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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

4. August 2012

Sebastian Brück, Sofía auf dem Sand


Nicht bleibt schön als die Erinnerung
ist das Fazit einer Sommerliebe als Teenager in der Titelgeschichte der zärtlich erzählten Sammlung von Sebastian Brück. Der Autor ist Journalist, da vermutet man auf den ersten Blick nicht, welcher Sensibilität der Erzählkunst er fähig ist.

Typisch Franzose
Monsieur Hess, ein Klassiker der Chauvinisten, stur wie ein Panzer, beschließt, keinesfalls eine Person zu heiraten, die nicht französisch spricht, da ist er eigen. Diese strengen Kriterien haben ihn zu einem sechzigjährigen Single werden lassen. Ein Glück noch, dass er Louis de Funés hat, und dadurch das Lachen nicht verlernt hat. Noch nicht, denn dann widerfährt dem Zeitschriftenkioskbesitzer Hess so allerhand ...


Should I stay or should I go
Ich habe die Platte von The Clash immer noch daheim. Einst tanze ich dazu im engen Lederoutfit, das waren noch Zeiten... von diesen Zeiten erzählt auch Bakir aus Sarajewo, der einem jungen Mann am Rheinufer begegnet. Eine wunderbare Geschichte, in der ein ausgesetzter Goldfisch eine tragende Rolle einnimmt.

In den letzten beiden Geschichten geht es um Pfifferlinge und Glückszahlen, eine Großmutter und die brasilianische Nationalmannschaft, lesenwert!

Ich hoffe   
Sebastian Brück wird noch viele Geschichten dieser Qualität veröffentlichen, denn jede Idee und jeder Satz hat es mir angetan. Ich finde nichts zu bekritteln, ob wohl ich mir intensiv Mühe gegeben habe, wie es sich für eine Rezensentin gehört.

Elsa Rieger



Leseprobe:
Sofía auf dem Sand

Als ich Sofía zum ersten Mal gesehen habe, waren wir Gegner. Ich verteidigte, sie stürmte. Als ob es gestern gewesen wäre: Freistoß aus kurzer Entfernung. Ihr Blick trifft meinen. Sie klemmt sich ihre schulterlangen Haare hinter die Ohren, zieht die linke Braue leicht hoch und lächelt. Zwei endlose Sekunden. Dann schießt sie. Ich hechte in die Ecke meines Tores, errichtet aus zwei mit Steinchen gefüllten Bierdosen. Gerade noch erwische ich den Ball mit den Fingerspitzen. Gehalten. Feiner Sand dringt in meinen Mund. Ich spucke aus. Sofía klopft mir auf die Schultern. „Toni Schumaaakerr“, sagt sie anerkennend und knipst ein Auge zu. Mein Bauch kribbelt, mein Herz klopft. Ich lächele. Dann zerbeiße ich einige Sandkörner zwischen den Zähnen und werfe den Ball ab. In meinen Handflächen sammelt sich Schweiß. Das Spiel geht weiter.
Fortan treffe ich Sofía jeden Tag. Während alltagsgestresste Eltern aus Oberhausen, Duisburg oder Essen den Spanienurlaub bildzeitungslesend an der Strandbude verbringen, spielen wir Fußball auf Sand. „Ruhr-Süd 81“ gegen „Real Madrid“. „Ruhr Süd“, weil sich ein gutes Dutzend pubertierender Ruhrgebiets-Jungs unmöglich auf einen real existierenden Klub einigen kann. „Real Madrid“, weil unsere spanischen Mitspieler wirklich alle aus Madrid kommen.
Samstags hören wir über Kurzwelle die aktuellen Spielberichte aus der Bundesliga. Ich erkläre Sofía, dass nicht Nationaltorwart Toni Schumacher, sondern Norbert Nigbur mein Vorbild ist. Weil Toni Schumacher für den 1. FC Köln spielt und Norbert Nigbur für den FC Schalke 04, meinem Lieblingsverein. Sofía wiederum schafft es, mir begreiflich zu machen, dass ihr Cousin Miguel in Deutschland lebt und Toni Schumachers Bundesligaspiele oft vor Ort im Stadion verfolgt. „Miguel lives at Kolln-Muulcheejm“, sagt Sofía. Als sie merkt, dass ich sie nicht verstehe, wiederholt sie: „Kolln-Muulcheejm!“ Immer noch steht ein Fragezeichen auf meiner Stirn. „Toni Schumaaakerr plays Kolln-Muulcheejm!“, bekräftigt Sofía – und endlich fällt die aus unterschiedlich ausgesprochenen Schulenglisch-Brocken errichtete Barriere. Ich erkläre Sofía, dass ich aus einer Stadt komme, die fast genauso heißt: Mülheim an der Ruhr. Gar nicht weit weg von Köln-Mülheim. Diesmal ist es Sofía, die nicht versteht. Ich versuche es mit Händen und Füßen, doch der gemeinsame Wortschatz unserer Deutsch-Englisch-Spanisch-Zeichensprache erreicht endgültig die natürlichen Grenzen. Sofia beeindruckt das nicht im Geringsten. Seelenruhig zeigt sie mit dem Finger auf mich, legt die Stirn in Falten und sagt bestimmend: „Hombre! You play like Toni Schumaakerr from Kolln-Muulcheejm! Basta!“ Dabei klopft sie mir auf die Schultern und fixiert mich mit ihren grünen Katzenaugen. Ihr Blick spricht eine klare Sprache: Diskussion beendet. Ich gebe auf. Schließlich ist es für einen Dreizehnjährigen keine Schande, mit einem Torwart verglichen zu werden, der es schafft, den Ball vom Sechszehn-Meter-Raum fast bis zur Mittellinie abzuwerfen. Direkt in die Tiefe des Raumes. Auch wenn ich nicht glaube, dass er in Köln-Mülheim wohnt.
(…)






Der Autor
Sebastian Brück arbeitet als Journalist für Print- und Onlinemedien. Er hat mehrere Bücher als Co-Autor veröffentlicht, zuletzt gemeinsam mit Danko Rabrenović „Der Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland“ (seit Februar erweiterte Neu-Ausgabe und Hörbuch bei Tag&Nacht/Random House!). Die Storysammlung „Sofia auf dem Sand“ ist sein erstes E-Book. Zwei der fünf Geschichten in diesem Band sind bereits zuvor an anderer Stelle erschienen („Sofia auf dem Sand“, „Suchen unter Buchen“), die anderen sind deutsche Erstveröffentlichungen.


Sebastian Brück, Sofía auf dem Sand. eBook


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