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16. Oktober 2012

Helmut Pöll, Die Elefanten meines Bruders

Billy Hoffmann ist elf und findet es doof, dass zwischen seinem Vor- und Nachnamen kein „Tiee“ steht wie bei einem Amerikaner. „Tiee“ stünde für Trevor oder Timothy, was ziemlich cool wäre. Sein größter Wunsch ist es, mit seinem großen Bruder Phillipp in den Zirkus zu den Elefanten zu gehen. „Wir wollten ganz vorne sitzen. Wir sind aber nicht in den Zirkus gekommen, weil Phillipp an dem Abend tot gefahren worden ist und meine Mutter ihn die Böschung hochgetragen hat und jetzt keine Mäntel mehr anziehen kann. Wegen dem Blut eben, an das sie sich immer erinnert.“ Das ist vier Jahre her. Seine und Phillipps Zirkuskarten hat Billy immer noch und hütet sie wie einen Schatz. Er leidet an an ADHS. Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom. „Das habe ich aber gar nicht“, sagt er. „Ich habe nur viel Energie. Soviel wie ein Fusionsreaktor. Und Kindern mit ADHS darf man nichts tun.“ Deshalb rennt er auch zwanzigmal um die Säule vor der Tiefgarageneinfahrt, bis seine Mutter das Auto geholt hat - und muß zwanzigmal in anderer Richtung zurückrennen, bevor er einsteigen kann, damit die Energie im Universum nicht ins Ungleichgewicht gerät. Die Welt der Erwachsenen erlebt er als willkürlich, scheinheilig und zutiefst verstörend. Auf keinen Fall erstrebenswert. Von Beruf will er später mal Spaziergänger werden, vielleicht auch Raumkreuzer-Kommandant. Er versteht nicht, warum er in der Schule ausrechnen soll, wie viel Benzin ein Auto für „soundsoviel Kilometer“ braucht, wenn er doch sowieso nur U-Bahn fährt oder sich später mal ins Raumschiff hochbeamen lässt. Sein Rüstzeug für den Umgang mit der Realität bezieht Billy hauptsächlich aus Filmen, die er mit seiner Schulfreundin Mona fast pausenlos sieht. Er ist eine wandelnde Filmdatenbank und antwortet auf die Fragen von Erwachsenen wenn möglich mit Filmzitaten seiner Helden. Das gibt ihm Sicherheit. Aber so verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit immer mehr miteinander.


Leseprobe:
  

