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1. Februar 2013

Greve, Lust auf Leben. Ich bin schizophren, na und?





Endlich hat Thomas Greve ein Hobby zum Beruf gemacht. Er ist Datenverarbeitungskaufmann. 

Wird er seiner Lebensplanung folgen können? Nein. Eine psychische Erkrankung ist ihm im Weg. Er lässt sich aber nicht unterkriegen. Immer wieder neue Ziele bereichern sein Leben. Eines Tages erfüllt sich sogar sein größter Kindheitstraum... 
Diese Autobiografie möchte den Lesern den Mut geben, an Träume zu glauben.




Leseprobe:

Vorwort

Mein Lebenslauf wäre mit Sicherheit kurz nach der politischen Wende in Deutschland (1989) anders verlaufen, gäbe es da nicht die Zeit der erlebten Psychosen. Sie bauten sich unverhofft und unerwartet auf, verwehrten mir den erhofften beruflichen Erfolg, schlugen Türen zu, die sonst für mich geöffnet waren. Früher hatte ich Träume und Hoffnungen wie Tausende andere auch, dazu Talent und Begabungen sowie eine Vielzahl von Ideen, die ich möglichst alle rasch verwirklichen wollte.
Nun stand ich da, war deprimiert, weil alles, was ich getan hatte, sinnlos erschien. Und weil ich keinen Ausweg erkennen konnte, stellte ich mir die Frage: War das schon alles, was ich vom Leben erwarten konnte?
Das notwendige Schlucken der Pharmazeutika tat ein Übriges: Ständig nahm ich an Gewicht zu, mein Ermüdungszustand war groß. Sogar Suizidgedanken verfolgten mich. Ich war erschrocken, weil ich kaum noch eine sexuelle Regung verspürte. Der Anblick eines schönen Mädchens sagte mir gar nichts. Ich konnte weder eine neue Beziehung aufbauen, noch andere fremde Menschen um mich haben. Ich mied sie.
Ständig saß mir die Angst im Nacken, erneut rückfällig zu werden, und eine einzige Frage drängte sich auf: Werde ich für immer schizophren bleiben?
Mein autobiografischer Bericht gibt darauf Antworten...


