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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

15. Dezember 2012

Anika Werkmeister, Wenn die Liebe anklopft

„Wenn die Liebe anklopft“ kann das durchaus auch Turbulenzen zur Folge haben. In Anika Werkmeisters Debut-Roman scheint es anfangs, als sei der Protagonistin das Glück nicht vergönnt. Die große Liebe ist Vergangenheit - und die beste Freundin stellt sich als die schlimmste Feindin heraus, die eine Frau in ihrer Lage nur haben kann. Doch da sind ja immer noch ihre Familie und ihr Beruf als Kinderkrankenschwester, den sie über alles liebt. Als auf ihrer Station die zweijährige Nele als einzige Überlebende eines schrecklichen Autounfalls eingeliefert wird, ist sie für Angie nur eine Patientin, die besondere Zuwendung braucht. Doch mit der beginnenden Liebe zu diesem mutterlosen Kind verändert sich ihr komplettes Leben... Autorin Anika Werkmeister kann die teilweise autobiografischen Züge ihres Erstlingswerkes nicht verleugnen - und will das auch gar nicht. Ihr Roman besticht durch Leichtigkeit und die Natürlichkeit, die nur Geschichten haben, die eigentlich das Leben schreibt ...

Leseprobe:

„Eigentlich bin ich nichts Besonderes“, ging es mir so durch den Kopf, als ich mein nacktes Selbst im Spiegel betrachtete. Eher durchschnittlich hübsch als besonders hübsch, wenn nicht sogar ein klein wenig unter Durchschnitt.
„Ich besehe mir meinen Hintern besser nicht!“
Ich drehte mich schnell um. Von vorne gefiel ich mir immer noch recht gut. Ganz nah trat ich an den bodenlangen Spiegel, um mein Gesicht betrachten zu können. Tiefe Ringe hatte ich unter den Augen. Ich hatte viel zu viel geheult.
„Warum bin ich nach der Trennung eigentlich mit allem unzufrieden? Warum fühle ich mich klein, hässlich und ungeliebt?“
„ENTTÄUSCHUNG“, schoss es mir durch den Kopf.
„VERLUST!“
Wo war das Selbstvertrauen, das ich mir in all den Jahren aufgebaut hatte? Wo war die Frau, die sich mochte, akzeptierte, wie sie war? Ich wusste es nicht, wusste nicht, ob ich sie je wiederfinden würde. Selbstzweifel sind schrecklich.
Da klingelte das Telefon, ich ließ die Schultern noch ein wenig weiter nach unten sinken (soweit das denn noch möglich war) und schlurfte, so wie Gott mich schuf, in den Flur.
Ohne auf das Display zu sehen, nahm ich den Hörer ab.
„Hallo?“
„Angie? Hier ist Monia, ich habe das von dir und Ronny gehört. Sage mal, wozu hast du eine beste Freundin, wenn du sie nicht anrufst, wenn etwas passiert?“
Ich bereute schon, dass ich abgenommen hatte, denn wie immer plapperte Monia munter darauf los. Ich verdrehte die Augen und hörte weiter zu.
„Du sagst ja gar nichts. Was ist los?“
„Sei mir nicht böse, aber ich habe wirklich keine Lust zu reden. Ich möchte mich weiter bedauern, möchte mich weiter vor dem Spiegel betrachten und mich bemitleiden, denn schließlich ist alles meine Schuld. Ganz alleine meine Schuld. Ronny hat genau das Richtige getan!“
„Spinnst du? Zieh dir was Schickes an und komm ins Café Louise, wir trinken einen Cappuccino und überlegen, wie wir deine neu gewonnene Freiheit feiern können!“
„Ich will nicht feiern, ich bin gerade mal vierundzwanzig Stunden getrennt! Ich will mich bedauern!“
„Sag mal hast du das letzte Jahr auf dem Mond verbracht, Angie? Warst du eigentlich einen einzigen Tag anwesend? Ronny ist ein Typ zum Abgewöhnen und jetzt Schluss! Zieh dich an, wir treffen uns in fünfzehn Minuten im Louise und wehe, wenn nicht! Ich hole dich ab und schleife dich, so wie ich dich vorfinde, nach draußen!“
KLICK, die Leitung war tot.
Ich wollte keinen Cappuccino, ich wollte nicht feiern, ich wollte einfach nur wieder vor meinen Spiegel schlurfen.
