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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

20. Februar 2013

Stefanie Marten, Auf der Suche nach mir


Eine unbekümmerte Kindheit durfte Stefanie Marten nie erleben. Im Alter von sieben bis 16 Jahren wird sie von ihrem tyrannischen Stiefvater missbraucht und ihre Mutter schaut weg. Als Stefanie Marten sich schließlich einem ihrer Brüder anvertraut, kommt es zu einem schrecklichen Streit, bei dem die Brüder den Stiefvater in Notwehr erschlagen.

Der Schlaganfall ihrer Mutter
bringt die Vergangenheit wie eine Explosion wieder hoch, als die Autorin aus diesem Grund die Heimat ihrer Kindheit nach vielen Jahren wieder aufsucht. Und damit beginnt das Buch.


Weder bin ich für die Todesstrafe noch die Kastration
als ein Mensch, der Gewaltfreiheit schätzt. Wenn ich aber über die entsetzlichen Kindheitsjahre dieser Frau lese, packt mich unbändige Wut. Ich kann mich ihr kaum entziehen und daher verstehen, dass man einen derart pervertierten Stiefvater beseitigt, der ein Kind vom 7. Lebensjahr an für seine Lusterfüllung benutzt.

Mütter schauen weg
und leider allzuoft. Das ist nun völlig unverständlich für mich, ist aber keine Seltenheit. Was ist es? Angst wahrscheinlich in erster Linie, dann zum Teil Bequemlichkeit, Verdrängung, manchmal ebenfalls Perversion. Wie ist es möglich, zuzulassen, dass das Kind innerlich abstirbt, für eine Mutter? Ich werde es niemals verstehen.

Aber ich verstehe
dass das damalige Kind nur schwer in der Lage ist, ein glückliches Erwachsenenleben zu führen. Das traumatische Erleben wirkt weiter, kein Wunder, dass die Autorin jahrelang nur mit Beruhigungsmedikamenten im Alltag zurechtkommt. Das Wunder ist, dass sie in der Lage ist, selbst ein Kind zu bekommen, es zu lieben und ihm jenen Respekt entgegenzubringen, der ihr selbst versagt geblieben ist. Meine Hochachtung. Ebenfalls finde ich es beachtlich, dass die Autorin nach allem auch Liebe zu einem Mann aufbauen konnte, was wohl die schwerste Übung ist.

Fette Jahre
wird Stefanie Marten wohl nie erleben dürfen, denn derartige Kindheitserlebnisse sind nun mal nicht zu bewältigen oder auszulöschen. Immerhin ist sie nicht komplett gestorben innerlich, sondern in der Lage, ein ziemlich gutes Leben zu führen, wie dem Buch zu entnehmen ist.

Der Erzählstil, sachlich
fast kühl. Eine Bestandsaufnahme. Tränen soll der Leser weinen angesichts der schauerlichen Ereignisse. Die Autorin vermag es, ohne auf die eigenen Tränendrüsen zu drücken, anschaulich und gelassen über diese Dinge zu berichten. Das ist die richtige Erzählsprache für so ein Thema, sehr gut gelöst!

Ich empfehle das Buch jedem
der mit ähnlichem Entsetzen fertigwerden muss, und jedem, der der Meinung ist: Man ist immer selbst schuld, wenn einem so etwas angetan wird. Ich empfehle das Buch auch jenen, die reinen Herzens sind und ein erfülltes Leben leben dürfen. Denn dass einem selbst derlei nicht widerfahren musste, kann einen nur dankbar für das Schicksal machen.

Elsa Rieger






Die Autorin

Stefanie Marten wurde 1957 in Rheinland-Pfalz geboren. Mit 20 Jahren zog sie nach Berlin, machte eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, heiratete und bekam eine Tochter. Heute lebt sie mit ihrem zweiten Ehemann auf Bali.






Stefanie Marten, Auf der Suche nach mir. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf


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Kommentare:

Stefanie Marten hat gesagt…

Liebe Elsa,
ich habe einige Rezensionen zu meinem Buch gelesen. Alle sind mitfühlend, gut gemeint, lieb und verständnisvoll, wirklich alle. Aber deine liebe Elsa trifft mit jedem Satz den Nagel auf den Kopf. Deine Worte sind, als hättest du die Gedanken aus meinem Kopf geholt. Deine Worte verstehen ganz und gar meine Suche und verstehen, dass sie niemals enden wird. Ich danke dir von Herzen dafür.
Deine Stefanie Marten

schreibtalk hat gesagt…

Liebe Stefanie, vielen Dank, das freut mich sehr, dass ich dich durch dein Buch richtig verstehen konnte, danke für dein Lob!

Herzlich, ELsa