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16. Juli 2013

Jenny Brunder, Die Abtrünnigen



Schon immer war Sharai regelrecht besessen, alles über die Valdrac zu erfahren. Diese dämonische Rasse, von den meisten Menschen gefürchtet, übt eine unbeschreibliche Faszination auf das junge Mädchen aus. Nichts wünscht sie sich mehr, als dem langweiligen Dorfleben zu entkommen und die Wunder der Welt zu erforschen. Als sie dem gutaussehenden Tyrok begegnet, der sie in eine Valdrac verwandelt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Von ihrer Familie verstoßen und von den Dorfbewohnern gejagt, muss Sharai fliehen um zu überleben. Doch Tyrok, wartet schon darauf, sie in sein Land mitzunehmen und in die bedrohliche Welt der Valdrac einzuführen. In dieser warten Gefahren auf sie, die sie sich nicht einmal in den wildesten Träumen vorstellen konnte. Schnell muss Sharai erkennen, wie naiv ihre romantischen Vorstellungen gewesen waren, Verrat und Tod lauern an jeder Ecke. Auch Tyroks Unbarmherzigkeit erschreckt sie. Muss sie sich anpassen, um zu überleben, oder wird es ihr gelingen ihr wahres Ich zu bewahren?

Leseprobe:
Ein lauter Donnerknall war zu hören, dicht gefolgt von einem Blitz, der den Nachthimmel erhellte. Das einzige Licht auf meinem Weg durch den Wald. Doch ich brauchte kein Licht, denn meine Augen konnten in der Dunkelheit genauso viel sehen wie bei Tageslicht.

Hinter mir hörte ich Hufgetrampel, welches sich schnell näherte. Ich wurde verfolgt. Die Menschen machten Jagd auf mich, weil ich anders war als sie. Es machte ihnen Angst und alles, was ihnen Angst machte, musste vernichtet werden. Sie nannten sich Dämonenjäger und ihr Ziel war es, alle meiner Art zu töten.

Sie hatten mich aus der Stadt gejagt und verfolgten mich nun durch den Wald. Obwohl sie zu Pferd waren und ich nur zu Fuß, war es mir bis jetzt gelungen sie auf Abstand zu halten, da ich den Wald weitaus besser kannte als sie. Doch ich wusste nicht, wie lange ich diese Flucht noch durchhalten konnte.
Wäre ich körperlich unversehrt gewesen, hätte ich mir diese Sorgen überhaupt nicht zu machen brauchen, doch sie hatten mir eine schwere Wunde zugefügt, und solange ich meine ganze Kraft für meine Flucht aufbringen musste, konnte diese nicht heilen.
Also musste ich mir etwas einfallen lassen.
Wieder hallte Donner durch die Nacht. Doch darauf folgte nicht nur ein Blitz, sondern unzählige, die immer heller wurden, bis ich bei einem von ihnen geblendet die Augen schließen musste.
Nachdem ich sie wieder geöffnet hatte, befand ich mich zu meinem Erstaunen nicht länger im Wald, sondern im Gebirge. Rings um mich herum waren nur Felsen, nicht ein Baum war mehr zu sehen. Verwirrt blickte ich mich um. Wo war ich hier und vor allem, wie war ich hierher gelangt? Ich wusste es nicht.
Meine Verfolger jedenfalls war ich losgeworden.
Tief durchatmend betastete ich meine Wunde, die mir ein Breitschwert in der Leistengegend zugefügt hatte. Sie war tief und blutete noch immer stark. Doch sie würde rasch heilen, so wie das mit allen meinen Wunden geschah.
Um mir einen Überblick zu verschaffen und in der Hoffnung herauszufinden, wo ich eigentlich war, kletterte ich den direkt vor mir liegenden Berg hinauf.
Er war recht hoch, durch meine Wunde kam ich nicht sehr schnell voran. So begann die Sonne bereits aufzugehen, als ich den Gipfel erreicht hatte. 
Dort stand ich plötzlich einem großen, schwarzen Wolf gegenüber, der mich auf merkwürdige Weise ansah. Es war nicht die Art von Blick, die man von einem normalen Tier gewöhnt war, es schien ungewöhnlich intelligent.
Langsamen Schrittes kam er auf mich zu. Da ich keine Angst vor ihm haben musste, blieb ich, wo ich war, abwartend was geschehen würde.
