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31. Oktober 2012

Brigitte Teufl-Heimhilcher, Die andere Schwester des Papstes



Anlässlich der Amtseinführung von Papst Leo XV berichtet die Presse ausführlich über seine Schwester Maria, einer Klosterschwester. Doch dann entdeckt ein findiger Journalist, dass der Pontifex noch eine Schwester hat: Katharina. Aber die passt nicht ins päpstliche Bild, denn sie hat eine uneheliche Tochter, ist geschieden, glücklich wiederverheiratet und unterstützt auch noch die Reforminitiative! Dennoch bewegt dieser Zeitungsartikel den Pontifex dazu, sich anlässlich eines offiziellen Heimatbesuches mit Katharina zu treffen.
Damit nicht genug. Eine ziemlich unpassende Krankheit zwingt ihn, ihre Dienste als Ärztin in Anspruch zu nehmen. So kehrt der Papst inkognito in das Haus seiner Schwester zurück und höchst unterschiedliche Standpunkte prallen aufeinander. Doch auch noch andere Überraschungen warten auf seine Heiligkeit. Er muss sich nicht nur mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Florian, der ebenso gebildete, wie liebenswürdige Stiefsohn von Katharina, homosexuell ist, auch seine Freunde aus Jugendtagen haben erstaunliche Ansichten. Warum kämpft sein ehemaliger Freund Clemens bei den Kirchenreformern und warum steht auch seine ehemalige Jugendfreundin Erika auf Seite der Reformer? Längst vergessene Gedanken und Gefühle kommen in ihm hoch. Ist Rom wirklich so weit weg von der Wirklichkeit - und was ist die Wirklichkeit?

Leseprobe:

