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Rezensionen

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15. Februar 2013

Vera Nentwich, Rausgekickt: Weiße Sterne

Ein einfaches und bequemes Leben, das ist das Ziel von Daniel. Seinen Job machen, am Abend auf die Couch legen und Star Trek schauen und gelegentlich mit dem besten Kumpel abhängen, mehr braucht er nicht. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan.
Jeder kennt diese kleinen Ereignisse, die das Leben ändern können. Winke des Schicksals. Den Mann der Träume, den man zufällig im Supermarkt an rempelt. Oder die Frau für's Leben, die einem den Kaffee serviert. Wer hat es nicht schon erlebt, dass er viel zu spät dran ist und eilig über die Landstrasse rast und von einem plötzlich vor einem einbiegenden Traktor ausgebremst wird. Das Zeichen, inne zu halten. Für diese Winke sind die Schicksalsboten zuständig, die unerkannt unter uns weilen. Doch ihr Job ist schwer. Die Menschen erkennen diese Zeichen nicht mehr. Da wird der Mann im Supermarkt eher angeschnauzt, die Frau, die den Kaffee serviert, vollends ignoriert und der Traktor mit waghalsigen Manövern doch überholt. Ist es da ein Wunder, dass die Schicksalsboten frustriert sind? Dieser Frust muss raus und so ist es fast menschlich, dass sie sich ein Opfer suchen, um alles los zu werden. Daniel Wetter, 35, ein lethargischer Mann, den es nur interessiert, rechtzeitig auf seine Couch zu kommen und sich eine Star Trek Folge anzusehen. Den kann man doch einfach mal kräftig aus dem Leben kicken. Nur so aus Spaß.

Leseprobe:

(...) Noch 30 Sekunden. Bloß kein Anruf mehr. Bloß kein Anruf mehr. 10 Sekunden. Neun, acht, schon mal langsam den Finger zur Taste zum Abmelden, drei, zwei, eins, und abgemeldet. Wieder geht ein Arbeitstag wie jeder andere zu Ende. Jetzt nur noch nach Hause auf die Couch, eine Folge Star Trek einschieben und der Tag ist gegessen. So endeten die letzten Tage und so wird auch der heutige enden. Zumindest denkt Daniel das noch, als er sich bei den Kollegen in den anderen Pferdeställen in den Feierabend verabschiedet. Pferdeställe, so nennt er die durch Stellwände abgegrenzten Telefonkabinen, in denen gerade Platz für einen Stuhl und einen Tisch mit dem Bildschirm und dem Telefon vorhanden ist. Einige Kollegen haben Bilder ihrer Lieben oder ihrer Hobbys an die Wände geheftet, damit wenigstens etwas persönliche Atmosphäre entsteht. Daniel hat sich ein Poster von Captain Picard und Deanna Troi hin gehängt. Persönlicheres fiel ihm nicht ein.

Er läuft die Treppen hinunter. Keine Lust auf Aufzug. Da würde man womöglich auf andere Kollegen treffen, die einen in ein Gespräch verwickeln. Das muss nicht sein. Sein Konterfei spiegelt sich in der Glastür, als er das Firmengebäude verlässt. Würde er stehen bleiben und sich näher betrachten, dann würde er einen Durchschnittsmann sehen. Zumindest würde er selbst dies so bezeichnen. Die Haare sind eher ungeordnet und gleichen mehr einem Gewirr als einer Frisur. Das Gesicht hat eine gewisse Markanz und die Augen leuchten lebendig. Frauen finden ihn durchaus attraktiv. Sein Äußeres schreckt sie gewiss nicht ab. Aber Daniel achtet nicht auf sein Spiegelbild und tritt stattdessen unbehelligt auf die Straße, um seinen Heimweg im gewohnten Marschiertempo in Angriff zu nehmen. Ab einem Alter von 25 baut der Körper Muskeln ab, hat er mal gelesen. Er ist schon 35. Wie viele Muskeln sind da schon weg? Sport treiben ist nicht sein Ding. Womöglich noch in ein Fitnessstudio gehen, horrendes Geld bezahlen, damit einen irgendwelche durchtrainierte Dumpfbacken scheuchen. Nein, das geht nicht. Der Weg zur Arbeit ist sein Sport. Strammes Gehen würde bereits genügen, hatte er auch gelesen. Also geht er stramm. Zumindest so, wie er es für stramm hält. Außer Atem kommen soll man beim Sport auch nicht. Wie alles im Leben, ist auch das ein höchst komplexes Problem und Daniel hasst höchst komplexe Probleme. Denen versucht er schon sein ganzes Leben aus dem Weg zu gehen. Ist ihm bisher auch recht gut gelungen. Er kommt zurecht. Hat einen Job, der ihm nicht zu viel abverlangt und zum Auskommen reicht. Er lebt in einer Zweizimmerbude, in die er ab und an auch eine Frau abschleppen kann. Ansonsten genügt ihm seine DVD-Sammlung sämtlicher Star Trek Serien, außer der letzten Enterprise-Serie. Captain Archer war nicht sein Fall. Alles ist schön einfach. Da lassen sich auch die gelegentlichen Moralpredigten von Sebastian, seinem perfekten Bruder, ertragen. Wenn Matthias, sein Kumpel aus alten Schultagen und geknechteter Sohn eines erfolgreichen Vaters und Ehemann einer Karrierefrau, zu gelegentlichen Männerabenden vorbei schaut, ist die Welt wieder in Ordnung.

