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Rezensionen

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17. November 2012

Werner Toelcke, Das Gesicht des Mörders


Du wachst in einem fremden Bett auf und du weißt nichts von dir, nicht einmal deinen Namen. Da ist nur ein kleiner Junge in deinen Gedanken, das bist du. Und dann noch ein Mann und eine Frau, das sind deine Eltern. Dein Kopf ist in Verbände gehüllt, und das eine Bein haben sie in einem Streckverband hochgezogen, darauf starrst du. Und dann kommt leise Musik von einem Violoncello, eine Passage aus einer Suite von Johann Sebastian Bach. Und da weißt du, dass du im Sterben liegst.

Aber du stirbst nicht. Tagelang liegst du in diesem Bett. Und dann kommen nachts die Träume. Du gehst durch einen Wald und hast schweres Gepäck bei dir. Du bist auf der Flucht. Du hast es nicht mehr weit, die Grenze ist ganz nah. Aber auf einmal die Stimme hinter dir: ´Stehenbleiben und alles ausziehen! Alles!´ Du hast solche Angst. Aber du bist auch verwirrt, denn die Stimme, die du hörst, ist deine Stimme, deine eigene Stimme! Und schließlich der Schuss! Noch im Fallen drehst du dich um und willst in das Gesicht des Mörders sehen. Aber da ist kein anderer hinter dir, und du weißt auf einmal, dass du es bist, der geschossen hat. Und der da zu Boden fällt, das bist du gar nicht, das ist ein ganz anderer.

Eines Tages nehmen sie die Verbände ab und du schaust in einen Spiegel. Stell dir dein Entsetzen vor, als du das Gesicht im Spiegel siehst. Das bist du gar nicht, der dich ansieht, das ist ein Fremder. Es ist das Gesicht des Mörders. Es ist der, der im Wald geschossen hat. Denn dieser Traum kommt immer wieder. Jede Nacht. Du kannst nichts dagegen tun. Und diese Mordgeschichte wird laut erzählt; es ist deine Stimme, die da spricht. Du kannst nichts dagegen tun. Das Geständnis bricht aus dir heraus. Wenn jemand zuhört, wird man es gegen dich verwenden.

Dieser Mord im Wald ist vor vielen Jahren geschehen, das sagt eine Stimme in dir. Du bist damals davongekommen, es muss auch dieses Mal gelingen. Du hast nicht schlecht gelebt seither. Dies ist eine teure Klinik und sie behandeln dich mit Hochachtung. Du scheinst ein großer Mann zu sein. Immer wieder schaust du in den Spiegel. Du wirst mit deinen Erinnerungen leben müssen. Und auch mit diesem Gesicht - mit dem Gesicht des Mörders.


