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3. Mai 2013

Silke Heichel, Leif – Hungrig nach Leben


Der Sommer verspricht, für Nina wirklich richtig gut zu werden. Besonders, als ihr heimlicher Schwarm Leif sie endlich wahrnimmt und sogar Zeit mit ihr verbringt. Aber Leifs draufgängerische Lebensweise erschreckt Nina, die Überraschungen für gefährlich und Leichtsinn nicht für die beste Tugend hält, und sie steht irgendwann vor der Wahl: Will sie Leif mit all seinen Ecken, Kanten und Untaten oder will sie die kümmerlichen Reste ihres Herzens in Sicherheit bringen?







Leseprobe:



Neulich ...



„Der Typ hat ein Auge auf dich geworfen“, begrüßte mich Leif, als ich die Wohnung betrat.

„Wer? Andreas? Ich meine … Dr. Fischer?“

„Oh, wir sind schon beim Du?“ Leif grinste breit.

„Er hat mich nur nach Hause gebracht“, winkte ich ab, begann, mir die Jacke auszuziehen. Leif war sofort zur Stelle, um sie mir abzunehmen und an die Garderobe zu hängen. Ich schlüpfte aus den weißen Turnschuhen. Auch wenn sie sehr bequem sind, bin ich nach einer Acht-Stunden-Schicht plus minus froh, meinen Füßen Freiraum und Luft gönnen zu dürfen. Gähnend ließ ich mich im Wohnzimmer auf der Couch nieder. „Er ist nur ein neuer Kollege …“

Warum hörte ich dann nicht auf, mich zu rechtfertigen? Vielleicht, weil er mir auf Anhieb sympathisch gewesen war? Blond, hochgewachsen und ledig, aber ein Kind. Wir haben viele Gemeinsamkeiten und er ist so anders als Leif, trotzdem erinnert er mich gelegentlich an ihn. Ich kann nicht abstreiten, dass er mich interessiert. Er ist attraktiv. Vielleicht, wenn ich wollte, so rein hypothetisch, könnte eventuell … was draus werden.

„… und er ist dir nicht gleichgültig.“

„Wie kommst du darauf?“, hakte ich nach.

„Ich hab euch beobachtet.“

Klar, er tut den ganzen Tag nichts anderes. Wird ihm das denn nie langweilig?

„Nein, wird es nicht“, beantwortete er lächelnd meine Gedanken.

Ich seufzte.

„Du magst ihn, oder?“, fragte Leif sanft.

Ich tat seine Bemerkung mit einer gleichgültigen Handbewegung ab. „Ich habe keine Zeit für Männer.“

Grinsend setzte Leif sich neben mich. „Oh ja, du bist jetzt eine Karrierefrau.“

„Wieso hört sich das von dir an, als nimmst du mich auf den Arm?“

Er rückte näher an mich heran, griff nach meinen Händen. „Weil es ein Jammer ist, dass du dich der Männerwelt entziehst. Weil es ein Jammer ist, dass du dich der Liebe entziehst. Wann hast du dich für dieses Spiel gesperrt?“

„Du weißt, wann.“

„Ja. Zur selben Zeit, als du dich für das andere Spiel gesperrt hast: Leben.“

„Das Leben ist kein Spiel!“

„Es lebt sich leichter, wenn man nicht alles so bierernst nimmt.“ Und wenn Leif das sagte, meinte er es genauso.

