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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

10. September 2013

Holger Hoyck, 40 Mille



Wenn unverhofft ein Betrag mit 8 (!) Zahlen vor dem Komma auf dem Konto auftaucht, das nennt man mit Fug und Recht eine schwarze Zahl.
Für den Langzeitstudenten Sören ist es der Auslöser für ein furioses Durcheinander, aus dem hier nur drei Fragen ans Licht gezerrt werden sollen: Wie lange kann ein Gouda im Kühlschrank liegen? Kommt in der Geschichte wirklich ein Vulkan vor? Und was sagt Eddie dazu? Wer ist überhaupt Eddie? Ok, das waren vier Fragen.







Leseprobe

Neuer Kontostand: 39.999.561,45 DM

Auf jeden Fall musste es sich um eine Fehlbuchung handeln, und dafür gab es nicht mal Finderlohn.
Das wusste er bereits aus eigener Erfahrung, denn vor zwei Jahren war ihm derartiges schon mal passiert. Da hatte er beim Überfliegen seiner Kontoauszüge festgestellt, dass man ihm erst knapp zweieinhalbtausend Mark überwiesen und nach zwei Tagen wieder storniert hatte. Er hatte sich damals erkundigt, was das denn war, denn auch die zwei-fünf hatten ihn kurzzeitig in ein unbeschreibliches Glücksgefühl versetzt und der Frust war groß, als er zwei Einträge später auf die Stornobuchung stieß. Aber man hatte ihm damals in der Bank erklärt, dass es mit einer an niemals grenzenden Wahrscheinlichkeit vorkam, dass Geld aufs falsche Konto floss und dass die Banken in einem gewissen Zeitraum das Recht (und die Pflicht mein Herr) hätten, dieses Geld ohne vorheriges Einverständnis des Kontoinhabers zurückzubuchen.
Eigentlich hatte er dem damaligen Erlebnis überhaupt zu verdanken, dass er heute bei jedem Besuch einer Bank auch seine Kontoauszüge zog. Er hatte halt seitdem das Bedürfnis, diesen Leuten ein wenig auf die Finger zu sehen, die so gemein waren, einem erst Polsterkissen aufs Konto zu packen und dann - ätsch - gleich wieder unter dem Hintern wegzuziehen.
Er rang nach einem passenden Kraftausdruck. Bankenbonzenschweine oder so, na jedenfalls war es gemein, einen armen Schlucker mit solchen Buchungen quasi zu quälen und um seine Gemütsruhe zu bringen. Wenn er noch lange auf diese Auszüge starrte, würde er noch in katatonische Zuckungen verfallen, Schaum würde vor seinen Mund treten und er würde beginnen, in Zungen zu reden. Die Segelfetischisten vom Nebentisch hätte dann das Vergnügen, nach den Männern in den weißen Kitteln zu rufen. Er würde als lallendes Bündel in einer kleinen Zelle enden und seine Tage damit verbringen die vierzig Millionen kleine weißen Mäuse zu zählen, die alle mit dem Gesicht des Hundert Mark Scheins um ihn herumtanzen und.... wobei ihm einfiel, dass er sich gar nicht sicher war, ob auf dem Hundert Mark Schein ein Gesicht war.
Auf jeden Fall konnte einem ein solch nachgerade grausiger Fund auf dem Kontoauszug richtig den Tag versauen. Na was solls, das Blatt mit dem neuen Kontostand würde er sich aufheben, so ein Haben wäre sicherlich nicht nochmal zu haben - auch in seinen nächsten sechs Leben nicht.
Er überlegte, ob sich nicht ein Weg finden ließ, der ganzen Geschichte etwas Positives abzugewinnen.  Auf jeden Fall konnte er mit Eddie eine Wette um eine Kiste Bier abschließen, dass dieser nicht in der Lage sei, um tausend Mark gerundet den aktuellen Stand seines Girokontos zu erraten. Oder er könnte versuchen, auf der Basis des heutigen Kontostandes eine Kreditkarte zu beantragen, American Express Mastercard Gold oder so ähnlich, oder er könnte seinen Dispo auf dieser Grundlage etwas vergrößern, oder …