Leseprobe:
1. Kapitel

Der Nebel zog in undurchdringlichen Schwaden durch die Straße. Der Mann konnte kaum etwas erkennen, obwohl er sich doch alle Mühe gab. Er blickte aus großer Höhe in die Häuserschlucht hinein. Die Geräusche hörte er umso deutlicher - die kreischende Straßenbahn, die hupenden Autos und das Rumpeln des Brauereiwagens, der von Kaltblütern über das Kopfsteinpflaster gezogen wurde. Aber dann riss der Nebel allmählich auf, und er sah die Gegenstände da unten immer besser. Er sah nun den kleinen Jungen im Matrosenanzug und neben ihm den Mann mit dem wiegenden Gang der Seeleute, der unter seinen Arm ein Violoncello geklemmt hielt. Das wirkte an ihm wie ein Spielzeug. Für den kleinen Jungen wäre das Instrument zu groß und viel zu schwer gewesen. Mit einem unglücklichen Gesicht trippelte er neben seinem Vater her. Sie überquerten den Damm, wo Straßenbahnen fuhren, und liefen weiter. Die Häuser links und rechts waren hier älter als im oberen Teil, von wo sie kamen. Es waren nur wenige Autos unterwegs, ein blauer Wanderer und ein dreirädriger Tempo-Lieferwagen.  Weiter hinten folgte noch ein Cabriolet von Opel mit herunter­geklapptem Verdeck. Es war sehr heiß an diesem Nachmittag. Besonders gefiel dem Jungen das offene Cabrio, ein tolles, schnittiges Auto, ganz modern, Baujahr 1931. Er kannte alle Wagentypen,  besser jedenfalls  als die Griffe auf seinem Cello.
Sie hatten es nicht mehr weit; schon im nächsten Block war das Haus, in dem der Musiklehrer Kaufmann wohnte. Der war ein schmächtiger, älterer Mann mit freundlichem Lä­cheln, in das sich regelmäßig Mitleid mischte, wenn er die Griffe des Jungen auf dem Instrument korrigierte. Und das musste er, denn der Vater blieb während der Übungsstunde im Zimmer. Immer saß er in dem Lehnstuhl beim Fenster und musterte Lehrer und Schüler mit misstrauischen Blicken. Der Unterricht kostete immerhin eine Mark pro Stunde, und das war viel Geld während der Arbeitslosigkeit. Die Summe wurde abgezweigt von siebzehn Mark Stempelgeld, die sie in der Woche bekamen. Der kleine Junge wusste das, weil es ihm immer wieder gesagt wurde. Und er wusste auch, dass der Vater seinetwegen das Rauchen aufgegeben hatte. Das machte den wöchentlichen Gang zum Mu­siklehrer Kaufmann nur noch schwerer.
Die Sonne knallte direkt in die Straße hinein. Der kleine Junge, der ihr entgegenging, musste blinzeln in dem gleißenden Licht. Die Strahlen blendeten aber auch den Be­obachter der Szene viel weiter oben. Er konnte sich nicht zusammenrei­men, von wo er die Bilder sah. Es musste eine entfernte Position sein, trotzdem war es ein guter Platz, denn er sah alles sehr plastisch: die blaue Wanderer-Limousine, den dreirädrigen Tempo-Lieferwagen und das offene Cabriolet von Opel. Vor allem aber sah er den athletischen Seemann mit seinem kleinen Sohn.
Manchmal glitt eine Hand über sein Gesicht und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Das war eine nette Geste, er wusste zwar nicht, von wem die kam, aber er nahm sie dankbar hin. Er glaubte, dass die Hitze in seinem Inneren von der Sonne herrührte. Aber er begriff nicht, warum die Hand immer wieder über ihm erschien, sie gehörte einfach nicht in das Bild von der Straße mit dem Jungen, dem Vater und dem Violoncello. Er nahm sich vor, beim nächsten Mal den Weg der Hand zu verfolgen, wenn sie aus seinem Blickfeld verschwand. Aber dann konnte er es nicht. Es gelang ihm einfach nicht, den Kopf auch nur einen Zentimeter zur Seite zu bewegen.
Ganz allmählich dämmerte ihm, dass er in einem Bett lag. Seine Hände, die über Tücher strichen, signalisierten es. Aber wo stand das Bett? Er hatte keinen, blassen Schimmer. Vielleicht war es auch nicht so wichtig, denn da gab es Dinge, die er ebenso wenig wusste, und die er für bedeutender hielt. Er hatte keine Ahnung, wer er überhaupt war, und wie er hieß. Sosehr er darüber nachdachte, er kam nicht darauf. Das war doch zum Lachen, und genau das hätte er gern getan, wenn er es gekonnt hätte; leider ließ sich nicht der kleinste Muskel in seinem Gesicht bewegen. Das kam ihm unwirklich vor, und genauso unwirklich war auch die aus einer Geister­welt stammende Hand, die andauernd seine Stirn ab­trocknete. Viel lebendiger war dann doch das Bild der Straße da unten. Und wenn es eine Identität für ihn gab, begriff er, dann war es die des kleinen Jungen. Der verschwand eben mit seinem Vater und dem Instrument im Haus des Musiklehrers Kaufmann.
Auf einmal wusste er, dass es Bilder aus seiner Kinderzeit waren, die er sah. Und dann begann er leise Töne zu hören, das musste eine Passage aus einer der Suiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach sein. Als die Musik erklang, verstand er endlich den tieferen Sinn dieser Erinnerungsbilder. Da begriff er, dass er im Sterben lag ...

