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8. März 2013

Kerstin Michelsen, Hermines Tür



Hermines Leben war qualvoll und geprägt von Verlusten. Nach dem tragischen Unfalltod ihrer kleinen Tochter zerbricht die Familie, ihr Mann Wilhelm verschwindet mit dem Sohn Georg und Hermine bleibt allein zurück.

Jahrzehnte später schöpft sie neue Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Georg, als sie vom Tod Wilhelms erfährt. Auf der Suche nach Spuren aus ihrem früheren Leben, die sie zu ihrem Sohn führen könnten, stößt Hermine im Keller ihres Hauses auf eine geheimnisvolle Tür ...



Leseprobe:

(…)
Ein schaumiges Spuckeflöckchen flog wie in Zeitlupe durch die Luft und landete feucht auf ihrer Wange, doch Hermine hob keine Hand, um es abzuwischen. Sie war wie gelähmt. Auch wenn sie sich in diesem Moment hätte rühren können, so hätte sie es nicht getan. Sie wagte es nicht. Jede Bewegung konnte jetzt falsch sein. Wilhelm war so nahe an sie herangetreten, dass sie seinen säuerlichen Atem roch.
„Ich sage es dir zum allerletzten Mal: Du wirst nicht nach uns suchen! Du bist nicht mehr seine Mutter, hast du mich verstanden? Ich werde verhindern, dass du mir auch noch den Sohn nimmst!“
Wilhelms gerötetes Gesicht senkte sich bedrohlich zu ihr herab, die unterdrückte Wut ließ seine Augen aus den Höhlen treten. Sie sah auf seinen hässlich verzogenen Mund, während er die vernichtenden Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorstieß.
„Georg werde ich dir niemals überlassen, hörst du? Er ist mein Sohn. Aber wenn du mich zwingst ... wenn ihm etwas zustößt, bist du allein schuld. Vergiss das nie!“
Hermine wollte zurückweichen, sich den widerlichen Speichel von der Wange wischen, doch sie durfte sich ihren Ekel nicht anmerken lassen. Es wäre falsch, Wilhelm jetzt noch mehr zu reizen. Dieses Wissen war ihr in Fleisch und Blut übergegangen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie oft hatte sie Prügel allein dafür einstecken müssen, dass sie im falschen Moment zurückgezuckt war. Mit der Zeit hatte sie gelernt, was sie besser unterließ, es war der reine Überlebensinstinkt, der sie stillhalten ließ. Die vergangenen Wochen hatten Hermine endgültig zermürbt, noch niemals in ihrem ganzen Leben war sie so vollkommen hilflos gewesen. Oder doch – aber wie damals gab es auch jetzt nichts, was sie dagegen tun konnte. Für eine erneute Flucht war es schlicht zu spät, damit war sie bereits gescheitert.
Obwohl Wilhelm sie in diesem Moment nicht berührte, war der Schmerz für Hermine körperlich spürbar. Er hätte ebenso gut mit einem Messer zustechen können. Ihr war matt und zitterig zumute. Während die Übelkeit ihr die Kehle zuschnürte, konnte sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Was sollte sie nur tun? Es war, als befände sie sich in einem schlechten Traum. Hermine machte einen weiteren zaghaften Versuch, ihren Mann gnädig zu stimmen.
„Wilhelm“, bat sie, nein, sie winselte, „bitte, Wilhelm, darf ich wenigstens …“
„Du darfst gar nichts mehr!“
Unwillkürlich zuckte sie vor seinem Mundgeruch zurück. Hoffentlich hatte er es nicht bemerkt. Wie konnte es sein, dass sie diesen Mann einmal geliebt und ihm zwei Kinder geschenkt hatte? Und er hatte sie ebenfalls geliebt, dessen war sie sich sicher. Er hatte sie doch für immer beschützen wollen.
Die Art und Weise, in der sie sich hier gegenüberstanden, kam Hermine beinahe grotesk vor, geradezu unwirklich. Doch auf ein gnädiges Erwachen aus diesem Alptraum wartete sie vergeblich. Das Monster wollte einfach nicht verschwinden. Wilhelm würde auch diesmal erst zufrieden sein, wenn sie vollkommen vernichtet war.
Sie waren allein im Keller. Der Blick aus Wilhelms Augen ließ erahnen, wozu er fähig wäre, es war wieder einer dieser Momente. Dennoch fürchtete Hermine, dass es schlimmer werden könnte als sonst. Ach, sollte er sie weiter schlagen und treten, doch den Sohn durfte er ihr nicht nehmen!
Aber Wilhelm war noch nicht fertig mit ihr. Fluchend redete er sich immer mehr in Rage: „Du hast meine Tochter auf dem Gewissen, du Schlampe, du bist keine Mutter, du bist einfach nur unfähig. Vergiss Georg!“
„Wilhelm, bitte, du weißt, dass das nicht stimmt, es war ein Unfall, das haben alle gesagt, sogar die Polizei, du kannst mir nicht auch noch Georg nehmen!“
