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8. November 2012

Brigitte Teufl-Heimhilcher, Paragrafen und Grafen




Seit ihrer Scheidung lebt die Anwältin Irene nur noch für ihre Kanzlei. Während eines Urlaubes in einem Golf-Hotel, zu dem ihre Freundin Sandra sie überredet hat, lernt sie den Chef des Hauses kennen und verliebt sich in den gutaussehenden Theo, den alle nur den Grafen nennen. Der ist von Irene ebenfalls sehr angetan, doch auf die beiden warten noch eine Menge Überraschungen, denn Theo hat nicht nur ein beachtliches Vermögen geerbt, er muss sich auch um seine, um vieles jüngeren, Stiefgeschwister kümmern. Als alle schon an ein Happyend glauben, taucht Theos Exfrau Katrin auf, wild entschlossen Theo wieder für sich zu gewinnen – und dann sind da auch noch Irenes bester Freund Markus und ihr Ex-Mann Jochen.


Leseprobe:

1. Endlich Urlaub

Als Irene frühmorgens los fuhr, war prachtvolles Frühlingswetter. Sie freute sich auf Bewegung und frische Luft und merkte erst jetzt, wie sehr ihr das gefehlt hatte.  Dabei hatte sie noch gestern das Gefühl gehabt, dieser Urlaub käme zur Unzeit – aber das hatte sie schließlich immer.
Zwei Stunden später traf sie auf dem Stadler-Gut ein.
Der ehemaligen Gutshof leuchtete in kaisergelb, die Holzbalustraden waren mit Blumenkästen geschmückt, aus denen bunte Frühlingsblumen lachten und der mächtige Kastanienbaum im Innenhof stand in voller Blüte.
In ihren Teenagertagen war sie mit ihrer Freundin Sandra und deren Eltern hier gewesen und vor einigen Jahren hatten sie das Hotel gemeinsam mit ihrem Exmann wieder entdeckt. Eigentlich hatte sie vorgehabt nie wieder zu kommen. Aber Sandra hatte ja recht, das Hotel und der Golfplatz waren wunderschön, warum sollte sie nicht hier Urlaub machen.
Das Mädchen an der Rezeption teilte ihr mit, dass das Zimmer fertig sei, und sie war froh, bis zur Ankunft ihrer Freunde nicht untätig herumsitzen zu müssen.
Die kleine Suite war hübsch eingerichtet und hatte eine Terrasse Richtung Golfplatz. Irene konnte es plötzlich kaum erwarten, hier zu sitzen und zu träumen. Stattdessen räumte sie ihre Kleidung in den Kasten und ertappte sich dabei, bei jedem Polo-Shirt zu fragen, ob sie dieses bei ihrem Urlaub mit Jochen auch schon gehabt hätte.
Um sich abzulenken beschloss sie, die Zeit bis zu Sandras Ankunft im Pro-Shop zu verbringen, doch als sie sich auf den Weg machen wollte, fuhr Günther seinen flotten Sportwagen schnittig in den Innenhof. Zu schnittig, wie sie dachte. Sie nahmen einen leichten Imbiss, stießen mit einem Glas Prosecco auf ihre Urlaubstage an und begaben sich auf die erste Runde.
Am Abend saßen sie in der gemütlichen Gaststube, aßen mit gutem Appetit, tranken ein Glas Wein und beim Zubettgehen stellte Irene erstaunt fest, dass sie seit Sandras Ankunft zu beschäftigt gewesen war um an Jochen zu denken. Dankbar schlief sie ein.
Auch der nächste Morgen begrüßte sie mit Sonnenschein. Sie genossen das ausgiebige Frühstück, eine neue Golfrunde und danach ein paar ruhevolle Stunden.
Nach dem Essen kam Frau Martens, die Geschäftsführerin, an ihren Tisch, plauderte über dies und das und fragte nach Irenes Mann. Mit knappen Worten berichtete Irene, dass sie seit zwei Jahren geschieden war. 
„Sie auch“, fragte Frau Martens, schnappte sich einen Stuhl, bestellte ein Glas Wein und wollte genaueres wissen.
Davor hatte sich Irene gefürchtet. Wenn die Trennung auch schon bald zwei Jahre zurück lag, mied sie dieses Thema immer noch wie der Teufel das Weihwasser. Dennoch antwortete sie sachlich und, wie sie zu ihrer Überraschung bald feststellte, erstmals ohne jenen bohrenden Schmerz, der seit Jochens Abgang ihr ständiger Begleiter gewesen war. Bewegung in frische Luft ist eben auch gut für die Seele – der spritzige Wein aus der Südsteiermark mochte ein Übriges getan haben, dachte Irene beim Zubettgehen.
Während sie die Zähne putzte, ließ sie den Abend noch einmal Revue passieren. Frau Martens hatte eine Runde vom heimischen Apfelschnaps spendiert und dabei erzählte, dass auch Graf Nestelbach, der Besitzer des Gutes, in der Zwischenzeit geschieden war.
Seine lebenslustige Frau war mit dem Buchhalter durchgebrannt und dieser hatte, wohl um seiner neuen Gefährtin den geeigneten Rahmen zu bieten, ein paar Sparbücher mitgenommen. Strafrechtlich hatte man die Sache nicht verfolgt, denn die Ex-Ehefrau hatte in letzter Minute auf alle Ansprüche verzichtet. Na dann, dachte Irene, muss es doch Liebe gewesen sein.
Dieser Graf musste aber auch ein komischer Kauz sein, so eine Mischung aus altmodischem Familienoberhaupt und trockenem Geschäftsmann.

