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4. April 2013

Andrea Becker, Gefahr für den Hexenwald

Klappentext

Dürfen Hexen Schokolade essen? Handys benutzen? Fahrrad fahren? Auf keinen Fall!

Und bisher ist die zwölfjährige Hexe Rabena auch nie auf die Idee gekommen, weil es solche Dinge im Hexenwald einfach nicht gibt ...

Als Holzdiebe aber beginnen, den Hexenwald zu fällen, verliert Rabena mit jedem gefällten Baum mehr von ihrer Zauberkraft. Jetzt muss sie wohl oder übel einen der Anderen um Hilfe bitten. Die Anderen, das sind die Menschen, die nicht zaubern können, die keine Hexen sind. Alex zum Beispiel, der Sohn des Försters. Er lebt in einer ganz anderen Welt – ohne Magie, dafür voller Technik. Hexen kennt er nur aus dem Märchen, Zauberei aus Filmen und Abenteuer aus Computerspielen.

So treffen zwei aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Gelingt es ihnen trotzdem, den Hexenwald gemeinsam zu retten?


Leseprobe

Die Anderen

Dürfen Hexen Schokolade essen? Nein, bestimmt nicht, dachte Rabena und schob zögernd ein Stück in den Mund. Süß und zart schmolz es auf ihrer Zunge. Was für eine Überraschung! Hastig ließ sie den Rest der Tafel in ihrer Tasche verschwinden und schaute sich verstohlen um. Niemand da, der sie bemerkte. Die Bewohner des Hauses saßen wie jeden Morgen drinnen am Tisch und andere Hexen, die sie womöglich verraten könnten, lebten nicht in der Nähe.
Tagelang hatte Rabena die Anderen in dem alten Forsthaus mit der angrenzenden Scheune und dem Pferdestall beobachtet. Die Anderen, das waren die Menschen, die nicht wie Hexen zaubern und fliegen konnten. Die sie nur von Erzählungen kannte und im Forsthaus zum ersten Mal gesehen hatte.
In der Schule hatte sie ein paar Sachen über die Anderen gelernt, einige Zeichnungen von Dingen gesehen, die sie benutzten. Aber sie hatte nicht immer aufgepasst, viel spannender fand sie es, mit magischer Tinte Katzen ins Schulheft zu malen, die dann auf dem Tisch herumtollten. Mit den Anderen wollten normale Hexen jedenfalls nichts zu tun haben.
Es gab unendlich viele Geschichten über sie, welche zum Lachen oder zum Fürchten, rätselhafte, spannende und lehrreiche. Die Hexen waren in diesen Geschichten immer die Klugen und Guten, die Anderen die Bösen und Dummen. Was jedoch stimmte und was erfunden war, davon hatte Rabena keine Ahnung.
Um das herauszufinden, war sie hier. Sie wollte den Sohn der Försterfamilie kennenlernen. Sie musste dringend mit ihm reden – und das, obwohl sie noch nie mit einem Jungen und schon gar nicht mit einem der Anderen geredet hatte. Aber in Momenten größter Gefahr muss man sich eben überwinden. Außerdem gab es hier jede Menge Dinge, die in ihren Schulbüchern nicht vorkamen und die sie ungeheuer spannend fand. Als junge Hexe durfte sie eigentlich nichts anfassen, mitnehmen oder probieren. Eigentlich ......