Allerdings durfte man Monia auch nicht unterschätzen, sie machte ihre Drohungen immer wahr. Zum Beispiel vor circa drei Monaten, Ronny und ich hatten unseren ersten richtigen Krach, ich war todtraurig. Ich dachte wir bekommen das nie mehr hin, werden uns nie wieder vertragen. Ronny musste sich abreagieren und besuchte seinen besten Kumpel Paul. Die beiden wollten >>einen drauf machen<<, was mir gar nicht passte, denn ich wollte ihn für mich und mit niemandem teilen. Ich wusste nur zu gut, zu was Ronny sich von Paul alles anstiften ließ. Das letzte Mal landete er in den Armen einer brünetten, großbrüstigen, blauäugigen Schlange namens Michaela, von der ich nur durch ihren roten Lippenstift am Hals meines Freundes erfuhr. Ich hatte einfach Angst, dass er dieses Mal nicht allein nach Hause kommen würde.
Monia drohte, mir die Haare zu färben, und zwar feuerrot, wenn ich ihn je wieder in meine Wohnung und mein Leben lassen würde. Ich war blind vor Liebe und als er am nächsten Morgen betrunken und ohne Lippenstift bei mir auftauchte, empfing ich ihn mit offenen Armen.
Als Monia und ich unsere nächste „Wir-brauchen-eine-neue–Haarfarbe-Tönungsparty“ abhielten, färbte sie mir die Haare nicht, wie vereinbart, kastanienbraun, sondern feuerrot. Ich hatte unheimliche Ähnlichkeit mit dem Kobold aus der beliebten Kindersendung. Es war schon damals in der Schule so, jedes Mal wenn ich mich ärgerte und sie nicht mehr an mich herankam, drohte sie mir. Leider machte sie immer alles wahr. Die schlimmste Drohung, die ich versuchte zu ignorieren war, dass sie zu Andreas lief und ihm sagte, ich wolle mit ihm gehen. Andreas war nicht mein Typ und nicht nur nicht meiner, er war niemandes Typ. Andreas war klein und hatte ein Mondgesicht, das bedeckt war von Pickeln. Das allerdings war noch nicht das Schlimmste. Seine Hände waren groß und schrumpelig. Jedes Mal wenn ich sie ansah, musste ich an vergammelte Möhren denken. Die Fingernägel waren dreckig und lang, er schnitt sie scheinbar nicht besonders oft. Auch heute bekam ich eine Gänsehaut, wenn ich nur an ihn dachte. Er freute sich natürlich über die Nachricht. Er überschüttete mich von da an mit „Ich liebe Dich“ - Briefchen. Morgens, wenn ich die Klasse betrat, sprang er auf und begrüßte mich, nahm meine Hände in seine und drückte sie. Er führte mich zu meinem Platz, an dem nicht weniger oft Rosen lagen. Die ganze Klasse fand das sehr lustig. Ich wurde zum Gespött der ganzen Schule. Das war das schrecklichste Jahr meines Lebens. Ich konnte ihm so oft ich wollte sagen, dass ich keine Gefühle für ihn hatte, er ignorierte das gekonnt. In den Pausen versteckte ich mich vor ihm, was auch nichts nutzte. Andreas fand mich immer. Monia fand das alles nur zu witzig. Als ich kurz vor dem Abschluss mit Sven zusammenkam, brach für Andreas eine Welt zusammen. Er tat mir ja leid. Hören wollte er trotzdem nicht.
Ich stand also Händchen haltend mit Sven vor der Schule, als Andreas an mir vorbei lief. Ich konnte den Schmerz in seinen Augen sehen, aber es war mir egal, ich war verliebt.
Endlich hatte ich meine Ruhe. Dachte ich, denn noch heute ruft er mir >>Herzensbrecherin<< hinterher, wenn wir uns zufällig begegnen.
Wieder vor meinem Spiegel angekommen überlegte ich, was ich anziehen könnte. Wonach war mir denn?
Ich wählte die schlimmste Jogginghose, die ich finden konnte, der Gummi am Bund war ausgeleiert, die Knie fast durchgescheuert. Der Pullover war mir drei Nummern zu groß und hing an mir wie ein Sack.
Ich warf alles zusammen aufs Bett. Die Unterwäsche und Socken entnahm ich meinem Altkleidersack.
Noch einmal warf ich einen letzten Blick in den Spiegel. Zufrieden mit mir nickte ich meinem Spiegelbild zu. Meine Haare ließ ich ungewaschen und ungekämmt.
Mein Deo, mein ganz eigener, nicht gewaschener Duft, betonte das Outfit. Unter normalen Umständen hätte ich so noch nicht mal die Tür geöffnet. Doch da es Monias Idee war, mich aus der Wohnung zu locken, musste sie die Konsequenz jetzt ertragen. Mit einem fiesen Lächeln auf den Lippen machte ich mich auf den Weg in das Café Louise.
Unterwegs musste ich an die erste Begegnung mit Ronny denken. Mir kam es vor als wäre es gestern gewesen, jedes einzelne Detail hatte sich in mein Gehirn gebrannt.

Alles begann im Mai 2008. (...)