Da es Sonntagmorgen regnete machten sie nach dem Frühstück einen Spaziergang zum Wehr und sahen zu, wie die Wassermassen der Mur donnernd in die Tiefe stürzten. Dann folgten sie einem asphaltierten Weg und landeten gegen Mittag beim Jaga-Wirt. Nach einer herzhaften Jause hatte es zu regnen aufgehört, so dass sie den Heimweg schon wieder bei Sonnenschein zurücklegen konnten. Als sie es sich danach auf der Couch bequem machte dachte sie: Ich habe Sandra schon lange nicht so gelöst und glücklich erlebt, hoffentlich wird sie eines Tages nicht so enttäuscht wie ich. Irgendwie wirkt Günther auf fast zu perfekt.
Beim Abendessen brachte sie das Gespräch auf die Kindheit, auch Günther erzählte: Seinen Vater habe er kaum gekannt und seine Mutter hatte ihn die längste Zeit bei den Großeltern geparkt. Der Großvater sei längst verstorben, die Großmutter hätte er in einem hübschen Seniorenheim untergebracht und mit der Mutter stünde er ständig vor Gericht, einer Immobiliensache wegen. Als Anwältin hätte Irene gerne mehr gewusst, aber die Stimmung war so heiter und unbeschwert, dass sie das Thema nicht weiter verfolgte. Ihr Misstrauen gegen ihn hatte sich in den letzten Tagen gelegt und nach seinen heutigen Erzählungen dachte sie, es sei vielleicht kein Wunder, dass er immer etwas kühl und distanziert wirkte.

„Schade, dass du wieder fahren musst“, meinte Sandra am Montagmorgen und küsste Günther ausführlich. Dann begab sie sich mit Irene auf die Runde. Sie fühlte eine gewisse Wehmut und meinte bald: „Irgendwie scheint mir der Himmel heute weniger blau, die Narzissen weniger gelb und die Apfelblüten weniger üppig.“
„So ist das eben, wenn man verliebt ist“, antwortete Irene.
„Daran kannst du dich noch erinnern?“
„Flüchtig.“
Auch Irene schien nicht so recht bei der Sache und hatte vermutlich deshalb das Mauseloch am übersehen. Sie stolperte so ungeschickt, dass sie einen lauten Schmerzensschrei ausstieß, und in einer kurzen Ohnmacht zusammensank.
Zwar war sie nach wenigen Sekunden wieder bei Bewusstsein, doch sie schien Sandra recht blass und der Versuch ihr auf die Beine zu helfen scheiterte, weil sie den linken Fuß nicht belasten konnte, ohne vor Schmerzen aufzuschreien.
„Es hilft nichts, wir müssen warten, bis jemand vorbei kommt“, sagte Irene und blieb im Gras sitzen. Es dauerte nur wenige Minuten bis ein Arbeiter mit einem Traktor vorbei kam. Er besah sich Irenes Knöchel, kratzte sich den Kopf und versprach den Chef zu holen.
Der nächste vorbeikommende Flight bot ebenfalls seine Hilfe an und einer der Herrn konnte Irene immerhin soweit stützen, dass sie zur nächstgelegenen Bank hüpfen konnte.

