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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

23. März 2013

Helmut W. Quast, Geiserich


Im populärwissenschaftlichen Stil spannend geschrieben, will diese historische Reportage mit dem (allzu) festsitzenden Zerrbild der »blindwütigen, zerstörerischen Vandalen« aufräumen und es als historisch nicht haltbar entlarven. Die Vandalen sollen vielmehr so gezeigt werden, wie sie wirklich waren: Zwar nicht gerade eine antike »Friedensbewegung«, aber immerhin ein Volk, das sich mit den üblichen Motiven und Mitteln seiner Zeit — nicht »humaner«, aber auch nicht blutrünstiger als andere — unter der umsichtigen Führung ihres legendären Königs Geiserich inmitten einer fremden Umwelt ein solides Reich schuf. Das, im Übrigen, auch den angestammten Bewohnern Nordafrikas einen fairen Anteil an innerem Frieden und Wohlstand bot, sodaß diese gar nicht so ungern die römische Herrschaft gegen den »Vandalismus« tauschten.

Leseprobe

Kapitel I: Der große Aufbruch

Gleichmütig schlagen die Wellen der Meerenge von Gibraltar an den felsigen Küstenstrich bei Tarifa. Hier, vom südlichsten Zipfel der spanischen Halbinsel aus, kann man über dem Wasser in nicht einmal fünfzehn Kilometer Entfernung den fremden, geheimnisvollen Kontinent sehen: Afrika! Majestätisch, aber doch zum Greifen nahe ragen die gewaltigen Bergmassive des Atlas, Wahrzeichen der römischen Provinz Tingitana (heute Marokko) im flirrenden Sonnenlicht aus den tanzenden Schaumkronen der tiefblauen Fluten hoch.
Die Luft ist herrlich. In den vom Meer herauf wehenden Salzgeruch mischt sich unverkennbar der berauschende Duft farbensatter Blüten. Es sind die milden Tage zwischen Mai und Juni des Jahres 429 n. Chr. Eine Zeit, die Menschen und Natur im südlichen Mittelmeerraum noch einmal tief und befreiend durchatmen lässt, bevor die brütende Hitze des nahen Sommers alles Leben unter ihren lähmenden Gluthauch zwingt.
Doch hier, an den Felsen von Tarifa, lässt sich niemand von dieser Stimmung verzaubern. Was sich seit einigen Wochen auf der schmalen, die beiden Nachbarkontinente Europa und Afrika gleichzeitig trennenden und verbindenden Wasserstraße abspielt, ist alles andere als von gelassener Erwartung der kommenden heißen Jahreszeit geprägt. Denn 80 000 Menschen versuchen in einer verzweifelten Kraftanstrengung, möglichst geordnet und ohne große Verluste die nasse Grenze zu überwinden und nach Afrika überzusetzen.
Ein ganzes Volk geht über das Meer!
Zahllose Schiffe jeden Typs und in jedem Erhaltungszustand dümpeln wie schwerfällige Wasservögel vor der steil abschüssigen Küste. Schnelle Ruderer, Triremen, Frachtsegler und immer wieder Fischerboote bieten ein verwirrendes, quirliges Bild, in dem die einheitliche Dreiecksform der lateinischen Segel das einzige verbindende Element zu sein scheint. An den Uferfelsen hält nervöse Hektik eine schier unübersehbare Menschenmenge in ständiger Bewegung. Männer, Frauen, Kinder, schwerbewaffnete Krieger und lastenschleppende Sklaven wimmeln durcheinander.
Für zusätzliche Behinderungen sorgen in diesem Meer aus Ungeduld und Aufbruchschaos immer wieder kleine Inseln aus verschreckt brüllenden Rindern und ängstlich meckernden Schafen. Wieselflink huschen geduckte, dunkelhäutige Gestalten auf struppigen Pferden an der Peripherie dieser aus Menschen und Tieren gebildeten riesigen Herde umher. Ungeduldige, in einer rauen, kratzigen Sprache gebrüllte Befehle sollen offenbar so etwas wie eine relative Ordnung aufrechterhalten. Und immer wieder, in einem seltsam entschlossenen Rhythmus, besteigt eine Handvoll der Wartenden, bepackt mit Bündeln und Körben, die schwankenden Planken eines Kampfruderers oder einer winzigen Nußschale, die irgendeinem Fischer von der Küste der Baeticae (Andalusien) bis vor kurzem seinen Lebensunterhalt sicherte. An Bord rigoros zusammengepfercht, denn jeder Quadratzentimeter Schiffsfläche ist in diesen Tagen kostbarer als Gold, streifen die skeptischen Blicke der Reisenden noch einmal die langsam kleiner werdende spanische Küste, während das Schiff mühsam, aber unbeirrbar den Kurs auf Tingis (Tanger), die Hauptstadt der westlichsten römischen Afrikaprovinz, hält.
Der Name dieses Volkes, das in den Spätfrühlingstagen des Jahres 429 n. Chr. einen bis dahin beispiellosen gemeinsamen Aufbruch über das Meer in ein völlig unbekanntes Neuland riskierte, ist uns heute noch allzu geläufig. Und das, wie man in diesem Fall bedauernd sagen muss, nicht aus den Geschichtsbüchern! Es sind die Vandalen unter ihrem gerade ein Jahr regierenden König Geiserich, die hier einen letzten verzweifelten Versuch unternehmen, ihre Existenz als Volk durch eine neue Landnahme und die Gründung eines eigenen, soliden und vom - immer noch als politischen Übervater des Mittelmeerraumes angesehenen - römischen Imperium unabhängigen Reiches zu retten. (...)


Rezension folgt...


Über den Autor liegt der Mantel des Pseudonyms.


Helmut W. Quast, Geiserich

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