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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

17. April 2013

Anja Ollmert, Hinter Türen




„Hinter Türen“, das neue E-Book und Taschenbuch der Autorin Anja Ollmert verspricht in 23 Kurzgeschichten den Blick auf ganz unterschiedliche Lebensverläufe.
Diese Leben sind skurril, mörderisch, nachdenklich, geisterhaft und unterhaltsam und präsentieren Fiktionen, die ebenso gut Wirklichkeit sein könnten.






Die Leseprobe präsentiert einen der Kurzthriller der Autorin:


MUSIK DES LEBENS
Tom war Straßenmusiker geworden, ohne es selbst zu wollen. Ok, Musik war sein Leben, deshalb hatte er das Fach Konzertgitarre studiert. Doch wenn er geahnt hätte, dass ihn seine Musik hierhin führen würde, hätte er eine andere Wahl getroffen. Stöhnend erhob sich Tom aus der unbequemen Sitzposition am Boden. Sein Steißbein schmerzte, ihm war kalt und ungemütlich. 
Er legte die Gitarre im Instrumentenkoffer ab und griff in den Hut, der direkt daneben stand. Die wenigen Geldstücke darin waren feucht vom stetig fallenden Nieselregen, der den ganzen Morgen begleitet hatte. Ob das für eine Tasse Kaffee und ein belegtes Brötchen reichte? Erst jetzt bemerkte er das junge Mädchen, das ebenso nass war, wie er selbst. Lungerte sie vielleicht schon länger vor seinem Platz herum? Tom hatte keinen blassen Schimmer. Wenn er Musik machte, versank er völlig in der Flut der Töne, die er erzeugte. Dann hatte er keinen Blick für das, was um ihn herum geschah. Er würde nicht einmal bemerken, wenn jemand in seinen Hut hineinlangte. Doch jetzt, wo er Blickkontakt aufgenommen hatte, trat das Mädchen zögerlich näher an ihn heran. 
„Hi, ich bin Sylvie!“ sagte sie mit einer etwas rauchigen, aber durchaus angenehmen Stimme zu ihm. Als wäre nichts Besonderes dabei, streckte sie ihm die Hand einladend entgegen. Tom – selbst nicht kontaktscheu – verunsicherte die Offenheit der Unbekannten. Seine Umgangsformen brachten ihn dazu, ihre ausgestreckte Rechte zu ergreifen. Kaum dass sich ihre Fingerspitzen berührten, fühlte er einen elektrischen Schlag, der ihm bis in den entferntesten Nerv fuhr. Hektisch ließ er Sylvies Hand los und schüttelte seine eigene, als habe er sich verbrannt.
„Du bist wohl ein wenig geladen?“, sagte er. 
„Was meinst du damit?“ Ob sie das gar nicht gespürt hatte? „Ach, nichts.“ Sicher hatte er sich das nur eingebildet. Mal sehen, ob sie jetzt damit herausrückte, was sie von ihm wollte. „Du spielst echt klasse. Ich hör dir schon seit einer Weile zu. Du bist mit deiner Gitarre fast verwachsen, oder? Ist jedenfalls mein Eindruck.“ 
„Ist meine Erste gewesen. Ein Geschenk meiner Großmutter. Musik ist mein Leben, wenn man das so sagen kann.“ Mehr sagte er dazu nicht. Er wollte sich einer Fremden nicht erklären. 
„Darf ich sie trotzdem mal anfassen? Ich hab früher auch gespielt.“ Ihr sehnsüchtiger Blick fiel auf den offenen Gitarrenkoffer. „Hab ewig keine in der Hand gehabt…“ Er sah sie aufmerksam an. Erst jetzt sah er, dass sie recht teuer gekleidet war. Hochhackige Schuhe, eine elegante Strumpfhose unter dem geschäftsmäßigen Kostüm. Sie passte nicht hierher, fand Tom. Sie wirkte nicht, als würde sie sich mit seinem Instrument davonmachen. Trotzdem zögerte er einen winzigen Moment. Dann bückte er sich, reichte ihr die Gitarre und sagte: „Aber schön vorsichtig. Eigentlich geben Musiker ihre Instrumente nicht aus den Händen.“ 
Mit dem Fuß stieß das Mädchen den Koffer an, sodass der Deckel zuschlug. Dann nahm sie auf dem improvisierten Hocker Platz. Ihre Finger strichen über das Griffbrett, bevor sie fester zupackte. Der Akkord, den sie anschlug, klang wie ein weinerliches Wimmern, als habe sie jemandem die Kehle zugedrückt, der sich verzweifelt unter dem Griff wand, sich aber nicht befreien konnte. 