Er war nur noch wenige Schritte von mir entfernt, da entfuhr ihm ein lautes Heulen, er erhob sich und einen Augenblick später stand ein Mann vor mir. Statt des schwarzen Fells hatte er schwarze lange Haare und einen Vollbart.
Ein wenig verdutzt rieb ich mir die Augen. Hatte ich das eben wirklich gesehen?
„Wer bist du?“, wollte ich von ihm wissen. „Wo bin ich hier? Wie bin ich hergekommen und was willst du von mir?“ Er lachte, offensichtlich amüsiert über die Vielzahl meiner Fragen.
 „Die Zeit ist gekommen“, sagte er mit tiefer und ruhiger Stimme.
„Was?“, fragte ich. „Die Zeit ist gekommen. Dein Schicksal wird heute Nacht seinen Lauf nehmen.“
Ich verstand überhaupt nicht, was er meinte. Diese ganze Sache wurde immer seltsamer.
„Es beginnt heute Nacht. Du kannst es nicht mehr ändern. Die Zeit ist reif. Du wirst zu dem werden, wozu du geboren wurdest, Sharai!“ Erneut grollte Donner durch die Nacht und helle Blitze blendeten mich.
„Sharai! Sharai? Schläfst du? Wach auf“, rief eine mir unbekannte Stimme und ich öffnete die Augen wieder…



Und fand mich in meinem Bett liegend vor. Es war meine Mutter gewesen, die mich geweckt hatte. „Ich bin wach Mutter“, rief ich zurück. Sie hatte mich also aus diesem sehr seltsamen Traum geweckt.
„Du musst noch Milch holen“, hörte ich die Stimme meiner Mutter erneut. Ich blickte an mir herunter, auf meinem Bett verstreut lag noch immer die Zeitung, die ich aufgeschlagen hatte. Gerade hatte ich etwas über einen Angriff gelesen, für den angeblich die Valdrac verantwortlich waren.
Ein kleines Dorf, gar nicht mal weit weg von hier, war in der Nacht überfallen worden, dabei waren einige Anwohner getötet worden. Warum man nun annahm, dass die Valdrac damit irgendetwas zu tun hatten, war mir schleierhaft. Die Menschen dort waren abgeschlachtet worden, leider gab es keine Spur von Bisswunden, sodass wirklich alles und jeder für den Angriff in Frage kam.
Scheinbar waren die Opfer brutal hingerichtet worden, ihre Köpfe abgetrennt und ihre Herzen fehlten. Was natürlich die Gerüchteküche um die Valdrac umso mehr anheizte, denn jedes Kleinkind wusste, dass Valdrac nicht nur das Blut von Menschen tranken, sondern auch ihre Herzen aßen. Das war es zumindest, was die Eltern ihren Kindern gerne erzählten.
Natürlich hatte auch meine Mutter mir diese Geschichten aufgetischt, allerdings hatte ich gute Gründe ihr nicht zu glauben. Die Erzählungen meiner Großmutter und ihre Tagebücher, die sie vor fast fünfundvierzig Sommern geschrieben hatte.
In diesen Tagebüchern schrieb sie über andere Rassen, jedoch hauptsächlich über die Valdrac. Sie behauptete, von einem von ihnen besucht worden zu sein, der ihr dann alles erklärt hatte. Außerdem habe es auch Besuche eines Fremden gegeben, der einer anderen Rasse angehörte, die sie jedoch nicht nannte.
Genauso wenig nannte sie den Namen des Valdrac, der sie besucht hatte. Sie hatte mich glauben machen wollen, dass sie den Namen schlichtweg vergessen hatte, aber ich kaufte ihr das nicht so ganz ab. Sie hätte den Namen ja in eines ihrer Tagebücher schreiben können, in die sie auch alle anderen Details notiert hatte.
Danach hatte ich sie auch gefragt, aber sie hatte nur mit den Schultern gezuckt und angefangen über etwas anderes zu reden, sodass ich am Ende einfach aufgegeben hatte, immerhin wollte ich ja alles wissen, was sie mir sonst noch so zu erzählen hatte.
So erklärte sie mir, dass Valdrac nur am Blut der Menschen interessiert waren, da es sie am Leben hielt, sie jedoch keinerlei Interesse hatten Herzen oder andere Körperteile zu verzehren. Dieser Gedanke war für sie genauso ekelerregend wie uns.