Sie wartete darauf, dass die erwachsenen Anderen wie jeden Morgen das Haus verließen. Die Frau goss erst die zahllosen Blumentöpfe. Dazu trug sie ein biegsames, endlos langes Rohr, aus dem unablässig Wasser strömte, von Topf zu Topf. Die nutzlosen Blumen bekamen ebenso etwas ab wie die vielen duftenden Kräuter. Die Wasserquelle musste in der Hauswand sein und ließ sich verstopfen, wenn die Frau fertig war.
Kurz darauf fuhren die beiden Erwachsenen in ihren Wagen davon. Obwohl sie darüber gelesen hatte, dass die Anderen sich in Benzinkutschen fortbewegten, war Rabena am ersten Tag voller Panik weggerannt, als ein Motor gestartet wurde. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, dass die Anderen Krach machten, ohne dass gleich Gefahr drohen musste.
 Der Junge versorgte die beiden Pferde mit Heu, holte dann das Gestell aus Metallstangen mit zwei Rädern aus der Scheune und fuhr darauf fort. Merkwürdig. Obwohl er die Füße nicht mehr am Boden hatte, fiel er nicht runter. Ob die Anderen doch ein bisschen zaubern konnten? Rabena wäre jedenfalls für ihr Leben gern auch mal auf diesem Metallding gefahren. Faszinierend fand sie, dass er auf einem kleinen Sitz statt direkt auf der Stange saß. Vielleicht könnte sie den ja auf ihren Besenstiel klemmen, das wäre sicher viel bequemer. Was wohl Dina sagen würde, wenn sie auf einem Besen mit Stangensattel angeflogen käme? Und erst ihre Mutter? Rabena kicherte. Undenkbar. Oder?
Wenn die Anderen fortfuhren, war der Hof stets für ein paar Stunden verlassen. Sie sah sich nach allen Seiten um und ging vorsichtig auf das Haus zu. In ihrer Gürteltasche hatte sie ein paar Rabenfedern, die sie auf dem Hof verstecken wollte, um den Ort empfänglicher für ihre Magie zu machen.
Mit den Raben war sie schon ihr ganzes Leben verbunden. Das nervtötende Geschrei der schwarzen Vögel hatte ihre Mutter während ihrer Geburt so wütend gemacht, dass sie kaum etwas von den Wehen spürte. Starke Tiere, die sich auch von den Flüchen und Verwünschungen einer mächtigen Hexe nicht beeindrucken ließen.
Wo die Fahrzeuge immer standen, hatte sie heute früh die eingewickelte Tafel gefunden, deren Silberpapier in der Morgensonne glitzerte. Wenn die Anderen von diesen Tafeln aßen, sahen sie sehr glücklich aus. Teile des äußeren Papiers waren abgerissen, aber die aufgemalten Kakaoschoten erkannte sie, die gehörten in den Trank gegen Erfrierungen. Warum eine Kuh danebenstand, wusste sie nicht, vielleicht enthielt das Zeug ja auch Rinderblut oder Fleisch. Sie nahm sich noch ein Stück. Hm, das war so lecker ...
Der weiße Putz zwischen den schwarzen Fachwerkbalken blendete sie. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, durch die unteren Fenster zu schauen, doch dichte Tücher versperrten ihr die Sicht. Fenster mit Kleidern - auf was die Anderen so alles kamen. Rabena legte eine Feder auf das Fensterbrett und ging so leise wie möglich über den knirschenden Kies um das Haus herum zum Innenhof. Links war der Stall und vor ihr die Scheune. In der Mitte stand eine riesige, viele hundert Jahre alte Winterlinde. Sie blühte und ihr betörender Duft hing schwer in der warmen Luft. Tausende Hummeln summten um die ausladende Krone herum. Der Baum der Unsterblichkeit, der Schutzbaum für dieses Haus. Ob seine Bewohner wussten, was für eine mächtige Verbündete in ihrem Hof wuchs?
