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2. August 2013

Annemarie Nikolaus, Die Enkelin



Ein spritziger Liebesroman aus der Reihe „Quick, quick, slow – Tanzclub Lietzensee“

Madeline Lagrange, die 17jährige Enkelin des Vorsitzenden des „Tanzclubs Lietzensee“, sieht Tanzen lediglich als Kulturtechnik, die sie ohne großen Ehrgeiz lernt. Dann trifft sie auf die Square Dancer des Vereins. Und sie verliert ihr Herz – nicht nur an den Tanz, sondern auch an den Caller der Gruppe, den Amerikaner Chris Rinehart.
Chris ist vom ersten Augenblick an fasziniert von Madeline. Aber er ist der Trainer der Gruppe und sie ist minderjährig. Darum kämpft er gegen seine wachsende Zuneigung für sie und verleugnet ihr gegenüber seine Gefühle.
Während Madeline mit der Kompromisslosigkeit ihrer siebzehn Jahre Chris zu verführen versucht, setzt ihr Großvater alles daran, ihn aus dem Verein zu verbannen, um die beiden auseinander zu bringen.

Leseprobe

Am folgenden Freitag rief sie Ines an und fragte, ob Robert wieder abgesagt und sie Hinnerk als Tänzer hätte. Ines fand es bestimmt komisch; aber das war ihr egal.
„Es tut mir leid; er kommt“, bekam sie zu hören. Ines lachte leise. „Ich sag das ganz im Ernst, weil ich schon begriffen habe, dass du mit Robert nicht klar kommst. – Warum sagst du ihm nicht, dass du nicht mit ihm tanzen willst?“
„Weil er dann keine Partnerin hätte.“
„Und sich in einem anderen Verein umtun würde? Madeline, lass das nicht zu deinem Problem werden.“
Sie seufzte. „Ich möchte gerne selbst mehr lernen. Deshalb will ich ihn nicht ... vor den Kopf stoßen.“
„Du kannst gar nicht anders. Früher oder später. Vielleicht solltest du es hinter dich bringen?“
Das wurde ihr jetzt zu persönlich; sie wechselte schnell das Thema. „Also, Hinnerk ist heute Abend nicht da.“
„Nicht bei uns!“ Ines klang plötzlich ein wenig spitz; schätzte sie Hinnerk denn nicht? Aber vielleicht schätzte sie nur seine Bereitwilligkeit einzuspringen. Erwachsene dachten einfach zu kompliziert.
Madeline stellte sich mit zwei Röcken vor den Spiegel. „Nicht bei uns“, das hieß, Hinnerk würde da sein, wenn der Tanzkreis zu Ende war. Sie entschied sich für den weit schwingenden Seidenrock, der ihr bis übers Knie reichte.
Während sie sich im Bad die Lippen mit einem Konturenstift nachzeichnete, kam Konstanze hoch und blieb mit einem erstaunten Blick im Türrahmen stehen. „Mir scheint, du hast heute vor, in eine Schlacht zu ziehen.“ Sie grinste. „Soll ich dir etwas von meiner Kriegsbemalung leihen? Ich habe einen Eyeliner, der zu dem Rock passt.“
Sie ging an den Spiegelschrank und suchte den Eyeliner, ohne auf Madelines gestotterte Antwort zu achten. Dann setzte sie sich auf den Hocker und zog sie zwischen ihre Beine. „Augen zu!“ Der Pinsel strich ihre Wimpernlinien entlang. „Augen auf!“ Konstanze konturierte den unteren Rand der Augen. Dann nickte sie zufrieden. „So werden sich alle nach dir umdrehen. Du wirst dich vor Tanzpartnern nicht retten können.“
„Aber Maman! Weißt du nicht, dass wir dort unsere festen Partner haben?“
„Doch! Aber ich weiß auch, dass du gerne einen anderen Partner hättest.“ Sie räumte den Eyeliner wieder weg. „Wenn du keinen Spaß hast, dann kannst du es wahrhaftig bleiben lassen. In der Disco hast du genauso viel ‚Sport’.“
„Wenn Großpapa dich jetzt hören würde, ...“
„... dann bekäme er einen Herzanfall. Er hört es ja nicht. Dass dieser Robert dir nicht behagt, ist ein gutes Argument aufzuhören.“
Madeline umarmte sie. „Danke, dass du auf meiner Seite stehst.“
„Dafür sind Mütter da!“ Ein beruhigender Gedanke. Konstanze würde schon was einfallen, wie sie da wieder herauskam, ohne Großpapa allzu sehr zu kränken.