Warum genau sie Blut brauchten, um zu überleben, wusste Großmutter nicht, sie erwähnte einen Fluch, war sich da aber nicht so sicher.
Menschen nannten Valdrac oft Monster oder Dämonen, der Grund dafür war nicht nur, die Annahme Valdrac aßen die Herzen ihrer Opfer, sondern auch etwas, das meine Großmutter die wahre Gestalt nannte. Wenn ein Valdrac diese annahm, dann verwandelte sich seine Haut in schwarze Schuppen und seine Augen nahmen eine blutrote Farbe an.
Was genau das bedeutete, wusste meine Grußmutter nicht zu sagen, da der Valdrac der ihr davon berichtet hatte, nicht sehr ausführlich darauf eingehen wollte. Er hatte ihr mitgeteilt, dies sei eines der bestgehüteten Geheimnisse der Rasse und die Menschen bräuchten so etwas nicht zu wissen.
Es würde wohl jedem Angst einjagen, einem Valdrac in seiner wahren Gestalt zu begegnen, wenn man dann noch die Fangzähne und das Bluttrinken hinzufügte, war es wirklich kein Wunder, dass man sie Dämonen oder Monster nannte.
Ich war sehr an allen Rassen unserer Welt interessiert, die Valdrac jedoch hatten eine ganz besondere Anziehungskraft auf mich, was meiner Mutter überhaupt nicht gefiel.
Sie hatte versucht mir zur erklären, dass ihre Mutter alt sei und sich diese Dinge nur einbildete, dass die Dinge, die sie in ihre Tagebücher geschrieben hatte, frei erfunden waren. Sie habe nur vergessen, dass sie nicht der Wahrheit entsprachen, weshalb es besser sei, ihr in dieser Beziehung überhaupt nichts zu glauben.
Meine Großmutter war für ihr Alter jedoch sehr fit und so weit ich das sagen konnte, funktionierte ihr Gehirn noch so gut wie immer, sodass ich keinen Grund sah, meiner Mutter zu glauben.
Grußmutter war für mich die einzig echte Informationsquelle. Die Lokalzeitung wusste oft nichts Interessantes zu berichten, außer es passierte in unserer unmittelbaren Umgebung. Selbst dann waren die Berichte von kleingeistigen Menschen wie meiner Mutter verfasst.
Wir hatten noch nicht mal eine Bücherei, die nächstgelegene war zwei Tagesritte entfernt in Remas.
Einmal hatte mich Großmutter dorthin mitgenommen. Damals war ich noch recht klein gewesen, doch seit diesem Tag hatte ich dorthin zurückkehren wollen, um mehr zu lernen.
Doch selbst in der Bücherei waren die meisten Bücher über die menschliche Geschichte, ein paar wenige über die Dwakan und die Bücher über die Valdrac waren schlichtweg Mist.
Sie enthielten nicht einmal richtige Informationen, stattdessen sprachen sie nur über die menschlichen Siege über die Valdrac und davon, wie man einen von ihnen am besten töten konnte.
Ihr Herz rausschneiden, die Köpfe abtrennen, sie verbrennen oder am interessantesten von allem: eine Waffe aus purem Gold, mit einem Valdrac Vernichtungszauber.
Die meisten Bücher behaupteten, sie hätten die einzig wahre Lösung, die anderen würden nicht funktionieren. Als ich meiner Großmutter von dem Vernichtungszauber erzählte, wurde sie von einem Lachkrampf durchgerüttelt, der einige Minuten lang anhielt, bevor sie mir erklärte, dies sei totaler Unsinn.
Ich hatte mich schon immer gewundert, warum sie auserwählt worden war, um einen Valdrac zu treffen und all diese Informationen zu bekommen, die scheinbar so schwer zu erhalten waren.
Sie hatte mir erzählt, die Valdrac Rasse war nicht wirklich daran interessiert, diese falschen Informationen und Gerüchte aus der Welt zu schaffen. Ich konnte einfach nicht anders, ich war neidisch auf sie.
Scheinbar war ich während des Lesens eingeschlafen und hatte mir wieder einmal vorgestellt, wie es wäre, über all diese Kräfte zu verfügen und ein sehr viel interessanteres Leben zu führen anstatt mein derzeitiges. Ich hatte diese Träume häufig, in letzter Zeit jedoch waren sie lebhafter geworden.