Sie ging zur Scheune und stoppte grübelnd vor der Wand, die mit tellergroßen metallenen Scheiben vollgehängt war. Einige trugen magische Zeichen, wie einen Blitz oder ein Trigramm, Flügel, eine Schlange, ein Kreuz. „Was soll das denn sein?“, fragte sie sich. Für sie sahen die Dinger aus wie Schildkrötenpanzer. Oder kleine Schilde, um sich zu verteidigen? Ja, so was in der Art musste es sein.
Sie lugte vorsichtig durch einen Ritz im Scheunentor. Viel sah sie nicht, nur die Umrisse eines flachen Autos mit offenem Deckel und an der Seite Heu und Strohballen. Es roch nach Motor und Staub. Schnell stopfte sie eine Feder durch den Ritz und ging weiter zum Stall.
Auf der kleinen Koppel vor den Boxen, dem Paddock, standen die beiden Pferde der Anderen und schnaubten. Der große Braune streckte seinen Kopf über das Gatter. Er beschnupperte sie zögernd und rieb seinen Kopf an ihrer Schulter. Der kleinere Apfelschimmel stand verloren und mit hängendem Kopf dahinter.
Rabena kletterte über den Zaun und ging auf ihn zu. Sie verstand die Sprache der Tiere, da sie gelernt hatte, ihre Worte in ihren Bewegungen zu lesen. Leise murmelnd streichelte sie den Hals des Schimmels, fuhr mit der Hand über seine Schulter und zu seinen Vorderbeinen. Er zuckte mit den Ohren, ließ sie aber gewähren. Sie schluckte. Das arme Pferd, es hatte sicher bei jedem Schritt Schmerzen. Dina könnte ihm helfen, Dina konnte allen Tieren helfen.
Sie streute noch Federn in die offenen Boxen hinter dem Paddock und lief am Misthaufen vorbei um den Stall herum. Dort parkte zwischen verdorrtem Gras und Unkraut ein rotes Ungetüm mit Rädern, die größer waren als sie selbst, und mit vielen rostigen Messern hintendran, mit dem die Frau die Wiesen mähte. Hier begann Rabenas Wald, der Bannwald, in dem sich seit Jahrhunderten nichts verändert hatte. Bis jetzt.
Ein Geräusch! Ein Surren! Rabena fuhr herum und sprang vor Schreck ins nächste Gebüsch. Der Junge, er war unerwartet früh zurück. Als er auf dem Vorplatz bremste, prasselten Steinchen gegen die Tür und die Hauswand. Rabena fluchte leise. Im Gebüsch wuchsen Brennnesseln, ihre Beine und Arme brannten. Der Junge lehnte das Metallgestell an den Baumstamm und ging gleich zu den Pferden. Rabena sah ihm nach. Er war dünn, seine Hände, Knie und Füße schienen wie bei einem Wolfswelpen nicht ganz zum Rest des Körpers zu passen. Der wird mal groß, kam ihr in den Sinn. Auf seinem T-Shirt war ein runzeliges Tier mit großen, spitzen Ohren und Glubschaugen abgebildet, das einen Mantel trug. Ob das sein Krafttier sein sollte?
Er packte einen Besenstiel, schwang ihn wie ein Schwert und rief: „Einen Jedi du willst besiegen? Ha!“ Doch da war niemand.
Jetzt oder nie, dachte Rabena, bevor er noch völlig verrückt wird.


