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26. Februar 2013

Annette Eickert, Ynsanter




Pfade des Feuers Teil 1


Klappentext:

Zanthera – Eine Welt der Mysterien – die Welt der Raukarii, Iyana, Menschen und Drachen.

Zwanzig Jahre nach ihrer Verbannung taucht Tallex – die verstoßene Tochter des Hohepriesters – wieder auf und sinnt nach Rache. Sie schart Verbündete um sich, darunter den mächtigen Nekromantenzirkel, um das gesamte Land ins Chaos zu stürzen. Aber der Klerus steht ihr im Weg. Denn niemand anderer als ihr Vater ist ihr ein Dorn im Auge, um ihr eigentliches Ziel zu erreichen: das Götterschwert Ynsanter. Mit diesem absoluten Machtsymbol könnte sie über das ganze Volk herrschen. Doch der Feuergott Zevenaar lässt sich von einer Sterblichen nicht vom Thron stoßen. Er benötigt das verschollene Götterschwert, um seine eigene alte Kraft zurückzugewinnen. Aus diesem Grund schickt er eine kleine Gruppe Krieger auf eine gefährliche Reise. Ihre Aufgabe ist es das zu tun, was dem Feuergott verwehrt ist. Dem Vorhaben stehen jedoch viele Hürden und Gefahren bevor. Als plötzlich auch noch die verschwundene Enkeltochter des Hohepriesters auftaucht, nimmt das Schicksal eine unerwartete Wendung.

Eine fantastische Reise für Jung und Alt, über wahrhaften Glauben, Liebe, Mut und Intrigen.


Leseprobe:

 
Geboren aus den Wirbeln der Zeit,
zu bringen Harmonie zwischen Chaos und Ordnung
und zu dienen der Schöpfung immerfort.

Geboren aus dem Feuer der Liebe,
das der Glaube hervorgebracht,
zu erringen den Beistand und die Zuneigung.
Doch verloren ist, was einst Hader erschuf,
und nun ist unbekannt der Ort.

Die Seele des Feuers ist erwacht.

Mächtige Geheimnisse führen durch Nebel und Dunkelheit,
getrieben in das Höllenreich des Augenblicks,
zu lernen, was es heißt – Leben und Tod.

Die Seele des Feuers brennt.

Doch geformt muss werden, was die Unendlichkeit verlor,
denn das Ende ist der Anfang,
zu führen alle gemeinsam ins Reich der Einigkeit.

Das Schwert des Feuers lebt.



