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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

15. November 2012

Leunam Remeark, Boarding




Tick. Boarding-Time. Tom Westerhausen steht kurz vor der Tat seines Lebens. Tick. Die Wiederbeschaffung seines Ichs. Tick. Das Ende seiner Identität als Richter über Leben und Tod. Tick. Alles, was er noch tun muss, ist die 11 und 11 zu beherrschen. Tick. Es ist die Rückkehr in das Klingennest seiner Vergangenheit. Tick. Jeder Schritt ist bis ins letzte Detail durchgeplant. Tick. Nicht jedoch der plötzliche Tod seiner Sitznachbarin. Tick. Dingdong.






Leseprobe:
Kapitel 3

„NEIN!“, hörte ich mich selbst schreien und erwachte, wobei ich sofort auf den Bildschirm vor mir blickte, der mir sagte, dass wir uns bald über Europa befinden würden. Erleichterung kam auf. Ich sah mich um, sah gaffende Gesichter; ich war ein Star und sie meine Fans; meine sieben Fans, und einer von ihnen saß direkt neben mir, sah mich mit seinen schönen braunen Augen an, als flehe er mich an, sie nicht zu erwürgen, doch sicher wusste dieser eine schöne Fan nicht, dass ich mit dem Gedanken spielte, sie alle zu erwürgen, jeden einzelnen von diesen verdammten Gaffern. Ich verkroch mich in meinen Sitz, holte tief Luft. Meine linke Gesichtshälfte brannte, denn mit ihren unwiderstehlichen Augen zog sie mir die Haut vom Gesicht. Warum tat sie das? Was hatte ich ihr getan, dass sie mich derart bestrafen musste? Dieses scheiß Metoprolol! Ihm allein hatte ich die neugierigen Blicke zu verdanken. Ich war zittrig, atmete schwer, rieb mir mehrmals übers Gesicht, doch davon wurde es nicht besser. Die Kabine drehte sich langsam um die eigene Achse; niemandem außer mir schien diese Tatsache aufzufallen. Mein Magen zog sich zusammen. Ich schloss die Augen; trotzdem wurde es noch immer nicht besser. Die Kabine stand auf dem Kopf, ich stand auf dem Kopf, alle standen auf dem Kopf, doch ich fiel nicht, niemand fiel auf den neuen teppichlosen Boden, der einmal die Decke gewesen war; wo zum Teufel war die Schwerkraft hin?
„Alles in Ordnung?“, fragte mich der Fan neben mir. Warum fragte sie mich solch einen Mist? Es ist niemals alles in Ordnung - zu keiner Zeit, an keinem Ort; das Leben ist nicht dafür gemacht, um in Ordnung zu sein, denn das Leben ist ein Schloss mit unzähligen Zimmern und egal, in welches Zimmer man eintritt, die Einrichtung aller Zimmer besteht aus Problemen, immer wieder sind es unterschiedliche Probleme, aber dennoch sind es stets Probleme; es gibt nichts im Leben, das problemlos ist; wir sagen zwar, wir lösen Probleme, tun es aber im Grunde gar nicht; alles was wir tun, ist uns lediglich neue zu schaffen; wir renovieren den Raum und verlassen ihn, gehen weiter zum nächsten Raum, wo wir neue Möbel, einen neuen Stil sehen, aber nichtsdestotrotz befindet man sich abermals in einem Nest von Problemen, die umstrukturiert werden müssen, damit wir den nächsten Raum betreten können; wir leben Probleme und sind selbst das größte Problem, und wer sagt, er hat keine Probleme, der lügt, denn nur, wer tot ist, hat keine Probleme mehr! Große, Mittlere, Kleine; die Einteilung von Problemen ist immer subjektiv; manche Menschen verzweifeln bereits an den Problemen des Alltages, andere befassen sich mit Problemen, die das Sein der gesamten Menschheit betreffen, aber besteht bei allen Menschen die Gemeinsamkeit, dass sie Probleme haben, und zwar zu jederzeit. Die Frage hätte also nicht lauten sollen, ob alles in Ordnung sei, sondern was meine momentane Schublade denn beinhaltete.
Ich stand auf, eilte den Gang entlang, wankte, meine Sicht verschwamm, erreichte die Toilette, riss die Türe auf, schloss sie ab, kniete mich auf den Boden, riss die Klobrille hoch und erbrach mich. Ich hatte bestimmt seit über 20 Stunden nichts mehr gegessen; ich kotzte nur Galle, würgte aber derart heftig, als wollte mein Magen partout nicht einsehen, dass sein Inhalt lediglich aus dem bisschen Galleauswurf bestand. Nach einer langen, für mich nicht einschätzbaren Zeit hörte mein Magen auf, Druck auszuüben, und ich ließ von der Toilette ab, setzte mich auf den schmierigen Boden und versuchte mich zu beruhigen. Die Hygiene interessierte mich dabei nicht; in diesem Moment war mir alles scheißegal.
