Salon

Salon

Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

31. Juli 2013

Nicholas Vega, Demor – einfach bösartig



100% Bosheit, der Rest Knochen: Als Oberfiesling hat es Lord Demor nicht leicht. Sechshundert Jahre und nie konnte er einen Helden töten. Schuld sind die Gesetze der Fantasie, in denen niedergeschrieben ist, dass das Gute stets triumphiert. Dabei gäbe sich Demor bereits mit der Weltherrschaft zufrieden. Was tun? Genau! Die Geschichte muss neu geschrieben werden. Gemeinsam mit dem kopflosen Reiter, der Eisernen Jungfrau und einem tollpatschigen Ork rückt er Erzfeind Gabriel Syxpak auf den Blechpanzer, denn der strahlende Recke kennt das Versteck der Gesetze.

Eine phantastische Geschichte für heitere bis bewölkte Stimmung, von epischem Ausmaß und mit vier Bösewichten, die man einfach gut finden muss.



Leseprobe

Dem Tod so nahe

»Demor! Lord Demor!«, hallte es durch die Gruft. Die Wassertropfen an den Gesteinswänden vibrierten unter den Worten.
Die Knochenfinger des untoten Zauberers bewegten sich in den gepanzerten Lederhandschuhen und verursachten ein schabendes Geräusch an den Armlehnen. Müde blickte er auf. »Wer wagt es, mein Reich zu betreten?«
Keine Antwort. Stattdessen Schritte auf Steinboden, unterbrochen vom Plätschern vereinzelter Wasserlachen, in die Wanderschuhe oder Stiefel hineintraten.
Demor sog scharf die Luft ein und sein Brustkorb hob sich. Eindringlinge. Er konnte ihre Arroganz förmlich riechen. Abermals rückten ihm Todesmutige zu Leibe. Weshalb kamen sie diesmal? Einer Jungfrau zuliebe? Wegen Gold oder eines seiner unschätzbaren Artefakte? Oder einfach nur, weil man erneut seinen Tod herbeisehnte?
Ein Lacher zischte durch seine Zähne, doch ein Hustenanfall erstickte ihn. Mit der Leichtigkeit eines gelenkkranken Greises wischte er sich über die Augenhöhlen. Die Atemnot verschlimmerte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Lungenflügel besaß er bereits seit einem Zeitalter nicht mehr, die chronischen Atembeschwerden waren dagegen geblieben.
Er stemmte sich aus seinem Thron zu voller Größe auf. Dabei klapperten seine Glieder wie die Perlen einer Gebetskette. Wo blieben seine Schergen? Vermutlich waren sie besiegt oder geflohen.
Schwächliche Feiglinge! Mit entschlossenem Griff packte er seinen Stab, der neben ihm aufragte und bis über seinen Kopf reichte. Wie einen beständigen Wegweiser hielt er ihn empor – ehern und machtvoll. Zwischen den spiralförmigen Rillen im Griffstück pulsierte es lilafarben. Der Lichtschimmer zerstob zu feinem Nebel.
Alter Gefährte, dachte Demor, werden wir diesmal glücklicher enden?
Der Stab antwortete mit violett-weißen Blitzen, die sich vom Schaft zu einem Totenschädel emporschlängelten, dann über einen Ring mit eingelassenem Stern zuckten und an zwei Ringspitzen in die Luft gierten.
Mit dem Stabende klopfte er auf den Boden.
Augenblicklich zwängte sich ein dunkelblau behaartes Vieh hinter dem Herrschersitz hervor. Eine lebende Kugel, die ihrem Meister nicht einmal bis zu den Knien reichte. Aus immens weißen Augen starrte sie Demor an und ihr winziger Rüssel wackelte wie ein überflüssiger Fortsatz herum. »Ihr habt gerufen, Meister?«, quiekte das Kugeltier.
Demor schritt die zwei Stufen von seinem Thron hinunter, gab dem Winzling einen Stups mit dem Stiefel und würdigte ihn keines weiteren Blicks. »Habt ihr die Jungfrau vorbereitet, Wurmspin?«
Ein Quietschen, als steche man einen Goblin ab, entfuhr dem Diener, was Demor als ein »Ja« wertete.
»Wir haben alles zu Eurer Zufriedenheit bereitet. Das Mädchen ist in sein durchlässigstes Gewand gekleidet und die Ketten an ihren Gelenken passen vorzüglich.«
»Wer ist es diesmal? Ich hoffe, dass ihr nicht Rolelia genommen habt? Sie ist ein wahrer Schatz, eine, die weiß, wie man die Knochen eines betagten Mannes in Wallung bringt.« Der Satz vermischte sich mit einem neuerlichen Lacher, gefolgt von einem wiederkehrenden Hustenanfall. Demor hielt sich die rechte Rippe, ein altes Leiden.
»Nein, mein Herr! Ganz sicher nicht. Wir haben eine zarte Elfe genommen, die Tochter eines begüterten Herzogs.«
Der Untote fuhr herum. Er riss den goldverzierten, metallenen Mundschutz, der eben noch die Nasenhöhle und die hervorstehenden Zähne bedeckt hatte, zur Seite. »Was sagst du da? Seit wann befinden sich unter den Jungfrauen Elfen?«
Quietschend senkte Wurmspin seinen Rüssel vollends auf den Boden. »Sie ist ein Neuzugang. Wir dachten …«
»Ihr sollt nicht denken!«, fuhr Demor dazwischen. »Wenn ihr denken könntet, wäre ich überflüssig. Und das will keiner von uns.« Mit bedrohlicher Haltung trat er an seinen Diener heran und beugte sich über ihn. Das Ende seines schweren, roten Mantels berührte das Fell von Wurmspin, der daraufhin verängstigt zurückwich.
Mit dem vermutlich jämmerlichsten Quieken, das es kannte, entschuldigte sich das Kugeltier.
