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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

24. Februar 2013

Christiane André, Robbie Williams und die kleine weiße Maus

Savannah  ist das Kind reicher und schöner Eltern aus der internationalen
Promi-Szene. Sie wächst auf in den Villen von Hollywood und den Luxus- apartments von New York. Sie reist mit eigener Nanny im eigenen Learjet. Sie hat alles, was sich andere heimlich erträumen.

Doch trotz all dieser Chancen ist Savannah unglücklich, sucht ein anderes Leben. Wie schön wäre es, normal zu sein! Und nicht immer zu pendeln zwischen: Reisen ins All, Fotoshootings und Therapien, einem Gymnasium in Gelsenkirchen, dem Dritten Weltkrieg und der Frage, wie man ihn verhindert,  Entführungen in Sao Paulo, Drogen und Diäten, den Zicken von Beverly Hills, der Erfindung des Perpetuum mobile…

Gelingt es Savannah auf ihrer wilden Lebensreise, mit sich selbst ins Reine zu kommen? Und mit der größten Hypothek von allen – mit ihrer Mutter?

Leseprobe

Mai 2040
- 1.00.00 vor EVA, Lat. – 36.3, Long. 28.3
Reiner Sauerstoff ist eine wahrhaftige Granate für das Gehirn. Oder warum sonst zieht jetzt mein Leben an meinem inneren Auge vorbei, und zwar in etwa so schnell, wie wir uns selbst gerade bewegen?
Wir sind bei GMT 054/07:45:38, Speed 17235,69 mph, Altitude 334 km; die Daten hat John gerade durch­gegeben, damit sie wissen, dass wir nicht durchdrehen. Dabei ist die Kilometerangabe das Perfide – sonst wird immer in Meilen gerechnet, und wenn man jetzt über die km stolpert, wissen sie, dass man den Ausstieg nicht schaffen wird.
In zehn Minuten müssen wir in die Luftschleuse. John hat mir erzählt, dass die Zeit da drin wie im Fluge vergeht, so viel werden wir zu tun haben. Er war schon dreimal draußen; er muss es wissen.
Weltraumspaziergang. Wie unglaublich passend, dass sie das EVA nennen: Extra-Vehicular Activity. Leider bin ich nicht die erste Frau, die eine EVA macht; aber ich bin definitiv die erste Touristin hier draußen. Obwohl ich ganz cool tue, bin ich eigentlich die ganze Zeit wie vom Donner gerührt.
Wie wird es da draußen sein? Seit langem schon versuche ich mir diesen Moment vorzustellen: Sanna schwebt im All. Irgendwie bilde ich mir ein (und ich weiß, dass es völlig bescheuert ist), ich bekäme eine Antwort auf viele meiner Fragen – als ob die Antworten irgendwie sinn- und ziellos im leeren Raum herumtrieben, bis ich sie mir schnappte; als würde alles einen Sinn ergeben, wenn man nur den einen Schritt nach draußen schaffte.
Und dann ist da noch etwas, das mich vor diesem Augenblick zurückzucken lässt: die Vorstellung, ich könnte mit einer langsamen, fast eleganten Bewegung die Schnur kappen, einen letzten Blick werfen auf die Station und den Planeten darunter und dann nur noch nach vorne schauen, in die schwarze Weite da draußen, die so verlockend die Befreiung von allen Zweifeln verspricht. Ich könnte einfach davontreiben wie all die Antworten. Ich würde ihnen den passenden Abgang liefern, eine Story, die niemand mehr toppen könnte.
Vermutlich ist es John, der mich von solchen Aktionen abhalten wird. Er weiß es nicht, aber er wirkt ziemlich beruhigend auf mich. Wenn er mich mit seinen schwarzen Augen ansieht, sehe ich die Jahrhunderte seines Volkes auf dem Hintergrund seiner Netzhaut vorüberziehen. John Walking Horse. Was ist dagegen schon meine Geschichte?
Ich grinse ihn an unter meiner Sauerstoffmaske, aber dann denke ich trotzdem wieder – mit der Geschwindigkeit von etwa 7.700 Meilen pro Sekunde – an meine eigene Vergangenheit. An die verrückten, schrecklichen und hin und wieder schönen 36 Jahre auf diesem blauen Ball da unten, den ich in etwa 58 Minuten leibhaftig vor mir sehen werde. Und natürlich an meine Mutter.


Kapitel 1
2004 - 2012

Meine Mutter war der „Größte Anzunehmende Glücksfall der Welt“, und etwa 30 Jahre lang machte sie mir das Leben zur Hölle. Das Prob­lem war, dass sie perfekt war, so perfekt, dass es jeden Menschen in den Wahnsinn treiben musste, und zwar insbeson­dere dann, wenn man ihre Tochter war. Und doch eigentlich das kleine, entzückende Ebenbild dieser großen, großartigen Frau hätte sein sollen.
Selbstverständlich konnte ich nicht erwarten, dass irgendein Mensch auf dem Erdball dafür Verständnis hatte. Schließlich kannte jeder meine Mutter und wusste, wie perfekt sie war. Jeden Abend schliefen vermutlich Millionen kleiner und großer Mäd­chen auf der ganzen Welt ein mit dem Gedanken, wie schön es doch wäre, wenn sie auch eine so tolle Mutter hätten.
Sie alle hatten ja keine Ahnung.