Der Tanzkreis war komplett versammelt; wieder stand Robert mit einem Bier in der Hand am Tresen. Sofort stieg Zorn in Madeline hoch. War er so blöd oder ignorierte er bewusst, dass sie es widerlich fand, mit einer Bierfahne zu tanzen?
Er streckte die freie Hand nach ihr aus. „Du bist heute Abend noch schöner als sonst. Kaum zu glauben.“ Er zog sie näher zu sich, obwohl sie sich unübersehbar versteifte.
Ignorant! „Wieso?“ Sie setzte ein zuckersüßes Lächeln auf und hangelte sich auf einen Barhocker. „Bin ich mir heute so unähnlich? Du hast mich doch erkannt!“
„Dich würde ich überall und in jeder Verkleidung erkennen.“ Er spitzte die Lippen. Wie konnte sich ein erwachsener Mann wie ein Pennäler benehmen! Aber natürlich – Mitte Zwanzig war noch nicht erwachsen, wenn es sich um einen Mann handelte.
Von Hinnerk keine Spur; aber es war noch viel zu früh für die Square Dancer. Und wenn sie heute gar nicht tanzten?
„Marga, warum haben die Square Dancer keinen festen Termin? Das macht es doch schwierig für die Raumplanung.“
„Sie haben zwei feste Termine; nur nehmen sie die nicht jedes Mal als Gruppe wahr. Oft kommen nur einzelne Paare für ein freies Training.“
„Warum das denn?“
„Deswegen!“ Marga deutete zur Tür und Madeline drehte sich um.
Ein Feuerwehrmann betrat den Raum.
„Was ...?“ Chris – der Mann, den Marga als Caller bezeichnet hatte. Nachdem sie bei Wikipedia nachgelesen hatte, wusste sie, dass der eine Art Trainer für die Square Dance-Gruppen war. „Was macht er bei der Feuerwehr?“ Er hatte Rußspuren im Gesicht und sah erschöpft aus.
„Sanitätsdienst. Chris kann seine Schichten nicht immer so legen, dass er die Gruppe trainieren kann. Und zuweilen sagt er von einer Minute zur anderen ab, weil er nicht fortkommt.“
„Weil es irgendwo brennt.“
Chris bemerkte Madelines Blick und erwiderte ihn mit einem amüsierten Lächeln. Worüber amüsierte er sich? In seinen braunen Augen tanzte ein Licht, das ihnen goldene Reflexe verlieh.
Er kam mit abgewinkelten Armen an den Tresen. „Schließt du mir bitte die Dusche auf, Marga? Ich möchte nicht auf allem meine Spuren hinterlassen.“
Marga griff unter dem Tresen nach dem Schlüssel.
„Ich mach das schon.“ Madeline langte danach. „Du hast hier genug zu tun.“
„Du bist neu! Kennst du dich aus?“
Madeline öffnete den Mund für eine schnippische Entgegnung; da grunzte Robert verärgert. Sie nickte, den Blick auf Chris. Bestimmt hatte er es nicht unfreundlich gemeint.
Umständlich hievte sie sich vom Barhocker hinunter. Er konnte ihr natürlich nicht helfen; aber Robert hätte nur eine Hand auszustrecken brauchen. Sonst tatschte er sie doch auch ständig an.
Sie ging neben Chris den Flur entlang. „War es schlimm?“ Robert sollte sich nur ärgern, wenn sie sich mit ihm unterhielt.
„Das Feuer?“ Das Licht verschwand aus seinen Augen. „Ein Kind. Aber es wird am Leben bleiben.“
„Was machst du da? Erste Hilfe?“
„Auch.“ Er deutete auf eine der Türen, „Ich nehme die da.“
Nachdem er in der Dusche verschwunden war, blieb sie noch einen Moment unschlüssig stehen. Sie hätte gerne weitergeredet. Sanitäter bei der Feuerwehr im Brandeinsatz; das war bestimmt spannend. Bisher hatte sie nur an die Ambulanzen und den Notarzt gedacht. Ambulanzdienst machte er bestimmt auch.
Robert hatte ein neues Bier vor sich stehen.