Die Hexe

Endlich Ferien! Sechs endlose freie Wochen lagen vor ihm. Wochen mit Freunden am See, mit seinem Pferd im Wald und vielleicht auch noch ein paar Tage mit den Eltern am Meer. Und dazwischen einfach nur faulenzen, morgens lange schlafen und beim Frühstücken fernsehen. Am liebsten die Star-Wars-DVDs, die er zum Geburtstag bekommen hatte. Er liebte Science-Fiction und Fantasy, egal ob als Film, Computerspiel oder manchmal auch als Buch. Seine T-Shirts und die Plakate in seinem Zimmer zeigten die Helden der Geschichten, und wenn er sich unbeobachtet fühlte, tat er so, als sei er einer von ihnen. Dann war er nicht mehr der nette, verträumte Alex, sondern der furchtlose Retter des Universums, immer bereit für den Kampf gegen das Böse. Dann bestimmte niemand mehr über ihn und alle bewunderten ihn.
„Ich bin Rabena“, sagte eine helle Stimme hinter ihm. „Rabena Ausdemwald. Und ich bin eine Hexe.“
Er ließ den Besen fallen und drehte sich in gefühlter Lichtgeschwindigkeit um.
„Was? Ich bin Joda, äh, nein ... Alex“, stotterte er. Wo war die denn so plötzlich hergekommen? Und was hatte sie da gesagt? Eine Hexe? Sie stand vor ihm, barfuß, die Hände in die Seiten gestemmt und schaute ihn herausfordernd an. Ihre schulterlangen Haare glänzten wie Kupfer in der Sonne und wurden am Hinterkopf von einem dünnen Lederband zusammengehalten, ihre grünen Augen erinnerten ihn ein bisschen an die eines Tigers.
Sie trug eine geflickte Tunika und eine Hose aus Leinen. Die Farbe der Tunika wechselte ständig, im Moment war sie dunkelgrüne wie die Büsche, vor denen sie stand.
Um den Hals trug sie einen zerknitterten, weißen Beutel, nach dem sie immer wieder nervös griff. Ihre Hände sahen aus, als ob sie fest zupackten, und es war erstaunlich, dass sich unter so kurzen Fingernägeln noch so viel Dreck halten konnte. An ihrem Gürtel hing eine Tasche aus Leder, die schon so alt und abgewetzt war, dass kein Mädchen aus Alex‘ Klasse sie auch nur angefasst hätte. Und lautlos bewegen konnte sie sich, jedenfalls hatte er sie nicht kommen hören.
„Was ist das?“, fragte er und zeigte auf ihr seltsames Armband.
„Geflochtene Rattenschwänze“, antwortete sie. „Das ist ein Amulett, das mir die Stärke und Klugheit der Nager geben soll. Ich glaube aber nicht daran. Wenn die Ratten so stark und klug gewesen wären, hätten sie ihre Schwänze noch selbst! Aber es war ein Geschenk meiner Schwester zu Mittsommer, also trage ich es.“
Das Mädchen brach in schallendes Gelächter aus, als sie Alex’ Gesicht sah. In ihren Augen funkelten kleine Sterne und er war sich nicht sicher, ob sie ihn nicht gerade auf den Arm nahm.
Sie wurde wieder ernst.
„Du musst mir helfen. Holzdiebe fällen den Wald. Dein Vater muss sie erschießen. Sag ihm das.“
Er schaute sie erst ungläubig an und lachte dann. „Das ist ein Spiel, oder?“, fragte er und schnappte nach Luft. „Bist du einer von diesen Mittelalterfreaks? Cool! Wo sind die anderen?“
Rabena wirkte erst verunsichert, dann wütend. „Hast du keine Angst vor mir? Ich sagte, ich bin eine Hexe! Ich kann dich in einen Regenwurm verwandeln! Und das mach ich auch, wenn du mich noch mal auslachst!“
Er zog die Augenbrauen hoch. Ob die zu viel Sonne abbekommen hatte? Sie schloss die Augen und holte tief Luft. Dann funkelte sie ihn an. „Das ist kein Spiel, du Molch. Das da ...“, sie deutete auf den Wald hinter sich, „... das ist unser Wald. Wir wohnen dort. Dein Vater ist Förster, heißt es. Er muss uns helfen. Sofort. Sonst ist es zu spät.“
Alex schaute abwechselnd zu ihr und Richtung Wald. „Paps ist zwar Förster, aber nicht in deinem Wald. Er schießt auch niemanden ab. Wer bist du überhaupt. Wen meinst du mit wir, und wofür soll es zu spät sein?“
Sie raufte sich die Haare und er kam sich ziemlich begriffsstutzig vor, hatte aber tatsächlich keine Ahnung, was sie wollte. „Hör zu, Junge! Unser Wald ist ein Bannwald. Seit vielen Hundert Jahren ist er nicht verändert worden. Es wurde kein Baum gefällt, keiner gepflanzt, es wird kein Tier getötet und keines ausgesetzt, das nicht dorthin gehört. Es führt keine Straße hindurch und es wurde nie etwas gebaut: kein Unterstand, kein Hochsitz und kein Haus. Außer dem Hexenhaus.“
