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4. Mai 2013

Horus W. Odenthal, Hyperdrive-Mantikor erhebt sich


Die Menschheit hat sich im All ausgebreitet und ist in eine heterogene Vielfalt unterschiedlicher Staaten und Machtblöcke zerfallen. „Hyperdrive“ erzählt die Schicksale einer Reihe von Menschen, deren Schicksale sich im Angesicht des bevorstehenden Krieges miteinander verknüpfen.
Sam B. bezeichnet sich selber als „Krisenmanagerin mit robuster Kompetenz“.
Als sie einen neuen Auftrag annimmt, weiß sie nicht worauf sie sich einlässt.
Der Mann, den sie aus feindlicher Gefangenschaft befreien und rekrutieren soll, ist ein berüchtigter Aufrührer mit charismatischer Persönlichkeit. Er ist eine lebende Zeitbombe, die leider genau in dem Moment zu explodieren droht, wo sie in Sam B.s Leben tritt.

Eine Mischung aus Abenteuer, Polit-Thriller und hard-boiled Space Opera.


Leseprobe:




Sam B.

Es war auf Kronos gewesen, am Tag nachdem Dodo seinen Jagdunfall gehabt hatte.
Wie ein dunkler, aber dennoch für seine Umgebung unsichtbarer Schatten hatte die Namensgleichheit mit dem sprichwörtlichen ausgestorbenen Vogel über ihm gehangen; denn wer immer als Erster Dominik Domanczik zu Dodo verkürzt hatte, ihm war gewiss die Signifikanz entgangen, vermutete Samantha, ebenso wie all den anderen aus seinen Kreisen, die den Namen danach aufgegriffen und wahrscheinlich ebenso gedankenlos auf der Zunge geführt hatten. Doch egal ob bemerkt oder unbemerkt, dieses Omen hatte ihn jetzt letztlich eingeholt.
Samantha Bergstrom war als Letzte zu dem einberufenen Treffen in dem schummrig beleuchteten Hinterzimmer des Kronos Midian gekommen. Es war ihr auch egal. Nach dem Eindruck, den die Gesellschaft auf sie machte, hätte sie, wenn sie eine viertel Stunde früher gekommen wäre, auch nichts daran geändert. Oder eine ganze, oder zwei. Diese Gesellschaft hier tagte schon eine ganze Weile länger in den Räumen des Nobelhotels.
Da saßen sie zwischen wuchtigen Tragepfeilern aus rötlich rauem Stein, welche die niedrige Decke trugen, und üppigen Fettpflanzen, eine Bande von Kopfschlächtern in Anzügen, ein Minister und ein Staatssekretär darunter. Grossi, der auf der äußeren Kante der Bank saß, damit er es bei seiner Leibesfülle bequemer hatte, schlüpfte unter der Tischplatte heraus, kam auf sie zu und legte ihr den Arm um die Schulter.
„Hallo, Samantha, mein Mädchen, alles klar?“
Sie verbiss sich eine Antwort darauf, denn die konnte bei ihrer augenblicklichen Stimmung nur ehrlich ausfallen.
Grossi führte sie zum Tisch, wo auf einen Wink von ihm einer der Männer ein Glas großzügig überschäumend mit Gothand-Champagner füllte und ihr anbot.
„Wie geht es dir? Besser als Dodo, möchte ich wetten.“
Einer der Männer am Tisch warf sich weg vor Lachen, erntete dafür aber, wie sie bemerkte, von niemandem einen strafenden Blick. Samantha setzte sich, sagte gar nichts und stellte das nicht angerührte Glas mit sprödem Klicken auf der Tischplatte ab. Erst einmal kommen lassen. Man war offensichtlich ausgezeichneter Laune, und einige Gläser Champagner – für die Kopfschlächter, nicht für sie – und ein paar derbe Späße später kam Grossi endlich zur Sache.
„Traurige Angelegenheit, Samantha, mein Mädchen, das mit Dodo. Du hast, höre ich von den Jungs, die meisten deiner Geschäfte mit ihm durchgezogen.“
Wenn Grossi das erst von den Jungs hören musste, litt er neuerdings unter Demenz; wenn es einer wissen sollte, dann war er es.
„Ist ’ne schwierige Situation für dich – wie für uns alle natürlich.“ Grossi seufzte theatralisch, nutzte die Kunstpause dazu, ihr das Knie zu tätscheln. „Wir haben darüber gesprochen, ich und die Jungs. Du bist ein properes Mädchen und du weißt, wie das Geschäft läuft. Wir meinen“, und er warf einen zufrieden satten Blick in die Runde, „dass du die Geschäfte, die du vorher über Dodo laufen hattest, genauso gut mit Popesku durchziehen kannst. Kein Verlust für dich, glatter Übergang; wie sagt man so schön auf Merkanin: under new Management.“
„Und das neue Management weiß deine Waren genauso zu schätzen wie Dodo, vielleicht noch mehr,“ sagte der, der sich eben noch weggeschmissen hatte – Popesku hieß er also –, auch jetzt ein Grinsen um die Mundwinkel und einen anzüglich schmierigen Blick in den Augen.
