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4. Juli 2013

Benedikt Theis, Krezmers Wirren




Ein Besuch in der Nervenheilanstalt Laurenstein endet für Peter Krezmer in einem Debakel. Seine Aufzeichnungen aus der Anstalt erzählen jedoch nicht nur eine persönliche Tragödie. Sie sind Satire einer streng rationalistischen Gesellschaft, einer Generation, die alles hat und doch immer sucht.
Mit Witz und Ironie erzählt, offen und anklägerisch, geht ein Moralist und Träumer an der Wirklichkeit zugrunde.




Leseprobe:

Peter Krezmers Aufzeichnungen aus der Anstalt
Erster Teil

Ich bin der Einzige hier, der nicht verrückt ist!
Vielleicht sind sie auch gerade deshalb so herzlich zu mir, die Bediensteten, als sie mir beinahe kniefällig Mantel und Gepäck abnehmen und mir einen Tee, einen etwas zu braunen, etwas zu kühlen Tee zwar - nicht, wie ich ihn eigentlich liebe: heiß und klar! - aber immerhin einen trinkbaren Tee servieren, mit der Bitte, noch einen Moment Platz zu nehmen, so als sei ich gerade in ein Hotel gehobener Klasse und nicht in eine Nervenheilanstalt gekommen.
Man merkt, dass sie es hier für gewöhnlich nur mit Verrückten zu tun haben, die reichlich Fürsorge und Bemutterung verlangen, und dass einer wie ich, ein Mensch mit gewöhnlichem Menschenverstand, ohne Psychosen, ohne besondere Ängste und wilde Fantasien und dergleichen, eigentlich nicht hierher gehört!


Die dreistündige Anreise mit der Bahn war eine Tortur. Nicht einmal des Schnees wegen, vielmehr plagte mich die Frage, was mit einem alten Freund zu reden sein wird, der immerzu ein lieber Mann gewesen war, bevor er den Verstand verloren und unseren besten Kumpel Johann mit sieben Schüssen in die Brust getötet hat.
Immer weiter den verschneiten Berg hinauf, ohne die Furcht vor einem Zugunglück, entzückt von dieser Landschaft gar, die so herrlich ist wie die Freude der Angestellten endlich einmal einen gesunden Manne zu sehen! Bloß die Angst Lysander Elsterhazy zu begegnen, seine Meinungen fernab des gesellschaftlich Beliebten, seine hetzerischen Reden zu hören, bloß dieser verrückte alte Freund verdirbt mir den Aufenthalt, der ansonsten wie ein Urlaub, wie eine Kur werden könnte. 

Zwei Wochen bleibe ich.

Dr. Brandtmaier, der Oberarzt der Klinik, ein kräftiges, blasses Männlein, weit unter Durchschnitt üblicher männlicher Körpergrößen, begrüßt mich herzlich, mit Handschlag, Lächeln im dicken Gesicht, und unverzüglich bietet er Rauchwaren an. Man nimmt es nicht sehr genau mit den gesundheitlichen Richtlinien in dieser Klinik. Überhaupt scheint mir, sei man an erster Stelle um das Wohlergehen der Bewohner und Gäste, weniger um Schadstoff- und Ernährungsvorschriften besorgt, sodass ich dankend annehme, eine würzige Las Cabrillas, und mich vom Doktor durch die Umgebungen führen lasse. Dort, wo ich vom Efeu bewucherte, schmiedeeiserne Tore erwarte, empfängt mich eine doppelverglaste Eingangstür, die den Bewohnern täglich einen Gang durch den botanischen Garten, ferner durch den Laurensteiner Wald ermöglicht. Es gibt weder sterile Krankenhausflure noch geheime Versuchsräume. Niemandem hier wird im Angesicht der romantischen Laurensteiner Bergkulisse, zwischen dem barocken Ballsaal und der Jugendstilbibliothek deutscher Klassiker, die Nervenbahn zwischen Thalamus und Frontallappen durchtrennt. Das Laurensteiner Bähnchen fährt alle halbe Stunde ins Tal ohne auch nur einen einzigen unverdrossenen Pfleger zu passieren, der schmieriges Linoleum bohnert und vor lauter seichter Musik, vor lauter apathisch dreinblickenden Patienten schon ganz lebensmüde geworden ist. Keinen Deut davon und kein Indiz für Gefangenschaft. Keine Spur melancholischer Niedergeschlagenheit, denn nichts als Schnee und Unbekümmertheit, als ich durch die bodentiefe Fensterfront hinaus auf die weißen Laurensteiner Hügel blicke und meinen Tee schlürfe.