Wolf im Schafspelz

Es war ein heißer Sommertag in der Hafenstadt Deir al-Bahri. Die Sonne stand im Zenit. Viele Raukarii flohen vor der ansteigenden Mittagshitze in ihre kühlen Häuser oder suchten Schatten unter den vereinzelten Bäumen. Einige Bewohner verbrachten diese Tageszeit auch gerne im Hafen. Die salzige Seeluft wehte von Westen angenehm erfrischend durch die vielen Docks, Kais und umliegenden kleinen Gassen und Häuserschluchten. An jenem Ort lungerten die finstersten Gestalten herum, vom Piraten, über Söldner, bis zum einfachen Matrosen und deren oft zweifelhaften Offizieren, sogar einige Kapitäne. Die feinen Bürger von Deir al-Bahri, die nicht sehr zahlreich waren, bewohnten das äußere Händlerviertel. Stadtwachen durchstreiften diese Gegend, doch auch unter ihnen gab es zwielichtige Zeitgenossen, deren Schweigen man sich ohne Weiteres für einige Edelsteine erkaufen konnte. So vermochten Halunken auch in der vornehmeren Gegend in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, ohne Gefahr zu laufen, mit einer Verhaftung – oder im schlimmsten Fall mit dem Tod durch den Strick – rechnen zu müssen.
Die beiden Kompagnons Haldnar und Iorel jedoch ließ diese Bedrohung kalt, sie hatten keine Angst vor den Stadtwachen. Sie kannten die Stadt und ganz besonders den Hafen wie ihre eigene Westentasche. Beide waren hier aufgewachsen und hatten über die Jahrhunderte eine gute Nase für spezielle Geschäfte entwickelt. Das war auch der Grund, warum sie in der glühend heißen Mittagshitze durch die Straßen zogen und eine ganz bestimmte Taverne ansteuerten.
Haldnar und Iorel waren Raukarii. Die Raukarii waren ein langlebiges Volk mit spitzen Ohren, brauner Haut, roten Haaren und bernsteinfarbenen Augen. Angehörige jenes Volkes waren in Zanthera als äußerst ausdauernd, agil, gerissen und vor allem als gefährliche und geschickte Krieger bekannt, was auf ihre streitsüchtige Vergangenheit zurückzuführen war. Sie sahen sich als das einzig wahre Volk, welches das Recht besaß, Zanthera für sich allein zu beanspruchen. Daher wunderte es keinen Raukarii, dass Leven’rauka – ihre Heimat – von Übergriffen der Menschen oder ihrer verhassten Feinde, den Iyana, verschont blieb. Allerdings dachte sowieso kein Bewohner der sehr weit südlich liegenden Handelsstadt an die Feinde im Norden.
„Bist du dir auch wirklich sicher? Ich will mich ja nicht beklagen, aber Llynmeh war schon immer geizig“, meckerte Iorel leise vor sich hin, während sie die Abkürzung durch eine Seitengasse nahmen, in der sie im Schatten der niedrigen Häuser beinahe unsichtbar wurden. Iorel war Haldnars Stellvertreter und Freund und machte keinen Hehl aus seiner wachsenden Skepsis. Sie befanden sich auf dem Weg zu einem Treffen mit einem Nekromanten. Diese kleine Gruppe Magier genoss zwar großes Ansehen unter den Schurken, war aber stets mit Vorsicht zu genießen. Nicht einmal die Aussicht auf eine gute Entlohnung half dieses Mal Iorels Zweifel auszuräumen.
Haldnar blieb stehen und sah seinen Freund, der einen Kopf kleiner war als er und dessen rotes Haar ungewaschen und lang über die Schultern fiel, scharf an. In der braunen Wildlederhose und dem beigefarbenen Baumwollhemd gab Iorel eine gute Figur ab. Sein Kurzschwert prangte am Gürtel, und einige Dolche hatte er in den Stiefeln versteckt, wie jeder, der ihn kannte, nur zu gut wusste. Iorel stand manchen Dingen gerne kritisch gegenüber, neigte jedoch im Gegensatz dazu, zu euphorisch zu sein. Die Freunde kannten sich schon ein Leben lang, hatten gemeinsam viel erlebt und vertrauten daher einander blind.
