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28. April 2013

Martin Barkawitz, Der Schauermann




Nackte Angst macht sich breit, als im Hamburger Hafen im heißen August des Jahres 1892 eine schöne junge Frau grausam ermordet wird. Beunruhigende Gerüchte machen die Runde – ist wirklich ein Vampir für ihren Tod verantwortlich?
Polizei-Offiziant Lukas Boysen glaubt nicht an einen Blutsauger als Täter. In einer Stadt, die unter einer schlimmen Cholera-Epidemie leidet, gleicht die Kriminalermittlung einem Tanz auf dem Vulkan. Als Boysen eine heiße Spur aufnimmt, wird er schon bald von seinen Vorgesetzten gestoppt. Mächtige Interessengruppen scheinen den Mörder schützen zu wollen. Der Fahnder kommt einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur.
Boysen ist ganz auf sich allein gestellt. Unterstützung bekommt er nur von der resoluten jungen Schönheit Anna Dierks, die Zeugin eines Mordversuchs geworden ist. Zwischen Hurenhäusern und Opiumhöhlen, Schiffs-Laderäumen und eleganten Bürgersalons kommt es zu einer atemberaubenden Mörderjagd durch das choleraverseuchte Hamburg.


Leseprobe:

(...) Der Eingangsbereich der Villa war mit einigen griechisch-römisch anmutenden Marmorstatuen bestückt, wie sie dem Geschmack der hanseatischen Patrizier entsprachen. Boysen konnte sich ein verächtliches Grinsen nicht verkneifen. Die Skulpturen sollten die erlesene Bildung ihres Besitzers symbolisieren. Aber die Lütke-Sippe war natürlich nicht durch profunde Kenntnisse antiker Kultur reich geworden.
Damit kein Zweifel aufkam, woher der Clan sein Geld hatte, waren die Wände der Empfangshalle außerdem mit Ölgemälden geschmückt. Und diese Bilder stellten Schiffe dar – Vollschiffe und Viermastbarken, Dampfer und Briggs. Die Familie Lütke nannte eine ehrfurchtgebietende Anzahl von Bruttoregistertonnen ihr Eigen. Boysen tat schon lange genug im Hafen Dienst, um das beurteilen zu können. Er hatte es hier mit einer der reichsten Sippen der Hansestadt zu tun.
Boysen spielte mit seinem Dienststock. Er schritt auf und ab und betrachtete die Darstellungen, als wäre er ein Museumsbesucher. Kurzzeitig färbte sogar die in dem Haus vorherrschende Stimmung von Reichtum und Sorglosigkeit ein wenig auf ihn ab. Aber der Offiziant wusste, dass das nur eine Illusion war. Er würde niemals zu diesen erlesenen Kreisen gehören, auch in tausend Jahren nicht.
Jemand räusperte sich hinter ihm.
Boysen drehte sich um. Ohne dass er es bemerkt hatte, war ein Herr zu ihm in die Eingangshalle getreten. Der Diener blieb unter einem Türbogen stehen und verkündete: „Kommerzienrat Theodor Lütke gibt sich die Ehre.“
Diese Bemerkung war eigentlich unnötig gewesen. Boysen war sich vollkommen im Klaren darüber, den Hausherrn vor sich zu haben – das momentane Oberhaupt der Lütke-Sippe.
Theodor Lütke strahlte eine natürliche Autorität aus, obwohl er körperlich wenig imposant wirkte. Doch eine Aura von Macht und Gefährlichkeit umgab den Reeder. Boysen musste sich widerwillig eingestehen, dass auch er selbst sich dieser Ausstrahlung nicht widersetzen konnte.
Der Hausherr trug einen cremefarbenen Leinenanzug. Das Jackett besaß schmale Revers, die Hose wies eine messerscharfe Bügelfalte auf. Die Lackstiefel waren mit weißen Gamaschen versehen. Theodor Lütkes Gesicht hatte etwas Fuchsartiges an sich, wie Boysen fand. Hinter den Gläsern einer randlosen Brille blitzten intelligente Augen, vor deren Blick man sich fürchten konnte.
Theodor Lütke öffnete den Mund.
„Ich bin ein alter Mann. Ich erinnere mich an eine Zeit, als die Polizeidiener der Stadt Hamburg noch saubere Uniformen trugen.“
Während der Reeder sprach, schaute er Boysen nicht ins Gesicht, sondern auf die getrockneten Blutflecken auf dem Waffenrock.
Boysen nahm den Fehdehandschuh auf. Mit einer herausfordernd lässigen Bewegung führte er seine Hand an den Helmrand.
„Ich bin Offiziant Lukas Boysen vom Hamburger Constabler Corps, Herr Kommerzienrat. Ich bedaure unendlich, Ihnen den Anblick meiner beschmutzten Montur zumuten zu müssen. Wenn ich Ihren Herrn Sohn sprechen dürfte, könnte ich Sie sogleich von der Belästigung durch meine Gegenwart befreien.“
Theodor Lütke lachte leise. Es klang, als ob Kiesel am Elbstrand gegeneinander stießen.
„Ich würde nicht so weit gehen, von einer Belästigung zu sprechen. Dennoch wüsste ich gerne, was ein Polizeidiener von meinem Sohn will.“