„Wir haben es mit einer schweren Contusio cerebri zu tun, einer Gehirnquetschung, die durch stumpfe Gewalteinwirkung auf die Schädeldecke hervorgerufen wurde“, erklärte Professor Liebscher. „Ich wurde spät abends in sein Haus gerufen, das nur etwa hundert Meter entfernt ist, hier im Ginsterbusch. Er lag am Fuß der Treppe, die er herabgestürzt war. Sein Sekretär, Herr Wilhelm, hatte ihn nicht bewegt, bis wir kamen, und das war gut so. Wir haben ihn dann vorsichtig hierher in die Klinik gebracht, und ich habe noch während der Nacht eine Fachkraft zugezo­gen. Professor Schöller bestätigte meine Diagnose in allen Punkten. Im Moment halten wir es nicht für möglich, den Patienten nach Eppendorf zu verlegen, weil ein Transport zu riskant wäre. Die akuten Symptome bestehen hauptsächlich aus Bewusstseinsstörungen, einem deliranten Syndrom. Der Kranke ist in einem dämmrigen Zustand und nicht ansprechbar.“
Der Professor saß hinter dem Schreibtisch in seinem Sprechzimmer. Die gefalteten Hände lagen auf der Tischplatte und strahlten Ruhe aus. Der Arzt war über sechzig und hatte schloh­weißes, volles Haar, das in dichten Wellen seinen Schädel umfloss. Er trug eine Brille mit getönten Gläsern. Dahinter befanden sich Augen, die ein bisschen wirkten, als hätten sie sehr viel mit ansehen müssen, und denen es geraten schien, zwischen sich und anderen Barrieren aufzurichten. In diesem Fall waren es drei Besucher, zwei Männer und eine Frau, die in der Sitzgruppe des Sprechzimmers Platz genommen hatten.
Professor Liebscher fuhr fort: „Ich bezweifle, dass es etwas bringt, wenn Sie sich ihn anschauen. Weder Sie noch der Patient haben etwas davon.“ Die Augen hinter den getönten Gläsern wanderten von einem der Besucher zum nächsten, schließlich blieben sie auf der Frau hängen. Er sah sie lange prüfend an. Dann fragte er: „Sie sind eine nähere Verwandte von Herrn Rosenau?“
Die Frau wich den Augen aus und wandte sich ihrem älteren Begleiter zu, aber der beschränkte sich darauf, ihr beruhigend zuzulächeln. Sie antwortete: „Es mag Ihnen seltsam vorkommen, aber ich weiß es nicht genau.“
„Sie wissen nicht genau, ob Sie eine Verwandte sind?“
Sie nickte.
„Immerhin tragen Sie denselben Namen.“
„Vielleicht ist alles nur ein merkwürdiger Zufall ...“, erwiderte sie und stockte.      
„Was soll Zufall sein?“
„Na ja, ich komme in sein Haus, weil ich etwas von Herrn Rosenau erfahren möchte, und da höre ich, dass er nur wenige Stunden vorher verunglückt ist und in Ihrer Klinik liegt.“ Wieder schwieg sie und wandte sich dem älteren Begleiter zu.
Diesmal sprang ihr der jüngere Mann bei. „Frau Rosenau hat schon einmal um eine Unterredung gebeten, vor einem Monat etwa. Damals hielten wir uns jedoch in Brasilien auf. Ich erklärte ihr bereits, dass uns die Geschäfte dort stark in Anspruch nehmen.“
Der Professor nickte bekümmert. „Der gute Rosenau hat immer Raubbau mit seinen Kräften getrieben, wie oft habe ich ihm das vorgehalten. Er ist nicht mehr so jung, wie er gern sein möchte. Die ständigen Flugreisen zwischen den Kontinenten, die damit verbundenen Zeitverschiebungen, der Wechsel zwischen tro­pischem und unserem Klima, das ist alles Gift bei seinem chro­nischen Herzleiden.“
