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30. Januar 2013

Andrea Weißerth, Das Irrlicht von Thaljádhim


Inhalt:
Auf einer kleinen Insel namens Bryher in Cornwall zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt ein Mädchen namens Deidre Pharell. Schon immer hat sie das Gefühl gehabt, dass sie etwas Wichtigeres tun muss, als lediglich vorteilhaft verheiratet zu werden. Eines Tages gerät sie in einen dichten Nebel und findet sich in einer völlig fremden Welt wieder, die ihr doch seltsam vertraut scheint. Hier begegnet sie Pedriú, dem Zauberlehrling und Treshmor, dem Barden.
Gemeinsam machen sich die drei auf eine abenteuerliche Reise quer durch das Land Thaljádhim, gejagt von den Häschern des üblen Fürsten Malurs, der über das Nachbarreich Arak herrscht. Auf ihrem Weg treffen sie auf neue Verbündete, wie Terraeos, den Eremiten aus dem tiefen und ungemütlichen Dorkenwald und den kleinen, frechen Feuerelfen Filio, der immer das letzte Wort zu allem haben muss und ihnen mehr als einmal aus der Patsche hilft.
Eine alte Prophezeiung erzählt von zwei Mädchen aus einer anderen Welt, die dem Lande Erlösung bringen sollen und lenkt die Schritte der Freunde. Können sie der Weissagung trauen? Oder ist diese so genannte Prophezeiung ein Blendwerk und lediglich eine Täuschung des Fürsten Malurs?


Leseprobe:

Die Wahl des Zauberlehrlings für ein Nachtlager war fast perfekt. Die Lichtung wölbte sich wie ein Teller mit sanft abfallenden grasbewachsenen Hängen, und der See, der die Lichtung einst völlig ausgefüllt und sich in vielen Jahren zurückgezogen haben musste, blinzelte wie ein verträumtes Auge in den sternklaren Nachthimmel.
Mitten auf der Lichtung stand die größte Dorke des gesamten Waldes, ein mächtiger Koloss mit glatter, wie poliert wirkender Rinde. Ihr spärliches Blätterdach überschattete dennoch die ganze Lichtung mitsamt dem kleinen See, auf dem Sterne glitzerten und Mondstrahlen trieben. Der Rand der Lichtung war von dichtem Dornengestrüpp umgeben, durch das man sich nur mit Mühe und Not durchkämpfen konnte, was einen unüberhörbaren Lärm verursachte. Vorsichtig bahnten Pedriú und Treshmor der taumelnden Deidre einen Weg, sorgsam darauf achtend, den natürlichen Schutz der Dornen nicht zu zerstören. Arg zerkratzt standen sie endlich auf einem weichen Grasteppich und blickten prüfend auf die schlafende Umgebung.
„Diese Lichtung bietet genügend Schutz für die Nacht, und am See können wir unsere Wasservorräte erneuern,“ stellte Pedriú fest. Misstrauisch blickte er sich um. Er hätte schwören können, die Aura eines bekannten Geistes zu spüren... Irgendetwas beharrte darauf, dass in diesem Wald sich jemand aufhielt, der... der... ja, was? ...Pedriú schüttelte den Kopf über diesen Gedanken und ging zum See.
Nachdenklich blickte er in die dunklen Wasser, betrachtete den glasklaren Grund und seine eigenen Gesichtszüge - und sah sein Spiegelbild verschwimmen, sah vor seinem geistigen Auge ein anderes Spiegelbild aus dem Hintergrund hervortreten... das einer Frau, ein schmales, ovales Gesicht mit schwermütigen dunklen Augen und fließendem Haar, feine Hände, welche seltsame, wundersame Gebilde aus dem Wasser formten, adamantene Gebäude, kristalline Gegenstände, vor langer, langer Zeit...
Ein Blatt segelte auf den Weiher und ließ zitternde Silberkreise die Oberfläche durchlaufen - das Bild verschwand. Pedriú schüttelte wiederum den Kopf und füllte seine Lederflasche. Treshmor beobachtete ihn mit einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht.
Deidre lehnte sich dankbar gegen den festen, harzig duftenden Stamm des Baumes und atmete schwer. Ihr war schwindelig, und ihre Stirn brannte. Ein trockener Husten kratzte in ihrer Kehle; sie räusperte sich. Plötzlich vernahm sie ein feines Stimmchen.
