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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

6. August 2013

Anna Radovani, Der Walnussbaum Band 2

Es ist Sommer 1992. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien tobt weiter und hat nach Kroatien nun auch Bosnien erreicht. In den Medien mehren sich die Meldungen über Massenvergewaltigungen und menschenunwürdige Vorgänge in den Internierungslagern.

Nella kann nicht aufhören, an ihre große Liebe Nik zu denken. Gleichzeitig gesteht ihr der langjährige Freund Sinisa seine Gefühle. Aber kann auch für sie aus Freundschaft Liebe werden? In dieser Zeit verwirrender Emotionen erfährt Nella etwas, was sie in ein lebensgefährliches Abenteuer treibt.




Rezension



Grausam
ist es, den geliebten Mann im Kriege zu verlieren. Einziger Halt in Nellas Leben ist der gemeinsame Sohn und der gemeinsame Freund, der ihr vom Tod Niks berichtet hat. Die Kriegswirrnisse wollen nicht enden.

Grausamer noch
wird es für Nella, als sie erfährt, dass der Tod ihres Mannes nicht bestätigt ist. Die Vorstellung, ihn in einem der mörderischen Gefangenenlager der serbischen Gegner Qualen ausgesetzt zu sein, macht sie schier rasend. Und mutig. Entgegen dem Rat aller reist sie in die serbischen Hoheitsgebiete.

Am Grausamsten ist
was sie nun erleben muss. Details, und wie die Geschichte ausgeht, lesen Sie bitte selbst. Aber lesen Sie! Anna Radovani erzählt atemberaubend spannend, die Leserin, also ich, war nahezu Vorort und konnte mich dem Leid, der Brutalität, dem Wahnsinn des Krieges einfach nicht entziehen. Die Autorin führt eine leidenschaftliche Sprache, manchmal (für mich) schießt sie diesbezüglich etwas übers Ziel hinaus, aber objektiv gesehen gehört der Inhalt so erzählt. Sie findet die richtigen Worte für jedes der schrecklichen Details ebenso wie jene für die unabdingbare Liebe, die Nella vorantreibt und alles ertragen lässt.

Technisch alles sauber,
es gibt so gut wie keine Fehler im Text, der Ablauf des Plots perfekt gebaut, die einzelnen Charaktere sind glaubwürdig gezeichnet, ebenso das fürchterliche Kriegstreiben, das bestens recherchiert scheint.

Ich kann nur wieder sagen, so wie auch bei Band 1 des Walnussbaumes: Ein schrecklich gutes Buch! Chapeau, Anna Radovani!

