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Rezensionen

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24. Januar 2013

Margitta Luther, Mein Kinderheim: Eine Heimleiterin blickt zurück

Vorwort

Wer will das schon lesen; frage ich mich. Du konterst und schlägst vor, zu sagen, wer das lesen sollte.
Nun, ich will versuchen, die Problematik Heimerziehung gegenüber den leider gängigen zweifelnden Fragen, abwertenden Bemerkungen in die Beurteilung zu rücken, die sie verdient; und vielleicht so etwas wie einen „Aha- Effekt” zu erzielen.
Man kann nicht erwarten, dass die Leser wissen, was ein Kinderheim leistet. Es nimmt Kinder auf vorwiegend aus zerrütteten Familienverhältnissen. Sie fanden nicht die Geborgenheit und Anregung, die sie so dringend brauchten. Aus dieser Verlassenheit heraus zogen sie sich zurück, verweigerten die Kontakte, oder reagierten trotzig und aufmüpfig, liefen gar weg, lebten zum Teil auf der Straße oder in unsicheren Verhältnissen.
Dem neuen „Zuhause“, nämlich dem Heim, begegnen sie zunächst mit verständlichem Misstrauen; aber auch mit hohen Erwartungen.
Ich will darüber berichten, wie wir uns dieser komplizierten Problematik gestellt und ob und wie wir sie gemeistert haben in „meinem“ Kinderheim. Das ist keine wissenschaftliche Erörterung; hochtrabender Argumentation will ich mich enthalten. Ich werde einfach erzählen; und auch die Kinder selbst und meine Kollegen zu Wort kommen lassen. Der Leser soll sich einen Reim darauf machen.
Aber ich werde auch nicht die Schilderung der Umstände auslassen, unter denen wir uns bemüht haben. Heimerziehung ist ja vernetzt mit den verschiedensten Anspruchsgruppen. Das sind die Jugendämter; die Lehrer der Schulen, welche die Kinder besuchen; die Familien der Kinder, zu denen wir den Kontakt aufrecht erhalten oder wiederherzustellen versuchen; die Justizorgane, die gesellschaftliche Öffentlichkeit; und nicht zu vergessen die Träger der Einrichtung, von denen wir das Geld bekommen. Auf alle diese externen „Mitarbeiter“ sind wir angewiesen; und viel hängt von der Atmosphäre der Zusammenarbeit mit ihnen ab.
Für manchen Leser wird sicher von besonderem Interesse sein, ob und wie sich diese Einbindung im Verlaufe der Jahre verändert hat. Schließlich haben wir die politische Wende erlebt und als Einrichtung „überlebt“. Das war schon eine nahezu dramatische und abenteuerliche Zeit; hauptsächlich, was die Existenz unserer Einrichtung betrifft.
Trotz aller Unkenrufe und hochgespielten politisch-öffentlichen Aussagen hat sich allerdings unsere pädagogisch-inhaltliche Aufgabe wenig verändert. Ich bleibe davon überzeugt, dass Heimerziehung nur gelingen kann, wenn die Erzieher eine  Einstellung zu den Kindern haben, die von Zuwendung, Verständnis, Einfühlungsvermögen, Forderung und Achtung geprägt ist. Viel Geduld und hoher persönlicher Einsatz der Pädagoginnen und Pädagogen ist erforderlich, ehe sich der gewünschte Erfolg einstellt, nicht von Zauberhand , sondern durch das Freilegen von Kompetenzen der Kinder, die zuweilen verborgen liegen unter dem Schutt der vorangegangenen, mitunter unvorstellbaren Erfahrungen, die diese Kinder bereits machen mussten.
Von dieser berufsethischen Haltung sind wir in unserem Heim zu DDR-Zeiten ausgegangen; und wir haben sie beibehalten. Wir mussten dazu nicht aufgefordert werden, durch „moderne“ Auffassungen, die uns zur Kenntnis gebracht wurden. Ich hoffe, dass dieser eher „bruchlose“ Übergang in den Aussagen meiner Heimerzieherkollegen und der Kinder deutlich wird.

