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6. Dezember 2012

Laurent Bach, Mord auf Französisch

Ein toter Ex‐Geliebter wird zu Claude Bocquillons gefährlichstem Fall.
Sommer in Südfrankreich: Während sich das beschauliche Städtchen Anduze von seiner schönsten Seite präsentiert, muss Privatdetektiv Claude Bocquillon einen Fall lösen, der es in sich hat. Pascal Melot, mit dem ihn mehr als nur eine Freundschaft verband, ist auf grausame Weise ums Leben gekommen. Die Polizei will den Fall als Selbstmord zu den Akten legen, doch Claude gibt sich damit nicht zufrieden und ermittelt auf eigene Faust ...

Mit Mord auf Französisch ist Laurent Bach ein überzeugendes Debüt gelungen, das Spannung, Witz und französisches Flair vereint.

Leseprobe:

16. August

»Bitte, Monsieur Bocquillon, ich weiß sonst nicht weiter. Sie müssen mir einfach helfen!«
In diesem Moment nieste der Kater einen feinen Tröpfchenregen bis an die Fensterscheibe. Claude Bocquillon schrak auf und schüttelte den Kopf, bevor er das Gespräch fortsetzte.
»Ist das wirklich ernst gemeint?«
»Ja, natürlich. Sie machen doch solche Ermittlungen. Hier, ich habe nicht viel Geld, aber nächsten Monat und übernächsten, dann kriegen Sie noch mehr.«
Gegen die steinerweichenden Blicke seines neuen Kunden, der etwa zehn Jahre alt sein mochte, kam Claude nicht an. Er seufzte und betrachtete den zerknitterten 5-Euro-Schein, den der Kleine ihm entgegenstreckte. Einen Auftrag, der wenig Ehre und noch weniger Geld brachte, lehnte er eigentlich prinzipiell ab, doch dieser Junge setzte sein Vertrauen in ihn und damit lösten sich seine Prinzipien in Nichts auf.
»Du musst deinen Hund sehr gern haben, wenn du drei Monate auf dein Taschengeld verzichten willst.«
»Ja, das habe ich, Monsieur Bocquillon.« Der Junge nickte heftig.
»Hast du ein Foto?«
Der Junge zog ein portable aus seiner Hosentasche und zauberte ein Bild auf das Display: ein schwarz-weiß gefleckter Hund mit einem Stock im Maul.
»Das ist aber ein großer Jack-Russell.«
Sein Auftraggeber protestierte. »Quatsch, das ist ein Ratonero Bodeguero Andaluz.«
Claude hob beschwichtigend die Hände »Oh, pardon.«
Er erinnerte sich an den Hofhund seiner Kindheit. Nicht immer der gleiche, aber immer der gleiche Typ von struppiger Knurrigkeit. Er hätte für seinen Köter keinen Pfifferling gegeben. Da bemerkte er, dass sich Tränen in den Augen des Jungen festsetzten und – was schlimmer war – er ähnlich zu schnaufen begann wie der Kater. Claude fürchtete kein Handgemenge mit Ganoven in einer verlassenen Lagerhalle, doch die Gefühle des Jungen überforderten ihn. Er öffnete die Fensterläden und tröstete ihn unbeholfen:
»Na komm schon, erzähl mal, was passiert ist.«
Es gelang ihm tatsächlich, Geheule zu verhindern. Während der Junge nach Worten suchte, strömten mit der sommerlichen Morgenluft die Geräusche aus der Altstadt von Anduze ins erste Stockwerk hinauf: klappernde Absätze, Wortfetzen und Rufe, untermalt vom Plätschern des Brunnens auf dem Place Notre Dame, an dem das Mietshaus lag. Im Gebäude gegenüber lehnten sich zwei kleine Kinder gefährlich weit aus dem Fenster, um ihrer Mutter nachzusehen. Claude wandte schnell seinen Blick von den risikofreudigen Geschwistern ab. Sein neuer Kunde erzählte währenddessen, wie sein Hund ihm am vergangenen Nachmittag einfach in den Dampfzug gefolgt war. »Als ich in St. Jean du Gard ausstieg, war da ziemliches Gedrängel. Sie wissen ja, die Touristen.«
»Klar«, sagte Claude, der sich im Lauf der Jahre mit den sommerlichen Besucherströmen abgefunden hatte.
»Und da habe ich ihn nicht wieder gefunden. Vielleicht ist er mit zurückgefahren, aber zu Hause war er nicht. Und falls er in St. Jean oder am Bambuspark rausgesprungen ist, hat er sich jetzt bestimmt verlaufen.«
