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11. November 2013

Pebby Art, Auf und weg!




Emmas Papa ist abgehauen. 
Und Auf und weg! sind dann auch Emma und ihr lebendig gewordenes Stoffpferdchen Floh. Im Räuberwald sind die beiden gelandet. Doch während Floh hier nach Emmas Papa sucht und zusätzlich noch gerne einen Schatz finden würde, sucht Emma aus einem ganz anderen Grund den Schutz des Waldes auf. Sie versteckt sich dort, denn sie ist sicher, dass auch ihre Mama sie verlassen wird. 
Da haut sie lieber selbst ab.

Unheimlich wird es, als sie bemerken, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich im Räuberwald herumtreiben …




Leseprobe

Wo ist Papa?

„Wo ist Papa?“
Emma reibt sich die Augen. Verschlafen torkelt sie in die Küche. Papa sitzt morgens immer am Küchentisch, immer hinter seiner Zeitung. Und seine braun-verschmierten Nutella-Finger legen sich um den Rand der Zeitungsblätter. Papa liebt Nutella.
Heute steht kein Nutella auf dem Tisch. Kein Nutella klebt an Papas Fingern, denn Papas Finger sind nicht da. Papa fehlt. Nur die Zeitung liegt zusammengefaltet auf dem Tisch. Unbenutzt sieht sie aus, wie Klopapier auf der Rolle.
Mama sitzt am Tisch und lässt Sonnenblumenkerne auf ein Brot mit Honig plumpsen. Der Honig pappt durchs Brot. Das wird wieder eine Schmiererei geben, nachher in der großen Pause. Und die Sonnenblumenkerne pieksen immer im Mund. Hauptsache es ist gesund, sagt Mama immer.
Emma verzieht das Gesicht und fragt noch mal: „Wo ist Papa?“
Endlich schaut Mama auf. Emmas Bauch zieht sich zusammen. Mamas Gesicht sieht so anders aus, so … so ... Emma weiß nicht genau wie. Anders halt.
Und anstatt auf ihre Frage zu antworten, winkt Mama sie zu sich. Emma wird noch mulmiger zumute. Was hat das alles zu bedeuten? Schließlich macht sie drei Schritte auf Mama zu. Dann bleibt sie stehen.
„Emma, jetzt komm mal her.“
Mamas Stimme klingt komisch. Vorsichtig nähert sich Emma. Sie darf sich auf Mamas Schoß setzen. Das kommt selten vor. Schließlich ist sie schon groß, ein Schulkind, da sitzt man nicht mehr auf anderer Leute Beinen, sagt Mama immer. Jetzt darf sie. Das ist seltsam.
„Papa ist weg“, sagt Mama.
Emma versteht nicht.
„Wie ‚weg‘?“, fragt sie.
Mama schluckt. „Er ist ausgezogen.“
Emma sackt zusammen. Das kann nicht stimmen. Nie würde ihr Papa sie verlassen.
„Du lügst!“, schreit Emma und rennt die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Wie kann Mama so etwas Gemeines behaupten?
Emma liegt auf ihrem Bett und weint. Emmas Kissen ist ganz feucht, so als hätte jemand ein ganzes Glas Apfelsaft auf die Bettdecke gegossen. Nur schmeckt es nicht so süß. Und klebrig ist es auch nicht. Aus der Ferne, von der Matratzenecke her, schaut Floh aus mitleidsvollen, dunklen Knopfaugen zu ihr herüber. Dort hat Emma ihn eben achtlos hingeschleudert. Floh ist Emmas Lieblingsstofftier, ein gelb-beiges Pferdchen mit langer, dunkler Mähne und dünnen hellen Streifen, die in der Sonne glitzern. Heute türmt sich die Mähne in einem Wust aus Knoten und Zöpfen an seinem Hals auf. Emma will Friseurin werden, später, wenn sie groß ist. Wenn Emma Kummer hat, kuschelt sie Floh immer ganz fest in ihre Arme. Nur jetzt nicht. Ihr Kummer ist zu groß. Sie hat Floh ganz vergessen.


Mama kommt herein und setzt sich zu Emma aufs Bett. Sie erlaubt ihr sogar, heute zu Hause zu bleiben. Schule schwänzen. Das hat Mama noch nie erlaubt! So furchtbar ist das alles, dass sie Schule schwänzen darf! Das kann nur bedeuten, dass sie ihren Papa nie, nie mehr wiedersehen wird. Und Mama erklärt ihr nicht, warum Papa verschwunden ist und wo er hin ist. Da will Emma auch nicht zu Hause bleiben, und sie packt ihre Schultasche. Vielleicht weiß Lena Rat. Schließlich ist Lena ihre beste Freundin. Jeden Tag gehen sie zusammen zur Schule. Am Ende der Straße unter der großen Kastanie, da treffen sie sich immer – jeden Morgen. 