„Hallo Sören, was läuft denn hier?! Machst du gerade grande Siesta, oder wie?“
Er zuckte zusammen, als wäre er vom wilden Affen gebissen. Vor ihm stand Vera, eine Studentin der Musikwissenschaften, die er als Tagschichtablösung von der Taxe her kannte. Flüchtig kannte, da sie nur Sonntag Tag fuhr und er nur mit ihr ablöste, wenn er mal ausnahmsweise die darauf folgende Nacht mitnahm, weil da immer ein Wagen zu kriegen war. Neben ihr standen noch zwei Leute, anscheinend eine Freundin und deren Heinz, was er daraus schloss, dass zwischen die beiden keine Mikrobe mehr gepasst hätte.
Das Blut schoss ihm ins Gesicht, zum einen, weil Vera durchaus das Zeug hatte, dass ihm die Ohren glühten. Aber außerdem kam er sich fast so vor, als hätte man ihn gerade dabei ertappt, wie er auf offener Straße ohne Hose herumlief, denn er musste die ganze Zeit wie wahnsinnig auf die Kontoauszüge gestarrt haben.
Er steckte die Auszüge so hastig in die Tasche, als wären Sie ein Original Bekennerbrief der Bewegung 2.Juni und zwang seine Augäpfel wieder in die Höhlen zurück.

„Hallo zurück“ sagte er mit leicht krächzender Stimme und versuchte verzweifelt, die Contenance zu wahren, „was hier läuft? Ich habe keine Ahnung, wo die alle hin wollen, ich sitze jedenfalls schon eine ganze Weile hier und schaue mir das an, man gönnt sich ja sonst nichts.“ Dabei wies er mit großer Geste auf die vor dem Café vorbei eilenden Mitbürger und -konsumenten und dachte gleichzeitig, dass er sich mit diesem Gefasel vermutlich definitiv disqualifiziert hatte. Jedenfalls in Veras Augen, die beiden siamesischen Zwillinge in ihrer Begleitung litten offensichtlich an einem akuten Anfall von Triebstau und waren für akustische Feinheiten nicht zu haben.
Vera allerdings lachte nur und setzte sich dann mit den beiden an den freien Nebentisch direkt neben Sören, also in die 'Her mit den Walnüssen'-Position, die er mit Eddie sonst einnahm. „Was liest du denn da?“, wollte sie zu allem Überfluss noch wissen.
Falsche Frage, falsche Frage, aus dem Stand begannen seine Ohren zu brausen. Das konnte er jetzt keinem Menschen erzählen, das war einfach der ganz falsche Film. Aber sie hatte dermaßen ins Schwarze getroffen, dass es ihm komplett die Sprache verschlug und das war ihm eigentlich unerinnerbar lange nicht mehr vorgekommen.
Mit seinen roten Ohren wäre er in diesem Augenblick wohl in der Lage gewesen, auf jeder halbwegs gut befahrenen Verkehrskreuzung einen kapitalen Verkehrsstau auszulösen.