Ich schreibe dieses Buch in Gedanken an die Mädchen und Jungen, die im Laufe der Jahre in unserem Haus wohnten. Sie haben es ausgefüllt mit ihren Geschichten, mit ihrem Lachen und Weinen. Sie zeigten uns, dass es möglich ist, Schwierigkeiten zu bewältigen, an Selbstwertgefühl zu gewinnen, belastende biographische Erfahrungen zu verarbeiten. Sie bescherten uns ein vielgestaltiges Ineinander von Streit und Versöhnung, von Hänseleien und Verteidigung, von Nervenkrieg, Intrigen und Konflikten; kurz einen Kosmos von sozialen Beziehungen, durchsetzt von Momenten gelingender Freundschaft, guten Erlebnissen von Geborgenheit, Zusammenhalt, gemeinsamen Vorhaben, Sicherheit, Hoffnung und Zuversicht.
Möglicherweise gelingt es mir, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen, die es immer gab, wenn von Heimkindern die Rede war. Die meisten Kinder kamen und kommen mit erheblichen seelischen Verletzungen zu uns. Demütigungen und Isoliertsein kennen sie zur Genüge. Sie haben ihre eigene Strategie entwickelt, damit umzugehen, mit coolen Sprüchen, zur Schau getragener Gleichgültigkeit, Aggressivität. Doch wenn man genauer hinschaut, nimmt man die Traurigkeit und Hilflosigkeit in ihren Augen wahr, hervorgerufen durch permanente Verlustangst. Kinder, die in einem Heim leben, wollen kein Mitleid. Sie wollen geachtet und wahrgenommen werden wie andere Kinder auch. Ich denke dabei auch an viele Eltern und Großeltern, ohne deren Mithilfe so mancher Erfolg nicht möglich gewesen wäre.

Ich schreibe für unsere Freunde, die wir in den vergangenen Jahren hinter uns wussten, und die ihre Solidarität in schwierigen Zeiten mit uns bekundeten, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern, die gemeinsam mit uns um die Kinder gerungen haben; aber vor allem für die Heimerzieher, die diesen Beruf ausüben, der wie wenig andere einen hohen, oft an die Grenze der Belastungen gehenden Einsatz erfordert. Sie nahmen für die Ausübung ihres Dienstes Entbehrungen in Kauf, überzeugten ihre Partner, ein Einsehen zu haben. Sie konnten sich zahlreicher gelungener erzieherischer Hilfen erfreuen, waren aber genauso bereit, Rückschläge als Chance zu begreifen.

Ich schreibe für die Menschen, die sich als wahrhaft kinderlieb erwiesen haben; für die Lehrerinnen und Lehrer, die mehr als das Nötige tun, für unseren Förderverein, der als Träger der Einrichtung den außergewöhnlichen Mut hatte, das Haus zu kaufen, mit der Absicht, es aus- und umzubauen, für die Firmen und Institutionen, die uns zur Seite standen bei der Bereitstellung von Lehrstellen für Jugendliche des Heimes und unsere Bemühungen unterstützten, besonders als es um “Sein oder Nichtsein” des Kinderheimes ging.
Ich denke dabei an die Kinder – und Jugendhilfe Neuhausen auf den Fildern und dessen Leiter, der seine Kollegen zur Mitarbeit in unserem Förderverein anregte. Die gegenseitigen Besuche, der Gedankenaustausch und der freundschaftliche Kontakt waren für beide Einrichtungen ein  Gewinn.

