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11. März 2013

Regina Mengel, Mysterien der Zeit



Das römisch besetzte Pompeji, die Colonia Claudia Ara Agrippinensium, Köln im Jahr 1968 und zu unserer Zeit. Vier verschiedene Welten ... Und doch sind sie miteinander verknüpft.

Anna glaubt weder an Reinkarnation, noch an die Existenz antiker Gottheiten oder magischer Hexenzirkel. Warum also trifft es ausgerechnet sie? Und wieso wacht sie jeden Morgen mit neuen Verletzungen auf? Ist es wirklich die Vergangenheit, die in ihr Leben greift, oder dreht sie schlichtweg durch?


Leseprobe:

Prolog

„Ich möchte lieber Karos“, bat das kleine Mädchen und wies auf ein rot-schwarz gemustertes Kleid, das an einer Puppe im Schaufenster hing. Die Frau an ihrer Seite runzelte die Stirn.
„Einfältiges Balg“, sagte sie schließlich. In ihrer Stimme lag Kälte. „Auch du wirst Schwarz tragen, wie es sich gehört.“ Sie umfasste die Hand des Kindes mit festem Griff und stieß es durch die Tür in das Kaufhaus.
An diesem Morgen titelte die Bildzeitung: „Das Drama von Köln! Familienvater stürzte sich vom Kirchturm!“

Drei Tage später versammelte sich die Trauergesellschaft um die Grabstelle, während der Sarg in das Erdloch abgelassen wurde. Am Rand der Grube stand die Frau. Stumm betrachtete sie die Anwesenden. Ein zufriedener Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Neben ihr starrte das Mädchen in die Dunkelheit des Grabes. Ein schwarzes Kleid umhüllte ihre magere Figur. Vor dem Hintergrund des Sonnentages wirkte sie beinahe wie ein Scherenschnitt.
Als das Mädchen die Hände vor die Augen schlug, entglitt ihr ein Taschentuch. Langsam schwebte das Tuch zu Boden. Zugleich sackte das Kind in sich zusammen. Ein Schrei durchbrach die Stille. Die Trauergäste scharten sich um die kleine Gestalt. Nur die Frau rührte sich nicht. Niemand bemerkte den Ausdruck, mit dem sie zu ihrer Tochter hinüber blickte - niemand, außer dem Mädchen selbst.

Als viele Stunden später die Nacht herein brach, schleppte sich das Mädchen allein die Treppe des Hauses hinauf, das sie von nun an nur noch mit ihrer Mutter teilte. Sie trat in ihr Zimmer. Auf der Bettkante sackte sie zusammen. Lange blieb sie so sitzen. Sie hielt eine Spieluhr im Arm, und während die Musik spielte, schaukelte sie mit dem Oberkörper vor und zurück. Immer wieder drehte sie den Schlüssel und immer wieder erklang die vertraute Melodie „Guten Abend, gute Nacht …“ Wie gern hätte das Mädchen den Vater umarmt, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, aber gleichgültig wie lange sie dort saß, der Vater kam nicht. Er käme nie wieder, das wusste sie und doch verweigerte ihre Seele diese Erkenntnis. Sie flüsterte ein paar Worte, die nur für die Ohren ihres geliebten Papas bestimmt waren. Schließlich stellte sie die Spieldose auf den Nachttisch und kroch unter die Decke. „Morgen früh, wenn Gott will …“
Sie träumte wie so oft in den letzten Nächten. Stets sah sie die gleichen Bilder, die immer gleichen Menschen bei den immer gleichen Verrichtungen, doch was sie sah, verstand sie nicht.
Eine dunkelhaarige Frau kniete in einer marmornen Halle. Vor ihr standen zwei Sessel, auf denen ein Mann und eine Frau von ebenmäßiger Schönheit Platz genommen hatten. Allein durch die Anwesenheit dieser beiden Personen schien die Halle zu erstrahlen.
Der Mann winkte die Kniende zu sich. Er sprach auf sie ein, aber die Worte verwehten, bevor das Kind sie hätte verstehen können. Es lauschte angestrengt, und wie zur Belohnung vernahm es das Ende der Rede.
„Du wirst dich unserer Begegnung niemals erinnern, doch wenn es so weit ist, wirst du deine Aufgabe erkennen. Du wirst keine Fragen stellen, sondern sie bereitwillig unterstützen, sie Gerechtigkeit und Vertrauen lehren. So soll dir unsere ewige Dankbarkeit gewiss sein. Nun gehe in Frieden und behalte alles, was ich dir offenbarte, verborgen in deinem Herzen, bis zu dem Tag, an dem sie zu dir kommt.“
Kurz darauf änderte sich das Bild. Immer noch sah das Mädchen die marmorne Halle und ihre über die Maßen schönen Bewohner. Aber dieses Mal stand eine blonde Frau vor den Sesseln. Sie wirkte trotzig und schien mit den Schönheiten zu argumentieren.
Das Kind konzentrierte sich auf die Worte, doch auch dieses Mal verstand es sie nicht. Es blieb ihm nur die Szene zu beobachten. Sie stritten, immer wieder schüttelte die blonde Frau mit dem Kopf. Nur nach und nach verebbte ihr Widerstand.
„Es geht ihr wie mir“, dachte das Mädchen. „Sie lassen ihr keine Wahl.“ Ohne es erklären zu können, fühlte sie sich der blonden Frau nahe. Sie spürte, dass sie ein Schicksal teilten.
Die Träume vergingen und das Kind fiel in tiefen Schlaf. Als es am Morgen erwachte, waren die Bilder wie stets verblasst. Nur Erinnerungsfetzen blieben zurück.