„Du wagst es, mir sagen zu wollen, was ich kann und was ich nicht kann?“
Im nächsten Augenblick fand Hermine sich auf dem kalten Steinboden wieder. Ihre Stirn pochte und in ihrem ganzen Kopf dröhnte und vibrierte es. Wilhelms geballte Faust hatte sie so schnell getroffen, dass sie den Hieb nicht einmal hatte kommen sehen. Etwas rann warm über ihre Lippen, und die Nase sandte stechende Signale aus. Hermine richtete sich benommen auf. Als sie sich fahrig mit dem Handrücken über den offenen Mund fuhr, sah sie Blut, dann schmeckte sie es auch.
 „Reicht das jetzt, oder willst du noch mehr?“
Wilhelms Blick war nun kühl und abschätzend. Seine Gesichtshaut hatte wieder eine normale Farbe angenommen. Der Schlag war mehr berechnend als impulsiv gewesen. Er wusste, wie er sie in ihre Schranken verweisen konnte. Spätestens ab diesem Moment war nicht mehr mit Widerspruch zu rechnen. Wie so oft schon, verschwand sein unerklärlicher Zorn ebenso schnell, wie er sich über ihr zusammengebraut hatte. Es blieb nur der schneidende Ton, mit dem Wilhelm seine Anweisungen zu erteilen pflegte. Doch was er sagte, ließ Hermine erzittern.
„Ich habe Georg bereits mitgeteilt, dass wir ein paar Tage an die See fahren werden, nur wir Männer. Du kannst dich von Georg verabschieden, aber wage es ja nicht, ihm auch nur ein Sterbenswort zu verraten. Wenn du das nicht hinbekommst, kannst du den Abschied gleich ganz vergessen. Und denk daran: Jeden Fehler, den du machst, wird Georg in Zukunft ausbaden müssen. Anders scheinst du es ja nicht zu kapieren.“
Hermine wusste nicht, was sie erwidern sollte. In ihrem pochenden Schädel herrschte ein hilfloses Durcheinander. Das konnte Wilhelm doch unmöglich ernst meinen. Sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Doch er ließ ihr keine Zeit zum Nachdenken.
„So, los jetzt, mach dich sauber. Wenn es dir hilft, nicht wieder loszuflennen, kannst du ja vorher noch einen Schnaps trinken. Wie immer, wenn du die einfachsten Dinge nicht geregelt bekommst! Aber spül dir anständig den Mund aus, sonst behält der Junge seine Mutter als alte Säuferin in Erinnerung.“
Hermine rührte sich immer noch nicht. Sie fühlte sich wie gelähmt, unfähig zu einer Reaktion auf diese ungeheuerlichen Worte. Erst als Wilhelm gegen ihr Bein trat, nachlässig, beinahe ein wenig gelangweilt, löste sie sich aus ihrer Erstarrung. Mechanisch, fast wie aufgezogen, rappelte sie sich hoch und stolperte die Kellertreppe hinauf. Halb blind durchquerte Hermine die Eingangshalle und gelangte in das Gästebad. Mit zitternden Fingern drehte sie den Schlüssel im Türschloss herum.
Es war so beschämend. Natürlich hätte sie jetzt gern einen Schluck getrunken, um den pochenden Kopfschmerz ein wenig zu betäuben, ganz zu schweigen von allem anderen. Sie riss sich mühsam zusammen. Wenn sie auch allen Stolz hatte fahren lassen, sie wäre Georg niemals mit einer Alkoholfahne gegenübergetreten. Wie tief sie auch gesunken war, so hatte sie doch immer darauf geachtet, dass die Kinder nichts davon mitbekamen. Hermine hatte tagsüber niemals getrunken. Egal wie schlimm es auch war, wie sehr sie sich nach dem Vergessen sehnte; sie hatte sich immer beherrscht, bis Emma und Georg im Bett lagen.
O Gott, dachte Hermine, und trotzdem war es passiert. Es hatte alles nichts genützt, sie hatte getrunken, als sie im Bett lagen, weil sie angenommen hatte, dass es ihnen dann nicht schadete, dass sie davon nichts mitbekommen würden. Es war alles ihre Schuld, sie war schuld, dass ihr kleiner Engel nicht mehr da war. Sie konnte sie nicht beschützen. Wäre sie nur nicht so schwach gewesen! Sie hatte das Teufelszeug nie mehr anrühren, sich Georg schnappen und für immer mit ihm fortgehen wollen. Aber nicht einmal das hatte sie geschafft. Warum konnte sie sich gegen Wilhelm nicht wehren? Was er da gesagt hatte … Das konnte er doch nicht tun, sie konnten sie doch nicht allein lassen!
In den vergangenen Tagen war die Villa für Hermine endgültig zu einer Hölle geworden. Früher hatte sie sich Wilhelms Wutausbrüchen ergeben, weil sie meinte, nur so ihre Familie zusammenhalten zu können. Vielleicht hatte sie ihn trotz allem noch geliebt oder es sich zumindest eingeredet. Es war ja auch nicht immer so gewesen, aber irgendwie war dann eines zum anderen gekommen. Lange, viel zu lange, hatte sie auf eine Änderung zum Guten gehofft.