Samantha schwieg eine Sekunde, langte dann über den Tisch nach Popeskus goldenem Zigarettenetui, nahm sich eine heraus, knickte sie mit betonter Bedächtigkeit durch und steckte sie sich dann mit schlaff herabbaumelndem Ende zwischen die Lippen, drehte sich zur Seite und meinte: „Grossi, sei ein Schatz, bestell mir mal was Stärkeres. Die Kippen hier gleichen jedenfalls für meinen Geschmack allzu sehr ihrem Besitzer: Haben an entscheidenden Stellen einen Hänger und der Rest scheint mir auch ziemlich flau und abgeschmackt.“
Sich wieder umdrehend blickte sie in Popeskus jetzt puterrotes Bluthochdruckgesicht. Der Mann neben Popesku drängte sich aus der Tischecke raus, gab sich den Anschein, als müsste er unglaublich dringend Wasser abschlagen. Anscheinend war er um seine Gesundheit besorgt, falls er es nicht schaffte seinen Heiterkeitsausbruch zu unterdrücken und herausplatzte. Anscheinend hoffte er bei Popesku nicht auf die gleiche Duldsamkeit gegenüber zweifelhaftem Humor, wie die, welche man zuvor ihm selbst gegenüber an den Tag gelegt hatte.
Es gab Durcheinander am Tisch, alle mussten aufstehen um ihn herauszulassen, böse Blicke wurden gewechselt. Auch Samantha stand mit allen anderen auf, obwohl sie als Letzte in der Reihe neben Grossi gar nicht hätte rücken müssen. Nur Grossi selber blieb sitzen an seiner Tischecke, die Beine bequem herausgestreckt, schaute sich die Sache an.
Samantha drängte sich vor Popesku, stand vor ihm und blockierte sein Wiedereinrücken. Die anderen wurden schon unruhig deswegen. Entweder mussten sie alle ebenfalls stehen bleiben oder die Sitzordnung wäre durcheinander geraten. Sie machten sich schließlich, als die beiden keine Anstalten sich zu rühren erkennen ließen, doch zögernd daran einzurücken.
Samantha legte den Kopf in den Nacken, blickte mit interessiertem Gesichtsausdruck in Popeskus gelb-wässrige Augen und fragte: „Du hast Verbindungen zum Pharmahandel? Wusste ich gar nicht. Wenn sie so gut sind wie die von Dodo, okay. Wenn sie besser sind als die, die ich durch Dodo in den letzten Jahren selber geknüpft habe, super. Wenn nicht, dann habe ich mit dem hier vorgeschlagenen Deal überhaupt nichts gewonnen. Nur eine lästige Verbindung zu einem weiteren Zwischenhändler mehr am Hals.“
„Vor allem hast du mit dem Deal Verbindung zur Reinen Milch. Ich bin reine Milch.“
Ach ja, natürlich wieder diese Reine-Milch-Sache. Seit sie auf Kronos war, ging ihr dieser ganze Quatsch mit der Marani-freien Blutlinie und dem chauvinistischen Ehrenkram, der daran hing, gewaltig auf die Nerven.
„Niemand wird mit dir Geschäfte machen, wenn nicht ein Patron der Reinen Milch seine Hände darüber hält, zumindest nicht, wenn er was auf seine Gesundheit hält.“
„Aber wir kennen uns doch alle. Wir machen schon lange miteinander Geschäfte. Ihr alle haltet die Hand über das, was ich tue?“ Sie ließ ein Pfund Butter über das Lächeln in ihrer Stimme träufeln. Grossi seufzte schwer. Sie stellte sich dumm und alle wussten es, aber sie wollte es hören, sie wollte, dass einer von ihnen es, verdammt noch mal, endlich aussprach.
Grossi war derjenige. „Kindchen, setz dich wieder hin: Du weißt, wie es läuft. Du bist nicht Reine Milch, und du bist eine Frau. Schau dich um! Wie viel Frauen siehst du hier in dieser Runde? Wie viele Frauen kennst du überhaupt, die hier auf Kronos länger als eine Woche Geschäfte machen? Und die man danach auch wiedersieht. Du brauchst einen Hirten, du brauchst einen Namen, unter dem du läufst.“
„Das heißt, ihr habt Dodos Hinterlassenschaft schon sauber unter euch aufgeteilt; nur ich bin noch übrig, und mich habt ihr euch zum Dessert übrig gelassen. Wer hat denn Dodos Dobermann gekriegt?“
Popesku trat noch ein wenig näher an sie heran. Er grinste breit.
„He, Mädchen, Domani-Chick, hab dich nicht so. Was ist daran so schlimm? Unter meiner Hand hat sich noch keine beschwert.“
Sagte es und – dafür musste er sich leicht herabbeugen – legte ihr die offene Hand in den Schritt. Sie trat nicht zurück, sackte auch nicht, wie er es vielleicht erwartet hatte, der Hand ausweichend zusammen, sondern blickte ihm, seine Hand in ihrem Schritt, ungerührt in die Augen, die jetzt auf gleicher Höhe mit ihren waren.
Und drosch ihm mit Kraft eins auf die Nase. Knirschen unter ihrer Faust.
Jetzt erst trat sie einen Schritt zurück, um ihm Platz zum Fallen zu geben und dem Blut auszuweichen, das zwischen Popeskus Händen hervorsprudelte. Sie drehte sich auf dem Absatz um, während alle bis auf Grossi an dem Tisch aufsprangen, und warf im Weggehen einen Blick über die Schulter.
„Sah für mich aus, als hätte er nach Cochones gesucht. Dem Mann konnte geholfen werden.“
Sie war die Jungenspiele bis zum Erbrechen leid.