Ich streckte eine Hand nach ihm aus und strich über sein Gesicht und sein dunkelblondes, schulterlanges, Haar. Ich sehnte mich so sehr nach ihm und ihm ging es umgekehrt nicht anders. Kurz schloss er genießend die Augen, dann zwang er sich, sie wieder zu öffnen, und sah mich fest an. „Es wird Zeit, dass du damit aufhörst, Nina! Du musst mich endlich loslassen.“

„Wie könnte ich? Seit damals im Simrock’s reicht es mir nicht mehr, nur mit dir befreundet zu sein. Zum ersten Mal hattest du mich wahrgenommen und mehr als ein Wort mit mir gewechselt …“

„Das stimmt doch gar nicht!“

„Oh doch! Vermutlich konntest du dich nicht einmal erinnern, woher du mich kanntest.“

„Na, so ein Quatsch! Wir sind zusammen aufgewachsen, du warst mit Tatjana befreundet, wir gingen in dieselbe Schule.“

„Wir besuchten sogar denselben Kindergarten. Du hast mir regelmäßig mein Taschengeld abgeknöpft, damit ich mit dem schönsten, einzigen weinroten Buntstift malen durfte.“

„Das hab ich doch nur gemacht, damit du mich bemerkst!“

„Na klar, so wie die Käfer und Regenwürmer in den Brotdosen. Ich lernte zumindest schnell, mein Brot immer nur in Tüten und dicht am Körper zu tragen.“

Leif lachte.

Damals war er ein Lockenkopf mit Engelsgesicht gewesen, dem man nichts Böses zutraute. Es dauerte lange, bis die Erzieherinnen dahinterkamen, dass er derjenige war, der die Zahnbürsten der Kinder vertauschte. Er war ein Störenfried, der es nie müde wurde, sich neue Streiche auszudenken. Auch später, um die Lehrer zu ärgern und seine Klassenkameraden zu erfreuen. Im Grunde hatte er nur die Voraussagungen seiner Rektorin in der Grundschule bestätigt: Als er mit fünfeinhalb Jahren eingeschult werden sollte, weigerte sie sich, ihn anzunehmen. Er war ihr zu verspielt und unreif, womit sie damals wohl richtig gelegen hatte. Mit siebzehn konnte man ihm diese Eigenschaften nicht mehr vorwerfen. Er war zu einem jungen Mann herangereift, der sich in seinem Ruf und den Anbetungen weiblicher Verehrerinnen suhlte. Und spätestens an einem Samstag im Juni verfiel ich ihm für immer.

„Glaubst du an Zufall?“, fragte Leif mich plötzlich.

„Nein. Warum?“

„Warum hast du es an jenem Samstag getan?“

„Wann habe ich da an Zufall geglaubt?“

„Als ich dich zu unserem Tisch herüberwinkte. Du dachtest den ganzen Abend, ich würde dich sitzen lassen, sobald ein anderes Mädel auftaucht, das mir gefällt. Es war Schicksal, dass du allein das Simrock’s betreten hattest und ich habe mich ganz bewusst für dich entschieden. Ich hätte niemanden mehr zwischen uns gelassen …“ Er verstummte kurz, bevor er leiser hinterherschob: „Ich wünschte, ich hätte es danach auch nicht mehr getan.“



Damals ...



1. Kapitel



Nachdem ich das Simrock’s betreten hatte, ließ ich den Blick durch das Lokal schweifen. Es war früher Samstagabend und noch nicht viel los. Die zwei Bedienungen hinter der Theke, Männlein und Weiblein, schäkerten ausgelassen miteinander, was zu einem späteren Zeitpunkt nicht möglich gewesen wäre. Der DJ war schon vor Ort, aber er sortierte noch seine CDs. Musik kam über Fernseher oben in den Ecken, welche die Sendung eines Musikkanals ausstrahlten. Der Billardtisch stand verwaist, die Dartscheiben waren unberührt. An einem der Bistrotische saß eine Gruppe Raucher, überwiegend Jungs, die laut grölten und lachten, und damit die wenigen anderen Gäste unterhielten. Unter ihnen: Leif.

Jeder in der Stadt kannte Leif. Weil er Lehrersohn war. Sein Vater arbeitete am Gymnasium, seine Mutter an der Hauptschule. Sein älterer Bruder spielte in einer Band, die regelmäßig lokal und manchmal sogar überregional auftrat. Und wer die drei nicht kannte, kannte Leif, weil er selbst alles tat, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Positiv wie negativ. Bei mehreren Gelegenheiten hatte es Ärger in der Schule gegeben und Leif war mittendrin gewesen. Aber wie mit dem Feuerlöscher, den irgendein Witzbold in der Turnhalle geleert hatte, konnten ihm die meisten Dinge nie zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Unbestritten, er sah unverschämt gut aus. Ich war seit dem ersten Schultag in ihn verknallt, aber bis zu diesem Samstag hatte er mich nie wirklich wahrgenommen. Er fing meinen Blick auf, lächelte mich an und winkte mich zu sich und seiner Clique an den Tisch. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mich meinte, deshalb drehte ich mich um und blickte hinter mich. Da war niemand. Als ich wieder in seine Richtung sah, lachte er, wiederholte seine einladende Geste, wie um zu sagen: Ich meine wirklich dich.

Ein bisschen bereute ich, ganz allein hergekommen zu sein. Tatjana verbrachte das Wochenende auswärts und die meisten meiner anderen Freunde gingen nicht ins Simrock’s. Ich hatte Lust gehabt, herzukommen und sah keinen Grund, mich von einem Alleingang abschrecken zu lassen. Bis zu diesem Moment. Ich zögerte. Sollte ich wirklich? Andererseits – warum nicht? Was sollte mir schon passieren? Die meisten von Leifs Kumpels kannte ich aus der Schule, zumindest vom Sehen. Das eine oder andere Wort könnte man bestimmt wechseln und sei es über einen Lehrer, den man nicht ausstehen konnte. Im schlimmsten Fall plante ich, eine Ausrede zu erfinden und zu gehen.

Ich setzte mich zu ihnen. Leif drückte seine Zigarette aus, winkte dem Kellner und bestellte eine Cola für mich. Meine Hard Rock Cafe-Jacke, die ich während meines USA-Urlaubes erstanden hatte, sorgte für ein erstes Gesprächsthema. Sie war über und über mit Buttons und Anstecknadeln verziert. Einige davon trugen freche Sprüche, auf Englisch natürlich. Leif sah sich jeden einzelnen an und hin und wieder ließ er einen Kommentar dazu ab.

Wir zogen die Jacken aus, sobald es in der Kneipe wegen steigender Besucherzahl wärmer wurde. Ich bekam einen umso besseren Blick auf die nackte Haut, die sein V-Shirt frei gab und mich ganz verrückt machte. Ich musste nichts erahnen. Ich wusste, wie es weiter unten aussah, weil er mir in den vergangenen Wochen fast täglich im Schwimmbad seinen Traumkörper präsentiert hatte. Die bloße Vorstellung bereitete mir Schwierigkeiten, mich auf unser Gespräch zu konzentrieren. Ihm immerzu in die Augen zu sehen ging auch nicht, weil ich förmlich in dem Braun versank, das mich an geschmolzene Schokolade erinnerte. Deshalb behielt ich den Schutzengel im Blick, der an dem dünnen Kettchen um seinen Hals baumelte. Bis zu diesem Moment hatte ich immer gerätselt, was es sein mochte. Wie er mir verriet, handelte es sich um ein Taufgeschenk seiner Patentante, das er niemals ablegte.

Die Kneipe füllte sich, was sowohl meine Ohren als auch meine Lunge spürten. Der Lärmpegel verschluckte die Musik; Wärme und Zigarettenrauch brachten den Sauerstoffgehalt im Raum zur Strecke. Leif verstand den Wink, als ich auffällig mit der Hand wedelte und eine angewiderte Bemerkung über den Dunst machte, den er selbst neben mir verursachte. Es war lustig zu beobachten, wie von da an seine Finger mehrmals aus scheinbarer Gewohnheit nach der Schachtel oder dem Feuerzeug griffen, aber immer wieder zog er sie zurück.

