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4. Februar 2013

Winacht und Noel, Flederzeit

Das Leben des Krimiautors Matthias ist seit dem frühen Tod seines Stiefsohnes Elias, an dem er sich schuldig fühlt, zerstört. Ehefrau Lida hat ihn daraufhin verlassen und seinen Rivalen Iven geheiratet. Schreiben kann Matthias auch nicht mehr.
Erst fünf Jahre später rafft er sich auf, sein Trauma aufzuarbeiten – indem er seine Erlebnisse in einen Krimi verpackt. Als er nach einem vielversprechenden Anfang damit jedoch nicht weiterkommt, entschließt er sich, an den Ort des Geschehens zurückzukehren.
In der Höhle, in der Elias einst erstickt ist, fallen plötzlich Fledermäuse über Matthias her. Panisch flieht er, stürzt, wird ohnmächtig.
Als er wieder zu sich kommt, liegt er neben einer Leiche.
Da taucht Lida auf. Sie hat Elias bei sich, lebendig und wohlbehalten. Doch beide kennen ihn nicht.
Entsetzt muss Matthias feststellen, dass er in seinem eigenen Krimi gelandet ist. Aber auch wieder nicht, denn Lida ist Mila, Elias Ilya – und beide leben im Jahr 1293.
Was zum Teufel ist nur geschehen?