Dugan

Was sollte er ihr sonst schon sagen? Was sollte er den anderen sagen?
Dass er einen metallischen Geschmack im Mund hatte? Dass sich ein seltsam taubes Gefühl auf ihn gelegt hatte?
Aber verschweigen durfte er es ihnen auch nicht. Das wäre fahrlässig gewesen.
Dabei konnte ihnen in diesen Höhlen eigentlich nichts passieren. Wie hätte jemand schon durch den gleichen, dummen Zufall dieses Versteck entdecken sollen? Nur Verrat aus dem engsten Kreis konnte diese Zuflucht gefährden. Es war widersinnig. Andererseits hatte er in seinem Leben gelernt, auf die Instinkte zu vertrauen, die er durch die Lebensumstände seiner frühesten Jahre erworben hatte.
So schritt Dugan voran, als sie sich auf den Weg durch die ersten der kleineren Kammern machten, tiefer hinab, zu den eigentlichen und für den längeren Aufenthalt einer Gruppe von Menschen ausgebauten Höhlen. Jedes Mal wenn er sie durchquerte, erinnerten ihn diese Vorkammern an ein System von Hohlorganen, riesig vergrößert in den Stein gegossen. Die Eigenart des Felsens, aus dem das Labyrinth bestand, verwandelten sich hier, in die Hohlform des Inneren hinein gespiegelt, in etwas, das den Höhlungen eines lebendigen Organismus ähnelte, eigenartig weich und verschliffen, wie durch Wasser geformt. Er blickte sich vorsichtig um, musterte die Eigenheiten seiner Umgebung. Seltsame unerwartete Echos ihrer Bewegungsgeräusche huschten von irgendwo durch die Kammern, veränderten ihre Halleigenschaften von einer Sekunde auf die andere.
Er hatte die Hand an der SubMachineGun, hatte sie entsichert, gegen alle Vernunft. Die anderen hielten die Stille. Als sie sich dann dem Eingang der ersten großen Kammer näherten, schaltete er seine eigene Leuchte ab und gab auch den anderen ein entsprechendes Signal.
Er stand im Dunkel in der Öffnung des Ganges, am Kopf der weiten, abwärts führenden, stufenförmigen Felsplatten. Sein Gesichtsinn war in dieser Düsternis fast gänzlich von Reizen abgeschnitten, doch alle anderen Sinne richtete er in die Kammer der tiefen felsumschlossenen Nacht.
Da war sein taubes Gefühl. Doch seine Ohren vermittelten ihm nichts, nur den hohen singenden Bordunton seines Nervensystems. Sein Geruchssinn vermochte nichts zu registrieren außer dem trockenen, leicht pulverigen Hauch des Steins. Die Haut seines Gesichts und seiner Unterarme verspürte keinen Hauch.
Die Tiefe des Raums, er versuchte sie auszufüllen mit seiner Präsenz und lauerte wachsam darauf, ob er auf das Gefühl einer fremden Anwesenheit stieße. Nichts geschah, außer dass plötzlich wieder die Erinnerung an den Blitz, mit dem das Unwetter losgebrochen war, in ihm hochflammte. Die mörderische Gewalt, mit der er gegen den Boden zuckte. Dann eine jähe Assoziation, ein Gedankenblitz, von herbstlich dürren Halmen und Vögeln im Haar. Unerklärlich und poetisch.
Er strengte noch einmal seine Augen an, versuchte, mit ihnen das Dunkel zu durchdringen, doch selbst nach einer Zeit der Gewöhnung konnten sie der tiefen Dunkelheit hier drinnen nichts abringen.