Teil 1

1.     Pompeji
Herbst des Jahres 90 vor Christi Geburt

Delia stieg die Stufen hinauf und trat in die Schatten der Säulen. Entlang der Mauern des inneren Bezirks zog sich die Peristasis, ein umlaufender Kranz von weißen Säulen, die den figurengeschmückten Giebel des Tempels trugen. Delia stellte den Blumenkorb ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Mittagshitze setzte ihr zu, obwohl sie lediglich eine leichte Tunika und Sandalen trug. Sie wartete, dass sie wieder zu Atem kam, nahm den Korb auf und betrat die Vorhalle.
Seit sie zur obersten Priesterin geweiht worden war, gehörte das Schmücken des Altars nicht mehr zu ihren Aufgaben. Doch es bereitete ihr Freude, und sooft die Zeit es zuließ, brachte sie frische Blumen in den Tempel. Heute war ein besonderer Tag, der Tag der Initiation, dem ein Dutzend Mädchen und Jungen seit Wochen entgegen fieberten. Eine Priesterin nahm Delia den Korb ab, denn dieses Mal blieb ihr keine Zeit, sich selbst um den Schmuck zu kümmern.
Geistesabwesend grüßte Delia die Statuen der Götter, als sie die Cella, den Hauptraum des Tempels, betrat. Apollon und Artemis empfingen die oberste Priesterin, ein Lächeln hinein gemeißelt in die schönen, marmornen Gesichter, um dort auf ewig zu verharren. Für gewöhnlich errichtete man für jede Gottheit einen eigenen Tempel, doch bei den Zwillingsgöttern hatten die Pompejaner eine Ausnahme gemacht. Diese beiden bildeten eine untrennbare Einheit.
Genau davon berichtete Delia kaum eine Stunde später den Novizen, die in weiße Leinengewänder gehüllt, mit Blüten im Haar vor ihr auf dem Boden hockten. Die Aufregung, die sich angesichts der bevorstehenden Initiation auf den jungen Gesichtern abzeichnete, ließ ihre Wangen erröten und ihre Augen strahlen.
„Einst, in längst vergessenen Tagen, stieg Zeus aus dem Olymp und erwählte Leto, die Tochter der Titanen Koios und Phoibe zu seiner Geliebten. Bald darauf gebar ihm Leto auf der Insel Delos, am Fuße des Berges Kynthos, die Zwillinge Artemis und Apollon.“ Delia unterbrach ihren Vortrag und betrachtete die Anwesenden. Inmitten der jungen Leute saß ihr jüngstes Kind. Nach zwei Jungen hatte sie endlich einem Mädchen das Leben geschenkt, dem sie ihren Namen vererbt hatte.
Sie fuhr fort. „Hera jedoch war zutiefst erbost über die Untreue ihres Gatten. Sie strebte noch vor der Geburt der Zwillinge mit allen Mitteln nach Letos Tod. So entsandte sie die Drachenschlange Python, den Hüter des Orakels von Delphi. Doch Zeus gelang es, zu verhindern, dass Python Leto etwas zuleide tat. So gebar sie schließlich die Kinder unter dem Schutz der Götter des Olymps. Später, als Apollon zum Mann gereift war, rächte er den schmählichen Mordversuch, indem er Python tötete. Er übernahm die seherischen Fähigkeiten der Drachenschlange und das Orakel von Delphi wurde ihm geweiht.“
Nachdem Delia ihren Vortrag beendet hatte, führte sie die Kinder in den Pronaos, den Raum hinter der Cella, um dort auf die Zeremonie zu warten. Den Altarraum ließ sie für die Ankunft der Zwillingsgötter vorbereiten. Delia wies die Bediensteten an, zwei hohe Sessel hereinzutragen. Die Diener setzten die geschnitzten Stühle auf ein marmornes Podest, das sich vor den Statuen aus dem Boden erhob. Vor jeden Thron platzierten sie ein Fußbänkchen, das den Körper eines Tieres darstellte, für Apollon einen Schwan und für Artemis eine Katze.
Artemis, die Göttin der Jagd und des Waldes, zugleich die Hüterin der Frauen und Kinder, galt als dem Mond zugeschworen. Apollon, der Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit, Mäßigung, Weissagung sowie der Künste, galt als der Sonne zugeschworen.
In beiden Göttern wohnten das Gute und das Böse in ewiger Balance. Artemis trug stets Pfeil und Bogen bei sich. Ihre Onkel, die Zyklopen, hatten ihr diese zum Geschenk gemacht. Seither vermochten ihre Pfeile Krankheiten unter die Menschen zu bringen oder Sterbliche niederzustrecken. Auch Apollon zögerte nicht, zu töten, sei es aus Rache oder aus anderen Motiven.
Seit jeher banden die Jahreszeiten die Zwillingsgötter an einen immerwährenden Kreislauf. Im Herbst und im Winter hielt Artemis die Welt in den Händen. So bestieg Apollon bei Anbruch der kalten Jahreshälfte seinen Wagen. Die Schwäne zogen ihn über den Himmel in das Land der Hyperboreer, dem Land jenseits des Nordwinds. Dort ruhte er während des Winters, doch sobald die ersten Vorboten des Frühlings Einzug hielten, kehrte er zurück. Während des Sommers wachte er mit schützender Hand über die Menschen. Artemis hingegen begab sich zur Ruhe. Sie nahm einen Trank aus Wermutkraut und schlief, geschützt durch die Tiere des Waldes, unter einer Zypresse. Hin und wieder erwachte sie aus ihrem Schlummer. Dann durchstreifte sie in Tiergestalt das Land, denn sie vermochte die Erscheinung einer Katze, eines Skorpions, einer Hirschkuh oder einer Bärin anzunehmen. So hielten die Zwillingsgötter die Welt stets im Gleichgewicht.
Zu bestimmten Zeiten traten die Götter gemeinsam vor ihre Gläubigen. Immer wenn ein Wechsel bevorstand, hüteten sie einige Tage vereint das Schicksal ihrer Gemeinde. In Pompeji hatte sich über die Jahrhunderte eine große Gemeinschaft gebildet, die Apollon und Artemis treu ergeben diente. Angeführt von Priestern und Priesterinnen kamen sie im Tempel zusammen, feierten Feste und Rituale. Die Initiation, die Einweihung in die Religion der gebunden Zeit, war ein wichtiger dieser Anlässe, eine jährliche Feier, bei der die Priesterinnen im Angesicht der leibhaftigen Götter den Ritus des Todes und der Auferstehung vollzogen. Dieses Ritual galt der Wiedergeburt, der Reinkarnation der Seele, die allen Gläubigen inne wohnte. An diesem Tag erhoben die Zwillingsgötter die versammelten jungen Menschen aus dem Rang eine Kindes, in den eines erwachsenen Gemeindemitglieds. Symbolisch ging die kindliche Seele in das Reich der Hyperboreer ein, um gleich darauf wieder aufzuerstehen.
Viele Menschen wohnten der Zeremonie bei, und als Delia das Gebet des Todes und der Auferstehung sprach, verneigten sich die Gläubigen ehrfurchtsvoll vor ihren Göttern. So wie sie es seit vielen Jahrhunderten taten, frei in ihren Handlungen und in ihrem Glauben.
Doch mit der Zeit verlor die griechische Kultur an Einfluss in der Welt, und die römische Republik gewann an Macht und Raum. (...)