1. Kindheit, Schul- und Lehrzeit, Entdeckerlust

Mein Name ist Thomas Greve, ich wurde am 14. Dezember 1970 in Gera geboren. Meine Mutter weiß später zu berichten, dass dies keine normale Geburt war, mein Kopf war zu groß. Ich verzögerte das natürliche Herausschlüpfen um viele Stunden, wog über fünf Kilogramm und hatte die beachtliche Länge von 56 Zentimetern.
Aufgewachsen bin ich als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik in der thüringischen Kleinstadt Bad Köstritz. Der Ort liegt im Landkreis Greiz, direkt an dem Fluss ‚Weiße Elster’. In Bad Köstritz leben nur knapp 4000 Einwohner. Hier wurde der berühmte Komponist und Kapellmeister Heinrich Schütz geboren. Bekannt ist auch das Köstritzer Schwarzbier. Kureinrichtungen mit Moorbadtherapien gab es zu DDR-Zeiten und ein großes Chemiewerk.
Ich war ein hyperaktives Kind, musste mit eineinhalb Jahren die erste Brille tragen, weil ich schielte. Ohne Brille neigte ich meinen Kopf stets zur linken Seite, um alles richtig erkennen zu können. Erst mit der Brille war mein kindliches Verhalten wieder als normal anzusehen. Ansonsten kroch ich auf allen Vieren durch die Wohnung, untersuchte mit Vorliebe die Schubladen, riss vieles aus den Schränken, schuf Unheil und Unbehagen. Ermahnungen oder ein Klaps auf den Po beeindruckten mich nicht. Ich kletterte auf mein Klappbett, um ein Alpenveilchen zu erreichen, riss alle Blumen und Knospen ab, nur um nachsehen zu können, was da wohl noch ­drinstecken könnte. Mein Wissensdrang war so groß, dass ich oft erst Ruhe gab, wenn meine Mutter mit mir sprach und alles genau erklärte, was ich wissen wollte. Kurzum: Wenn ich angefangen hatte zu fragen, gab es so schnell kein Ende.
Später habe ich als Zweibeiner den Garten erobert, bin über die Beete gerobbt, habe Hühner aufgescheucht, stöberte im Stall umher und spielte meinen zwei Geschwistern gerne einen Streich.
Interesse zeigte ich auch an Vaters Auto, das war ein P 70. Da Vati aber streng war, kaum Zeit für mich hatte, habe ich ihn und das Auto in Ruhe gelassen.
Auffällig wurde ich nach meiner Einschulung. Das musste mit dem räumlichen Sehen zusammenhängen, denn, statt meine Mitschüler zu begrüßen, geriet ich an sie und stieß sie einfach um. Das geschah ohne böse Absicht oder Wollen – und weil ich so groß und schwer war, passierte das besagte Ungeschick schon ab und an. Ich war ein Tollpatsch und sportlich sehr ungelenk, obwohl ich mich bemühte und durchaus gewillt war, das Beste zu geben. Meine Mitschüler verspotteten mich darum oft, ließen die Luft aus meinem Fahrrad, durchwühlten meinen Ranzen oder sie rotteten sich zusammen, um mich zu verprügeln. Einer alleine hätte es nicht gewagt. So war meine Mutter sehr stark in meinen Tagesablauf involviert und durfte mich öfter zur Schule schaffen, und ebenso wieder abholen, als ihr lieb war. Ich denke schon, dass mir dadurch so manches Unheil erspart blieb.
Meine Geschwister sind Mädchen. Ruth ist drei Jahre älter als ich. Rita kam erst sechs Jahre nach mir auf die Welt. Also, für mich, zum Spielen – die Mädchen – das war nicht so das Richtige. So oder ähnlich müssen sie selbst wohl auch gedacht haben. Eine Ausnahme allerdings gab es. Wenn sie Lust hatten oder ich, mit unserer schwarzen Schäferhündin Tina auszugehen und mit ihr umher zu tollen, vertrugen wir uns sogar zu dritt.
Eines Tages, ich war bereits zehn Jahre alt und mit dem Fahrrad unterwegs, erblickte ich am Nebenarm der Weißen Elster einen Mann, der angelte. Die Hiesigen nennen das Gewässer sinnigerweise ‚Kochtopf’. Der Stock, den der Mann als Angelrute benutzte, war nicht gekauft, eher zurechtgeschnitzt und stammte aus irgendeinem einheimischen Busch. Weil ich viele Fragen stellte, erfuhr ich, dass er ein Kurgast war. Ich wusste, Kurgäste liefen hier viele in der Stadt umher. Ab und an forderte er mich auf, ruhig zu sein. „Sonst beißt kein Fisch an. Fische sind sehr hellhörig!“, sagte er.
Das gefiel mir gar nicht, weil ich eigentlich noch viele Fragen hatte. So zum Beispiel, ob er mir nicht auch so eine Angel zurechtmachen könnte.
Sein Angelerfolg war großartig, was mich durchaus faszinierte. Eine Plötze nach der anderen landete in seinem Kescher. Am Ende bot er mir alle gefangenen Fische an und sicherte mir sogar zu, dass die Fische gebraten hervorragend schmecken würden. Mein Gott, ich war erschrocken, was sollte ich damit tun? Ich konnte weder einen Fisch ausnehmen noch braten, und ich hatte die große Befürchtung, dass es meiner Mutter genauso gehen würde. Auf unserer Speisekarte zu Hause gab es keine gebratenen Plötze. Deshalb bat ich ihn eindringlich, doch mit nach Hause zu kommen. Dort stehe draußen auf dem Hof eine Pumpe, wo genug frisches Wasser zum Saubermachen der Fische vorhanden sei. Ich sagte: „Meine Mutter wird sich bestimmt freuen, Sie kennen zu lernen.“ Ich redete und redete, auch wenn ich gar nicht so sehr davon überzeugt war, ob sich meine Mutter nun freuen würde oder nicht. Eigentlich war mir das egal. Nur er sollte es nicht annehmen. Ich glaube, ich hatte ihn bald drei- oder viermal gebeten mitzukommen - und dann kam er.