Dugan schaltete die Lumineszenz-Röhre in seiner Hand wieder ein, und ihr Schein offenbarte ihm nichts als eine weite Höhle mit annähernd ebenem Boden, die sich nach verschiedenen Seiten hin zu weiteren Nebenkammern öffnete.
Er hatte sich wohl geirrt. Die atmosphärischen Aufladungen des Gewitters hatten anscheinend feine Saiten in seinem Inneren angeschlagen, die hauchzarte Entladungen in sein Unterbewusstsein gesandt hatten, und das hatte daraufhin all den unverarbeiteten Müll hochgesandt, die Befürchtungen, die dunklen, tragischen Erkenntnisse, die man selten ins Licht des Oberbewusstseins treten lässt. All das war unter der Last des sich zusammenbrauenden Unwetters zum Gefühl einer schweren, eckigen Münze auf seiner Zunge geronnen und einem tauben Gefühl, das unbehaust durch seinen ganzen Leib streifte.
Wen wunderte das bei der Intensität all dessen, was geschehen war, nachdem er in seine Heimat zurückgekehrt war.
Und bei allem, was er erreichte, flammte es immer wieder auf, jenes betäubende Gefühl, mit dem er jedes Mal wieder rang, das sich so gar nicht vertragen wollte mit den ihn treibenden Kräften, dem untergründigen Kraftwerk seines Zorns und mit seinem stoischen Pragmatismus. Es drängte immer wieder hoch und immer wieder vermochte er es schließlich in den Abgrund zurück zu schleudern: das Gefühl,  gerade wegen allem Erreichten auf verlorenem Posten zu stehen.
Nicht die Zeit, nicht der Ort. Er trat auf die ersten Stufen hinunter, hielt inne, ging dann ganz hinab bis zu ihrem Fuß. Er blickte sich noch einmal um und winkte dann den anderen der Gruppe zu, ihm zu folgen. Sie traten alle nacheinander zu ihm herab, Erleichterung im Blick.
„Entwarnung?“, fragte Kaitar.
Doch es war nicht ihre Stimme. Es waren drei Kopien ihrer Stimme, etwas zu hoch, etwas zu sirrend, die man in dünnen Schichten übereinander gelegt hatte. Ein scharrendes Klicken trieb einen mikroskopisch feinen Schacht in die Welt.
„Lähmfelddämpfer!“, schrie er, griff zum unteren Rand des Dämpfergürtel und schaltete ihn an.
Dann hörte er den feinen Grundton seines Nervensystems schriller werden.
Es traf seinen Körper wie eine ganze Schrapnellwolke aus Nesselpfeilen. Als sei er in ein polyedrisches Gitter Phosphorfunken sprühender Taubheit getreten.
Ein Lähmfeld im Aufbau.
Es fuhr gerade hoch, daher das Gefühl. Wäre das Feld schon aufgebaut gewesen, hätte er gar nichts von dem hier gespürt; er wäre, wenn er es nicht vorher bemerkt hätte, hineingelaufen und hätte mit einem scharf kribbelnden, aufsteigenden Taubheitsgefühl das Bewusstsein verloren. So griff es nach ihm wie das bis in die Knochensubstanz hinein ausstrahlende Gefühl eines Nesselfiebers.
Aber er verlor nicht das Bewusstsein. Die Anpassungskurven der Dämpferfelder funktionierten. Nur die Streufelder hatten ihn erwischt.
Er blickte um sich.
Schemen von Gestalten stürmten aus dem Hintergrund in die Höhle, eine ganze Menge davon, eine Übermacht. Sein Blickfeld war verwischt. Das ganze Bild wirkte halluzinatorisch, wie ein wildes Gewimmel krabbelnder Ameisen. Das Funkeln von Waffen im Anschlag. Sein Nervensystem vermittelte ihm einen funkensprühenden elektrischen Staubsturm, der rings um ihn herum tobte; es hatte ihn immer noch ganz schön erwischt. Er riss die SMG hoch; die Bewegung fühlte sich an, als müsste er gegen die tausend Stacheln des Sturms ankämpfen. Die Waffe bellte los.