Das klingt wie das Vorwort zu einem Fantasy-Roman, dachte Alex. Er setzte sich auf einen der Strohballen und hörte gespannt zu.
„Der Wald gibt mir und meiner Schwester Dina Hexenkraft. Wenn der Wald schwindet, wenn er verändert wird, verschwindet unsere Kraft.“
Er musste grinsen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Soso, du willst also eine Hexe sein, aber zaubern kannst du nicht mehr. Ich bin übrigens ein Jedi-Ritter, nur mein Laserschwert ist grad in Reparatur.“
Anstatt zu antworten, drehte sie sich um, fixierte sein Mountainbike, machte eine schwungvolle Handbewegung – und plötzlich hatte sein Fahrrad einen Knoten im Lenker. Er vergaß zu atmen, seine Augen wurden groß und sein Mund klappte auf.
„Reicht das? Soll ich noch die Scheune lila färben oder die Pferde in Rehe verwandeln? Sag Bescheid, wenn du mir glaubst“, sagte sie mit einem spöttischen Lächeln.
Alex zitterte leicht. Die Hexe schien zufrieden.
„Na also, jetzt hast du endlich ein bisschen Ehrfurcht und Respekt. Sag deinem Vater, er soll die Männer einfangen. Meinetwegen kann er sie in den Turm sperren oder verbannen. Hauptsache, sie sind weg.“
Er starrte sie an und sie wurde unruhig. „Was ist? Zählst du meine Sommersprossen?“
Jetzt kam Leben in ihn. Er zog die Augenbrauen zusammen und ging drohend einen Schritt auf sie zu. „Mach! Das! Weg!“, stieß er zwischen den Zähnen hervor.
Sie schaute irritiert. „Weg? Was soll ich wegmachen?“
„Mach sofort den Knoten aus dem Lenker oder du erlebst dein blaues Wunder!“, schrie er.
Er war wohl doch nicht ehrfürchtig, er zitterte nicht vor Angst, sondern vor Wut. Sie schüttelte den Kopf, was für ein komischer Junge, aber mit einer weiteren Handbewegung zauberte sie den Lenker wieder glatt und grade. Er sprang auf und untersuchte das Fahrrad ganz genau, streichelte zart über das Metall und drehte den Lenker hin und her, dann wandte er sich zu ihr um. Er sah wieder normal aus, war also immerhin nicht nachtragend.
„Wenn du hexen kannst, warum hilfst du dir nicht selbst? Verzauber die Typen doch in Gartenzwerge oder so“, sagte er zu ihr.
Sie schaute verlegen auf ihre Füße, was sollte sie ihm antworten?
„Bin gleich wieder da“, sagte der Junge, als sie nach einer Weile immer noch schwieg und ging ins Haus.
Sie setzte sich auf einen Strohballen und war unschlüssig, was sie tun sollte. Einfach nach Hause gehen? Nein, dann wäre ihr Problem nicht gelöst. Musste sie ihm auch noch von ihrem Unglück erzählen? Von dem Fehler, den sie gemacht hatte? Wie peinlich. Aber egal, wenn alles vorbei war, würde sie ihn einfach verschwinden lassen. Ein Anderer mehr oder weniger machte keinen Unterschied. Von denen gab es eh zu viele.
Der Junge kam wieder aus dem Haus und stellte ein Glas mit einer brodelnden orangefarbenen Flüssigkeit vor sie hin. Das war kein Wasser, soviel war klar. Es sah aus wie heißer dünner Sanddornsaft und warf kleine Blasen. Aber der Andere trank in großen Schlucken davon, offensichtlich ohne sich die Lippen zu verbrennen. Sie wollte nicht zugeben, dass sie nicht kannte, was da vor ihr stand, und griff ganz selbstverständlich danach. Das Glas fühlte sich kühl an.
Sie nahm ebenfalls einen großen Schluck – und spuckte ihn sofort in hohem Bogen wieder aus. Sie schnappte nach Luft und sprach einen Gegenzauber, der aber nichts bewirkte.
Die Flüssigkeit lief ihr aus Mund und Nase, ihre Augen tränten und die Lunge brannte. Er klopfte ihr hastig auf den Rücken, was es aber noch schlimmer machte.
„Meine Güte, was ist das denn?“, krächzte sie und starrte ihn an. Wollte er sie etwa vergiften?
„Na, was soll das schon sein? Limo. Kennst du das etwa nicht? Da ist Kohlensäure drin. Das sind die Blubberblasen.“