Ein schrecklicher Vormittag

Lena steht bereits unter der Kastanie. Emma sieht sie schon von weitem. Sie kickt einen Stein hin und her. Typisch Lena, denkt Emma. Lena ist begeisterte Fußballerin und sie kann richtig gut spielen. Oft ist sie die Heldin ihrer Mannschaft. Manchmal kann Emma das gar nicht leiden. Alle reden dann nur noch von Lena. Lena hier, Lena da. Alle umkreisen Lena, alle interessieren sich für Lena. Emma steht dann am Rand. Und sie kriegt Bauchschmerzen. Doch das sagt sie Lena nicht. Lena soll ihre beste Freundin bleiben.
Gleich wird sie Lena alles erzählen. Sie wird auf Lena zugehen und Lena wird sofort merken, dass etwas nicht stimmt. Das ist so bei besten Freundinnen. Mit besorgter Miene wird Lena fragen, was los sei. Und dann wird Emma mit der schockierenden Nachricht herausplatzen: Papa ist weg!
Doch es kommt ganz anders. Lena hatte gestern ein wichtiges Fußballspiel, und als sie jetzt Emma entdeckt, läuft sie ihr jubelnd entgegen. So ein Mist! Lena ist viel zu gut drauf für schlechte Nachrichten.
Und so ist es auch: Lena hat gestern das entscheidende Tor geschossen, erfährt Emma gleich als Erstes. Ein Tor in allerletzter Sekunde. Dabei ist sie vorher noch gefoult worden, ganz böse, und der Schiedsrichter hat nicht gepfiffen, nichts gesehen hat der, sagt Lena. Diese Niete. Doch dann hat Lena sich den Ball zurückerobert und zu einem Superschuss ausgeholt. Lena ist so begeistert, dass sie gar nicht mitkriegt, wie Emma mit hängendem Kopf und hängenden Schultern neben ihr herschlurft.
Und da ist auch schon die Schule. Jetzt ist es eh zu spät. Jetzt braucht Emma Lena nichts von ihrem Kummer erzählen. Jetzt würden alle anderen es mitkriegen, weil sie bestimmt weinen müsste. Wütend tritt Emma gegen einen dicken Stein. Autsch! Auch das noch. Der Stein liegt noch an derselben Stelle, doch Emmas Zeh fühlt sich an, als hätte gerade jemand mit einem Hammer zugehauen. Schon spürt Emma, wie ihr eine Träne die Wange herunterkullert. Weitere Tränen drängeln sich zwischen ihren Wimpern hervor. Schnell wischt Emma sie mit dem Jackenärmel weg.
„Du machst das auch ganz falsch“, sagt Lena, „du musst das mit dem Seitenrist machen. Hier …  so.“
Sie tritt gegen den Stein und er jagt vorwärts, als wäre er ein richtiger Ball. Lena strahlt.
„Ist doch nicht so schlimm“, sagt Lena, als sie in Emmas trauriges Gesicht schaut. Sie legt ihren Arm um Emmas Schulter und zieht sie mit ins Schulgebäude.
Und so kommt es, dass Emma Lena nichts erzählt, auch nicht auf dem Nachhauseweg. Irgendwie fehlen ihr jetzt die Worte. Heute Morgen, da hatte sie sich alles zurechtgelegt. Aber jetzt, jetzt ist es zu spät. Die Worte sind runtergerutscht, tief in ihrem Bauch bilden sie einen Klumpen, der immer größer wird.
Als Emma zuhause ankommt, versucht Mama sie zu trösten, sagt, dass Papa sie besuchen komme und bestimmt könne sie bald mal bei Papa übernachten. Doch Emmas Klumpen im Bauch wird nicht weniger. Er wandert nur manchmal hin und her zwischen Magen und Hals. Besonders weh tut er, wenn er im Hals sitzt. Dann tut jedes Spucke-Hinunterschlucken so weh, als würde jemand ihren Hals würgen. Und natürlich hat sie gerade dann einen ganzen Bottich voll Spucke im Mund.
Papa ist abgehauen. Emmas Tränen laufen hinterher. Nicht mal „Tschüss“ hat er gesagt. Einfach verschwunden ist er. Weggehext, nicht mehr da. Und Emmas Welt ist kaputt. Und das Schlimmste ist, Emma weiß jetzt, warum er gegangen ist. Nicht sofort ist ihr das klar gewesen, doch heute Vormittag hat ihre Lehrerin, Frau Günther, etwas von Frühlingsblumen erzählt. Da ist Emma dieser furchtbare Gedanke durch den Kopf geschossen: Sie, Emma, ist schuld daran, dass Papa nicht mehr da ist. Und das ist so schlimm, das tut mehr weh, als wenn jemand ihre Lieblings-Barbie, die Rapunzel, in den Müll geschmissen hätte. Und für Rapunzel hat sie wochenlang gespart. Und wenn Papa wegen ihr, wegen Emma, abgehauen ist, dann wird er sie nicht sehen wollen. Dann wird sie ihn nie besuchen, nie bei ihm übernachten, nie mehr seine Räubergeschichten hören, nie mehr an ihn gekuschelt bei ihrem Lieblingsfilm „Spirit“ mitfiebern können. Und alles wegen der Schatzsuche und Mamas Blumen und Emmas Trotzkopf.
Emma starrt vor sich hin. Sie hat doch nicht ahnen können, dass es so enden würde. Und dann kommt ihr noch ein Gedanke: Und wenn Mama nun auch …? Sie wagt gar nicht, das zu Ende zu denken. (...)


Rezension folgt...


Die Autorin
Pebby Art liebt humorvolle und spannende Geschichten. Und es begann damals, als sie noch die Grundschule in Ibbenbüren besuchte, dass sie das Schreibfieber packte und sie dazu brachte, ihre Katze in einer Geschichte zu verarbeiten. Etwas später war der Hund ihrer Freundin dran.
Mittlerweile verhilft sie auch fremden Tieren zu liebevollen Charakterzügen, selbst Stofftieren haucht sie Leben ein, so geschehen in „Auf und weg!“
Pebby Art hat ein literaturwissenschaftliches Studium absolviert. Sie ist verheiratet, hat drei Kinder, ein Pferd und eine Katze (zum Bedauern des jüngsten Sprosses und zur Freude der Katze hat sie keinen Hund). 
Und damit das Schreibfieber im Umlauf bleibt und auch der Zeichenstift nicht zu kurz kommt, unterstützt sie als Dozentin Schreib- und Zeichenbegeisterte.

Mehr zur Autorin:

Pebby Art, Auf und weg!
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