Leseprobe

Mein letzter Arbeitstag

Auf den letzten Arbeitstag bist du nicht wirklich eingestellt. Er lag immer in weiter Ferne, aber dann trifft er dich mit voller Wucht. Genau genommen war es ja kein Arbeitstag. Es war die Verabschiedung aus einem langen Berufsleben. Wie am ersten Tag raste mein Herz. Damals lief ich beschwingt und immer etwas erwartungsvoll in mein Büro. Heute war das schon etwas beschwerlicher. Es sind viele Jahre vergangen, seit ich die Leitung des. Kinder-und Jugendheimes übernahm, und die 20 Jahre vor dieser Zeit in einem Jugendwohnheim für Mädchen waren auch nicht von Pappe.
Du glaubst gar nicht, was dir alles als Erinnerung in den Kopf schießt an diesem letzten Tag. Zum Beispiel der Termin damals bei dem Schulrat. Er forderte mich auf, die Leitung des Kinder- und Jugendheimes in Limbach- Oberfrohna zu übernehmen. Ich bat mir nicht einmal Bedenkzeit aus, sondern sagte zu. Hatte ich mich überschätzt? Aus heutiger Sicht sage ich, ja sicher. Etwas Übermut spielte dabei schon eine Rolle, aber im Nachhinein meine ich, dass es die Kinder auch hätte schlimmer treffen können; mit einer anderen Person. Jedenfalls traute man mir diese Aufgabe zu, und es war, wie man heute sagt, eine spannende Herausforderung.
In seiner Abschiedsrede schilderte der Vereinsvorsitzende die vormalige Situation treffend: „Auf der einen Seite die Welt einreißen wollen, und auf der anderen Seite doch ein wenig Angst im Bauch. Es sind inzwischen 24 Jahre vergangen, und man könnte heute sagen, kein bisschen älter“.
Wer diesen Beruf ergreifen will, dem kann ich da nur zuraten. Er ist beschwerlich, in seiner Art nicht wie jeder andere, aber er erhält jung.

Es war Bilderbuchwetter an diesem letzten Tag. Ich war überwältigt von der Mühe, die sich meine Mitarbeiter und die Kinder gemacht hatten. Die Diele und der Speiseraum waren festlich hergerichtet, überall kleine runde Tische mit weißen Decken und Blumen, der Parkettboden blitzblank, im Speiseraum mehrere Sitzreihen für die Gäste, ein Rednerpult und ein Platz für den Chor der Pestalozzi- Schule. Diese Atmosphäre habe ich immer geliebt. So musste es sein, wenn es etwas zu feiern gab, seien es die Jugendweihen, Schul- bzw. Lehrabschlüsse, Weihnachtsfeiern mit unseren Freunden, Feste mit den Eltern, die gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen vorbereitet wurden. Es war wichtig, dass jeder seine Aufgabe hatte. Über gemeinsame Vorhaben kann man den einzelnen am ehesten  erreichen.
Als ich an das Rednerpult trat, drehte sich für einen Moment alles im Kreis, beinahe wäre es mit meiner Beherrschung vorbei gewesen. Ich schaute in die Runde und war überrascht, wer da alles gekommen war. Es waren die Mitglieder des Fördervereines, Vertreter der Jugendämter, Schulen, Ärzte, der Oberbürgermeister, ein Mitglied des Landtages, ehemalige Kinder und Kolleginnen, Förderer und Freunde, Eltern und Großeltern von Kindern, Leiterinnen und Leiter anderer Jugendhilfeeinrichtungen, natürlich auch die Presse.
Der Oberbürgermeister sagte, ich hätte meine wichtige und großartige Arbeit in äußerst engagierter Weise getan und wäre sehr erfolgreich dabei gewesen. „Im täglichen Kontakt und Miteinander haben Sie dazu beigetragen, dass die damaligen Kinder und Jugendlichen heute ein selbständiges und erfülltes Leben führen“. Diesem Grußwort schloss sich unser  stellvertretender Vorsitzender des Fördervereines, Mitglied des Sächsischen Landtages, an und sagte: „Sie wussten, die Kinder und Jugendlichen brauchten einen besseren Start ins Leben und eine Wertevermittlung in jungen Jahren, um ein Ziel für ihr Leben zu erkennen und gemeinschaftsfähig zu werden. Man kann Ihre Arbeit nicht hoch genug schätzen“. Ich führe das hier an, weil solche Bemerkungen das Image der Heimerziehung aufwerten .Und wenn wir auf Erfolge zurückblicken können, so ist die Motivation der Motor dafür gewesen.