Natürlich war der Angler eine Überraschung. Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, als sie aus unserem Einfamilienhaus heraustrat. Sie bat ihn sogar um Verzeihung, dass ich vielleicht zu aufdringlich gewesen sei. Als sie die Vielzahl der kleinen Plötze in Augenschein nahm, war sie sichtlich überrascht. Aber, wie ich es vorausgesehen hatte, erklärte sie dem Mann: „Ich habe noch nie solche Fische ausgenommen. Ich weiß gar nicht, wie man das macht.“
Der Angler schmunzelte, strahlte aber Ruhe und Gelassenheit aus. Er stellte sich kurz meiner Mutter vor: „Wenn Sie erlauben, mein Name ist Kurt ­Greve“ und bestellte dann ein scharfes Messer, einen Eimer und zwei Schüsseln. In die erste Schüssel kamen die Fische, in den Eimer deren Innereien und Schuppen, in die zweite Schüssel die gesäuberten Fische, die der freundliche Angler, Herr Greve, anschließend säuerte und salzte.
Zum Dank dafür, dass er das alles gemacht hatte - meine Mutter und ich interessiert zusehen konnten - durfte er den Fang auch noch in unserer Küche braten. Das fand ich aufregend und abenteuerlich. Ich weiß auch noch, wie uns die Fische schmeckten, nämlich: knusprig und sehr gut! Auch die Mädels langten kräftig zu.
Noch Tage danach war der Schauplatz dieses Ereignisses sehr sichtbar: Um die Pumpe herum glänzten im Sonnenlicht noch immer Schuppen der ausgenommenen Plötze.
Was danach folgte, war vorher nicht absehbar – meine Mutter verliebte sich in den Angler und Kurpatienten aus Rostock. Sie ließ sich scheiden. Wie sie mir später versicherte, war eine Scheidung irgendwie schon vorprogrammiert, wenngleich der Angler und Kurpatient eine gewisse Auslösefunktion erfüllte. Mein leiblicher Vater bekam in diesen Tagen einen finsteren Gesichtsausdruck und ging einer Begegnung mit dem Kurgast lieber aus dem Wege. Mutter und wir Kinder übersiedelten zwei Jahre später, 1982, in die Hansestadt Rostock. Meine Mutter heiratete Kurt Greve und ich hatte plötzlich einen neuen Vater, einen Stiefvater.
Anfangs wohnten wir in der Linzer Straße, ganz in der Nähe des Schwanenteiches. Nur nicht Ruth, meine große Schwester. Sie wohnte zunächst bei der Mutter meines Stiefvaters in der Haedge Straße. Die Wohnung in der Linzer Straße war für uns alle zu klein. Irgendwoher kannte mein Stiefvater den damaligen Oberbürgermeister von Rostock, sie waren sogar per du. Das nutzte er aus, kam in seine Sprechstunde, schilderte den Sachverhalt seiner Familie und bat ihn um Hilfe zur Beschaffung einer Neubauwohnung. Wenige Wochen später war der Besuch meines Stiefvaters beim Oberbürgermeister der Stadt Rostock von Erfolg gekrönt: „Wir ziehen in den Stadtteil Lütten-Klein, in eine Vierraumwohnung!“
Auf diesen Erfolg war mein Stiefvater mächtig stolz, denn eigentlich herrschte zu dieser Zeit Wohnungsnot in Rostock.
Mein Entdeckerdrang konnte weitestgehend gestillt werden, Rostock ist groß. Ich war gerne in der Nähe des Wassers, an der Schleuse des Mühlendammes, wo Angler oft auf der Jagd nach dem Zander waren und gelegentlich auch einen Karpfen erwischten, beim Kabutzenhof, wo die Fähre zum Stadtteil Gehlsdorf übersetzt und Barkassen gelegentlich Arbeiter zu den Werften transportierten und wo viele Schiffe zu bestaunen waren oder gar in Warnemünde, wo Hochseeschiffe vertäut an der Pier lagen oder die neuen Hochseefrachter auf der Warnowwerft gebaut wurden. Das Umfeld war riesig – und alles war neu! Selbst der Schwanenteich zog mich wie ein Magnet an. Ich wusste, dass er stark verunreinigt war. Die Folge war, dass es Badeunfälle gegeben hatte. Richtig, damals durfte darin gebadet werden. So war es nur eine Frage der Zeit zu erfahren, was alles im Schwanenteich gefunden wurde: Kinderwagen, Badewannen, Fahrräder, Reifen, Gestelle aus Stahl, aber auch Bekleidungsstücke, Schuhe, Portemonnaies und Ausweispapiere. Ich habe viele Tage damit verbracht, den Schwanenteich zu entrümpeln. Ich war neugierig zu sehen, was ich alles finden würde, und ich wusste, ich tat ein gutes Werk für alle. Irgendwoher hatte ich einen eisernen Dreizack, der in meiner kindlichen Fantasie so aussah wie ein Enterhaken von Piraten. Ich versah ihn mit einem längeren Seil. Den Dreizack warf ich ins Wasser und zog dann kräftig an dem Seil. Unrat verfing sich darin, auch Ufergras und Schlamm – aber eben auch jede Menge Schrott. Den sammelte ich, brachte ihn zur Sekundärrohstofferfassung (SERO) und besserte so mein Taschengeld auf.
Während meine Schwester Rita im „Haus der Pioniere“, ganz in der Nähe des Rostocker Hauptbahnhofes, in einem Chor sang, war ich doch mehr fürs Basteln. Das konnte ich in der Kuphalstraße 77. Dort gingen Schüler ihren vielfältigen Freizeitinteressen nach. In der Türmchenschule  –  sie war eine Polytechnische Oberschule (POS) - hatte ich die alten Probleme: Nicht alle mochten mich, ich war zu ehrlich und verpetzte gern den Lehrern die kleinen Sünden meiner Mitschüler. Ich war davon überzeugt, dass mein Handeln richtig war – schließlich wollte ich weiter nichts als Gerechtigkeit. Die Schüler aber hatten eine andere Sichtweise. Nur dank meiner Körpergröße blieb ich von schlimmeren körperlichen Attacken verschont…