4
Nach dem Abendessen wollten meine Eltern gemeinsam mit mir reden. Das verhieß nichts Gutes. Wahrscheinlich ging es um den Bombenbauer. Ich schaltete vorsichtshalber auf Alarmstufe Rot, wie bei Star Trek kurz vor dem anstehenden Angriff der Klingonen. Den Todesstern, der bei mir auf dem Schrank lag, würde ich nicht hergeben, das war nicht verhandelbar. Auch werde ich Amok laufen, wenn sie wieder meine Punkte streichen. Wenn sie das tun, dann werde ich das nächste Mal genau einhundert Mal um die Säule an der Garageneinfahrt laufen und einhundert Mal zurück, bevor ich in den Wagen steige, selbst wenn meine Mutter hoch und heilig verspricht, dass sie sich um das Energie-Ungleichgewicht im Universum kümmern wird. Außerdem habe ich noch einen Trumpf. Ich kann mittlerweile zwei Minuten am Stück den Rainmain-Schrei ausstoßen, bevor ich kollabiere. Und mit dem mache ich irgendwann die blöde Glasvitrine in unserem Wohnzimmer kaputt, wo ich mir schon zweimal den Kopf angeschlagen habe, weil mein Radar sie manchmal nicht erkennt.
Es ging tatsächlich um den Bombenbauer. Er war angeblich Rentner und verwitwet, seit seine Frau vor fünf Jahren an Krebs gestorben ist. Ich sagte, dass er das bestimmt nur zur Tarnung erzählt, wie in so einem Film von Alfred Hitchcock, wo der Spion auch als Blumenhändler gearbeitet hat. Mein Rentner hat ganz bestimmt an einer Bombe für den Hauptbahnhof gebaut. Schließlich habe ich ihn ja nicht umsonst beschattet und die Polizei alarmiert.
Genau das machten mir aber meine Eltern jetzt zum Vorwurf. Am liebsten wäre ich davon gelaufen. Aber ich konnte nicht fliehen, ich konnte mich höchstens aus der Wohnung schleichen und mich einen Tag bei Mona im Kinderzimmer verstecken. Ganz bestimmt würde mich das Familiengericht verurteilen und ich müsste dann losziehen, um den wirklichen Bombenleger zu finden.
Mein Vater hat schwache Nerven. Das kommt daher, dass er in der Arbeit immer irgendwelchen Heinis erklären muss, was sie tun sollen, damit ihre Firmen nicht den Bach runtergehen.
„Hör zu“, sagte er.
„Es gibt keinen Bombenleger. Der alte Mann ist ein Rentner, dessen Frau gestorben ist. Wir haben große Schwierigkeiten wegen dir bekommen. Wir müssen mit dir zum Jugendamt und den Polizeieinsatz wird man uns womöglich in Rechnung stellen. Aber damit uns der alte Herr nicht auch noch verklagt, werden wir alle gemeinsam zu ihm fahren und du wirst dich bei ihm entschuldigen.“
Jetzt musste ich auf der Hut sein, damit die Falle nicht zuschnappte. Mein ADS-Hirn arbeitete fieberhaft, ich wollte schon aufspringen und in der Wohnung herumrennen, damit ich besser nachdenken kann, aber mein Vater roch den Braten, hielt mich ganz grob am Arm fest und drückte mich auf den Stuhl zurück.
„Also los. Dann zieh dich jetzt an, wir fahren.“
Er hatte mich überhaupt nicht gefragt, ob ich will. Meine Mutter hätte wenigstens gefragt, was hältst du davon? Dann hätte ich gesagt, dass die Zeit für mich arbeitet und früher oder später alle einsehen werden, dass ich recht habe. Aber dann sei es vielleicht zu spät, weil die Bombe schon viele Kinder in den Tod gerissen hätte.
Aber mein Vater sagte einfach, so und so ist es und los. Obwohl ich manchmal ziemlich mutig bin, hatte ich in solchen Momenten Angst vor meinem Vater. Oder sagen wir, Angst vor seinen schlechten Nerven und einer möglichen Ohrfeige. Eigentlich müsste er in Therapie. So ein Antistress-Ding. Meine Ärztin, Frau Dr. Müller-Nöllendorf, die mich einmal die Woche durchcheckt wie einen Gaul, nennt das „therapiewürdig“. Ich frage sie nämlich manchmal, ob dieser oder jener, den ich aus dem Fernsehen kenne, gaga ist. Dann schiebt sie ihren großen Busen zurecht und meint:
„Gaga sagt man nicht, man würde es therapiewürdig nennen.“
„Therapiewürdig heißt, dass die Person einen Vollschaden hat, oder?“
Frau Müller-Nöllendorf ist eine totale Spaßbremse. Der größte denkbare Freudentaumel bei ihr ist ein gequältes Lächeln.
„Umgangssprachlich würde man es vielleicht so nennen“, sagte sie gequält, aber das sei ungerecht, weil viele gar nichts dafür könnten.
„Bin ich auch therapiewürdig?“
Das Verhör machte mir Spaß. Frau Müller-Nöllendorf war die Sache sichtlich unangenehm. Sie wand sich auf ihrem Stuhl wie eine kleine, dicke Ausgabe der Mowgli Schlange Kaa und ich hatte schon Angst, sie könnte mich mit ihren Blicken hypnotisieren. Aber sie sah mich gar nicht an, sondern schaute verlegen auf den Fußboden.
„Ja, sonst müssten wir uns nicht treffen. Aber das ist nichts Schlimmes bei dir. Du bist nur ein wenig nervös.“
„Ist Nervosität therapiewürdig?“
„Nervosität alleine nicht.“
„Das haben Sie aber gerade gesagt. Sie haben gesagt, ich bin nur ein wenig nervös, und deshalb therapiewürdig.“
„Sei jetzt still und lass mich meine Arbeit machen.“
Mona nennt Frau Dr. Müller-Nöllendorf meine Amtstierärztin, und ich muss mir jede Woche eine Geschichte für Mona ausdenken. Mona fragt dann immer mit todernster Miene nach, bis wir beide losbrüllen und uns schreiend auf dem Teppich winden.