Es hatte sich also gelohnt, für die Kinder einzutreten, die keine Lobby haben. Ist es den Pädagogen gelungen, ein etwas anderes Bild von Heimerziehung in der öffentlichen Wahrnehmung zu vermitteln? Ich weiß, es gibt noch viel zu tun. Heimerziehung wird nach wie vor Klischees standhalten müssen derart, dass uns, den Heimen, die Schäden angelastet werden, welche die Kinder belasten oder belastet haben; und diejenigen zu übersehen, die man den Kindern antut, bevor sie zu uns kommen; meist viel zu spät und mit Problemen, denen nur schwer beizukommen ist.
Ich sehe Christian unter den Gästen. Er lebte mit seinen zwei Brüdern bei uns. Der allein-erziehende Vater war mit der Aufgabe überfordert. Es waren ja noch weitere Kinder zu Hause, und er arbeitete als Dachdecker und war viel unterwegs. „Unsere drei“ haben die Erzieher ordentlich auf Trapp gehalten, und es war schwer, ihnen Grenzen aufzuzeigen. Heute sitzt Christian mit einem Sträußchen hier und wird es mir gleich mit dem für ihn typischen verlegenen Lächeln überreichen.
„Mann, was Sie mit mir mitgemacht haben, war doch nicht normal“. Ich wusste, sein Leben war vor der “Einweisung” ganz und gar nicht normal. Seine Mutter war aufgrund ihrer Alkoholabhängigkeit erziehungsuntüchtig. Er und seine Brüder litten darunter, besonders aber Christian. Die Jungen erlebten im Heim zum ersten Mal in ihrem Leben ein Gefühl von Geborgenheit und die Erfahrung, angenommen zu werden.
Unwillkürlich musste ich daran denken, wie sie im Chor des Heimes mitgewirkt haben, den ich selbst leitete, für diese Unruhegeister kein leichtes Unterfangen, denn da war ich streng und unerbittlich. Aber sie kamen immer wieder, durften sogar Solo singen. Christian meinte, er habe sich im Heim immer wohl gefühlt, nur das regelmäßige Erledigen der Hausaufgaben ging ihm mörderisch auf den Geist. Wenn Frau W. gar mit ihm den Schrank aufräumen wollte, krachte so manche Tür. Er bemängelte außerdem, dass im Haus nicht geraucht werden durfte. „Aber das war schon richtig so“, lenkte er ein. „Sie waren streng, aber gerecht“. Er fand den Zusammenhalt im Heim große Klasse und wertete als besonders positiv, dass sein Erzieher ihn zu selbstbewusstem Auftreten ermutigt habe. Den letzten Schliff hätte er in der Außenwohngruppe bekommen. Die beiden Erzieherinnen, die dort arbeiteten, bezeichnete er als bombig. Es waren Annett und Karina, die „Begründerinnen“ der Außenwohngruppe, diejenigen, welche die konzeptionellen Grundlagen für diese Wohnform erarbeiteten.

Dieser mein letzter Tag war angefüllt mit ehrenden Worten, Blumen und Geschenken. Meine Nachfolgerin sprach von der Achtung und dem Respekt, mit dem ich den Erzieherinnen und Erziehern entgegengetreten sei, und dass ich in den Zeiten der Neuerungen nie die alten Wertvorstellungen in der Erziehung junger Menschen in Frage gestellt und mit ihnen jede noch so brisante Situation gemeistert hätte. Ehrlich gesagt, mit so viel Lob hatte ich absolut nicht gerechnet Du wirst fragen, warum schreibt sie das alles. Es ist die Einmaligkeit des Tages, es gehört zu diesem letzten Tag ganz einfach dazu, auf die Besonderheit der Arbeit hinzuweisen, die viele Leiterinnen und Leiter und vor allem die Heimerzieher in diesen Einrichtungen leisten. Ich sah mich ganz unmittelbar mit Schicksalen, Lebensläufen von jungen Menschen konfrontiert, die mich nicht loslassen; und auch mit meinen eigenen psychosozialen Erfahrungen; und genau das ist das Spannende daran.
Es freut mich, dass meine Tätigkeit auf eine solch enorme Resonanz gestoßen ist, obwohl es ganz bestimmt nicht immer einfach mit mir gewesen ist.