„Natürlich bin ich mir sicher, Volltrottel“, zischte Haldnar und lief augenblicklich weiter. „Llynmeh hat uns … oder eher mir … ein großes Ding versprochen, den Rest schaukle ich auf meine Weise.“ Damit war die Sache für ihn vorerst erledigt.
„Schon gut, hab’s ja nicht so gemeint“, gab Iorel klein bei, da er bei Haldnars Wutausbrüchen oft den Kürzeren zog, eilte ihm hinterher, schnaubte noch einmal beleidigt und beobachtete den anderen aus den Augenwinkeln.
Sein Freund bot mit den kurzen Haaren und dem stattlichen Körperbau ein beeindruckendes Bild. Er war geschickt im Umgang mit Waffen, besaß Köpfchen und hatte immer einen Plan in der Hinterhand. Im ledernen Waffengürtel um seine Hüfte steckte ein prächtiges Langschwert aus vielfach gehärtetem Stahl, verziert mit einem blauen Edelstein im Knauf. Es war Haldnars wertvollster Besitz, den er vor zwanzig Jahren einem tapferen Raukariikrieger bei einem brutalen Überfall vor den Toren der Stadt gestohlen hatte. Das war auch ein Grund, weshalb er es stets bei sich trug und selbst im Schlaf nicht ablegte.
Haldnar achtete nicht auf seinen Stellvertreter und marschierte unbeirrt weiter, diesmal einen Schritt schneller. Schon alleine sein Stolz ließ die Bemerkung nicht gelten, dass er sich in einem Geschäft geirrt haben könnte. Immerhin war er der Anführer der größten ansässigen Räuberbande Deir al-Bahris, und keiner seiner Schurken war bisher geschnappt worden. So sollte es auch künftig bleiben. Sie konnten zurzeit keinen Ärger gebrauchen, aber genau dieser war seit einigen Wochen ein ständiger Begleiter, was den Dieben noch den letzten Nerv raubte. Die Gruppenstärke der Stadtwache, die auf jeden Fingerzeig der Bewohner achtete und sofort zuschlug, war aus einem ihnen noch unbekannten Grund vergrößert worden. Das bedeutete für die Diebe, noch vorsichtiger vorgehen zu müssen als sie es ohnehin schon taten.
Der Nekromant, mit dem sie sich treffen wollten, war zwar ein guter Sozius, und die beiden Schurken trafen sich nicht zum ersten Mal mit ihm um Geschäfte abzuwickeln, aber Llynmeh war und blieb ein merkwürdiger Zeitgenosse, der keinerlei Späße verstand. Er gehörte dem geheimnisvollen Nekromantenzirkel der Stadt an. Dort wurden abnorme Dinge getan, von denen niemand etwas Genaueres wissen wollte. Aber dieser Geheimbund entlohnte außerordentlich gut für gestohlene Ware und nur das zählte letztendlich.
Die Hafenstadt Deir al-Bahri war nicht nur die erste Anlaufstelle für Banditen, sondern besaß auch die beste Magierschule des Landes. Raukarii aus weit entfernten Ecken von Leven’rauka kamen hierher, um Bannzauber, Beschwörungen, Illusionen, Verwandlungen oder ganz besondere Bereiche der Magie bis zur Perfektion zu studieren. Nur eine Form der Zauberkunst wurde nicht gefördert und vor allem nicht geduldet: Nekromantie, die Kunst Leben zu manipulieren, zu erschaffen und zu zerstören. Unablässig und mit aller Härte wurden jene Magier, die diesen dunklen Pfad betreten hatten, aufgespürt und bestraft, entweder mit lebenslanger Verbannung oder mit dem Tod. Jedoch gingen einige bei ihrer entarteten Kunst so geschickt vor, dass man ihnen kaum etwas nachweisen konnte. Genau diese Nekromanten hielten sich bevorzugt und in aller Heimlichkeit im Hafenviertel auf. Die hier vor Anker liegenden Koggen, Schoner und Dreimaster kamen vom Norden und von den Inseln im Süden Leven’raukas und brachten außergewöhnliche Dinge für spezielle Experimente oder den täglichen Gebrauch mit, hin und wieder sogar billige Sklaven, die zuweilen unerlässlich für ihre Arbeit waren.