Vier Jahre sind es nun her, seit ich Lysander zum letzten Mal gesehen habe. Lange schien es ein gewöhnlicher Altstadtabend im Jazzkeller zu sein, doch dann kamen zwei Herren in zivil ins Lokal und baten Lysander mitzukommen, leise, ohne irgendein Spektakel, ohne harsche Drohungen, sondern einzig mit der Bitte in ihren Wagen zu steigen, da man Johann Bodmer nun endlich in Lysanders Wohnung gefunden hatte. Unseren Freund Johann, den ich damals bereits eine Woche lang vermisst hatte und den Lysander trotz seines teilnahmsvollen und Unwissenheit vermittelnden Schulterzuckens, nach sieben Schüssen in die Brust, mit einem japanischen Küchenmesser zerstückelt und behutsam in die geerbte Biedermeiervitrine seiner Urgroßmutter gelegt hatte. Doch von manch deprimiertem Gedanken vereinnahmt und von mancher Schweinerei beeindruckt, redete er, Lysander, anstatt mir die Vitrine zu offenbaren, bloß immerzu von Dingen, die für einen braven Manne wie mich, niemals in Frage gekommen wären. Ich hatte es nicht ernst genommen und hielt es für deprimierte Spinnerei, wenn er wieder einmal den Oberen die Köpfe abschlagen, einen kleinen Bürgerkrieg oder zumindest eine Revolte anzetteln, wenigstens aber ein paar unkorrekte Plakate vor dem Einkaufscenter in die Luft halten mochte. Bevor man sie ernst nehmen konnte, seine Reden, saß man wieder an einem Tischlein im Jazzkeller, trank Bier und vergaß die Schandtaten bis zur nächsten privaten Katastrophe, die einen kurz nachdenken ließ, übers Aufräumen, wie er es immerzu nannte, über etwas Schmutziges, vielleicht einen Amoklauf, einen Mord. Und, wenn man zu anständig war andere Leute umzubringen, dann brachte man sich womöglich selbst um, vielleicht so, wie mein Kindergartenkumpel Bernhardt Höppgen, der uns allen, Johann, Lysander und mir selbst, für lange Zeit noch ein Freund geblieben war, bevor er eines Tages entschied, dem ganzen Elend ein Ende zu setzen und dieses Mal nicht die Wangen, sondern die Handgelenke zu rasieren. Und auch das nahm man nie ernst, Bernhardts Gerede vom Schlussmachen, bis man diesem kleinen, aber ekligen Blutbad begegnete und wusste, dass Bernhardt kein Schwätzer war, kein mutlos enttäuschtes Bürgerlein, das sich jeden Abend an alter Musik berauschte und dabei vom Schlussmachen sprach, wie einer, der übers Wetter redete. Kein Mann feiger Reden, dieser Bernhardt, sondern ein konsequenter, vielleicht noch enttäuschterer Tu-Was als Lysander, ein Kerl, der tatsächlich die Schnauze voll hatte und der es nicht mehr aushielt, ohne andere oder sich selbst zu vergasen. Einer, vor dem man Angst haben musste. Einer, dem man sein Selbstmordgeschwätz leider ebenso wenig geglaubt hatte, wie Lysanders Gerede übers Aufräumen, seine scheußlichen Fantasien jemandem den Hals umzudrehen. Hätte er damals nicht unseren Freund Johann umgebracht, womöglich wäre ich nun tot. Womöglich wäre unser ganzes Rhein-Kaff tot, vielleicht die sämtliche politische Linke Deutschlands. Das mag nach Spinnerei klingen, doch Lysander Elsterhazy ist ein Spinner, ein übler Hasser, ein Vernichter, kein am Zeitgeist verzweifeltes, harmloses Würstchen wie ich, kein Zuseher, kein stiller Wütender, sondern einer, der das gesamte 21. Jahrhundert mitsamt seinen Werten und Normen am liebsten in die Luft jagen würde.
Er ging mit den Beamten ohne eine Beschwerde über seine Verhaftung, ohne irgendeine Wehr.
Er ging ohne sich von mir zu verabschieden.
(...) 

Der Autor
Benedikt Theis
geb. am 11.06.1987 in Zweibrücken, Rheinlandpfalz
ledig
Bürokaufmann
Erste Veröffentlichung im Juni 2013 mit Krezmers Wirren

Benedikt Theis, Krezmers Wirren

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