„He du! Sperr sofort deine blinden Augen auf und sieh nach oben! Schneeeell!“ Das letzte Wort wurde gebrüllt. Zuerst dachte das kranke Mädchen, es hätte einen Wachtraum - nicht den ersten und gewiss auch nicht den letzten. Müde blickte Deidre herum und sah die anderen beim Wasserauffüllen am See. Das Stimmchen zeterte:
Bist du taub? Die großen Ohren sind wohl nur zur Verzierung da, wie? Typisch thalisch! Beeile dich, sonst bin ich gewesen!“ Was anderes blieb ihr übrig, als nach oben zu sehen? Doch als sie das Wesen im Spinnennetz sah, vergaß sie ihre Mattigkeit und stand, ungläubig blinzelnd, auf.
Im größten Spinnennetz mit der größten Spinne, die sie jemals gesehen hatte, zappelte etwas, das auf den ersten Blick wie ein verformtes Glühwürmchen aussah. Auf den zweiten aber... Deidre rieb sich die Augen, doch das Bild blieb gleich. Eine Elfe! Himmel, was denn noch alles? Zauberer, Weltenverschiebungen...und nun noch eine Elfe.
Drucilla hatte ihr von Trollen, Elfen, Gnomen und Zwergen allerhand fabelhafte Geschichten erzählt, und Deidre hatte sich oft zu Hause im Garten ausgemalt, wie gelassen sie auf die Ankunft eines solchen Wesens reagieren würde - aber ihre Stimme schien anders darüber zu denken. Die junge Frau öffnete mehrere Male den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. Sie schloss die bebenden Lippen und sah den Elfen starr an, als hoffte sie, dadurch ihre Augen Lügen zu strafen. Ungerührt starrte der Kleine zurück.
„Ich weiß, ich bin eine große Schönheit, und den Blick von mir zu wenden ist schier unmöglich - aber könntest du dich endlich zur Hilfe aufraffen?“ nörgelte er und strampelte energisch, verzweifelte Blicke um sich werfend..
Er war nicht größer als Deidres Hand und hatte feine gezackte Flügel, welche, gelb in der Mitte, nach außen hin in ein tiefes Rot ausliefen. Seine Augen glühten wie Kerzenflammen, und der rote kecke Haarschopf war ein loderndes Feuer. Goldene Haut und leuchtend gelbe Bekleidung waren kaum auseinander zu halten, wären da nicht die leichten Verzierungen an Kragen und Ärmelaufschlägen gewesen. Ein leichter Schimmer von Licht und Wärme umgab seine feingliedrige Gestalt, doch schien er matt, ersterbend.
Deidre verkrampfte ihre Hände, holte tief Luft und rief: „Pedriú!“ Dann krümmte sie sich zusammen, als ein Hustenanfall sie beutelte und fiel schwer zu Boden. Der schmerzende Husten nahm kein Ende. Pedriú näherte sich hastig, gefolgt von Treshmor, der Deidre aufsetzte und ihr zu trinken gab. Mühsam sog sie das kühle Nass in sich.
„He, ihr Tölpel! Das ist die falsche Richtung für eine Rettung. Ich bin hier oben!“ Pedriú riss sich von Deidres Anblick los und sah nach oben. Ein ungläubiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ein Elf!“ Der Zauberlehrling rannte fort und kam nach ein paar Sekunden mit einem langen Ast zum Vorschein. Als er das Netz zerriss, plumpste der Elf in seine Arme, eingewickelt in einen kalten, klebrigen Kokon. Man hörte ein wütendes Zischen, als die riesige Spinne entdeckte, dass ihre Beute verschwunden war. Sie hangelte sich aus dem schützenden Astgeflecht in die Mitte ihres Netzes und fixierte den Zauberlehrling aus schwarzen Knopfaugen.
Schon wollte die etwa unterarmlange, bläulich-schwarz glänzende Spinne ihn angreifen, da hob Pedriú den Ast, zerstörte ihr Netz und schlug nach dem fliehenden Tier: ihr Biss war schmerzhaft, und ihr Gift brachte Thalíern ein heftiges Fieber. Betäubt fiel die Spinne herab - und floh dann in das nahe Gebüsch.