Nach einigen Minuten Weg durch die Gassen saßen Haldnar und Iorel dem Nekromanten an einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke der Taverne Zum Spielmannsfluch gegenüber. Trotz des Sonnenscheins draußen waren die Fenster verhängt und der Raum aufgeheizt durch das Küchenfeuer. Sie kauerten über drei Bechern billigen Weißweins, und Llynmeh berichtete leise, weswegen er die beiden hergebeten hatte.
„Die alte Hexe Myrvoda ist diesmal zu weit gegangen“, informierte sie Llynmeh. „Sie hat unserem Anführer einen kostbaren Gegenstand gestohlen und mit Vergeltung gedroht, wenn jemand aus unserem Zirkel dieses Objekt zurückholt. Doch hat sie nichts dazu gesagt, was passieren würde, wenn jemand anderes ihn ihr wieder unter der Nase wegstiehlt. Das bringt mich nun zu euch.“ In Llynmehs Stimme lag eine gewisse Anspannung. Die Kapuze seiner dunklen Robe hatte er tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Verhandlungspartner das spöttische Lächeln nicht sahen.
Llynmeh war ein Raukarii mittleren Alters und für sein Volk von außergewöhnlich hoher Statur, größer noch als Haldnar. Er hatte lange dürre Finger und stets einen grimmigen Gesichtsausdruck, welcher ihm frühzeitig tiefe Falten um die Augen herum beschert hatte und seinen Blick noch jähzorniger erscheinen ließ. Nur wenige kannten sein wahres Gesicht, denn meistens starrten nur zwei arglistig funkelnde Augen aus dem Schatten seiner Kapuze sein Gegenüber an. Ein eigenartiger Geruch von Moschus und Weihrauch begleitete ihn ständig.
„Wenn ich das richtig verstehe, soll dieser Gegenstand zurückgeholt werden, und zwar von einem Raukarii, der kein Magier ist?“, hakte Haldnar nach.
„So ist es“, entgegnete Llynmeh kühl. „Myrvoda ist unserem Anführer schon länger ein Dorn im Auge, obwohl ihre Macht unserer weit unterlegen ist. Aber mit Hexenmeistern sollte man dennoch vorsichtig sein, wie uns der jüngste Vorfall gezeigt hat. Myrvoda ist verschlagen und kramt in Dingen herum, von denen sie besser die Finger lassen sollte. Und wie ich schon sagte, hat sie diesmal ihre Nase zu tief hineingesteckt.“
„Dafür muss aber einiges für mich und meine Jungs rausspringen“, gab der Bandenführer sofort zu verstehen und erhaschte in den Augenwinkeln ein bestätigendes Kopfnicken Iorels.
„Ihr besorgt mir das Artefakt und erhaltet vom Zirkel zwanzig Säcke Edelsteine. Keine Halbedelsteine, sondern die kostbaren. Das müsste als Belohnung genügen“, erklärte Llynmeh ohne Umschweife. „Außerdem könnt Ihr euch nehmen, was ihr bei der alten Hexe findet, solange ihr mir das Artefakt bringt.“
Was Haldnar und seine Männer dort finden würden, konnte ohnehin kaum von Belang für den Magier sein, und Edelsteine besaß der Nekromantenzirkel reichlich, nur der gestohlene Gegenstand musste dringend wiederbeschafft werden. Am Ende würde eine große Belohnung seines Meisters auf ihn warten und alleine das zählte.
„Die Bezahlung klingt vernünftig“, befand Haldnar, schaute dabei zu Iorel und erinnerte ihn mit einem Fußtritt unter dem Tisch an ihr vorangegangenes Gespräch. Sein Freund nickte und blickte anschließend beschämt in den Weinbecher. Die Entlohnung war mehr als ursprünglich angedacht und absolut ausreichend.
„Jetzt sagt mir aber zuerst, um was für ein Artefakt es sich handelt, bevor ich mich auf Euer Geschäft einlasse!“ Haldnar verspürte kein großes Verlangen danach sein eigenes Verderben heraufzubeschwören. Immerhin raubten er und seine Männer nicht jeden Tag eine Hexe aus, die den Gerüchten zufolge sehr viel Macht besaß.
„Es handelt sich um einen Ring, aber nicht irgendeinen x-beliebigen. Er besteht aus Silberarcharid, welches in den Minen des Brin-Krian Gebirges abgebaut wird“, erklärte Llynmeh und beobachtete den Bandenführer, der selbstverständlich nicht wusste, was daran so außerordentlich war. Um die Wichtigkeit des Ringes noch weiter hervorzuheben, fügte der Magier verschwörerisch hinzu: „Silberarcharid sieht aus wie Silber und ist doch härter als Stahl. Dieses Metall eignet sich gut für Beschwörungen aller Art und wird häufig für starke Magie benutzt. Unser Anführer hat dieses Schmuckstück mit einem Zauber belegt, der für uns Nekromanten sehr wertvoll ist. Zu erkennen ist er an den eingravierten Runen rundherum, und im Dunkeln leuchtet er leicht grünlich. Mein Führer will ihn wieder, koste es, was es wolle. Das heißt für euch, ihr steigt in Myrvodas Haus ein, findet das Artefakt und bringt es anschließend auf schnellstem Weg zu mir. Sind wir uns einig?“
„Die restliche Beute gehört mir?“, fragte Haldnar vorsichtshalber noch einmal nach.
„Ja“ Der Magier nickte und seine funkelnden Augen blitzten unter seiner Kapuze hervor.
„Dieses Ding scheint euch Nekromanten tatsächlich sehr wichtig zu sein. Mir sind die Edelsteine wichtig. Daher denke ich … wir sind uns einig. Maleas Hände sind begnadet für Diebstähle aller Art“, scherzte Haldnar und prostete Iorel zu, worauf beide ihre Becher in einem Zug leerten und der Nekromant sich ihnen anschloss.
„Wie geht es der hübschen jungen Dame eigentlich?“, erkundigte sich Llynmeh nach Malea. Heimlich hatte er ein Auge auf das viel jüngere Mädchen geworfen, das er schon einige Male mit Haldnar und seinen Männern angetroffen hatte.
„Sie ist groß geworden und ähnelt von Tag zu Tag immer mehr einer erwachsenen Frau, dabei ist sie erst zwanzig Jahre alt. Ihre Mutter scheint wohl einst eine attraktive Raukarii gewesen zu sein, und meine Naynre bringt Malea alles bei, was sie wissen muss.“
„Vielleicht ergibt sich ja bald eine günstige Gelegenheit sich mit ihr alleine und in meinem Schlafzimmer zu treffen“, sagte Llynmeh und sein Lachen klang dabei kalt und berechnend.
Iorel schluckte. Die anzüglichen Worte ließen ihn automatisch verkrampfen, denn er wusste, der Magier meinte es todernst.
„Ich glaube nicht …“, warf Iorel ein, brach jedoch abrupt ab, als Haldnar ihm einen heftigen Tritt gegen das Schienbein verpasste und böse anstierte.
„Meine Kleine wird sich bestimmt freuen“, meinte Haldnar und lächelte. Ob er mit diesem Angebot nur einen Scherz gemacht hatte oder sich doch gewisse Vorteile ausmalte, konnte keiner der anwesenden Raukarii in jenem Moment sagen. Aber eines wussten sie: Haldnar konnte genauso skrupellos und unberechenbar sein wie der Nekromant.
„Ich habe noch einen Rat für Euch“, meldete sich Llynmeh zu Wort und kam zurück zu ihrem Geschäft. „Schlagt in drei Tagen zu. Dann ist Neumond. Kein verräterisches Mondlicht wird Euch bei eurem Auftrag behindern.“
„Ich werde es mir merken“, bestätigte Haldnar und bestellte mit einem Wink bei einem Schankmädchen nochmals drei Becher des billigen Weins. „Die Rechnung geht auf mich, denn wir sollten feiern. Und vielleicht können wir uns ja im Bezug auf Malea einigen.“
Die Antwort des Nekromanten bestand in einem versöhnlichen Grinsen und anzüglichen Gedanken, während Iorel unter dem Tisch die Hände zu Fäusten ballte.