Die Autoren

THOMAS GREVE
-            geboren am 14.12.1970 in Gera, ist er in der Thüringer Kleinstadt Bad Köstritz aufgewachsen und lebt nun in der Hansestadt Rostock.
-            Nach dem Abschluss der 10klassigen POS erlernte er den Facharbeiterberuf „Instandhaltungsmechaniker“ im VEB Wohnungsbaukombinat Rostock und später den Beruf eines IHK Datenverarbeitungskaufmanns.
-            Seit Ende 1993 ist er psychisch erkrankt und wurde aufgrund seiner Erkrankung 1996 erwerbsunfähig berentet.
-            Schon während der Schulzeit schrieb er gern Aufsätze und Berichte. Dies nutzte er vorwiegend zum Verfassen von Pressemitteilungen für seine vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten.
-            2003 schrieb er einen Erfahrungsbericht, der die Grundlage der gemeinsam mit seinem Vater im Jahre 2012 herausgegebenen Autobiografie „Lust aufs Leben: Ich bin schizophren – na und?“ bildet.


KURT GREVE
-            geboren am 16.05.1940 in Elbing, (gehört heute zu Polen),
-            Nach dem Abitur 1958 an der Kinder- und Jugendsportschule Rostock erlernte er die Berufe eines Maschinenschlossers in der Neptunwerft Rostock und später den Beruf eines Betonfacharbeiters beim VEB Wohnungsbaukombinat Rostock.
-            Beim VEB Tiefbaukombinat Rostock qualifizierte er sich zum Tiefbaumeister. Er arbeitete überwiegend im Gründungsbereich des fünfgeschossigen Wohnungsbaus im Wohnungsbaukombinat Rostock.
-            Nach der Wende 1989 wurde aus dem Kombinat die ELBO-Bau AG. In deren Auftrag arbeitete er 1991 und 1992 als Polier an der Trasse im Ural (Russland).
-            Zwischen 1947 und 2005 war er wohnhaft in Rostock.
-            Nunmehr wohnt er in Bargeshagen, Landkreis Rostock.
-            Er ist verheiratet, hat vier Kinder.
-            Die Anregung zum Schreiben erhielt er insbesondere in der Oberschulzeit durch seinen Klassenlehrer Dr. Erich Fabian, der zu dieser Zeit gleichzeitig der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes im Ostseebezirk Rostock war, sowie durch den Romancier Ehm Welk, den er persönlich kennengelernt hatte.
-            Heute, als Rentner, ist er Mitglied der Werkstatt für kreatives Schreiben der Volkshochschule Bad Doberan.



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