Elsa Rieger


Leseprobe

Im Sommer 1992 gab es in Zagreb erdrückend viele Flüchtlinge. Ging man durch die Straßen, gewann man bisweilen den Eindruck, als hätte ganz Kroatien Zuflucht in dieser Stadt gesucht. Und nicht nur Kroatien, sondern auch Bosnien.
Die Regierung war nicht in der Lage, für so viele Menschen geeignete Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. In den Vororten von Zagreb wurden provisorische Baracken errichtet, in denen jene, die alles verloren hatten, dahinvegetierten.
Jeder, der über freien Wohnraum verfügte, wurde aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen. Mein Haus kam mir ohne Nik riesengroß und leer vor. Allein schon die Räume im Erdgeschoß hätten für Sinisa, das Baby und mich gereicht. Und da war ja auch der Wohnraum unter dem Dach mit seinen drei geräumigen Zimmern, einem Bad und einem großen Balkon, der in den terrassenförmig angelegten Garten blickte.
Sinisa hatte mir immer wieder zugeredet, doch wieder unter Menschen zu gehen, mich nicht länger von der Welt abzuschotten. Allmählich sah auch ich ein, dass ich damit weder Nik zurückbekommen konnte noch mir selbst Gutes tat. Daher beschloss ich, etwas Sinnvolles zu machen und in einem der Flüchtlingslager zu arbeiten.
Mit dem Baby im Tragetuch half ich bei der Verteilung der neu ankommenden Flüchtlinge und beim Notieren ihrer Personalien. Ich sprach mit ihnen über ihre Probleme, organisierte Kleidung und Kinderspielzeuge.
Eines Tages stieg aus dem Bus, der eine neue Flüchtlingsgruppe brachte, eine vierköpfige Familie: Vater, Mutter, ein etwa zehnjähriger Junge und ein kleines Mädchen. Sie kamen aus Dalmatien. Und sie waren Serben. Kaum waren sie ausgestiegen, als andere Flüchtlinge anfingen, sie wegzustoßen. Immer von neuem. Die Frau verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte auf den Asphalt. Die anderen Flüchtlinge lachten und riefen: „Haut ab von hier! Wir wollen euch nicht! Sucht euch ’ne andere Zuflucht!“ Die Angriffe auf die Familie hörten erst auf, als ein Vertreter des Roten Kreuzes dazwischenging und die serbische Familie in Schutz nahm.
Zum einen war es wohl Mitleid, das ich empfand, als ich sie eingeschüchtert und isoliert von den anderen stehen sah. Zum anderen war es sicher auch demonstrativer Protest gegen die Verachtung, mit der die kroatischen Flüchtlinge ihnen begegneten, der mich bewog, gerade diese Leute zu uns nach Hause zu nehmen.
Ihre anfängliche Skepsis gegenüber meinem Angebot und ihre Wortkargheit legten sich, als ich sie in die Zimmer führte, die für sie bestimmt waren. Während wir gemeinsam die Betten bezogen, um die Kinder nach der langen Busfahrt so schnell wie möglich schlafen zu legen, begann das Ehepaar zu erzählen. Sie kamen aus einem kleinen Ort in der Nähe der dalmatinischen Küste. Sie hatten sich seit Ausbruch des Krieges von den Aggressionen der anderen Seite distanziert und stets den Standpunkt vertreten: Wir sind Serben, aber wir leben in Kroatien, und wir achten und respektieren diesen Staat. Mit dem Vormarsch der jugoslawischen Volksarmee und der serbischen Freischärler wurden immer mehr kroatische Familien aus dem Dorf vertrieben. Sie ließ man zunächst in Frieden, doch die Verachtung, die ihnen die anderen Serben entgegenbrachten, war unübersehbar. Als der Mann sich nach wiederholten Aufforderungen weigerte, eine Waffe zu nehmen und sich an den Kämpfen in den umliegenden Orten zu beteiligen, steckte man das Haus der Familie in Brand und zwang sie so, ihr Dorf zu verlassen.
„Die Serben handelten nach dem Motto: Bist du nicht für uns, bist du gegen uns. Es gibt für sie nur schwarz und weiß“, sagte der Mann.
„Wir lehnen diesen Krieg ab“, sagte seine Frau mit Tränen in den Augen. „Wir wollen nicht gegen Menschen kämpfen, die jahrelang unsere Nachbarn waren. Aber auch hier in Zagreb will man uns nicht. Doch wir wussten nicht wohin sonst. Wir haben zwar Verwandte in Österreich, aber ...“
„Jetzt sind Sie ja bei mir“, versuchte ich zu trösten. „Die Menschen hier sind verbittert und verängstigt. Über Nacht wurde ihr bisheriges Leben ausgelöscht. Alles, worauf sie gebaut hatten und was sie sich für die Zukunft erträumt hatten, zunichtegemacht. Und zwar von den Serben. Für viele sind alle Serben gleich. Egal was sie sind, was sie taten oder nicht, sind sie Serben, dann werden sie gleichgesetzt mit Mördern, Brandstiftern, Kriegstreibern.“
„Wir danken Ihnen, dass Sie den Mut und die Kraft haben, anders zu denken. Wir werden Ihnen auch nicht lange zur Last fallen. Ein paar Tage nur, dann fahren wir nach Österreich. Bis dahin haben unsere Verwandten für uns eine Bleibe gefunden.“
„Sie können hier bleiben, solange Sie wollen. Sie sehen ja, es ist genug Platz da.“
„Danke, wir werden das nie vergessen.“