Das Gespräch wurde von Stimmen unterbrochen. Die Schritte der Eindringlinge schallten lauter.
Demor schaute in den Gang, aus dem die Gruppe auftauchen würde. Plötzlich schepperte es, gefolgt von einem dumpfen Beben und einem kurzen Schrei.
Das Fallgitter.
So weit waren sie also gekommen. Er winkelte seinen linken Arm an und hielt die Hand wie eine Kralle nach oben. Ein grünes Licht begann darin zu tanzen. Schleim tropfte durch die Finger zu Boden. Kurz darauf erschienen winzige Gesichter im Lichtstrudel und kreisten dort als klagende Geister.
Mit einer abfälligen Bewegung und ohne ihn anzublicken, bedeutete er Wurmspin zu gehen. Fast dankbar verflüchtigte sich das Quieken.
Demor sonnte sich in dem unnatürlichen Licht. Genüsslich roch er an der grünen Flamme. Tod. Ein Elixier von unersetzlichem Wert – seine Antriebskraft.
Er ballte die Hand zur Faust. Augenblicklich erstarb das Leuchten. Sein Blick wanderte entlang der spiegelglatten Wände mit den reich verzierten Krallenornamenten und den unlesbaren Runen. Eine Baukunst von einmaliger Dimension und Kunstfertigkeit. Ein Vermächtnis der Ka’ia, den allerersten Wesen auf Fantastika.
»Demor! Zeige dich!«, riss ihn jemand aus seinen Gedanken.
Obwohl die Sonne bis in diese tiefste Räumlichkeit drang – eines der Wunder dieses Tempels –, tauchte ein neues, zuckendes Licht im Gang auf.
Fackeln.
Boden und Wände trugen das Klappern von Schritten und Rüstungsgeschirr zu Demor, doch davon ließ er sich nicht einschüchtern. Nicht seit sechshundert Jahren.
Gemächlich hängte er die Haken des Mundschutzes in die Krone ein. Obwohl er sie auf seinem Haupt nicht sehen konnte, fühlte er die prunkvolle Erhabenheit dieses sagenhaften Artefakts – des Ursprungs seines Unlebens.
Drei Gestalten tauchten im Bogen des Ganges auf. Demor umfasste seinen Stab fester.
»Demor, du Lich! Endlich sehen wir uns!«, schrie der Erste, ein prächtig gebauter Krieger mit einer Lanze, so gewaltig wie ein Eifenbaum von fünfzehn Sommern. Seine Stimme klang kräftig und doch jugendlich.
Abschätzend betrachtete Demor seine Gegner. Ja, er war ein Lich, eine wandelnde Leiche – allerdings mit einer Macht, welche die Zähne der Lebenden zum Klappern brachte. Obwohl in ihm kein Herz mehr schlug und er keine Muskeln mehr hatte, war er mächtiger als das gesamte Pack, das jetzt vor ihm posierte.
»Ein Mensch, ein Zwerg und ein Elf. Das ist in der Tat etwas ganz Neues«, spottete er. »Ist es dieser Wicht, der vorhin diesen Krach verursacht hat?«
Der Zwerg schob die wulstigen Brauen zusammen, schwang seinen Doppelhammer von der Schulter und schnaufte wie vor seinem letzten Krug Bräu. Durch die zerstörten Ringe seines Kettenhemds über der Brust quoll Blut hervor.
»Ich bin Konrad Brinhelm und wir sind gekommen, um Eure Schreckensherrschaft zu beenden!«, gellte der wuchtig gerüstete Mensch.
Demor blieb ungerührt stehen. Mit seinem Stab hieb er erneut auf den Boden. »Möglicherweise seid ihr aber auch deswegen aufgetaucht.«
Ein steinernes Grollen ertönte. Die Dreiergruppe schaute zur linken Wand. Mit einem Rattern schob sich das Gestein nach oben. Noch bevor das Licht gänzlich in die dunkle Nische drang, erklangen die Hilferufe einer Frau.
»Ihr müsst mich retten! Lord Demor wird mich sonst fressen! Ich flehe euch an!«, kreischte die Elfe, während die Ketten an Arm- und Beingelenken spöttisch klapperten.
»Nemana!«, schrie der Elfenkämpfer und tat einen Schritt auf sie zu, verharrte jedoch, um sich erneut seinem Feind zuzuwenden. Der grünliche Teint im Gesicht des Spitzohrs färbte sich dunkel. »Etnasch’esch Demor! Ich bin Enlas, des Enleas’ Sohn! Für diesen Verrat werdet Ihr büßen!«, brüllte er und seine Zähne stachen silberweiß hervor.
Demor beantwortete diese Kühnheit mit einem bösen Lachen und je stärker seine Elfenfreundin jammerte, umso mehr erheiterte es ihn.
Ein Summen erklang, das sich zu einem Gesang verstärkte. Hunderte von unsichtbaren Mündern stimmten in das Gelächter des Lichs ein. Es waren die Toten – die Quellen seiner Zaubermacht.
»Genug jetzt!«, durchschnitt Konrad den Chor.


Rezension folgt...


Der Autor
Nicholas Vega, Jahrgang 1977, flüchtete sich bereits seit Kindertagen in phantastische Welten. Schwert und Magie waren für ihn die verführerischen Mächte, der Hauch des Mystischen und das Gefühl von Abenteuer. Die Faszination für das Fantasy-Genre lässt ihn bis heute nicht los.
Neben einem Vollzeitjob, in dem er versucht die Welt zu retten, einer lieben Ehefrau, die seine »Macken« tapfer unterstützt, und zwei kleinen Rabauken, die ihrem Vater in vielen Dingen nacheifern, schreibt er Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Seit Juni 2012 wird er von einer wunderbaren Literaturagentur vertreten. Professionelles Self Publishing ist für ihn ein inspirierender Teil des Buchmarkts.