„Können Sie uns etwas über den Hergang des Unfalls sagen?“, fragte der ältere der beiden Männer. Er sprach mit angelsächsischem Akzent.
„Wie ich schon erklärte: Herr Rosenau stürzte in seinem Haus die Treppe hinab“, sagte der Professor eine Spur genervt, weil er sich nicht gern wiederholte.
Der Engländer sah ihn lächelnd an. „Und wie kam es zu dem Sturz?“
Diesmal antwortete Herr Wilhelm: „Es passierte gleich nach unserer Rückkehr aus Brasilien. Herr Rosenau war nach oben ge­gangen, um sich frisch zu machen. Ich hielt mich in der Bibliothek auf und ordnete Papiere. Da hörte ich Gepolter aus der Halle, lief hinaus und sah ihn am Fuß der Treppe liegen.“
„Die Herzanfälle kommen plötzlich“, erklärte Professor Lieb­scher. „Eine Benommenheit,  dann Schwäche und starkes Schwindelgefühl. Es muss ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen haben, gerade in dem Moment, als er die Treppe hinabsteigen wollte.“
„Wird er durchkommen?“, fragte der Engländer.
„Wir können noch nicht sagen, wie weit sich die inneren Blutungen ausgebreitet haben und zu welchen Narbenbildungen es kommen wird. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, ob die neurologischen Symptome reparabel sind. Und sind sie es, bleibt die Frage nach dem Herzen des Patienten. Wir haben noch bedeutende Anstren­gungen vor uns.“
„Wird er durchkommen?“, fragte der Engländer noch einmal.
Die beiden älteren Männer sahen sich lange in die Augen.
Dann sagte der Arzt: „Ob er es überstehen wird, liegt in Gottes Hand.“
Das Krankenzimmer befand sich schräg gegenüber dem Sprechzimmer am Ende des Ganges. Das Bett stand zwischen zwei Fenstern, die Vorhänge waren zugezogen. Ein Pfleger ließ den Patienten nicht aus den Augen. Er erhob sich, als sie her­einkamen. Professor Liebscher setzte sich neben das Bett, nahm flüchtig den Puls und sah dem Patienten ins Gesicht. Auf dessen Stirn lag Schweiß. Er hielt die Augen offen und den Blick zur Decke gerichtet. Er war unruhig, zitterte, und die Lippen bewegten sich unablässig.
„Sieht doch aus, als ob er sich mit jemandem unterhält“, meinte der Engländer und kam interessiert näher. „Fantasiert er vielleicht?“
Der Patient schien die Bewegung im Raum aufzunehmen. Auf einmal formten seine Lippen Worte. Auch der Sekretär trat ans Bett, und alle starrten gebannt auf den Mund des Kranken. Aber da war nur ein Lallen, sonst nichts. Dann begann der Blick zu flackern, schließlich bäumte sich der Körper auf. Der Arzt drückte ihn zurück, benetzte die Lippen mit einem feuchten Tuch und wischte ihm den Schweiß von der Stirn.
„Scheinen nicht gerade angenehme Bilder zu sein“, meinte der Engländer. „Vielleicht hat er Angst ...“
„Hm - vielleicht“, erwiderte der Arzt.
„Was geht in ihm vor?“
„Wirklich schwer zu sagen!“ Die Augen des Professors suchten die junge Frau, die neben der Tür geblieben war. „Vielleicht fragt er sich, wer er ist. Vielleicht fühlt er sich in seine Kindheit zurückversetzt. Ich habe keine Ahnung.“
„Über den Unfallhergang weiß er nichts?“
