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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

30. November 2012

Anja Blum, Grundglück

Die erfolgreiche Unternehmensberaterin und leidenschaftliche Pferdefrau Cilly Brahms nimmt den in der Reiterszene bekannten Hof von Markus Berner unter die Lupe. Obwohl sie vom taffen Chef persönlich beauftragt wurde, ist nicht jeder der Mitarbeiter über ihr Erscheinen erfreut. Cilly muss sich gegen verdeckte und offene Anfeindungen erwehren. Erst ein tragischer Zwischenfall verwandelt die ausgelebte Antipathie der Dressurreiterin Lisa Feller in freundschaftliche Gefühle für Cilly.

Wird Cilly nach dem entsetzlichen Verlust ihres Pferdes je wieder auf einem Reitturnier starten? Und soll die vom Scheitern jeder Beziehung überzeugte junge Frau doch noch das Gegenteil erfahren?

Begleiten wir Cilly Brahms bei ihrem Wirken auf dem Hofgut Berner und gesellen uns in den Alltag seiner Bewohner und deren Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein können.


Leseprobe:

(...)
Die Zeit verging wie im Flug. Schon war der Winter in seiner ganzen Pracht da. Cilly war voll in den Hofalltag integriert und ließ auch ihr Ziel, die eigentliche Arbeit, nicht aus den Augen. Gestern Abend erst hatte sie bis tief in die Nacht die Betriebsbücher geprüft. Heute Morgen wachte Cilly schon vor dem Wecker klingeln auf und wollte die Zeit nutzen, den Schnee zu genießen.
Klirrende Kälte schlug Cilly entgegen, als sie den Hof betrat. Erneut hatte es geschneit. Der durch die Beleuchtung glitzernde Schnee hatte sich schützend über Bäume, Sträucher, Koppeln, über den ganzen Hof gelegt. So muss es im Märchenland aussehen, dachte Cilly. Sie mochte den Schnee, alles sah so friedlich aus. Ganz warm eingepackt wollte Cilly mit dem kleinen Hofhund Schulze, mit dem sie Freundschaft geschlossen hatte, einen Winterspaziergang ins nahegelegene Wäldchen machen. Die Freude darauf hatte sie sogar eher aus dem Bett gebracht, damit sie die unberührte Natur noch vor dem Stalldienst genießen konnte. Freudig sprang Schulze um Cilly herum, um dann gleich wild im neuen Schnee herumzutoben. Leicht und langsam schwebend tanzten noch vereinzelte Schneeflocken zum Boden. Cilly hielt ihre Hände vor und fing sie. Zu gerne bestaunte sie die Kunstwerke, die die einzelnen Schneekristalle darstellten. So grazil und so gleichmäßig waren sie, und jedes Kristall anders. Cilly war nach wie vor fasziniert davon.
»Komm’ Schulze«, rief sie und stapfte Richtung Wäldchen los. Der Marsch durch den tiefen Neuschnee war bald beschwerlich und Schulze nahm recht schnell den Platz hinter Cilly ein, die ihm den Weg etwas ebnete.
Die Tannenbäume mit ihren Schneehauben, die so idyllisch aussahen, ließen Cillys Herz höher schlagen. Alles sah so friedlich und einfach wunderschön aus. Durch den vielen Schnee war alles ganz leise, gedämpft. Die beiden gingen eine schmale Lichtung entlang - der Schnee knirschte unter Cillys Füßen – und sahen plötzlich viele Spuren im Schnee. »Hier scheint ein Wildwechselpfad zu sein und die Rehe müssen gerade eben hier lang gekommen sein«, sprach Cilly zu Schulze. Der schaute sie an und schnüffelte gleich die Spuren intensiv ab.
Der Pfad wurde schmaler. Ein Auto würde hier nicht mehr durchfahren können. Vereinzelt ragten dornige Zweige aus dem Schnee, die noch ein paar vergessene Blätter hatten. Den Rest der Brombeersträucher deckte der Schnee zu. Für die Waldtiere war es jetzt sehr schwer, Futter zu finden. Die Wildfütterung in der Nähe hatte Hochkonjunktur. Cilly hatte bereits Bekanntschaft mit dem Förster gemacht. Das war im Herbst, als sie mit Romeo das Wäldchen durchstreifte. Die beiden hatten sich eine Weile unterhalten und fanden sich gegenseitig ganz sympathisch.
»Komm’ Schulze, wir gehen mal zur Futterraufe. Vielleicht sehen wir die Tiere. Du musst aber ganz brav und ruhig sein«, sagte Cilly zu dem Hund. Aber das hätte sie gar nicht sagen müssen, denn Schulze war eine treue, folgsame und unproblematische Seele.
Langsam wurde es heller, der Tag kündigte sich an. Das durch den Schnee stapfen brachte den beiden zum Glück ziemliche Wärme. So spürten sie den eisigen Frost nicht, der Cillys Nase ganz rot gefärbt hatte.
An der Futterstelle war Betrieb. Cilly zählte sieben Rehe, die sich an der frisch gefüllten Heuraufe satt fraßen. Wie zeitig ist wohl bloß der Förster aufgestanden, um die Raufen zu füllen? Cilly nahm sich vor, ihn das nächste Mal danach zu fragen.
Cilly könnte die Zeit vergessen in diesem Märchenwald. Es half alles nichts, sie musste zurück, um Mario und die anderen nicht allein all die Pferde versorgen zu lassen. Sie konnte nicht einfach ihren Dienst schwänzen, damit würde sie ihre weitere Arbeit selbst erschweren, denn die Kollegen würden sicherlich die Achtung vor Cilly verlieren.
Cilly fühlte sich pudelwohl, als sie auf dem Hof ankam. Fritz Thiele war bereits mit seiner Schneeräummaschine unterwegs. Schulze hatte auch die volle Freude an dem frischen Schnee und dem ausgiebigen Spaziergang in der Früh. Mit Schnee im Bart und total freudig und niedlich anzuschauen hüpfte der kleine Hund auf Fritz Thiele zu. Am liebsten wäre Schulze an der Schneeräummaschine hochgesprungen. Cilly ließ einen Pfiff los und der Hund kehrte auf der Stelle um zu ihr. Er sollte nicht unter die Räder kommen vor lauter Freude.