Leseprobe

Aus Kapitel 8: Ankunft in der Flederwelt

(...) Schwarz. Verdammt, alles war schwarz, und er hasste es, wenn er sich nicht davon überzeugen konnte, dass seine Augen noch funktionierten. Und au, sein Kopf! Wo war er? Was war los? Warum lag er hier und konnte nichts sehen?
Matthias war hochgeruckt. Gestürzt war er. Und musste sich dabei gestoßen haben. Seine Hände fuhren an den Kopf. Der Schmerz darin war einen Moment lang überwältigend, die ertastete Beule beeindruckend. Dann erst meldeten sich ziehende Schmerzen in seinen Beinen und der linken Hand. War er so hart aufgeschlagen? Daran konnte er sich gar nicht erinnern. Er lauschte in sich, spannte sämtliche Muskeln an, fuhr sich über Brust und Bauch. War noch mehr verletzt?
Doch er schien Glück gehabt zu haben, sein Körper fühlte sich ... „Au.“ Seine Hände schnellten an seinen Hals. Etwas Pelzig-Knöchriges hatte sich daran festgebissen. Er riss es weg und schleuderte die Fledermaus von sich. „Elende Vampire.“ Gleichzeitig versuchte er, die Dunkelheit zu durchdringen. Es ging nicht. Hier war es dunkler als Schwarz. Fledermausschwarz. Die mochten das. Matthias wusste nicht viel von Fledermäusen, dass sie sich mittels Ultraschall orientierten, war aber sogar ihm bekannt. Er konnte hier nichts sehen, für die Fledermäuse stellte er also leichte Beute dar. Obwohl – hatte er jemals davon gehört, dass Fledermäuse Menschen angriffen?
Tollwut, schoss ihm in den Kopf. Irgendwie war ihm, als hätte er gelesen, dass Fledermäuse Überträger seien. Er würde sich also vorsichtshalber von Wolfgang impfen lassen müssen, sobald ... Er musste hier raus!
Stöhnend wollte er sich seitlich hochstützen – doch er zuckte erschrocken zurück. Da war etwas! Etwas Feuchtes, das mit Stoff bedeckt war. Er schnalzte weg von dem, was sein Tastsinn schneller als seine Gedanken identifiziert hatte: Er hatte schräg auf einem liegenden, bekleideten Körper gelegen. Einem Menschen, der in keinster Weise reagierte.
Gleichzeitig nahm er den typischen Geruch wahr, fühlte die klebrige Feuchtigkeit an seinen Händen.
Blut – Tod!
Das ließ ihn vor Schreck noch weiter zurückweichen, ohne auf seine pochenden Schläfen zu achten.
Zu seinem Entsetzen stieß er hinter sich sofort wieder an etwas Raues aus Stoff. Voller Schreck warf er sich zur Seite. Noch im Fallen, nur zwei wilde Herzschläge später hatte sein Hirn aus den gefühlten Informationen herausgefiltert, dass das nicht schon wieder eine Leiche bedeuten musste. Jetzt mutiger, streckte er die Hand aus, erreichte den Widerstand und tastete zu seiner unsäglichen Erleichterung – seinen Rucksack.
Sein Herz trommelte ihm in den Ohren, als er ihn an sich zog. Er brauchte dringend Licht. Seine Taschenlampe mochte irgendwo sein. Die hatte er fallen lassen, als die Fledermäuse ... Gerade eben waren es doch noch Tausende gewesen. Wohin waren die eigentlich verschwunden, bis auf die eine an seinem Hals?
Jetzt erst spürte er das Ziehen, das der Biss hinterlassen hatte. Dieses vermaledeite Biest. Hätte er sie doch nur schon alle ausgeräuch...
Wie von alleine fuhren seine Finger zur Hosentasche, in der noch die Streichholzschachtel steckte. Endlich Licht!
Die geringe und kurze Leuchtkraft eines einzelnen Zündholzes reichte aus, um ihm das ganze Ausmaß seines Elends bewusst zu machen: Er saß hier direkt neben einem toten Mann. In einem tiefen Felsloch. Nur ein freundliches Schicksal hatte verhindert, dass er jetzt genauso mausetot dalag wie die Leiche.
Die allerdings auf sehr eindeutige Weise nicht durch den Sturz hier herunter ums Leben gekommen war. Nein, der Mann war schon tot gewesen, als er hier gelandet war, denn aus seiner Brust ragte der gewaltige rote Griff eines Messers oder Dolches. Matthias zweifelte keinen Moment daran, dass die Klinge ebenso beeindruckend war. Das zu prüfen, hatte er allerdings keine Zeit mehr. Mit einem leisen Schmerzenslaut ließ er das bis auf seine Finger niedergebrannte Streichholz fallen. Welches sofort erlosch.
Himmel! Hastig riss er das nächste Zündholz an. Er musste feststellen, wie lange dieser Tote ... Er erstarrte und lauschte. Was, wenn dessen Mörder noch in der Nähe war?
Doch bis auf das nahe Wasserrauschen war nichts zu hören. Nicht einmal Fledermausflattern.
Vorsichtig tippte er schließlich den Mann an. Steif, kalt. Mindestens einige Stunden tot. Der Mörder war also aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr hier.
„Au.“ Wieder hatte er sich verbrannt. Streichhölzer waren einfach keine richtige Hilfe. Sollte er ohne ...?
Doch die Dunkelheit war schlimmer und das gab den Ausschlag. Matthias entzündete das nächste.
Diesmal mied er den Blick zur Leiche. Stattdessen musterte er die Wände des Lochs. Vielleicht konnte er sich selbst befreien? Doch im flackernden Lichtschein sah er nur Fels, bis zur Höhlendecke hinauf, völlig glatt, ohne Vorsprünge oder Vertie­fungen. Nur etwa vier Meter über dem Toten gähnte Dunkelheit. Viel zu hoch, um hinauflangen oder -springen zu können.
Im Licht des vierten und fünften Zündholzes prüfte er die Wände, in der Hoffnung, doch eine Art Ausstieg übersehen zu haben. Das sechste bis achte brauchte er, um sich mit Augen und Händen davon zu überzeugen, dass es wirklich keinen gab. Nummer neun bis sechzehn dienten dazu, die bittere Tatsache, in eine Falle geraten zu sein, nicht an sich heranzulassen.
„HILFE“, brüllte er, als seine Angst, hier verloren zu sein, die überwog, sich den Mördern auszuliefern. Seine Stimme hallte, verhallte.

