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29. September 2012

Alfred Franz Dworak, Der LeiterwagenXaverl






Nur wer stark ist, kann in den Bergen überleben.

1918, kurz nach Ende des 1. Weltkriegs, wiegt diese Wahrheit noch schwerer als jetzt. Denn Armut und Hunger setzen der Bevölkerung in den bayerischen Alpen stark zu. Xaverl, der in diese Zeit hineingeboren wird, ist alles andere als stark…






Leseprobe:

Prolog
Es ist der 25. November des Jahres 1918, vierzehn Tage nach Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages im Wald von Compiègne, der das Ende des 1. Weltkriegs besiegelt. Die Nachwirkungen dieses Albtraums, der Europa und den Rest der Welt erschüttert, sind auch in dem kleinen Bergdorf Penting, circa siebzig Kilometer südlich von München, deutlich zu spüren. Armut und Arbeitslosigkeit grassieren im Oberland.
Ob nun Monarchie oder Räterepublik, das ist den Bewohnern der Koidlalm, unweit oberhalb des kleinen Dorfes Penting gelegen, ziemlich egal, denn Hunger überschattet beide Systeme.
Vier Kinder sind beim Koidlbauern durchzufüttern, das Fünfte bereits unterwegs. Doch das kann der kleine Almbauernhof mit seinen zwei Milchkühen und zehn Ziegen kaum erwirtschaften. Ackerbau ist auf den kargen Bergwiesen unmöglich, Schnee liegt in dieser Lage von Mitte November bis Ende April. Zwar nennen die Bewohner der Koidlalm etwas Bergwald ihr Eigen, doch wie sollen sie die Bäume aus den Steillagen wegtransportieren, wenn ihnen das einzige Pferd kurz vor Kriegsende weg annektiert wurde.

1 - Die Geburt - 1918

 „Heuer ist der Winter früh dran“, denkt sich Hanni, die hochschwangere Koidlbäuerin, „es hat bereits über einen halben Meter geschneit.“
Und draußen stürmt es weiter. Hanni Ramsl richtet ihren Blick vom Fenster wieder zurück auf den Topf Wassersuppe, der auf dem Herd für das karge Abendessen köchelt. Die Haustür öffnet sich knarzend, herein kommt ihr ältester Sohn Toni, wortlos, aber über und über mit Neuschnee bedeckt. Er klopft seine Schuhe ab und stapelt das Holz neben dem Ofen, öffnet die Ofentür, schirrt die verbrannte Asche in den Schuber und legt ein paar Scheite nach.
„Hast du die Tiere versorgt?“
Toni nickt. Hanni ist stolz auf ihren Ältesten, muss er doch mit seinen dreizehn Jahren das Tagwerk eines erwachsenen Mannes verrichten, seit ihr Mann Gustl das wenige Geld auch noch vertrinkt.
„Was hat der Krieg nur aus den Menschen gemacht?“, ist ihr letzter klarer Gedanke. Toni hört in seinem Rücken plötzlich ein klackendes Geräusch. Er dreht sich um, sieht den Kochlöffel in hohen Bogen durch die Luft fliegen und auf dem Steinboden landen. Gleichzeitig strauchelt die Mutter, greift sich an den Bauch, stöhnt vor Schmerz auf. Toni lässt das Scheit in seiner Hand fallen, macht einen Riesensatz und zieht seine Mutter vom kalten Steinboden hoch. Doch sie sackt zurück, kann aus eigner Kraft nicht mehr stehen.
„Hol die Hebamme, sofort“, schreit sie Toni mit krampfender Stimme an.
Toni bemerkt die Lache auf dem Boden, die die geplatzte Fruchtblase hinterlassen hat und die ihr langer Rock verdeckt hatte.
„Nele“, schreit Toni, „die Mutter, schnell“!
„Ja, komm schon!“
Türen schlagen, Holzschuhe klappern durchs Haus. Die Tür zur Wohnstube wird aufgerissen, Nele stürmt rein.
„Mutter! … Komm Toni, bringen wir sie in die Kammer“.

Zur gleichen Zeit grölen in der rauchgeschwängerten Gaststube beim Postwirt in Penting einige Bauern und Handwerker. Der Schmid und Gustl Ramsl sitzen mit am Stammtisch. Gustl Ramsl, sturzbetrunken wie so oft, fuchtelt wichtigtuend mit den Armen. Die betagte Hebamme kommt aus der Küche in die Gaststube und ordert einen Schnaps. Sie gratuliert dem Wirt zu seiner Tochter:
„Freibier für alle“, brüllt der Postwirt stolz und überschwänglich in die Runde.
Die Bedienung zapft die Maßkrüge voll mit dunklem Fassbier. Der Wirt verteilt die Krüge an den Tischen. Plötzlich geht die Tür auf, Toni Ramsl kommt herein. Er klopft sich den Schnee aus der Kleidung, rennt auf die Hebamme zu.
„Die Mutter … das Kind kommt“.
Die Hebamme kippt sich den Schnaps in einem Zug runter.
„Danke Wirt, aber ich muss los“.
Toni geht zu seinem Vater an den Stammtisch.
„Komm mit, die Mutter braucht dich“.
Doch der Vater macht keine Anstalten aufzustehen. Er pöbelt seinen Sohn nur an:
„Einen anderen Ton, wenn du mit gestandenen Männern redest“.
Die Männer am Tisch halten einen Moment inne. Doch dann bringt die Bedienung jedem der Stammtisch-Brüder auf Geheiß des Wirtes zwei Handwürste und ein Stück Brot. Die hungrigen Gäste schlingen gierig die Würste runter, die Geschichte mit Toni ist bald vergessen.