Ich war müde, wollte schlafen, wollte eine fürsorgliche Hand, die mir über den Rücken strich; die Hand einer bedingungslos loyalen Person, die es für mich nicht gab. Ich war allein; ich war so verdammt allein auf dieser verlogenen Welt. Es gab nur noch mich und die Bordtoilette, die mich vor all dem Bösen da draußen beschützte. Ich lag da, zitternd, verschwitzt, schwer atmend und dennoch völlig angstfrei. Nur noch wenige Stunden und ich würde die Tortur, den Flug, die 11 und 11 und somit das endgültige Klingeln der Uhr überstanden haben. 11 und 11, 11 Uhr 11 und 11,11 Prozent. Die 11 und 11 lagen in meiner Hand, aber die 11,11 Prozent in den Händen des Schicksals. Jeder an Board trägt die Wahrscheinlichkeit von 1:1834 bei einem Flugzeugunglück zu sterben; in dieser Maschine befinden sich theoretisch 221 Passagiere und 11(!) Mitarbeiter der Fluggesellschaft, macht 232 Menschen; 1834 durch 232 ergibt 7,9, aufgerundet 8, also reduziert sich die Wahrscheinlichkeit von 1:1834 auf 1:8, umgewandelt in Prozent sind das 11,11; nur, wenn bei diesem Flug nicht die 11,11 Prozent eintreten würden, dann hätte ich die Möglichkeit die 11 und 11 zu erreichen, sie zu beherrschen und sie für mein Vorhaben zu nutzen. Lediglich noch wenige Stunden trennten mich von den 11 und 11; ich war so nah dran, wie noch nie zuvor.
Ich fühlte mich besser, beinahe euphorisch, aber auf jeden Fall besser als im Normalzustand am Boden, auch wenn ich bezweifelte, dass ich überhaupt noch so etwas wie einen Normalzustand besaß. Darüber hinaus fühlt man sich immer besonders gut, wenn man etwas überstanden hat, weil man dann erst die Gesundheit zu schätzen weiß. Menschen rauchen, trinken Alkohol, ernähren sich falsch, machen keinen Sport, arbeiten bei verpesteter Luft, setzen sich ständigem Stress aus, ruinieren ihren Körper über Jahre hinweg und wenn plötzlich die Konsequenz vor der Türe steht, machen sie nicht auf und rufen, dass sie keine Konsequenz bestellt haben, dass die Konsequenz sich in der Straße vertan haben muss, oder dass die Konsequenz zum Nachbarn gehen soll, da der Konsequenzen doch sehr viel besser gebrauchen kann, oder zum Arbeitskollegen oder zu sonst einem Menschen, den man nicht abkann; Hauptsache die Konsequenz macht sich vom Acker, um sich eine andere, vorzugsweise fremde und idealerweise gehasste Visage vorzuknöpfen, aber bitte nicht sie selbst. Allerdings lässt sich die Konsequenz nicht verarschen und bleibt hartnäckig; man kann vielleicht mithilfe der Pharmaindustrie eine Zeit lang vor ihr davonlaufen, doch irgendwann hat die Konsequenz einen Weg ins Haus gefunden, sitzt im Dunkeln auf dem eigenen Sessel und grinst einen an, sobald man das Licht einschaltet; dabei lacht sie dermaßen teuflisch, dass man freiwillig zu Boden geht und das erste Mal in seinem Leben zu Gott betet, ihm verspricht, von jetzt auf gleich ein frommer Gläubiger zu sein, der alles tut, was fromme Gläubige halt so tun, damit die Konsequenz schnell wieder verschwindet, was sie aber nicht tun wird, weil sie sich nicht um Gott schert, weil Gott schon lange nicht mehr auf diese verdorbene Welt herabschaut; und selbst wenn er es noch täte, dann würde er dieser Heuchelei den Mittelfinger zeigen; ein Mensch hasst es schon, wenn der Partner, den man über alles liebt, illoyal ist, also kann man sich mit etwas Einfühlungsvermögen ausmalen, wie viel Hass der hiesige Gott dann auf die illoyalen Geschöpfe hegen muss, die er mit eigenen Händen erschaffen hat. Doch ist diese Vorstellung ohnehin sinnlos, da Gott sich schon vor 2000 Jahren von der Erde abgewandt hat, als er merkte, welch verkorksten Wesen er das Leben geschenkt hat; denn er hat ihnen die Hand gereicht, ihnen eine zweite Chance nach dem Sündenfall im Paradies gegeben und was machen die verdammten Menschen? Sie töten seinen Gesandten, seinen Sohn; niemand kann ihm ernsthaft verübeln, dass er der Welt den Rücken gekehrt und sich selbst überlassen hat.
