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Rezensionen

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3. Juli 2013

Jaqueline Flory, Das Tier ohne Rücken

Was ist geschehen?  ist die Frage, die sich jeder hungrige Dreißigjährige stellt, die auch ich mir heute stelle, doch wir finden keine Antwort, weil es die falsche Frage ist. Ich weiß, was geschehen ist in meinem Leben, wir alle wissen, was wir getan und unterlassen, welche Entscheidungen wir getroffen haben. Was wir nicht wissen, ist folgendes: Was bedeutet das, was geschehen ist?

Meine Mutter nahm sich das Leben, als ich sieben Jahre alt war. Sie erschoss sich mit der alten Militärwaffe meines Vaters. Sehr dramatisch, nicht wahr? Doch mir wurde gesagt, das wäre ihr Stil gewesen. Sie tat es in ihrem Badezimmer, dann doch zurückkehrend an ihren Ort, ausatmend, heimkehrend, erleichtert. So stelle ich es mir vor.
Ich habe immer gewusst, dass ich nicht sehr alt werde. Manche Menschen haben einen bestimmten Schwung in ihren Schritten, einen Bogen in ihren Wimpern, eine Klarheit im Blick, von der man weiß, dass sie nicht von Dauer ist, dass ihr zum Altern die Kraft fehlt.  Ich lebe seither mein Leben in Eile. Ich wehre mich beharrlich, vielleicht beharrlicher als andere, Zeit zu vergeuden, und ich bin sehr streng mit mir. Wir enden schneller in unseren ureigenen Badezimmern als wir glauben.


Rezension


Keine Zeit vergeuden 
wird nahezu zur Zwanghaftigkeit von Kate, deren Mutter sich ausgesprochen blutig das Leben nahm, als die Tochter sieben war. Kate fährt mit dem dominanten Vater William durch die Welt, wird vollgestopft mit Wissen. Kate hat das Gefühl, nicht sehr alt zu werden.
50 Jahre umspannt das interessante Familienepos, geschrieben in einer beneidenswert starken und schönen Sprache. Der Roman beginnt in den 70er Jahren, er befasst sich einerseits mit dem Leben Kates und andererseits mit dem der Tochter Lily. Und obwohl sich die beiden im Grunde nicht kennen, gibt es Parallelität ihrer Leben. Man sagt ja, dass viele Töchter unbewusst dem Lebensfaden ihrer Mütter folgen...

Eine Erzählwucht, die hypnotisiert, 
ohne je überladen zu wirken. Aber es ist nicht immer einfach, dem jeweiligen Erzählstrang zu folgen. Man muss sich schon konzentrieren, die Namen kennen und nicht verwechseln. Denn einmal wird ein Kapitel von Kate, dann eines von Lily erzählt. Erst am Ende fügt sich alles, wie, das erzähle ich nicht. 

Bisher war für mich John Irving 
der Autor, der am Leidenschaftlichsten, am Blutvollsten und Eindringlichsten vermochte, dramatische Familiengeschichten und lebendige Figuren zu verworten. Nun begegnet mir Jaqueline Flory mit ihrem Debütroman. Also gibt es eine weitere Autorin, die genau so etwas vermag. Ich sage ihr eine große Zukunft als Schriftstellerin voraus, sie lässt sich durchaus einreihen die die Liste der Großen, wie eben John Irving, Joyce Carol Oates und ähnlichen, die es beherrschen, Familienchroniken zu erfinden.    

Masse ist nicht Klasse, heißt es. 
Florys Roman ist eine Masse an Worten, über tausend Seiten hat das Werk, und dennoch: Nicht eine Zeile ist wegzudenken, nicht eine Szene darf gestrichen werden von dieser Dichte. Ein großes Drama ist der Autorin gelungen, ich bin restlos begeistert. Ich weiß nicht, wann mir zuletzt ein Roman so ins Herz geschrieben wurde wie dieser hier. Da passt wirklich alles, vom Titel übers Cover, dem Inhalt, die technische Ausführung.
Inhaltlich werde ich mich, wie gesagt, nicht weiter äußern, lesen Sie selbst!
Ganz starke Empfehlung!

Elsa Rieger 

  

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Die Autorin


Ich wurde 1976 geboren und bin seit Jahren als Übersetzerin für allgemeinsprachliche, politische und wirtschaftliche Texte tätig. Durch meine Liebe zur Sprache und zum geschriebenen Wort an sich bin ich schon sehr früh auch zum Schreiben gekommen. „Das Tier ohne Rücken“ ist nun mein erster Roman. Ich pendle mit meiner Familie zwischen New York und München und arbeite derzeit an meinem zweiten Roman.


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