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23. September 2012

Kirsten Wendt, Lehrerflüsterin



Marei hat den besten Job der Welt – und das, obwohl sie täglich mit Lehrern zu tun hat! Sie wechselt ihre Perücken und Outfits so häufig wie andere Leute ihre Unterwäsche und hilft damit genervten Eltern aus der Patsche. Der kleine Tjark soll aufs Gymnasium? Kein Problem, denn Marei wird’s als Tjarks Mami richten. Tyron-Lion leidet unter Dyskalkulie, Lese-Rechtschreibschwäche und ADHS? Auch hier kann die Profi-Frau das Kind schon schaukeln.

Spannend wird es, als sich die vermögende Familie de Brochters Sorgen um ihre frühreife Göre macht. Hat das Töchterlein etwa ein Verhältnis mit dem gutaussehenden Lehrer? Ein klarer Fall für die Lehrerflüsterin!

Schwarzer Humor, gehörig viel Sarkasmus und jede Menge Klischees über Lehrer, Eltern und Schüler machen die „Lehrerflüsterin“ von Kirsten Wendt zu einem kurzweiligen Lesevergnügen, das in Serie geht. Der zweite Teil „Paukerseele“ ist bereits in Arbeit und verspricht erneut turbulente Erlebnisse des abgebrühten Pädagogenschrecks Marei Brinkmann.

Leseprobe:
Ich liebe Lehrerzimmer. Meistens darf ich ja nur in Klassenräumen arbeiten, denn in Lehrerzimmern hat man nicht so viel Ruhe. Den Lehrern ist es meistens sehr peinlich, wenn man als Elternteil bemerkt, wie viele der Lehrkräfte gerade eine Freistunde genießen. Dann rutschen sie mit ihren Beamtenhintern schnell von den Tischen herunter und geben vor, wichtige Fachgespräche zu führen oder natürlich Klassenarbeiten zu korrigieren.
„Kommen Sie doch bitte herein, Frau de Brochters. Wollen wir uns ans Fenster setzen?“
„Ja, sehr gerne. Wissen Sie, ich bin ziemlich aufgeregt, ich war das letzte Mal in einem Lehrerzimmer, als ich in der Mittelstufe eine Arbeit nachschreiben musste und sonst kein Raum mehr frei war. Das klingt verrückt, nicht?“
„Nein, ganz und gar nicht!“, lächelte der Pauker mich an. Er war charmant. Kein Wunder, dass Charlotte auf ihn stand; mir ging’s nicht anders.
„Ihre Tochter sieht Ihnen sehr ähnlich.“
Herr Maler schaute mir tief in die Augen und ich streckte meine güldene Blusenbrust ein wenig nach vorne. Himmel, nun sah ich so unmöglich aus und vor mir saß eine echte Sahneschnitte! Wie ärgerlich, aber ich hatte meinen Job zu erledigen. Außerdem stimmte hier etwas nicht. Kein normaler Mann mit Malers Optik würde mit solch einer Lodenmamsell wie mir flirten.
„Ach, finden Sie“, piepste ich, „eigentlich kommt Charlotte mehr nach meinem Mann oder besser gesagt nach meiner Schwiegermutter. An mir ist ja nicht so viel dran, haha, entschuldigen Sie, so meinte ich das nicht. Also, weswegen ich hier bin...“
„Ja? Gibt es Probleme mit Ihrer Tochter? Ich habe den Eindruck, dass Charlotte sich in der Klasse sehr wohl fühlt. Und ihre Noten sind gut. Aber ich kann mich natürlich auch täuschen – ich kenne die Schüler ja noch nicht so lange.“
„Doch, doch, Charlotte fühlt sich wohl, das ist nicht das Problem, es ist nur... Mein Mann und ich... Wir wundern uns ein bisschen, dass unsere Charlotte so... selbstbewusst geworden ist. Sie war früher immer sehr schüchtern und jetzt zieht sie sich solche Kleidungsstücke an, die unseres Erachtens nicht in eine Schule gehören. Eher in die Disco. So laufen ja vielleicht die Kinder unserer Haushaltshilfe herum, aber doch nicht unsere!“
„Hm,“ machte Herr Maler und sah mich völlig gelassen an. Mehr nicht. Er drehte den Spieß um und der Fall wurde immer interessanter für mich. Ich habe es äußerst selten mit intelligenten Lehrern zu tun, aber hier hatte ich ein solch außergewöhnliches Exemplar vor mir sitzen, da war ich mir sicher.
„Finden Sie das nicht komisch?“
„Nein, eigentlich nicht. Charlotte ist in der Pubertät und ein ganz normales Mädchen.“
„Aber sie stammt aus einem Elternhaus, in dem auf Tradition und Werte geachtet wird. Wir wünschen uns, dass unsere Kinder diese auch leben.“
„Ich widerspreche Ihnen nicht gerne, aber in meinen Augen ist Charlotte sehr wertvoll.“
Amüsiert blinzelte er auf seine Hände, die auf dem Tisch zwischen uns ruhten, und fuhr dann fort:
„Wissen Sie, dieser ganze Leistungsdruck, unter dem die Kinder und Jugendlichen heute stehen, das halte ich für ganz gefährlich. Was macht das mit ihnen? Was macht das mit unserer Gesellschaft? Ich als kleiner Lehrer versuche meinen bescheidenen Teil dazu beizutragen, dass die hektische Schulwelt ein wenig entspannter vonstatten geht. Wenn Sie verstehen...“
Ich verstand.
„Nein, das verstehe ich nicht, ehrlich gesagt, aber ich kenn mich mit derlei Dingen auch nicht aus. Ich weiß ja selber nicht, ob ich mir das alles einbilde, aber wir machen uns einfach Sorgen und man hört ja auch so viel in den Medien. Nun guckt das Kind auch noch dauernd RTL II!“
Meine Stimme wurde lauter und lauter und überschlug sich. Die goldene Bluse war nicht atmungsaktiv und ich bemerkte, wie sich Schweißflecken unter meinen Achseln bildeten.
„Wenn es Sie beruhigt, werde ich mal genauer darauf achten und Charlotte intensiver beobachten, sofern meine Zeit das zulässt. Die meisten Menschen denken ja, dass wir Lehrer nur vormittags arbeiten...“
„Nein!“, unterbrach ich ihn aufgebracht. „Ich denke das nicht und mein Mann auch nicht! Wir wissen, dass Sie einen der härtesten Jobs überhaupt haben. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste vor dieser Horde von Jugendlichen stehen und denen auch noch etwas beibringen! Vieles müssen Sie ja am Abend erledigen, die Vorbereitung der Stunden und dann die ganzen Klassenarbeiten...“
„... und Klausuren, genau. Bald ist wieder Zeit für die Abiturprüfungen – Sie ahnen nicht, was das bedeutet. Aber doch... Sie ahnen es bereits. Das ist außergewöhnlich, Frau de Brochters, sehr außergewöhnlich.“
Schüchtern lächelte ich und fing das souveräne Lachen des Pädagogen auf. Keine Frage, dies hier entwickelte sich zu einem handfesten Flirt. Das hatte ich eigentlich gar nicht vorgehabt, aber im Grunde genommen war es sehr gut. So konnte ich ihn privat treffen und fand auf diesem Weg vielleicht einige Anhaltspunkte für die de Brochters, denn bis jetzt hatte ich noch nichts herausbekommen über Charlottes erstaunlichen Zensurenwandel.
Ich musste mich unbedingt darauf konzentrieren, die hysterische Ziege zu mimen, sonst geriet alles außer Kontrolle. Es war das erste Mal in meiner Laufbahn als Elternvertreterin, dass ich das Gefühl bekam, man spielte mit mir und nicht anders herum. Jens-Peter Maler gefiel mir. Das war nicht gut.
„Haben Sie denn unsere Tochter schon einmal außerhalb der Schule gesehen? Ich meine im Café gegenüber oder so? Sie ist doch nach der Sechsten oft mit ihren Freundinnen dort; da sind ja auch so ein paar Madames dabei, meine Güte. Da bleibt einem ja die Spucke weg, vielleicht hat sie das auch von diesen Kindern. Mein Mann, wissen Sie, der wollte, dass unsere Kinder auf staatliche Schulen gehen und ich finde das auch wichtig, damit man später auch gut mit seinen Angestellten klarkommt. Nicht, dass Sie das jetzt falsch verstehen, ich bin nicht arrogant! Also, wie gibt sich denn unsere Charlotte in ihrer Freizeit, wissen Sie das?“
„Ganz normal, wie andere junge Mädchen ihres Alters auch, denke ich. Einmal war ich dabei, als die Klasse sich am Stadtgraben getroffen hat wegen einer Aktion für die Zentralafrika-AG. Charlotte war übermütig und ist wie die anderen aus ihrer Clique in den Graben gehüpft.“
Bei der Erinnerung an all die hüpfenden Brüste musste Herr Maler süffisant grinsen, versuchte aber sofort, die verräterische Lippenbewegung zu überspielen.
„In den Graben gehüpft?“, entfuhr es mir entsetzt. „Das hätte ich doch merken müssen an der nassen Kleidung! Wann war denn das? Vielleicht an dem Tag, als ich wegen der Landfrauenmesse außerhäusig unterwegs war. In den Graben? Um Himmels Willen! Unsere Charlotte? Was hatte sie denn an?“
„Sie war ähnlich wie Sie gekleidet. Mit einer Bluse und einem Rock. Sehr nett anzuschauen.“
Ganz ernst sprach er seine Worte aus und ab diesem Moment war mir klar, dass Herr Maler mit Charlotte de Brochters ins Bett ging und ich es ihnen nachmachen würde. (...)




Die Autorin
Als Kind lebte Kirsten Wendt auf einer kleinen Nordseeinsel, Tür an Tür mit einer Bibliothek. Dort lieh sie sich nachts heimlich all die Erwachsenenbücher aus, schmökerte in den „Buddenbrooks“ und „Onkel Toms Hütte“ und träumte davon, eines Tages selbst eine berühmte Schriftstellerin zu sein. So sollte es vorerst nicht kommen, denn sie schlug eine klassische Sekretärinnen-Laufbahn ein und landete später im Vertrieb. Mit 40 Jahren beschloss Kirsten Wendt, nun endlich ihren Traum vom Schreiben ernsthaft in die Tat umzusetzen. Seitdem hat sich sehr viel verändert. Sie schreibt Sachartikel und Kolumnen für Online- und Printmedien und lässt ihrer Phantasie in Kurzgeschichten sowie Romanen freien Lauf. Mit ihren Büchern möchte die Autorin zum Lachen und Weinen anregen, zum Nachdenken bewegen und letztendlich einfach gut unterhalten.

Kirsten Wendt, Lehrerflüsterin




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