„Niemals wird mich dieser ekelhafte Kerl anfassen!“, schrie Malea aufgebracht. Vor Wut zitterte sie am ganzen Körper und starrte Haldnar an, als würde sie ihn auf der Stelle mit ihrem Kurzschwert aufspießen wollen.
„Du wirst tun, was ich dir sage und nichts anderes!“, gellte Haldnar zurück und kam bedrohlich einen Schritt auf Malea zu. Seine Stimme echote von den Felswänden der Höhle, die der Diebesbande als Unterschlupf diente.
„Niemals!“, tobte die junge Raukarii, stapfte dabei trotzig mit dem Fuß auf und hielt dem Blick des Bandenführers stand. Sie war immer noch Malea und ließ sich von niemandem, nicht einmal von Haldnar, vorschreiben, wen sie zu treffen hatte und wen nicht.
„Wir werden noch sehen, Mädchen“, entgegnete er streng und verpasste Malea eine schallende Ohrfeige, die ihr die Tränen in die Augen trieb.
Zuerst entsetzt, dann wutentbrannt und enttäuscht spuckte sie ihm ins Gesicht, drehte sich um und rannte in Richtung Ausgang davon. Ihr Weg führte Malea an fünfzehn verdutzten Gesichtern vorbei, die den Streit unauffällig aber aufmerksam verfolgt hatten. Manche unterdrückten ein Schmunzeln. Sie tranken weiter ihren billigen Fusel, saßen um mehrere Feuerstellen herum, erzählten oder spielten Karten miteinander. Malea achtete auf keinen von ihnen, sie benötigte dringend frische Luft, um das Gesagte überhaupt begreifen zu können. Sie wollte einfach nur weg, weg von Haldnar, der sie zu etwas zwingen wollte, was sie verabscheute, aber vor allem weg von ihm, weil er sie geschlagen hatte.
„Du bist so ein Idiot!“, schimpfte eine Frauenstimme. Naynre trat aus einem Seitengang in die Haupthöhle und funkelte ihren Geliebten böse an. „Was hast du dir dabei eigentlich gedacht?“
Haldnar wollte bereits antworten, wurde aber von einem warnenden Zeigefinger zurückgehalten. „Du hast überhaupt nicht gedacht, das ist es! Malea ist noch viel zu jung und außerdem werde ich nicht zulassen, dass du unsere Tochter einfach an irgendwen verschacherst und ganz besonders nicht an so einen widerlichen Möchtegern, der dem Schatten dient. Beim nächsten Mal sauf nicht zu viel und versuch dein Gehirn einzuschalten, bevor du sprichst. Ich lasse es nicht zu, dass Malea diesem Magier auch nur einen Schritt näher kommt als nötig. Und wenn es dir nicht passt, dann kannst du was erleben!“
„Sie ist deine Tochter“, korrigierte Haldnar sie. „Du hast sie adoptiert, nicht ich. Trotzdem ist Malea ein wertvolles und vollwertiges Mitglied unserer Bande, und weil ich der Anführer bin, wird sie tun, was ich ihr sage. Punkt.“
„Dann werde ich dir jetzt mal etwas sagen“, schnaubte Naynre, kam näher und verpasste ihm eine Ohrfeige, die ihn verdutzt innehalten ließ. „Bevor du weiter mit diesem Llynmeh Geschäfte machst, habe ich in Zukunft ein Wort mitzureden. Du entschuldigst dich später bei Malea und wenn nicht, dann werde ich eigenhändig deine Männlichkeit den Wölfen zum Fraß vorwerfen, verstanden?“
Anschließend machte Naynre auf der Stelle kehrt und folgte ihrer Tochter verärgert in die sternenklare Nacht hinaus.
Zurück blieb ein sprachloser Haldnar, der keine Widerworte fand und seiner Frau deshalb mit offenem Mund nachschaute. Auf der einen Seite sah er seine Vorteile, wenn er sich mit dem Magier auf das Geschäft mit Malea einließ, auf der anderen Seite wusste er auch, dass seine geliebte Naynre nur Recht hatte. Das jüngste Mitglied seiner Bande war äußerlich eine junge Frau, aber innerlich immer noch ein Kind. Erst in achtzig Jahren würde sie als erwachsen gelten, ganz egal wie sie auf andere wirkte. Mit diesen Gedanken ging er schließlich zu Iorel, um gemeinsam den genauen Ablauf des Überfalls zu planen und vielleicht in Bezug auf Malea noch eine andere Lösung zu finden. Die lachenden Bandenmitglieder ignorierte er geflissentlich.

