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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

1. Juni 2013

Ursula Neubauer, Das Leben ist kein Weichspülmittel

Eine Leiche im Stöcketeich, eine alte Liebe im Burggarten, der Rosenmontagsmann in Naumburg? Was macht der Weihnachtsmann im Braunsberg und was tut sich um Mitternacht beim Märchenbrunnen am Marktplatz? Wo findet man das und vieles mehr? In den 13 außergewöhnlichen Geschichten, die sich in dem nordhessischen Fachwerkstädtchen Wolfhagen und Umgebung abspielen. Sie handeln von junger und alter Liebe, schlagen sich mit Missverständnissen herum und einem Mord aus Rache; sie erzählen allerhand über Kinderstreiche, Tod und Trauer, ein mysteriöses Gemälde und den ersten Schultag. Kurz gesagt: Es geht um die Dinge des Lebens!



Leseprobe:


Die Bank im Burggarten

Wolfram hielt abrupt an. Jemand saß auf seiner Bank! Er kniff die Augen zusammen, da ihn die Sonne blendete, und spähte hinüber zu seinem Lieblingsplatz. Er hatte richtig gesehen. Dort in der Nische im hinteren Teil des Burggartens saß eine ältere Frau. Wolfram verlangsamte seine Schritte und blieb unschlüssig stehen.
Anfang Mai brachte ein Hoch vom Mittelmeer angenehm warme Temperaturen zusammen mit einer leichten Brise ins Land. Angelockt von dem schönen Wetter spazierte Wolfram täglich von seiner Wohnung am Teichberg durch die Teichwiesen zum Burggarten. Er liebte den Park und vor allem dieses lauschige Plätzchen im hinteren Teil, wo die Stadtmauer verlief. Dort befanden sich in einer Ausbuchtung ein rechteckiger Tisch aus verwittertem Stein und zwei Bänke. Hier saß er und ließ seine Blicke über die Felder bis hin zur Weidelsburg oder die Straße hinauf zum Stadtwald schweifen. Jedes Mal begeisterte ihn der kleine Park aufs Neue. Kaum einer verirrte sich in diesen Garten, der zu der alten Burg von Wolfhagen gehörte.
Bisher hatte niemand Wolfram den Sitzplatz streitig gemacht. Er hatte sich auch sehr bemüht, dies zu verhindern. Sobald sich ihm Leute näherten, setzte er eine abweisende Miene auf und warf ihnen warnende Blicke zu. Umso mehr ärgerte er es ihn, dass sich heute jemand auf der Bank niedergelassen hatte! Er hoffte, dass sich die alte Dame nur einen Augenblick ausruhen wollte.
Kurzerhand beschloss er, ein paar Minuten abzuwarten. Während er die Bäume betrachtete, beobachtete er aus den Augenwinkeln heraus die Frau. Sie saß gelassen da, die Hände in den Schoß gelegt, den abgewandten Kopf etwas schräg haltend. Nachdem er zum zweiten Mal an ihr vorbeigekommen war und sie sich immer noch nicht gerührt hatte, entschied er sich für eine neue Taktik. Entschlossen erklomm er die Stufen zu dem Platz und ließ sich demonstrativ auf die Bank fallen. Aufgeschreckt von dem harten Geräusch fuhr die Frau hoch und wandte ihm ihr Gesicht zu. Er blickte in zwei leuchtend blaue Augen. Wie die Augen eines jungen Mädchens, schoss ihm durch den Kopf. Aber es blieb das Gesicht einer älteren Frau. Sie lächelte ihn an. Ihr kurzgeschnittenes Haar schimmerte silbern im Sonnenlicht. Sie erinnerte ihn mit ihrer bunten Kleidung an einen Papagei, denn sie trug eine königsblaue Bluse mit kurzem Arm und eine gelbe Hose. Kleine, nackte Füße steckten in roten Sandalen.
„Hallo“, sagte sie. Ihre Stimme klang erstaunlich tief und warm.
„Guten Tag“, erwiderte er steif. Er legte die Arme besitzergreifend auf die Lehne der Bank. Dann schlug er die Beine übereinander und blickte die Sitznachbarin unfreundlich an.
„Ist das nicht wundervoll hier?“, fuhr die Frau fort, die seine deutliche Ablehnung einfach zu übersehen schien. Das Blau ihrer Augen leuchtete noch intensiver und ihre Stimme nahm einen schwärmerischen Ton an.
„In der Tat, ein wunderschöner Platz“, entgegnete er im frostigen Ton und wippte verärgert mit dem Fuß auf und nieder.
„Nicht wahr“, strahlte sie ihn an, wobei viele Fältchen in ihrem kleinen, runden Gesicht auftauchten. „Ich komme heute das erste Mal hierher und kann nicht verstehen, dass ich diesen Garten nicht früher entdeckt habe. Dabei wohne ich nur ein paar Häuser entfernt.“ Sie blickte ihn freundlich an. Ihr knallrot geschminkter Mund war leicht geöffnet, so dass er eine Reihe weiß blitzender Zähne sehen konnte.
„Ich kenne den Burggarten sehr gut, weil ich ihn jeden Nachmittag aufsuche“, antwortete er schroff und setzte hinzu: „und hier auf dieser Bank sitze.“ 
„Oh wie schön“, rief sie erfreut, „so werden wir uns häufiger begegnen.“ Sein Körper versteifte sich. Das fehlte ihm noch, seine Zeit mit einer fremden Frau an diesem Platz verbringen zu müssen. Sicherlich erzählte sie ihm erst einmal von ihren Krankheiten.
Jetzt schien sie sein Befremden zu bemerken, denn sie sprang mit einer Behändigkeit auf, die er ihr in diesem Alter nicht zugetraut hätte.