Nun liefen doch Tränen die Wangen des Jungen hinab und hinterließen helle Spuren auf der dreckigen Haut. Claudes portable auf dem Tisch vibrierte. Verwundert blickte er aufs Display und nahm das Gespräch entgegen.
»Hallo? ... Ich fass es ja nicht. Pascal, der erfolgreiche Makler? Was verschafft mir die Ehre? … Nein, ich bin nicht gereizt. … Nein, ich will die alten Geschichten nicht wieder aufwärmen. Was willst du denn jetzt? … Meinen Rat brauchst du? Das kostet aber. … Ja, erzähl es später, ich habe jetzt keine Zeit. … Also gut, ich warte dann auf deinen Anruf.« Er legte das Telefon fort. »Entschuldige, das war ein alter Freund.«
Claude klopfte seinem Kunden auf den Rücken. »Na, lass das Geld mal stecken.« Dafür kannst du dir ein anderes Haustier kaufen, dachte er, doch er sicherte zu: »Ich wollte heute ohnehin nach St. Jean. Und statt mit dem Rad fahre ich eben mit der Dampflok. Habe ich schon ewig nicht mehr gemacht.«
»Und dann?« Die Augen des Kleinen leuchteten hoffnungsvoll.
»Dann halte ich Ausschau nach deinem Ratero.«
»Ratonero«, berichtigte der Junge.
»Meinetwegen. Wie heißt er?«
»Jules.«
»Gut, nach deinem Jules.« Fürsorglich und kompetent, damit der Kleine kein Trauma fürs Leben erlitt, führte er ihn auf den Flur. Der Kater entwischte, doch Claude ließ ihn laufen. So konnte er wenigstens noch ein wenig warten, bis er das Katzenklo leeren musste.
»Ich melde mich, wenn ich mehr weiß. Deine Telefonnummer habe ich ja.«
Getröstet nickte der Junge und rannte die alte Holztreppe hinunter, während er am Geländer stand und ihm nachschaute. Die Sonnenstrahlen platzten in den Hausflur, als sein erster Kunde seit zwei Monaten gemeinsam mit der geflüchteten Samtpfote auf den Place Notre Dame hinaustrat.
»Dabei mag ich gar keine Hunde«, gestand Claude einen Augenblick später seinem Spiegelbild. Das Gesicht mit markantem Kinn und dunklen Augen machte keine Anstalten zu antworten. Als er prüfte, ob sich erste Fältchen blicken ließen, kam er zu dem Schluss, nicht mehr so oft Fahrrad in der prallen Sonne zu fahren – die Hitze schadete offensichtlich seinem Teint. Ein Grummeln in seinem Bauch erinnerte ihn an das Frühstück und unwillkürlich tastete er nach seiner Geldbörse, die leer an seinem Hintern klebte. Dann begutachtete er den Glanz seiner Schuhe und verließ das Haus mit leisem Bedauern, die fünf Euro nicht angenommen zu haben. Das Metallschild an der Wand war mit Taubendreck verunziert: »Claude Bocquillon, Ermittlungen aller Art«. War Vogelschiss nun ein böses oder gutes Omen? Aber Claude hatte noch nie etwas auf Omen gegeben und verspürte kein Interesse, nun, da seine Geschäfte praktisch am Boden lagen, damit anzufangen. Er seufzte, denn es kam ihm in den Sinn, dass seine Geschäfte so gut wie immer am Boden lagen. Trotzdem spuckte er in ein Papiertaschentuch und säuberte die Platte. Zuversichtlich und mit einer gewissen Lust glitten seine Finger über die eingravierten Buchstaben. Als das Metall endlich makellos im Licht blinkte, machte er sich auf den Weg in die Innenstadt. In seinem Stammcafé würde ihm schon jemand einen Kaffee und ein Croissant spendieren(...)




Der Autor

Laurent Bach, Jahrgang 1970, lebt in Westfalen. Nachdem er einige Jahre im Immobilien- und Baubereich tätig war, begann er erst spät mit dem Schreiben. Die Eindrücke, die er auf seinen zahlreichen Reisen nach Südfrankreich sammelte, fließen als Inspiration in all seine Geschichten ein. Mord auf Französisch ist der erste Kriminalroman des begeisterten Motorrad- und Kajakfahrers.

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