Mein Hals fühlte sich dank der schlechten Luft schrecklich trocken an, so viel Flüssigkeit konnte ich ihm gar nicht zuführen. Dafür meldete meine Blase bald: Wegen Überfüllung geschlossen. Das Herzrasen zwang mich, die Cola zu ersetzen (was, nebenbei bemerkt, nicht half, weil mein Herz ja ohnehin wegen Leif raste), aber auch das Wasser drängte nach draußen. Eilig verzog ich mich. Mehr Leute setzten sich währenddessen an unseren Tisch. Als ich zurückkam, saß jemand anderes auf meinem Platz. Leif zog den letzten freien Stuhl vom Nachbartisch heran, auf den ich mich setzte. Später, weil der Laden und Leifs Blase fast aus allen Nähten platzten, landete ich auf dem Königsthron. Ein anderer – sehr dreister – Gast suchte nach einer Sitzmöglichkeit, und ehe ich eingreifen konnte, hatte der sich Leifs Stuhl unter den Nagel gerissen. Meinen Protest tat er mit einer Handbewegung ab und kehrte mir den Rücken. Ich war vollkommen fassungslos. Sekunden später stand Leif neben mir und schüttelte Kaugummi kauend ebenso perplex den Kopf. „Manche Leute sind unglaublich …“, fand er.

„… unverschämt!“, stimmte ich zu.

„… aufmerksam“, erklärte Leif und kramte in seiner Jackentasche. Als er mir einen Kaugummi reichte, war ich mir nicht mehr sicher, ob wir noch von derselben Sache sprachen. Dann erhellte ein viel versprechendes Grinsen sein Gesicht. Seine Hände berührten meine Schultern und er zog mich von meinem Platz hoch, den er stattdessen einnahm. Ich war drauf und dran, zu explodieren über diese Frechheit, da deutete Leif auf sein rechtes Bein. Weil ich nicht reagierte, griff er nach meiner Hand und zog mich auf seinen Schoß. „Der Typ wusste, dass du es so viel bequemer hast!“, hörte ich Leifs Stimme an meinem Ohr.

Ich musste unwillkürlich lachen, bis er seine Hand auf meinen Oberschenkel legte und mich dazu zwang, mich gewaltig zusammenzureißen, um mich nicht den Fantasien hinzugeben, die in meinem Kopf herumspukten.

Die Haut unter meiner Jeans schien prompt zu kochen und begann, zu frieren, sobald Leifs Hand kurzzeitig eine andere Aufgabe übernahm. Wie nach seinen Zigaretten zu greifen, nur um doch nicht zu rauchen, oder nervös mit seinem Feuerzeug zu spielen oder sein Glas anzuheben. Dabei streifte er meinen Arm. Versehentlich. Beim ersten Mal ganz sicher. So oft wie er es tat, steckte Absicht dahinter. Einmal strich er seitlich meine Brust. Er entschuldigte sich dafür und ich hatte das Gefühl, es war ihm unangenehm. Bis er die Sache zu überdenken schien. Mit seinem süßesten Lächeln wiederholte er die Geste und blickte mich fragend an. Er wollte wissen, wie ich reagierte. Vielleicht auch, wie weit er gehen durfte.

Von da an lag eine seiner Hände ständig an oder auf mir. Auf meinem Oberschenkel, an meinem Po, einer Massage gleich. Vorzugsweise ließ er seine Finger (unter meinem T-Shirt!) über meinen Rücken wandern, was mir eine Gänsehaut bescherte. Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, lächelte er. Natürlich wehrte ich ihn nicht ab. So unverschämt ich es von jedem anderen Jungen empfunden hätte, so sehr genoss ich Leifs Berührung.

Nachdem ich mir eine Stunde lang verkniffen hatte, aufs Klo zu gehen, obwohl mir meine Blase fast platzte, musste ich es doch mal tun. Ich fürchtete ein Unglück auf Leifs Oberschenkel. Ich flüsterte ihm ins Ohr, ich käme gleich zurück. Wie um mir zu sagen, er warte auf mich, hauchte er mir einen Kuss auf die Wange. Ich war selig und schwebte zum Klo. Betrachtete im Spiegel meine geröteten Wangen und dieses dämliche Grinsen, das ich nicht abstellen konnte. Es schwand ganz von selbst, als ich zurück in die Kneipe kam. Der Stuhl, auf dem Leif gesessen hatte, war durch jemand anderen besetzt, von ihm fehlte jede Spur. Er war weg! Verschwunden! Oh nein! Wohin? Warum? Hatte ich ihn vergrault?

Ich nahm mir vor, gleich am nächsten Tag herauszufinden, was man neben weniger trinken machen konnte, um weniger pieseln zu müssen. Und was immer es kostete, ich würde es kaufen. Das durfte doch nicht wahr sein, dass meine Blase mir die besten Chancen verdarb!

Mein Blick suchte das Lokal ab. Irgendwo müsste er ja sein. Selbst wenn sich die feige Ratte aus dem Staub gemacht hatte, der Laden war voll. Die Gäste standen dicht gequetscht. Man hatte kaum eine Chance, zum Ausgang zu kommen. Letzteres galt nicht für Leif. Genau dort stand er nämlich. Beide Hände in die Hüften gestemmt, neben einem Mädchen. Sie unterhielten sich. Er lachte.

Ich schluckte und sackte innerlich zusammen. Scheiße!

Sie streckte eine Hand nach ihm aus, streichelte die nackte Haut, die sein V-Ausschnitt frei gab. Die Stelle, die ich den ganzen Abend über so gern berührt hätte. Mir hatte der Mut gefehlt. Leif legte eine Hand auf ihre und ich platzte fast. Aber dann ging mir auf, er tat es nur, um ihre Hand wegzuschieben. Gott sei Dank! Gleichzeitig sah er sich suchend um und fing meinen Blick auf. Er hob winkend den Arm, ich bahnte mir einen Weg zu ihm.

„Da bist du ja!“, sagte er, legte einen Arm um meine Schultern und mein Herz hüpfte. „Also, mach’s gut, Lara!“

Damit dirigierte er mich nach draußen an die frische Nachtluft. Ich fing einen letzten, giftigen Blick meiner Widersacherin auf, bevor ich mich siegreich abwandte. Leifs Arm blieb um meine Schultern liegen und ich legte meinerseits einen Arm um seine Taille. Ich fand, das Leben war schön! Draußen war es nicht weniger warm, es war ja Sommer, doch war es nicht so stickig und verraucht.

Leif seufzte und drückte mich etwas fester an sich. „Meine Rettung! Ich dachte schon, die werd’ ich nie los!“

„Wieso?“

Er stöhnte. „Ach, das Weib ist echt lästig. Sorry, das hört sich hart an, aber Lara ist wie eine Spinne in ihrem Netz. Wenn die mich einmal gefangen hat, werde ich sie nicht mehr los. Und ewig grabscht sie mich an.“

Ich versuchte, meinen Arm wegzuziehen, woraufhin Leif ihn festhielt und stehen blieb. „Hey, das heißt nicht, dass du mich nicht anfassen darfst!“ Er zog mich enger an seine Brust. „Im Gegenteil.“

Da lag ich in seinen Armen, dem schönsten Ort der Welt, von dem ich bisher nur träumen durfte. In einer sternenklaren, lauen Sommernacht. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Und er setzte noch eins oben drauf. Er drückte mir einen Kuss auf den Mund und ich begriff, er hatte genau dafür auf weitere Zigaretten verzichtet.

Kurz wich er zurück, um mich anzusehen. „Das ging jetzt zu schnell“, befand er. Bedächtig beugte er sich erneut zu mir, berührten seine Lippen meine. Dort verweilten sie für ein paar Sekunden, bevor seine Zunge sanft aber fordernd um Einlass bat. Ich gewährte ihn und wir versanken in einem Kuss. Ich hätte sterben mögen, ich wäre als glücklichster Mensch aller Zeiten von dieser Welt gegangen!

Leifs Hände wanderten meinen Rücken aufwärts, schmiegten sich an meinen Kopf. Ich wusste nicht, wie lange wir dort so standen. Es kam mir ewig vor und doch nicht lang genug.

„Hmmm …“, schmatzte er mit geschlossenen Augen. Dann schlug er sie auf. „Und jetzt hab ich Hunger!“

Ich starrte ihn fassungslos an. „Was?“

„Eigentlich habe ich schon die ganze Zeit Hunger, deshalb wollte ich ja rausgehen. Ich verspreche dir, danach können wir weitermachen, wo ich gerade unterbrochen habe, aber vorher brauche ich was zu Beißen. Hast du auch Lust auf einen Döner? Wir müssen uns nur beeilen, der Laden macht gleich zu.“

Ich wagte einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor zwölf. Wir kamen gerade noch rechtzeitig, um die letzten zwei Döner für den Abend und zwei Cola zu ergattern. Wahrscheinlich half die Tatsache, dass Leif dort regelmäßiger Kunde war. Schweigend beobachteten wir, wie der dünne Fladenbrotteig mit Rind- und Kalbfleisch, rotem und weißem Kraut belegt, zur Tasche zusammengeklappt und in weißes Papier gewickelt wurde. Minuten später genossen wir den weltbesten Döner.

Leif verzichtete für mich auf Knoblauch und Zwiebeln, aber nicht auf die Schärfe – ein Fehler! Zwischendurch schüttelte er sich.

Gut gelaunt und mampfend saßen wir auf einer Mauer am Rathausplatz, der um diese Zeit nur spärlich besucht und noch spärlicher beleuchtet war. Ein paar andere Jugendliche tummelten sich dort oder überquerten den Platz. Ein laut lachendes Mädchen zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es war stockbetrunken und musste von zwei Jungs gestützt werden.

„Die haben heute bestimmt noch Spaß“, bemerkte Leif schelmisch grinsend und biss in seinen Döner.

„Verstehe. Diese Lage nutzen Jungs gern aus, oder?“

„Wer hat sie denn in diese Lage gebracht?“, murmelte er im Kauen, schluckte und sah mich an.

„Vielleicht die Jungs?“, fragte ich zurück.

Stumm verzog Leif das Gesicht, nickte langsam. „Okay, wär’ möglich. Aber vielleicht auch nicht. Manche Mädels sind ganz schön berechnend. Die legen’s drauf an und würgen uns hinterher einen rein.“

„Ist dir das schon passiert?“

„Durchaus.“

„Draus schlau geworden bist du aber nicht, oder?“

Er zog die Brauen hoch. „Wie meinst du das?“

„Na ja, du bist nicht ins Kloster gegangen, um den Kontakt zu Frauen zu vermeiden.“

Er grinste. „Dafür hat Gott mich nicht geschaffen.“

Ich lachte laut los.

Als Leif den letzten Bissen seines Döners heruntergeschluckt hatte, verzog er nochmal stöhnend das Gesicht und trank seine Cola hinterher.

„Uah … Das macht’s nur schlimmer. Nina, nimm’ dich in Acht! Ich bin gerade so was von scharf!“

Ich bot ihm zum Neutralisieren meinen Döner an. Ich war pappsatt, er hatte noch immer Hunger. War das zu fassen? Er hatte den größten bestellt, ich die Kinderportion! Er verputzte tatsächlich auch noch den Rest von meinem.

„Meine Güte! Geben deine Eltern dir nichts zu essen?“, zog ich ihn auf.

Wir lachten.