***
(...)
Lisa Feller fand sich mit Doktor Jürgen Kalkow an der Bar ein. Das Tanzen machte durstig. »Zwei Bier bitte«, bestellte der Doc bei der Barfrau. Anna Berner hatte für den Abend diesen Job übernommen und meisterte ihn ganz gut. »Fünf Euro bitte.«
Lisa stieß mit dem Doktor an und genoss dann das herrlich kühle Bier. Cilly blickte während des Tanzens kurz in Richtung Bar und sah Lisa Feller gerade beim Biertrinken. Sie dachte noch, dass sie das Lisa Feller nicht zugetraut hätte, ganz entspannt und genüsslich ein Bierchen zu zischen, und war dann mit ihren Gedanken schon wieder bei Mario Senne, der sie galant herumwirbelte.
»Ich bin gleich wieder da«, verabschiedete Lisa sich bei Jürgen Kalkow.
»Gut, ich warte hier.«
Das war eindeutig, fand Lisa Feller und wunderte sich etwas, dass ihr Herz ein wenig mit Rasen anfing. Sei nicht so töricht, schalt sie sich insgeheim.
Sie machte sich auf in die Nacht, um noch einmal nach ihrem Pferd zu sehen. Sie war nach wie vor ziemlich beunruhigt über die leichte Unklarheit im Gang des Tieres. Lisa machte nur das kleine Eingangslicht am Stall an, um nicht alle Tiere aufzuschrecken. Sie hatte nicht bemerkt, wie ihr jemand gefolgt war. Die Box des Rappen war die vorletzte auf der linken Seite. Die letzte Box war leer. Dort waren ein paar Strohballen gelagert.
»Na mein Großer, wie geht es dir?« Der Rappe lag da. Beim Klang von Lisas Stimme, die ihm vertraut war, drehte er seinen Kopf mit gespitzten Ohren in Lisas Richtung. Das Pferd erhob sich und nahm gerne die Karotte, die Lisa ihm hinhielt. Plötzlich, das Klirren eines Blecheimers aus Richtung des Eingangs. Aufmerksam schaute der Rappe dort vor.
»Hallo, ist da jemand?«, rief Lisa Feller in die Richtung, aus der das Geräusch kam, erhielt aber keine Antwort. Sicher nur eine Katze, dachte sie und widmete sich wieder ihrem Pferd. Für den Rappen war es aber noch nicht erledigt. Angespannt blickte das Tier Richtung Tür. Spürte er die Bedrohung? Lisa wurde auch etwas unruhig. Sie konnte bei dem Schummerlicht auch gar nichts erkennen.
»Wer ist da?«, versuchte sie es noch einmal. Wieder keine Antwort.
(...)



Rezension folgt ...


Die Autorin
Anja Blum ist 1963 in Dresden geboren, wo sie wohlbehütet aufwuchs. Heute lebt sie in Baden-Württemberg und geht dort ihrer Leidenschaft, dem Schreiben nach.
Das Schreiben spielt seit vielen Jahren eine große Rolle in Anja Blums Leben. Zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten hatte sie bereits zu Papier gebracht, als dann endlich ihr Debütroman erschien. Darin verknüpft sie ihre lockere, interessante und spannende Schreibweise mit ihrer zweiten Leidenschaft, den Pferden. Das lag auf der Hand, ist Anja Blum doch seit ihrer Kindheit selbst eine passionierte Reiterin und Pferdeliebhaberin.
Kurz nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans erschien die Geschichte »Sommerabenteuer in Dobberdau«, ein Buch für Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahren, als eBook bei Amazon. 
Weitere Buch-Projekte sind bereits begonnen bzw. leben schon im Kopf der Autorin.
Anja Blum ist Mutter zweier erwachsener Töchter.



Anja Blum, Grundglück. Engelsdorfer Verlag


eBook und Taschenbuch bei Amazon




28. November 2012

Anna Radovani, Der Walnussbaum

Die Geschichte spielt im ehemaligen Jugoslawien und beginnt Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre. Die Heldin des Romans, das Mädchen Nella, lebt mit den Eltern bei ihrer Großmutter in Zagreb. Die Eltern sind Medizinstudenten und politisch stark engagiert. Dieses Engagement bringt sie jedoch ins Gefängnis. Für Nella ist das der erste Schock ihres Lebens. Sie fürchtet sich vor dem System, in dem sie leben muss, und kapselt sich von der Außenwelt ab. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis können Nellas Eltern keine Anstellung finden und emigrieren nach Deutschland. Nella bleibt bei ihrer Großmutter.

In ihrem Großvater, der lange vor ihrer Geburt gestorben ist, sieht sie etwas Besonderes. Er ist in ihren Augen so, wie sie sich ihren Vater immer gewünscht hat. Dieser hatte, genau wie die Mutter, wegen der politischen Aktivitäten nie Zeit für sie. Als 15-Jährige muss sie erfahren, dass ihr Großvater als Regimegegner in den 50-er Jahren im Gefangenenlager auf der Kahlen Insel gewesen ist und dort an den Folgen grausamer Misshandlungen seitens eines Lagerkommissars  gestorben ist. Nella ist entsetzt, empfindet nur noch Hass für das Land, in dem sie lebt, und möchte am liebsten zu ihren Eltern ziehen. Sie bleibt schließlich – aus Liebe zu ihrer Großmutter.

An ihrem 17. Geburtstag lernt Nella den angehenden Kunststudenten Nik kennen. Für beide beginnt eine große, romantische Liebe. Nik ist für Nella der erste Mensch außerhalb der Familie, zu dem sie Vertrauen hat, und der sie den verhassten Kommunismus vergessen lässt. Doch von Anfang an spürt sie, dass es in Niks Leben etwas gibt, was ihn quält, worüber er aber nicht sprechen will. Die Liebe ist groß, und Nella fragt nicht viel.

Eines Tages erzählt sie ihm von der Haft des Großvaters und von seinem Tod. Nik ist am Boden zerstört, denn er begreift, dass sein eigener Vater eben jener Lagerkommissar war, der Nellas Großvater auf dem Gewissen hat. Diese Erkenntnis führt zur Trennung der beiden. Nella flieht zu ihren Eltern nach Deutschland.

Die Zeit vergeht. Es kommen die Jahre 1989, 1990. Der Eiserne Vorhang fällt. Auch in Jugoslawien beginnt sich die politische Lage zu ändern. Erste demokratische Parteien werden gegründet, es kommt aber auch zu ersten Unruhen. Nella beginnt sich zögernd für die Vorgänge in Jugoslawien zu interessieren. Im Herbst 1990 fährt sie zum ersten Mal nach acht Jahren wieder nach Zagreb und begegnet auch Nik, den sie nie aufgehört hat zu lieben.


Leseprobe:

Sinisa möchte, dass ich wieder unter Menschen gehe. Er meint, ich solle meine Eltern besuchen oder endlich mit den Vorbereitungen für Niks Ausstellung beginnen. Irgendetwas tun, nur um auf andere Gedanken zu kommen, um den ersten Schritt in die Zukunft zu setzen.
Der liebe Sinisa, ich weiß, dass er es gut meint, und ich weiß, dass er recht hat. Aber ich habe Angst vor der Zukunft. Ich habe auch Angst vor der Gegenwart. Also kapsle ich mich ab, lasse nichts und niemanden an mich und meine Gedanken heran. Seit jener Dezembernacht lebe ich wie in einem Vakuum. Ich will nicht wissen, was um mich herum geschieht. Ich will nicht wissen, wie viele Menschen heute getötet wurden, wie viele neue Flüchtlinge es in der Stadt gibt. Ich will nicht wissen, der wievielte Waffenstillstand von den Vermittlern der so genannten zivilisierten Welt in Genf geschlossen wird oder wie viele UNO-Soldaten noch in diesem Land stationiert werden oder werden müssten. Ich will nicht wissen, ob sich meine Eltern im weit entfernten Köln um mich sorgen. All das ist für mich unwichtig geworden. Mag sein, dass das erschreckend und verwerflich ist. Mag sein. Aber ich kann nicht anders.
Ich flüchte in meine Erinnerungen, die schönen und die traurigen. Beide tun mir weh, und doch sehne ich sie herbei. Ich analysiere sie nicht. Ich versuche keine Erklärungen für alles, was zurückliegt, zu finden. Wozu auch? Egal was für Antworten ich bekäme, sie würden nichts ändern, nichts erleichtern.
Ich möchte die Erinnerungen einfach ständig um mich wissen, denn so sind mir die Menschen, die ich liebe, nahe.
Ich gehe durchs Haus, und jeder Schritt, jeder Gegenstand, den meine Augen berühren, ruft vergangene Zeiten herbei. Großmutters Stimme, ihre Geschichten über Großvater und immer wieder Nik, Nik, Nik. Seine Zärtlichkeiten, seine Stimme, sein Lachen... Ich hocke auf dem Fußboden vor seinen Bildern und sehe, wie er sie malte, höre, was er dabei redete, lausche der Musik, die uns in diesen wundervollen Stunden umhüllte.
Manchmal, ja, ich weiß wie dumm das von mir ist, aber dennoch stelle ich mir manchmal sogar vor, es hätte diesen Krieg nie gegeben, genauso wie das Jahr 1971 nicht oder die Kahle Insel nicht. Irgendetwas holt mich aber immer in die Realität zurück, und ich muss vor ihr kapitulieren.
Aber wenn ich aus dem Fenster in den Garten schaue, sehe ich meinen Walnussbaum dort stehen. Wenigstens er ist da, wirklich und immer noch da.
Er war noch nie so schön wie in diesem Frühling. Als hätte er alles von sich gegeben, um mich mit seinem Anblick zu erfreuen, um meinen Schmerz ein wenig zu lindern. Das ist seine Art, mit mir zu reden, mir und der Welt zu zeigen, dass er keine Angst vor dem Morgen hat. Es ist seine Aufforderung an mich, nach vorne zu schauen.






Die Autorin

Anna Radovani ist das Pseudonym für eine Kunsthistorikerin, die seit vielen Jahren Zeitschriften und Bücher im Bereich Gesundheit produziert. „Der Walnussbaum“ ist ihr erster Roman, der bereits vor vielen Jahren in einem Kleinverlag veröffentlicht wurde – und dort verstaubte. Ein paar Jahre später bot die Autorin den Roman zusammen mit der Fortsetzung einigen renommierten Verlagen an. Keiner wollte sich an eine damals so aktuelle Geschichte, den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, heranwagen. „Würde der Roman im 19. Jahrhundert spielen, würden wir ihn durchaus veröffentlichen“, schrieb ein Verlag. Nun gibt es die Geschichte von Nella und Nik und dem Walnussbaum als E-Book – und vielleicht auch bald die Fortsetzung.    


Anna Radovani, Der Walnussbaum


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26. November 2012

Gedanken zur Weihnachtszeit


Diese Anthologie wurde erstellt von Mitgliedern
der FB-Gruppe 
„Portal für Autoren, Leser, Blogger, Grafiker“, 
um den Kindern des Vereins HERZLICHT in Grünbach eine dauerhafte Spende zukommen zu lassen.
Alle Beiträge wurden von den Autorinnen und Autoren 
uneigennützig und kostenfrei zur Verfügung gestellt. 
Alle Mitwirkenden bedanken sich bei den Lesern, 
die durch den Kauf dieses Buches
die Lebensqualität vieler Kinder verbessern.

eBook und Taschenbuch 
bei Amazon

Lesermeinung:
Über 50 Autoren haben ihre Gedanken zur Weihnachtszeit aufgeschrieben. Gereimtes und ungereimtes, fröhliches und tröstliches. Ja, sogar ein ganz kurzer Krimi ist mit dabei, wenn ich die Sache mit dem Bügeleisen richtig deute. Die Beiträge sind so vielfältig wie unsere Empfindungen im Zusammenhang mit Weihnachten. Da ist nicht immer nur "heile Welt". Und doch, irgendein Zauber geht von diesem Fest aus, öffnet unsere Herzen, in denen die Sehnsucht nach dem Guten, Liebevollen lebt.

Besonders schön finde ich, dass neben jeder Geschichte ein vom Autor ausgewähltes Bild das Auge des Lesers in seinen Bann zieht. Die Bilder sind so vielfältig wie die Beiträge - Fotos, liebevolle Kinderzeichnungen, Comics.

Ein rundum gelungenes Werk, das es wert ist, in den Tagen bis Weihnachten immer wieder in die Hand genommen zu werden um darin zu lesen oder auch daraus vorzulesen. Warum nicht einmal den Liebsten mit einer vorgelesenen Geschichte erfreuen? Oder die Oma, deren Augen schon zu schlecht sind, um selbst zu lesen.

Sehr gut gefällt mir, dass der Erlös des Werkes zu 100 Prozent an bedürftige Kinder geht. So habe ich bei all der Lesefreude auch noch das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben. 


Wir danken im Namen der Kinder!



25. November 2012

Alfred Franz Dworak, Der LeiterwagenXaverl




Ich bin ein halbes Bauernkind
die mütterliche Linie hat ihre Wurzeln in Osttirol. Daher war ich schon nach den ersten Sätzen in der Lebensgeschichte des armen Xaverl gefangen. Ein kurzer Roman, was kein Werturteil ist, im Gegenteil. Ich schätze es, wenn das Nötige erzählt wird, das Überflüssige vermieden, denn allzu oft werden Geschichten über Gebühr zerdehnt, damit sich die Seitenanzahl erhöht. Das ist bei diesem Buch nicht der Fall. Erfreulich!

Eine enge Dorfgemeinde
in Bayern ist der Schauplatz, der Hauptteil handelt in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Hart arbeitende Menschen, raue Bauern und Handwerker, die im Kampf ums tägliche Brot nicht viel Mitgefühl im Herzen tragen, sind die Akteure. Es gibt auch Ausnahmeerscheinungen, die Erbarmen mit dem Buben haben, der mit der Glasknochenkrankheit geboren wird. Dieser Teil der Dörfler sieht auch in die Seele vom Xaverl, sieht seinen messerscharfen Geist und fördert seinen Bildungshunger.
Für alle anderen aber, inklusive seinen saufenden Vater, ist er der Krüppel, der lästig ist, eine unnötige Ausgeburt. Als langsam, aber unaufhaltsam der Nationalsozialismus seine Fäden auch ums Dorf spinnt, heißt es bei den jungen, davon faszinierten Burschen, dass so einer wie der Xaverl weggehört. Doch nicht nur bei ihnen, das ganze Dorf möchte, dass er verschwindet. Er ist zu gescheit, zu unbeugsam für die Gemeinschaft. Mehr möchte ich nicht darüber erzählen, lesen Sie selbst, wie es mit dem LeiterwagenXaverl weitergeht.

Sprache und Ausdruck
mit der der Autor uns das Leben des vom Schicksal benachteiligten Buben erzählt, sind gut gewählt. Protokollierend, sachlich, journalistisch, ohne Druck auf die eigenen Tränendrüsen, ohne Pathos berichtet Alfred Dworak. Fast kühl erzählt er die grausamsten, quälendsten Ereignisse, die die Leser frösteln lassen. Und das ist wirklich gut! Alles andere wäre fehl am Platze bei so einer Geschichte. Berührt soll der Leser werden und wird es auch. Der Autor nimmt sich völlig zurück, bleibt neutral. Diesen „Trick“ finde ich äußerst gelungen!

Ich wünsche dem Buch noch viele Leser. Nebenbei bemerkt wäre das auch ein toller Stoff für einen Film!

      





Der Autor
Alfred Franz Dworak wurde  Mitte 1960 in der Nähe von Grafing, Bayern geboren.
Zunächst im Bereich der Erwachsenenbildung (Qualitätsmanagement) eines mittelständischen Unternehmens tätig, machte er sich 1991 im Lebensberatungs-Sektor selbstständig.  1992 und 1994 erschienen dazu je ein Sachbuch und eine Tonkassette beim Verlag Peter Erd, München. Durch PR-Arbeit, TV-, Hörfunkauftritte und Printbeiträge wurde er im Umgang mit den Medien vertraut. Von 1994 an entwickelte er Spielfilm- und Serienideen für den TV-Bereich. 1998 heiratete er und wurde Vater eines Sohnes. Er legte eine berufliche Auszeit ein und kümmerte sich bis Ende 2001 hauptsächlich um die  Erziehung seines Sohnes. Zwischenzeitlich schrieb Alfred Franz Dworak Buchrezensionen und Artikel über kulturelle Events für die Süddeutsche Zeitung. Seit 2003 widmet er sich wieder voll dem Schreiben von Biografien, Romanen, Sachbüchern, E-Books und Kurzgeschichten und der Entwicklung von Drehbüchern und Dialogbüchern (z. B. Dahoam is Dahoam, Marienhof). Alfred Franz Dworak ist außerdem Referent für einige Volkshochschulen im südbayerischen Raum und als Berater für Seelen Meridian Energie Techniken tätig.




Alfred Franz Dworak, Der LeiterwagenXaverl






24. November 2012

Emilia Licht, Liebe auf leisen Sohlen

Powerfrau Josina „Josi“ Hollenstein leitet das Familienhotel Anna Karolina in Dresden. Knallhart, unnahbar und perfektionistisch. Ihre schrullige Schwiegermutter hingegen möchte das Haus und vor allem Josi mit mehr Liebe füllen, während die pubertierenden Kinder ihr das Leben schwer machen und Ehemann David sie immer öfter wie eine Fremde anschaut. Völlig zurecht fragt sich Josi, wo eigentlich die Romantik in ihrer Ehe geblieben ist und greift zu ungewöhnlichen Mitteln …

Karriere oder Liebe? Keine Frage: Beides!
Ein wunderschöner Roman über den Spagat zwischen beruflicher Entfaltung und der Sehnsucht nach Romantik.


Leseprobe:

1. Josi sieht rosarot

 „Das darf doch nicht wahr sein!“, zischte Josi, die soeben ihren morgendlichen Rundgang durch ihr Hotel absolvieren wollte. Sie stand auf der Treppe, die vom ersten Stock in die Lobby führte und umklammerte das Treppengeländer so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervor traten. In Sekunden überblickte sie die kleine Empfangshalle und entdeckte unzählige bunte Farbtupfer auf dem sonst makellosen Interieur in weiß und braun. Farbtupfer, die dort keinesfalls hingehörten. Ostern war vor zehn Tagen gewesen. Einer dunklen Ahnung folgend, nahm sie die letzten Stufen und lief dann mit energischen Schritten im Zickzack durch den Raum. Tatsächlich: Überall lagen diese grässlichen Romanhefte herum. Glückliche Paare auf Hochglanzpapier grinsten sie an, wohin sie auch sah. „So eine Frechheit!“, schimpfte sie und raffte die ersten Groschenheftchen an sich. Das konnte nur Giselas Werk sein. Niemand sonst, außer ihrer schrulligen Schwiegermutter würde so etwas tun. Eilends sammelte sie immer mehr Hefte ein, darunter auch solche, auf deren Cover sich Paare in wollüstigen und geradezu lächerlichen Posen aneinander pressten. Wie peinlich! Das hatte sie nicht verdient! Nichts gegen Romantik, aber bitte alles zu seiner Zeit und mit Niveau.
Gisela, die in einem kleinen Häuschen hinter dem Familienhotel lebte, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Josi zu „erziehen“. Es interessierte sie dabei nicht, wenn das ehrwürdige „Anna Karolina“ durch solche geschmacklosen Aktionen in Verruf kam. Diese verrückte Alte mit ihrem Geschwafel von Liebe und ewigem Glück!
Während Josi weiter zwischen den hellen Sitzgruppen, mokkabraunen Tischen und kleinen Ablagen hin und her flitzte, eilte Frau Möwe die Treppe hinunter. Die goldumrandete Brille der Buchhalterin saß weit vorn auf der Nase und sie wedelte mit zwei Papierbögen.
„Frau Hollenstein, mir fehlt auf diesen beiden Rechnungen noch Ihre Unterschrift. So kann ich nicht…“ Beim Anblick ihrer wütenden Chefin hielt sie irritiert inne.
„Jetzt gucken Sie doch nicht so!“, fuhr Josi sie an und bedauerte im gleichen Moment ihre Heftigkeit. „Meine Schwiegermutter hat wieder einmal zugeschlagen“, versuchte sie zu erklären, nun bereits in etwas gedämpfterer Tonart.
Frau Möwe rührte sich nicht. Stattdessen wartete sie, bis Josi auf Armlänge heran war und streckte ihr erneut die Papiere entgegen. Dabei sah sie, worum es sich handelte. Einen Moment lang war sie sprachlos.
„Nun helfen Sie mir endlich, diese furchtbaren Schmachtfetzen einzusammeln. Muss ich denn alles allein machen! – Und legen Sie die Rechnungen bitte wieder zurück in meine Unterschriftenmappe. Was glauben Sie, warum die da noch drin waren? Ich hatte noch keine Zeit, sie zu prüfen.“
Frau Möwe stolperte los und sah sich suchend um. „Nein“, fauchte Josi hinter ihr, „da habe ich schon alles weggenommen. Aber sie hat sie wahrscheinlich auch zwischen die Polster und in die Schränke gelegt. Und bestimmt sind noch welche hinten im Teezimmer. Schauen Sie dort als Erstes nach. Ich mache hier weiter.“ Also hastete Frau Möwe durch die Empfangshalle und begab sich in den hinteren Teil des Hauses. Das Teezimmer verfügte über einen Wintergarten mit einem herrlichen Blick über die Elbwiesen und das gegenüberliegende Ufer mit seinen kleinen Weinbergen von Wachwitz und Niederpoyritz. Deshalb war dieses Zimmer bei den Gästen auch so beliebt. Sie lasen dort die Zeitung, ruhten sich nach einem anstrengenden Tag aus und genossen das herrliche Panorama des Elbtales mit seinen romantischen Villen und Schlössern. Das Hotel verfügte über insgesamt 27 Zimmer, die sich auf drei Etagen eines ehemaligen Sanatoriums verteilten. Im ersten Stock befanden sich außer dem Büro ein Salon für besondere Anlässe und die Wohnung der Familie Hollenstein. Das Restaurant mit Terrasse, besagtes Teezimmer und nicht zu vergessen die Küche, das Reich von Herrn Krohne, lagen im Erdgeschoss. Allerdings boten sie nur Frühstück und Abendessen an, da das Hotel für einen durchgängigen À-la-carte-Betrieb zu weit ab von allen Touristenströmen lag. Das wiederum schätzten Josis Gäste besonders an diesem Haus. Auf der Speisekarte fanden sich hauptsächlich einheimische Spezialitäten, wie Sauerbraten, Schnitzel oder Linsensuppe.
