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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

28. November 2012

Anna Radovani, Der Walnussbaum

Die Geschichte spielt im ehemaligen Jugoslawien und beginnt Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre. Die Heldin des Romans, das Mädchen Nella, lebt mit den Eltern bei ihrer Großmutter in Zagreb. Die Eltern sind Medizinstudenten und politisch stark engagiert. Dieses Engagement bringt sie jedoch ins Gefängnis. Für Nella ist das der erste Schock ihres Lebens. Sie fürchtet sich vor dem System, in dem sie leben muss, und kapselt sich von der Außenwelt ab. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis können Nellas Eltern keine Anstellung finden und emigrieren nach Deutschland. Nella bleibt bei ihrer Großmutter.

In ihrem Großvater, der lange vor ihrer Geburt gestorben ist, sieht sie etwas Besonderes. Er ist in ihren Augen so, wie sie sich ihren Vater immer gewünscht hat. Dieser hatte, genau wie die Mutter, wegen der politischen Aktivitäten nie Zeit für sie. Als 15-Jährige muss sie erfahren, dass ihr Großvater als Regimegegner in den 50-er Jahren im Gefangenenlager auf der Kahlen Insel gewesen ist und dort an den Folgen grausamer Misshandlungen seitens eines Lagerkommissars  gestorben ist. Nella ist entsetzt, empfindet nur noch Hass für das Land, in dem sie lebt, und möchte am liebsten zu ihren Eltern ziehen. Sie bleibt schließlich – aus Liebe zu ihrer Großmutter.

An ihrem 17. Geburtstag lernt Nella den angehenden Kunststudenten Nik kennen. Für beide beginnt eine große, romantische Liebe. Nik ist für Nella der erste Mensch außerhalb der Familie, zu dem sie Vertrauen hat, und der sie den verhassten Kommunismus vergessen lässt. Doch von Anfang an spürt sie, dass es in Niks Leben etwas gibt, was ihn quält, worüber er aber nicht sprechen will. Die Liebe ist groß, und Nella fragt nicht viel.

Eines Tages erzählt sie ihm von der Haft des Großvaters und von seinem Tod. Nik ist am Boden zerstört, denn er begreift, dass sein eigener Vater eben jener Lagerkommissar war, der Nellas Großvater auf dem Gewissen hat. Diese Erkenntnis führt zur Trennung der beiden. Nella flieht zu ihren Eltern nach Deutschland.

Die Zeit vergeht. Es kommen die Jahre 1989, 1990. Der Eiserne Vorhang fällt. Auch in Jugoslawien beginnt sich die politische Lage zu ändern. Erste demokratische Parteien werden gegründet, es kommt aber auch zu ersten Unruhen. Nella beginnt sich zögernd für die Vorgänge in Jugoslawien zu interessieren. Im Herbst 1990 fährt sie zum ersten Mal nach acht Jahren wieder nach Zagreb und begegnet auch Nik, den sie nie aufgehört hat zu lieben.


Leseprobe:

Sinisa möchte, dass ich wieder unter Menschen gehe. Er meint, ich solle meine Eltern besuchen oder endlich mit den Vorbereitungen für Niks Ausstellung beginnen. Irgendetwas tun, nur um auf andere Gedanken zu kommen, um den ersten Schritt in die Zukunft zu setzen.
Der liebe Sinisa, ich weiß, dass er es gut meint, und ich weiß, dass er recht hat. Aber ich habe Angst vor der Zukunft. Ich habe auch Angst vor der Gegenwart. Also kapsle ich mich ab, lasse nichts und niemanden an mich und meine Gedanken heran. Seit jener Dezembernacht lebe ich wie in einem Vakuum. Ich will nicht wissen, was um mich herum geschieht. Ich will nicht wissen, wie viele Menschen heute getötet wurden, wie viele neue Flüchtlinge es in der Stadt gibt. Ich will nicht wissen, der wievielte Waffenstillstand von den Vermittlern der so genannten zivilisierten Welt in Genf geschlossen wird oder wie viele UNO-Soldaten noch in diesem Land stationiert werden oder werden müssten. Ich will nicht wissen, ob sich meine Eltern im weit entfernten Köln um mich sorgen. All das ist für mich unwichtig geworden. Mag sein, dass das erschreckend und verwerflich ist. Mag sein. Aber ich kann nicht anders.
Ich flüchte in meine Erinnerungen, die schönen und die traurigen. Beide tun mir weh, und doch sehne ich sie herbei. Ich analysiere sie nicht. Ich versuche keine Erklärungen für alles, was zurückliegt, zu finden. Wozu auch? Egal was für Antworten ich bekäme, sie würden nichts ändern, nichts erleichtern.
Ich möchte die Erinnerungen einfach ständig um mich wissen, denn so sind mir die Menschen, die ich liebe, nahe.
Ich gehe durchs Haus, und jeder Schritt, jeder Gegenstand, den meine Augen berühren, ruft vergangene Zeiten herbei. Großmutters Stimme, ihre Geschichten über Großvater und immer wieder Nik, Nik, Nik. Seine Zärtlichkeiten, seine Stimme, sein Lachen... Ich hocke auf dem Fußboden vor seinen Bildern und sehe, wie er sie malte, höre, was er dabei redete, lausche der Musik, die uns in diesen wundervollen Stunden umhüllte.
Manchmal, ja, ich weiß wie dumm das von mir ist, aber dennoch stelle ich mir manchmal sogar vor, es hätte diesen Krieg nie gegeben, genauso wie das Jahr 1971 nicht oder die Kahle Insel nicht. Irgendetwas holt mich aber immer in die Realität zurück, und ich muss vor ihr kapitulieren.
Aber wenn ich aus dem Fenster in den Garten schaue, sehe ich meinen Walnussbaum dort stehen. Wenigstens er ist da, wirklich und immer noch da.
Er war noch nie so schön wie in diesem Frühling. Als hätte er alles von sich gegeben, um mich mit seinem Anblick zu erfreuen, um meinen Schmerz ein wenig zu lindern. Das ist seine Art, mit mir zu reden, mir und der Welt zu zeigen, dass er keine Angst vor dem Morgen hat. Es ist seine Aufforderung an mich, nach vorne zu schauen.






Die Autorin

Anna Radovani ist das Pseudonym für eine Kunsthistorikerin, die seit vielen Jahren Zeitschriften und Bücher im Bereich Gesundheit produziert. „Der Walnussbaum“ ist ihr erster Roman, der bereits vor vielen Jahren in einem Kleinverlag veröffentlicht wurde – und dort verstaubte. Ein paar Jahre später bot die Autorin den Roman zusammen mit der Fortsetzung einigen renommierten Verlagen an. Keiner wollte sich an eine damals so aktuelle Geschichte, den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, heranwagen. „Würde der Roman im 19. Jahrhundert spielen, würden wir ihn durchaus veröffentlichen“, schrieb ein Verlag. Nun gibt es die Geschichte von Nella und Nik und dem Walnussbaum als E-Book – und vielleicht auch bald die Fortsetzung.    


Anna Radovani, Der Walnussbaum


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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Gibt es das - eine Tastatur für die Noten der Gefühle - wenn ja, wird sie hier sehr fein gespielt.
Der Walnussbaum ist ein wahrer Transformer.
Als Leser sitze ich daneben und schaue zu, wie sie sich ihm offenbart und er ersatzweise - für die äußere Welt - ihr Innerstes streichelt.
Armes, starkes Mädchen - ich fühle mit dir.
Danke Elsa, für diese Vorstellung.

schreibtalk hat gesagt…

Lieber James, danke für deine Betrachtung! Ich bin auch schon sehr gespannt auf das Buch!

Herzlich, Elsa