Salon

Salon

Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

23. Juli 2013

Kerstin Michelsen, Hermines Tür



Hermines Leben war qualvoll und geprägt von Verlusten. Nach dem tragischen Unfalltod ihrer kleinen Tochter zerbricht die Familie, ihr Mann Wilhelm verschwindet mit dem Sohn Georg und Hermine bleibt allein zurück.

Jahrzehnte später schöpft sie neue Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Georg, als sie vom Tod Wilhelms erfährt. Auf der Suche nach Spuren aus ihrem früheren Leben, die sie zu ihrem Sohn führen könnten, stößt Hermine im Keller ihres Hauses auf eine geheimnisvolle Tür ...



Rezension:

Naiv, wie viele Frauen in den 50ern noch waren
ist auch Hermine, die sich auf die Ehe mit einem widerlichen Macho einlässt. Sie schweigt und duldet und duldet. Das macht mir die Protagonistin nicht besonders sympathisch, auch wenn ich weiß, dass es solche Verbindungen gibt. Die Geschichte beginnt im Jetzt und geht Kapitelweise in die Vergangenheit zurück, jedoch nicht kontinuierlich. Sie springt mal in die 50er, ins Jetzt, in die 70er usw. Zunächst etwas verwirrend, dann aber bekommt der Leser den Rhythmus raus. Letztlich ist es raffiniert gelöst, das Switchen zwischen den Lebensphasen liefert Erklärungen, warum Menschen sind, wie sie sind: Unveränderbar.  

Die Erzählsprache reißt mit
ich konnte mich der Tragik von Hermines Leben nicht entziehen, obwohl, wie oben gesagt, ich ihr gern den Kopf gewaschen hätte, sich derart ausbeuten zu lassen von einem eitlen, brutalen Mann. Mit ihm habe ich ziemlich Probleme gehabt. Die Figur ist gar sehr negativ gezeichnet, Wilhelm ist recht eindimensional, er hat praktisch keine guten Seiten. Das ist schade, denn so wird es für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, wieso Hermine sich das alles bieten lässt. Da sträubt sich mir alles.

Cover und Formatierung
sind einwandfrei. Das stille Cover in weiß passt ausgezeichnet zum Inhalt. Das Buch hat ein gutes Lektorat durchlaufen, insofern ein Genuss, es zu lesen. Ich werde sicher ein weiteres Buch der Autorin lesen, weil alles so stimmig ist. Dass der Plot mich nicht gänzlich überzeugt, ist reine Geschmackssache.  

Und trotzdem habe ich den Roman
mit großer Spannung gelesen. Kerstin Michelsen hat ein Händchen für die Sprache, sie weiß, wie man Tempo macht, verlangsamt, wie Stimmung erzeugt wird, die Umgebung beschrieben. Große Klasse! Und das fernab des Plots, der meinen Geschmack nicht ganz getroffen hat, aber Lesern und Leserinnen, die über viele Seiten den scheinbar nicht enden wollenden Leidensweg einer geplagten Frau lesen mögen und am Ende eine interessante Wendung schätzen, kann ich diesen Roman ohne Zweifel empfehlen.

Elsa Rieger




Die Autorin
Kerstin Michelsen, Jahrgang 1963, wuchs in Hamburg und in der Lüneburger Heide auf. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem kleinen Dorf südlich von Hamburg.
Bisher veröffentlicht:
einfach so (Roman)
Sushi oder Labskaus (Roman)
Hermines Tür (Roman)
Mia & Serafina (Kinderbuch)
Zur Zeit arbeitet die Autorin an einem neuen Buchprojekt.



Kerstin Michelsen, Hermines Tür

eBook bei Amazon




Keine Kommentare: