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Rezensionen

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25. November 2013

Christiane Suckert, Tausendundeine Stunde



Ein Schuss Ironie, eine kleine Prise Sarkasmus und ordentlich viel Humor, das sind die „Zutaten“ für diesen Roman. Auch wenn man das zu Beginn nicht glauben mag. Denn ehe Juliane, eine Frau Mitte vierzig, noch einmal durchstartet, setzt sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinander und die führt den Leser in die ehemalige DDR. Julianes Ehe stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Wie auch?
Schließlich wurde die Heirat mit Georg angeordnet. Mit dem Tod ihrer kleinen Tochter stirbt auch ihre Ehe. Aber das erkennt Juliane erst durch den Erhalt einer fehlgeleiteten E-Mail. Um auf eigenen Beinen stehen zu können, nimmt sie einen Job in einer Agentur für Erotikgespräche an. Damit betritt sie eine fremde Welt. Und sie bricht ein Tabu, denn sie verliebt sich in einen ihrer Kunden. In ihm glaubt sie einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Allerdings erweist er sich als Fehlbesetzung in einem Mehr-Akter.
Sie findet Trost und Halt bei ihren Freundinnen, die wie Juliane auch, auf der Suche nach dem Einen sind.  Dass dies nicht so einfach ist, zeigt sich an Doris. Denn die Freundin befürchtet, sich in einen Fetischisten verliebt zu haben. Juliane kommt indes zu der Erkenntnis, dass es einfacher ist, aus Götterspeise eine Skulptur zu meißeln, als den ewigen Zustand der Romantik beizubehalten. Das hält sie aber nicht davon ab, sich mit Flo einzulassen. Ist er der Eine?