„Uff! Das wurde Zeit!“ seufzte der kleine, rot schimmernde Elf und strampelte sich aus dem Kokon heraus. Pedriú schüttelte den Kopf, ein ungläubiges Lächeln auf den Lippen.
„Ich dachte, Elfen seien vergangen vor langer Zeit...“
„Kleiner Irrtum. Das denkt ihr großen Tölpel nur, weil wir uns zurückziehen, wenn ihr einher getrampelt kommt. Außerdem leben wir Feuerelfen in den Feuerbergen - kein Ort für Thalíer. Dort wäre ich jetzt auch, wenn ich nicht auf der Durchreise hier eingefangen worden wäre.“ Der junge Mann musste wegen der kecken Art des Kleinen lächeln.
„Feuerberge… das klingt …wunderbar.“
„Ist es auch.“ Der Feuerelf begann, aufgeregt zu leuchten und erzählte mit schwärmerischer Stimme: „Ihr müsstet die Feurigen Springbrunnen sehen, die glühenden Tränen des Sísnurkirysk, die langsam zu Boden fließen oder hoch hinauf jubelnd in die dunklen Wolken schießen, leuchtenden Sternschnuppen und für einen Augenblick sogar den Dáridhaskh gleichen... der warme Wind, der die Brennende Stadt der Elfen sanft anhaucht und die tanzenden Rauchgeister, welche mit uns durch die Nacht zu den Heiligen Stätten gleiten...“ Der Elf schüttelte seufzend den Kopf und ließ traurig die Schultern hängen. „Es ist zu schön für meine erbärmlichen Worte, es zu beschreiben. Aber für Thalíer ist es eine tödliche Schönheit, das Meer Der Erdlichter mit eigenen Augen zu sehen...“ Schon allein die bloße Erinnerung belebte den Elfen sichtbar; sein Glühen wurde heller, verstärkte sich, und seine Stimme klang fest und keck.
„Wie heißt du, Elf?“ Pedriú hatte von diesem Augenblick an, da er den Kleinen so begeistert sprechen hörte, eine tiefe Zuneigung zu ihm gefasst.
„Fil-sí-kar’st-An-dorh, kurz Filio. Zu Euren Diensten. Wie es aussieht, stehe ich in Eurer Schuld. Diese widerlich große Restraspinne hat mich im Schlaf überrumpelt und mich mit ihrem heimtückischen Gift wehrlos gemacht - und ihr Panzer ist zu dick, als dass sie durch mein Feuer verwundbar wäre.“ Er schüttelte sich angeekelt und stieß die klebrigen Fäden in Pedriús Hand mit dem Fuß an. Pedriú ließ die glitschigen Spinnenfäden angewidert zu Boden fallen und sah besorgt zu Deidre hin, die gegen den Baum gebettet lag und schwer atmete. „Kannst du ihr irgendwie helfen?“ Filio sah sich Deidre genauer an, kreiste prüfend über ihr und kehrte dann zu Pedriú zurück.
„Sonnenfeuer! Das sieht böse aus“, meinte er schließlich und zuckte die Achseln. „Nein, da kann ich auch nicht helfen.“ Der Zauberlehrling wurde blass. Filio schien seinen Kummer zu spüren, denn er sah ihn mitfühlend an. Der Elf sah erst auf die unruhig schlafende Deidre, dann betrachtete er den niedergeschlagenen jungen Mann aus schlauen Augen.
„Ist sie deine Schwester? Du bist ja sehr besorgt...“
Pedriú wurde ärgerlich.
„Unsinn!“ fauchte er. Aber Filio grinste ihn bedeutend weniger ehrfürchtig als vorher an. Dann wurde seine Miene ernst.
