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16. November 2013

Annette Paul, Ratte Prinz im Weihnachtsbaum



Ich bin Prinz, eine goldfarbene Ratte aus königlichem Geschlecht. Seit ein paar Monaten lebe ich bei Raja und ihrer Familie. Hoffentlich ist Raja tatsächlich die versprochene Prinzessin, die mich erlösen wird. Sie hat mir das Leben gerettet. Weil ich an ihrem Schal aus dem Kanal kletterte, wird sie in ihrer Familie nur noch Rapunzel genannt.
In den letzten Wochen herrscht hier noch mehr Hektik und Lärm als sonst. Was die Geburt eines armen Kindes mit Bergen von Geschenken zu tun hat, verstehe ich nicht. Aber wir Ratten feiern auch kein Weihnachten, deshalb ist für mich alles neu.

Leseprobe

Nikolaustag

Am Abend des 5. Dezember putzen die Kinder wie verrückt ihre Schuhe. Ich kann es gar nicht verstehen, die waren schon vorher sauber. Außerdem laufen sie ständig durch Pfützen und Matsch. Die Arbeit lohnt sich überhaupt nicht. Warum der überraschende Eifer, wo sie sonst nie pingelig sind? Sie bürsten, bis ich mich im Leder spiegeln kann. Natürlich klärt mich niemand über diesen Arbeitsanfall auf. Mich beachtet ja keiner.
Morgens höre ich Schritte im Flur. Um diese Zeit? Hilfe Einbrecher! Die Kinder schlafen tief und niemand wacht von den Geräuschen auf. Deshalb schlüpfe ich todesmutig allein durch die angelehnte Zimmertür und springe die Treppe hinunter. Unten im Flur stehen die Schuhe sauber der Größe nach aufgereiht. In jedem stecken Nüsse, Äpfel, Mandarinen und Schokolade. Und neben jedem Schuh steht ein komischer Schokoladenmann mit einem roten Umhang. Aber einen Dieb entdecke ich nirgends. Alles ist wieder ruhig.
Ich schnuppere an den Geschenken. Soll ich die Schokolade anknabbern? Vielleicht ist sie schlecht und die Kinder werden davon krank. Dann wäre es gut, wenn ich sie davor warnen könnte. Ein Rattenmagen verträgt viel mehr als der eines Menschen. Andererseits verstehen meine Menschen keinen Spaß, wenn ich an ihre Vorräte gehe. Richtig böse wird Nachtigall. Einmal hat sie mit Rapunzel geschimpft, weil wir abwechselnd von einem Apfel abgebissen haben. Sie sagte, Menschen werden krank, wenn sie gemeinsam mit Ratten etwas essen. Nun liegen diese Köstlichkeiten vor mir und mir läuft das Wasser im Maul zusammen. Dann reiße ich mich zusammen. Ich will keinen Ärger bekomme, deshalb verputze ich nur einen kleinen Apfel.
Bevor ich ihn aufgefressen habe, piepsen die ersten Wecker und die Großen stehen auf. Sie beeilen sich. Bei so vielen Kindern müssen sie einen strengen Zeitplan genau einhalten, sonst können die Letzten nicht mehr duschen und Zähne putzen, bevor sie in die Schule gehen. Während Winnetou und Zorro in den beiden Badezimmern planschen, klettere ich die Treppe hoch und lege mich in den Käfig. Kurz darauf klingelt bei Rapunzel und Cäsar der Wecker. Rapunzel ist sofort wach und springt aus dem Bett.
„Nikolaustag! Komm mit, wir schauen, ob wir was bekommen haben.“ Sie schlüpft in ihre Pantoffeln und schüttelt Cäsar. Aber der ist schon wach und steht ebenfalls auf. Zu zweit rennen sie um die Wette zum Eingang. Ich baue mich am Treppengeländer auf und schaue von oben zu, wie sehr sich die Kinder freuen.




„Hm, lecker. Die Schokokringel mag ich. Die gehören zu Weihnachten dazu“, sagt Cäsar. Bevor sie hochkommen, husche ich in meinen Käfig.
„Prinz!“
So streng klingt Rapunzel sonst nie. Ich schaue aus meiner Hütte heraus. Sie hält mir den angeknabberten Apfel vor die Nase.
„Du hast einfach etwas genommen, was dir nicht gehört.“
Soll ich es abstreiten? Sagen, hier gibt es Mäuse? Das glaubt sie mir sicher nicht. „Aber es war doch nur ein Apfel“, gebe ich zu.
„Das ist egal, was es war. Es hat dir nicht gehört. Zur Strafe bekommst du die Nagerstange nicht, die ich besorgt habe!“
Mano man. Die ist wirklich sauer. Sie spricht beim Frühstück nicht mit mir.
„Habt ihr heute turnen?“, frage ich, bekomme aber keine Antwort.
„Hast du deine Hausaufgaben eingepackt?“ – Wieder keine Antwort.
Und selbst, als ich ihr viel Spaß in der Schule wünsche, beachtet sie mich nicht.
Erst als sie aus der Schule zurückkommt, ist sie wieder fröhlich und spricht mit mir. „Der Nikolaus ist sogar in die Schule gekommen.“
„Warum gibt es heute Geschenke? Weihnachten ist doch erst in ein paar Wochen?“, frage ich.
„Heute ist Nikolaustag, da gibt es Nüsse und Süßigkeiten, weil früher ein netter Bischof gelebt hat, der Geschenke verteilt hat.“ Sie ist großzügig und verzeiht mir. Sogar die Nagerstange bekomme ich.


Rezension hier im SALON


Die Autorin

Annette Paul fing vor vielen Jahren, kurz bevor sie zwischen Windeln, Beschwerden der Nachbarn und Brei-von-der-Decke-wischen völlig verblödete, mit dem Schreiben an. Passend zur Lebenssituation natürlich mit Kindergeschichten. Mittlerweile hat der Nachwuchs die Flucht ergriffen. Trotzdem schreibt sie weiterhin Kinder- und Alltagsgeschichten und veröffentlicht sie in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen oder E-Books.
Auf ihrem Blog „Probeschmökern bei Annette Paul“ veröffentlicht sie Leseproben und Kurzgeschichten. Außerdem haben „Rapunzel und die Ratte Prinz“ inzwischen einen eigenen Blog erhalten.


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