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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

25. Februar 2013

Jaqueline Flory, Das Tier ohne Rücken

Was ist geschehen?  ist die Frage, die sich jeder hungrige Dreißigjährige stellt, die auch ich mir heute stelle, doch wir finden keine Antwort, weil es die falsche Frage ist. Ich weiß, was geschehen ist in meinem Leben, wir alle wissen, was wir getan und unterlassen, welche Entscheidungen wir getroffen haben. Was wir nicht wissen, ist folgendes: Was bedeutet das, was geschehen ist?

Meine Mutter nahm sich das Leben, als ich sieben Jahre alt war. Sie erschoss sich mit der alten Militärwaffe meines Vaters. Sehr dramatisch, nicht wahr? Doch mir wurde gesagt, das wäre ihr Stil gewesen. Sie tat es in ihrem Badezimmer, dann doch zurückkehrend an ihren Ort, ausatmend, heimkehrend, erleichtert. So stelle ich es mir vor.

Ich habe immer gewusst, dass ich nicht sehr alt werde. Manche Menschen haben einen bestimmten Schwung in ihren Schritten, einen Bogen in ihren Wimpern, eine Klarheit im Blick, von der man weiß, dass sie nicht von Dauer ist, dass ihr zum Altern die Kraft fehlt.  Ich lebe seither mein Leben in Eile. Ich wehre mich beharrlich, vielleicht beharrlicher als andere, Zeit zu vergeuden, und ich bin sehr streng mit mir. Wir enden schneller in unseren ureigenen Badezimmern als wir glauben.