„Mit Sicherheit nicht! Überhaupt nichts über die unmittel­bare Gegenwart. Wo er sich befindet, wo er herkommt; direkte Bezüge existieren nicht. Er weiß nicht einmal, wer er ist, kennt nicht seinen Namen. Das alles kommt erst später zurück.“ Und etwas vage schloss Professor Liebscher: „Wir müssen es zu­mindest hoffen.“
Wieder benetzte er die Lippen des Kranken und tupfte den Schweiß von dem Gesicht. Dann ließ er seine Hand für eine Weile auf der Stirn liegen. Das schien den Kranken zu beruhigen. Seine Miene verzog sich zu etwas, das wie ein Lächeln aussah, und plötzlich drangen Töne über seine Lippen.
„Er erinnert sich an seine Musik“, rief der Sekretär aufgeregt. „Das ist doch so etwas wie eine Tonfolge!“
„Hört sich wenigstens so an.“
„Aber das ist ein positives Zeichen“, fuhr Herr Wilhelm enthusiastisch fort. „Das muss es einfach sein.“
„Möglich“, erwiderte der Arzt abschwächend.
Der junge Mann ließ sich in seiner Begeisterung jedoch nicht bremsen und wandte sich an die beiden anderen Besucher: „Herr Rosenau spielt Klavier, müssen Sie wissen. Er hat nur wenig Gelegenheit dazu, aber manchmal setzt er sich auch heute noch an den Flügel. Früher soll er fantastisch gespielt haben. In seiner ersten Zeit in Brasilien hat er regelrecht Konzerte gegeben, im kleinen Kreis natürlich, im Rahmen von Musikabenden vor privatem Publikum.“ Er hielt inne und schaute auf den Kranken, aus dessen Mund noch immer diese Töne drangen. Er schloss: „Es muss doch ein gutes Zeichen sein, wenn er sich an seine Musik erinnert!“
„Wir wollen es hoffen!“, erwiderte der Arzt ganz zuversichtlich, aber der Ausdruck in seinen merkwürdig leblosen Augen bekräftigte den Optimismus nicht.
Einige Augenblicke lauschten sie den Tönen. Sie waren verlegen, weil ihnen bewusst wurde, wie schutzlos ihnen der Kranke ausgeliefert war.
Professor Liebscher beobachtete die Besucher und lächelte, dann sagte er: „Warum kommen Sie nicht näher, Frau Rosenau? Sie wollten sich den Patienten doch anschauen, nun ja, jetzt haben Sie die Gelegenheit.“
Die junge Frau trat beinahe widerwillig an das Bett heran, wobei ihr Blick dem Gesicht des Kranken auswich. Dabei war gar nicht viel zu erkennen. Der Kopf war nämlich in Binden gehüllt, selbst über der Nase lag ein Pflaster. Am Fußende des Bettes war ein Gerüst aufgebaut, und daran hing das linke Bein in einem Streckverband. Verwirrt starrte die Frau auf den hochgezogenen Fuß.
Professor Liebscher erklärte: „Um das Maß vollzumachen, hat er sich beim Sturz auch noch das Bein gebrochen. Aber es ist ein glatter Bruch, nicht besonders schwierig. Wenn nur alles so leicht zu behandeln wäre! Nun, Frau Ro­senau, erkennen Sie ihn?“
„Wie sollte ich? Das Gesicht ist voller Pflaster und Binden.“
„Nun ja, ganz einfach ist es nicht“, erwiderte der Professor lächelnd. „Aber was glauben Sie? Haben Sie meinem Patienten schon einmal gegenübergestanden?“
„Auf keinen Fall!“ '
„Was soll dann aber Ihr plötzliches Interesse? Wollen Sie mir das nicht erklären?“
Die junge Frau antwortete nicht, auf einmal war sie sehr erregt. Nun trat der Engländer neben sie und legte seine Hand auf ihre Schulter. Dann sagte er sehr höflich, aber auch sehr kühl: „Wir haben Grund zu der Annahme, dass Frau Rosenau die Tochter Ihres Patienten ist, Professor!“