Die Autorin
Mein Name ist Anika Werkmeister, ich wurde 1982 in der Rattenfängerstadt Hameln als erstes von vier Kindern geboren. In und um Hameln bin ich aufgewachsen. Im Alter von 12 Jahren schrieb ich die ersten Kurzgeschichten für meine Brüder. Lange Jahre danach beschränkte sich meine Schreibkunst dann nur auf die Aufsätze in der Schule. Bis ich mit 16 Jahren meinen Mann kennenlernte. Wir heirateten im Dezember 2002, und als im Mai 2003 unser Sohn geboren wurde, fing ich an, ganz für mich, kleinere Geschichten zu schreiben. Im Dezember 2005 zogen wir mit unserem Sohn in die Nähe von Berlin. Im Juli 2006 machte uns die Geburt von Cecilia komplett. Während eines Krankenhausaufenthalts im Oktober 2010 entstand die Idee zu meinem Debüt Roman „Wenn die LIEBE anklopft“, die ersten Seiten waren schnell geschrieben. Ich war angekommen, wusste, was ich vom Leben wollte, und schrieb das Buch in nur drei Monaten zu Ende. Meiner Mutter, der ich das Buch zu ihrem 50sten Geburtstag schenkte, ermutigte mich, es verschiedenen Verlagen vorzustellen.
Ich hatte mir das alles wirklich einfacher vorgestellt. Ich schickte Leseproben an viele Verlage. Natürlich waren auch die großen dabei (Lübbe und Heyne) ich bekam nur Absagen.
Umso glücklicher war ich, als ich eines Tages einen riesigen Umschlag aus dem Briefkasten zog, der einen Verlagsvertrag enthielt. Die Freude währte nicht lange, ich war an einen Druckkostenzuschussverlag gelangt. Ich sollte 9000 Euro für die Veröffentlichung bezahlen. Das konnte und wollte ich nicht! Ich suchte weiter, schrieb Exposés, druckte Leseproben und verschickte an jeden Verlag, den ich im Internet finden konnte. Es war immer dasselbe, die seriösen (die die keine Druckkosten verlangen) wollten mich nicht, weil sie keinen Platz für unbekannte Autoren hatten, und die unseriösen (DKZ Verlage) wollte ich nicht. Obwohl ich gestehen muss, dass ich so manche Nacht wach gelegen und überlegt habe, wo ich das Geld für die Veröffentlichung hernehmen sollte.
Dank moderner Medien, die uns das Schließen von Freundschaften einfach macht, bekam ich den Tipp, mein Manuskript dem Traumstunden Verlag zu schicken. Mir wurde gesagt, dass dort den Jungautoren eine Chance gegeben wird. Ich ließ mir die E-Mail-Adresse geben und schrieb drauf los.
Es dauerte nicht lange und ich bekam Antwort. Ich sollte mein Exposé überarbeiten und mich danach wieder melden.
Es dauerte acht Wochen, bis ich mit meiner neuen Arbeit zufrieden war, und schickte alles erst wieder im Dezember 2011 an den Verlag.
Da ich nach drei Monaten immer noch keine Antwort bekommen hatte, wollte ich meine noch nicht gestartete Autorenkarriere an den Nagel hängen. Das wiederum ließ meine Freundin nicht zu und zwang mich nachzufragen.
WIE GUT, DASS ICH ES GETAN HABE.
Es stellte sich heraus, dass der Verlag sich geteilt hatte und meine letzte Email im Nimmerland verschwunden war. Britta Wisniewski bat mich, ihr mein Manuskript erneut zu schicken. Keine 24 Stunden später bekam ich von ihr die Zusage, sie wollte mein Buch veröffentlichen. Die eigentliche Arbeit konnte beginnen. Ich habe und hatte ein Komma-Problem! Sie bat mich, mein Buch noch einmal selbst zu überarbeiten. Ich nahm mir die Leseprobe, die ich an alle Verlage geschickt hatte, vor und arbeitete. Als ich damit durch war, wollte ich auch den Rest überarbeiten und stellte mit Erschrecken fest, dass die Datei auf meinem Laptop verloren gegangen ist. Ob aus Versehen gelöscht oder beim Verschieben verschwunden konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Ich bekam Panik, fürchtete, meinen Traum vom eigenen Buch nicht verwirklichen zu können. Bis mir meine Cousine in den Sinn kam, die die Datei von mir geschickt bekam (meine Mutter hatte zu ihrem Geburtstag das vollständige Manuskript ausgedruckt bekommen).
Ich bekam meine Datei wieder und konnte alles überarbeiten. Ich war glücklich.
Mittlerweile waren wir ein letztes Mal umgezogen. Wir wohnen seit Anfang Dezember in Dollern.
Von der Überarbeitung durch den Verlag bis zum Druck vergingen nicht ganz zwei Monate.
Mein Buch verursachte von Anfang an Chaos, erst war die Datei verschwunden, dann fehlten Satzzeichen und zum Schluss machte es bei der Auslieferung an mich einen Umweg über Bayern.

Anika Werkmeister, Wenn die Liebe anklopft. Traumstunden Verlag

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Die Idee, das Äußere dem inneren Seelenzustand anzupassen, gefällt mir gut.
Zerfetzt, schmuddelig, eine am Boden zerstörte Persönlichkeit - erschreckend, was eine geplatzte Liebschaft so bewirken kann.
Ich will jetzt gar nicht sagen, wie ich mich vor so etwas schütze - nur - die Geschichte regt dazu an, mal über den eigenen Wert der Liebe nachzudenken.
Keine Angst - das werde ich hier nicht tun, nur soviel - da geht ein Mädchen doch ganz ehrlich mit sich selber um - fein!
Danke, dafür.

schreibtalk hat gesagt…

Ich finde das auch sehr gut geschrieben, lieber James, danke für deinen tollen Komm.!

Rezi folgt - später :-)

LG
Elsa