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Rezensionen

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5. März 2013

Margitta Luther, Mein Kinderheim: Eine Heimleiterin blickt zurück




Die Autorin erzählt in diesem Buch von »ihrem« Kinderheim in Sachsen, das sie von 1982 bis 2006 geleitet und dem sie im »Ruhestand« bis heute verbunden ist. Ihre Mitteilungen und Erfahrungen sind bemerkenswert vor allem deshalb, weil sie den Zeitabschnitt der politischen Wende einschließen.





"Wer will das schon lesen, frage ich mich."
So eröffnet Margitta ihr Vorwort zum Buch mit Berichten und Interviews über ihr Leben als Heimkind, Heimerzieherin und Heimleiterin. Ich wollte es lesen. Und die Autorin hat es geschafft, dass mein Bild über Kinderheime sich verändern konnte. Will man den Interviews und Berichten Glauben schenken, was ich absolut mache, entsteht das Bild von Verständnis für diese große Aufgabe, die nur von leidenschaftlicher Liebe zu Kindern getragen sein kann. Denn leicht ist es nicht, diese jungen Menschen, die oft aus zerrütteten Verhältnissen stammen, auf einen guten Lebensweg zu lenken. 



Geborgenheit und Liebe
ist eine Notwendigkeit, um in Kindern Ethik zu wecken (diese ist uns nämlich nicht angeboren, sie entsteht durch Formung, durch Beispiel der Erwachsenen)  und ihren Charakter zu bilden. Was aber, wenn die Herkunftsfamilie, die Eltern selbst keinerlei ethischen Bewusstsein in sich entwickeln konnten und ihrerseits nur Derbheit und Gewalt an ihren Nachwuchs weitergeben? Dann ist es ja fast die beste Lösung, diese Kinder aufzufangen und in einer Institution wie einem Kinderheim zu versuchen, ihnen das nötige Rüstzeug für ein erfreuliches Dasein mitzugeben. Darum hat sich die Autorin in ihrem Beruf, der eher Berufung war, mit aller Kraft bemüht.     



Ich kenne auch andere tragische Berichte
über das Leben in Heimen (auch in Buchform von mir bekannten Autoren), die mich schaudern lassen und fragen: Wie ist das nur möglich?
Aktuell gibt es Nachforschungen sowohl in Deutschland als auch in Österreich über entsetzliche Zustände in Kinderheimen der 1960er Jahre und davor. Damalige Opfer, die zu traumatisiert sind, um ein gutes Leben führen zu können, berichten, weil sie, in die Jahre gekommen, nicht mehr schweigen wollen. Das schürt natürlich die Vorurteile gegenüber allen diesen Einrichtungen, und in sehr vielen von ihnen fand tatsächlich Ungeheuerliches statt, das ist belegt und bewiesen. Darüber kann man nicht hinwegsehen. Eine unerträgliche Vorstellung für mich, dennoch wahr.



Dieses Buch tröstet aber,
angesichts der vielfach schrecklichen Berichte von gedemütigten, für immer verletzten Kindern, denn es zeigt, es gibt auch einige engagierte, kompetente Menschen wie die Autorin, die jungen Menschen mit Güte und ihrem Herzen zur Seite stehen möchten. Und das ist schön.



Die Kinder und Kollegen kommen zu Wort
was ich überaus spannend fand. Zudem gibt das Buch auch einen guten politischen Überblick der DDR-Zeiten und der Wende.

Die Autorin schreibt:
Ich bleibe davon überzeugt, dass Heimerziehung nur gelingen kann, wenn die Erzieher eine  Einstellung zu den Kindern haben, die von Zuwendung, Verständnis, Einfühlungsvermögen, Forderung und Achtung geprägt ist. Viel Geduld und hoher persönlicher Einsatz der Pädagoginnen und Pädagogen ist erforderlich, ehe sich der gewünschte Erfolg einstellt, nicht von Zauberhand , sondern durch das Freilegen von Kompetenzen der Kinder, die zuweilen verborgen liegen unter dem Schutt der vorangegangenen, mitunter unvorstellbaren Erfahrungen, die diese Kinder bereits machen mussten.

Das denke ich auch. Interessant und lesenwert!


Elsa Rieger






Die Autorin
Im März 1943 wurde ich geboren, mitten im 2.Weltkrieg. Meine Geburtsstadt ist Chemnitz, die 1945 fürchterlich zerstört wurde. Ich war noch nicht ein Jahr, da starb meine Mutter Ich wuchs bei Pflegeeltern auf, dem Bruder meiner Mutter und dessen Frau- in einem Dorf im Erzgebirge. Dort bin ich auch eingeschult worden. Das Lernen hat mir Spaß gemacht, besonders alles, was mit Schreiben zu tun hatte. Meine Pflegeeltern hatten nur wenig Zeit für mich. Sie hatten eine Konditorei und ein Café, das sie voll forderte. Anfang der 1950iger holte mich mein Vater in seine Familie nach Chemnitz. Ich war mit der neuen Situation total überfordert. Das Schreiben hat mich abgelenkt. Das zuständige Jugendamt hielt es damals für angebracht, mich in ein Kinderheim zu geben. Ich fand das spannend, denn ich habe mich immer für andere Menschen interessiert. Ich spürte, dass ich einen guten Draht zu den Kindern und Jugendlichen hatte. Von 1959-1961 besuchte ich die Erweiterte Oberschule. Ich träumte davon, Sängerin zu werden, war ich doch Solistin im Chor der Schule, für mich als Heimkind jedoch fast chancenlos. Ich hätte damals den Ehrgeiz haben müssen, der mich erst viele Jahre danach gepackt hatte. Ich ging mit der 10.Klasse von der Schule, lernte einen Beruf in der Textilindustrie, wohnte in einem Jugendwohnheim. Der Heimleiter bat mich darum, den Beruf des Heimerziehers zu erlernen. Ich nahm ein Studium am IfL Rochlitz auf, wurde Unterstufenlehrer und arbeitete als Erzieherin in diesem Jugendwohnheim. 1982 übernahm ich das Kinder-und Jugendheim in Limbach-Oberfrohna.
Es war mir ein Bedürfnis, über „mein Kinderheim“ zu schreiben, wohl wissend, dass auch in anderen Kinderheimen gute Arbeit geleistet wurde. Ich finde es wichtig, dass ich auf die schwierige, beglückende Aufgabe hinweise, insbesondere in einer Zeit, in der Kinderheime massiv unter Kritik geraten sind. Ich habe versucht, dem Leser durch die Mischung aus Erzählung von Prozessen und die Darstellung einzelner Kinderschicksale, den Zusammenhang von Theorie und realem Leben, näherzubringen.


Margitta Luther, Mein Kinderheim: Eine Heimleiterin blickt zurück. Nora Verlag


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