„Mein Gott, wo bleiben meine Manieren? Ich habe mich nicht vorgestellt. Ich heiße Elisabeth. Möchten Sie einen Kaffee?“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und vollkommen überrumpelt ergriff er sie. Ihr Händedruck war fest und kurz.
„Kaffee?“, echote er verständnislos. Sie kicherte und sagte: „Das ist eine Marotte von mir. Ich gehe nie ohne aus dem Haus. Mein Enkel behauptet, ich sei ein Kaffeejunkie.“
Sie griff in einen Korb, der neben ihr auf der Bank stand. Ehe er sich von seiner ersten Überraschung erholt hatte, lag eine blau-weiß-karierte Decke auf dem Steintisch. Darauf stellte sie eine Thermoskanne und zwei Tassen, legte zwei Löffel daneben.
Ihre Augen mit diesem unglaublichen Blau blickten ihn unverwandt an, als sie sagte: „Entschuldigung, ich habe Ihren Namen eben nicht verstanden. Manchmal höre ich schlecht. Das Alter.“
„Mahler, ich heiße Wolfram Mahler“, hörte er sich sagen, wohl wissend, dass er seinen Namen vorher nicht genannt hatte.
Elisabeth drehte sich wieder um und kramte erneut im Korb. Anschließend hielt sie mit einem triumphierenden Geste Zuckerstücke und eine Milchtüte in der Hand.
„Ha! Ich habe daran gedacht. Wissen Sie, ich bin manchmal so vergesslich. Geht Ihnen das auch so?“
„Nein“, sagte er kurz angebunden und überlegte, wie er möglichst schnell aus dieser unangenehmen Situation herauskam. Da stieg ihm der köstliche Duft von Kaffee in die Nase. Elisabeth füllte die zwei Tassen.
„Nehmen Sie Milch und Zucker?“, fragte sie.
„Ja, etwas Milch und zwei Stück“, antwortete er mürrisch und sah ihr zu, wie sie beides in den Kaffee tat, umrührte und ihm die Tasse über den Tisch reichte. Mein Gott, wie lange ist es her, überlegte er, dass dir eine Frau Kaffee zubereitete. Inge! Ein Stich fuhr ihm durchs Herz, als er an seine verstorbene Ehefrau dachte. Das Getränk schmeckte hervorragend. Nicht so wie der Pulverkaffee, den er zu Hause in heißem Wasser auflöste und der wie Abwaschwasser aussah.
Erstaunlicherweise schwieg Elisabeth während des Kaffeetrinkens. Das gefiel ihm. Er hatte befürchtet, sie würde einfach weiterquasseln. Doch sie nippte nur an der Kaffeetasse und ihr Blick verlor sich im Park. Verstohlen betrachtete Wolfram sie. Wie alt mochte sie sein? Über siebzig, so wie er? Er hatte sie nie zuvor gesehen, denn in dieser bunten Kleidung wäre sie ihm bestimmt aufgefallen. Ob sie in der Stadt lebte? Da fiel ihm ein, dass sie vorhin erwähnt hatte, hier in der Nähe zu wohnen.
„Hat Ihnen der Kaffee geschmeckt oder war er zu bitter?“ Ihre Frage riss ihn aus seinen Gedanken. Elisabeth schaukelte ihre leere Tasse in der Hand hin und her und lächelte ihn an.
„Vielen Dank. Der Kaffee war in Ordnung“, antwortete er steif.
Mit geübten Handgriffen verstaute sie alles in ihrem Korb. Sie erhob sich und sagte: „Ich muss jetzt gehen, sonst macht sich meine Tochter Sorgen, wo ich bleibe. Vielleicht sehen wir uns morgen wieder. Ich bringe Kuchen mit. Mögen Sie Apfelkuchen?“
„Ja-a!“, stotterte er verlegen, „ich danke auch, für den Kaffee und ...“ nach kurzem Zögern, „... und Ihre Gesellschaft.“
Elisabeths blaue Augen lächelten ihn an. Sie drehte sich um und verschwand langsam in Richtung Ausgang. Jetzt erst fiel ihm auf, wie klein und zierlich sie wirkte. Fast außer Sicht wandte sie sich um und rief: „Wie war Ihr Name? Ich habe ihn schon wieder vergessen.“
„Wolfram, ich heiße Wolfram“, schrie er zurück.
Der Kaffee war gestern zu stark gewesen, denn Wolfram konnte am Abend lange Zeit nicht einschlafen. Als er am Morgen viel später als sonst aufwachte, fühlte er sich müde und war schlecht gelaunt. Komischerweise fiel ihm die gestrige Begegnung mit Elisabeth sofort ein. Natürlich würde er nicht zum Burggarten gehen. Er vertrug Bohnenkaffee sowieso nicht und der Apfelkuchen schmeckte bestimmt zu süß. Schließlich musste er auf seine Gesundheit achten. Aus diesem Grund trank er zum Frühstück entkoffeinierten Kaffee und kaute lustlos auf einer Scheibe Brot mit fettreduziertem Käse herum.
Am Nachmittag sank seine Laune auf den Nullpunkt. Es war ihm soeben klar geworden, dass er nie mehr in den Burggarten gehen durfte, wenn er eine Begegnung mit Elisabeth vermeiden wollte.
„Verflucht!“, schimpfte er vor sich hin, „alles nur wegen dieser Person.“ Das konnte man nicht mit ihm machen. Nicht mit ihm! Er war schließlich zuerst dort gewesen. Wolfram straffte seine Schultern und setzte eine entschlossene Miene auf. Er entschied sich, nun erst recht in den Burggarten zu gehen und Elisabeth freundlich aber bestimmt klarzumachen, dass er ältere Rechte hätte. Sie müsste sich ein anderes Plätzchen suchen oder am Vormittag den Park beehren. Problem gelöst! Sie ging morgens und er nachmittags.
Sehr zufrieden mit sich zog Wolfram sein bestes Jackett an und machte sich auf den Weg. Elisabeth sollte schließlich sehen, dass er Wert auf ein gepflegtes Äußeres legte. (...)