„Tut mir Leid für dich.“
Pedriú lenkte ab: „Gibt es hier Khar’Jhenískh-Blätter, Sonnenmoos oder Voenilskh-Stengel , Filio?“
„Nein. Nichts was ihr für Grauen Husten oder Lungenentzündungen nehmen könntet, jedenfalls nicht hier,“ fügte der Elf hinzu. „Das nächste Heilkraut wächst tief im Wald, an geweihten Plätzen, die niemand betreten darf. Nur Angehörige des Alten Volkes dürfen das und auch von denen eigentlich nur die Alchara. Außerdem sind diese Plätze vor der Entdeckung durch Zauber geschützt.“
„Oh, Allmächtiger! Angehörige des ausgestorbenen Volkes...“ Pedriú hockte sich niedergeschlagen neben Deidre. Filio wollte noch etwas sagen, unterließ es aber. Schweigend sah er auf Pedriú, dann auf Deidre.
Treshmor hatte ein Feuer angezündet, das kaum rauchte, und saß im Schneidersitz neben der Kranken. Er hatte die Unterhaltung mitbekommen, aber er ließ sich nicht durch die ungewöhnlichen Ereignisse aus der Ruhe bringen - dazu war er viel zu tief in seinen eigenen düsteren Gedanken versunken, die mit einem See zusammenhingen - und mit Tod. Geistesabwesend strich seine Hand über die Harfe, und eine leise Tonfolge durcheilte die Luft. Schlaf senkte sich auf die Gefährten herab.
Der Elf setzte sich nach einer Weile in die Flammen und schlief. Einer nach dem anderen schlummerten Treshmor und Pedriú ebenfalls ein. Filio verbreitete auch im Schlaf ein gleichmäßiges, rotes Licht. Nur als er schlecht zu träumen begann, flackerte er in einem immer aufgeregteren Gelb und Orange. Er warf sich unruhig hin und her. Schließlich träumte er so wild, dass er mit einem Ruck erwachte. Er hatte geträumt, in den Myrtiodsee zu fallen... Er schüttelte sich bei der Erinnerung: wie gerne wäre er nun in den Feurigen Bergen, um sich wirklich wieder einmal richtig aufgewärmt zu fühlen! Aber dann hätte es niemand mehr in seiner Nähe ausgehalten, und sein Auftrag sinnlos.... er verbannte das Heimweh.
Es war tiefe, dunkle Nacht und nicht ein Strahl des bleichen Mondes drang durch das Blättergeflecht der Dorke, die ihre Äste schützend über Filio breitete. Er lag in der Asche, die nur noch leicht glimmte und ihn ein wenig an seine Heimat erinnerte. Als sich Filio aufmerksam umblickte, musste er lächeln. Die junge Frau hatte sich im Schlaf an Filios Retter gekuschelt und dieser hatte den Arm um sie gelegt, während der Ältere mit dem Rücken zu den Zweien lag. Was für ein friedvolles Bild. Aber warum hielt niemand Wache? Filio schüttelte tadelnd den Kopf. Der Dorkenwald war keineswegs harmlos...
Der Feuerelf reckte sich noch einmal und flog dann, so schnell es das Gewirr von Ästen und Blättern zuließ, als hell glühender Funke davon. Sein Licht beleuchtete das Dunkel nur spärlich, und wenn er heller glühte, so lief er Gefahr, den Wald in Brand zu stecken und so seinen Herrn zu erzürnen. Daher gab er acht, nicht wieder in eines der Netze der heimtückischen Restraspinne zu geraten, die ihre vorbei fliegenden Opfer mit einem durchsichtigen, klebrig-glitschigen Faden zu fangen pflegte und sie dann in ihrem Netz lebendig verspeiste.
Etwas raschelte im Gebüsch. Filio hielt neugierig inne und spähte in einen süß duftenden Herzanisstrauch. Glühende Augen leuchtenden auf, und ein Grollen erklang. Heißer Atem wehte Filio entgegen, und mit einem gewagten Satz brachte er sich aus der Reichweite des Dorkenluchses. Hinter ihm schnappten die Fänge der gefährlichen Raubkatze zu. Hastig wich er aus, da bissen die nadelscharfen Zähne ein zweites Mal zu, nur eine Haaresbreite von ihm entfernt. Dem Feuerelfen reichte das Spielchen mit der Wächterin Des Haines Der Flüsternden Blätter. Sie müsste doch eigentlich wissen, dass er ein Freund war.
Er drehte ihr eine lange Nase und pustete ihr einen Feuerball vor die Schnauze. Das große Tier jaulte erschreckt auf und verschwand mit einem langen Satz in der Dunkelheit.