  1. Das Interview

Katharina blickte auf die Uhr und drückte den Knopf der Sprechanlage: „Der Nächste, bitte!“ Es war ein langer Tag gewesen, sie war müde und freute sich auf einen gemütlichen Abend.
„Fertig für heute“, antwortete ihre Sprechstundenhilfe. „Nur ein junger Mann vom Kurier wartet noch auf Sie.“
„Ist er angemeldet?“
„Das nicht“, flüsterte die Sprechstundenhilfe, „aber ich denke er kommt wegen ihres Buches.“
„Hat er eine Kamera dabei?“, flüsterte sie zurück.
„Soviel ich sehen kann, nein.“
„Gut, dann soll er hereinkommen.“
Trotz dieser Versicherung zog Katharina rasch noch die Lippen nach, ehe es klopfte. Während sie den Stift wieder in ihre Handtasche gleiten ließ rief sie: „Herein!“
Der junge Mann, er mochte etwa dreißig sein, erwiderte ihren kräftigen Händedruck, das gefiel ihr, sie konnte es nicht leiden, wenn die Hand des Anderen schlaff in der ihren lag. „Mein Name ist Felix Winter. Ich komme im Auftrag des Kuriers und würde ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“
„Das freut mich“, antwortete Katharina. „Ich habe eigentlich gedacht, mein Buch sei schon in der Rundablage gelandet. Bitte, nehmen Sie Platz.“
„Sie haben ein Buch geschrieben?“, fragte er, während er auf dem Besuchersessel Platz nahm.
„Über Allergiebehandlung, ich dachte, deswegen seien sie gekommen.“
„Leider nein“, erwiderte Felix Winter und schickte dieser Nachricht ein gewinnendes Lächeln nach. „Ich komme, sozusagen in heikler Mission.“
Er machte eine Pause und sie bedeutete ihm weiter zu sprechen.
„Wie sie sicherlich wissen, findet heuer im September der Welt-Jugend-Tag in Wien statt.“
Während Katharina zustimmend nickte spürte sie, wie ihr Puls schneller wurde. Er sah sie fragend an, doch sie hatte nicht vor ihm entgegen zu kommen.
„Aus diesem Anlass wird Papst Leo seiner Heimat einen Besuch abstatten. Ich nehme an, auch das ist ihnen bekannt.“
Sie nickte abermals. „Es stand so etwas in der Zeitung.“
„Ich nehme weiters an, Sie sind diesbezüglich nicht auf die Informationen der Medien angewiesen.“
„Da irren Sie, junger Mann.“
„Aber Sie sind doch eine Schwester des Papstes?“
Sie ließ einen Augenblick vergehen ehe sie antwortete: „Wie kommen Sie darauf?“
„Ich habe ein wenig im Internet recherchiert. Der Papst hieß mit bürgerlichen Namen Leo Forstreiter und hat, wie Sie, seine Kindheit im Waldviertel verbracht. Da Forstreiter auch ein Teil ihres Namens ist und sie etwa fünf Jahre jünger sind, könnte er ihr Bruder sein.“
„Könnte er“, nickte sie.
„Wird es ein Treffen zwischen ihnen geben?“
„Das müssen Sie schon den Heiligen Vater fragen.“
Er schickte abermals ein gewinnendes Lächeln über den Schreibtisch: „Ein Gespräch mit dem Heiligen Vater steht leider außerhalb meiner Möglichkeiten.“
„Dann kann ich ihnen leider nicht weiter helfen. Papst Leo pflegt seine Pläne nicht mit mir zu besprechen.“ Er lächelte abermals, vermutlich weil auch sie dem Wort ‚leider’ einen süffisanten Ton gegeben hatte.
„Kann es sein, dass es zwischen Ihnen und dem Heiligen Vater ein ... Zerwürfnis gab?“
„Steht das auch im Internet?“
Diesmal sah er an ihr vorbei als er antwortete: „Nur, wenn man zwischen den Zeilen liest. Ich habe es aus dem Umstand geschlossen, dass sie im Vorjahr an den Feierlichkeiten zu Beginn seines Pontifikates nicht teilgenommen haben. Zumindest ist in den Zeitungen immer nur die Rede von einer Schwester Maria, die Klosterschwester sei. Sie ist auch mehrfach mit Papst Leo abgebildet.“
„Gleich mehrfach, sieh an.“
„Ich schließe aus ihrer Antwort, dass Sie auch zu ihrer Schwester kein sehr inniges Verhältnis haben.“
„Da schließen Sie falsch, junger Mann.“
„Wollen Sie mir vielleicht etwas darüber erzählen?“
„Eigentlich nicht. Vor allem aber will ich in ihrer Zeitung auch nichts lesen, was ich nicht erzählt habe. Haben wir uns verstanden?“
Felix Winter hob abwehrend die Hände: „Ich will keine Geschichte erfinden, ich will eine Geschichte erzählen und ich werde eine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte.“
„Das sollte mich allerdings wundern. Wenn ich ihnen abschließend noch einen guten Rat geben darf: versuchen Sie es erst gar nicht bei meiner Schwester, die Mutter Oberin erlaubt keine Interviews.“
Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Felix Winter ergriff sie: „Herzlichen Dank. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, hier ist meine Visitenkarte. Auf Wiedersehen.“
„Das wollen wir doch nicht hoffen“, antwortete sie und begleitete ihn zur Tür, um sicher zu gehen, dass er nicht auch noch versuchte ihre Sprechstundenhilfe auszufragen.
Als sie eine halbe Stunde später ihren Wagen in die Garage fuhr, sah sie, dass ihr Mann schon da war. Schwungvoll betrat sie das Haus: „Axel!“