Die Autorin
Regina Mengel erblickte 1966 in Wuppertal das Licht der Welt, zog aus das Glück zu finden und landete in Köln. Dort verdiente sie lange Zeit ihr täglich Brot als Wortjongleurin im Vertrieb. Geschichten begleiteten ihr Leben, doch erst im Jahr 2010 machte sie ernst, sie nahm teil an einem Schreibkurs bei Rainer Wekwerth. Ehrenamtlich gibt sie Flüchtlingskindern Nachhilfe in der Deutschen Sprache und wirkt beim Ulla-Hahn-Haus in Monheim mit. Sie schreibt Fantasyromane, Kinderbücher und Kurzgeschichten. 

Wer mehr über Regina Mengel und ihre Bücher wissen möchte, ist herzlich auf die Homepage eingeladen. www.wortentbrannt.jimdo.com.


Regina Mengel, Mysterien der Zeit

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Da kann man sich schon mal fragen, woher - oder besser - aus welcher Zeit man kommt.
Diesseits, Jenseits - die Grenzen verwischen...
Selbst die Götter wechseln, in ihrer Bedeutung, von den griechischen zu den römischen.
Wo stehen wir da?
Das ist gut ge - und beschrieben.
Zudem noch spannend.
Mir gefällt das.

James Henry Burson hat gesagt…

Zeiträume zurück - waren wir da schon?
Wenn selbst die Götter sich in ihrer Art, und dem Wesen nach ändern und nichts so bleibt, wie es ist (war)...
Wo stehen wir da?
Wie die Autorin den Leser durch die Zeiten an die Hand nimmt und dem Mädchen, die Dimensionen erlebt - das hat was.
Mir gefällt, was ich las.

schreibtalk hat gesagt…

Herzlichen Dank, james!