Naynre trat ins Freie und das leise Schluchzen drang an ihre Ohren, bevor sie Malea unweit auf einem Felsen sitzend vorfand, die Hände schützend vor dem Gesicht und zitternd. Als Malea Naynres Schritte wahrnahm, hörte sie sofort auf zu weinen und wischte sich das nasse Gesicht mit ihrem Hemdsärmel trocken. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter sie so sah, doch noch mehr Tränen suchten sich einen Weg in ihre Augen.
„Hier bist du, ich habe dich schon gesucht“, sagte Naynre sanftmütig, setzte sich neben Malea und legte ihr einen Arm um die Schultern, um sie fest an sich zu drücken.
„Ich werde niemals tun, was Haldnar sagt, vorher springe ich ins Meer…“, ließ die junge Raukarii ihrem Kummer freien Lauf.
„Das wirst du schön bleiben lassen. Und wenn einer Ärger bekommt, dann ist das Haldnar, und zwar mit mir. Das wird er nicht riskieren, glaub mir.“
Maleas Kopf ruckte nach oben und starrte überrascht in das Gesicht ihrer Mutter, in dem sich ein liebevolles Lächeln abzeichnete.
„Wieso verlangt Haldnar so etwas?“, fragte Malea schluchzend.
„Weil er mal wieder nicht nachgedacht hat“, beruhigte Naynre sie und beobachtete die leuchtenden Sterne am Nachthimmel. „Vergiss die Sache mit Llynmeh einfach, und für ihn wird es auch gesünder sein, wenn er nicht mehr daran denkt, dafür sorge ich. Doch in letzter Zeit war es nicht leicht für Haldnar. Er ist angespannt. Die Lage in der Stadt hat sich sehr zu unserem Nachteil entwickelt. Das verkraftet er nicht so leicht, fürchte ich. Weißt du, er liebt dich als Tochter genau so sehr, wie du ihn als deinen Vater liebst. Er kann nur seine Gefühle nicht zeigen. Nicht, wenn alle zusehen und er verzweifelt ist.“
„Verzweifelt?“ In Maleas Traurigkeit mischte sich plötzlich Neugier.
„Ja, verzweifelt.“ Naynre nickte. „Von Llynmeh hat er heute erfahren, warum die Stadtwachen sich verdoppelt haben. Der Stadtrat ist intensiv auf der Suche nach dem Nekromantenzirkel, dabei gehen sie unter anderem verschärft gegen Diebe wie uns vor, weil sie annehmen, dass wir gemeinsame Sache mit ihnen machen. Leider haben sie damit genau ins Schwarze getroffen. Wenn einer von uns gefangen genommen wird, sind die anderen auch nicht mehr sicher. Erst gestern hat Haldnar mit ansehen müssen, wie man einen Taschendieb gefasst und ihm auf der Stelle beide Hände abgehackt hat, um ihn dann im eigenen Blut auf der Straße liegen zu lassen. Haldnar glaubt, wenn er mit Llynmeh und den anderen Nekromanten eine gute Beziehung aufbaut, wäre es für uns alle sicherer und auch einfacher. Wir würden dann unter ihrem Schutz stehen.“
Das hatte Malea nicht gewusst. Dennoch traf sie die Erklärung mit voller Wucht. Hass flammte in ihr auf. Hass gegenüber den Mächtigen und Reichen der Stadt. Sie brauchte keinen Reichtum, um glücklich zu sein, aber darauf lief es immer hinaus, auf Macht und Vermögen.
„Ich glaube, ich verstehe langsam“, entgegnete Malea und versuchte gleichzeitig ihren Widerwillen mit einfließen zu lassen. „Aber er darf so etwas nie wieder tun. Ich weiß ja nicht einmal wie …“
„Du musst gar nichts, mein Engel“, unterbrach Naynre ihre Tochter und zog sie fester in eine mütterliche Umarmung. „Vergiss die Sache einfach, und wenn er doch etwas tun sollte, dann kommst du gleich zu mir, dann wird er mindestens einen Kopf kürzer. Es könnte allerdings sein, dass wir in nächster Zeit von hier fortziehen müssen, wenn sich die Situation in der Stadt weiter verschärft. Darüber haben wir schon vor Längerem diskutiert, obwohl dein Vater davon nichts hören will. Ich persönlich habe aber nicht vor, mein Leben in die Hände des Zirkels zu legen. Daher wäre die Flucht immer noch die beste Lösung für uns alle. Deir al-Bahri ist nicht die einzige Stadt in Leven’rauka.“ Sie löste ihre Umarmung und schob ihre Hand unter Maleas Kinn, und das Mädchen sah sie mit großen geröteten Augen an. „Außerdem bist du noch jung und meinen zukünftigen Schwiegersohn wirst du ganz alleine finden, sobald die Zeit dafür reif ist. Bei deiner Schönheit werden dir sicherlich bald die Männer zu Füßen liegen. Du bist meine Tochter und für dich würde ich selbst durch Zevenaars Feuer gehen.“
(...)