„Bin im Arbeitszimmer“, kam es aus dem Obergeschoss.
„Und ich dachte, du hast uns schon etwas gekocht“, rief sie zurück.
„Das wünscht du dir aber nicht wirklich.“ Sein grauer Wuschelkopf erschien auf der Treppe.
„Da hast du recht“, lachte sie. „Aber zumindest einen Aperitif könntest du uns machen.“
„Was möchtest du? Campari, Sherry oder ein Glas Tomatensaft?“
„Wie wär’s mit Champagner?“
„Haben wir etwas zu feiern?“, fragte er, während er sich auf den Weg in den Keller machte.
Sie schüttelte den Kopf, küsste ihn im Vorbeigehen und verschwand in der Küche, wo sie die mitgebrachten Lebensmittel abstellte. Mit raschen Handgriffen stellte sie einen großen Topf mit Wasser zu und goss einen Becher Obers in einen deutlich kleineren Topf.
Axel kam zurück, öffnete mit einem Plop die Flasche und schenkte zwei Gläser voll.
„Worauf trinken wir?“
„Auf deinen Schwager.“
Er sah sie erstaunt an: „Sprichst du von dem, an den ich jetzt denke?“
„Soviel ich weiß, hast du nur den Einen.“
„Den Pontifex, der auf unsere Gesellschaft so betrüblich wenig Wert legt – auf den willst du trinken?“
Sie nickte und nahm einen Schluck, dann stellte sie ihr Glas auf dem Küchenbord ab. Axel setzte sich auf einen der Barhocker des Frühstücksplatzes und sah sie fragend an. Während Katharina mit knappen Worten von ihrem Gespräch mit Felix Winter erzählte, verstaute sie die mitgebrachten Lebensmittel.
„Der arme Junge“, lächelte Axel, „sicher hast du ihn abgekanzelt wie einen Schulbuben. Ich möchte nicht an seiner Stelle gewesen sein.“
„Ich habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich aus der Sache raus halten soll.“
„Und du glaubst, er wird jetzt nach Hause gehen und sich eine neue Story ausdenken?“
Während sie begann, den Parmesan zu reiben, fragte sie gedehnt: „Du meinst, er wird weiter stöbern.“
„Wäre doch möglich. Stell dir vor, du wärst ein junger Journalist und hättest eine Riesenstory an der Angel. Würdest du aufgeben?“
Katharina wiegte nachdenklich den Kopf. „Welche Möglichkeiten hat er denn? Von mir hat er kaum etwas erfahren, wenn ich auch nicht geleugnet habe Leos Schwester zu sein. Zu Leo kommt er erst gar nicht, das weiß er selbst, und die arme Maria auszufragen habe ich ihm, mit Hinweis auf die Mutter Oberin, faktisch untersagt. Es wäre natürlich denkbar, dass er es trotzdem tut.“
„Oder er fährt nach Gmünd. Bei dem medialen Zirkus, der nach der Papstwahl veranstaltet wurde, erinnert sich jeder an euch und sicher sind Etliche gerne bereit mit ihm zu reden.“
„So klein ist Gmünd auch wieder nicht.“
„Klein genug. Vergiss nicht, er ist Reporter und wird wissen, wie er die Sache angehen muss.“
Da war was dran. Um Zeit zu gewinnen bat sie ihn den Tisch zu decken. Axel verzog sich unter Mitnahme der Champagner-Flasche ins Esszimmer.
Während sie die Spaghetti in das kochende Wasser gab und die Käsesauce zubereitete versuchte sie sich vorzustellen, was sie an Winters Stelle tun würde.
Als sie kurze Zeit später mit der dampfend heißen Pasta ins Esszimmer kam hatte Axel den Tisch gedeckt und eine CD von Gershwin aufgelegt.
„Eigentlich haben wir ja immer damit gerechnet, dass es eines Tages so kommen wird“, nahm er das Gespräch wieder auf und streute genießerisch frisch geriebenen Parmesan auf die dampfend heiße Pasta, ehe er schwarzen Pfeffer darüber rieb.
„Du meinst also, ich muss noch einmal mit dem Knaben reden.“
„Besser du erzählst ihm die Dinge aus deiner Sicht, als er erfährt dort und da ein Stückchen und setzt sich die Geschichte selbst zusammen.“
Sie überlegte und verspeiste eine Gabel voll Spaghetti ehe sie sagte: „Na schön, aber dann musst du dabei sein. Was hältst du davon ihn hierher einzuladen?“
„Von mir aus. Lad ihn zum Essen ein, dann kann er gleich schreiben, was für eine hervorragende Köchin du bist.“
Er prostete ihr zu.
„Schmeichler. Aber die Idee ist ausbaufähig: Wenn ich ihm etwas über mein Leben als Schwester des Papstes erzähle, dann muss er mein Allergiebuch in seinem Artikel erwähnen. So könnte mir die Sache langsam gefallen.“




Die Autorin
1955  in Wien geboren
1974  Matura an der Handelsakademie und 
      Einstieg in das Berufsleben
1986  Schritt in die Selbständigkeit
1997  Angelobung zur Sachverständigen für den   
      Immobilienbereich 
2003  Verlag Hubert Krenn, Wien   
      „Kochen und genießen ohne Milch“     
2010 Sieben-Verlag
     „Genießen statt verzichten – frei von Allergien
     und Lebensmittelunverträglichkeiten mit NAET“ 
     ein Sachbuch zum Thema Allergiebekämpfung
2011 Personal-Novel unter dem Pseudonym Gitta Teheim
     „Tanten, Tee und Taxitänzer“

Derzeit arbeite ich an einem neuen Roman für Personal-Novel sowie an einem Allergie-Kochbuch für den Sieben-Verlag.


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