„HALLO?“
Nichts.
Ich habe ein Seil. Und schon hatte er es aus dem Rucksack gezogen. Jetzt brauchte er nur noch etwas, woran er es befestigen könnte.
Das siebzehnte Streichholz hielt er so hoch wie möglich, reckte sich, versuchte, etwas zu entdecken, worüber er sein Seil werfen könnte. Vielleicht war da oben ein Stalagmit in der Nähe?
Ein Luftzug löschte die Flamme schnell. Mit der nächsten erging es ihm ebenso. Doch inzwischen hatte er genug erkennen können, um sicher zu sein, dass es oberhalb des Lochs keinen Halt gab. Entmutigt senkte er den Arm.
Er benötigte all seine Selbstdisziplin, um die vollständige Finsternis um ihn herum zu ertragen. Erst nach einer ganzen Weile erlaubte er sich, das neunzehnte Streichholz zu entzünden. Nutzte das kurze Licht, um sich zu vergewissern, dass er den Toten nicht etwa kannte.
Wieder ignorierte er Messer und Blut, betrachtete ausschließlich das Gesicht. Weit aufgerissene Augen, vor Entsetzen verzogener Mund, Bartstoppeln, lange, dunkle Haare. Nein, diesem Mann war er noch niemals begegnet.
Nach dem nächsten Zündholz tastete er sich zur Felswand, möglichst weit weg vom Toten, und setzte sich. Er brauchte nicht um Hilfe zu rufen. Und weitere Streichhölzer zu verschwenden, brauchte er auch nicht. Es waren eh nur noch wenige in der Schachtel.
Alles war sinnlos. Er war verloren, in einer einsamen Höhle mitten in den Bergen. Allzu bald würden hier zwei Leichen liegen.
Er zog den Rücksack auf seinen Schoß, öffnete ihn und tastete nach der Wasserflasche. Wie lange dauerte es, bis ein Mensch verdurstet war, vier Tage? Oh Himmel!
Entschlossen ließ er die Zündholzschachtel in den Rucksack fallen. Er würde kein weiteres Streichholz mehr anzünden.

Das unsichtbare Wasser rauschte, es tropfte von nah und fern, dazwischen hörte er immer wieder das trocken ledrige Geräusch schlagender Fledermausflügel. Sie waren also noch da. Angespannt lauschte er. Würden sie erneut angreifen?
Diese unheimliche Finsternis, die sich fast greifbar vor ihm auftürmte, war schwer zu ertragen. Sollte er doch wieder ein Streichholz anzünden, um einige Momente Licht zu haben?
Er verwarf diesen Gedanken jedoch schnell wieder. Die Zündhölzer würden im Nu verbraucht sein. Wenn er nur seine Taschenlampe hätte. Um die Dunkelheit nicht länger sehen zu müssen, legte er seine Hände über das Gesicht und seinen Kopf auf die Knie. Er würde jetzt von besseren Zeiten träumen.
Lida war sein erster Gedanke. Doch der war weit davon entfernt, ihn in einen schönen Traum zu entführen. Er brauchte also etwas anderes. Vor Anstrengung runzelte er die Stirn. Eine schöne Erinnerung, wo war die? An eine gute Zeit und sei sie noch so kurz gewesen.
Es rauschte um ihn. Die Quelle mit ihrem erfrischenden Wasser, nein, besser, die Hütte. Sägen, hämmern, teeren ... Vor Anstrengung presste er die Augen fest zusammen. Steine schleppen, schwitzen, durstig den Glaskrug an die Lippen heben, die Sonne im Rücken.
Oh ja, so ging es. Fast war ihm, als stünde er auf der sonnenbeschienenen Wiese und lauschte gleichzeitig den dicken Regentropfen ringsum. Wie Musik.
Etwas störte, ließ die Harmonie in ihm wie eine Kaugummi­blase zerplatzen und holte ihn zurück in die Höhle. Matthias hob den Kopf, öffnete die Augen. Natürlich konnte er noch immer nichts sehen. Dafür aber hören, was vorher nicht zu hören gewesen war: Ein neues Geräusch hatte sich zum Wasserrauschen und -tropfen gesellt. Unregelmäßig, fast disharmonisch.
Matthias lauschte. Das Geräusch schien von vorn zu kommen. Aber genau da lag der ... War der etwa doch nicht tot?
Der Schreck darüber ließ ihn zusammenfahren.
Licht!   
Verdammt, warum hatte er nur die Streichhölzer in den Rucksack zurückgeworfen?
Mit beiden Händen kramte er nach ihnen. Fand den Apfel, seine Geldbörse, das Erste-Hilfe-Set, sein Handy, aber keine Zünd...
Moment!
Da hatte er das Handy schon herausgezogen und schaltete es ein. Er erwartete kein Netz, natürlich nicht. Auch die Uhrzeit war ihm egal. Der bläuliche Schein des Displays ersetzte zwar in keiner Weise die Taschenlampe, war auch lange nicht so kräftig wie ein Zündholz. Dennoch, es war Licht und erweckte in ihm zumindest das Gefühl, der Finsternis nicht völlig ausgeliefert zu sein. Damit kroch er zu der Leiche und überzeugte sich davon, dass sie auch tatsächlich eine war. Dort erst merkte er, dass ihn die Akustik hier unten trog: Die Geräusche drangen in Wirklichkeit von oben herab. Fern, unregelmäßig – unheimlich. Seinen Kopf nach oben gerichtet, lauschte er. Konzentrierte sich stärker. Glaubte es nicht. Doch schließlich war es eindeutig: Jemand kam.  (...)