Der Elf kicherte schadenfroh und huschte weiter. Er musste sich beeilen, um zu seinem Herrn zu kommen, bevor... Ha! Ein ekliges Spinnennetz! Er umging es vorsichtig. Nun kam er in die bewachte Region, die das Herz des Dorkenwaldes vor dem Zugriff des Bösen sicherte. Hier lebte der Eremit, Filios Herr.
Eine wachsame Stille herrschte hier, denn die Tiere und Pflanzen hielten Wache und lauschten nach Eindringlingen. Wie ein verirrter Funken tanzte Filios Licht durch die abwartende Dunkelheit, einsam und suchend. Der Elf wusste nicht zu sagen, wie viel Zeit verging. Entfernungen spielten im Dorkenwald keine Rolle. Wenn der Eremit es wünschte, so konnte man ihn nach wenigen Minuten erreichen, doch unerwünschte Eindringlinge konnten ebenso gut mehrere Wochen für die gleiche Strecke benötigen, ohne ihn zu finden; ja manchmal ohne aus dem Wald herauszukommen, wenn der Waldrand nur wenige Meter entfernt war.
Filio spürte die Präsenz des Eremiten schon aus großer Entfernung und flog rasch zu ihm. Der Eremit stand mitten im Wald zwischen allerlei fremdartigen, seltenen Gewächsen und sammelte Kräuter. Sanft berührte er ein schützend zusammengerolltes Blatt, welches sich unter seiner Berührung wohlig entfaltete. Eine winzige Blüte blinkte auf, mit einem kleinen Tautropfen wie mit einem Edelstein besetzt. Er lächelte liebevoll und erblickte beim Aufsehen den Feuerelfen. Freundlich grüßte er seinen kleinen Freund und Kundschafter.
„Filio. Was führte dich zu dieser Stunde hierher, und wer sind die Fremden an Aquatívhars See?“
Der Elf schwang sich auf die ausgestreckte Hand des großen Mannes, seltsamerweise ohne dass diese, wie sie es eigentlich hätte müssen, brannte.
„Ich weiß es nicht, Herr. Das Mädchen hat eine schwere Lungenentzündung oder zumindest Grauen Husten, der ältere Mann scheint eine Art umherziehender Barde zu sein, und der Jüngling rettete mir das Leben - er ist ein Feuerbändiger, Herr,“ meinte Filio nachdenklich. Der Einsiedler nickte langsam.
„Ja. Ich spüre die Kraft des Jungen. Sie scheinen friedlich... Filio?“ Filio leuchtete in einem aufmerksamen Orangerot.
„Sie werden angegriffen!“ schrie er. „Ich bin ihnen verpflichtet - ich muss ihnen helfen!“ und der Elf schoss aggressiv in Gelb leuchtend davon, eine Spur aus Funken wie eine Sternschnuppe hinterlassend.
„Filio, warte! Es wird ihnen geholfen werden!“ gebot der Eremit. Doch der Kleine war bereits verschwunden. Kopfschüttelnd folgte ihm sein Gebieter, um den Fremden zu helfen.
Aber er war beunruhigt. Die Feinde mussten etwas sehr Wichtiges vorhaben, wenn sie sich in den Dorkenwald wagten, denn es war bekannt, dass kein Feind im Dorkenwald toleriert wurde.
Was wollten sie nach all dieser Zeit?

Die ruhige Lichtung wurde Schauplatz eines mutigen und aussichtslosen Kampfes.
Fünf Häscher des Fürsten Malur standen in einem Halbkreis um Pedriú und Treshmor, die sich schützend vor Deidre aufgebaut hatten. Fünf weitere lagen tot auf dem Boden. Sie waren keine besonders talentierten Kämpfer gewesen und hatten sich von Pedriú und Treshmor durch Magie übertölpeln lassen. Ob noch mehr da waren, war allerdings fraglich.
Die anderen Häscher bewegten sich jedoch schnell, sehr schnell - und führten die Klinge mit einer unglaublichen Präzision und Eleganz. Beinahe wie schwarze Blitze tanzten sie mit komplizierten Schritten ihren grausigen Tanz...
