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Rezensionen

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29. Dezember 2012

Stefanie Marten, Auf der Suche nach mir



Eine unbekümmerte Kindheit durfte Stefanie Marten nie erleben. Im Alter von sieben bis 16 Jahren wird sie von ihrem tyrannischen Stiefvater missbraucht und ihre Mutter schaut weg. Als Stefanie Marten sich schließlich einem ihrer Brüder anvertraut, kommt es zu einem schrecklichen Streit, bei dem die Brüder den Stiefvater in Notwehr erschlagen.
Die Familie zerbricht und die junge Frau baut sich fern der Heimat ein neues Leben auf. Doch immer wieder muss sie schmerzlich erkennen, dass sie ihre schrecklichen Erlebnisse nicht vergessen kann. Erst Jahre später, als ihre Mutter einen Schlaganfall erleidet, beschließt Stefanie Marten, zu ihr zu fahren. Diese Reise ist zugleich eine Reise in ihre eigene Vergangenheit.
Stefanie Marten gewährt in ihrem Buch beklemmende Einblicke in ihre Kindheit und erzählt mit eindringlicher Klarheit, wie sie ihres eigenen Ichs beraubt wurde. Auf der Suche nach mir ist die aufwühlende Geschichte über eine gestohlene Kindheit und das berührende Buch einer Frau, die auf der Suche nach ihrer Identität ist. Als ihre Mutter zum zweiten Mal heiratet, beginnt für die siebenjährige Stefanie Marten ein Alptraum. Ihr Stiefvater tyrannisiert die Familie und missbraucht das Mädchen regelmäßig. Mit zwölf Jahren zeigt sie ihn an, doch ihre Mutter zwingt sie, die Anzeige zurückzuziehen. Das Mädchen erträgt die Übergriffe weitere Jahre, bis sie es nicht mehr aushält und einem ihrer Brüder davon erzählt die Situation eskaliert und es kommt zu einem heftigen Streit, bei dem die Brüder den Stiefvater in Notwehr erschlagen.
Jahre später lebt Stefanie Marten mit ihrem Mann und ihrer Tochter weit weg von ihrer Familie, zu der sie keinen Kontakt mehr hat. Ihre Kindheit hat sie hinter sich gelassen, so glaubt sie. Doch die alten Wunden brechen immer wieder auf, die Schuldgefühle lassen sich nicht dauerhaft verdrängen und Stefanie Marten sucht Vergessen in Tabletten. Nachdem ihre Mutter einen Schlaganfall erleidet, beschließt sie, zu ihr zu fahren und sich endlich ihrer Vergangenheit zu stellen.
Stefanie Martens Buch Auf der Suche nach mir ist das berührende Zeugnis ihrer Suche nach dem eigenen Ich, das sie so lange Zeit vorher aufgegeben hatte, um überleben zu können. Mit eindringlicher Klarheit erzählt sie ihre tragische Geschichte und macht damit anderen Opfern Mut, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, um sich von ihr zu befreien.


Leseprobe:

Auch nach so vielen Jahren habe ich mich noch nicht wiedergefunden. Alles, was ich bin, bin nicht ich. Ich musste lernen, nicht ich zu sein. Es ist ein fremdes Leben, welches ich lebe. Ich möchte gerne wissen, wer ich bin und wer ich geworden wäre. Ich würde so gerne wissen, ob ich mein Kind anders erlebt, anders erzogen und behandelt hätte, wenn ich ich gewesen wäre. Ich würde gerne wissen, ob ich den Vater meines Kindes anders behandelt, anders geliebt hätte. Und wie ich meinen jetzigen Lebensgefährten lieben würde. Vor allem aber würde mich interessieren, wie ich mit mir selbst umgehen würde, wie ich mich leiden könnte und wie ich geworden wäre, wenn ich ich wäre. Es lässt mir keine Ruhe, ich will wissen, wer ich bin. Auch wenn ich mich dadurch nicht mehr verändern kann, habe ich Angst, es nicht herausfinden zu können. Ich kann niemanden fragen. Der einzige Mensch, der es wissen könnte, der mich eigentlich genau kennen müsste, ist meine Mutter. Ich werde hinfahren, um sie zu fragen.