Boysen erwiderte nichts. Einen Moment lang starrte er den einflussreichen Reeder nur an. Dann spuckte er auf den Boden, ohne Theodor Lütke dabei aus den Augen zu lassen. Der Lakai rang nach Luft, und dem Hausherrn kam seine Fassade ironischer Gönnerhaftigkeit abhanden, jedenfalls kurzzeitig.
„Wie können Sie es wagen ...“, begann er, doch Boysen schnitt ihm das Wort ab.
„Was für ein Benehmen erwarten Sie denn von einem Polizeidiener?“, fragte Boysen mit gespielter Verständnislosigkeit. Daraufhin begann der Reeder erneut zu lachen.
„Touché, Herr Offiziant. – Kommen Sie in mein Privatkontor, dort lässt es sich ungestörter reden. Ich hoffe darauf, dass Sie meine Perserteppiche dort nicht mit Ihrem Tabaksaft tränken wollen.“
„Das lässt sich einrichten“, gab Boysen kühl zurück. Er ließ sich von Lütkes plötzlicher Freundlichkeit nicht hinter das Licht führen. Die reichen Hamburger Patrizier verabscheuten Polizisten beinahe ebenso sehr wie Verbrecher. Dieser Tatsache war sich der Offiziant vollkommen bewusst. Lütke führte Boysen in einen Raum, dessen vier Wände ausschliesslich mit wohl gefüllten Bücherregalen bedeckt waren. Inmitten des Zimmers stand ein großer Schreibtisch aus Eichenholz, hinter dem der Reeder sofort Platz nahm. Er deutete einladend auf einen filigranen Besucherstuhl, aber Boysen schüttelte den Kopf.
„Nein, danke, Herr Kommerzienrat. Ich will Ihre Zeit nicht länger als nötig in Anspruch nehmen. Wenn ich mit Ihrem Sohn Carl sprechen dürfte ...“
Boysen beendete den Satz nicht. Noch während er sprach, hatte Lütke begonnen, den Kopf zu schütteln. So, als wäre Boysen ein uneinsichtiges Kind, dem man die einfachsten Dinge dreimal erklären muss.
„Sie können meinen Sohn nicht sprechen, Herr Offiziant.“
„Und warum nicht, Herr Kommerzienrat?“
„Weil ich es nicht wünsche.“
Boysen atmete tief durch.
„Ich leite eine kriminalistische Untersuchung. Es geht um mehrere Bluttaten, die an jungen Frauen verübt wurden.“
„Was soll Carl damit zu tun haben?“, fragte Lütke. Es klang, als ob dieser Gedanke völlig absurd wäre.
„Wir haben einen Hinweis auf Ihren Sohn gefunden. Sonst wäre ich nicht hier, Herr Kommerzienrat.“
„Was Sie nicht sagen.“ Der Reeder hatte zu seiner ursprünglichen Arroganz zurückgefunden. „Ich fürchte, dass diese Spur im Sand verläuft, Herr Offiziant. Es wäre gewiss hilfreicher, wenn Sie sich anderen Hinweisen zuwenden würden.“
„Kann ich Ihren Sohn nun sprechen oder nicht?“, beharrte Boysen.
„Das wird nicht möglich sein, wie ich schon sagte.“
„Dann sollte ich vielleicht Ihr Haus durchsuchen lassen. Es gäbe auch die Möglichkeit, Ihren Sohn auf die Wache vorzuladen.“
Diese Ankündigung löste bei Lütke erneut Heiterkeit aus.
„Es ist erstaunlich, wie sehr sich ein Offiziant des Constabler Corps überschätzen kann. – Sie verschwenden hier nur Ihre Zeit.“
Boysen kochte innerlich. Hätte er es mit dem üblichen Hafengesindel zu tun gehabt, wäre er schon längst handgreiflich geworden. Das war die einzige Sprache, die der Zuhälter Gustav und seinesgleichen verstanden, und bisher war Boysen mit dieser Methode immer gut durchgekommen. Aber er wusste genau, dass er einen Mann wie Theodor Lütke noch nicht einmal mit dem kleinen Finger berühren durfte.
Vor dem Gesetz sind eben doch nicht alle gleich, dachte der Offiziant übellaunig. Wenn er bei Lütke Ergebnisse erzielen wollte, musste er sich etwas anderes einfallen lassen.
„Sie wollen mir also über den Verbleib Ihres Sohnes keine Auskunft erteilen, Herr Kommerzienrat? Das ist Ihr letztes Wort?“
„Mein Sohn ist in keinerlei kriminelle Aktivitäten verwickelt, Herr Offiziant. Diese Auskunft muss Ihnen genügen.“
Boysen nickte. Er war mitten im Privatkontor des Reeders stehengeblieben. Nun wandte er sich ab und ging zur Tür. Dort verharrte der Offiziant und drehte sich noch einmal um.
„Es gibt einen Grund, warum ich mit einer schmutzigen Uniform zu Ihnen gekommen bin.“
Theodor Lütke schaute Boysen fragend an.
„Ich habe vorhin einen Mann getötet, Herr Kommerzienrat. Sein Blut hat meine Montur besudelt. Und ich würde es wieder tun, um einen Mörder zu stoppen.“
Der Reeder erhob sich aus seinem Sessel.
„Wenn Sie mir drohen wollen ...“
Boysen ließ Theodor Lütke nicht ausreden. Er ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. (...)