„Willst du das jetzt noch trinken?“ Sie blickte auf die Uhr. „Wir fangen gleich an.“
„Du warst ja nicht da!“, fauchte er.
„Was dachtest du, wie lange es dauert, eine Dusche aufzuschließen?“
Sie ließ ihn stehen und ging in den Tanzsaal. Werner Heinemann, der Kassenwart, war an diesem Abend allein und gerne bereit, mit ihr zu tanzen. Aber als die ersten Takte erklangen, kam Robert angeschossen. Ohne zu fragen, zog er sie weg. Vor Überraschung vergaß auch Werner zu protestieren.
„Robert!“ Ines’ scharfe Stimme übertönte die Musik.
„Ich habe alles im Griff“, rief er ebenso laut zurück. Wohl wahr. Aber dies war der letzte Abend, an dem sie mit ihm tanzte.
Als sie ihm zum zweiten Mal auf den Fuß trat, blieb er stehen. „Wenn du so weitermachst, wirst du nie eine gute Tänzerin!“
Sie ließ ihn los. „Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du mir ständig deinen Bieratem ins Gesicht bläst.“
„Ich jedenfalls will es lernen.” Roberts Stirnader begann zu pulsieren; er packte sie fester. „Komm her!”
„Dann such dir eine Partnerin, die deinen Ansprüchen gewachsen ist.“ Aber sie sollte ihm trotzdem nicht mit Absicht auf den Fuß treten; als unfähig wollte sie nun auch wieder nicht gelten.
Gleich darauf lenkte sie Hinnerks Lachen ab, das bis zu ihnen in den Saal drang, und sie trat ihn doch noch einmal. Das Stimmengewirr an der Bar wurde lauter; dann schloss Ines die Tür. Madeline nahm sich zusammen und überstand den Rest des Tanzkreises ohne weitere Zwischenfälle.
Sie wartete, bis alle den Saal verlassen hatten. „Robert, vielleicht solltest du dir eine neue Partnerin suchen.“
„Aber Madeline! Dein Großvater ....“
„... muss nicht mit dir tanzen. Ich bin es leid, dass du mir hinterhersteigst. Ich. Will. Nicht.“
Robert starrte sie an. In seinem Gesicht wechselte Unglauben mit Enttäuschung, Enttäuschung mit Ärger. „Das hättest du mir auch eher sagen können.“
Was hätte er davon gehabt? Sie fragte ihn lieber nicht; diese Diskussion brauchte sie nicht.
Wieder erklang Hinnerks Lachen, lockte sie. Sie reckte den Hals. Tanja Walters stand neben ihm. Wo kam die denn plötzlich her; jetzt, wo der Tanzkreis zu Ende war?
Robert folgte ihrem Blick, Er musterte das Mädchen ausgiebig. „Ja, dann ... Dann sehen wir uns nächsten Freitag wohl nicht.“
„Es tut mir leid.“ Aber das war nicht wahr; sie hatte es gesagt ohne nachzudenken.
Zu Hinnerk und Tanja hatte sich jetzt eine zweite Frau gesellt; deutlich älter, Ende dreißig vielleicht. Sie diskutierten; den Bewegungen zufolge, über Tanzschritte.
Tanja schüttelte gerade heftig den Kopf, als jemand von hinten auf sie zutrat und sie an den Schultern nahm. Sie wandte sich lachend um und begrüßte ihn mit einem Küsschen. Dann kam sie auf Madeline zu.
.„Wo hast du heute deinen Bruder gelassen?“, fragte Madeline.
Tanja zuckte die Achseln. „Der hat sich eine fette Grippe eingehandelt. Deswegen konnte ich den Tanzkreis heute auslassen. Den mache ich eh nur Axel zuliebe mit.“
„Und warum bist du trotzdem jetzt hier?“
„Deswegen.“ Tanja deutete zum großen Saal hinüber.
Madeline schaute sie perplex an. „Sag bloß, du machst auch Square Dance!“
„Klar. Ist viel lustiger!“
„Das hat Hinnerk auch schon gesagt.“
„Was ist mit mir? Habt ihr etwas an mir auszusetzen?“ Plötzlich stand er hinter ihnen.
Tanja lachte und lehnte sich an seine Schulter. Madeline durchzuckte es wie Neid.