Pedriú hielt einen Dolch in jeder Hand, und obwohl er wusste, dass es nicht viel helfen würde, war er nicht bereit, sich kampflos in sein Schicksal zu fügen. Treshmor hatte sein Schwert gezogen und versuchte, möglichst gefährlich auszusehen. Als Barde hatte er im Kämpfen kaum Erfahrung, aber ergeben würde auch er sich nicht. Zudem lag auf seinem Schwert ein Zauber, der den Bösen zusetzte. Deidre war bewusstlos.
Die Häscher ließen sich Zeit. Sie wussten, dass ihre Opfer nicht entkommen konnten. Die schwarzen Schwerter griffbereit, kamen sie immer näher, mit wiegenden, vorsichtigen Schritten. Plötzlich stürmten sie, wie auf ein Signal verabredet, auf das Trio zu.
Die Waffen klirrten, als sich drei auf Treshmor und zwei auf Pedriú warfen. Verzweifelt versuchte Pedriú, die schwarzen Kreaturen von der bewusstlosen Deidre abzuhalten. Der Ansturm der Schwarzen ließ ihn um einen Schritt zurückweichen, dann stand er wieder. Das Schwert des einen Häschers zuckte vor - Pedriú wich zurück, wehrte mit seiner Klinge gekonnt ab, streckte blitzschnell den Arm - stieß vorbei. Im selben Augenblick hieb er mit dem anderen Dolch nach dem zweiten Feind - dieser wich lässig zurück, das Schwert locker in der Hand.
Sie belauerten sich. Pedriús einer Gegner tänzelte gewandt um ihn herum und machte kleine Ausfälle und heimtückische Finten, reizte und forderte heraus wie ein eine Nadel schwingendes Insekt, um seine Schwachstelle herauszufinden. Sein Schwert schien überall und nirgends zu sein, schimmerte hier, blitzte kurz da, streifte, wurde abgewehrt... Keinen Augenblick ließ Pedriú ihn aus den Augen und wich der heimtückischen Klinge oft nur mit knapper Not aus. Doch der andere Häscher wartete seelenruhig darauf, dass der Anführer mit ihm fertig wurde. Plötzlich erkannte der junge Mann, dass der Schwarze nur mit ihm spielte! Sobald Pedriú ermüdete - und der Kampf somit uninteressant wurde -, würde sich auch der zweite Häscher auf ihn stürzen, um ihm den Garaus zu machen...
Wieder zuckte die gegnerische Klinge vor und ritzte Pedriús Hemd, einen heißen Schmerz auf der Haut zurücklassend. Eine oberflächliche Schnittwunde.
Er parierte mit seinem Langdolch und bemühte sich, das Schwert nach unten und dem anderen aus der Hand zu schlagen. Vergebens. Zornig zischte der Zauberlehrling, um sich gleich darauf mit bewundernswerter Schnelligkeit um sich selbst zu drehen. Sein Gegner war davon so überrascht, dass er mit dem erhobenen Schwert wie fest angewachsen stehen blieb. Mit einem feinen Singen beschrieb Pedriús Dolch einen blitzenden Kreis - und sauste auf das Schwert zu. Der heftige, Funken sprühende Aufprall schleuderte dem Schwarzen das Schwert aus der Hand und zwang ihn in die Knie. Aber sofort sprang er hinter der Waffe her. Seine ausgestreckten Finger schlossen sich um den Knauf - wie eine Klaue, die eine verhasste, aber dringend benötigte Droge umklammerte. Pedriú konnte ihn nicht am Aufheben des Schwertes hindern, denn der zweite Häscher war mit einer fließenden Bewegung an die Stelle seines Anführers getreten. Drohend hob er das Schwert.
Der Anführer rappelte sich auf und kam langsam auf die Kämpfenden zu. Sein von Binden verhülltes Gesicht verriet keine Gefühle, doch spürte der Zauberlehrling den Zorn und die Qual in dem Bewusstsein seines Gegenübers wie ein schwelendes, verzehrendes Feuer.
Abwartend umkreisten ihn die Feinde.