Nicholas Vega, Demor – einfach bösartig

eBook bei Amazon




26. Juli 2013

Andrea Becker, Gefahr für den Hexenwald



Dürfen Hexen Schokolade essen? Handys benutzen? Fahrrad fahren? Auf keinen Fall!

Und bisher ist die zwölfjährige Hexe Rabena auch nie auf die Idee gekommen, weil es solche Dinge im Hexenwald einfach nicht gibt ...

Als Holzdiebe aber beginnen, den Hexenwald zu fällen, verliert Rabena mit jedem gefällten Baum mehr von ihrer Zauberkraft. Jetzt muss sie wohl oder übel einen der Anderen um Hilfe bitten. Die Anderen, das sind die Menschen, die nicht zaubern können, die keine Hexen sind. Alex zum Beispiel, der Sohn des Försters. Er lebt in einer ganz anderen Welt – ohne Magie, dafür voller Technik. Hexen kennt er nur aus dem Märchen, Zauberei aus Filmen und Abenteuer aus Computerspielen.

So treffen zwei aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Gelingt es ihnen trotzdem, den Hexenwald gemeinsam zu retten?


Rezension

Die Anderen oder die anderen,
überlegte ich gleich am Beginn des Buches, als die Hexe Rabena von den Menschen spricht. Aber dann fand ich heraus, dass es die Anderen heißen muss, da es sich bei Hexen um die Bezeichnung für die unbekannte Rasse Mensch handelt. Zumindest der jungen Hexe Rabena sind die Anderen völlig fremd, sie kennt sie nur aus Erzählungen. Wenn es nicht sein müsste, würde sie sich auch Alex, dem Jungen im Forsthaus keinesfalls nähern. Aber sie braucht Menschenhilfe, da der Bannwald in großer Gefahr ist.

Umweltbewusst
ist dieses hübsche Kinderbuch mit einem entzückenden Cover. In der Geschichte werden die Hexenkräfte geschwächt durch die drohende Zerstörung des Waldes, im wahren Leben schwächt so ein Tun alle. Rabena und Alex sind als Team kompatibel nach den ersten Schrecksekunden auf beiden Seiten. So geben sich moderne Technik und Magie ein Stelldichein, um den Holzdieben das Handwerk zu legen. Es geht in der Geschichte um Mut, Widerstand, Achtung und Freundschaft, der Text fließt, man liest liebevolle Schilderungen der Fauna und Flora im Hexenwald, sehr schön!

Lektorierte Independet-Bücher
gibt es (noch) nicht allzuviele. Es ist ein Vergnügen, ein einwandfrei geschriebenes Buch in den Reader zu kriegen. Dieses hier gehört dazu, Kompliment. Das Buch ist für Erstleser eingestuft, und das ist meiner Meinung nach nicht korrekt. Die Sprache ist wohlgelungen, aber für ältere Leser gedacht. Ich würde das Buch 10-12-jährigen Kindern anbieten. Und denen würde ich es wärmstens empfehlen!

Elsa Rieger   




Die Autorin

Andrea Becker wurde 1965 in Oberhausen geboren, studierte Germanistik & visuelle Kommunikation in Kassel, arbeitet freiberuflich als Grafik- und WebDesignerin, lebt mit ihrer Familie in Bad Homburg.

Veröffentlichungen 2012:

Snouki & Couscous
zweisprachiges eBook für Kinder
Autor: Andrea Becker,
Ilustration: Carsten Sorger
Translation: Freya Ritts-Kirby
ISBN 978-3-00-038173-7

Ach ja, das kenn ich auch
Ein Bilderbuch für an Demenz erkrankte Senioren
Autor: Andrea Becker
Verlag: Schlütersche
ISBN: 9783899932966,



Andrea Becker, Gefahr für den Hexenwald

eBook und Taschenbuch bei Amazon



23. Juli 2013

Kerstin Michelsen, Hermines Tür



Hermines Leben war qualvoll und geprägt von Verlusten. Nach dem tragischen Unfalltod ihrer kleinen Tochter zerbricht die Familie, ihr Mann Wilhelm verschwindet mit dem Sohn Georg und Hermine bleibt allein zurück.

Jahrzehnte später schöpft sie neue Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Georg, als sie vom Tod Wilhelms erfährt. Auf der Suche nach Spuren aus ihrem früheren Leben, die sie zu ihrem Sohn führen könnten, stößt Hermine im Keller ihres Hauses auf eine geheimnisvolle Tür ...



Rezension:

Naiv, wie viele Frauen in den 50ern noch waren
ist auch Hermine, die sich auf die Ehe mit einem widerlichen Macho einlässt. Sie schweigt und duldet und duldet. Das macht mir die Protagonistin nicht besonders sympathisch, auch wenn ich weiß, dass es solche Verbindungen gibt. Die Geschichte beginnt im Jetzt und geht Kapitelweise in die Vergangenheit zurück, jedoch nicht kontinuierlich. Sie springt mal in die 50er, ins Jetzt, in die 70er usw. Zunächst etwas verwirrend, dann aber bekommt der Leser den Rhythmus raus. Letztlich ist es raffiniert gelöst, das Switchen zwischen den Lebensphasen liefert Erklärungen, warum Menschen sind, wie sie sind: Unveränderbar.  

Die Erzählsprache reißt mit
ich konnte mich der Tragik von Hermines Leben nicht entziehen, obwohl, wie oben gesagt, ich ihr gern den Kopf gewaschen hätte, sich derart ausbeuten zu lassen von einem eitlen, brutalen Mann. Mit ihm habe ich ziemlich Probleme gehabt. Die Figur ist gar sehr negativ gezeichnet, Wilhelm ist recht eindimensional, er hat praktisch keine guten Seiten. Das ist schade, denn so wird es für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, wieso Hermine sich das alles bieten lässt. Da sträubt sich mir alles.