Zwei Angreifer traf es und riss es nach hinten. Kein Blut; Panzerkleidung. Grau-nachtblau: Marines also. Die Waffe des Vorderen kotzte ein stumpfes Wummern aus, und ein Stoß verzerrter Luft schoss auf ihn zu. Er duckte sich darunter weg und spürte die ihn streifende Welle widernatürlicher Schwere. G-Guns: Sie wollten sie lebend kriegen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sie adaptierende Dämpferfelder trugen. Ihr Fehler.
SMG-Knattern neben ihm, er war nicht der Einzige der Inuvai bei Bewusstsein. Wer immer es war, wie viele es auch waren, sie kamen zurecht, um sie musste er sich nicht kümmern. Und konnte es in diesem Moment auch gar nicht.
Die Stacheln in seinen Nervenenden ließen jede Bewegung wie gegen einen Windkanal erscheinen. Er schaltete die Empfindung in den Hintergrund, schnellte los und brachte in Sekundenschnelle die Entfernung zu den Angreifern hinter sich. Tauchte unter den gebündelten Verzerrungsstößen der G-Guns weg und rammte seine Faust auf die Nase des nächststehenden Angreifers.
Er war zwischen ihnen, sie konnten die G-Guns nicht mehr anwenden ohne einander zu treffen.
Sein verletzter Gegner stürzte zu Boden und Dugan wandte sich im blitzschnellen Schwung den anderen Angreifern zu, fiel in die schnelle kombinierte Schlagfolge der Drei Raubvögel – ein heftiger Tumult aus Schlägen des Angriffs und der Abwehr zwischen ihnen –, um dann mit kurzer, brachialer Wucht seine Faust gegen den Schädel eines der Angreifer zu schmettern. Er spürte einen Kiefer unter seinem Schlag knirschen und nachgeben, und er wob weiter den kurzen engen Tumult von Schlägen und Körpern, hörte an der Peripherie seiner Aufmerksamkeit das typische Zischen, mit dem Schockerstäbe ausgefahren wurden.
Dugan empfand seine Bewegungen als quälend langsam und gedämpft, Folge der Streufelder der Lähmprojektoren. Er sah das Huschen von der Seite und riss die SMG hoch um mit ihrem Schaft den Schockerhieb abzufangen, schaffte es, das Kurzschwert zu ziehen, und verschaffte sich mit einem schnellen Rundumstreich kurzfristig etwas Raum. Sah kurz aus den Augenwinkeln, dass auch die meisten anderen seiner Truppe noch standen und in Nahkämpfe verwickelt waren. Das Knattern einer SMG, Blutspritzer, erstickte Schreie. Doch sie standen auf verlorenem Posten.
Dugan stürzte sich wieder mit Schlägen und Tritten in das wilde Handgemenge und wandte dabei die Taktik an, die er gegen nahkampftrainierte UON-Soldaten entwickelt hatte: ein Aufbrechen der Muster. Er lieferte mit einer Folge eleganter Bewegungen und Schläge das Muster für ihre unterbewusste Analyse, zwang sie in einem Rhythmus und brach dieses Muster dann mit kurzen, brutalen und unmittelbaren Schlagfolgen. Die Klinge seines Kurzschwerts fing einen Schockerstab ab. Ein Marine stürzte mit aufgeschlitztem Hals weg. Am Rande des brutalen Getümmels ein neues Bewegungsmuster, zu schnell um in das restliche Gewebe zu passen. Schwere dunkle Gestalten. Schwarze Uniformen.
Nirserker.

