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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

3. April 2013

Kindheit ist (k)ein Kinderspiel

Kinder sollten nicht leiden müssen. Wenn sie aber durch eine Krankheit doch ein leidvolles Schicksal ertragen müssen, liegt es an uns allen, ihnen die Qualen zu erleichtern. Aus diesem Grund haben sich 42 Autoren/innen der FB-Gruppe „Portal für Autoren, Leser, Blogger, Grafiker“ dazu entschlossen, etwas zu solch einer Hilfe beizutragen. Für dieses Buch haben sie Erfahrungsberichte, Geschichten und Gedichte (teilweise mit Bildern) zur Verfügung gestellt und verzichten auf ihr Honorar. 
Der Verkaufserlös dieses Buches geht vollständig an die Elterninitiative -Helping Hands for Dome-, die krebskranke Kinder unterstützt. Wenn Sie, liebe Leser, mehr über die Autoren/innen erfahren möchten, sind Sie auf der Facebookseite „Portal für Autoren, Leser, Blogger, Grafiker“ herzlich willkommen. Mitwirkende: Annerose Scheidig, Sabine Wolfram., Petra Wildi-Reschke, Astrid Zahn, Barbara M.Behrend, Britta Knuth, Elsa Rieger, R.D.V. Heldt, Scully van Funkel, UlrikeJansen, Evelyn Eichinger, James Henry Burson, Jürgen Kohl, Anne Mehlhorn,Kathleen Stemmler, Reinhold Hartmann, Esther Grünig-Schöni, Dagmar Charlotte Rühberg, Karolina Peli, Rosita Hoppe, Anke Höhl-Kayser, Renate Resler, Nicole Leibl, Christine Erdic, Anja Blum, Katy Buchholz, Kerstin Werner, Regina Mengel, Renate Hupfeld, Michael Roth, Norbert J.Rottensteiner, Stefanie Marten, Anna Becker, Ursula Neubauer, Wolfgang Hengstmann, Anja Ollmert, Monika Kubach, Carmen Bauer, Julia Vogel, Kay Noa, Marlies Hanelt. C.S. Steinberg

 
Leseprobe:


Alle sind beige

 von Elsa Rieger


„Hallo! Auseinander! Also jetzt schaut euch das an! Ja, gibt’s denn so was? Diese Rabenbraten, eine Schande ist das!“ „Ja, echt! Diese Kanaken! Ja, werdet ihr sofort aufhören? Auseinander mit euch!“ 
Spielplatz. Mittagshitze. In der Sandkiste, umstellt von keifenden Müttern, wälzt sich ein schwarzgelocktes Kinderknäuel. Sand spucken sie, knirschen fremdartige Laute, eindeutig Schimpfworte und Flüche. Mutig stürzen sich die größeren Kinder, die im nahe gelegenen Fußballviereck trainiert haben, ins Gefecht und plötzlich hört man vertraute, heimische Klänge zwischen den exotischen heraus. 
„Arschloch, geh scheißen, Kanake! Hau ab!“ 
Eine Mutter kreischt: „Karlchen, pass auf! Ja, knall ihm eine! Ja, noch eine auf die Türkennase, die islamitische!“ Eine andere ruft: „Zigeuner!“ Sofort dreht sich eine Mutter mit Kopftuch suchend um und wirft einen ängstlichen Blick nach hinten „Wo Zigeina?“, fragt sie besorgt, ohne zu merken, dass ja vielleicht ihr Kind damit gemeint war. „Gesindel!“, rufen die hellhäutigen Mütter fast gleichzeitig und weil sie im allgemeinen Geheule die Stimmen ihrer Sprösslinge erkennen, springen auch sie in den Sand, reißen ihre eigenen Kinder an sich. Der gelbe Sand wirbelt auf, hell und dunkel gibt es nicht mehr, alle sind beige. Mütter und Kinder stolpern an Land, spuckend, hustend. Ein allgemeines Abklopfen beginnt. Die dunkle Partei steht links von der Kiste, die andere rechts. Feurige Blicke aus kohlschwarzen Augen brennen Hasslöcher in die Gegner. Doch die Territoriumsverteidiger recken ihr Kinn hoch und zeigen ihnen, unbemerkt von den Müttern, den Mittelfinger. In der Sandkiste liegt ein kleiner Matchbox-Maserati, die Ursache des Kampfes, längst vergessen. 
„Türkenbrut, verlauste, nehmt eure Eltern und ab nach Hause, Kebabfresser! Ja, Kinderbeihilfe kassieren für zwanzig Kinder! Von unseren Steuern! Wir brauchen euch nicht, ihr nehmt unsere Arbeitsplätze weg. Verschwindet endlich!“, hört man wütende Mütterstimmen. Die türkischen Kinder ziehen sich weiter zurück, eines knurrt in fast akzentfreiem Wienerisch: „Unsere Eltern arbeit auch dafür. Mehr dreckige Arbeit als Österreicher!“ „Na klar“, wird gekontert. „Ihr könnt ja nix anderes, ihr kommt ja aus dem Schafstall, sauft das Wasser aus dem Klo!“ Allgemeines Gelächter von rechts, links wird demonstrativ auf den Boden gespuckt. 
Eines der Türkenkinder löst sich aus der Gruppe, ein etwa zweijähriger Junge mit langem, schwarzem Haar. Er tapst zur Sandkiste. Er lacht, hebt das dicke Ärmchen und winkt zur anderen Seite der Kiste hinüber. Dort krabbelt, ebenfalls unbeobachtet, ein noch kleineres Kind mit weißblondem Haar über den Rand in den Sand. Die beiden treffen sich beim Spielzeugauto. Das blonde Kind tupft dem anderen auf die milchkaffeefarbene Hand und zieht verlegen die Schultern hoch. Der Junge kichert und wirft den Kopf nach vorne, so dass sein Gesicht fast völlig hinter seinen Haaren verschwindet. Nun streckt er die Zunge heraus. Das finden beide sehr lustig. Das Lachen schüttelt sie derart, dass sie umfallen und Kopf an Kopf nebeneinander liegen. Der Blick des schwarzäugigen Kindes fängt sich im Haar seines Gegenübers, das in der Mittagssonne ganz golden glänzt. Dann blickt es auf seine Haarsträhne, die sich dunkel neben dem Blondhaar im Sand kringelt. Wieder gleitet sein prüfender Blick zum lichten Kopf, dem unbeschwerten hellen Glanz. Langsam streicht der kleine Türke mit der Hand über den Sand. Milchkaffeebraune Finger versinken andächtig in weichem Seidenhaar. 
„Aber“, „Pst“, „na, also“, links und rechts verebbt das Geschimpfe. Der Maserati glänzt zwischen den zwei Kleinen im Sand, die lächelnd einander die Haare streicheln. Auf beiden Seiten senken sich die Blicke. Stille auf dem mittäglichen Spielplatz. Nur ein kleines Kichern aus der Mitte der Sandkiste. 
„Ach, Schatz! Du machst dich ganz schmutzig! Komm, Liebling!“, ertönt die Stimme einer jungen Frau, wohlklingend und klar. Sie drängt sich durch die etwas betretene Gruppe, begleitet vom herben Duft nach Paloma Picasso. Schlanke Beine in seidigen Palazzohosen steigen auf den Rand der Sandkiste, darüber ein zart flatterndes Oberteil, die Locken vom gleichen Blond wie das der Tochter. „So komm, Liebes! Hör doch!“ 
Aber das kleine Mädchen denkt überhaupt nicht daran. Der neue Freund gefällt ihm und es gluckst und lacht mit ihm zusammen. Seufzend zieht die hübsche junge Frau die High Heels aus, steigt in den Sand. (...)


Kindheit ist (k)ein Kinderspiel

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Schöne Geschichte, wie sich im ganzen Pulk, zwei Kinder sich mit dem treffen, was sie im Kopf haben - statt darauf.
Das Herz, spricht halt immer noch eine eigene Sprache.
Selbst dann noch, als der Luxuswagen den anderen Respekt gebietet...
Klar, er steht ja symbolisch auch für das, was auf dem Kopf ist und nicht drin.
Wie aus dem wahren Leben...
Schön.

Elsa Rieger hat gesagt…

Lieber James, danke für den einfühlsamen Kommentar. Leider geht die Geschichte nicht wirklich gut aus, aber das kann man nur im Buch nachlesen ;-)

Herzlich, Elsa