Cover und Formatierung
sind einwandfrei. Das stille Cover in weiß passt ausgezeichnet zum Inhalt. Das Buch hat ein gutes Lektorat durchlaufen, insofern ein Genuss, es zu lesen. Ich werde sicher ein weiteres Buch der Autorin lesen, weil alles so stimmig ist. Dass der Plot mich nicht gänzlich überzeugt, ist reine Geschmackssache.  

Und trotzdem habe ich den Roman
mit großer Spannung gelesen. Kerstin Michelsen hat ein Händchen für die Sprache, sie weiß, wie man Tempo macht, verlangsamt, wie Stimmung erzeugt wird, die Umgebung beschrieben. Große Klasse! Und das fernab des Plots, der meinen Geschmack nicht ganz getroffen hat, aber Lesern und Leserinnen, die über viele Seiten den scheinbar nicht enden wollenden Leidensweg einer geplagten Frau lesen mögen und am Ende eine interessante Wendung schätzen, kann ich diesen Roman ohne Zweifel empfehlen.

Elsa Rieger




Die Autorin
Kerstin Michelsen, Jahrgang 1963, wuchs in Hamburg und in der Lüneburger Heide auf. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem kleinen Dorf südlich von Hamburg.
Bisher veröffentlicht:
einfach so (Roman)
Sushi oder Labskaus (Roman)
Hermines Tür (Roman)
Mia & Serafina (Kinderbuch)
Zur Zeit arbeitet die Autorin an einem neuen Buchprojekt.



Kerstin Michelsen, Hermines Tür

eBook bei Amazon




20. Juli 2013

Patricia Jankowski, Fortunate Sun



Provinz Gia La Kontum, Vietnam, 1967.
Die Vietnamesin Mai Ly und der amerikanische Soldat Jim Hawksley lernen sich während seiner Stationierung bei Ky La kennen.

Zarte Liebesbande entwickeln sich zwischen ihnen, aber es gibt zu vieles, das gegen sie spielt.

Eine lange Geschichte von Liebe, Ehre und Krieg beginnt.







Leseprobe

Auszug aus
1. Kapitel

In den Ohren der jungen Soldaten klangen noch die patriotischen Reden ihrer Anwerber und Ausbilder nach, die von Ruhm und Heldentum gesprochen hatten. Aber nach dem unendlich langen Flug in der lauten, unbequemen Transportmaschine ließ das Hochgefühl bereits nach. Unter ihnen breitete sich schier endlos der grüne, feuchte Dschungel aus, in dem versteckt der Feind lauerte.
Man hatte ihnen weismachen wollen, dass es ein Spaziergang werden würde, harmlos sozusagen. Aber alleine der Blick aus der Luft auf dieses absolut unbekannte, feindliche Gebiet ließ daran starke Zweifel aufkommen. Unter ihnen lag ein todbringendes Niemandsland. Aber Soldaten waren ganze Männer, sie zeigten keine Angst. Dennoch wurde es merklich stiller in der Maschine und eine beinahe greifbare Spannung breitete sich aus.
Sergeant Jim Hawksley lehnte sich in seinem Sitz vor, um einen Blick aus dem Fenster auf die Stadt zu werfen, die gerade unter ihnen auftauchte. Das ‚Paris des Orients’! Saigon schimmerte im Sonnenlicht wie eine aufdringliche Leuchtreklame in Las Vegas und ließ das satte Grün des Dschungels für ihn noch paradiesischer erscheinen. Das war also seine neue Heimat. Viele, viele Meilen von der alten entfernt. Weit genug weg für einen Neuanfang, so hoffte er wenigstens.
Die vietnamesische Metropole pulsierte vor Leben, selbst von hier oben erkennbar. Hawksley grinste leicht, als sich die Maschine in eine sanfte Kurve legte, um auf Tan Son Nhut zu landen, dem großen amerikanischen Luftwaffenstützpunkt. Was hatte er schon alles über Saigon gehört! Es sollte hier Sex, Drogen und Alkohol im Überfluss geben für diejenigen, die aus dem Kampfgebiet kamen. Ein gutes Argument, um viele der Soldaten anzulocken. Aber Hawksley war aus einem anderen Grund hier. Sein Interesse an Frauen und schnellem Sex war vorerst gestillt. Zumindest für seine Dienstzeit in Vietnam.

Die feuchte Hitze des späten Apriltages trieb den Soldaten sofort der Schweiß aus allen Poren, kaum dass sie das Flugzeug verlassen hatten.
„Willkommen in der Hölle“, knurrte der junge Soldat neben Hawksley, aber der zuckte nur desinteressiert die Schultern - was kümmerte ihn schon das Klima?
Nachdem das Frischfleisch registriert und in Gruppen eingeteilt worden war, brachte man sie in einem Konvoi von Transportern in eine Barackensiedlung, die für diese Nacht ihre Unterkunft war. Bereits am nächsten Morgen ging es weiter, raus zu den einzelnen Stützpunkten. Die Delta-Kompanie, der Hawksley seit Beginn seiner Dienstzeit angehörte, lag in Da Nang. Er selbst war dem zweiten Zug bei Kontum zugeteilt und übernahm dort eine eigene Gruppe, um vom Camp aus die umliegende Gegend zu sichern.
Er hatte sich vor eineinhalb Jahren freiwillig zu den Marines gemeldet, nachdem die Sache mit Lizzy so furchtbar in die Hose gegangen war. Die Truppe hatte ihn mit Haut und Haaren vereinnahmt, hatte ihn ausgebildet und nach Vietnam geschickt, wo er jetzt eine zwölfmonatige Dienstzeit absolvierte. Damit hatte er einen großen Vorteil gegenüber den Wehrpflichtigen, die mit einer minimalen Grundausbildung eigentlich nur als Kanonenfutter taugten.
Noch war sich Hawksley dessen nicht bewusst, aber sein Status als Sergeant brachte vor allem eines mit sich: Verantwortung für das Leben seiner Gruppe, seiner Männer. Das hier war kein Spiel mehr, keine Übung, sondern der bittere Ernst des Krieges.
Die Stimmung unter den Soldaten war merkwürdig ruhig, alle Aufregung, die sich unter ihnen kurz vor der Landung breitgemacht hatte, war verschwunden. Aber die Ruhe war trügerisch, das wusste Hawksley. Nur zu genau konnte er seine eigene, tief liegende Unruhe spüren, die er aber geschickt verbarg. Ein Marine zeigte keine Gefühle und sicherlich keine Angst. Der Krieg, Nam, das alles war so surreal gewesen, weit weg, gar nicht wahrhaftig. Aber jetzt, jetzt waren sie hier, hatten die ersten Vietnamesen gesehen. Und er fragte sich zum tausendsten Mal, wie er sie unterscheiden sollte. Wie sollte er sehen, welche dem Vietcong angehörten, und welche nicht?