„Tanja ist deine Partnerin?“
„Nein.“ Er feixte. „Sie hat jemand Besseres gefunden.“ Er deutete auf einen gut aussehenden Mann, dessen Haare noch blonder als seine eigenen waren.
„Du wärest genauso gut wie Micky, wenn du regelmäßig tanzen würdest.“ Tanja senkte ihre Stimme. „Und eine begabtere Partnerin hättest.“
Hinnerk zuckte die Achseln. „Es geht nun einmal nicht anders. Und so lange es Bettina mit mir aushält ...“
Chris kam den Flur entlang gestiefelt. Die Uniform hatte er gegen Stiefel im Western-Design, eine eng anliegende schwarze Jeans und ein rotes Hemd eingetauscht. Seine Haare schimmerten feucht von der Dusche und er trug ein fröhliches Lächeln im Gesicht. Was für ein Mann!
Sein Blick kreuzte den von Madeline und sein Lächeln vertiefte sich.
Langsam kam er an die Bar, den Blick auf ihrem Gesicht. „Bist du wegen uns geblieben?“ Wie kam er nur darauf?
Bevor sie es leugnen konnte, antwortete Hinnerk. „Ich habe Madeline vorgeschlagen zuzuschauen“, sagte er. „Weil sie den Gesellschaftstanz eigentlich gar nicht mag.“
„Zuschauen?“ Chris schmunzelte. „Besser, du probierst es gleich aus.“
Tanja krauste die Stirn. „Allerdings ...“ Sie wandte sich um und winkte ihrem Partner. „Micky, darf ich dich verleihen?“
„Auf keinen Fall!“ Er blickte wie suchend umher. „Mit wem soll ich dich betrügen?“
Sie hakte Madeline unter. „Madeline ist neu im Verein und noch nicht festgelegt. Wir könnten sie für unsere Gruppe gewinnen, wenn du einen guten Eindruck machst.“
„Oh je.“ Micky machte ein betretenes Gesicht. „Ausgerechnet mir weist ihr eine solch verantwortungsvolle Aufgabe zu?“
Madeline hörte dem Wortwechsel mit wachsendem Vergnügen zu. Dann schüttelte sie trotzdem den Kopf. „Erst einmal schaue ich zu. Ich habe zwar nachgelesen, aber trotzdem keine rechte Vorstellung.“ Ihr Blick ging zu Chris. „Du arbeitest anders mit der Gruppe als andere Tanz-Trainer?“
„Chris ist kein Trainer; er ist unser Caller.“ Micky boxte ihm in die Rippen. „Unentbehrlich. Verschlagen.“
„Verschlagen?“ Madeline blieb der Mund offen stehen.
„Was er sich manchmal ausdenkt, das geht auf keine Kuhhaut. Können die echten Amerikaner nicht.“
Chris lachte. „Bin ich kein echter Amerikaner?“
„Du musst das nicht selber ausführen, was du von uns verlangst.“
„Lasst uns anfangen, bevor es noch mal brennt.“ Chris wies sie zum Saal. „Ich habe Rufbereitschaft.“
Madeline setzte sich auf einen Barhocker, um zuzusehen.
Die Tänzer stellten sich in zwei Quadraten auf. Chris blickte zu ihr; sein Grinsen wurde herausfordernd, während er ihr winkte. Sie errötete und drehte sich schnell zu Marga um.
„Ich muss morgen nicht pauken. Gib mir bitte einen Prosecco.“
„Was ist mit dir?“
Sie grinste. „Ich feiere jetzt die Befreiung von Robert. Ich hoffe, er findet die nächste Partnerin in einem anderen Verein.“
„Er ist kein übler Kerl, Madeline. Nur ein bisschen einsam.“
„Das wundert mich nicht.“ Als sie Chris’ Stimme hörte, warf sie wieder einen Blick in den Tanzsaal. Er sprach jetzt englisch und hatte einen Tonfall, der scharf und bestimmt klang. „Hört sich an wie Ines hoch Zwei. Muss er ihnen jeden Schritt vorsagen?“
Marga lachte. „Was glaubst du, was das andernfalls für ein Durcheinander gäbe.“ Sie schmunzelte. „Durcheinander ist sowieso.“
