Salon

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Rezensionen

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12. Juli 2013

Juliane Vogler, Acht Sommer und eine Distel



Man sagt, dass von hunderten Jungschildkröten nur eine ihren Weg ins Meer findet. Alle anderen werden von den Schatten der Natur verschlungen.

Ähnlich ist es auch mit der Liebe. Viel zu oft kämpft die Schwärze des Lebens sie nieder; doch eine einzige – die einzig wahre – kann überleben; so man sie lässt.

Layla, matt und übermüdet, hangelt sich zwischen Vorlesungen und Nebenjob durch den Alltag an der Uni. Eines Morgens trifft sie auf einen jungen Mann im Park. Er steht vor ihr, direkt auf dem Weg, nur wenige Meter entfernt. Regentropfen prasseln auf seinen grünen Parka. Layla zögert, doch ihre Schritte tragen sich ihm entgegen. Die Blicke finden sich. – Obwohl sie kein Wort miteinander wechseln, verbindet sie etwas – ein Geheimnis, das beide aus der Vergangenheit teilen …


Leseprobe:

Layla stellte ihr Fahrrad auf den Flur mit den unzähligen Türen. Die schwere Kette vereinte Rahmen und Reifen. Sie steckte den Schlüssel in das Schloss ihrer Apartmenttür, zog die Klinke zu sich und drückte ihre Schulter gegen die hölzerne Verkleidung. – Dann hüpfte sie hinein, voller Glück. Ihre Arme rissen nach oben; sie tappelte mit den Füßen auf den Boden und formte ein Schreien. Ihre Beine tanzten über den Flur, dem eindringenden Mondlicht entgegen. Die Schmetterlinge flatterten auf; enthusiastisch, ruhelos. Layla öffnete die Balkontür; sie mussten hinaus.
Ihr Blick schwang zu den CDs. Staub lagerte sich auf ihnen ab, all die Jahre schon. Die Finger strichen über die glänzenden Hüllen; noch unentschlossen – dann legten sie die silberne Scheibe ein.
Ein kurzer Moment – die Welt stand still –; zaghaft: Es begann …

Love me … I will stay

Die Schmetterlinge schwangen die Flügel, schlossen die Wimpern und drehten sich um die eigene zarte Achse.
Er saß auf dem Boden – der dunkelgrüne Parka an die Wand gelehnt – und sah zu ihr auf.

Near to you
Feeling your heart beating

Die hellen Augen blickten sanft im Mondschein, friedlich. Layla sank auf den Sessel; sie lächelte. Er stand auf und näherte sich; langsam; ruckartig; dicht. Er nickte. Die zerschundenen Finger fassten vor; ihr stechender Geruch umschmeichelte Laylas Haut. Sie sah zu ihm auf. Ihre Wange schmiegte sich an seine Hand. – Layla schloss die Lider und küsste sie: Die schorfigen Risse gruben sich ein – Geborgenheit –; dann lösten sie sich von ihren Lippen. Layla schlug die Augen auf. Er lächelte; sanft, friedlich. Sein grüner Parka wandte sich um. – Ihre Finger tasteten über ihren Mund: Noch immer konnte sie seinen Abdruck spüren. Ihr Blick folgte ihm.
Sein Schatten zeichnete sich vor dem hellen Mond des Nachthimmels ab. – Sie stockte.
Nein.
Einzelne blonde Strähnen wehten im Wind.
Nein.
Layla sprang auf; Tränen füllten ihre Augen: Salzige Rinnsale auf einer Haut, die eben noch seine Hand beherbergt hatte.
Nein.
Die zerschlissenen Schuhe waren auf die Brüstung gestellt.
Nein!
Sie rannte – und fiel. Die Hände stützten sich ab. Da vorn war die gläserne Tür. Sie rannte; der Weg so weit, unendlich weit.
Nein!
Seine Arme breiteten sich zu beiden Seiten.
Nein!!
Sie griff die Klinke und schwang die Tür weiter auf. Ihre Füße stolperten über die Schwelle. Millionen von Tränen.
Nein!!
Sein Gesicht streckte sich den Sternen entgegen.
Ihre Hände fassten vor …
Er stürzte hinab.
Nein!!

Neeeiiin!!

Stille.

Layla hatte getrunken, den ganzen Tag: Das Brennen umnebelte sie; betäubte sie. – Er hatte sie allein gelassen; allein; mit ihrem Geheimnis.
Ihr Blick zog nach, langsam, an Mosby vorbei, nach hinten: Sie hatte eine Buchung.
Die Finger nestelten am Reißverschluss der schweren Tasche herum. Dann stand Layla vor dem Spiegel und zog sich aus.
Schwarzer Satin auf weißer Haut – er würde bleiben. Darüber streifte sie eine schwarze, enge Lederhose und ein weißes, bauchfreies Shirt. Die dunklen Haare umrahmten ihr Gesicht zu gleichen Teilen; schwarz, glatt, morbide. Layla schraubte den Verschluss der Flasche auf und nahm einen weiteren Schluck: Der Whiskey rann ihre Kehle hinab. – Er war nicht mehr da. Ihr helles Make-up verwischte die Spuren der Tränen auf ihren Wangen – auf einer Haut, die gestern noch seine Hand beherbergt hatte.
Sina kam herein; sie lächelte – dann steckte sie den Schlüssel in das Schloss der Tür. Layla hörte es, weit, weit weg. Die Andere ging hinaus und löschte das Licht. Layla blieb zurück, im Dunkeln. – Aber er war nicht mehr da. Ihre Finger tasteten nach der Flasche auf dem Tisch; sie schraubte sie auf und nahm einen weiteren Schluck: Das Brennen wob sie ein – aber er war nicht mehr da.