 „Ich komme, Mutter“, rief ich und stand auf, bemerkte jetzt erst, wie spät es schon wieder war. Die Sonne war schon fast am Untergehen und ich hatte versprochen, vorher noch Milch vom Bauern Briemer zwei Straßen weiter zu holen.
Kurz noch dachte ich an diesen seltsamen Traum und wie aus weiter Ferne schien ich immer noch die Stimme des Mannes zu hören. „Die Zeit ist gekommen. Es beginnt heute Nacht!“ Was er wohl damit gemeint hatte?
Mit einem Kopfschütteln verscheuchte ich den letzten Rest Müdigkeit aus meinem Körper. Es war nur ein sehr seltsamer Traum gewesen, wie ich sie häufiger hatte, nichts weiter. Kein Grund sich noch weiter darüber Gedanken zu machen.
„Warst du wieder in dieses Valdraczeugs vertieft?“, wollte meine Mutter wissen, als ich in die Küche kam. Ich lächelte nur, denn sie kannte die Antwort schon. Sie blickte mich missmutig an, verschonte mich aber heute mit einer Predigt, wusste sie wohl, wie wenig Sinn es haben würde.
Sie hatte schon öfter mit mir geschimpft und wollte mir erklären, dass ich solche Geschichten von Großmutter nicht ernst nehmen sollte, hatte aber schon bald eingesehen, wie zwecklos diese Versuche waren.
Mit zwanzig Sommern war ich alt genug selbst zu entscheiden, was ich glauben wollte, oder nicht. Doch ihr wäre es lieber gewesen, ich hätte mich mehr mit Männern beschäftigt, damit sie mich endlich mit einem verheiraten konnte. Ich konnte es ihr auch nicht verübeln. Allerdings war mein Interesse daran nicht besonders groß. Vor allem wollte ich nicht einfach mit irgendwem verheiratet werden, so wie das in den meisten Familien im Dorf üblich war. Erstaunlicherweise akzeptierten meine Eltern dies, wohl, weil sie sich selbst auch alleine gefunden hatten und sich seither über alles liebten.
Ich nahm eine der blechernen Milchkannen und machte mich auf den Weg zum Bauern. Nachdem ich das Haus verlassen hatte, war mein seltsamer Traum schon vergessen.
Ich bog um die nächste Straßenecke, plötzlich stand ein groß gewachsener, blonder Mann vor mir. Er war praktisch aus dem Nichts aufgetaucht. Fast wäre ich mit ihm zusammengestoßen. Ich erschrak und trat einen Schritt zurück. Er lächelte.
„Entschuldigung kannst du mir bitte verraten, wie ich zum Rathaus komme?“, fragte er mich mit einer sanft klingenden Stimme, während er mich mit seinen blauen Augen neugierig anblickte.
Ich nickte. „Ja sicher, du musst einfach nur der Hauptstraße folgen, dann stößt du nach einigen hundert Metern automatisch darauf. Du kannst es gar nicht verfehlen“, antwortete ich ihm.
„Danke, sehr freundlich“, sagte er lächelnd und machte sich auf den Weg. Ich blickte ihm noch einige Momente lang hinterher, bevor ich meinen Weg fortsetzte, dachte dennoch die ganze Zeit über diesen Fremden nach.
Ich hatte ihn noch nie im Dorf gesehen und er schien kaum älter als ich zu sein. Er war sehr gutaussehend mit einem knackigen Hintern. Was er wohl im Rathaus wollte? Natürlich ging mich das nicht wirklich etwas an. Da jedoch nie etwas wirklich Interessantes in unserem Dorf passierte, war ein junger gutaussehender Mann das Beste, was man erwarten konnte.
Es war schade, dass ich keine Gelegenheit gehabt hatte, mich mit ihm zu unterhalten. Vielleicht sollte ich mich später, wenn es dunkel war, aus dem Haus und zur Kneipe schleichen, eventuell könnte ich ihn dann dort treffen.
Kurz darauf hatte ich den Bauern erreicht, er wartete bereits auf mich.
„Na Sharai, wieder einmal ein wenig zu spät?“, erkundigte er sich lächelnd und füllte mir die Milch ab. Er war schon daran gewöhnt, dass ich meist kurz vor Sonnenuntergang auftauchte. Bauer Briemer war schon recht alt, doch immer noch der beste Milchbauer im ganzen Dorf. Er hatte keine Kinder, da seine Frau schon früh gestorben war, er hatte also keine Nachkommen, die seinen Betrieb übernehmen konnten.
Um den Tod seiner Frau gab es zahlreiche Gerüchte. Viele behaupteten, sie wäre von einem Valdrac getötet worden, doch was tatsächlich geschehen war, wusste wohl keiner so genau. Es hatte natürlich eine Untersuchung gegeben, wie es bei gewaltsamen Toden immer üblich war, allerdings hatte diese nicht wirklich etwas ergeben, sodass man am Ende aufgegeben hatte. 
Ich bezahlte ihm die übliche Summe, bevor ich mich von ihm verabschiedete. Er sagte mir, ich solle mich jetzt sputen und in Zukunft versuchen, früher hier zu sein.
Inzwischen war es schon fast dunkel und ich musste mich beeilen, wollte ich zuhause sein, bevor es vollständig dunkel war. Denn ich hatte wie immer keine Lampe dabei, würde also in der Dunkelheit nur sehr schlecht sehen können.
Großmutter hatte mir erzählt, dass dies in größeren Dörfern oder Städten ganz anders war. Dort gab es in der Nacht Wachmänner, welche die Straßen patrouillierten und die trugen Lampen mit sich, sodass es dort niemals ganz dunkel war. Dies diente jedoch hauptsächlich dem Zweck Diebe, oder andere Kriminelle zu bekämpfen. Da in unserem kleinen Dorf so etwas nie passierte, schien dies reine Verschwendung zu sein.
Die Straße war schon verlassen, denn meistens zogen sich die Dorfbewohner entweder in ihre Häuser oder in die Kneipen zurück, wenn es dunkel war.
Ich hörte Schritte hinter mir. Neugierig warf ich einen Blick über die Schulter. Offenbar war ich nicht die Einzige, die noch unterwegs war, vielleicht jemand auf dem Weg zur Kneipe. Doch ich konnte hinter mir niemanden erkennen.
Seltsam, dachte ich, denn ich hatte doch ein recht gutes Gehör. Leicht verwirrt setzte ich meinen Weg fort. Die Schritte hinter mir nun wieder zu hören waren. Erneut blieb ich stehen, um mich umzublicken, konnte jedoch weiterhin nichts erkennen. Trieb jemand Späße mit mir? Doch es war auch egal, gleich war ich zu Hause.
Die Schritte hinter mir jedoch wurden immer schneller. Langsam wurde mir unheimlich, so beschleunigte ich meinen Gang ebenfalls. Ich wollte in meine Straße einbiegen, stand er plötzlich vor mir. Der Fremde, der schon vor einigen Minuten nach dem Weg gefragt hatte. Fast wäre ich gegen ihn gelaufen. Er hielt mich jedoch fest.
„Entschuldigung, ich habe dich gar nicht gesehen. Es ist wohl schon zu dunkel“, murmelte ich vor mich hin. Die Schritte hinter mir waren nun auch verstummt. Womöglich hatte, wer immer es auch gewesen war, sich verzogen, als er den Fremden sah, oder aber er hatte schlicht und einfach sein Ziel erreicht und ich war nur paranoid.
„Du hättest mich auch so nicht gesehen“, gab er zurück. Ich wollte ihn gerade fragen, was er damit meinte, da zog er mich in eine der dunklen Hausecken. Vor Schreck ließ ich die Milchkanne fallen, das Scheppern erschien mir unnatürlich laut.
„Was soll denn das?“, wollte ich wissen und versuchte mich aus seiner Umklammerung zu befreien, was mir jedoch nicht gelang. Seine Arme hielten die meinen mit einem eisernen Griff fest, der langsam zu schmerzen begann.
„Es ist gleich vorbei“, sagte er nur. Im Mondschein blitzten seine Eckzähne, er war ein Valdrac!
Mein Schrei blieb mir im Halse stecken, als sich seine Zähne in ihn bohrten. Ich spürte, wie er das Blut, somit auch das Leben, aus meinem Körper sog.