Treshmor keuchte und versuchte verbissen, einen gemeinen Schlag zu parieren, als ihn an seinem Schwertarm eine Klinge traf und sich tief in seinen Oberarm bohrte. Er schrie vor Schmerz auf und presste seine rechte Hand auf die heftig blutende Wunde, während er versuchte, trotz großer Erschöpfung auf den Beinen zu bleiben. Seine Taktik bestand weitgehend aus großflächigen, weit ausholenden Schwerthieben, mit denen er sich die Häscher vom Leibe halten wollte. Doch die Streiche wurden nach und nach immer weitschweifiger; es gelang ihm nicht mehr so gut, sich zu decken. Er hatte mit der Breitseite einer Klinge einen üblen Hieb über den Kopf erhalten. Seine Welt schien in einem Strudel aus wirren Bildern und zerhackten Bewegungen zu versinken. Ihm schwindelte.
Pedriú hatte inzwischen auch erheblich mehr Schwierigkeiten, sich gegen seine zwei Gegner zu behaupten. Er wurde langsam müde. Der Jüngling widmete seinem Angreifer zur Linken mehr Aufmerksamkeit. Mit einem geschickten Manöver schlug er seinem Gegner das Schwert aus der Hand, als ein jäher Schmerz durch seinen Oberschenkel fuhr und sich in ein Flammenmeer verwandelte. Sein anderer Gegner hatte den einen Moment der Unaufmerksamkeit ausgenutzt und Pedriú das Schwert tief in den Oberschenkel gebohrt. Plötzlich gab das verletzte Bein unter ihm nach, und er stürzte. Im letzten Moment gelang es ihm noch, sich auf sein anderes Bein zu stützen, so dass er in einer knienden Stellung weiterfocht.
Zwischen den Bäumen raste eine hellodernde Flamme im Zickzackkurs auf die Kämpfenden zu. Zwei der Häscher stürzten sich mit gezückten Schwertern auf die immer noch bewusstlose Deidre und wichen verwirrt zurück, als eine Flammenkugel sich vor ihnen aufbaute. Ausdruckslos musterten die Diener Malurs das lächerlich kleine Geschöpf, das sich ihnen in den Weg stellte.
„Ich glaube, ich muss euch Manieren beibringen,“ meinte Filio und hustete diskret. Funken stoben aus seinem Mund, fielen auf die Kleider der Diener des Dunklen Fürsten und setzten diese in Brand. Die Häscher heulten auf, versuchten erfolglos mit panischen Bewegungen die Flämmchen tot zu schlagen und torkelten in Flammen gehüllt zum See. Sie erreichten ihn nicht.
Der Boden verschlang sie einfach. Es sah aus, als wölbe sich ein Mund auf, dessen erdige, mit saftigem Gras bewachsene Lippen sich beinahe sanft um die Häscher schlossen, die in ihn hineingefallen waren. Dann glättete sich die Erde wieder, blieb unbewegt und ohne Falten. Es war das Unheimlichste, was Pedriú je gesehen hatte.
Dasselbe geschah mit den anderen drei Häschern, denen Pedriú und Treshmor immer noch verzweifelten Widerstand entgegen brachten, obwohl die beiden bereits aus mehreren tiefen Wunden bluteten und eigentlich keine Bedrohung für die Häscher darstellten. Gerade stürzten die Häscher auf sie zu, schlugen ihnen die Schwerter aus der Hand - da erzitterte die Erde. Die beiden Freunde stolperten, als vor ihnen ein Erdwall emporschoss, fühlten Gras über ihre erhitzten Gesichter streifen, doch nur für einen Moment - dann war vor ihnen nur glatter Boden, ohne Bruchstelle - ohne Häscher. Es wurde still im Wald.
Reglos und ungläubig starrten sie auf die Stellen, wo noch eben ihre Gegner gewesen waren. Sanft wogte dort in einem leichten Wind das hohe Gras. Niemand bemerkte den Eremiten, bis er schließlich vor Pedriú stand. Der Zauberlehrling blickte müde auf und musterte den hochgewachsenen Mann vor ihnen flüchtig, doch dessen Gesicht lag im Schatten einer großen Kapuze; und nur seine Augen waren wie eine prüfende, fragende Berührung zu spüren, als er die Eindringlinge betrachtete.
Der Fremde strahlte eine solche Ruhe aus, dass selbst die Luft um ihn herum zu schweigen schien. Seine Bewegungen waren sparsam, doch sicher und gelassen, wie ein hoher, kräftiger Baum, der im Winde sich leicht bewegt, doch nicht vom Sturm entwurzelt werden kann. Die bloße Anwesenheit dieses Fremden genügte, um Pedriús und Treshmors Gedanken zu beruhigen.