Leseprobe

Das Smiley auf dem Monitor grinste. Gelb, breit, unverschämt. Georg hatte es aufgeklebt. Als Motivation. Manchmal konnte er nett sein. Und obwohl ich mich weder mit dem Computer und schon gar nicht mit dem Internet anfreunden wollte, machte ich mit Georg einen Crash-Kurs. Nun wusste ich, dass es sich bei RAM nicht um eine neue Boy-Group handelte. Oder, was ich kreativer fand, keine Abkürzung war für die Kreuzung eines russisch-amerikanischen Milch-Woll-Schweins. Georg machte mir auch klar, dass Byte nicht als neues Waschmittel erhältlich wäre. All dieses Wissen nutzte mir nichts. Ich hatte meine erste E-Mail erhalten und diese wollte ich öffnen. Aber so weit vorangeschritten war ich noch nicht. Ich rief Georg auf der Arbeit an. „Sag mal, wie öffne ich eine E-Mail?“, fragte ich zaghaft.
„Wozu musst du das ausgerechnet jetzt wissen? Das erkläre ich dir, wenn du eine Mail bekommen hast.“
„Aber ich habe eine bekommen und die will ich jetzt lesen!“
„Das ist sicher nur eine Begrüßungsmail von unserem Anbieter, also unwichtig. Geh mir da nicht alleine ran. Möglicherweise steckt auch ein Virus dahinter. Ich muss jetzt Schluss machen, bis heute Abend.“
Das war eine klare Anweisung. Ich sollte nicht alleine ran gehen, also klingelte ich bei Mike, dem Nachbarssohn. Kurze Zeit später weihte mich Mike in die wunderbare Welt der elektronischen Post ein. Höchst zufrieden saß ich vor dem Rechner und öffnete meine erste Mail. Mike saß neben mir. „Sie können nichts falsch machen, Frau Leonhardt. Der Rechner macht nur das, was Sie ihm sagen. Klicken Sie schon drauf“, ermutigte er mich.
Ich klickte und die Mail öffnete sich: „Hallo, Joe! Anbei die gewünschte Recherche. Bei Fragen rufe an. Liebe Grüße nach Berlin, Esther.“ Mike schaute mich an: „Sie heißen nicht Joe, oder?“ Ich schüttelte den Kopf. „Vielleicht hat mein Mann Recht und irgendjemand verschickt hier seine Viren. Ich sollte es löschen.“
„Das können Sie doch nicht machen. Wenn bei Ihnen im Briefkastenkasten ein Brief liegt, der für den Nachbarn bestimmt ist, werfen Sie ihn doch auch nicht weg, sondern bringen ihn hin. Ich denke, dass Joe Leonhardt eine ähnliche Adresse wie Sie hat. Vielleicht kommt ein Punkt dazwischen oder ein Minus. Wir probieren es zuerst mit dem Punkt“, entschied er.
Stolz schrieb ich meine erste E-Mail: „Guten Tag, Joe Leonhardt! Falls Sie eine Esther kennen, in Berlin leben und auf wichtige Informationen warten, dann kontaktieren Sie mich bitte. Ich habe eine Mail erhalten, die vermutlich für Sie bestimmt ist. Gruß, Juliane Leonhardt.“ Nun drückte ich auf „senden“. Obwohl das keine großartige Leistung war, fühlte ich mich wie ein Kind, das den ersten Schritt gewagt hatte.
Mike zeigte mir, wie man Mails weiterleitet und verabschiedete sich danach.
Kurz darauf kam Georg nach Hause. Wahrscheinlich hatte er wieder einen anstrengenden Arbeitstag gehabt. Er hatte diesen „Sprich-mich-nicht-an-Blick“. Ich stellte ihm das Abendessen hin und ließ ihn in Ruhe. Eine halbe Stunde später war er gesprächsbereit. „So, jetzt zeige ich dir schnell, wie man E-Mails öffnet.“ Ich lächelte nett und sagte ihm, dass Mike am Nachmittag ganz zufällig da war und dass er es mir erklärt hätte. Georg brubbelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin, wahrscheinlich sah er sich seiner Chance beraubt, mich schulmeisterlich zu belehren. „Ich bin am Computer, ein bissel üben“, rief ich ihm zu und hoffte, dass dieser Joe geantwortet hatte. Das hatte er.
„Guten Abend, Namensvetterin! Ja, ja und ja. Ich kenne eine Esther, lebe in Berlin und warte dringend auf eine Recherche. Schicken Sie mir die Mail bitte zu? Herzlichen Dank, Joe Leonhardt.“
Ich nahm mir meine kurzen Notizen zur Weiterleitung einer Mail zur Hand und antwortete: „Hallo, Joe mit Punkt! Hier kommt, wie versprochen, die fehlgeleitete Nachricht. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Gruß, Juliane Leonhardt.“
Ja war ich noch zu retten? Spätestens mit dem Satz „Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit“ hatte ich signalisiert: So, jetzt haste deine Mail und nun lass mich in Ruhe. Also setzte ich ein PS darunter: „Wäre nett, wenn Sie mir ein kurzes Feedback geben, ob es mit der Weiterleitung der E-Mail geklappt hat.“ Und, damit er nicht glaubte, ich wollte um jeden Preis eine Antwort von ihm haben fügte ich noch hinzu: „Ich bin noch sehr unsicher im Umgang mit dem Internet. Deshalb würde es mich beruhigen, wenn Sie mir eine kurze Info rüberschicken könnten.“ Jetzt denkt er sich, dass ich ein Volldepp bin. Aber es war zu spät, ich hatte bereits auf Senden gedrückt. Endlich hatte sich in meinem Leben etwas ereignet. Eigentlich war es eine Bagatelle. Die Freude über diesen belanglosen Zwischenfall machte mir deutlich, dass mein Leben ziemlich trist war. Joe hatte zurückgeschrieben. „Danke, Juliane ohne Punkt. Hat alles bestens geklappt. Nun kann ich mich an die Arbeit machen. Dankende Grüße aus Berlin, Joe Leonhardt“
Wenige Tage später erhielt ich wieder eine E-Mail, die für Joe bestimmt war.
„Hallo Joe Punkt! Ich leite Ihnen eine E-Mail weiter, die erneut bei mir gelandet ist. Vielleicht ist es wieder eine Recherche, auf die Sie dringend warten. Sind Sie Journalist? Geben Sie mir ein Feedback? Will sicher sein, dass Sie die Mail erhalten haben. Gruß, Juliane ohne Punkt.“
Er antwortete prompt. „Ein freundliches Hallo aus Berlin und vielen Dank. Kein Journalist. Ghostwriter. Grüße, Joe“
„Hallo Joe“, schrieb ich sofort zurück „ da haben wir also nicht nur den selben Familiennamen, wir teilen auch dieselbe Begabung. War lange Zeit Freiberuflerin für die Presse. Hatte eine eigene Kolumne als Stadtreporterin. Interviews, Reportagen und so. War eine schöne Zeit. Gruß, Juliane“
Er schrieb gleich zurück. „Was ist passiert? Sind Ihnen die Einfälle ausgegangen? Sie schreiben es war eine schöne Zeit.“
Joe hatte nicht gegrüßt, also wartete er auf eine Antwort. Das Ganze fing an, mir riesigen Spaß zu machen.
„Einfälle hatte ich genug, aber irgendwie habe ich mich nach dem Fall der Mauer zurückgezogen. Das ist eine lange Geschichte. Vielleicht ergibt sich ja einmal die Gelegenheit und wir treffen uns auf eine Tasse Kaffee, dann erzähle ich sie Ihnen. Sind Sie eigentlich ein akademischer Geisterschreiber?“
Auch ich grüßte nicht und wartete ungeduldig auf seine Beantwortung.
„Das mit der Tasse Kaffee lässt sich bestimmt einmal einrichten. Nein, ich bin kein akademischer Ghostwriter. Ich schreibe Grußreden, letztens wieder einmal eine Laudatio zur Ehrung eines Schauspielers, so was eben.“
„Das stelle ich mir interessant vor. Wie sind Sie denn zu diesem Beruf gekommen?“
„Meine Freundin Esther hat mich drauf gebracht, sie unterstützt mich auch hin und wieder beim Aufspüren interessanter Aufträge.“
„Grüßen Sie unbekannter Weise Esther. Wenn Sie nicht vergessen hätte, den Punkt zu setzen, hätte ich Sie nicht kennen gelernt. Oder reagiert sie dann eifersüchtig? Ich meine, weil Sie mit fremden Frauen mailen.“ Kaum, dass ich es gesendet hatte, ärgerte ich mich darüber. Denn obwohl ich ein Hintertürchen genutzt hatte, lag es auf der Hand. Ich wollte wissen, ob er in einer Beziehung lebte.
Joe hatte meine Frage verstanden und schrieb zurück: „Esther ist eine Freundin, nicht meine Partnerin. Außerdem: Finden Sie, dass ein harmloser Gedankenaustausch ein Grund für Eifersucht ist?“
Der Mann schien gesunde Ansichten zu haben. Ich antwortete ihm, dass es für meinen Mann Grund genug wäre, mir Vorhaltungen zu machen und aus diesem Grund würde ich es ihm gar nicht erst erzählen.
„Hm“, schrieb Joe zurück: „Menschen, die einander festhalten sind Gefangene. Menschen, die loslassen können sind Liebende. Ich lasse mich nicht einengen, denn das führt bei mir unweigerlich zu einem Fiasko. Aber das muss bei Ihnen ja nicht zwangsläufig auch so ein. Sind Sie denn glücklich in Ihrer Ehe?“
Jetzt fing es an, interessant zu werden. Entwickelte sich hier ein Flirt? Ich schrieb „Nein, ich wurde zwangsverheiratet“ zurück. Darauf musste er reagieren.
„Sind Sie Muslimin?“
Ich schmunzelte und schrieb ein ihm ein kurzes „Nein“ zurück.
„Eine andere Erklärung finde ich nicht. Bitte um Aufklärung.“
Jetzt hatte ich ihn. „Dazu fehlt mir im Moment die Zeit, habe gleich einen dringenden Termin. Ein anderes Mal, ja? Liebe Grüße aus dem nahegelegenen Cottbus, Juliane“
Joe schickte mir ein Smiley mit herabhängenden Mundwinkeln und setzte „schade“ dazu. Ich fühlte mich in meine Zeit als Teenager zurückversetzt. Das tat mir gut.