***

Viele GI hatten in ihren ersten Wochen Glück und erwischten einen ruhigen Abschnitt der nicht vorhandenen Front. Hawksley nicht.
Der Zug von Lieutenant Friggs war direkt an die kambodschanische Grenze geschickt worden, um Aufklärung zu betreiben. Nach Informationen der amerikanischen Abwehr sollten sich dort draußen feindliche Truppen zusammenziehen und Friggs` Zug sollte das bestätigen oder dementieren.
Also stiegen sie in eine Reihe wummernder Hubschrauber, bemalten sich die Gesichter und betäubten die Angst mit lässigen Sprüchen. Dann lag ihr Abschnitt unter ihnen, grün und satt und dicht und durch nichts vom Rest des Dschungels zu unterscheiden.
Friggs ließ seine Männer in einer langen Reihe antreten und sie tauchten in den Wald ein. Dieser schien ihnen denselben Hass entgegenzubringen wie die Vietnamesen.
Lautlos waren sie - beinahe jedenfalls - und bewegten sich wie Gespenster durch die Landschaft, in der kein Weg, kein Pfad, kein Abdruck sichtbar war.
Vor ihnen lag ein Hügel, dessen steile Flanke glitschig vor vermodertem Laub war. Sie kämpften sich nach oben, schweigend, Mann um Mann, apathisch.
Hawksley hörte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen, schmeckte Kupfer auf der Zunge und konnte ein Rasseln spüren, wenn er atmete. Er hatte sich noch nicht akklimatisiert, sein Körper protestierte, diesen Hügel erklimmen zu müssen.
„Hughs, Sie gehen nach rechts, Warren ...“ Die Stimme von Lieutenant Friggs wurde von einer ohrenbetäubenden Explosion übertönt. Der Ersten folgte eine Zweite, eine Dritte, eine Vierte. Hawksley hörte auf zu zählen.
Er wusste, dass er seinen Männern etwas zuschrie, aber er konnte seine eigene Stimme nicht hören, während um ihn herum Dantes Inferno zu toben schien. Teile flogen - Körperteile, Holzteile, Granatsplitter - und Hawksley ließ sich fallen, in Deckung. Es roch penetrant nach Schießpulver, Blut, Exkrementen und verbranntem Fleisch. Hawksley spürte, wie er würgen musste.
Dann war alles vorbei. Einen Moment herrschte eine gespenstische Stille, ehe das Stöhnen, Schreien und Jammern einsetzte.
Hawksleys Hörvermögen kehrte langsam zurück, begleitet von einem ekelhaften Klingeln. Er richtete sich auf. Sein erster Blick galt seinen Männern, die unterhalb seiner eigenen Position auf der Flanke des Hügels lagen - sie schienen unverletzt.
„Bewegt euch nicht vom Fleck“, ordnete er an, aber seine Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Er schob sich vorsichtig die Flanke des Hügels höher, wich Trümmern zersplitterter Bäume aus oder stieg über sie hinweg, bis er das Zentrum des Angriffs erreicht hatte. Hier sah er außer Holztrümmern auch Leichen und Leichenteile und Hawksley würgte erneut trocken, ehe er seinen Magen unter Kontrolle hatte.
„Delta-Kompanie, zweiter Zug.“ Die Stimme des Mannes kam aus einem leblosen, rauchenden Haufen und Hawksley brauchte einen Moment, ehe er einen GI sah, der neben der zerfetzten Leiche des jungen Funkers hockte. „Die Vietcong haben Tellerminen in die Bäume gehängt“, gab er weiter durch. „Schätze, die Hälfte des Zuges hat`s erwischt, inklusive Lieutenant Friggs, Sergeant Hughs und Sergeant Warren.“
Hawksley konnte sich dumpf erinnern, dass der Lieutenant mit den beiden gesprochen hatte, ehe sich die Hölle aufgetan hatte. Der Mann neben dem toten Funker kam ihm vage bekannt vor, ehe sich der Schleier aus Bestürzung und Ekel langsam hob: Es war Sergeant Allen, der vierte Sergeant dieses Zuges.
Aus dem Funkgerät kam eine knackende, rauschende Antwort, die Hawksley nicht verstand, aber Allen schien zufrieden und richtete sich auf.
„Hey, Hawksley, du lebst ja noch!“ Allens Augen blitzten erfreut und er wischte fahrig Blut vom Gesicht, das aus einer Schnittwunde an der Wange lief.
„Was ist hier passiert?“ Hawksley fand endlich seine Stimme wieder und langsam kehrte auch Farbe in sein aschfahles Gesicht zurück. „Der Lieutenant ...“
„... ist über den Draht einer verdammten Mine gestolpert“, gab Allen zurück und Hawksley konnte endlich auch in dessen starrer Miene menschliche Regungen sehen. „Verdammt, die hätte niemand gesehen!“ Er rieb sich durch das schmale Gesicht. „Sammle die Jungs unten am Fuß des Hügels ein“, bat er Hawksley. „Die Hubschrauber sind unterwegs, ebenso die Pioniere, um hier Ordnung zu machen.“
Hawksley nickte und trottete langsam in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Sein Kopf schwirrte ihm, dennoch musste er ruhig und gefasst wirken, als er die Soldaten erreichte. „Sammelt euch am Fuß des Hügels“, wies er sie an und brachte es sogar fertig, kühl zu klingen.
Die erste Schicht des lebensnotwendigen Panzers begann, sich um Hawksleys Seele zu legen.


