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16. Dezember 2012

Marion Zerbst, Wenn das Weihnachtskrokodil kommt

Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder und Erwachsene

Eigentlich hat das Krokodil überhaupt keine Lust dazu, mitten im Winter bei klirrender Kälte auf einem Rentierschlitten quer durch Europa zu fahren und Weihnachtsgeschenke zu verteilen. Viel lieber würde es faul am Nil herumliegen und dösen. Aber als sein Freund, der Weihnachtsmann, es um Hilfe bittet, kann es einfach nicht nein sagen. Der Weihnachtsmann hat vom vielen Geschenkestapeln furchtbare Rückenschmerzen bekommen und muss seine Weihnachtstournee deshalb dieses Jahr absagen. Ob das Krokodil wohl für ihn einspringen könnte?
Kein Problem, sagt das Krokodil. Denn optimistisch war es schon immer. Aber auf seiner Reise muss es dann doch bald feststellen, dass der Job des Weihnachtsmanns gar nicht so einfach ist. Alle Kinder haben Angst vor ihm und laufen davon – obwohl es immer die rote Mütze des Weihnachtsmanns trägt und sein gutmütigstes Lächeln aufsetzt. Und die Rentiere beschweren sich, weil der Schlitten mit den Geschenken überhaupt nicht leichter wird. Kurzum: Am Anfang geht alles, aber auch wirklich alles schief. Bis das Krokodil eines Tages auf eine geniale Idee kommt...


Leseprobe:

Wenn das Weihnachtskrokodil kommt...

An dem vertrauten kratzenden Geräusch, das aus dem Telefonhörer an sein Ohr drang, erkannte der Weihnachtsmann sofort, wer am anderen Ende der Leitung war: das Nilkrokodil. Es hatte sich wieder einmal nicht die Krallen geschnitten.
Er hatte das Krokodil im letzten Herbst auf einer Nil-Kreuzfahrt kennengelernt; es war immer neben dem Schiff hergeschwommen und hatte ihn ab und zu schüchtern angelächelt, wenn er an Deck stand. Eines Tages hatte der Weihnachtsmann sich ein Herz gefasst und das Krokodil einfach angesprochen; und von da an hatten die beiden an den langen Kreuzfahrt-Abenden, wenn die untergehende Sonne blutrot über dem Ufer des Nils hing und die Eiswürfel leise in seinem Cocktailglas klirrten, so manches tiefsinnige Gespräch miteinander geführt.
Heute kam ihm der Anruf des Nilkrokodils sehr gelegen. „Kannst du mir helfen und ausnahmsweise dieses Jahr für mich die Geschenke verteilen?“ fragte er es. „Mir geht es nicht so gut. Wahrscheinlich habe ich mich beim Sortieren und Stapeln der Pakete zu sehr überanstrengt; jedenfalls fuhr mir plötzlich ein stechender Schmerz in den Rücken, und seitdem kann ich mich kaum mehr bewegen. Natürlich ziehen meine Rentiere den Schlitten mit den Geschenken; aber verteilen muss ich sie selbst, und ich glaube nicht, dass ich das schaffe.“
„Ich könnte vorbeikommen und dir den Rücken massieren“, erbot sich das Krokodil und lächelte selbstgefällig auf seine scharfen Krallen herab. „Darin habe ich Erfahrung. Nach einer Massage von mir klagt eigentlich kaum noch jemand über Schmerzen.“
„Nein, nein, das ist nicht nötig“, wehrte der Weihnachtsmann hastig ab. „Ich komme schon zurecht – wenn du mir ein bisschen hilfst. Komm’ mich doch einfach besuchen; ich koche dir einen heißen Grog und erkläre dir, was du zu tun hast. Es ist gar nicht so schwierig. Frieren wirst du auch nicht, denn du bekommst meinen roten Mantel und meine rote Mütze, und wenn du willst, kannst du dir auch meinen falschen weißen Bart ankleben. Ich werde dich mit meinen Rentieren bekanntmachen; die ziehen selbst den schwersten Schlitten mühelos und finden den Weg zu den Häusern der Menschen im Schlaf, weil sie ihn schon so oft gegangen sind. Und vor dir werden die Kinder, die nicht artig gewesen sind, auch viel mehr Respekt haben als vor mir; ich sehe mit meinen vielen Lachfältchen und meiner Knollennase einfach zu gutmütig aus. So, und nun pack deine Sachen und mach’ dich auf den Weg; du hast eine weite Reise vor dir.“
Große Lust hatte das Nilkrokodil ja eigentlich nicht, sich zu verkleiden und den Weihnachtsmann zu spielen – und das auch noch bei klirrender Kälte –, aber es war im Grunde seines Wesens sehr gutmütig und konnte niemals nein sagen. Und den Weihnachtsmann hatte es damals gleich auf Anhieb in sein Herz geschlossen. Außerdem fühlte es sich, seit seine Frau es letztes Jahr wegen eines Alligators verlassen hatte und nach Florida gezogen war, manchmal sehr einsam. Die vielen Kinder, die sich über ihre Weihnachtsgeschenke freuten, würden es vielleicht auf andere Gedanken bringen. Also packte es kurz entschlossen seinen Koffer: die warme grüne Lederhose, die geblümte Krawatte, ein paar Straußeneier als Proviant, die Zahnbürste mit den weichen Borsten für morgens und die mit den harten Borsten für abends. Und sicherheitshalber steckte es auch noch jede Menge Zahnseide in sein Gepäck; denn sein Freund, der Krokodilwächter, der normalerweise nach jeder Mahlzeit herbeigeflattert kam und ihm geduldig die Essensreste aus den Zähnen pulte, hatte schon angekündigt, dass er es auf dieser weiten Reise auf keinen Fall begleiten konnte. Er musste seiner Frau beim Eierausbrüten helfen. Schließlich wollte er keinen Ehekrach riskieren, nur weil die Menschen da oben im Norden unbedingt Weihnachten feiern mussten. Am Nil gibt es kein Weihnachten, und die Menschen und Tiere schenken sich dort auch nur ganz selten etwas – denn am palmenbestandenen Ufer des breiten, tiefblauen Flusses, wo duftende Blumen wachsen und die Sonne pausenlos scheint, ist jeder Tag ein Geschenk.