Rezension:
 
Der Auszug oben stammt übrigens aus meiner Lieblinggeschichte
in der schönen Sammlung von Ursula Neubauer. Einfühlsam geben die Erzählungen Einblicke in die Leben verschiedenster Protagonisten. Manchmal zum Lachen, wenn die Autorin sehr elegant aufzeigt, wie leicht doch Menschen zu durchschauen sind, wie sie durch die Liebe Veränderung erfahren. Dann wieder Erschrecken, einer irreparablen Kurzschlusshandlung wegen, oder ein anderes Mal Mitleid, wenn hifloser Schmerz nicht getröstet werden kann. Dazwischen auch boshaftes Schmunzeln über einen fatalen Irrtum. Die Autorin kennt die Menschen richtig gut, das mag ich sehr!

Eine abwechslungsreiche Mischung von Texten, die ich sehr gerne gelesen habe und empfehlen kann.

Elsa Rieger



Die Autorin
Ursula Neubauer lebt in einer Kleinstadt in Nordhessen. Sie ist Deutsch- und Englischlehrerin an einer großen Gesamtschule. Nachdem sie 30 Jahre lang die Geschichten ihrer Schüler lesen und bewerten durfte, begann sie selber welche zu schreiben. Zuerst Kurzgeschichten, mit denen sie an Ausschreibungen und Wettbewerben teilnahm, und die in verschiedenen Anthologien veröffentlicht wurden. Ermutigt durch diese Erfolge schrieb sie ihren ersten Roman "Wolke 7 ½", ein Liebesroman für die 50plus Generation, der im April 2011 erschien. Auf humorvolle und witzige Weise beschreibt sie in diesem Buch die erneute Suche einer reifen Frau nach Mr Right.
 

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