Wie konnte ich es so lange aushalten in diesem Beruf? Diese Frage wurde mir oft gestellt. Wenn ich heute darüber nachdenke, glaube ich, es war die Faszination und Hartnäckigkeit des Ringens um das einzelne Mädchen oder den einzelnen Jungen; und das hat jeder gespürt, der es mit mir zu tun hatte, ob Leiter der Schulen, die Familien der Kinder, Ärzte, meine Kolleginnen und Kollegen, sogar die Polizei. Da fällt mir ein Ereignis ein. Ich war noch nicht lange im Dienst. Es war Mitte der Achtziger, als zwei Polizisten bei mir vorsprachen. Zwei Jugendliche hätten am vergangenen Abend vor dem Kulturhaus einen Mann zusammengeschlagen und beraubt. Die Beschreibung der Täter, der eine groß und dunkelhaarig und der andere blond und kleiner, passte auf Jim und Uwe. Ein Kollege aus einem benachbarten Heim machte die Polizisten auf die beiden aufmerksam. Ehrlich gesagt, ich konnte mir vieles vorstellen, aber beide hatten gerade ihre Lehre begonnen, waren im Kinderheim gut integriert, junge Leute eben, wie sie in diesem Alter alle sind. Den beiden Beamten gab ich ohne zu zögern zu verstehen, dass die Jungen dafür nicht infrage kämen. Und ich sollte Recht behalten. Die „wirklichen Übeltäter” wurden am nächsten Tag überführt. Immer wieder musste ich an diese Begebenheit denken, auch heute am letzten Tag.

Unter den Gästen entdeckte ich  eine junge Frau. Ich erinnere mich an das zarte Mädchen, das damals mit weiteren drei Geschwistern von der Mutter weggenommen werden musste. Sie kamen in verschiedene Heime. Für Nicole war eine Welt zusammengebrochen, nicht allein, dass der Mutter das Sorgerecht entzogen wurde, die Trennung von den Schwestern war für das Kind unbegreiflich Wer kann den seelischen Schmerz des Kindes nachempfinden, die Ängste? Sie war erst acht Jahre alt. Ich habe bis heute ihre mit Blumen bemalten Briefchen aufgehoben, die sie mir abends durch die Tür geschoben hatte. Ich sollte mich freuen, wenn ich früh mein Büro betrat und ihre Grüße las. Am liebsten hätte ich sie damals mit nach Hause genommen. Gemeinsam mit dem Jugendamt suchten wir nach einer passenden Pflegefamilie. Es gab Kinder, denen das Bedingungsgefüge eines Heimes nicht wirklich half; bei 40 Kindern und wenigen Erzieherinnen und Erziehern kein Wunder. Nach dem ersten Besuch bei dem  jungen Ehepaar, welches das Kind zu sich nehmen wollte, reagierte Nicole verschlossen. Sie blickte uns mit großen Augen an. „Ich will nicht allein dort bleiben, ich habe doch noch Anja, Mandy und Silke“. Das gab sie auch den jungen Leuten zu verstehen. Und was soll ich dir sagen? Alle vier Geschwister fanden Aufnahme in der Familie, die sie später adoptierte. Immer wieder erlebte ich den starken Zusammenhalt von Geschwistern, den ich in einem weiteren Kapitel beschreiben werde. Nicole lernte Hotelfachfrau und arbeitete mit ihrem Partner in der Schweiz und in Österreich. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Die Gespräche im Anschluss an den offiziellen Teil begannen meist mit der Frage „Wissen Sie noch?“, ob nun von der Ärztin oder der Schulleiterin, von Mitgliedern des Fördervereines, von Handwerkern und Unternehmern. Es ging dabei immer um Begebenheiten mit unseren Kindern und um die Frage, was aus ihnen geworden ist. Meine Stellvertreterin gab mir in einem Brief, den sie mir in die Hand drückte, zu bedenken: „Das tägliche Arbeitspensum wird dir schon fehlen. Denn es kann ja auch Spaß machen, Dispute auszufechten, Streitereien zu bereinigen und Probleme zu lösen. Fast möchte ich wetten, dass es nicht lange dauern wird, bis sich bei dir Entzugserscheinungen äußern. Schließlich brachtest du deine ganze Person mit ein in dieses Haus. Du warst deiner Aufgabe mit Haut und Haaren verfallen. Du warst Heimleiterin aus Leidenschaft… ”. Sie hatte Recht; und ich gestand mir ein, dass man schon ein wenig verrückt sein muss, um das alles durchzustehen; und man immer wieder auf der Suche nach neuen Wegen sein muss.