Die Gäste! Sie fuhr herum und lauschte in Richtung Restaurant. Was, wenn einige ihrer Frühaufsteher schon munter waren? Möglicherweise hatten sie die Hefte bereits gesehen und dachten sich nun ihren Teil. Josi stöhnte leise auf. Sie war stolz auf ihre stattliche Anzahl von Stammgästen. Welchen Eindruck musste dieses Chaos mit den billigen Liebesromanen auf sie machen? Mit einem Stoßgebet flehte sie nachträglich um Dämmerlicht und müde Augen, denn sie hörte tatsächlich leises Geschirrklappern von nebenan.
Schnell zog sie hinter der Rezeption einen leeren Karton aus einem Regal und warf die Romane hinein. Anschließend strich sie sich die langen Haare aus dem Gesicht und kontrollierte ihren Hosenanzug auf eventuelle Spuren der Säuberungsaktion. Sie legte prüfend die Handflächen an ihre Wangen und versuchte, ruhiger zu atmen. Schon besser. Als Frau Möwe aus dem Teezimmer zurückkehrte, hielt sie etwa zehn Heftchen in den Händen.
„Haben Sie auch hinter den Kissen auf dem kleinen Sofa nachgesehen?“ Wieder ein verständnisloser Blick, bevor sie den Kopf schüttelte.
„Na, machen Sie schon. Sie kennen doch meine Schwiegermutter.“
Mit einem unwilligen Prusten drehte die Gute sich noch einmal um. Im selben Moment kam Isabel die Treppe hinuntergesaust. Besser gesagt, gesprungen. Josi blickte ihrer Tochter mahnend entgegen. „Nicht so laut!“
Isabel zuckte mit den Schultern. „Das solltest du deinen Gästen mal sagen. Letzte Nacht musste der Herr über mir aus der 18 unbedingt noch duschen. Um halb eins! Da fragt ja auch keiner, ob das stört.“ Die 13-Jährige zog einen Flunsch. Josi überhörte die Rechtfertigung und versuchte stattdessen, durch energisches Zupfen den Ausschnitt ihres Pullovers zu verkleinern. Isabel wich aus.
„Lass das! Soll ich wie ein Kind aussehen?“  
Ja, bitte!, dachte Josi verzweifelt. Sei noch eine Weile Kind. Doch den Gefallen würde sie ihr nicht tun. Wo waren die Zeiten, als dieses kleine Menschlein für jede Geste und jedes Wort dankbar war? Versöhnlich strich Josi über das kastanienbraune Haar ihrer Tochter und sog unauffällig dessen Geruch ein, was ebenfalls mit einem missmutigen Blick quittiert wurde.
„Was liegt heute an?“, fragte sie betont locker.
„Nichts Besonderes.“
„Gehst du nach der Schule zum Nachhilfeunterricht?“
„Nein, heute ist Dienstag. Handball.“
„Ich weiß, was heute für ein Tag ist. Hatten wir nicht abgemacht, dass du einen Trainingstag pro Woche für die Nachhilfe eintauschst?“
„Eine Abmachung? Du meinst wohl deinen Befehl. Der gilt aber nicht, wenn ich samstags ein Punktspiel habe.“
Mit den letzten Worten hatte Isabel bereits die große Eingangstür erreicht und die blitzsauberen Glasscheiben glitten lautlos auseinander. „Hast du gefrühstückt?“, rief Josi ihr nach.
Ein blasser Handrücken winkte ihr zu, dann war sie aus ihrem Blickfeld entschwunden. Josi hasste es, wenn ihre Tochter ohne anständiges Frühstück das Haus verließ, aber ihre jungenhafte Gestalt ließ befürchten, dass das nicht die einzige Mahlzeit war, die Isabel hin und wieder ausfallen ließ. Sie war ein sportliches und sehr ehrgeiziges Mädchen, spielte Handball und verbrachte ihre Wochenenden gern bei ihrer Freundin Marie, auf dem elterlichen Pferdehof auf der anderen Elbseite. Dorthin war es mit der Elbfähre nur ein Katzensprung. Die Strecke zu ihrem Gymnasium legte sie täglich mit dem Rad zurück, bei Sonnenschein wie bei Regen. Obwohl sie auch die Straßenbahn nehmen könnte, deren Haltestelle keine zwei Minuten vom Hotel entfernt war. Nun ja, zumindest nach Regen sah es heute nicht aus.
Frau Möwe kehrte zurück und hielt mit spitzen Fingern zwei weitere Groschenromane hoch.
„Wohin damit?“, fragte sie und Josi wies mit dem Kopf hinunter zu der Kiste.
„Danke, Frau Möwe.“ Ihre Buchhalterin nickte knapp und wandte sich zur Treppe.
„Ich komme in fünf Minuten zu Ihnen und dann schaue ich mir gleich die Rechnungen an. Versprochen.“ Es sollte ein Friedensangebot sein, damit sie nach dieser Aufregung möglichst schnell zum Tagesgeschäft zurückkehren konnten. Andererseits – wann hatten sie das letzte Mal keine Aufregung im normalen Tagesgeschäft gehabt? Irgendetwas passierte doch immer. Seit Gisela diese Spielchen spielte, wussten sie nie, wann und wo die nächste Überraschung auf sie wartete.
Frau Möwe blieb auf dem Absatz stehen und fragte über die Schulter:
„Sie meinen die Rechnungen, die bereits einmal durch Herrn Krohne und einmal durch mich kontrolliert wurden?“ Josi wusste genau, was ihre Angestellten ihr insgeheim vorwarfen. Aber in dem Punkt konnte sie einfach nicht aus ihrer Haut.
„Richtig, meine Liebe. Sie wissen ja, wie mein Motto lautet: sechs Augen sehen mehr als vier.“