Rezension folgt...


Der Autor
Martin Barkawitz wurde am 22. Februar 1962 in Hamburg geboren. Nach Berufsausbildung und Studium sowie diversen Arten des Leistungsbezuges beim Arbeitsamt ist er seit 1997 hauptberuflich als Autor von Unterhaltungsliteratur tätig. Neben Krimis für Erwachsene und Jugendliche schreibt er hauptsächlich Western, Grusel und Fantastik. Zuletzt erschienen sein Hamburg Thriller „Kehrwieder“ und sein historischer Hamburg Thriller „Der Schauermann“.  Sein Hobby ist das Degenfechten. Mehr Infos unter www.martin-barkawitz.de


Martin Barkawitz, Der Schauermann

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Ja, dieses kleine Wortscharmützel, hat was von einem Degenkampf.
Darauf, versteht sich der Autor, das merkt man.
Die Details der Kleidung sind gut beschrieben, man sieht die Herren förmlich vor sich.
Auf jeden Fall war ich kurzfristig in diesem Jahrhundert.
Ich nehme die Kutsche und hol mir das Buch.
Will doch mal sehen, ob er das Früchtchen nicht dran kriegt...

Elsa Rieger hat gesagt…

Ist super geschrieben, lieber James, ich werde auch meinen Spaß dran haben, das weiß ich jetzt schon!

Liebe Grüße