Auszug aus
2. Kapitel

Ky La lag in einer weiten, sattgrünen Ebene, inmitten von dunklen, graugrünen Bergen, die das Operationsgebiet der Marines waren.
Die ganze Ebene gehörte zu Ky La, aber das eigentliche Dorf bestand lediglich aus einer kleinen Anzahl Hütten aus Holz, Bast und Lehm, die sich an schmale Trampelpfade reihten. Nach letzten Schätzungen lebten etwa einhundertfünfzig Vietnamesen im Dorf, Vietcongaktivität war nicht bekannt.

Die sechzehnjährige Mai Ly arbeitete draußen auf dem Reisfeld ihrer Familie, als die Tiere in ihrer Nähe unruhig wurden. Sie konnte das Blöken des Wasserbüffels hören, der reicheren Nachbarn gehörte, und eine ganze Schar Vögel erhob sich aus den Baumkronen.
Dann konnte sie selbst das Geräusch wahrnehmen, das die Tiere verschreckt hatte: Ein tiefes, gleichmäßiges Wummern kam schnell näher, wurde lauter und bedrohlicher. Einen Moment sah sich Mai Ly suchend um, als bereits ein Sturm über sie hereinbrach. Die Rotorblätter landender Hubschrauber wirbelten das Wasser des Feldes auf, sodass sie die Welt nur noch wie durch einen Schleier sehen konnte.
Voller Angst starrte sie auf die Invasion, die unvermittelt hereinbrach. Amerikanische Soldaten entstiegen den Hubschraubern in ihren dunkelgrünen Kampfanzügen, die Helme auf dem Kopf, Sturmgewehre in der Hand. Sie wirkten so fremdartig und bedrohlich auf Mai Ly.
Sie wagte es nicht, sich zu rühren. Schließlich hatte sie schon von vielen gehört, die einfach erschossen worden waren, als sie versucht hatten, wegzulaufen. Also blieb sie wie angewurzelt im Wasser stehen und starrte die Männer an, die sich zu einer langen Reihe formierten und an ihr vorbeizogen. Keiner sah in ihre Richtung, bis auf einen wahren Riesen. Der blickte sie an, legte kurz den Kopf schief und blinzelte ihr zu, ein freundliches Lächeln lag auf den Lippen. Und trotz der atemberaubenden Körpergröße - bestimmt zwei Meter - sah er auf einmal gar nicht mehr bedrohlich aus, sondern sanft und nett. Trotzdem wagte sie es nicht, sein Lächeln zu erwidern, sondern schlug den Blick nieder.