Ich sage Mona zum Beispiel, dass mir die Amtstierärztin diese Woche ein Spezialserum spritzen wird, das meine Erinnerung an meine letzte Sechs in Geschichte auslöschen wird.
„Oh, das ist aber nett. Kann ich das auch haben?“
„Nur wenn du auch therapiewürdig bist.“ 
„Wann ist man therapiewürdig?“
„Wenn du mit elf noch ins Bett machst oder dein eigenes Kaka in die Steckdosen schmierst.“
Was ich noch nicht einmal Mona gesagt habe, ist aber eine ganz andere Sache, die mir gerade einfällt. Ich habe mir nämlich überlegt, ob ich nicht Vegetarier werden soll. Ich weiß eigentlich gar nicht, was Vegetarier so essen und ob mir das Vegetarierzeugs schmecken wird. Aber eine meiner Lehrerinnen ist nämlich Vegetarierin und sieht verdammt gut aus. In unserem Bekannten- und Verwandtenkreis gab es keine Vegetarier, nur Fleischfresser. Vegetarier waren für uns auf derselben Stufe wie Marsmenschen.
Aha, Sie essen kein Fleisch? Wieso, haben Sie vergessen welches zu kaufen? Ach so, Sie essen gar kein Fleisch? Sind Sie überhaupt von hier? Es ist vielleicht wirklich so wie bei „Men in Black“, dass die kleinen Männchen, die im Kopf wohnen und die Mensch-Maschine bedienen, einfach kein Schnitzel verdauen können und deshalb nur Energiesaft trinken. Aus - sagen wir - Bananen und Mango. Aber nein, Mangos mag ich nicht.
Dann, wie es der Zufall will, stand plötzlich in allen Zeitungen, die mir in die Hände fielen, etwas von Vegetariern. In der Wirtschaftszeitung von meinem Vater und in der Illustrierten im Wartezimmer von Frau Dr. Müller-Nöllendorf auch. Wahnsinn! Ich war völlig aus dem Häuschen, wie viele Hollywood-Schauspieler Vegetarier waren. Ich wollte wissen, ob auch Alfred Hitchcock Vegetarier war, aber das wusste natürlich wieder keiner.
Überall stand nur, warum es gut war, kein Fleisch zu essen. Und ich lernte, dass es nicht nur Vegetarier gab, sondern auch Veganer, was ich erstmal nicht verstand. Ich fragte meine Mutter nämlich, ob Veganer von der Vega seien. Das ist der Hauptstern im Sternbild Leier. Es kommt aus dem Arabischen und bedeutet „herabstoßender Adler“. Das weiß ich aus dem Astroatlas, den mir meine Eltern mal zum Geburtstag geschenkt haben, damit ich sie bei einer sternklaren Nacht nicht ununterbrochen damit löchere, was dies und das für ein Sternbild ist.
Und herabstoßende Adler essen doch Fleisch, oder? Aber sie sollte mir nicht erzählen, dass die Veganer 20 Lichtjahre zu uns düsten, um dann nur Karotten mit Dip zu essen. Meine Mutter schaltete ab. Ich hörte richtig ein „Klick“ in ihrem Kopf, als ihr Überlastungs-Schalter umschnappte und der Notstrom anging. Sie atmete nur laut ein und aus, sah mich aus tiefen Augenringen besorgt an und fuhr dann mit mir zu unserer wöchentlichen Sitzung.
Dreißig, neunundzwanzig, achtundzwanzig, bis Null zählte ich bei der Säulenumkreisung, dann erst stieg ich in den Wagen ein. Meine Mutter wirkte gestresst und redete kein einziges Wort mit mir während der ganzen Fahrt. Vielleicht hatte sie einen Migräne-Schub. Erwachsene haben ja oft Migräne. Das kommt, wenn das Hirn nicht mehr so leistungsfähig ist wie bei einem Kind. Dann warten die Erwachsenen auf schlechtes Wetter und bekommen Migräne. Deshalb schwieg meine Mutter.
Aber ich erzählte weiter von der Vega und den Veganern. Vegavegavegavegavegavegavegavegavega. Heute weiß ich natürlich, dass die Veganer mit der Vega nichts zu tun haben. Zumindest ist mir das immer erzählt worden. Wenn man mich fragen würde, ob die Veganer etwas mit der Vega zu tun haben, dann würde ich heute also sagen: Ich glaube nicht. Da lasse ich mir mein Hintertürchen offen. Ich glaube, das ist OK und keine Lüge. Denn richtig lügen darf man nicht.
Eine Zeit lang war ich wie im Fieber mit den Vegetariern. Vielleicht könnte ja Frau Dr. Müller-Nöllendorf etwas dazu sagen. Aber ganz tief drin wusste ich natürlich, dass die trübe Tasse nichts sagen würde, was mir weiterhalf. Aber versuchen wollte ich es.
„Frau Doktor?“
„Ja!?“
„Sind Sie Vegetarier?“
„Bitte?“
„Ich habe gefragt, ob Sie Vegetarier sind?“
Sie hielt ihren Fragebogen fest und sah mich dann ganz durchdringend an.
Vegavegavegavegavegavegavegavegavega. Menschen komisch. Stopp. Essen Tiere. Stopp. Bitte um weitere Anweisung. Stopp. Vegavegavegavegavegavegavegavegavega. Jetzt wäre eigentlich ganz laut das Ausatmen von Darth Vader fällig, aber ich hatte die CD nicht dabei. Auch bin ich mir nicht sicher, ob Frau Dr. Müller-Nöllendorf das Pressluftatmen von Darth Vader gutheißen oder ein Minus auf meinen Fragebogen dieser Woche kritzeln würde.
Bei Psychologen muss man auf der Hut sein. Das habe ich von meinem Vater gelernt. Mein Vater sagt nämlich, dass Psychologen selber alle einen an der Waffel haben. Dann ballt er die Faust und macht eine kreisförmige Bewegung vor seiner Stirn. Damit will er andeuten, dass bei denen im Oberstübchen selber viele Dinge durcheinander sind. Warum ich dann aber jede Woche zu jemandem gehen muss, der selber einen an der Waffel hat, konnte er mir nicht erklären.