Ich stand auf, wusch meine Hände, mein Gesicht, trocknete mein Gesicht mit Papiertüchern, sah in den Spiegel, sah einen toten Mann, nahm einen tiefen Atemzug, verließ die Toilette, ging langsam über den blauen Teppich, blickte keinem der Passagiere ins Gesicht, wusste aber, dass sie mich angafften, sich durch meinen erbärmlichen Anblick besser fühlten. Ich erreichte meinen Sitz, schenkte meiner Sitznachbarin keine Beachtung, guckte ausschließlich auf meinen Sitz und ließ mich in ihn hineinfallen, lehnte mich zurück, schloss die Augen, wartete darauf, dass von ihr eine dämliche Frage wie: Alles in Ordnung?, kam, doch glücklicherweise kam sie nicht. Wenige Sekunden später öffnete ich wieder meine Augen und blickte auf den Bildschirm vor mir; noch etwas mehr als fünf Stunden und ich würde es geschafft haben. Das Gefühl der Hoffnung umarmte mich; Hoffnung ist das schönste der Welt, denn Hoffnung treibt uns an, weiterzumachen, Probleme zu lösen, das nächste Zimmer zu betreten, die Einrichtung rauszureißen, eine neue, unsere eigene einzusetzen und das solange, bis wir sterben. Ich wollte nicht sterben, denn ich war nicht suizidgefährdet, liebte das Leben, hasste lediglich das Sein der Menschheit, das mich dazu gebracht hatte, mein eigenes Sein zu hassen. Werde ich leben oder sterben? Die schlimmste Frage, die sich ein Mensch stellen kann, weil allein die Gedanken, die um diese Frage herumschwirren, bereits tödlich sind und deswegen war ich schon tot; vermodert und von Maden zerfressen. Würde ich leben oder sterben? Zu 11,11 Prozent nein; Wahrscheinlichkeiten sind ein Dreck wert, reinste Illusion, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass das Worst-Case-Szenario zu jeder Zeit zu 100 Prozent eintreten kann; denn Dinge passieren, oder sie passieren eben nicht. Wahrscheinlichkeiten sind nichts weiter als naive Versuche die Vergangenheit in die Zukunft zu übertragen, damit man sich in Sicherheit wiegen kann, damit man sich effektiver selbst belügen kann, weil der Mensch ein permanentes Angstwesen ist, das nach Sicherheit giert; ich war leider auch nur ein Mensch und gierte deshalb genauso nach Wahrscheinlichkeiten, nach unantastbaren Selbstlügen, nach den 11,11 Prozent.
In der Kabine herrschte Stille. Warum fragte sie nichts? Warum brannte sie mit ihren Augen nicht meine linke Gesichtshälfte weg? Hatte sie etwa den Spaß an der Fragerei verloren? Schnüffler verlieren niemals den Spaß am Schnüffeln, am Nachhaken, am Seelenstriptease krimineller Arschlöcher; Schnüffler sind hartnäckig, viel hartnäckiger als sie war; sie konnte nicht zu den 0,33 Prozent gehören; sie war kein Sky Marshall, und wenn, dann kein guter. Also war sie verrückt!? Was, wenn sie genau das wollte? Möglicherweise war es ihre Masche, mich genau das glauben zu lassen, damit ich mein Misstrauen ablegte, mit ihr redete, mich verriet und ihr Futter gab, das sie vor Gericht gegen mich verwenden würden. Ich legte Daumen und Zeigefinger auf meine geschlossenen Augenlider, dachte nach, spürte die Leere neben mir, fühlte mich frei, zu frei. Ich drehte mich zu ihr um.
Sie schlief. Allerdings schlief sie anders als zuvor - ruhiger, lebloser. Ich fühlte die Leere. Auf ihrem Schoß lag ein Brief; nicht für mich; natürlich nicht für mich. Ich musterte sie; sie war bezaubernd schön; feine weiße Härchen sprossen aus ihren Poren im Gesicht, die man erst sah, wenn man nach ihnen suchte und sich auf sie konzentrierte; hauchdünnes Make-up lag um ihre Nase herum, sie war blass; blasser als vorher? Ich liebte ihren Anblick, wollte, dass sie nie wieder erwachte, damit der Anblick niemals endete, achtete auf ihre Atmung; es gab keine Atmung.
Sie atmete nicht!
Ich klopfte auf ihren rechten Arm; er war kühl. Sie regte sich nicht. Ich klopfte fester; rüttelte an ihrem Körper. Sie erwachte nicht. Ich begann wieder zu zittern, zu schwitzen, schwer zu atmen und an Herzrasen zu leiden. Ich rüttelte an ihr, als wäre sie ein dünnstämmiger Apfelbaum. Sie erwachte nicht. Ich rieb mir durchs Gesicht. Sie erwachte nicht. Ich sah mich um; niemand starrte, niemand gaffte. Das Ehepaar hinter uns las, der Fettsack sah fern, der junge Kerl auf der anderen Seite klebte vor seinem Laptop, die Frau hinter dem Fettsack schlief, den alten Mann konnte ich im Sitzen nicht sehen, also konnte er mich auch nicht sehen. Ich widmete mich wieder meiner reglosen Sitznachbarin, fühlte ihren Puls am Arm; fühlte keinen Puls. Fühlte den Puls an ihrer Halsschlagader; fühlte keinen Puls.
Sie war tot!
Ich zitterte heftiger, schwitzte mehr, atmete schwerer, mein Herz raste schneller. Ich sah mich abermals um. Niemand starrte. Drehte mich wieder um, blickte auf den Brief; er war nicht für mich, konnte nicht für mich sein, durfte nicht für mich sein.
Ich nahm ihn an mich und öffnete ihn. (...)