***

Die Amerikaner hatten ein Camp unweit des Dorfes aufgebaut und unternahmen von dort regelmäßig Erkundungsmissionen in die Umgebung. Bald gehörte ihr Anblick zum Alltagsbild und Mai Ly verlor etwas ihrer Angst.
Immer wieder sah sie den freundlichen Soldaten vom ersten Tag. Mal schlug er - nur mit einer Tarnhose und Kampfstiefeln bekleidet - Pfähle ein, dann ging er auf Patrouille oder spielte mit seinen Kameraden ein ihr fremdes Ballspiel.
Eines Tages saß er am Straßenrand unter einem Baum unweit des Feldes, auf dem Mai Ly arbeiten wollte. Als sie an ihm vorüberging, den runden Strohhut auf dem Kopf, winkte er ihr zu und lächelte. Mai Ly versuchte ein schüchternes Lächeln, blickte dann aber schnell zu Boden, um ihn nicht etwa wütend zu stimmen, sollte sie sich ungebührlich verhalten haben.
Der Soldat schien ihr Lächeln als Einladung aufgefasst zu haben, denn als sie wieder hoch sah, stand er wenige Meter vor ihr, mitten auf der Straße. In der Hand hielt er einen Apfel, den er gerade aß, und Mai Ly konnte im Schatten unter dem Baum noch mehr Obst in seiner Tasche liegen sehen.
Xin châo, tên tôi là Jim“, Hallo, ich heiße Jim, sprach er sie in ruppigem Vietnamesisch an, aber Mai Ly war zu ängstlich, um zu antworten. Stattdessen presste sie ihren Korb fester an sich, in den sie das Unkraut vom Feld sammeln wollte.
Der Soldat lächelte weiter so freundlich, kam aber nicht näher. Stattdessen machte er eine einladende Handbewegung in Richtung des schattigen Baumes.
Con an com chua?“ Hast du schon gegessen, fragte er. Diese Frage war eine alte Begrüßungsfloskel aus der Zeit, da das Essen knapp gewesen war. Deshalb antwortete Mai Ly auch höflich: „Da on an can roi.“ Ich habe schon gegessen, danke.
Zu ihrem Erstaunen schien ihn diese Antwort zu betrüben, sie hatte seine Mahlzeit offenkundig zu hungrig gemustert. „Schade“, murmelte er leise, bemühte sich aber um ein Lächeln und lud sie erneut mit einer Handbewegung ein, sich einen Moment zu ihm zu setzen. Es widersprach allem, wozu man sie erzogen hatte, aber ihre Angst vor der eventuellen Reaktion des GI war größer als ihre Vorstellung von Schicklichkeit - unter Einheimischen hätte so ein Zusammensein schon als Brautwerbung gegolten.
Jetzt verstand auch Mai Ly, dass er offenbar eine wirkliche Frage gestellt hatte und sie nicht etwa nur höflich begrüßen wollte. Aus Angst, er könnte böse werden, sollte sie ablehnen, lächelte sie freundlich und nickte leicht; in Ordnung, sie würde sich zu ihm setzen.
Diese Antwort schien ihm besser zu gefallen, er strahlte übers ganze Gesicht und nahm Mai Ly damit ein Stück ihrer Angst. Zwar immer noch vorsichtig, aber weit von der ursprünglichen Panik entfernt, folgte sie ihm zum Baum und ließ sich in einem gehörigen Abstand zu ihm auf dem Boden nieder.
Der Soldat bot ihr von seinem verspäteten Frühstück an - frisches, einheimisches Obst - und Mai Ly nahm zaghaft eine Litschi, die sie vorsichtig aus der Schale löste. Er beobachtete sie fasziniert und Mai Ly kam der Gedanke, dass er dieses Obst gar nicht kannte. Übertrieben deutlich führte sie vor, wie die Frucht gegessen wurde.
Der Marine sah ihr genau zu und nahm sich ebenfalls eine Litschi. Nachdem er sie wie ein hart gekochtes Ei aufgeschlagen hatte, zog er die Schale ab, steckte die Frucht in den Mund und spuckte einen sauber abgelutschten Kern wieder aus.
„Gut!“ grinste er breit. „Guut?“ wiederholte Mai Ly verwundert. Zur Erklärung leckte sich der Soldat die Lippen und rieb sich den Bauch.
Tên tôi là Jim“, wiederholte er die Vorstellung von vorhin und legte eine Hand unterstreichend auf die Brust. Jetzt war es Mai Ly beinahe peinlich, vorhin nicht reagiert zu haben.
„Mai Ly“, erwiderte sie die Vorstellung deshalb schnell und verbeugte sich leicht, soweit es ihr mit unterschlagenen Beinen möglich war.
Der Soldat wiederholte leise ihren Namen. „Mai Ly.“ Wie seltsam es aus seinem Mund klang!
Zum ersten Mal, seit sie ihn getroffen hatte, wagte es Mai Ly, ihn genau zu betrachten. Seine Körpergröße wirkte immer noch erstaunlich auf sie, aber mittlerweile hatte sie festgestellt, dass alle Amerikaner wesentlich größer als Vietnamesen waren. Außerdem ließ er in ihrer Nähe die Schultern hängen und stand nie ganz aufrecht, um gedrungener zu wirken.
Seine braunen Augen blitzten sie verschmitzt an und sein gutmütiges Gesicht schien ständig von einem sanften Lächeln beherrscht zu sein. Seine Nase war etwas zu lang, um schön zu wirken (für vietnamesische Begriffe), sein Mund war schmal, sein Kinn kantig. Die dunklen Haare trug er ganz kurz geschnitten, über dem rechten Ohr war eine Kerbe einrasiert, die Mai Ly verwirrte, bis er eine Zigarette hinters Ohr klemmte: Sie lag genau in dieser Kerbe!
Mai Ly lachte vergnügt auf und klatschte in die Hände, während Jim grinsend Tee aus einer Feldflasche in einen metallenen Becher goss. Er bot ihr an, aber Mai Ly wies beinahe entsetzt zurück: Wie konnte sie auf diese Art von einem Mann Tee annehmen! Jim schien das nicht zu verstehen, er sah einen Augenblick lang verletzt aus, lächelte aber schnell wieder. Schließlich verstand er nichts von dieser Kultur, sprach ihre Sprache nicht bis auf ein paar Floskeln ...
Dennoch fühlte sich Mai Ly in seiner Gesellschaft wohl. Sie war einem Amerikaner noch nie so nahe gewesen und musste feststellen, dass eine Menge der Geschichten, die man über diese Männer erzählte, einfach nicht stimmten. Er war nicht mörderisch, brutal, keine Bestie. Ganz im Gegenteil, seine Nähe belästigte sie weit weniger als die von manch vietnamesischem Mann.
Nachdem sie ihr Obst gegessen und nach der dritten Aufforderung auch den Tee getrunken hatte, machte sie Anstalten, sich zu erheben - schließlich musste sie ihre Feldarbeit verrichten. Aber ehe sie umständlich ihre Kleider ordnen konnte, bevor sie aufstand, war Jim bereits aufgesprungen und reichte ihr die Hand. Mai Ly betrachtete sie einen Moment unschlüssig, dann ließ sie sich von ihm aufhelfen und war erstaunt über die Kraft, mit der er sie ohne weiteres emporzog.
Galant bückte er sich noch nach ihrem Korb und verbeugte sich leicht, als er ihn ihr übergab. „Ich danke für die nette Gesellschaft!“
Obwohl Mai Ly die Worte nicht verstand, begriff sie doch den Sinn und erwiderte die Verbeugung, ehe sie ihres Weges ging.
Als sie sich nach ein paar Schritten noch einmal zu ihm umdrehte, stand der amerikanische Soldat an den Baum gelehnt, die Zigarette im Mundwinkel, und sah ihr nach.