„Hmm, ich verstehe, was du meinst.“
„Ja oder Nein? Das ist eine geschlossene Frage, die Sie nur mit Ja oder Nein beantworten dürfen.“
„Wer sagt das?“
„Mein Deutschlehrer.“
Jetzt hatte sie vermutlich Angst, dass ich meinem Deutschlehrer petzen könnte, dass meine Psychologin auf geschlossene Fragen falsche Antworten gibt.
„Ich, weiß, was du meinst. Ganz sicher ist diese Frage nicht unerheblich und eine ganz wichtige. Wenn wir an den weltweiten Fleischkonsum denken und an die Nahrungsketten, die Bevölkerungsexplosion und unsere moralische Verantwortung.“
„Ja oder Nein?“
Sie machte aber keinerlei Anstalten, auf eine einfache Frage eine einfache Antwort zu geben, und ich merkte, wie ich zappelig wurde und mein linkes Bein zu zucken anfing. Ich spürte, dass ich eine Störung im Stromkreis hatte. In meinem Inneren schmorten gerade ein paar Leitungen durch. SOS an Veganer. Stopp. Terrorarzt macht Kind irre. Stopp. Senden sie Hilfs-Untertasse. Stopp.
Frau Dr. Müller-Nöllendorf machte mich völlig bsssssss. Ich stellte mir vor, dass die ersten Sicherungen herausflogen und mein Sprachmodul die erste Hälfte meines Wortschatzes vergessen hatte. Vielleicht fielen zuerst alle Tunwörter aus dem Speicher. Oder vergisst man zuerst die Adjektive? Frau Dr. Müller-Nöllendorf machte mich bsss bsssssssss. Mich machen alle krank, die meine Fragen nicht beantworten können, und mich damit aus der Kurve fliegen lassen.
Plötzlich war mir klar, dass sie eine Vegetarierin war. Sie hatte nicht das Gesicht eines Fleischfressers. Ich weiß nicht, wie ich darauf plötzlich kam. Es war eine Eingebung wie in einem Traum. Vielleicht war es ihr langer Hals. Sie hatte einen Hals so wie die Schwäne im Stadtpark. Und ihre Proportionen waren auch verschoben. Sie war ein wenig stämmig. Mona hätte dick gesagt. Und ich hatte Jurassic Park gesehen und in der Folge stapelweise Bücher über Dinosaurier verschlungen. Plötzlich sah ich die Ähnlichkeit. Warum war mir das nicht schon längst aufgefallen?
Vor mir saß nicht Frau Dr. Müller-Nöllendorf, sondern ein langhalsiges Iguanodon-Saurierweibchen. Ich konnte mir ganz genau vorstellen, wie sie ihren langen Hals plötzlich aus dem mannshohen Schilf reckte, mit einem riesigen Büschel im Maul und dann in der Kreidezeit herumschaute.
Mein linker Fuß zuckte nun wie die Pfoten von Adrian, wenn er im Schlaf ein Reh jagte. Ich wollte, Mona wäre hier, dann könnte ich ihr das Iguanodon-Weibchen zeigen. Oder wenn ich wenigstens meinen Foto dabeihätte, könnte ich das Reptil zum Beweis fotografieren.
„Was ist mit dir?“, fragte Frau Dr. Müller-Nöllendorf, die plötzlich neben meiner Liege stand.
„Nichts“, log ich, während ich völlig die Kontrolle über mein zuckendes Bein verlor. Ich sprang von der Liege und rannte in unserem Therapieraum herum.
Vegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegavegaveganer. Hunderttausend Mal.
„Heute ist es aber ganz besonders schlimm“, sagte sie.
„Gut, dass ihr gekommen seid? Magst du dich setzen oder ist es dir lieber, wenn du den Rest der Stunde herumlaufen kannst?“
„Sie sind Vegetarierin? Stimmt‘s?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Weil Iguanodons auch…“
Gerade noch rechtzeitig biss ich mir auf die Lippen. Man darf niemanden mit einem Iguanodon vergleichen. Nur bei Mona im Kinderzimmer. Aber nicht bei Frau Dr. Müller-Nöllendorf im Behandlungsraum. Dazu sind Erwachsene viel zu empfindlich. Die grübeln dann wochenlang, warum man so was sagt und werden dann schwermütig oder sogar depressiv. Oder hauen ihre Kinder.
Sie hatte nichts gemerkt, lächelte gequält und sagte dann den rettenden Satz.
„Ja, ich esse tatsächlich kein Fleisch. Erstaunlich, dass du darauf gekommen bist. Gut geraten.“
„Wissen Sie, ob Alfred Hitchcock Veganer war?“
Das wusste sie natürlich nicht. Auf die wichtigen Fragen haben Erwachsene nie eine Antwort. Frau Dr. Müller-Nöllendorf schaute auf ihre Uhr und sagte dann ganz vorwurfsvoll, dass die Stunde jetzt um sei und wir wegen dem Vegetarierthema zu nichts gekommen sind.
Ich habe alles natürlich sofort brühwarm Mona erzählt. Sie hat sich total weggeworfen vor Lachen und seitdem nennen wir Frau Dr. Müller-Nöllendorf die Iguanodondame.
Gehst Du zur Iguanodondame? Oder der Besuch der Iguanodondame. Wenn die Iguanodondame zweimal klingelt. Mona und ich haben einmal einen ganzen Nachmittag mit Iguanodon herumphantasiert. Iguanodon ist nämlich ein totaler Zungenbrecher. Es hört sich an wie Guano, dieser Vogelmist, den Monas Mutter auf die Geranien auf dem Balkon gießt und die dann wuchern wie nach einem Reaktorunfall. Guano, Iguanodon. Es gibt noch eine ganze Reihe von Zungenbrechern, mit denen man sich einen ganzen Nachmittag beschäftigen kann. Aber für Frau Dr. Müller-Nöllendorf blieben wir bei der Iguanodondame.