Toms erster Impuls war, ihr die Gitarre aus der Hand zu reißen. Doch er bezwang sich und schalt sich einen Dummkopf. Das Regenwetter hatte ihm das Hirn aufgeweicht. Die folgenden Töne, die Sylvie erklingen ließ, waren wie die sanfte einschmeichelnde Stimme einer Frau, die ihren Liebhaber umgarnt. 
In seinem Kopf sah Tom spitze, rotlackierte Fingernägel über einen nackten Rücken gleiten. Er sah die Kreise und Linien, die die Finger dort zeichneten, bis sie mit einem Mal zu roten Striemen wurden, die entsetzlich brennen mussten. Das Instrument schien aufzustöhnen in seiner Not. In Sekundenschnelle war auch das wieder vorbei. 
Tom versuchte, sich von seinen morbiden Gedanken zu befreien. „Und, macht es dir Freude, darauf zu spielen?“ Irgendetwas musste er einfach sagen, um seine Wahnvorstellungen zu vertreiben. 
„Ja, hauchte sie. Es macht mir einen Höllenspaß.“ Was sie damit meinte, überließ sie Toms Fantasie. Und die startete mit den folgenden Akkorden gerade zum nächsten Horrortrip durch. Die Seiten quietschten und schrien auf. Jetzt war ihr Ton voller Aggressivität, wie bei einem heftigen Streit, bei dem die Fetzen flogen. Synkopisch erklang das Staccato der Schläge auf den Seiten und Sylvies Hand trommelte dazwischen einen harten Rhythmus auf dem Holzkorpus. 
Die Bilder in Toms Kopf zeigten einen Mann, der eine Frau hart gegen die Wand stieß, ausholte und ihr einen waschechten Kinnhaken verpasste, bevor die Getroffene in sich zusammenfiel und langsam blutüberströmt an ebendieser Wand herunterrutschte. Ein letztes Aufbäumen erklang aus ihrem Mund – ein dissonanter Ton, der  urplötzlich erstarb. Ihre Augen brachen. Die Frau war tot. In einer Zimmerecke entdeckte Tom ein kleines Mädchen, das sich hinter der Gardine verbarg. Erstarrt wie eine lebensecht wirkende Puppe. 
Sylvies Finger wechselten jetzt zu schnellen Läufen auf dem Gitarrenhals. Einzelne Melodiefolgen, die nach einer Flucht klangen, zeichneten sein magisches Kopfkino: Eine Frau, die der Gitarristin entfernt ähnelte, lief durch dunkle Straßen, hinter sich einen Verfolger, der sie bald einholen würde. Die Melodie geriet ins Stolpern und schon stürzte sie auf einem einsamen Waldweg zu Boden. Der Verfolger war über ihr. Ihre Lippen formten sich zu einem Schrei, der jedoch nicht erklang. Im gleichen Atemzug drang die Stille in der verregneten Fußgängerzone in Toms Bewusstsein. Und wieder wurden neue Tonabfolgen hörbar, vertrieben die Todesstille des verstrichenen Augenblicks. Musikalische Spannung baute sich auf. 
Tom sah blitzlichtartige Bilder eines Mannes, der durch ein verlassenes Gebäude irrte. Irgendwie kam er Tom bekannt vor. Fahles Licht schien durch zerbrochene Scheiben ins Innere des Hauses. Der Wind zog die zerfetzten Gardinen durch die Löcher im Glas. Es war, als würde jemand dem Haus den letzten Rest Lebendigkeit aussaugen. 
Der Mann trat durch mehrere Türen und erreichte eine alte, schäbige Küche. Auch hier war niemand zu sehen. Im Staub auf dem Fußboden waren nur ein paar Fußabdrücke sichtbar, die in die Küche hineinführten. Der Mann drehte sich um und folgte den eigenen Spuren hinaus. Mit einem grausamen Aufschrei erschien eine weibliche Hand aus dem Nichts. Der Mann bemerkte sie nicht und Tom wollte einen Warnruf ausstoßen, aber kein Laut drang über seine Lippen. Dann stieß die Hand mit dem Messer kraftvoll zu. Der Mann starb innerhalb weniger Sekunden. Das Messer hatte ihn von hinten durchbohrt. Mit sphärischen Klängen begleitete Sylvie die Imagination der sich am Boden weit ausbreitenden Blutlache, die sich mit dem Staub vermischte. Dann erstarb der letzte Akkord. Unwiderruflich. Sylvie reichte ihm die Gitarre zurück. 
„Danke“, sagte sie schlicht. „Musik ist mein Leben, weißt du?“, verabschiedete sie sich von dem jungen Straßenmusiker, der starr vor Schreck im strömenden Regen stand, die vielfach geschändete Gitarre in der Hand. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen. Tränen rannen über seine Wangen. Als er sie wieder öffnete, war die Fußgängerzone menschenleer.