Giébra

Unverzüglich glitt Giébra hinter den Schreibtisch, zog die Ray-Ban vor die Augen. Ein knapper Tanz der Finger auf dem Screen seines Blindspot-bestückten Netzpods koppelte ihn an das Terminal und ließ dessen Holoscreen hochfahren. Giébra justierte die beiden Screens so, dass sie im Fluss der Arbeit besser erreichbar waren.
„Ist der Inhaber dieses Büros heute krankgemeldet?“ fragte Samantha.
Giébra blickte kurz vom Schirm hoch, eine Augenbraue über der Ray-Ban hochgezogen. „Könnte man sagen. Er leidet an einem schweren Fall von fiktiver Existenz.“
Verdammt. Samantha hatte ein kleines, schwereloses Gefühl im Bauch, ein kleiner Ball in einen dunklen Brunnen sausender Übelkeit. Wie kam ein solches Schattenbüro zustande, und wie wusste Giébra von seiner Existenz? Diese verdammte, verdeckte Geheimnistuerei. Giébra hatte auf diesem Planeten die Finger in zu vielen Dingen. Und statt seine Karten auf den Tisch zu legen, deckte er sie nur hier und da bei Bedarf auf, nur so viele wie gerade nötig. Dies war nicht die wirkliche, rückhaltlose Kooperation, wie sie für diesen Job notwendig war. Alles nur wohldosiert und taktisch, ohne sich eindeutig ihrer Seite zu verschreiben. Es erinnerte sie unangenehm an die Peripherie der Kronos-Spinnen. Bluffs und Gefälligkeiten bis dir jede Übersicht und Kontrolle entgleitet. Sie würde Giébra zur Rede stellen müssen. Ihn darauf hinweisen, wessen Spiel das war und nach wessen Regeln er sich zu richten hätte, wenn er mitspielen wollte. Während eines solchen Jobs konnte sie keine weiteren Unwägbarkeiten aus dem eigenen Team gebrauchen, niemanden, der von irgendwoher plötzlich verdeckte Karten hervorzauberte.
Dieses verrückte, irritierende Gefühl, in Bezug auf Baijaku einen blinden Fleck zu haben, dass ihr hier ein wichtiger Teil an Information fehlte, reichte ihr vollkommen. An Baijaku war irgendetwas merkwürdig, etwas auf das sie nicht den Finger legen konnte. Vielleicht wusste Giébra etwas darüber. Sie musste ihn bei nächster Gelegenheit in die Mangel nehmen, und zwar nicht zu knapp. Bestimmt würde er versuchen, vage zu bleiben, Ausflüchte zu machen, von wegen der sensiblen Kanäle seiner Verbindungen und Kontakte und so weiter. Aber sie würde ihn festnageln. Entweder war er dabei oder nicht.
Giébra zog den Sliv mit dem Slick-Komplex aus der Innentasche seines Jacketts und steckte ihn ins Terminal. „Direkter Draht, die gute alte Art. Besser keine Quantenspuren hinterlassen, wo es nicht nötig ist.“ Er zog ebenfalls einen Satz Kabel aus der Tasche und verband seinen Pod direkt mit dem Terminal. Dann hing auch der Pod an Giébras Handgelenk nicht am Netz, sondern war ebenfalls eine kompakte, enorm stark gesicherte Miniatur-InselSphäre.
Giébra änderte den Bedienungsmodus und neben der Tastatur erschien das interaktive optische Feld des Chirogator-Grids, die „Topflappen“, zwei grün, halbtransparent in der Luft schimmernde stilisierte Hände, von den Linien eines geometrischen Gerüsts durchzogen, mit den typischen Kreisen der PadPoints an den entscheidenden Stellen. Er steckte seine Hände in die Felder und fing sofort an, damit durch die Menüs zu chirogieren. Dabei sang-summte er vor sich hin, irgendwas prähistorisch Altmodisches, auf Italienisch, glaubte sie, vom Fliegen und vom Singen. Seine Haare wurden zusehends wirrer.