In seinem Gesicht zuckte es verräterisch, aber er lachte nicht, obwohl sie wahrscheinlich zu komisch aussah.
„Probier es in kleinen Schlucken, dann schmeckts super. Echt! Das trinken alle.“
Hm, noch ein Versuch?
Sie betrachtete misstrauisch das sprudelnde Getränk. Einerseits reichte es ihr, andererseits bekam sie vielleicht nie wieder die Chance, Limonade zu trinken. Wenn sie es wagte, konnte sie in der Schule etwas erzählen, was selbst ihre Lehrer garantiert noch nicht erlebt hatten. Sie nippte am Glas – und hatte das Gefühl, die Entdeckung ihres Lebens zu machen. Süß! Kribblig! Lecker! Sie nahm noch mehr Schlucke. So ein Getränk musste doch auch mit Zaubersprüchen herzustellen sein, überlegte sie, ich muss mit der Kräuterlehrerin mal darüber sprechen.
Alex schaute sie auffordernd an. Ach so, ja, die Frage, warum sie ihr Problem nicht selbst mit Zauberei löste. Noch ein Schluck Limo. Tief durchatmen.
„Ich hab Mist gebaut“, begann sie. „Das ist ein bisschen kompliziert, weißt du, aber ich versuch es. Also: Damit niemand am Wald etwas verändert, legen wir einen Schutzzauber drumherum, deshalb hattest du auch nie Lust, ihn zu betreten. Und ich hab an einer Stelle den Schutzzauber ... na ja ... ein wenig abgewandelt, bevor wir im Herbst zur Schule nach Schottland geflogen sind. Als wir im Frühling in den Wald und in unser Haus zurückkamen, war es zu spät. Mein Schutzzauber hat nicht funktioniert, der Wald war geschwächt und so waren wir auch bereits zu schwach, um den Wald zu schützen. Die Holzfäller hatten schon eine riesige Fläche gerodet. Ich kann noch Sachen bewegen, Feuer und Licht machen, aber nicht mehr auf meinem Besen fliegen oder das Wetter lenken.“
Jetzt war es raus. Ihre Wangen brannten, sie schämte sich in Grund und Boden. Die Rituale waren ihr immer zu lang erschienen, zu vollgestopft mit unnützem Zeug. So hatte sie irgendwann begonnen, ein paar Dinge wegzulassen, zu kürzen und moderner zu machen. Manchmal klappte das auch. Aber leider nicht immer.
Sie schaute zur Seite, und um von sich abzulenken, deutete sie auf die Scheune. „Was sind das für Dinger da? Diese Beulen an der Wand?“, fragte sie.
Alex drehte sich suchend um. „Das da? Das sind Radkappen, die sammelt mein Vater schon seit Jahren auf den Waldstraßen.“
Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was Radkappen sein sollten – und keine Lust, ihm das zu sagen.
„Und deine Eltern?“, fragte Alex, „warum gehst du nicht zu denen?“
Eltern? Sie hatte nur ihre Mutter. „Seit ich acht bin, leben meine Schwester und ich allein“, sagte sie, „das ist bei uns so üblich. Mama können wir ohne Zauberei nicht erreichen, die reist so viel herum.“
Plötzlich hörte sie ein Brummen, sie zuckte zusammen. Motorengeräusche, die rasch näher kamen. Hastig sprang sie auf. Doch bevor sie losrannte, legte sie ihm einen Finger auf den Mund.
„Jetzt kannst du niemandem von mir erzählen“, flüsterte sie. Dann lief sie in den Wald. Als sie sich am Waldrand kurz umdrehte, stand Alex immer noch da und schaute ihr nach.




Die Autorin

Andrea Becker wurde 1965 in Oberhausen geboren, studierte Germanistik & visuelle Kommunikation in Kassel, arbeitet freiberuflich als Grafik- und WebDesignerin, lebt mit ihrer Familie in Bad Homburg.

Veröffentlichungen 2012:

Snouki & Couscous
zweisprachiges eBook für Kinder
Autor: Andrea Becker,
Ilustration: Carsten Sorger
Translation: Freya Ritts-Kirby
ISBN 978-3-00-038173-7

Ach ja, das kenn ich auch
Ein Bilderbuch für an Demenz erkrankte Senioren
Autor: Andrea Becker
Verlag: Schlütersche
ISBN: 9783899932966



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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Ich sag mal einfach nur - schön!
Hab ich noch nicht gelesen, Umweltproblematik in einer tollen Kindergeschichte dem Leser nähergebracht.
Zudem so unterhaltsam - noch einmal - schön!
Gut geschrieben - mir gefällt das.
Gruß, James

Elsa Rieger hat gesagt…

Ja, echt schön, lieber James!