Rezension folgt ...



Der Autor
Helmut Pöll - Geboren am 29.05.1964 in Moosburg / Isar
Ausbildung zum Tageszeitungsredakteur
Arbeitet als Softwareentwickler und IT Consultant, lebt in München

Bibliografie
Nudelsuppe Online“, Kurzgeschichte,
erschienen bei Heise Online, 1996
Emails von Wilhelm Tell“, Fortsetzungsroman, erschienen bei Heise Online, 1996
Sketche für Fernsehen (Bayerischer Rundfunk)
Der Schoßhunddestruktor“, ein Roman über intelligente Straßenkehrmaschinen, die Schosshunde umbringen und die Frage, wie viele elektrische Hundeheizdecken ein städtisches Stromnetz zusammenbrechen lassen, Elfenbein-Verlag, Berlin, 2001
Daneben Satiren und Kurzgeschichten, u.a. für die Satirezeitung HERBST.
Gründung des Satireportals


Helmut Pöll, Die Elefanten meines Bruders


Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Natürlich, steht die Welt nicht auf dem Kopf, wenn man sie dermaßen umdreht - sie sieht dann einfach nur anders aus.
Nichts anderes macht der kleine Junge.
Er sieht das Gleiche und deutet es - halt auf seine Weise - die Welt bleibt dabei, was sie ist.
Äußerst Humorvoll, wie ich finde.
Ganz toll zu lesen!
Gruß, James

schreibtalk hat gesagt…

Ja, James, ein tolles Buch! LG Elsa