Die Leere, die sich auf einmal in ihm ausbreitete, wurde so greifbar, dass auf einmal die Bootsdiskussion am Nebentisch abrupt auf Grund lief und sogar die Love-Story an Veras Tisch kurzzeitig ins Stocken geriet.
Die Hosentasche, in die er die Kontoauszüge gestopft hatte, schien sich auszubeulen und er wurde sich mit schmerzhafter Intensität der Tatsache bewusst, dass allen Ernstes sein Unterkiefer begann, leicht debil herunterzuhängen.
Er klappte reflexartig die Zähne mit derartigem Nachdruck zusammen, dass man es knallen hören konnte. Als hätte ein Krokodil gerade gefrühstückt, schoss es ihm durch den Kopf.
Dann war der Moment vorbei und die banale Antwort bahnte sich ihren Weg. „Ach nichts“, sagte er und schon war wieder Ende der Fahnenstange.
Vera guckte jetzt auch etwas irritiert, denn bei ihren letzten Begegnungen hatte er sich durchaus bemüht, ein wenig mit ihr zu parlieren und dabei auch schon durchblicken lassen, dass er sich an eine Verabredung heranpirschte.
Aber im Augenblick war einfach nichts zu wollen und durch seine leergefegten Hirnwindungen pfiff der frostige Wind unheimlicher Blödheit und unsterblicher Blamage.
Um wenigstens in Ansätzen noch als Akteur wahrgenommen zu werden, wandte er sich hastig seinem Cappuccino zu und nahm einen reichlichen Schluck. Damit war das Desaster dann allerdings perfekt. Das Getränk hatte sich in eine klirrend kalte Kloake verwandelt und schon rann die Brühe gluckernd seine Speiseröhre herunter. Zu allem Überfluss hatte er aber auch über seinen monetären Betrachtungen völlig vergessen, das bergbaufachliche Ritual mit dem Schaum durchzuziehen, und nun klebte ihm ein reichlicher Brocken über der Oberlippe, und als Ergebnis seiner ungebührlichen Eile rann auch noch ein Rinnsal am Mundwinkel nach unten.
Vera lachte wieder, ein glockenhelles Lachen, diese Bezeichnung hatte es sich verdient. Sörens Entsetzen über die eigene Darbietung wich großer Erleichterung und Dankbarkeit, denn gleich darauf zog sie praktischerweise ein Papiertaschentuch aus der Jackentasche und tupfte ihm in betörender Direktheit einfach den Schnodder von der Lippe.
„Aber bitte mit Sahne“ sang sie scherzend und schüttelte dabei leicht den Kopf.
Er stimmte in das Lachen ein. „Das muss ein Zeichen sein“, sagte er. „Bitte nicht falsch verstehen, aber ein Mann muss erkennen, wenn es besser gewesen wäre, nicht aufgestanden zu sein. Und er muss dann auch den Mut haben, diesen fatalen Schritt wieder rückgängig zu machen. Ich muss auf der Stelle nach Haus.“ Um wenigstens im Abgang Größe zu zeigen, zog er den losen Zehnmarkschein aus seiner Tasche, warf ihn aus dem Handgelenk auf den Tisch und schritt erhobenen Hauptes davon, leider immer noch mit roten Ohren. Aber die Szene hatte gesessen, zumindest Vera und der angrenzende Segelsportverein schauten sprachlos hinter ihm her.(...)


Rezension folgt ...

 

Über den Autor

Holger Hoyck (Jahrgang 1959) lebt in der Nähe von Göttingen und hat sich erst vor kurzem dem Schreiben zugewandt („da hatte ich schon lange eine Rechnung offen“).
Der Vater von drei Töchtern ist außerdem als Musiker unterwegs – und in der deutsch-indonesischen Band 'Sayur Mayur' für die Texte zuständig.


Holger Hoyck, 40 Mille

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Kommentare:

JamesHenry Burson hat gesagt…

Ha, ha, die Geschichte, ist klasse.
Sie erinnert mich, dass ich nach einem Umzug die Nachricht einer Bank aus dem Postfach fischte.
Sie war an eine Frau Baron - schon der Name - gerichtet und dort hieß es sinngemäß: "Haben wir uns erlaubt, ihrem Konto 123.000.- DM als Zinsertrag, gut zu schreiben. Das Sparguthaben von 1.240.000 wurde wie angewiesen auf das Konto...transferiert..."
Ich bin bald tot umgefallen, ahnte ich (da war ich etwa 20 und Student) doch nicht, dass ein Mensch überhaupt so viel Geld besitzen kann.
Ich gab die Korrespondenz am Schalter ab - mir blutete das Herz, dabei.
Warum konnte ich nicht Baron heißen...
Absolut unterhaltsam, diese Kontogutschrift und die Verwirrung, des "Empfängers" - selten, so gelacht.
Gruß, James

Elsa Rieger hat gesagt…

Hihi, James, danke für die schöne Anekdote, das passt ja super dazu!

LG
ELsa