Leseprobe

(...) Meine Mutter Lindsay liebte ihr Badezimmer. Sie liebte es so sehr, dass sie sich darin das Leben nahm.
Ich liebte unser Haus in Brooklyn. Es war ein schmales, dreistöckiges Backsteinhaus in einer Reihe identischer Backsteinhäuser in den Heights. Von meinem Zimmer im zweiten Stock aus konnte man die Brooklyn Bridge sehen. Die gleichmäßige Straße, die in regelmäßigen Abständen angeordneten Bäume, die ähnlichen Wagen, die vor den Eingängen parkten, die austauschbar erscheinenden Kinder, die in den Vorgärten spielten, waren die erste Ordnung meines Lebens. Die siebte Haustür war meine. Ich musste sie früher wirklich abzählen wenn ich von der Schule kam, weil die Häuser absolut identisch schienen. Und doch war nur eines davon mein Zu Hause, nur in einem lebten wir. Hinter dem Haus befand sich unser ziemlich verwilderter Garten. Lindsay hatte einen Gemüsegarten angelegt, hatte dann jedoch die Geduld dafür verloren und er wucherte seitdem einfach unbeachtet vor sich hin. Das Erdgeschoß bestand nur aus einem geräumigen Flur, einer großen Küche und einem sehr großen, um die Ecke führenden Raum, der erst Dads geliebten, mir riesig erscheinenden Chippendale-Tisch beheimatete, und dann, wenn man noch weiterging, in ein Wohnzimmer überging. Es hatte einen eigenen Geruch, unser Haus, den ich auch heute noch wiedererkennen würde, den ich jedoch nicht genau bestimmen kann.
Die beiden Bäder meiner Eltern faszinierten mich bereits als Kind. Trotz ihrer problematischen Ehe, trotz der vielen Streitereien, die selbst ich mitbekommen hatte, obwohl sie sich wirklich große Mühe gaben, vor mir zu verbergen, dass sie sich nicht liebten, wollte Lindsay nie ein eigenes Zimmer haben, sie hatten immer ein gemeinsames Schlafzimmer. Doch sie bestand auf ihrem eigenen Bad, in dem selbst ich ein unwillkommener Gast war. Ich habe es nicht oft gesehen, doch die wenigen Male hinterließen einen tiefen Eindruck. Das Bad meines Vaters war schlicht weiß gekachelt, Wände und Boden, die Decke war weiß gestrichen. An der Tür hing Williams Bademantel, seine Rasiersachen standen in akribischer Ordnung auf dem Rand des ebenfalls weißen Waschbeckens. Der Sims neben der Badewanne war leer, auf der Ablage in der Dusche stand ein einsames Duschgel und über dem Handtuchhalter hingen ein paar Handtücher, ebenfalls weiß. Die Stechpalme auf dem Fenstersims war ein Akt der Gnade von Lindsay, die nicht fassen konnte, wie man jeden Morgen in einer derart deprimierenden Atmosphäre seinen Tag beginnen konnte.
Lindsays Bad hingegen war eine Offenbarung. Sie hatte fast alles darin selbst gemacht. Sie hatte ein besonderes Faible für Kacheln. Sie kaufte Kacheln, oft Einzelstücke oder Restposten, wickelte sie in Handtücher und zerschlug sie im Garten mit einem Hammer. Ich habe ihr oft dabei zugesehen, doch ich durfte ihr nie helfen, es war ihr ureigenstes Ritual, niemand durfte es entweihen. Dann füllte sie die Scherben in einen Betonmischer, den sie auf einem Garagenverkauf billig erstanden hatte, und den mein Vater in den hintersten Winkel des Gartens verbannt hatte, goss etwas Wasser dazu und füllte ein wenig grobkörnigen Sand ein. Dann schaltete sie das unerträglich laute Ding ein. Sie simuliere damit das, was der Ozean mit den Steinen tue, erklärte sie mir eines Tages, obwohl ich mir damals nicht vorstellen konnte, dass ein so hässliches lautes Ding wie ein Betonmischer den Ozean imitieren konnte, doch der Sand, das Wasser und die Bewegung schliffen die Scherben und so verloren sie ihre scharfen Kanten und wurden rund und glänzend. Sie bestrich die Badezimmerwände mit Gips und klebte dann Kunstwerke aus diesen Tausenden von Keramikscherben darauf. Über der Badewanne war ein tropischer Ozean mit leuchtend grünen Wasserpflanzen entstanden aus dem einem Fische in allen Farben entgegen schwammen.
Der Unterbau der Badewanne, der Türrahmen und der Deckel einer Kommode bestand aus einem Mosaik unzähliger Farben und Formen. Aus den Waschbecken schienen riesige Blumen zu wachsen, mit satten grünen Blättern und dicken Knospen in leuchtendem Rot und Gelb. In monatelanger Kleinarbeit schuf sie sich diesen Raum. Immer wieder dröhnte der nervtötende Lärm des Betonmischers im Garten durchs Haus, immer wieder verschwand sie in ihrem Reich. Wenn die Villa Kunterbunt ein Badezimmer hatte, dann sah es so aus. Das seltsame ist, dass ich mich nicht erinnern kann, dass sie je gebadet hätte in diesem Bad, dass sie sich je länger darin aufgehalten hätte (außer wenn sie daran arbeitete), dass sie die vielen Kerzen (die sie auch selbst machte), die rund um die Badewanne standen, je angezündet hätte. Ich habe sie ihr Werk nie genießen sehen. In diesem großen Haus hatte sie nur diesen einen Raum, denn in allen anderen wirkte sie vollkommen verloren, und trotzdem verbrachte sie so wenig Zeit darin. Heute glaube ich, dass es ihr nur darum ging, sich und der Welt (und vielleicht auch und vor allem meinem Vater) zu beweisen, dass sie fähig war, sich Raum zu schaffen in dieser Welt, in Williams Welt, die er allein steuerte. Nur darum ging es. Eine Oase zu haben, auch wenn es zu schmerzlich war, sie zu oft aufzusuchen. Nur eine Erinnerung daran zu haben, wie das Leben sein sollte, wie es einmal war, wie man selbst einmal war, ehe er gekommen war. Daher verzeihe ich ihr auch, dass sie mich immer rasch verscheuchte, wenn sie mich in „ihrem“ Bad erwischte. Es musste ihr Refugium bleiben. Ich kann das so gut verstehen, weil ich aus eigener Erfahrung wusste, wie wichtig es war, wenn man mit meinem Vater zusammenlebte, sich Bereiche zu sichern – wirklich zu sichern, denn seine Invasionen waren gefürchtet; seine Art, alles aus der Persönlichkeit eines Menschen zu annektieren wie das Territorium eines besiegten Landes, berüchtigt. Noch heute denke ich an ihn wie an den Feldherrn eines feindlichen Heeres.