Am Nachmittag konnte ich mich dann endlich mit den Kindern zusammensetzen. Sie hatten für mich ein „Plakat“ vorbereitet mit einem selbst verfassten Lied und mit Fotos, die sie meinem Mann aus dem Kreuz geleiert haben. Sie waren ungewöhnlich still, die Kinder, rückten an mich heran und wollten von mir wissen, ob ich nun nicht wiederkommen würde. „So einfach ist das nicht, ich werde paar Stunden wöchentlich kommen“. Kannst du dir vorstellen, was sich in meiner Seele abspielte?
Ich habe ihn förmlich plumpsen hören, den Stein von Patrick`s Herzen. Er war geistig behindert von Geburt an und lebte seit seinem 8. Lebensjahr bei uns. Inzwischen ist er 20. (...)




Die Autorin
Im März 1943 wurde ich geboren, mitten im 2.Weltkrieg. Meine Geburtsstadt ist Chemnitz, die 1945 fürchterlich zerstört wurde. Ich war noch nicht ein Jahr, da starb meine Mutter Ich wuchs bei Pflegeeltern auf, dem Bruder meiner Mutter und dessen Frau- in einem Dorf im Erzgebirge. Dort bin ich auch eingeschult worden. Das Lernen hat mir Spaß gemacht, besonders alles, was mit Schreiben zu tun hatte. Meine Pflegeeltern hatten nur wenig Zeit für mich. Sie hatten eine Konditorei und ein Café, das sie voll forderte. Anfang der 1950iger holte mich mein Vater in seine Familie nach Chemnitz. Ich war mit der neuen Situation total überfordert. Das Schreiben hat mich abgelenkt. Das zuständige Jugendamt hielt es damals für angebracht, mich in ein Kinderheim zu geben. Ich fand das spannend, denn ich habe mich immer für andere Menschen interessiert. Ich spürte, dass ich einen guten Draht zu den Kindern und Jugendlichen hatte. Von 1959-1961 besuchte ich die Erweiterte Oberschule. Ich träumte davon, Sängerin zu werden, war ich doch Solistin im Chor der Schule, für mich als Heimkind jedoch fast chancenlos. Ich hätte damals den Ehrgeiz haben müssen, der mich erst viele Jahre danach gepackt hatte. Ich ging mit der 10.Klasse von der Schule, lernte einen Beruf in der Textilindustrie, wohnte in einem Jugendwohnheim. Der Heimleiter bat mich darum, den Beruf des Heimerziehers zu erlernen. Ich nahm ein Studium am IfL Rochlitz auf, wurde Unterstufenlehrer und arbeitete als Erzieherin in diesem Jugendwohnheim. 1982 übernahm ich das Kinder-und Jugendheim in Limbach-Oberfrohna.
Es war mir ein Bedürfnis, über „mein Kinderheim“ zu schreiben, wohl wissend, dass auch in anderen Kinderheimen gute Arbeit geleistet wurde. Ich finde es wichtig, dass ich auf die schwierige, beglückende Aufgabe hinweise, insbesondere in einer Zeit, in der Kinderheime massiv unter Kritik geraten sind. Ich habe versucht, dem Leser durch die Mischung aus Erzählung von Prozessen und die Darstellung einzelner Kinderschicksale, den Zusammenhang von Theorie und realem Leben, näherzubringen.


Margitta Luther, Mein Kinderheim: Eine Heimleiterin blickt zurück


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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Margitta, das hast du schön beschrieben.
Es gibt - nach meiner Überzeugung ein Naturgestz - das heißt: "Sich mit etwas beschäftigen, führt zur Identifikation, damit."
Du hast dich beschäftigt und die Kinder, wurden ein Teil von dir.
Der Abschied ist um so schwerer, als du dich mit den Personen und deren Schicksal identifiziert (beschäftigt) hast.
Lange Zeit, lag deine Bemühung im Annehmen - nun ist es das Loslassen.
Jede Mutter kennt das - und eine solche, warst du für deine Kinder.
Das ist nicht selbstverständlich!
Dir, alles Gute und gutes Gelingen, bei der Umsetzung, dich nun deiner Selbst anzunehmen - das ist ein starkes Stück Reduktion, auf die eigene Person.
Dir, liebe Elsa vielen Dank, für die gelungene Buchvorstellung.
Gruß, James.

schreibtalk hat gesagt…

Danke, lieber James!