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Ein so merkwürdiges Getränk, das so anheimelnd schmeckte und doch gleichzeitig scharf wie Feuer in der Kehle brannte, hatte das Nilkrokodil noch nie getrunken. Schwer atmend ließ es sich in einen Sessel sinken und lächelte noch breiter als sonst.
„Das ist Grog“, sagte der Weihnachtsmann und fügte erklärend hinzu: „heißer Rum mit Wasser – nicht zu viel Wasser natürlich. Aber du darfst nicht mehr als ein Glas davon trinken, sonst bringst du morgen vielleicht alle Geschenke durcheinander. Hier hast du meinen Mantel und meine Mütze; das mit dem Bart kannst du dir ja noch überlegen. Und zieh’ endlich die geschmacklose geblümte Krawatte aus – um diese Jahreszeit trägt hier niemand Blumenmuster.“
Nachdem es sich von dem Grog erholt hatte, half das Krokodil dem Weihnachtsmann, die Geschenke auf den Schlitten zu laden – echte Schwerstarbeit für ein Reptil, das normalerweise immer nur faul am Nil herumliegt und sich die Sonne auf den Rücken scheinen lässt. Nach drei Stunden war der Schlitten endlich voll beladen, und das Krokodil trank noch einen Schluck Grog, ließ sich ins Bett fallen und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Tag stand es schon im Morgengrauen auf, denn es hatte vor Aufregung kaum schlafen können. Über eine Dreiviertelstunde lang stand es vor dem Spiegel und übte das gutmütige Grinsen des Weihnachtsmanns. Es hatte auch schon mehrmals ausprobiert, ob es mit dem falschen weißen Bart nicht vielleicht doch weihnachtlicher aussah, war aber noch zu keinem Ergebnis gekommen.
Schließlich frühstückte das Nilkrokodil mit dem Weihnachtsmann, verabschiedete sich mit Tränen in den Augen von ihm und ging zu seinem Schlitten.
Die Rentiere schienen Angst vor dem Krokodil zu haben, denn sie behandelten es mit kühler Zurückhaltung und weigerten sich, es per Hufschlag zu begrüßen, wie das normalerweise unter Rentieren üblich ist.
„Ich beiße nicht“, sagte das Krokodil. „Ich sehe nur so aus wie jemand, der beißt. Aber dafür kann ich schließlich nichts.“
Auf der Schlittenfahrt pfiff ihnen bald schon ein recht kalter Wind um die Ohren. Das Krokodil fror trotz seiner warmen grünen Lederhose und beschloss, sich wenigstens für die Schlittenfahrt nun doch den weißen Bart des Weihnachtsmanns anzukleben – nicht, weil es sich mit Bart besonders überzeugend fand, sondern weil der Bart wenigstens ein kleines bisschen wärmte.


Rezension folgt ...


Die Autorin
Marion Zerbst ist Journalistin, Übersetzerin und leidenschaftliche Tierliebhaberin. Deshalb geht es auch in den Geschichten, die sie schreibt, fast immer um Tiere. Am liebsten schreibt sie über Krokodile – und über „Barry vom rauen Eck“, den Collie ihrer Kindheit, der mit seinen verrückten Ideen und Streichen elf Jahre lang die ganze Familie in Atem gehalten hat.

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zerbst@meditext-online.de


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