Er nimmt immer zwei Gehsteigplatten mit einem Schritt. Bei einem strammen Schritt schafft man zwei Platten. Wenn man gemütlich geht, sind es vielleicht nur anderthalb Platten. Wobei dies natürlich von der Größe der Platten abhängt. Aber auf dem Weg nach Hause, genauer, dort wo es vorbei an den kleinen Geschäften geht und er gleich rechts abbiegen muss, sind die Platten so groß, dass man genau zwei davon mit einem Schritt schaffen kann. Wenn man zwei Platten mit einem Schritt quasi übersteigt, dann hat ein Schritt also die Länge von vier Platten. Die Platte, von der man ausgeht, die beiden Platten, die man übersteigt und die Platte, auf der man landet. Sind also vier. Er überlegt, ob er nicht einmal die Schritte zählen und daraus die Anzahl der überschrittenen Platten errechnen sollte. Stimmt die Annahme überhaupt? Wenn man auf einer Platte steht, dann muss man nur noch die Hälfte der Platte beim nächsten Schritt mitnehmen. Vorausgesetzt, man steht genau mittig auf der Platte. Spielt die Schuhgröße noch eine Rolle? Gerade als Daniel das Problem der Relevanz der Schuhgröße für seine Plattentheorie näher durchdenken möchte, bemerkt er, wie ein anderer Fuß seine Zielplatte bereits belegt. Nur ist sein Schritt bereits eingeleitet und befindet sich schon in der Flugphase, in der der vorwärts strebende Fuß noch nicht aufgesetzt hat, der Standfuß aber schon nicht mehr stabil steht. Eine Richtungskorrektur ist in diesem Moment nur noch unter stärkerer Gefährdung des sich bewegenden Körpers möglich. Die Alternative ist, es auf eine Kollision mit dem störenden Objekt ankommen zu lassen und zu hoffen, dass die sich aus der Masse und Geschwindigkeit ergebende Energie ausreicht, das störende Objekt beiseite zu schieben oder zumindest zu überrollen. Daniels Masse ist eher durchschnittlich. Na gut, ein kleiner Bauch ist schon da, aber der lässt sich noch gut kaschieren. Er wirkt schlank. Da ist er sich sicher. In der aktuellen Situation ist zudem davon auszugehen, dass Daniels Fuß auf dem störenden Fuß landet und diesem zwar wahrscheinlich beträchtliche Schmerzen zufügen wird, aber selbst relativ unbeschadet davon kommen dürfte. Daniel entscheidet sich daher für die Kollisionsvariante.
„Au! Haben sie denn keine Augen im Kopf!“
Das schmerzverzerrte Gesicht einer Frau blitzt ihn an. „‘tschuldigung.“
„Sie haben mir bestimmt den Mittelfuß gebrochen! Sie Idiot!“ Die Hoffnung, die Restenergie aus der Bewegung sogleich zu einem Durchstarten zu nutzen und die Kollision somit nur zu einem kurzen, unbedeutenden Intermezzo des Nachhauseweges werden zu lassen, ist zerstört. Die Dame steht nämlich noch im Weg und hält sich den Fuß.
„‘tschuldigung.“
„Können sie auch etwas anderes sagen? Verdammt, nun helfen sie mir doch mal!“
Sie hüpft auf einem Bein. Scheint kein gutes Gleichgewichtsgefühl zu haben. Früher haben die Mädchen Ballettuntericht gehabt. Fördert das Gleichgewichtsgefühl. Diese hier hatte definitiv keinen Ballettunterricht. Obwohl, grazil genug wäre sie. Könnte höchstens zu viel Oberweite für eine Ballerina haben. Schadet die Oberweite dem Gleichgewichtsgefühl? Kippt sie dadurch eher nach vorne? Jetzt scheint sie zumindest eher nach hinten zu kippen. Spricht gegen die Oberweitenhypothese. Wenn sie zu weit nach hinten kippt, ist der Moment verpasst, an dem man sie noch halten könnte. Daniel erinnert sich an seine erste Fahrstunde mit dem Motorrad. Als der Fahrlehrer ihm das Gerät hinhielt und es ganz langsam zur Seite kippte. Letztlich konnte er es nicht mehr halten und es krachte auf den Boden. Sie bekamen es nur mit viel Mühe wieder hoch. Die Frau dürfte aber leichter als das Motorrad sein. Sieht auch nicht so sperrig aus. Aber der Kippwinkel hat anscheinend bereits den kritischen Punkt überschritten, an dem ein Aufrichten nicht mehr möglich ist. Sie versucht es, in dem sie das rechte Bein schwungvoll anhebt. Daniel steht aber noch in der eingefrorenen Stellung eines nicht ganz korrekt beendeten Schrittes dort. Hätte er mit geschlossenen Beinen, beide Füße schön nebeneinander auf einer Platte platziert, dort gestanden, das schwungvoll hochschnellende Bein der kippenden Frau wäre wahrscheinlich vom seinem Oberschenkel abgelenkt worden und die Berührung ohne nennenswerte Folgen geblieben. So steht er aber eher breitbeinig da und bietet dem ihm entgegen schwingenden Bein eine enorme Angriffsfläche. Die Gewichtsverteilung in der aktuellen Stellung lässt auch eine schnelle Positionsänderung nicht zu und so sieht Daniel die Gefahr auf ihn zu kommen und ist gleichzeitig unfähig, etwas dagegen zu tun. Er kann nur abwarten und sich mental auf die Folgen einstellen in der Hoffnung, sie mögen glimpflich sein. Vielleicht streift der Fuß auch jetzt nur leicht den Oberschenkel und wird dadurch nach außen abgelenkt. Allerdings sieht es nicht so aus. Es sieht eher so aus, als ob der Fuß zwischen die Oberschenkel gelenkt wird und zielstrebig dem Zentrum zustrebt. Ein Aufprall ist unvermeidbar. Es ist wie die Spritze, die der Arzt einem ankündigt. Den Moment, an dem er sagt, es würde jetzt etwas kalt werden und man schon das Gesicht in Erwartung des kommenden Schmerzes verzieht, ohne dass der Schmerz bereits entstanden wäre. Daniel verzieht das Gesicht schon mal in Erwartung des kommenden Schmerzes. Diesen Schmerz hat er allerdings nicht erwartet. Schmerz erscheint ihm in diesen Moment sogar das viel zu milde Wort für das Erdbeben, das seinen Körper erschüttert und zu zerreißen droht. Er spürt, wie ihm die Gedanken entgleiten. Er sieht tatsächlich Sterne. Das sollte es doch nur in Comics geben. Ist er in einem Comic? Die Sterne wirken so. Sie sind alle weiß und fünfzackig. Nur die Größe variiert. Er hätte vermutet, sie seien auch bunt, aber sie sind nur weiß. Dafür sind es sehr viele Sterne. Sie schwirren herum, kommen näher und verschwinden wieder in der Ferne. Weit weg. Lassen ihn alleine, dort wo er ist. Wo immer dies auch gerade sein mag. Auch egal. Es ist schön hier. Sorglos. Ruhig. Sehr ruhig.  (...)