Chris kommandierte. Die Tänzer liefen im Kreis, die Frauen mit der Uhr, die Männer gegen den Uhrzeigersinn; im Vorbeigehen gaben sie sich die Hand. Dann wurde es unübersichtlich; sie trafen sich irgendwie in der Mitte der Squares und plötzlich hatte jeder einen anderen Platz.
„Ringelreihen für Erwachsene. Gibt es überhaupt Turniere für die Square Dancer?“
„Das kannst du nicht vergleichen. Es sind wohl mehr ... Familientreffen. Oder so.“
Madeline kicherte. „Typisch amerikanisch also.“ Sie drehte sich ganz zum Saal um. Wieder kreuzte ihr Blick den von Chris und da prostete sie ihm einfach zu. Aber statt dass es ihr half, ihre Verlegenheit zu überwinden, fühlte sie sich von seinem intensiven Blick noch mehr eingeschüchtert. Irgendwie hatte er wenig Ähnlichkeit mit den Amerikanern, die sie als Kind in Zehlendorf gesehen hatte. Kein Igelschnitt, kein Kaugummi im Mund. Aber vielleicht waren die Amerikaner anders geworden, seit sie nicht mehr Besatzer waren, wie Großmama sie immer genannt hatte.
Er ging auf eines der Paare zu und nahm den Platz des Mannes ein. Die Tänzerin lachte, als sie sich in seinen Arm hineindrehte. Selbst auf diese Entfernung war unübersehbar, dass Chris sich versteifte, als ob sie ihm bei der Bewegung zu nahe gekommen wäre. Ob die Frauen aus der Gruppe hinter ihm her waren? Ein Mann, der so aussah, ließ bestimmt nichts anbrennen.
Dann schaltete Chris die Musik ein; sie klang überraschend modern. Die Tänzer bewegten sich im Rhythmus der Musik auf ihren Plätzen; er nahm ein Mikrofon in die Hand. „And bow to the partner .. join and circle to the left, circle to the right and promenade …” Die Calls nahmen mehr und mehr die Melodie auf – und dann sang er sie.
Madeline starrte ihn mit offenem Mund an. Seine Stimme war voll und tief und so sexy, dass es ihr den Atem verschlug.
Als ihr Blick erneut auf den seinen traf, lachte er. Er lachte sie an und lockte sie mit einer Handbewegung, näher zu kommen. Sein Lachen erreichte die Augen und er leckte sich über die Oberlippe; eine träge, sinnliche Bewegung. Was waren das für Gedanken, die sich da in ihr Hirn schlichen? So hatte sie noch keiner angesehen.
Er zog sie an; sie rutschte vom Barhocker und ging zur Saaltür.
Chris sang weiter; die Tänzer kehrten zu ihren ursprünglichen Partnerinnen zurück und drehten sie im Kreis. Er beobachtete das Ganze, bis die Bewegung zu Ende war und alle wieder an ihrem Platz standen.
Dann drehte er die Musik leiser. „Ich habe eine neue Folge ... Eine Partnerin zum Vorführen ...“ Sein Blick ging von einer zur anderen, dann wandte er sich zur Seite. In seinen Augen funkelte es spitzbübisch, als er auf Madeline zukam. „Da dies noch niemand kennt, brauchst du dich nicht zu fürchten.“
Unwillkürlich reckte sie sich. „Warum sollte ich mich fürchten?“ Aber sie wich doch einen halben Schritt zurück, als er die Hand nach ihr ausstreckte. Wollte sie sich nicht lächerlich machen, musste sie wohl mitkommen.
„Ich wollte doch nur zugucken“, flüsterte sie in sein Ohr. Der Duft seines Haarshampoos stieg ihr in die Nase.
Chris streichelte mit dem Daumen ihren Handrücken und ihr Mund wurde trocken. „Es ist nicht schwer“, flüsterte er zurück.
Madeline konzentrierte sich auf ihre Füße, als er die Schrittfolge ansagte und sie dabei in die Bewegung führte. Seine linke Hand lag auf ihrer Hüfte und dirigierte sie mit sanftem Druck. Sie blickte stur nach unten.