Er arbeitete sich durch die ersten Ebenen des Interface, gehüllt in den vexierenden, sonnenhellen Fleck des Blindspots, ein Mantel aus blendenden Schleiern, in dessen Falten man sich verirren konnte. Der LuciDat tat seine übliche Wirkung. Er schlängelte sich durch die glatte Gefälligkeit der Menüs, rollte Untermenüs herunter, fächerte sie in Nebenstränge, zwischen denen er mit Befehlen an verdeckte Interfaceteile hin und her sprang und Haken schlug und hoppla! plötzlich stand er hinter den Kulissen.
Auf den Gläsern seiner Ray-Ban offenbarte sich der Ort als das, was er jenseits der Interface-Darstellungen war: in schrillen Farben bemalte Leinwände gaukelten die plastische Landschaft einer Stadt vor. Wenn man allerdings die Illusion erkannte, das angeblich sich vor einem ausbreitende Tableau als eine Wand überlappender 2-dimensionaler Abbildungen erkannte, konnte man durch das Labyrinth ihrer Gassen schlüpfen, Schicht um Schicht, Vorhang um Vorhang, bis sich dahinter die wahre Stadt offenbarte.
Er blickte herab auf das Panorama der Megalopolis der UON-Inselsphäre, der Formationen und Blöcke, der Schächte und Durchgänge, Schluchten und Labyrinthe. Diese Stadt erstreckte sich in endlose Fernen.
Er konnte sie sehen, riechen, spüren. Das war seine Stärke, das war seine Fähigkeit. Er musste sie nur durch die geeigneten Mittel verstärken. Sammie hatte nicht bemerkt, dass er bei der ganzen Verkabelung auch einen Stecker auf der ihr abgewandten Seite am Bügel seiner Brille angebracht hatte. Über die verdeckten Troden hinter der Ohrmuschel speiste seine Ray-Ban, den psychogenen Datenstrom des LuciDat direkt in sein Gehirn. Und die unterschwelligen Bilder, die sein Gehirn produzierte wurden direkt verstärkt auf die Innenseite seiner Brillengläser projiziert, so dass sie von schemenhaften Visionen zu wirklich Bildern wurden, klar und sichtbar wie die Dinge der materiellen Welt. Es war eine spezielle Gabe, so etwas wie Synäthesie, eine Anlage, ein schwaches, fast unbemerkbares Flämmchen. Durch einen Zufall und durch Experimentieren hatte er sie entdeckt und herausgefunden, wie er sie so verstärken konnte, dass sie ihm wirklich nützlich war. Es gab ihm einen entscheidenden Vorteil gegenüber Leuten, die schlicht an einem Terminal arbeiteten und nur die Bildschirmoberfläche sahen. Er sah dank seiner Befähigung und der Verstärkung durch die psychogegenen Datenströme hinter das Interface. Er war in der Datensphäre. Mit all seinen Sinnen. Er sah sie, ihr Licht, ihre Schattierungen, er schmeckte sie, er roch sie, er spürte ihre Luftströmungen, ihren Nebel, ihren Regen, und ihre Unwetter knisterten auf seiner Haut.
Er machte sich auf und überwand die ersten automatischen Sicherheitssperren. Wälle und Barrieren, die sich ihm wie herabschießende Stahlschotte in den Weg stellten, sprungfederschnell und gnadenlos wie Bärenfallen. Mechanisch und ohne Bewusstsein. Zuschnappende Kiefer, manisch und blind ins Leere hinein. Das Wächtermonstrum fauchte und wütete, schlug nach dem Dieb in der Nacht, dem kleinen verräterischen Eindringling, mit Schild und Tarnkappe bewaffnet. Dann war er durch.
Und flog mit dem ASAgenten durch die Schluchten der UON-Inselsphäre. Fast hätte er vor Freude schreien können. Es war schizo. Es war großartig. Er war beides. Slicker an einem Terminal mitten im geschäftigen UON-Gebäude in Jebakar und – durch die Datenströme und auf seine Brille projizierten Bilder – im Sturzflug unterwegs durch die Megalopolis der UON-Daten.
Der Anthrochora-ASAgent war wie ein Schwarm schimmernder Fische, der durch eine im Meer versunkene Stadt schwamm, ein lebendiges Flirren vieler hundert Leiber, geradewegs durch die Gebäude hindurch, der sich geschmeidig teilte, wann immer ein Hindernis den Weg des Schwarms versperrte, sich dann wieder in eleganten, fließenden Mustern vereinte.
Von außen war er unsichtbar. Um ihn war das Flimmern und Schwirren einer Wolke Milliarden sonnenheller Metallspäne, oszillierend, schimärenhaft, sich immer wieder der Wahrnehmung entziehend. Und er war durch nichts aufzuhalten. Er kroch einfach hindurch, in die Ritzen, in Kanäle und Schächte, ein See wandernder Funken. Hinein in die Eingeweide, in Arterien, Kapilare.
Als er sich den höher gesicherten Bereichen näherte, zog er den Schwarm zu einer vielstrahligen Formation auseinander und schwebte in eleganter Kurve unter den ersten Hindernissen hinweg. In dieser Formation tauchte er in den inneren Sicherheitsgürtel, den stahlerstarrten, dornenbewehrten Irrgartengürtel Schwarzen Eises. Ein normalerweise fast unüberwindbares Hindernis, doch der ASAgent floss daran vorbei, so wie sich auch eine Flutwelle nicht von einem Labyrinth messerscharfer Nadelklippen aufhalten lässt, die jedes Schiff aufschlitzen und zerstören. Der ASAgent floss durch den Barrierengürtel hindurch und war dahinter, dort, wo sich in weiter Ebene die inneren Geheimnisse ausbreiteten.
Giébra war mehr als zufrieden. Alles lief besser als erwartet. Die Schatzkammern der UON lagen zum Plündern offen vor ihm.
Und es kickte ungeheuer.(...)
 