„Wenn ich groß bin, werde ich das verdammte Cello nie mehr anfassen!“, sagte der Junge wütend.
„So darfst du nicht reden, Bübchen“, erwiderte die Mutter.
„Das wirst du sehen. Ich stell das Ding in die Ecke und guck es nicht mehr an.“
„Aber du liebst Musik.“
„Auf dem Klavier! Da liebe ich die Musik. Klavier üben würde ich den ganzen Tag.“
„Ein Klavier können wir nicht kaufen, Bübchen. Du bist groß genug, um das zu wissen.“
„Ich muss auf diesem Ding herumkratzen, weil Vater Musiker werden wollte. Und ist er es geworden? Nein, er fährt zur See.“
Der Junge stand vor dem Notenständer mit dem aufgeschla­genen Übungsbuch. Dahinter lehnte das Cello gegen den Stuhl. Draußen schien die Sonne. Es war Nach­mittag, ein wunderschöner Sommernachmittag. Die Mutter hatte die Balkontür rangedrückt und die Vorhänge halb zugezogen. Natürlich hörte er trotzdem das Lärmen der Kinder aus dem Hof. Der Junge fühlte Hass gegen seinen Vater in sich auf­steigen. Wenn er groß war, würde er ihn umbringen oder so was Ähnliches. Er würde es ihm heimzahlen, weil er nicht mit den anderen Kindern spielen durfte.
In dem kleinen Zimmer roch es nach feuchter Wäsche. Die Mutter hatte das Bügelbrett aufgebaut und plättete Oberhemden. Das tat sie immer nachmittags, wenn er üben musste. Sie hatten lange kein Wort gesagt, ebenso lange hatte der Junge das Cello angestarrt. Jetzt nahm er das Instrument, setzte sich hin und langte nach dem Bogen. Er probierte einige Griffe und jagte dann ein paar Läufe über die Saiten. Das Cello hatte einen warmen Ton. Er war überrascht, wie gut es plötzlich klang.
Auch die Mutter war erstaunt und blickte vom Bügelbrett auf. „Du hast in den letzten Tagen Fortschritte gemacht, Bübchen, einen richtigen Sprung. Das musst du doch merken.“
„Ihr werdet so lange machen“, sagte der Junge halb besänftigt, „bis ich Konzerte gebe.“
Die Mutter begann zu träumen. „In der Musikhalle, Bübchen, und ich werde in der ersten Reihe sitzen.“
„Und wie sollen die Leute Eintrittskarten kaufen? Ist ja nicht mal Geld für Brot da.“
„Die Zeiten werden auch wieder besser.“ Die Mutter nahm das nächste Oberhemd, begann mit dem gestärkten Kragen und den gestärkten Manschetten. Sie holte die Hemden aus einer kleinen Wäscherei und bügelte sie für einen Hungerlohn. Es war Schwarzarbeit. Es durfte nie­mand etwas davon erfahren, weil sie sonst weniger oder gar kein Stempelgeld bekommen hätten. Die Mutter war keine Plätterin. Früher, als noch nicht alle Schiffe im Hafen festlagen, fuhr der Vater zur See, und die Mutter hatte in ihrem kleinen Laden gearbeitet. Der lag schräg gegenüber der Wohnung. Der Junge war oft mit im Geschäft gewesen und hatte zugesehen, wie verkauft wurde. Manchmal durfte er sogar das Geld entgegennehmen und in die Kasse tun, die einen tollen Klang von sich gab, wenn sie aufsprang. Aber was für Dinge hatten sie eigentlich verkauft? Er kam nicht drauf. Sosehr er sich abmühte, es fiel ihm nicht ein. Aber er erinnerte sich noch an den Tag, als das Geschäft zugemacht wurde. Es waren immer weniger Leute gekommen, und am Ende bimmelte die Ladenglocke überhaupt nicht mehr. Die Mutter hatte ge­weint, und er hatte auch geweint, obwohl er nicht verstand, weshalb die Kunden ausblieben. Es läge an der Arbeitslosigkeit hatte die Mutter  erklärt, aber er hatte es trotzdem nicht verstanden.