Ich hatte lediglich mit meinem Kleiderschrank einen Termin. Der musste ausgeräumt werden. Georg wollte unser Schlafzimmer renovieren. Als ich den Haufen Sachen auf meinem Bett liegen sah, kam ich zu der festen Überzeugung, dass ich in meinem früheren Leben eine Maus war. All meine Kleidung war in Grau- oder Brauntönen gehalten. Ein Blick in meine Schublade für die Unterwäsche, in der sich etwa drei Dutzend Baumwollschlüpfer, hüfthoch, mit und ohne Blümchen, stapelten und ein weiterer Blick in den Spiegel holten mich in die Realität zurück. Was ich sah, gefiel mir gar nicht. Seit zwanzig Jahren trug ich die gleiche langweilige Frisur. In meinem Kosmetikschrank befanden sich weder Lippenstift, noch Wimperntusche und auch kein Rouge.

Georg saß relaxt im Sessel und las seinen Sportbericht.
„Sag mal, findest du mich langweilig?“
Er schaute kurz zu mir hoch und kräuselte die Stirn. „Wieso?“
„Gefällt es dir, wie ich angezogen bin?“
Er nahm mich flüchtig in Augenschein: „Du bist angezogen wie immer.“
„Eben“, sagte ich etwas gereizt. „Und was ist mit den Haaren?“
„Was soll damit sein? Sei froh dass du noch welche hast.“
Ich war verärgert. Offensichtlich hatte sich Georg an mich ebenso gewöhnt wie an seinen blöden Sessel, der weder vom Stil noch von der Farbe in unser Wohnzimmer passte. „Ich bin am Computer“, sagte ich und ging.
Georg nickte. (...)


Rezension folgt...



Die Autorin
Christiane Suckert wurde 1953 in Berlin geboren. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Seit 2002 lebt sie in Bayern. 

Dass das Schreiben eine abenteuerliche Begebenheit sein kann, entdeckte sie bereits als Kind.  Denn ihre Mutter arbeitete als freischaffende Journalistin und nahm ihre Tochter gelegentlich
mit, wenn sie Interviews mit interessanten Menschen führte. Später, als junge Frau, trat sie in  die Fußstapfen ihrer Mutter und arbeitete als Korrespondentin für ihre Tageszeitung. Ihre berufliche Entwicklung war vielschichtig: Redakteurin, Sekretärin, Köchin, Putzfrau, um einige Stationen zu nennen. Dem Schreiben aber blieb sie treu. So schrieb sie u.a. Kolumnen, Reportagen, Porträts und in jüngster Zeit für das Online-Magazin Suite.101.

„Tausendundeine Stunde“ ist ihr erster Roman.


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