Rezension folgt ...


Die Autorin
Vera Nentwich wurde im Juni 1959 im Sternzeichen Krebs geboren. Sie wuchs mit zwei jüngeren Brüdern heran und fügte sich, so gut sie konnte, in das ihr vorgegebene Leben. Dieses Leben führte sie zu Dingen, wie Eishockey, einer Lehre zum Werkzeugmacher, dem Studium der Verfahrenstechnik, der Tätigkeit für ein amerikanisches Direktvertriebsunternehmen und einer Hochzeit. Während allen diesen Stationen schrieb sie. Sei es Texte in Programmzeitschriften, Kolumnen oder Geschichten.
Im Jahr 1994 entschloss sie sich, das vorgegebene Leben zu verlassen und stattdessen die eigenen Vorstellungen umzusetzen. Aus der schon zuvor gestarteten Tätigkeit als IT-Beraterin wurde eine Firma, deren geschäftsführende Gesellschafterin sie heute ist. Aus der Hochzeit wurde eine Scheidung und das Leben wurde durch Theaterrollen, Musik und Gesang bereichert. Dabei schrieb sie weiter. Neben den Kolumnen nun auch Songs und schließlich den ersten Roman, dem weitere folgten.


Vera Nentwich, Rausgekickt: Weiße Sterne





Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Hat sie nun, oder hat sie nicht - sein Zentrum getroffen...
Schön beschrieben, die leichte Zwanghaftigkeit beim Berechnen der Schritte und Platten.
Man merkt - mehr Probleme hat der Mann scheinbar nicht.
Ich denke mal, die Frau tritt wortwörtlich in sein Leben.
Locker erzählt, gut zu lesen.
Gruß, James.

schreibtalk hat gesagt…

Lieber Freund, ja, ich bin auch gespannt drauf, es liest sich sehr gut hier. Muss aber noch etwas ruhen, hab vorher noch was auf der Leseliste.

Danke dir sehr, du Unermüdlicher!
ELsa