Meine Mutter nahm sich das Leben, als ich sieben Jahre alt war. Es war der 23. September 1983. Sie erschoss sich mit der alten Militärwaffe meines Vaters. Sehr dramatisch, nicht wahr? Doch mir wurde gesagt, das wäre ihr Stil gewesen. Sie tat es in ihrem Bad, dann doch zurückkehrend an ihren Ort, ausatmend, heimkehrend, erleichtert. So stelle ich es mir vor.
Ich spielte im Garten, als ich den Schuss hörte. Es war ein wunderschöner, warmer Herbsttag. Mein erster Blick fiel auf den Betonmischer, der reglos und unbeachtet in seiner Ecke stand. Ich lief nicht ins Haus, so wie Dad es tat, der gerade in einem Liegestuhl neben mir die Zeitung las. Ich rannte nicht nach oben, ich schrie nicht entsetzt auf und rief den Krankenwagen. Er tat es. Ich spielte weiter. In Lindsays Gemüsegarten, um den sie sich schon seit Monaten nicht mehr kümmerte, hingen faulige Tomaten an den Sträuchern. Ich fragte mich, wie sie ohne jegliche Zuwendung von ihr überhaupt hatten wachsen können. Eine halbe Stunde später stürmten weiß gekleidete Männer mit einer Trage durch unser Haus, betraten das Heiligtum, das sie doch so sorgfältig vor allen Ausstehenden beschützt hatte. Vom Garten aus sah ich das Badezimmerfenster im ersten Stock, sah meinen Vater befremdet dastehen und warten, während sich die weiß gekleideten Männer wohl über Lindsay beugten, denn sie entzogen sich meinem Blickfeld.
Dann rief mein Vater mich. Ich wünschte, er hätte es nicht getan. Nur widerwillig ging ich ins Haus und die Treppe hinauf. Ihr schönes Bad. Sie lag inmitten einer riesigen Blutlache. Sie musste sich in der Badewanne stehend erschossen haben, denn der blaue Keramikozean an der Wand war in tiefes Rot getaucht, die Fische schwammen durch ein Massaker. Erst nachdem ich lange den Raum begutachtet hatte, senkte ich den Blick auf meine Mutter. Eine Maske mit einem Blasebalg am Ende, der sich aufblies und entleerte, war auf ihrem Mund. Ihr Pullover hatte sich an der Brust schwarz verfärbt. Sie hatte sich ins Herz geschossen. Ihr hellrotes Haar hatte sich mit dunkelrotem Blut vollgesogen.
In dem Bild lag tiefer Schmerz, doch kein Schreck.
Ich habe immer gewusst, dass ich nicht sehr alt werde. Ich glaube, es gibt Menschen, die dafür geschaffen sind, eines Tages im Schaukelstuhl auf der Veranda zu sitzen und ihren Enkeln beim Spielen zuzusehen. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Und es war nicht wirklich ein Überraschung für mich, obwohl ich noch so klein war, zu entdecken, dass auch Lindsay nicht dazu gehörte. Manche Menschen haben einen bestimmten Schwung in ihren Schritten, einen Bogen in ihren Wimpern, eine Klarheit im Blick, von der man weiß, dass sie nicht von Dauer ist, dass ihr zum Altern die Kraft fehlt. Ich bin ruhelos, war es immer schon; ja, diese Ruhelosigkeit ist so in mir verankert, dass mir schon als Kind klar war, lange bevor ich auf die Blutlache, die meine Mutter umgab, blickte, dass nur das Fehlen von Zeit ihr Ursprung gewesen sein konnte. Vielleicht hatte Lindsay deshalb auch ihre Tomaten vernachlässigt: ihr war einfach die Zeit ausgegangen. Ich lebe seither mein Leben in Eile. Ich wehre mich beharrlich, vielleicht beharrlicher als andere, Zeit zu vergeuden, und ich bin sehr streng mit mir. Wir enden schneller in unseren ureigenen Badezimmern als wir glauben.
Katherine steht seit der Heiligen Catherine im Altgriechischen für Folter, wussten Sie das? Es gab viel Folter in meinem Leben. Ich habe viel geliebt. Ich habe die unverzeihliche Sünde begangen, das Wort Liebe niemals zu konjugieren, und mein Leben reichte nicht aus, um dafür zu büßen, und manchmal beschleicht mich die Ahnung, dass auch Lindsay dafür bezahlen musste, dass mein Vater und ich eine ganz eigene Vorstellung von Liebe haben, denn nichts, wirklich nichts ist gefährlicher als Vorstellungen von Liebe.
Wieso hast du mich gerufen? dachte ich nur. Musste ich das wirklich sehen?
Als hätte er meine Gedanken gelesen, hörte ich sofort die Stimme meines Vaters vom Fenster. „Deine Mutter wird ins Krankenhaus gebracht. Wir fahren mit. Hol deine Jacke.“
„Ich bleibe hier“, erwiderte ich leise, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
„Du kannst nicht alleine hier bleiben.“
„Bitte. Ich bleibe hier.“
Er schien einen Moment zu überlegen. Ich war noch nie in meinem Leben eine Minute ohne Aufsicht irgendwo gewesen, andererseits schien ihm das Krankenhaus auch nicht der geeignete Ort für mich zu sein. „Du bleibst im Haus“, sagte er schließlich mit jener bestimmten Stimme, die einem immer den Eindruck vermittelte, er hätte niemals auch nur die geringsten Zweifel an einer Entscheidung gehabt. „Du machst niemandem die Tür auf, du gehst nicht in den Garten, du benutzt keine elektrischen Geräte. Du wartest einfach auf mich.“
Ich nickte und überlegte, was für elektrische Geräte ich hätte benutzen sollen. Als sie weg waren stand ich noch lange im Bad. Jetzt konnte mich keiner mehr vertreiben. Das Blut meiner Mutter breitete sich langsam aus, wie ein kleiner See nach und nach das Ufer einnimmt. Als das Blut fast bei meinen Fußspitzen angelangt war, verließ ich das Bad und machte die Tür zu.
„Du wartest einfach auf mich“, hatte er gesagt, und das tat ich. Ich wartete. Ich warte noch immer. (...)


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Die Autorin
Ich wurde 1976 geboren und bin seit Jahren als Übersetzerin für allgemeinsprachliche, politische und wirtschaftliche Texte tätig. Durch meine Liebe zur Sprache und zum geschriebenen Wort an sich bin ich schon sehr früh auch zum Schreiben gekommen. „Das Tier ohne Rücken“ ist nun mein erster Roman. Ich pendle mit meiner Familie zwischen New York und München und arbeite derzeit an meinem zweiten Roman.


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