Rezension folgt ...



Die Autorin
Annette Eickert wurde im Herbst 1978 in Worms am Rhein geboren. Auf die Mittlere Reife folgte zuerst eine erfolgreiche Ausbildung zur Arzthelferin, um schließlich nach reiflicher Überlegung eine Ausbildung zur Bürokauffrau zu absolvieren. Im Juni 2005, nach der ärztlichen Diagnose Multiple Sklerose, kam die Wendung in ihrem Leben. Inspiriert von vielen Fantasybüchern, erschuf sie ihre eigenen Fantasywelten - und seitdem ist das Schreiben ihre größte Leidenschaft. Inzwischen hat sich Annette Eickert auch in andere Genres, wie z.B. Thriller und Krimi vorgewagt. Weitere Romane sind bereits in Vorbereitung.


 Bisherige Veröffentlichungen:

* Ynsanter – Pfade des Feuers Teil 1 (All-Age und High-Fantasy)
* Sträflingskarneval (Fantasy-Mystery-Thriller)
* Pech und Schwefel (All-Age und High-Fantasy)
* Ynsanter – Seele des Feuers Band 1 (All-Age und High-Fantasy)
* Ynsanter – Seele des Feuers Band 2 (All-Age und High-Fantasy)
* Feuer der Freiheit (Fantasy-Kurzgeschichte) in der Anthologie LeseBlüten Prosa 2010
* Verschlungene Pfade (Fantasy-Kurzgeschichte) in der Anthologie LeseBlüten Fantasy 2011




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