Nachdem er die kurze Folge langsam zwei Mal mit ihr zusammen vorgemacht hatte, stellte er die Musik wieder lauter und tanzte die Bewegung mit ihr. Er hatte dabei nicht nur mehr Schwung; in der Drehung zog er sie auch viel dichter an sich heran. Als er sie im Arm hatte, hielt er sie einen Moment fest. Sein Atem streichelte ihr Gesicht und sie spürte jeden Muskel in seinen Oberschenkeln.
Mit Robert hätte sie schon längst angefangen zu rangeln. Noch bevor er ihr so nahe gekommen wäre. Doch dies fühlte sich nicht an, als dränge er sich ihr auf. Sie blickte Chris direkt in die Augen. Die Lachfältchen vertieften sich, als er es bemerkte. Wie alt mochte er sein?
Er beugte sich an ihr Ohr. „Du machst das gut!“
Madeline lachte nervös. „Das wäre ja noch schöner, wenn du mich jetzt blamiert hättest.“
Er nickte. „Dann wäre ich ein schlechter Lehrer.“ Er blieb stehen und ließ sie los, um sich den Squares zuzuwenden. „Okay?“ Er griff zum Mikrophon; dann sah er mit gerunzelter Stirn zu Madeline. „Tanja, überlässt du Madeline für zehn Minuten deinen Partner?“
Tanja lachte. „Das habe ich schon vorausgesehen.“ Sie trat aus ihrem Square und ging auf Madeline zu. „Nicht feige sein.“
Madeline reckte den Kopf. „Ich habe gleich gesagt ...“
Tanja unterbrach sie mit einem Lachen. „Mitgefangen, mitgehangen.“
Chris runzelte misstrauisch die Stirn. „Was heißt das?“
„Ein alter Spruch. Aus der Steinzeit oder so.“ Madeline reckte ihr Kinn noch höher und stellte sich neben Micky. „Immerhin riskierst du keine Tritte, wenn du dich auf diesen Tausch einlässt.
„Das spricht eindeutig dafür, Square Dance den Vorzug zu geben; meinst du nicht?“ Micky hakte sie unter und Chris begann die Calls. Zu Madelines Entsetzen begann er aber nicht mit dem, was sie gerade mit ihm geübt hatte. Sie zögerte, aber Micky schob sie in die Richtung, die sie einschlagen sollte.
Wieder traf ihr Blick auf Chris. Er sah sie herausfordernd an. Da würde sie gewiss nicht kneifen; was dachte er sich dabei?
Kurz darauf flüsterte er mit Tanja, den Blick unentwegt auf Madeline gerichtet. Tanjas Blick wurde immer schadenfroher.
„Du kommst hier nicht mehr weg, Madeline.“ Auch Micky feixte nun. „Tanja heckt etwas aus.“ Er tauschte einen verschwörerischen Blick mit Hinnerk, als sich die beiden Männer gleich darauf die Hände gaben. Als Madeline zur Uhr über der Bar schielte, waren es weit mehr als zehn Minuten, die sie jetzt Micky folgte. Es fühlte sich gar nicht so an. Die Zeit war im Nu verflogen.
Chris spielte ein schnelleres Stück an. Dann stoppte er die CD und kam auf sie zu. „Magst du bis zum Ende der Stunde weitermachen?“
Dass er sie überhaupt fragte, überraschte sie nun doch. Sie suchte nach einem Zeichen von Tanja und als das Mädchen ihr zunickte, war sie einverstanden. Hinnerk machte eine Pantomime des Beifalls; natürlich. Übermütig lachte sie auf, bevor sie sich von Micky erklären ließ, was er jetzt von ihr erwartete.
Dieser Tanz hatte viele schnelle Drehungen und ihr Square erreichte einen neuen Höhepunkt an Albernheiten und Gelächter. Chris stand grinsend vor der Anlage und sang die Calls.
Madeline strahlte ihren Tanzpartner an; dann strahlte sie Hinnerk an und schließlich auch noch Chris. Unfassbar, dass Großpapa eine solche Gruppe in seinem Verein hatte. Es passte so gar nicht zu ihm.