Rezension folgt ...



Der Autor
Leunam Remeark wurde am 14.12.1987 in Troisdorf (NRW) geboren, lebt derzeit in Bonn und ist neben seinem literarischen Schaffen als freier Online-Journalist (Onlinezeitung.co) und Verleger (LaGrand) tätig. Er selbst sieht sich als Neo-Christ, der sein Leben nach den drei folgenden Prinzipien ausrichtet: Nächstenliebe, Wahrheit und Nachhaltigkeit. Seine größten menschlichen Vorbilder aufgrund ihres Widersetzungswillens im Namen der Freiheit sind Martin Luther King Jr., Muhammad Ali und Julian Assange.


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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Was treibt diesen Mann?
Er rast regelrecht, durch seine innere Befindlichkeit.
Fixiert, auf die 11und11, was auch immer sie zu bedeuten hat.
Da muss erst jemand sterben, damit ich beim Lesen aufhöre, mitzurasen.
Der Brief den er findet, wird wohl lediglich ein weiteres Problem bringen, wie das Einrichten der Zimmer, das kein Ende nehmen will.
Rasantes Tempo mit dennoch exakten Detailbeschreibungen.
Klar - man will wissen, was es mit der 11und11 auf sich hat und was in dem Brief steht...
Ich find`s gekonnt - Gruß, James

schreibtalk hat gesagt…

Lieber james, ich finde den Stil des Autors auch wahnsinnig spannend, aufregend und treibend. Ich habe das Buch in Print gekauft und werde es demnächst lesen, man muss einfach wissen, wie das weitergeht, nicht wahr?

Und dann noch was, treuer Freund, ich bedanke mich herzlich, dass du hier immer wieder kommentierst, da weiß man wenigstens, dass sich die Mühe lohnt, den Blog für die KollegInnen zu pflegen!

herzliche Grüße,
Elsa