schwierigkeiten bekommen. Wulf lauschte angestrengt an dem blockierenden Stück Holz und sah zur Sicherheit noch durch das Schlüsselloch. Zu seiner Zufriedenheit schien niemand anwesend zu sein, also öffnete er die Tür gerade so weit, dass er hindurchschlüpfen konnte, und betrat einen gemütlich eingerichteten Raum. Es handelte sich offenbar um einen Gesellschaftsraum oder ein Wartezimmer, denn überall waren flauschige Sitzgruppen verteilt.
In einer Ecke des Raumes saß ein junger Mann und studierte eine Zeitung. Er war so in seine Lektüre vertieft, dass er Wulfhelms Eindringen nicht bemerkt hatte. Ein kurzer Blick verriet Wulf, dass es sich um die neueste Ausgabe der Bald-Zeitung handelte, einem Blatt, das selbst dem hinterwäldlerischen Zauberlehrling bekannt war. Es wurde von der in Palmenhain ansässigen Propheten- und Wahrsagergilde publiziert und nahm einen ganz besonderen Stellenwert bei der Bevölkerung Ardavils ein. Wen interessierten schon Nachrichten, die längst Schnee von gestern waren? Die Bald-Zeitung berichtete ausschließlich über kommende Ereignisse. Aufgrund dieser Tatsache erfreute sie sich größter Beliebtheit. Schon so mancher Leser hatte seinen Hintern retten können, weil er z. B. von der bevorstehenden Schiffskatastrophe
gelesen und rechtzeitig seine Urlaubspläne geändert hatte. Die fette Überschrift auf der Titelseite, erregte Wulfhelms Aufmerksamkeit:
Yolanda von Falkenstein wird die Provinz Silberauen erobern.
Bei seiner Suche nach dem Zepter hatte er die Zauberin schon wieder vergessen. Dabei war sie doch das endgültige Ziel seiner Mission. (...)




Der Autor
Mein Name ist Niels Rudolph und ich wurde 1970 in Bremen geboren. Technikbegeistert wuchs ich mit den Filmen von Monty Python und Mel Brooks auf und las alles, was mich zum Lachen brachte. Die Comics von Francisco Ibáñez und Bücher von Robert Asprin oder Douglas Adams. Meine Vorliebe für Fantasy und klassische Märchen und Sagen durch den Kakao zu ziehen führten dazu, dass ich die Scherbenländer aus der Taufe hob. Eine Welt, in der ich all meine schrägen Ideen unterbringen und verwirklichen kann.
So um 1984-85 kam ich zuerst mit einem Computer in Kontakt, dem legendären C64. Als einer der ersten Spinner, die sich intensiv mit so einem Ding beschäftigten, lenkte sich mein Interesse später auch auf CNC-Maschinen und Industrie-Roboter. Ich lernte, diese zu programmieren und landete schließlich bei den Lasermaschinen.
Im Jahr 2010 habe ich meinem bisherigen Job den Rücken gekehrt, um für einen Verwandten zu sorgen und konzentrierte mich nebenbei auf etwas, was mich mein ganzes Leben begleitete. Das Schreiben und das Malen/Zeichnen. In einem guten Jahr vollendete ich die lange in der Schublade liegende, erste Chronik der Scherbenländer, richtete die Homepage der www.scherbenlaender.de ein und nahm die zweite Chronik ins Visier, die jetzt etwa zur Hälfte fertig ist.
Im Oktober 2011 holte mich meine Vergangenheit ein und ich sprang für einen erkrankten Kollegen in meiner ehemaligen Firma ein und beschäftige mich mit CAD-Arbeiten. Dennoch hoffe ich, mit der zweiten Chronik der Scherbenländer mein selbst gestecktes Ziel nicht zu weit aus den Augen zu verlieren.


Niels Rudolph, Die Weberin der Magie (Die Chroniken der Scherbenländer I)


Das Buch gibt es hier:

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