Die Autorin
Annemarie Nikolaus hat Psychologie, Publizistik, Politik und Geschichte studiert und lange als Sozialwissenschaftlerin und Journalistin gearbeitet. Nach fast 20 Jahren in Norditalien lebt sie jetzt mit ihrer Tochter in der Mitte Frankreichs.
Um die Jahrtausendwende begann sie mit dem Schreiben von belletristischen Texten. Nach der Veröffentlichung erster Kurzgeschichten hat sie sich historischen und Fantasy-Romanen zugewandt, mit gelegentlichen Ausflügen in andere Genres. Als leidenschaftliche Geschichtswissenschaftlerin ist es ihr ein großes Vergnügen, vergangene Epochen zum Leben zu erwecken.
Eine ausführliche Biografie steht im deutschen Wikipedia.

Twitter: @AnneNikolaus
Blogs: Werkstatt und Fragmente

Veröffentlichungen:
Kurzgeschichten und Kurzgeschichtensammlungen:
·                           Ustica. Mini-Thriller. E-Book 2011. Taschenbuch 2013
·                           Magische Geschichten. Kindergeschichten. E-Book 2011. Taschenbuch 2012
·                           Verjährt. Historische Kurzkrimis. Taschenbuch und E-Book 2013
·                           Magical Stories. Englische Ausgabe der "Magischen Geschichten". E-Book 2011. Taschenbuch 2012

Romane

·                           Das Feuerpferd. Fantasy-Roman. 2011 als E-Book. 2012 als Taschenbuch.
·                           Leuchtende Hoffnung. Science Fiction-Roman als Adventskalender. Co-Autorin. E-Book 2011. Taschenbuch 2012.
·                           Königliche Republik. Historischer Roman. 2012. Taschenbuch  und E-Book.
·                           Die Enkelin. Quick, quick, slow – Tanzclub Lietzensee. Liebesroman. Taschenbuch und E-Book 2013.
·                           Die Piratin. E-Book 2013


Annemarie Nikolaus, Die Enkelin

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