„Du hast was getan?“, rief Sinisa mit weit aufgerissenen Augen, als er am späten Abend nach Hause kam und ich ihm von der serbischen Familie erzählte.
„Bist du noch zu retten? Schrei doch nicht so, du weckst ja alle.“
„Du bist nicht mehr zu retten! Wir haben eine halbe Million Flüchtlinge im Land, und du suchst dir gerade Serben aus, denen du dein Haus zur Verfügung stellst. Nella, hast du denn vergessen? Hast du vergessen, warum Nik in Vukovar war? Warum du ihn verloren hast?“ Seine Hände packten mich an den Schultern, und er rief von Neuem: „Wie kannst du solche Leute in dein Haus lassen?“
„Sinisa, ich erkenn dich nicht wieder. Das sind arme Menschen, die selbst von ihren Landsleuten vertrieben wurden. Mein Gott, was ist nur los hier in diesem Land? Sollen wir denn alle zu hasserfüllten Nationalisten werden?“
„Wir sind zum Nationalismus verdammt. Die ganze Welt sieht unserer Tragödie nur zu. Helfen tut sie nicht. Und diese Belgrader Bastarde erobern immer mehr Land und töten und verbrennen und vertreiben. Nella, ich kann den Gedanken nicht ertragen, im selben Haus mit Serben zu wohnen. Ich kann nicht. Verachte mich dafür, aber ich kann nicht anders. Nella, wenn ...“ Mit verzweifeltem Blick schaute er mich an. „Wenn du nur wüsstest, dass, dass er vielleicht ...“ Er brach den Satz ab, fuhr mit der Hand über die Augen und wandte sich von mir ab.
„Wenn ich was wüsste? Warum sagst du denn nicht, was du wolltest?“
„Nichts, es ist nichts. Ich rede dummes Zeug. Vergiss es.“ Er griff nach den Autoschlüsseln auf dem Tisch und ging aus dem Zimmer.
„Geh nicht weg, Sinisa, bitte.“ Ich lief ihm hinterher und hielt ihn am Arm zurück. „Bitte, bleib ... Also gut, ich habe vielleicht einen Fehler gemacht. Ich ahnte nicht, dass dich die Anwesenheit dieser Leute so aufregen würde. Wenn du dagegen bist, finden wir eine andere Lösung. Ich finde es zwar nicht richtig, aber ich suche eine andere Bleibe für sie. Aber heute Nacht müssen sie bleiben. Wir können sie nicht auf die Straße setzen. Einverstanden? Sag doch was! Du weißt, dass du mir der liebste Mensch bist, den ich noch habe. Ich liebe dich und ich brauche dich. Wenn du dagegen bist, dann will ich nicht, dass sie hier bleiben.“
Mit zusammengekniffenen Augen sah er mich an, und sein Gesicht nahm einen verzweifelten Ausdruck an. Ohne etwas zu sagen, nahm er mein Gesicht in seine Hände und drückte mir einen festen Kuss auf die Lippen. Glühend heiß war diese unvermittelte Berührung, der erste Kuss in all den Jahren. Und ich war zu verwirrt, um zu reagieren. Als sich seine Lippen von meinen lösten, blieb sein Gesicht ganz nah an meinem. Beide atmeten wir schneller.
„Sprich nicht mehr so zu mir, als wären wir ein Liebespaar, Nella. Tu mir diesen einen Gefallen. Ich ertrage es nicht.“
„Aber ich dachte ...“
„Du dachtest falsch.“
Lange Zeit standen wir nur dicht nebeneinander und sprachen kein Wort.
Schließlich wagte ich einen Vorstoß: „Ist es nicht okay, wie es bisher zwischen uns war?“
„Nichts ist okay. Bei dir nicht und bei mir nicht. Du sagst so leichtsinnig daher, dass du mich liebst. Doch deine Gefühle haben mit Liebe nichts zu tun. Aber meine schon. Verdammt, Nella, ich ... ich liebe dich. So sehr.“
Und ich hatte nichts gemerkt. In all den zurückliegenden Monaten hatten wir uns immer wieder auf Wange oder Stirn geküsst, umarmt, gestreichelt – und für mich waren das Berührungen wie zwischen Bruder und Schwester. Ich war so sehr in meiner Trauer um Nik gefangen, dass ich nicht mal diese Veränderung meines besten Freundes bemerkt hatte.
„Ich wäre nicht gut für dich, denn ...“
Er legte seine Finger auf meinen Mund. „Ich weiß, wie du für mich wärst. Deswegen sag einfach nichts. Du wirst immer nur an ihn denken. Und ich tue es ja schließlich auch.“
„Wieso du?“
„Ach, lass jetzt.“
Ich war sehr aufgewühlt. Und gleichzeitig verlegen. Nach so vielen Jahren größter Vertrautheit stand mit einem Mal etwas zwischen uns, von dem ich nicht wusste, wie damit umgehen.
„Wirst du uns verlassen?“, fragte ich unsicher.
Er nahm mich in seine Arme und drückte mich fest an sich. „Nein“, flüsterte er, „nein, natürlich nicht. Solange du mich brauchst, bleibe ich bei dir.“
„Ich habe also alles kaputt gemacht? Deine Gefühle mir gegenüber haben sich verändert und ich habe es nicht bemerkt. Ich merke wohl nichts mehr.“
Er löste die Umarmung und meinte: „Wenn einer etwas kaputt gemacht hat, dann ich. Weil ich angefangen habe, dich zu begehren. Aber das Gefühl war einfach stärker als ich. Ich konnte es nicht verhindern.“
„Und was nun?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich liebe dich und du trauerst um Nik.“
„Aber unabhängig von deinen Gefühlen verheimlichst du mir etwas, hab ich recht?“
„Da ist nichts, wirklich.“ Er lächelte, jetzt wieder ganz der alte, um mich besorgte Sinisa. „Geh jetzt schlafen, Nella. Du siehst müde aus.“
„Und du? Du wirst in deinem Zimmer wieder stundenlang wach liegen. Was tust du denn die ganzen Nächte?“
„Nichts. Ich vergesse manchmal das Licht auszuschalten und schlafe ein.“
„Du kannst nicht besonders gut lügen.“
„Quäle dich nicht mit unnötigen Fragen. Es kommt alles irgendwie in Ordnung, Nella.“





Die Autorin

Anna Radovani ist das Pseudonym für eine Kunsthistorikerin, die seit vielen Jahren Zeitschriften und Bücher im Bereich Gesundheit produziert. „Der Walnussbaum“ ist ihr erster Roman, der bereits vor vielen Jahren in einem Kleinverlag veröffentlicht wurde – und dort verstaubte. Ein paar Jahre später bot die Autorin den Roman zusammen mit der Fortsetzung einigen renommierten Verlagen an. Keiner wollte sich an eine damals so aktuelle Geschichte, den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, heranwagen. „Würde der Roman im 19. Jahrhundert spielen, würden wir ihn durchaus veröffentlichen“, schrieb ein Verlag. Nun gibt es die Geschichte von Nella und Nik und dem Walnussbaum als E-Book – Band 1 und Band 2.


Anna Radovani, Der Walnussbaum Band1




Anna Radovani, Der Walnussbaum Teil 2

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