Es war ein eigenartiges Gefühl, denn es schmerzte nicht, es fühlte sich auf eine merkwürdige Art und Weise sogar gut an. Ich hatte aufgehört mich zu wehren, teils, weil ich zu schwach war, teils, weil es ohnehin keinen Sinn machte.
Langsam spürte ich, wie meine Beine unter meinem Gewicht nachgaben, doch der Valdrac hielt mich fest und saugte weiterhin an meinem Hals. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis er mein ganzes Blut getrunken hatte.
Mir wurde schwarz vor Augen und ich driftete in die Bewusstlosigkeit ab.
Das Nächste, was ich wahrnahm, war seine Stimme. Zuerst nur undeutlich, dann konnte ich verstehen, was er sagte.
„Du wirst gleich sterben, Sharai“, sprach er sanft. Ich spürte, wie seine Hand über mein Gesicht streichelte. Kurz fragte ich mich, woher er meinen Namen kannte. Doch mich beschäftigte viel mehr, dass er Recht hatte, denn ich spürte, dass es mit mir zu Ende ging. Meine Kraft war mit dem Blut aus meinem Körper geflohen.
Tränen liefen über mein Gesicht. Ich wollte nicht sterben, noch nicht, ich war doch viel zu jung, es gab noch so viel, das ich tun und erleben wollte.
Meine Mutter hatte am Ende doch richtig gelegen mit ihrer Befürchtung, dass ich eines Tages einem Valdrac begegnen würde und ich war dumm genug gewesen, darauf zu hoffen. Nun war ich einem Valdrac begegnet und ich war dabei zu sterben.
„Willst du sterben, Sharai?“, wollte der Valdrac von mir wissen. Ich brachte nur ein leises „Nein“ zustande, konnte aber nicht mal mit Sicherheit sagen, ob ich es tatsächlich ausgesprochen oder nur gedacht hatte. Jedoch spielte es wohl auch nicht wirklich eine Rolle.
Dann spürte ich, wie mein Kopf angehoben wurde, jedoch hatte ich nicht genug Kraft die Augen zu öffnen. Ich spürte etwas Kaltes an meinem Mund und erkannte, dass es ein Kelch oder Glas sein musste.
„Trink“, hörte ich die Stimme des Fremden erneut, ich öffnete bereitwillig meinen Mund. Wenn, was immer er plante mir zu geben, mich davor bewahrte zu sterben, dann war ich nur allzu bereit es zu schlucken, ganz egal was es war. Es war ja nicht so, dass es meine Lage verschlimmern konnte.
Er hob den Kelch an, eine bittere Flüssigkeit drang in meinen Mund. Erst hustend dann immer schneller schluckte ich hinunter, was er mir in den Mund schüttete.
Was es war konnte ich nicht sagen, nur, dass es einen Geschmack hatte, den ich nicht kannte. Vielleicht war es ein Heiltrank? Als der Kelch leer war, löste er sich von meinen Lippen. Der Fremde hielt immer noch meinen Kopf ein paar Zentimeter über dem Boden.
Kurz darauf durchzuckte unglaublicher Schmerz, wie ich ihn bis dahin nicht gekannt hatte, durch meinen Körper. Ich wurde von Krämpfen geschüttelt und spürte nur, wie mich eine starke Hand festhielt. Der Schmerz schien überall zu sein, von Kopf bis zu den Füßen, es war unmöglich zu sagen, wo sein Ursprung lag.
Dann mit einem Male war es so schnell vorbei, wie es gekommen war und nun fiel ich endgültig der Bewusstlosigkeit zum Opfer, nicht wissend, ob ich jetzt sterben würde oder nicht….
 

Die Autorin

Jenny Brunder, geboren am 10.11.1983 in Landau in der Pfalz, wo sie aufwuchs und zur Schule ging. Schon als Kleinking war sie fasziniert von Geschichten, so war es nur natürlich im Alter von 13 ihren ersten kleinen Roman zu schreiben, damals noch mit dem Zwei-Finger-Suchsystem auf der neuen Schreibmaschine.  In den folgenden Jahren schrieb sie immer wieder Kurzgeschichten, besuchte in ihrer Freizeit Schreibkurse, um sich fortzubilden. Die Liebe zum Schreiben hatte einen festen Platz in ihrem Leben. „Die Keldoraz Saga - Die Abtrünnigen“ ist ihre erste Veröffentlichung.


Jenny Brunder, Die Abtrünnigen

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