Die Buchhalterin nickte und Josi registrierte zufrieden, wie sie weitere Bemerkungen tapfer hinunterschluckte. Gut so. In ihrem Hotel duldete sie keinerlei Schlampigkeiten. Das wäre ja noch schöner. Und wenn die Lieferanten eben mal zwei Tage länger auf ihr Geld warten müssten, egal. Im Geschäftsleben hatte nur der Erfolg, der die Ellenbogen ausfuhr und sich nicht unterkriegen ließ.
Entschlossen griff sie nach der Kiste und trug sie hinaus, um sie ihrer Schwiegermutter vor die Tür zu stellen. Die Frühlingsluft trug den Geruch der gerade erblühenden Elbwiesen zu ihrem Anwesen hinauf. So früh am Morgen war es noch frisch, aber mit etwas Glück würde bis zum Mittag die Sonne herauskommen und die helle Sandsteinmauer an der Einfahrt etwas erwärmen. Dann versammelten sich in den Hecken davor die Singvögel und unterhielten den gesamten Vorgarten mit ihrem Gezwitscher. Josi bog auf den gepflasterten Weg ab, ging vorbei an zwei uralten Rhododendren und erreichte die Wiese, die im Sommer gern von den Gästen genutzt wurde. Der Weg führte immer weiter nach hinten, ans Ende des rechteckigen Grundstückes. Dort hatten sie 1997 ein Häuschen ganz nach Giselas Wünschen und Vorstellungen errichtet. Es verfügte nur über drei Zimmer, eine Küche und ein Bad. Dazu eine kleine Terrasse, die Gisela gleich von ihrer Küche aus betreten konnte und die nun in Josis Blickfeld kam. Ursprünglich wollte die alte Dame nicht umziehen, lebte sie doch sehr zufrieden in einer hübschen Wohnung in Dresden-Klotzsche. Aber David, ihr Sohn und Josis Ehemann, konnte sie überreden, da sie im eigenen Häuschen ja ihre Unabhängigkeit bewahrte. Josi überlegte, ob Gisela damals schon so kompliziert gewesen war und bejahte die Frage seufzend. Ihre Schwiegermutter, inzwischen 70 Jahre alt, mochte schon immer schmalzige Liebesgeschichten und
traktierte ihre gesamte Umgebung mit ihrer Philosophie. Dabei nahm sie weder Rücksicht auf die Gäste des Hotels, noch auf die Mandanten aus Davids Kanzlei. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, erhielt umgehend eine Lehrstunde in erfolgreichem Beziehungsmanagement, oder dem, was sie darunter verstand.
Josi blieb abrupt stehen. Warum schleppte sie eigentlich diese Schnulzen durch die Gegend? Wenn Gisela nicht besser auf ihr Eigentum achtete, musste sie eben auch mal mit einem Verlust rechnen. Sie sandte noch einen wütenden Blick in Richtung Küchenfenster, hinter dem sich die Gardine vor Sekunden deutlich bewegt hatte, und machte auf dem Absatz kehrt. Über die kiesbedeckte Einfahrt verließ sie das Grundstück und hielt zügig auf die Papiercontainer zu, die am Ende der Straße standen. Unterwegs fiel ihr Blick auf das Paar, das ganz oben auf dem Stapel der Peinlichkeiten glänzte. Er, groß, dunkelhaarig, gut gebaut, was sonst – sie daneben, eine Elfe in blond mit Zahnpastalächeln. Vorsichtig blickte Josi nach links und rechts und schlug die erste Seite auf. Sie las ein paar Zeilen und schielte unterwegs immer wieder auf ihre Füße. „Natürlich dachte sie an ihn. Es gab seit drei Jahren keine Minute, in der sie nicht an ihren Mann denken musste. Vor genau drei Jahren, vier Monaten, zwei Wochen und zwei Tagen war Michael Gieland bei einem Busunfall in Italien ums Leben gekommen. Er hatte seine Abschlussklasse des Kieler Thor-Heyerdaal-Gymnasiums auf einer Ferienfahrt begleitet. Außer ihm waren noch zwei Schüler getötet worden und Maja konnte bis heute die Bilder der bewegenden Trauerfeier in der Aula nicht vergessen…“ Logisch, am Anfang musste immer einer sterben, damit es eine trauernde Witwe gab. Oder wahlweise einen einsamen Mann, der seine große Liebe an seinen besten Freund verloren hatte.
Josi seufzte und schlug das Heft wieder zu. Aus gutem Grund endeten die Geschichten immer dann, wenn der Held seine Prinzessin bekam. Würde jemand 20 Jahre später noch mal nach dem Paar schauen, dann käme heraus, dass der Lack ab war, das Herzklopfen sich auf ein schwaches Morsezeichen reduziert hatte, und dass der schöne Held auch nur ein normaler Mann war, der nicht dauernd mit einer Rose zwischen den Lippen heimkehrte. Josi griff unwillkürlich nach dem Anhänger an ihrer goldenen Kette. Eine Fantasieblume, schlicht und ohne Stein. Zärtlich streichelte sie über das kühle Metall. David hatte ihr diesen Anhänger vor unendlich langer Zeit geschenkt. Genauer gesagt, an dem Tag, als sie seinen Heiratsantrag angenommen hatte. Da brachte er statt eines Ringes diese Blume in einem Kästchen zu ihr. ’Ich bin nicht der Typ, der ständig an Blumen denkt. Aber ich denke immer an dich und daran soll dich dieser Anhänger erinnern.’ Josi spürte einen dicken Kloß im Hals. Sie kämpfte ihn hinunter und beschleunigte ihre Schritte in Richtung Container. Was für eine segensreiche Erfindung. Danke! Mit Schwung beförderte sie den ordinären Inhalt ihrer Kiste in das Maul des Behälters und schnalzte zufrieden mit der Zunge. Fast hätte sie einen winzigen Jauchzer nicht aufhalten können, aber sie bemerkte aus den Augenwinkeln ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das keine drei Meter von ihr entfernt lief. 
Sie erreichte gerade die Auffahrt zum Hotel, als David ihr entgegen kam. Fragend sah er sie an. „Alles in Ordnung?“
„Ja. – Ja, ganz wunderbar.“ Sie reckte sich, um einen Kuss zu bekommen, doch der landete auf ihrer Stirn. David roch wie immer gut nach After Shave und einem sauberen Hemd. Seine stahlgrauen Augen musterten sie ein paar Sekunden lang wie eine Sünderin, deren Verfehlung nur noch nicht entdeckt worden war. Dann nahm er seinen Regenschirm in die andere Hand, zog Josi noch einmal kurz an sich, wie er es jeden Morgen und jeden Abend tat, und murmelte ihr hinters Ohr: „Herr Seipert steht schon eine Weile an der Rezeption und möchte auschecken.“ Enttäuscht nickte Josi. Frau Gruber, ihre Empfangschefin, fing in dieser Woche erst mit der Mittagsschicht an. Die leise Hoffnung, er würde ihr etwas Zärtliches oder gar Freches zuflüstern, zerplatzte wie eine Seifenblase. „Ich geh schon. – Machs gut, bis heute Abend.“ Auch David hob die Hand, während er ihr bereits den Rücken zuwandte. Sieht mich denn keiner mehr an, dachte Josi bitter. Nicht mal zum Abschied? 