„Ich bin Sportler! Außerdem befinde ich mich noch im Wachstum.“

„Ah ja …“

Er blickte mich an, als ob er noch etwas sagen wollte, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, pfui, das war unanständig und verdorben, was ich grade gedacht habe. Es würde den ganzen Abend kaputt machen und das möchte ich nicht …“, murmelte er.

Ich konnte mir denken, was er meinte, und grinste in mich hinein.

Er knüllte sein Papier zusammen, betupfte seinen Mund mit einer Serviette und trank den Rest meiner Cola. Er bot mir noch etwas an, aber ich verneinte. „Ich muss ohnehin schon wieder aufs Klo.“

„Schwache Blase, he?“

„Mhm.“

„Die sollten wir ein bisschen trainieren!“

„Wie denn?“

„Hm. Indem du seltener aufs Klo gehst.“

„Das nützt gar nichts, kannste mir glauben.“

„Na ja, wir werden sehen, wenn ich dich ablenke und versuche, dich auf andere Gedanken zu bringen.“

„Ach ja? Was schwebt dir denn vor?“

„Pass mal auf …“ Er schwang ein Bein über die Mauer, so dass jetzt eins auf jeder Seite baumelte, rutschte näher an mich heran und küsste mich.

„Hm … könnte funktionieren“, murmelte ich. „Das muss ich direkt noch mal ausprobieren.“

Ich schwang ebenfalls ein Bein über die Mauer und rutschte noch näher an ihn heran. Ganz dicht voreinander sitzend knutschten wir, bis jemand uns störte. „Hey, Teichert … hier steckst du.“ Die Stimme gehörte zu Ramon, seinem besten Freund.

Wir hörten kurz auf, aber unsere Gesichter blieben nahe beieinander und Leifs Hände an meinen Hüften.

Ramon hielt mit seinem Fahrrad direkt unter uns. „Kommst du noch mit ins Joy In?“

„Nein, heute nicht. Hab’ was Besseres vor“, lehnte Leif ab, sah kurz mich an. „Oder willst du noch tanzen gehen?“

Ich schüttelte den Kopf.

Leif drehte sich erneut zu Ramon. „Ein andermal. Ich seh’ dich morgen.“

„Klar“, murrte Ramon und radelte davon.

Es muss ungefähr drei Uhr nachts gewesen sein, als wir mit unseren Fahrrädern vor meinem Elternhaus stehen blieben. Wir hatten sie den ganzen Weg von der Stadt dorthin geschoben. Einhändig. Die andere Hand hielt die zweite des jeweils anderen. Ich bedauerte, den Abend beenden zu müssen und ich bildete mir zumindest ein, ihm ging es genauso. Vielleicht hoffte ich es auch nur.

„Danke fürs Nachhausebringen.“

„Ist doch Ehrensache.“ Er drückte meine Hand und einen sanften Kuss auf meinen Mund. „Es gibt viele böse Jungs da draußen, da lasse ich dich nicht allein durch die Nacht fahren“, sagte er zwischen zwei Küssen und dann kamen die Worte, die ich gar nicht hören wollte: „Also … ich muss los, bevor meine Eltern eine Vermisstenanzeige aufgeben.“

„Okay.“

Ich wollte nicht, dass er ging, aber wie sollte ich ihn zum Bleiben bewegen?

„Wir sehen uns?“

Ich nickte.

Es folgte ein letzter, langer und intensiver Abschiedskuss. Keine Versprechungen. Dann verschwand er in die Nacht. (...)


Die Autorin

Silke Heichel schreibt Gedichte, Romane und Kurzgeschichten. Diverse Veröffentlichungen in Anthologien z.B. „B.O.E.P 2011“ von Chichili Publishing; „Denn es war Sommer“ von Tubuk Digital (2013).
Kurzgeschichten "Blitzartig", "Nicht noch so ein verregneter Sommer", "Weihnachtsduft und Rachelust", "Der letzte Tag - Tote reden nicht" ,"Ein leises Klopfen" und der Roman dazu "Leif - Hungrig nach Leben".


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