Die Autorin

Ich bin ein echtes Kind des Ruhrgebietes.
Ich komme aus einer Stadt, die nicht nur dem westfälischen Einfluss unterliegt, sondern inzwischen auch Schmelztiegel zahlloser Kulturen und Heimat für Menschen aus aller Herren Länder ist.
 
Die Stadt Herten in Westfalen, in der ich schon meine Kindheit verbrachte, war einst größte Bergbaustadt Europas.
So waren noch meine Großväter unter Tage damit beschäftigt unter Einsatz ihres Lebens Kohle zu fördern, die unserer Region lange Zeit als Lebensader galt.
Heute ist davon nicht mehr viel zu spüren.
 
Die ehemaligen Zechen und Fördertürme stehen zwar noch immer als Wahrzeichen für echte und wahrhaftige Arbeit, haben sich aber im Laufe der Jahre zu allseits geschätzten Industriedenkmälern gewandelt.
Dafür ist die Kultur immer mehr Mittelpunkt des kleinstädtischen Flairs geworden. Zu dieser Kultur gehört auch die Literatur.
Vielleicht ist deshalb meine erste Veröffentlichung 2011 in einer Anthologie zum 75-jährigen Jubiläum unserer Stadt erschienen.
 
Doch meine eigentliche Liebe gilt - neben dem Schreiben - der keltischen Kultur und Ländern bzw. Landstrichen wie der Bretagne, Schottland, und Irland und ihrer mythischen Vergangenheit. Das ist sicherlich ein Grund dafür, dass meine Romane dort angesiedelt sind.




Anja Ollmert, Hinter Türen

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Echt klasse.
Ganz anders, wie Tom - der Bilder zu den Tönen sieht- glaubte ich plötzlich die Töne zu den Bildern zu hören, so gut ist das beschrieben.
Da möchte man als Schriftsteller doch hinkommen.
Wenige Zeilen nur, in der Vorstellung, des Buches, aber - die haben es in sich.
Bin sehr beeindruckt - das passiert nicht oft.
Gruß, James

Elsa Rieger hat gesagt…

Danke, lieber James! Ich finde die Geschichte auch klasse! Herzgruß, Elsa