Die Autorinnen
Maria G. Noel: „Ich möchte den Menschen schöne und spannende Geschichten erzählen!“
Jahrgang 1958, Diplom-Sozialpädagogin, verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Oberbayern.
Intensiv schreibt sie seit 2008. Zunächst zur Übung innerhalb eines vorgefertigten Rahmens, mit verschiedenen Veröffentlichungen im Internet. Zahlreiche Rückmeldungen haben ihr bestätigt, dass sie mehrheitstauglich schreiben kann.
Dabei hat sie Runa kennen- und schätzen gelernt. Gemeinsam mit ihr ist sie in Schreibtechnik, Perspektiven- und Prämissenarbeit getaucht, hat ihren Schreibhorizont erweitert und durch gemeinsame Überarbeitung der bereits bestehenden Geschichten gelernt, das, was sie bisher rein intuitiv getan hatte, nun gezielt einsetzen zu können.
Maria mag bunte, dichte, actionreiche, vielfädrige Plots, liebt es, Spuren und Andeutungen auszustreuen und später alle Fäden zusammenzuflechten und schließlich aufzulösen.
Ihre Figuren verhalten sich menschlich, normal, wie du und ich. Das, was in ihnen vorgeht, übersetzt sie gern in symbolische, konkret beobachtbare Außengeschehnisse. Sprache dient für sie dazu, das, was sie erzählen will, so auszudrücken, dass jeder es versteht.
Zwei Jahre schrieb sie für verschiedene Zeitschriften Kurzromane, sogenannte True-Stories, und Kurzkrimis.
Ihre Kurzgeschichte: 'Cassiels Wunder' gewann bei einem Schreibwettbewerb und wurde in der Anthologie 'Geschichten vom Fliegen IV' veröffentlicht.

Runa Winacht: „Ich möchte das, was ich über Beziehungen gelernt habe, in Geschichten verpacken und Leser dazu bringen, darüber nachzudenken!“
Jahrgang 1970, Sonderschul-Beratungslehrerin und angehende Heilpraktikerin für Psychotherapie, verwitwet, vier Söhne, wohnhaft in Schleswig-Holstein.
Mit dem Schreiben hat sie nach dem Tod ihres Mannes begonnen – ein Fanfiktion-Beziehungsdrama, um ihre anfangs komplizierte Beziehung mit ihm aufzuarbeiten und ihn in Gedanken näher heranzuholen.
Ihr Hauptinteresse galt schon immer zwischenmenschlichen Beziehungen und wie diese sich entwickeln. In ihren Geschichten lässt sie den Leser an jedem einzelnen Schritt dieser Entwicklung teilhaben. Die dramatische und leicht idealisierte Handlung spielt sich hauptsächlich im Innern der Protagonisten ab. Sie erzählt, was diese denken und fühlen und wie das ihr Handeln beeinflusst.
Früher neigte sie dazu, Außengeschehnisse zu ignorieren und nur rein prämissenrelevante Innenhandlung zu schreiben. Erst in ihrer Zusammenarbeit mit Maria konnte sie davon überzeugt werden, dass äußere Ausschmückungen notwendig sind, um eine Geschichte leichter und unterhaltsamer zu gestalten.

Runa und Maria haben sowohl einzeln als auch gemeinsam bereits mehrere Romane geschrieben. 'Flederzeit – Der Sturz in die Vergangenheit' ist ihre erste Veröffentlichung.




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