Damit war es nun endgültig vorbei, Hermines Kraft war erschöpft. In ihrem Inneren hatte sich ein gähnender schwarzer Abgrund aufgetan, seitdem Emma nicht mehr da war. Mit körperlichen Wunden kannte Hermine sich aus, dennoch hatte sie nicht gewusst, dass ein Schmerz so grenzenlos sein konnte. Wenn sie an Emma dachte, dann war es ihr, als verblute sie innerlich. Allein für Georg hielt sie sich irgendwie aufrecht, und jetzt wollte er ihr den Jungen nehmen.
Hastig fuhr Hermine sich mit der feuchten Hand über das Gesicht und trocknet sich anschließend mit einem der flauschigen Gästehandtücher ab. Prüfend besah sie ihr Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken. Das Blut war fortgewaschen, nur sah die Nase seltsam schief aus, als passte sie nicht mehr in ihr Gesicht.
Herrgott, er hatte ihr die Nase gebrochen, dachte Hermine. Aber jetzt war keine Zeit, darüber konnte sie später noch nachdenken. Sie musste etwas tun, Wilhelm umstimmen, irgendwie.
Mechanisch griff sie nach der Dose mit dem Gesichtspuder, die auf der gläsernen Ablage stand. Sie öffnete sie und tupfte sich den luftigen Schwamm einige Male vorsichtig über das Gesicht. Schließlich ordnete sie mit zittrigen Fingern ihre zerrupfte Frisur. So musste es gehen. Hermines Spiegelbild versuchte ein zaghaftes Lächeln. Sie sah furchtbar aus.
So sollte sie sich von ihrem Sohn verabschieden, womöglich für immer? Nein, das war vollkommen ausgeschlossen, einfach undenkbar. Sie war schließlich Georgs Mutter.
Es war nur wieder – ja, ganz gewiss war es eines von Wilhelms Spielchen, ein grausames Spiel, aber das würde er nicht wahrmachen. Hier war doch ihrer aller Zuhause, trotz allem. Wo sollten sie denn auch hin, Georg und sein Vater? Nein, es war ganz und gar unmöglich, er wollte ihr gewiss nur eine Lektion erteilen, sie erschrecken.
Hermines Gedanken überschlugen sich, während sie spürte, dass die kostbare Zeit verrann. Mühsam zwang sie sich zur Ruhe. Ihr Mann und ihr Sohn führen nur für ein paar Tage weg, dachte sie, alles andere wäre ja vollkommen unsinnig. Wilhelm würde sich wieder beruhigen, ja, das würde er. Sie kämen wieder. Er hatte seine Fehler, aber er würde ihr Georg nicht wegnehmen. Das konnte er einfach nicht tun, nicht einmal Wilhelm war so grausam. Sie durfte ihm jetzt nur nicht widersprechen und ihn noch mehr reizen. Er musste sehen, dass sie in allem nachgab, wie immer. Dann würde alles gut.
Unterdessen hörte sie, wie Wilhelm nach Georg rief, und kurz darauf die schnellen Schritte des Jungen, der die Treppe heruntersprang.
Eilig verließ Hermine das Bad und schritt auf ihren Sohn zu, der in der Mitte der Eingangshalle neben seinem Vater stand. Als Georg in ihr verwüstetes Gesicht blickte, weiteten sich seine Augen, doch unter dem strengen Blick des Vaters fasste er sich schnell. Dann kam der Junge mit neutralem Gesichtsausdruck auf seine Mutter zu. Das hatte er schon gelernt. Wenn Wilhelm etwas hasste, dann war es verweichlichtes Verhalten bei einem Jungen.
Zärtlich sah Hermine ihrem Sohn in die Augen.
„Na, mein Großer, dann gehst du jetzt wohl doch noch auf große Fahrt“, sagte sie, dann brach ihre Stimme, so sehr sie sich um ein gefasstes Auftreten bemühte. In ihrem Innern rumorte es. Aufsteigende Übelkeit schnürte ihr die Kehle zu. Nach den zwei Tagen im Keller, oder wie lange es auch gewesen war, war ihr Verdauungstrakt leer und ausgedorrt. Dennoch fühlte es sich an, als müsste sie sich gleich übergeben. Da war auch wieder dieser eiserne Ring um ihre Brust, der das Atmen so schwer machte, seit Emma fort war.
Es half jedoch nichts, sie musste Georg gegenüber so tun – und wollte auch selbst ganz fest daran glauben – dass er sich nur für eine kurze Reise verabschiedete.
Alles andere konnte nicht sein.
(…)




Die Autorin
Kerstin Michelsen, Jahrgang 1963, wuchs in Hamburg und in der Lüneburger Heide auf. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem kleinen Dorf südlich von Hamburg.
Bisher veröffentlicht:
einfach so (Roman)
Sushi oder Labskaus (Roman)
Hermines Tür (Roman)
Mia & Serafina (Kinderbuch)
Zur Zeit arbeitet die Autorin an einem neuen Buchprojekt.








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