Kaum saß Irene auf der Bank, kam ein Mann angefahren, vielleicht Anfang vierzig, groß und stattlich. Er machte nicht viele Worte, öffnete ihren Schuh, zog ihr den Socken aus und besah sich den ziemlich geschwollenen Fuß. Dann  machte er damit eine kurze Bewegung, die Irene aufschreien ließ.
„Eine Zerrung, nichts weiter. Ich bringe sie jetzt auf ihr Zimmer und hole eine Salbe.“
„Und das können Sie beurteilen?“, fragte Irene skeptisch.
„Allerdings.“
„Stolpern bei euch laufend Golfer?“
„Das nicht, aber ich bin Arzt.“
„Oh pardon, ich dachte Greenkeeper.“
„Das auch.“
Er hob sie hoch, setzte sie ins Car und fuhr davon. Als er wenig später wieder kam und ihr die Salbe auf den geschwollenen Knöchel massierte kam Sandra im Eilschritt angetrabt: „Sollten wir nicht doch besser einen Arzt aufsuchen?“
„Das ist nicht notwendig“, antwortete er und schien keinen Einwand zu erwarten. Er empfahl Irene ein wenig zu ruhen und ging. Kaum war er wag sagte Sandra: „Das ist ja schön und gut, aber wir rufen jetzt einen Arzt.“
„Er ist doch Arzt.“
„Angeblich. Welche Fachrichtung?“
„Keine Ahnung, ich habe dir bereits alles gesagt, was ich weiß. Er ist Arzt und Greenkeeper.“
„Und impertinent“, ergänzte Sandra.
„Aber irgendwie – ganz angenehm.“
„Du hast bei Männern immer schon einen seltsamen Geschmack gehabt“, seufzte Sandra und Irene antwortete augenzwinkernd: „Deshalb verstehen wir uns ja so gut, weil wir uns nie in die Quere kommen.“
Sie alberten noch ein wenig herum, dann ging Sandra und Irene versucht ein wenig zu lesen, döste jedoch ein. Sie erwachte, weil es an der Tür geklopft hatte und sagte schlaftrunken: „Herein!“
In der Tür stand ihr Helfer. „Wie geht es Ihnen?“
„Danke, solange ich mich nicht bewege, ganz gut!“
„Beim Aufstehen werden sie Schmerzen haben. Ich lasse Ihnen ein Golf-Car da, damit sie zum Abendessen ins Clubhaus fahren können. Schönen Abend.“
Er legte den Schlüssel auf die Kommode und verschwand.
„Komischer Kauz“, murmelte Irene.
Das Abendessen ließen sie sich trotzdem schmecken. Als sie anschließend bei einem Glas Wein saßen erschien ihr Helfer. Auch er hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen und trug nun eine hellgraue Stoffhose und ein mittelblaues Hemd, dazu einen roten Pullover lässig über die Schultern geworfen. Er war groß und stämmig, sein dunkelbrünettes Haar begann an den Schläfen schon grau zu werden, am Hinterkopf lichtete es sich bereits etwas. Trotzdem dachte Irene, dass der Mann eigentlich ganz gut aussah, in Jeans und Polo-Shirt, war ihr das gar nicht aufgefallen. Zu ihrem Erstaunen kam er geradewegs auf sie zu.
„Ich habe Ihnen noch eine Schmerztablette mitgebracht, für den Fall, dass es nachts schlimmer werden sollte. Aber bitte, nehmen sie sie nur, wenn die Schmerzen wirklich schlimm sind. Haben sie sich schon eine Salbe besorgt?“
„Selbstverständlich!“, antwortete Sandra.
„Gut so“, war alles was er dazu sagte. Dann nickte er ihnen zu und ging.