Nach dem Anruf beschließe ich, gleich am nächsten Morgen zu fahren. Ich frage mich, ob ich meiner Mutter von meiner Suche werde erzählen können. Doch ich glaube, selbst wenn sie mir helfen könnte, würde sie meine Fragen wahrscheinlich nicht verstehen oder nicht verstehen wollen.
Jetzt stehe ich vor dem Krankenzimmer. Und obwohl ich irgendwie mit allem abgeschlossen habe, aber eben nur irgendwie, kann ich das Zimmer nicht gleich betreten und lasse meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Karin den Vortritt. Ich bleibe an der Tür stehen, um mich zu sammeln und um stark zu wirken. Denn schon von hier aus kann ich sehen, dass es nicht mehr meine Mutter ist, nicht mehr die Frau, die ich kenne, nicht der Mensch, denn ich in Erinnerung habe, und schon gar nicht die Frau auf dem Foto, das ich trotz allem immer bei mir trage. Was ich sehe, ist eine alte, schwer kranke Frau mit kahlem Kopf, eingefallenem Gesicht, geschlossenen Augen, bewegungslos, schwach, mit Schläuchen im Körper und in Windeln gepackt.
Warum muss ich mich gerade jetzt daran erinnern, wie sie aussah, als mein Stiefvater zum ersten Mal zu uns nach Hause kam? Meine Mutter war groß und schlank. Jeden Abend drehte sie sich ihre halblangen blonden Haare auf Lockenwickler und ich fragte mich immer, wie sie so schlafen konnte. Bevor sie einkaufen ging oder Besuch erwartete, schminkte sie sich leicht. Ihren Lippenstift benutzte sie gleichzeitig als Rouge. Sie malte sich einen Strich auf die Wangen, den sie mit den Fingern gleichmäßig verteilte. Mit einem braunen Stift betonte sie einen kleinen Leberfleck auf ihrer Wange und dem Auge und zog sich die Augenbrauen nach. Wenn es klingelte, legte sie schnell ihre Schürze ab, warf noch einen kurzen Blick in den Spiegel und öffnete erst dann die Tür.
Wir waren damals schon sechs Geschwister.
Mein Vater war bereits 1963 an Tuberkulose verstorben. Er war gerade mal fünfunddreißig Jahre als geworden. Ich habe nur wenige Erinnerungen an ihn, genauer gesagt sind es nur zwei: Einmal spielte Papa mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Karin und ich war sehr eifersüchtig. Das letzte Mal sah ich ihn, als er von einem Krankenwagen abgeholt wurde. Er lag auf einer Trage und blutete aus der Nase. Wir Kinder schauten aus dem Fenster, bis er in dem Auto verschwunden war. Dann kam er nie wieder zurück. Ich wusste später nicht, ob ich damals traurig war und überhaupt begriffen hatte, was passiert war. Meine Mutter musste jetzt sechs Kinder allein versorgen. Kurt war mit elf Jahren der Älteste. Bernd war neun, Ralf sieben, ich fünf und Karin drei Jahre alt. Mein jüngster Bruder Achim war erst vierzehn Tage zuvor zur Welt gekommen. Später, als ich älter war, konnte ich mir vorstellen, wie schlimm das für meine Mutter gewesen sein musste und dass sie damals nicht damit rechnen konnte, mit sechs Kindern jemals wieder einen Mann zu finden.
Dieser neue Mann kam als Vertreter für Babynahrung in unser Leben. (...)

Die Autorin

Stefanie Marten wurde 1957 in Rheinland-Pfalz geboren. Mit 20 Jahren zog sie nach Berlin, machte eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, heiratete und bekam eine Tochter. Heute lebt sie mit ihrem zweiten Ehemann auf Bali.







Stefanie Marten, Auf der Suche nach mir. 
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf


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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Das schwerste Suche im Leben, ist die nach dem Ich.
Erst mal nur Bilder - sich widersprechend, ohne Zusammenhang - sie schaffen Verwirrung.
Suchen heißt Verbindung zwischen diesen Bildern zu schaffen - einen roten Faden zu finden - sie schlussendlich "begreifbar" zu machen.
Seelisches Gleichgewicht herstellen...
Was für ein Thema!
Danke, für die Vorstellung.

schreibtalk hat gesagt…

Was für ein schöner Kommentar, lieber James!

Danke herzlich,
ELsa

Margit hat gesagt…

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie viele Menschen sich finden und zusammenzuhalten um das Schweigen zum Thema "Missbrauch/Misshandlung" zu brechen! Ich danke allen "Opfern" und "Unterstützern" dafür, dass sie diesen Weg gemeinsam gehen.
Liebe Stefanie, danke dass ich an deinem Schicksal teilhaben darf!
In diesem Sinne "Niemand ist allein" (von Peter Maffay. Allen liebe Grüße und alles erdenklich Gute für das Jahr 2013!
Margit

Stefanie Marten hat gesagt…

Herzlichen Dank liebe Elsa, dass du mein Buch hier so ausführlich vorstellst!

James und Margit danke ich ebenfalls von herzen für ihren lieben Kommentar!

Ich wünsche Euch außerdem ein tolles, erfolgreiches Jahr 2013, vor allem aber wünsche ich Euch Gesundheit.

Eure Stefanie

schreibtalk hat gesagt…

War mir ein Bedürfnis, liebe Stephanie! Von Herzen alles Gute für dich!

ELsa