Ich hatte natürlich auch ein paar Jahre gebraucht, bis mir däm­merte, wo ich hineingeraten war. Am Anfang hatte es sich ja auch ziemlich gut angelassen:
Ich war an einem strahlenden Mai-Sonntag im Cedars Sinai-Hos­pital in Los Angeles zur Welt gekommen und tauchte schon drei Tage später als fetter weißer Klecks in den News-Spalten und Klatschblättern der Welt auf: ein dickes Bündel Tücher auf dem Arm meiner Mutter. Die Bildunterschriften identifizierten mich als Savannah Lea Elizabeth, 0, die von ihrer glücklichen Mutter eigenhändig aus der Klinik getragen wird. (Es gab tatsäch­lich zwei Blätter, die die 0 benutzten; ich fand die Ausschnitte Jahrzehnte später in der umfangreichen Sammlung meiner Eltern, die den kompletten Dachboden unseres Hauses in Gelsenkirchen einnahm. Es war ein sehr großer Dachboden.)
Das schmale Gesicht meiner Mutter ist auf diesen Fotos eine Spur blasser als sonst; darüber hinaus finden sich keine Spuren einer eben erst überstandenen Entbindung oder anderer Strapazen auf ihren Zügen. Sie strahlt. Sie hat eben, zusammen mit meinem Vater, eine kurze, improvisierte Pressekonferenz gegeben, meinen Namen verkündet und ein paar allgemeine Aus­künfte über die Geburt erteilt: 12 Stunden Wehen, normaler Ver­lauf, kein Kaiserschnitt (und stolz darauf). Meine Eltern wissen, dass die Reporter in der Klinik herumschnüffeln und zur Not auch die letzte Krankenschwester-Schülerin bis nach Hause ver­folgen werden, wenn sie ihnen nicht genügend Futter geben. Fo­tos von mir kriegen sie keine. Fotos wird Michel Comte in zwei Wochen machen, die Agentur meiner Mutter wird sie verkaufen, und der Erlös wird an Unicef gehen. Meine luxuriöse Existenz wird also bereits in sehr zartem Alter dafür verwendet, Gutes zu tun – ein schönes Gefühl, vermutlich.
Meine Mutter: Lena Berger, 29 zum Zeitpunkt meiner Geburt. Im Alter von 17 in einem Bochumer Kaufhaus von einem Talentscout entdeckt. Mit 18 Vertrag bei Elite und internationaler Durchbruch. Bis 25 achtmal auf dem Cover von Vogue, Hunderte Male auf anderen Covern und ein glorreiches Mal auf dem von Time. Denn Lena Berger ist nicht irgendein Model, sie ist etwas Besonderes. Die Maße ihres Gesichtes liegen zu 99 Prozent auf der international anerkannten, wissenschaftlich ermittelten Ideallinie, und die zwei Millimeter, die eine Augenbraue und die Oberlippe davon abweichen, machen den sensationellen Effekt, dass jedermann dieses Gesicht anschauen muss und nie wieder vergisst. Und Lena Berger sorgt auch ansonsten dafür, dass man sie nicht aus den Augen verliert: Sie arbeitet nur mit den besten, berühmtesten Leuten. Sie versprüht Charme, Witz und Esprit, wo sie geht und steht. Sie spendet große Summen an die richtigen Institutionen. Sie verzaubert Oprah Winfrey und Larry King. Sie wird ins Weiße Haus eingeladen. Und mit 27 heiratet sie meinen Vater, und die yellow press der ganzen Welt bringt orgiastische Bildstrecken über das drei Tage währende, paradiesische, von Elton John ausgerichtete Fest auf Mustique. (...)





Die Autorin

Christiane André ist in Koblenz geboren und aufgewachsen.
Schon in frühester Jugend half ihr die Literatur, die langen Jahre auf diversen Schulbänken zu überstehen. Sie studierte, probierte ein paar Berufe aus und landete schließlich wieder beim Geschichtenerzählen.
In ihrem zweiten Autorenleben schreibt sie romantische Komödien für dtv („Mensch, Amor!“, „Make me glücklich“). Im Herbst-/Winterprogramm 2013/14 erscheint „Eva und die 40 Männer“.



Christiane André, Robbie Williams und die kleine weiße Maus


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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Klingt auch ohne die Weltraumreise, wie eine andere Welt.
Ich fürchte, sie gehört irgendwie nicht sich selbst.
Geschaltet, verwaltet...
Ein Mensch, als Produkt vermarktet - wenn auch gemeinnützig - furchtbar!
Nein - für mich wäre das bei allem Reichtum nichts.
Ich gehöre ganz gerne mir selbst.
Ganz interessant, das mal so beschrieben zu sehen.

schreibtalk hat gesagt…

Lieber James, ich freu mich immer so über deine Gedanken zu den Büchern bzw. meinen Rezensionen. *blumen*!

Grüße, Elsa