Das war auch die Zeit, als er mit dem blöden Cellospielen anfangen musste. Vier Stunden hockte er nachmittags vor dem Notenpult, das schwere Instrument zwischen den Knien. Und immer wieder die gleichen langweiligen Übungen, die gleichen Passagen und Läufe. Vier Stunden lang. Dann ging es an die Schulaufgaben und hinterher mit  verkrampften Fingern zu Bett. Oft weinte er, wenn er darin lag. Die Mutter kam regelmäßig, um ihn zu trösten, und so weinte er auch, wenn ihm nicht danach zumute war. Sie setzte sich neben ihn, legte ihre Hand auf seine Stirn. Sie flüsterten nur miteinander, denn die Wände waren dünn, und nebenan hockte der Vater über einem Kreuzwort­rätsel. Die Mutter war eine sanfte und zarte Frau. Unter dem großen, athletischen Mann litt sie ebenso wie er. Wenn er ihre Hand auf seiner Stirn fühlte, beruhigte er sich. Dann kamen ihre schlanken Finger, glitten über sein Gesicht und wischten die Nässe fort. Schließlich beugte sie sich über ihn und küsste ihn auf den Mund. Da war er dann schon halb eingeschlafen, immer beruhigt und irgendwie auch glücklich.
Sterben war nicht so schwer, wie er geglaubt hatte. Wenn sich der Tod auf leisen Sohlen ins Zimmer schlich, wie in seinem Fall, schien es ein schwereloser, heiterer Zu­stand zu sein. Wie ein Schweben in lichten Höhen, in un­ermesslichen Weiten. Er fühlte keinen Schmerz, höchstens ein bisschen in der Nase, durch die er schwer Luft bekam. Er musste durch den Mund atmen, daher auch das Röcheln aus seiner Kehle. Manchmal wurde es so laut, dass er darüber zur Besinnung kam. Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Ihm schien, als ob sich etwas aus seinem Körper loslöste, ganz zart und behutsam. Dieses Etwas stieg langsam im Raum auf, schwebte über dem Bett immer höher hinauf, bis es an die Decke stieß. Ihm war zumute, als ob er auf sich selbst herabschauen konnte. Er sah seinen Körper im Bett liegen, den Kopf in Verbände gehüllt und die Nase mit Pflastern verklebt. Er hatte kein besonderes Interesse an dem Mann. Ebenso wenig kümmerten ihn die Menschen, die um das Bett herumstanden und ihn anstarrten. Er hörte ganz deutlich ihre Stimmen.
„Nun, Frau Rosenau, erkennen Sie ihn?“, fragte eine.
Und eine andere erwiderte: „Wie sollte ich? Das Gesicht ist voller Pflaster und Binden.“
„Nun ja, ganz einfach ist es nicht. Aber was meinen Sie? Haben Sie meinem Patienten schon einmal gesehen?“
„Auf keinen Fall!“
Es war eine Frauenstimme, die er hörte, und er gab sich große Mühe, etwas von ihrem Gesicht zu erkennen, denn die Stimme gefiel ihm. Aber er konnte es nicht. So deutlich er sich selbst im Bett liegen sah, von seiner Umwelt erkannte er nichts, und so verschwammen auch die Züge der jungen Frau in einer ge­sichtslosen, überhellen Wolke.
Dann hörte er die Stimme eines Mannes: „Wir haben Grund zu der Annahme, dass Frau Rosenau die Tochter Ihres Patienten ist, Professor!“
Die Tochter des Patienten! Also seine Tochter! Das war völliger Blödsinn, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass er eine Tochter hatte. In diesem Moment verlor er alle Neugier an den Leuten im Raum und ebenso an dem Mann im Bett. Und dieses Etwas über ihm, was immer es auch sein mochte, war vom vielen Schweben müde ­geworden. Langsam senkte es sich herab und tauchte in seinen Körper ein. Gleich darauf spürte er die Hand seiner Mutter auf der Stirn, und ihre Stimme flüsterte: „Es bleibt nicht, wie es ist, Bübchen! Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“