Der Zauberlehrling war zu erschöpft um Fragen zu stellen. Kurz blitzte die Frage in ihm auf, warum die Häscher ihnen ein so leichtes Spiel gemacht hatten, doch dann fühlte er sich nur noch müde und schwieg, während der Fremde die kleineren Wunden mit einer heilenden Salbe und ein paar Stofffetzen, die er aus seiner Ledertasche hervor kramte, versorgte.
„Friede sei Euch unter meinen Bäumen beschieden. Man nennt mich den Eremiten. Ich lebe hier. Kommt mit mir in mein Heim. Ihr habt Pflege nötig, besonders das Mädchen.“
Der Eremit band Pedriús Bein ab und strich eine bitter riechende Kräuterpaste auf ein großes Blatt, welches er auf die blutende Wunde legte. Sofort wurde der Schmerz zu einem dumpfen Pochen, wie wenn er aus weiter Ferne käme, und das Blut versiegte. Pedriú konnte sein Bein wieder belasten, wenn auch vorsichtig.
Nachdem er auch Treshmor notdürftig versorgt hatte, nahm der Eremit in seiner ruhigen, bestimmten Art Deidre auf die Arme und schritt mit ihr auf das Dickicht zu. Filio warf sich in die Brust.
„Na, was tätet ihr nur ohne mich!? Hätte ich nicht den Eremiten mitgebracht, wäre es um euch geschehen gewesen.“ Ohne ein Wort half Treshmor Pedriú auf die Beine und stützte ihn vorsichtig, als sie dem geheimnisvollen Mann folgten, welcher ohne ein Geräusch durch das dichte Unterholz schritt.
„Undank ist der Welten Lohn, wie das Alte Volk schon sagte. Ich rette euch vor dem sicheren Tod und das ist euer ganzer Dank? Nichts??“ zeterte Filio. „Aber ich bin es ja gewöhnt, wie Dreck behandelt zu werden“, winkte er ab. Nicht, dass mir das was ausmachte. Nein!“ Filio schüttelte übertrieben den Kopf. Aber er sprach bereits ins Leere. Leise vor sich hin brummend folgte der kleine Elf seinen neuen Freunden. (...)


Die Autorin
Geboren wurde ich in der Nähe von Straubing in Niederbayern im Jahre 1979. Doch lange hielt es meine Familie dort nicht. Durch den Beruf meines Vaters in der Bundeswehr sind wir alle Nase lang umgezogen und so habe ich schon an vielen Orten wie mitunter Hamburg, Den Haag in Holland, München, Berlin und auch Brüssel in Belgien gelebt. So wirklich zuhause angekommen bin ich nach insgesamt 13 Umzügen aber erst im Jahre 2011 im ostwestfälischen Verl, wo ich glücklich zusammen mit meinem Lebensgefährten lebe und mich rundherum wohl fühle. In der ländlichen Umgebung finde ich auch sehr viel Inspiration und Ruhe zum Schreiben.
Nach der Schule machte ich die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin und ließ mich privat im klassischen Gesang mit Schwerpunkt Operngesang ausbilden. Später fand ich besonders großen Gefallen daran beide Ausbildungen miteinander zu verbinden, wie beim Klavierunterricht oder Musikpädagogischen Konzepten.
Meine Leidenschaft mit dem Schreiben fing schon recht früh an. Schon als Kind schrieb ich kleine fantastische Geschichten und lebte in meiner eigenen kleinen Welt. Mit sechzehn begann ich die Arbeit an meinem Erstlingswerk „Das Irrlicht von Thaljádhim“, welches jetzt zum ersten Mal als Taschenbuch und als Ebook erhältlich ist. Für die Zukunft habe ich nicht nur die Fortsetzung des Irrlichtromans, sondern auch noch ein Kinderbuch zum Thema Mobbing, sowie einen Urban Fantasy Roman in Arbeit.

Homepage: ist in Arbeit


Twitter: @AndreaWeißerth (Andrea Weißerth)



Andrea Weißerth, Das Irrlicht von Thaljádhim

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