Die Autorin
Emilia Licht, Jahrgang 1968, wuchs in einer brandenburgischen Kleinstadt auf. Ihre ersten Geschichten schrieb sie auf der Reiseschreibmaschine ihres Vaters. Seit über zwanzig Jahren arbeitet sie im Vertrieb, in unterschiedlichsten Branchen und Positionen. Durch ihre vielen Reisen lernte sie etliche nationale und internationale Hotels kennen, und ist immer wieder von den Geschichten rund um die Gäste und das Personal fasziniert. Eine solche Geschichte erzählt sie in diesem Buch, das 2011 in der Originalausgabe im Gmeiner Verlag unter dem Titel „Hotel Blaues Wunder“ erschien. Auf diesem Roman basiert die überarbeitete Ausgabe „Liebe auf leisen Sohlen“.

Emilia Licht, Liebe auf leisen Sohlen

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23. November 2012

Sylvia Wolff, Die Stadtwölfin

Rezension

Das möchte ich bitte auch haben
dachte ich sogleich, als ich miterlebte, wie Eva von dem glutäugigen Werwolf in Menschengestalt verwandelt wurde. In einen Welpen. Und schon war sie ein tolles Weib geworden! Tja, welche Frau würde das nicht gern werden? Allerdings muss Eva noch so einige Hürden nehmen, um sich auch in Wolfsgestalt, in die sie beliebig schlüpfen kann, wohlzufühlen. Sie ist eben noch ein Welpe. Ich mag sehr, wie die Autorin neben dem Lesevergnügen auch tiefere Schichten anspricht. Da gibt es z.B. Geschöpfe (Tiere und Menschen), die im Gegensatz zum Alphawesen „Omega“ sind. Klug, besonnen, nicht aufbrausend, beschützend und hilfreich. Auch sowas hätte ich gern an meiner Seite. Nun gut, da ich nicht in einem Fantasyroman lebe, wird mir das wohl nicht gelingen.

Frauenpower
Zwischen all den amüsanten Begebenheiten entdeckt die findige Leserin eine klare Botschaft an die Weiblichkeit: Mädels! Ihr seid stark, ihr seid mutig, ihr seid toll! Glaubt einfach dran. Denn das macht aus jedem grauen Mäuschen eine schöne, strahlende Persönlichkeit. Lasst euch nicht unterbuttern, liebt nur ein Mannsbild, das es auch verdient, weil es sich nicht erhebt über das Weib, sondern als gleichgestelltes Gegenüber achtet. Und das ist für mich die Quintessenz des Romans.     

Technisches
Das Buch ist solide geschrieben, die Autorin versteht was vom Geschäft des Schreibens. Nicht so gelungen ist (auf meinem KOBO-reader) die Formatierung, oft brechen die Zeilen falsch um. Ebenso würde ich der Autorin empfehlen, nochmals einen Blick ins Manuskript zu machen, da gibt es etliche Flüchtigkeiten, die das Lesevergnügen immer wieder mal behindern.

Insgesamt jedoch auf jeden Fall
ein erfreuliches Buch mit Schmackes! Macht Lust auf mehr. Empfehlung!

Elsa Rieger







Die Autorin

Sylvia Görnert-Stuckmann / Sylvie Wolff
geboren1959, verheiratet, 1 Tochter
Ausbildung zur Bankkauffrau in Bonn, anschließend Studium der Sozialpädagogik an der Kath. Fachhochschule in Köln;
Seit 1994 Krankenhaus-Sozialdienst im Schwarzwald
1996  - 2011Unterricht an der Krankenpflegeschule in den Fächern Psychologie,           Soziologie, Pädagogik, Gesprächsführung, Rehabilitation






Bisher veröffentlicht:

Sachbücher unter Sylvia Görnert-Stuckmann:
Elternratgeber Frühförderung: „Mit Kindern Geschichten erfinden
Ernst-Reinhardt-Verlag, München, März 2003
Senioren-Ratgeber: „Wenn man im Alter Hilfe braucht
HERDER-Verlag/Reihe spektrum, Freiburg, März 2004
Grundschularbeitsmappe: „Aus die Laus!“
AUER-Schulbuchverlag, Donauwörth, November 2004
Wegweiser Altenwohnen: „Umzug in die dritte Lebensphase
HERDER-Verlag/Reihe spektrum, Freiburg, Oktober 2005
Seniorenratgeber: „Oma ist die Beste – Warum Großeltern wichtig sind
HERDER-Verlag/Reihe spektrum, Freiburg, November 2007
Seniorenratgeber: „Hilfe im Alter
BC Publishing, München 2010
Seniorenratgeber: „Wohnen im Alter
BC Publications 2010

Jugendbücher unter Sylvia Stuckmann:
Kaja in der Außenwelt“ - Jugendroman ab 13
Fischer-Verlag/Reihe Schatzinsel, Frankfurt 2007
Pestmarie“  Historischer Jugendroman ab 12
Fischer-Verlag/Reihe Schatzinsel, Frankfurt 2011

Neue Fantasy-Reihe für verschiedene Altersstufen unter Sylvie Wolff:
Die Stadtwölfin“ – Werwolfkomödie für junge Erwachsene und Erwachsene
Amazon E-Book und TB (2012)
In Vorbereitung:
Wolfswasser“ – RomanAmazon E-Book und TB (vorauss. Oktober 2012)



Sylvia Wolff, Die Stadtwölfin


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