Rezension folgt ...



Der Autor
Als ich den Thriller "Das Gesicht des Mörders" schrieb, war ich schon fünfzig und beinahe vergessen. Davor hatte ich in Erfurt, Dresden und Berlin Theater gespielt. Später hatte ich mehrere Fernsehkrimis geschrieben und darin den Privatdetektiv Weber gespielt. Weber war mein Baby, ich hatte ihn erfunden. Als ich in den Siebzigern keine Filme mehr fürs DDR-Fernsehen schreiben wollte, gaben sie mir auch keine Rollen mehr zu spielen. Das ging sieben Jahre so. Also war ich weg vom Fenster.

Und deshalb habe ich damals "Das Gesicht des Mörders" geschrieben.

Dann habe ich die DDR verlassen. Ich habe nicht geglaubt, dass ich jemals wieder vor eine Kamera gehen oder eine Zeile zu Papier bringen würde. Ich hatte ja auch gar keine Zeit. Ich musste meiner Frau in ihrer Praxis helfen, sie war nämlich Kinderärztin. Und ich musste ebenfalls helfen, unsere Kinder großzuziehen. Das war wesentlich.

Als meine Frau sich aus der Praxis zurückzog, strickte sie viel, und ich saß ihr gegenüber und legte Patiencen. Eines Tages sagte sie: ´Schreib mal lieber ein Buch!´ So schrieb ich "Claire im Oktober."

Dann hörte ich von Kindle und vom Ebookreader, und ich dachte: Das ist ein erster Schritt in eine neue Welt des Lesens. Ich wollte meine kleine ´Claire´ dort selbst verlegen. Aber sie sollte nicht so allein sein. Deshalb nahm ich mir das "Gesicht des Mörders" wieder vor. Wie ein guter Änderungsschneider trennte ich alle Nähte auf, verpasste ihnen eine moderne Form und setzte sie wieder zusammen. Mit beiden Büchern möchte ich zwei Pflöcke in die Zeit setzen und darüber einen Bogen spannen. Ob das gelingt? Das hängt natürlich auch vom Leser ab, wollen mal sehen.


Werner Toelcke, Das Gesicht des Mörders

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Die Übungsstunden erinnern mich an meinen Gitarrenunterricht...
Da kam ein Satz im Buch vor, der mich in eine Zeit zurückwarf, die ich nicht mehr erleben möchte, aber gleichwohl manchmal noch spüren kann.
"...und so weinte er manchmal, wenn ihm auch gar nicht danach war..."
Es hat so etwas tröstliches, wo Blockaden total sind - wenigstens weinen zu können.
Ich finde mal wieder die Worte nicht ganz dafür, aber im Text ist das wunderbar dargestellt.
Danke, Elsa für diese Buchvorstellung, auch wenn sie in mir Trauer auslöst...

schreibtalk hat gesagt…

Lieber James,
Solange/sobald wir weinen können in der Belastung, schmilzt das die Blockaden soweit, dass wir aus dem Kummer/Trauma/Leid etwas für uns lernen können. Sei es, und zu wehren, sei es, uns besser zu schützen, sei es aber auch nur, dass wir später im Leben etwas daraus mitgenommen haben und dann, erwachsen, handeln können, damit es uns besser geht. Aber es ist ein langer Weg, den du ja auch beschritten hast. Heute bist du ein empathischer, feinsinniger Mann, mit einem großen Maß an Humor. Und das alles ist vielleicht genauso geworden, weil du diese Dinge erlebt hast...

Danke für deine Worte auch zum Buch, ich bin gespannt drauf, es zu lesen, es fühlt sich gut an!

Liebe Grüße,
ELsa

Bernd Tannenbaum hat gesagt…

Ein wirklich spannend zu lesender Lebenslauf. Toll, daß du die Sache wieder in Angriff nimmst. Ich wünsche dir viel Erfolg!