Hanni Ramsl liegt in den Wehen. Nele versucht sie mit der linken Hand festzuhalten, doch es gelingt ihr nicht, denn die Mutter krümmt sich vor Schmerzen. Mit der anderen Hand legt Nele ihr schnell einen kalten Lappen auf die Stirn. Endlich eine Wehenpause. Doch Hanni Ramsl gibt sich selbst keine Rast. Sie rattert ein Bittgebet zur Heiligen Muttergottes, die Perlen des Rosenkranzes in den Händen abzählend:
„Maria-bitt-für-uns, Maria-bitt-für-uns“.
Plötzlich unterbricht sie ihr Gebet.
„Nele, wo bleibt die Hebamme?“
Nele weiß, dass Toni und die Hebamme schon längst wieder da sein müssten. Der Weg ins Dorf dauert einfach nur eine Viertelstunde. Aber jetzt ist schon eine dreiviertel Stunde vergangen, seit Toni nach Penting losgegangen war. Nele wechselt den warmen Lappen, die Stirn der Mutter ist heiß, etwas stimmt nicht. Sie beruhigt ihre Mutter mit einer Notlüge:
„Toni ist doch erst eine halbe Stunde weg, die werden jeden Moment da sein“.
Notlügen, das ist sie gewohnt, denn der Vater lässt sich nur so in Schach halten. Nele reißt sich zusammen, damit die Mutter nichts von ihrer Besorgnis spürt.

Der Schneesturm lässt zwar immer mehr nach, aber der Schnee ist mittlerweile über einen Meter hoch. Toni steuert den Pferdeschlitten, den die Hebamme vom Postwirt geliehen bekam. Doch plötzlich hängt der Schlitten fest, Toni knallt mit der Peitsche. Das Pferd müht sich ab, sein Fell ist trotz der Kälte schweißgetränkt. Aber nichts rührt sich.
„Mist, wir müssen zu Fuß weiter!“
Er fordert die Hebamme zum Aussteigen auf. Die alte Frau kommt dem nach, nimmt sich ihre Tasche, steigt ab und versinkt sofort bis über die Hüfte im Neuschnee:
„Gottseidank habe ich unterm Rock eine Männerhose an!“
Toni spannt das Pferd aus, nimmt die Laterne und lässt das Tier ohne Schlitten zu Fuß weitergehen. Langsam spurt das Pferd den Weg zur Koidlalm. Toni und die Hebamme folgen mühsam dem Tritt des Tieres.
Neles kleine Geschwister, Beni (acht), Vroni (fünf) und Zenzi (drei) starren aus dem Fenster. Plötzlich sehen die Kleinen ein Licht, kurz darauf die Silhouetten eines Pferdes und zweier Menschen auftauchen. Beni hüpft von der Bank, rennt aus der Küche und schreit die Treppe hoch, dass der Toni und die Hebamme angekommen seien. Die Tür geht auf, Toni und die Hebamme treten ein.
„Wo habt ihr sie?“
Vroni nimmt die Hebamme an der Hand.
„Oben in der Kammer“, antwortet Vroni.
„Mitdommen“, kauderwelscht Zenzi und zieht am Rock der Hebamme. Die Hebamme lächelt, ordert heißes Wasser und Laken.
„Das hat die Nele schon vorbereitet“, ruft Beni.
Die Hebamme lobt die Kinder und steigt die steile Treppe hoch zur Kammer.

Der stolze Postwirt hält seine Tochter vor den Gästen in die Luft. Die Anwesenden trinken Prost auf die Kleine.
„Wie soll die Büchse denn heißen“, grölt der Schmid.
Allgemeines Gelächter brandet auf.
„Marie! Wie unsere Muttergottes.“
Der Wirt geht mit dem Baby zum Tisch, dorthin, wo Gustl Ramsl sitzt.
„Gustl, komm geh heim zu deiner Frau.“
Gustl blickt ihn belämmert an. Er ist bereits in einem Stadium des Rausches, in dem er nicht mehr so aggressiv ist. Grunzend willigt er ein, steht auf, geht zur Garderobe, zieht seinen Mantel an und verlässt das Lokal. (...)





Rezension folgt...



Der Autor:
Alfred Franz Dworak wurde  Mitte 1960 in der Nähe von Grafing, Bayern geboren.
Zunächst im Bereich der Erwachsenenbildung (Qualitätsmanagement) eines mittelständischen Unternehmens tätig, machte er sich 1991 im Lebensberatungs-Sektor selbstständig.  1992 und 1994 erschienen dazu je ein Sachbuch und eine Tonkassette beim Verlag Peter Erd, München. Durch PR-Arbeit, TV-, Hörfunkauftritte und Printbeiträge wurde er im Umgang mit den Medien vertraut. Von 1994 an entwickelte er Spielfilm- und Serienideen für den TV-Bereich. 1998 heiratete er und wurde Vater eines Sohnes. Er legte eine berufliche Auszeit ein und kümmerte sich bis Ende 2001 hauptsächlich um die  Erziehung seines Sohnes. Zwischenzeitlich schrieb Alfred Franz Dworak Buchrezensionen und Artikel über kulturelle Events für die Süddeutsche Zeitung. Seit 2003 widmet er sich wieder voll dem Schreiben von Biografien, Romanen, Sachbüchern, E-Books und Kurzgeschichten und der Entwicklung von Drehbüchern und Dialogbüchern (z. B. Dahoam is Dahoam, Marienhof). Alfred Franz Dworak ist außerdem Referent für einige Volkshochschulen im südbayerischen Raum und als Berater für Seelen Meridian Energie Techniken tätig.


Alfred Franz Dworak, Der LeiterwagenXaverl

 
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