Der Autor

Horus W. Odenthal wurde unter dem Namen "Horus" bekannt als Autor und Zeichner von Comics. In diesem Medium wurden seine Werke in Deutschland und Amerika veröffentlicht und erhielten zahlreiche Nominierungen und Preise. Die meiste Aufmerksamkeit auch außerhalb der Leserschaft von Comics erzielte seine Comic-Novelle "Schiller!", erschienen im Schiller-Jahr 2005 in Zusammenarbeit mit der Deutschen Schillergesellschaft.
Horus W. Odenthal galt schon in diesem Medium als "der Geschichtenerzähler". Seine Besessenheit galt in erster Linie dem Verfolgen einer Erzählung, dem Weben von Geschichten, dem die Zeichnungen zu dienen hatten, dem sich der Zeichenstil anzupassen hatte. Hierzu passt, das sein ursprünglicher Berufswunsch war, Schriftsteller zu werden und er das Zeichnen und das Medium Comic erst später für sich entdeckte.
Nachdem er schließlich immer stärker das Bedürfnis verspürte, Geschichten zu erzählen, die innerhalb des Rahmens seines Medium nur schwer zu realisieren waren, verlegte er sich auf das Schreiben reiner Prosa, hier speziell von phantastischen Romanen und schuf hier für sich ein Erzähluniversum, das die Genregrenzen sprengt und ihm die Möglichkeit bot, die Geschichten zu erzählen , zu denen er sich hingezogen fühlte.
Die Ninragon-Trilogie, die klar dem Fantasy-Genre angehört, ist das erste Beispiel dafür und führt den Leser zum ersten Mal in seine Welt ein.
Ab dem 21. September erscheint sein Roman "Hyperdrive" in sechs Teilen.

Besuchen Sie die Internetseite des Autoren "Horus W. Odenthal - The Range: Die unendliche Weite der Worte", seine Facebook-Seite www.facebook.com/Horus.W.Odenthal
oder sein Blog
http://horus-w-odenthal.blogspot.de.



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