Sonores Plaudern umwarb sie, empfing sie, durch den Türspalt hindurch. Layla sah ins Halbdunkle hinein: Da hinten, am anderen Ende des Raumes, war Mosby. Er würde auf sie achten. – Plötzlich schrak sie auf: Das durfte nicht sein! Layla kniff die Augen zusammen und fasste die Hand an den Mund. Das konnte doch nicht sein?! – Da stand er und strich über seinen Kopf. Die Konturen verschwammen, denn erster Nebel erfüllte den Raum: Seine rauchigen Auswüchse griffen nach ihr.
Auf dem Podest, gegenüber der Stange, wurde ein Stuhl gestellt. Layla setzte die Flasche an und trank. Dann sah sie erneut in seine Richtung – das durfte nicht sein! Nicht, nach gestern. Er stand da, inmitten der anderen. Als baldiger Bräutigam?

Auf dem Stuhl nahm ein Anderer Platz. Layla war betäubt, benommen. – Und wenn er sie erkannte? Sie setzte an und trank. Alles war weit weg; weit, weit weg. Sein schwarzer Anzug stand links – weit weg – hinter dem Stuhl.
Das Licht flirrte auf; die Musik begann – sie musste hinaus …

… und trat in den Nebel; flackerndes Licht erfüllte den Raum.
Der Bass setzte ein.
Sie fasste die Stange – umschritt sie. Unten am Podest: Menschen, Männer; ein Whiskeyglas – Layla schwenkte vorbei und nahm es aus der Hand. Dunkler, düsterer Gesang drang in ihr Ohr.

Nothing
But dark shadows

Weitere Schritte; das Glas führte zum Mund. Dann warf sie es in eine der hinteren Ecken. Ein Johlen; dunkel, sonor.
Das Wummern umhüllte ihren Körper, ihre Beine – aber er war nicht mehr da. Ihre Hände griffen die Stange oberhalb des Kopfes; der Rücken streckte sich durch. Rauch, Nebel. Die Hüften bewegten sich, folgten – langsam und nicht zu ausladend.
Ihr Rücken glitt hinab; die Hände zogen die Knie auseinander. Er war weit weg.

Yeah, yeah, yeah

Sie fasste die Stange und drehte an ihr herunter, langsam. Die Männer johlten; aber das war jetzt egal.

Nothing
But dark shadows

Layla zog ihr Shirt über den Kopf. Ihre Hände vergruben sich in den Haaren. Dann glitten sie ihren Körper hinab. Ein Ziehen – das Leder fiel. Die Männer johlten; doch das war jetzt egal. Das Brennen wob sie ein.
Sie ging herunter auf den Boden.
Im grellen Schein kroch sie auf allen Vieren über das Podest; langsam; ohne Eile. Die weiße Haut, nur noch geschützt von schwarzem Satin.

Yeah, yeah, yeah

Sie war heran. – Er würde sie nicht anfassen.
Sie stützte sich auf seine Knie und schlang ihren weißen Körper zwischen seinen Beinen empor.

You are mine
You are mine

Ihr Blick ging nach links; klar, kalt. – Dort stand er, bewegungslos; die Hände in den Hosentaschen. Seine Augen auf ihr.
Sie legte den Kopf zurück und streifte mit ihren Händen über die weiße Haut.
Wummern, grelles Licht.
Layla umkreiste den Stuhl, mit der Hand auf dem Anzug des Bräutigams. Langsam; ohne Eile – er sollte Zeit haben, sie zu betrachten.
Sie war herum – die Beine des Bräutigams zwischen den ihren. Mit seinen Augen streichelte er ihren Körper. Er.

I love you
I love you

Ihr Becken bewegte sich nach unten, fast streifte sie den Schoß. Dunkles Johlen. Layla zog seinen Kopf zu sich …

Yeah, yeah, yeah

… seine Lippen waren dicht an ihrem Bauch.

Anyhow

Dann stieß sie ihn von sich und verschwand hinaus. (...)



Die Autorin
Seit ihrem Psychologiestudium arbeitet Juliane Vogler wissenschaftsjournalistisch in Berlin. Mit 34 Jahren entschließt sie sich zu ihrem ersten Roman. 
2013 erscheint ihr Debüt "Adams Wahrheit".






Juliane Vogler, Acht Sommer und eine Distel

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

War es es, den sie da betanzte - der vermeintlich in den Tod gesprungene...ich weiß nicht.
Kann sein, dass ich beim Lesen den Faden verloren habe.
Ich kenne solche Frauen, die sich in ihrer Verzweiflung gehen lassen, trinken und plötzlich fremde Männer betanzen...
Sie machen mir Angst.
Ich war ganz froh, dass die Leseprobe dann zu Ende war.
Will sagen - so gut, war es beschrieben.
Gruß, James

Elsa Rieger hat gesagt…

Ich bin gespannt, muss das Buch erst lesen! LG Elsa