Auszug aus
5. Kapitel

Die Schusswunde in Hawksleys Schulter brannte wie Feuer. Sein Mund war ausgetrocknet, und als er versuchte, die Augen aufzuschlagen, ließ sich nur das linke öffnen. Er wollte nach dem rechten greifen, aber seine Hände waren über seinem Kopf gefesselt.
Hawksley stöhnte und versuchte, den Kopf klar zubekommen. Was war hier los, verdammt noch mal? Wo war er? Erst langsam kam die Erinnerung wieder und traf ihn wie ein Schlag.
Sie hatten sich auf einer Aufklärungsmission befunden, irgendwo im bewaldeten Hinterland, wo es außer winzigen Bauerndörfern und Reisfeldern nichts zu geben schien. Aber das war ein Trugschluss gewesen.
Auf dem Weg durch ein solches Reisfeld hatten Geschosse begonnen, um sie herum in den Schlamm einzuschlagen, sie gezielt unter Beschuss zu nehmen. Die ersten Männer, die nicht mehr rechtzeitig in Deckung gekommen waren, waren getroffen worden. Hawksley hatte ihre Gesichter sehen können, hatte sehen können, wie sie starben, in einem gottverdammten Reisfeld starben.
In seiner Schulter hatte eine Kugel gesteckte, das warme Blut war ihm über den Arm gelaufen, aber Hawksley hatte das alles gar nicht zur Kenntnis genommen. In seinem Kopf waren die Gedanken gerast, hatten verzweifelt nach einem Ausweg gesucht. Sie waren in einen verdammten Hinterhalt geraten!
Wie durch Watte hatte er seinen Funker um Unterstützung bitten hören, aber er hatte genau gewusst, dass sie nicht rechtzeitig kommen würden.
Eine Salve nach der anderen war neben ihnen niedergekracht und geprasselt, kam immer näher. Sie hatten nicht mehr viel Zeit! Ein Ausweg, ein verdammter Ausweg ...
Ein plötzlicher, in seiner Schädelbasis explodierender Schmerz hatte die Welt um ihn herum grell erscheinen lassen, ehe es dunkel geworden war.
Nun, er war noch am Leben. Irgendwo in einer roh in den Fels gehauenen Nische, die Hände über ihm angebunden.
Sein Blick klärte sich langsam, und als er vorsichtig den Kopf hob, konnte Hawksley den Haken sehen, an dem seine gefesselten Handgelenke aufgehängt waren. Ein klein bisschen zu hoch für ihn, er wurde ständig gestreckt. Die Muskeln seiner Schultern und Arme schmerzten bereits bei jeder kleinen Bewegung. Hawksley schloss daraus, dass er schon eine ganze Weile hier sein musste.
Das einzige Licht in seinem Gefängnis war eine blakende Fackel, die aber nur einen tanzenden Schatten auf die Wand vor ihm warf. Er konnte rein gar nichts von seiner näheren Umgebung sehen.
Hawksley fror, man hatte ihm sein Hemd und die Stiefel ausgezogen und seine Hose war nach dem Bad im Reisfeld am Körper getrocknet. Aber das alles war gar nicht so schlimm. Je mehr sich seine Sicht und sein Verstand klärten, desto mehr wurde er sich bewusst, dass ihm Unangenehmes bevorstand. Sie hatten ihn mit Sicherheit nicht am Leben gelassen, um mit ihm Tee zu trinken.
Oh Gott, was hatte er schon alles über die Verhörmethoden des Vietcong gehört! Aber er würde sich bemühen, ihnen die Sache möglichst schwierig zu machen. Eine kleine Foltershow? Kein Problem, Sir! U.S. Marines geben niemals auf. Eine schöne Vorstellung, aber Hawksley spürte ein bitteres Lachen im Hals. Er war kein Held, er machte nur seinen Job. Und er hatte wirklich keine Lust auf Schmerzen. Schmerzen der ganz besonderen Art, wie er sie sich wahrscheinlich nicht einmal vorstellen konnte. Aber er war ein Marine, verdammt noch mal!
Er schloss er die Augen und wartete ab.


Rezension hier im SALON


Die Autorin
Ich bin Jahrgang 1973 und lebe mit meinem Mann und meinen beiden Söhnen am Südrand der Lüneburger Heide.
Ich habe den doch recht unkreativen Beruf der Buchhalterin gelernt. Mein Traum wäre Lektorin gewesen, aber die Realität sieht dort ja nicht gerade rosig aus ... Gelesen habe ich immer schon viel, seit ich vier Jahre alt war. Die Bücher wurden dicker und irgendwann war die für mich geeignete Abteilung unserer kleinen Bücherei ausgelesen.
Die erste eigene Geschichte habe ich mit zwölf auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt - heute natürlich mehr von historischem als von schriftstellerischem Wert ;o)
Nach einigen "Ruhejahren" habe ich das Schreiben dann mit etwa zweiundzwanzig wieder ernsthaft aufgenommen, wenn auch nur für mich.
In den letzten zwei, drei Jahren befasse ich mich intensiver damit und mein Mann hat mich im letzten Jahr sehr bestärkt, neben einigen großen Ereignissen im Privatleben auch endlich meine schriftstellerische Karriere voranzutreiben.

Meinen ersten Roman veröffentlichte ich im Februar 2012 beim fwz-Verlag.
Zur Präsentation war ich sogar auf der Leipziger Buchmesse, was ein tolles Erlebnis war!
Leider war die Terminplanung des Verlages nicht mit meiner kompatibel, so daß ich mir andere Wege suchen mußte, um meinen Lesern den Rest meiner Trilogie zugänglich zu machen.
Ich habe mich dann für die Selbstveröffentlichung als ebook und auch als Druckversion entschieden.
Somit geht es weiter und die Trilogie ist mittlerweile beendet.

Ich widme meine Aufmerksamkeit nunmehr anderen Genres, wobei ich mich da nicht festlegen lasse.
Bei mir könnt ihr Romantic History, Fantansy Drama, Romantic Thrill und noch einiges anderes in nächster Zeit entdecken.

Ich wurde bereits gefragt, wie ich in diesem Tempo schreiben und veröffentlichen kann. Das soll kein Geheimnis sein - ich habe in den letzten zwanzig Jahren sehr viele Romane beendet, die nicht nur für die Schublade taugen. Allerdings fehlte mir damals die Motivation, sie auch an die Leserschaft zu bringen.
Nun bin ich also aktuell dabei, die Spreu vom Weizen zu trennen und meine Betaleser mit Geschichten zu füttern, ehe diese dann nach und nach hier landen werden.
Wundert euch also nicht über meinen kreativen Output, jede meiner Geschichten hat einen Reifungsprozeß durchlaufen und wurde sorgfältig mehrfach gegengelesen, ehe sie elektronisch oder gedruckt dem Leser angeboten wird.


Patricia Jankowski, Fortunate Sun