Irenes Nachtruhe blieb weitgehend ungestört, wenn man von etwas wirren Träumen absah, aber als sie aufstehen wollte konnte sie den Fuß überhaupt nicht mehr belasten. Schon vermutete sie, die Diagnose ihres edlen Ritters könnte falsch gewesen sein, doch nach einigem Hin- und Herhüpfen wurde es wieder besser.
Beim Frühstück sagte Sandra: „Heute machen wir uns einen ganz faulen Tag, das haben wir uns schließlich verdient, und am Nachmittag haben wir ohnehin Kosmetiktermine.“
„Ich fürchte, ich werde noch mehr faule Tage haben.“
„Auch gut. Ich spiel’ das blöde Spiel sowieso nur euretwegen.“
Am Vormittag war es trüb, doch ihren Mittagsimbiss konnten sie wieder auf der Terrasse einnehmen, von der aus man einen schönen Blick auf den Golfplatz und die umliegenden Hügeln hatte.
Der Salat mit Scampi und gebratenen Frühlingspilzen wurde von der Chefin persönlich serviert, die sich auch eingehend nach Irenes Befinden erkundigte.
„Danke, geht schon wieder. Ich habe immer noch das Golf-Car, das man mir gestern netter Weise zur Verfügung gestellt hat. Aber ich kann das kleine Stück bis zum Zimmer auch schon wieder gehen. Ich lasse ihnen gleich den Schlüssel da.“
„Ach, das hat Zeit“, meinte Frau Martens. „Der Graf ist ohnehin in Wien.“
„Der Graf? Meinen Sie, dieser medizinische Gärtner, der mir gestern zu Hilfe kam hat, das war Graf Nestelbach?“
„Ich dachte, Sie kennen ihn.“
„Da hätten wir aber auch gleich drauf kommen können“, rief Sandra: „Genau, wie sie ihn uns kürzlich beschrieben haben: aufgeblasen, eingebildet und gefühlskalt.“
„Ach, so übel is‘ er gar nicht“, meinte Frau Martens lächelnd, „und wenn er jemanden mag, kann er sogar richtig nett sein.“
„Und was macht er ihn Wien?“, wollte Irene wissen.
„Ihn Wien hat er sein Büro. Sein Vater hat ihm ja nicht nur diesen Golfplatz hier vererbt und die übrigen Immobilien sind fast alle in Wien.“
„Manche haben eben mehr Glück als Manieren“, konstatierte Sandra, wofür Irene ihr einen tadelnden Blick zuwarf.
„Jeder zahlt irgendwie für das, was er vom Leben bekommt“, seufzte Frau Martens. „Das war beim Chef auch nicht anders. Nach dem plötzlichen Herztod seines Vaters, das ist jetzt ziemlich genau drei Jahre her, hat er nicht nur den Platz da und die Häuser geerbt, sondern auch einen Stiefbruder und eine Stiefschwester. Die beiden könnten seine Kinder sein.“
„Wie das denn?“, wollte Irene wissen.
„Des hab’n wir uns damals auch g’fragt. Wissen’S, der Herr Graf, also der Senior, das war so ein feiner Mann. Also wirklich, alle Achtung. Immer liebenswert, immer verantwortungsvoll, sehr distinguiert, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Doch, das verstanden Irene und weil sie Frau Martens Erzählung nicht unterbrechen wollten, nickte sie nur.




Die Autorin

1955  in Wien geboren
1974  Matura an der Handelsakademie und 
      Einstieg in das Berufsleben
1986  Schritt in die Selbständigkeit
1997  Angelobung zur Sachverständigen für den Immobilienbereich 
2003  Verlag Hubert Krenn, Wien   
      „Kochen und genießen ohne Milch“     
2010 Sieben-Verlag
     „Genießen statt verzichten – frei von Allergien
     und Lebensmittelunverträglichkeiten mit NAET“ 
     ein Sachbuch zum Thema Allergiebekämpfung
2011 Personal-Novel unter dem Pseudonym Gitta Teheim
     „Tanten, Tee und Taxitänzer“

Derzeit arbeite ich an einem neuen Roman für Personal-Novel sowie an einem Allergie-Kochbuch für den Sieben-Verlag.


Brigitte Teufl-Heimhilcher, Paragrafen und Grafen


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